Häuser sind Fallen

Von Michael Wiedorn

Flammen toben am Abendhimmel über tropischen Buchten. Ein Sonnenuntergang ist ein Weltuntergang. Um den Fremden schließen sich Mauern aus kalkweißen Eingeborenen. Tote Augen. Die Gesichter röten sich im Himmelsfeuer. Sie wollen ihn holen. Ein Friedhof mit Palmen. Aus der Erde greifen Arme. Sie packen die Beine des Reisenden und ziehen ihn hinab.

Seppi schaltet den Videorekorder aus. Er langweilt sich und blickt aus dem Fenster. Er beobachtet die Straße mit der Zeile cremefarbener Reihenhäuser gegenüber. Sein Elternhaus sieht genauso aus. Die Kramers wollen anscheinend in den Urlaub fahren. Ihr Mercedes ist mit Gepäck überladen. Frau Kramer rennt plötzlich nervös wieder ins Haus zurück. Seppis Eltern sind nach Augsburg gefahren. Was tun an einem Nachmittag in einer Kleinstadt? Es hat zu nieseln aufgehört. Die Dächer glänzen noch. Durch die grauen Wolken dringt helleres Licht. Ihm fällt etwas ein. Er grinst verschmitzt. Er legt sich seinen schwarzen Umhang um und setzt seine elfenbeinweiße Maske auf. Mit Sense in der Hand wäre er der Tod. Er wächst und breitet als Weltenbeherrscher seien Mantel aus. Die Welt gefriert unter dem Dunkel seines Umhanges. Am Himmel leuchtet Seppis fahle Larve als neuer Mond. Er steckt sein Klappmesser ein. Der Maskierte verlässt das Haus. Er verlässt in seiner furchterregenden Aufmachung die Reihenhaussiedlung. Grölendes Gelächter der Jungs an der alten Eiche. Hier treffen sich Seppis´ Klassenkameraden. Der Tod reagiert nicht und geht einfach weiter. „Viele Grüße an Sandra!“ – ruft noch lachend ein Junge. Seppi überquert einen Bach. Auf dem anderen Ufer liegt die Siedlung, in der Sandra wohnt. Er geht auf ihr Haus zu und klingelt. Sie öffnet und lacht bei seinem Anblick. Sie gibt ihm einen Kuss auf die Stirn. Das Mädchen sagt, dass sie heute sturmfreie Bude haben. Ihre Eltern seien fortgefahren. Sie ist etwas angetrunken und schenkt ihm ein Glas Whisky ein. Sie zieht ihr T-Shirt aus und steht mit ihren nackten Brüsten da. Er steht in Maske und Umhang da. Sein Aufzug scheint sie zu amüsieren und anzuregen. Sie reißt ihm den Umhang runter und greift ihm in den Schritt. Er sieht ihr erstaunt zu. Sie kennen sich noch vom Sandkasten. Seppi ist jetzt ein junger Mann – oder sollte es schon sein. Sandra ist schon eine junge Frau. Diese Erwachsene ist ihm fremd. Sandras Mutter steht vor ihm. Sie reibt ihm das Glied, er spürt nichts, nicht einmal die Schlaffheit seines Schwanzes. Nichts. Eine öde, tiefe Leere. So ist es also, wenn einem das Organ amputiert worden ist. Schmerzlos und friedlich. Dieses hinterhältige Biest – denkt er. Ein tiefes Loch im Wald nahe der Siedlung. Umgeben von Tannen und Fichten liegt eine Ausschachtung. Steile, schwarze Wände verlieren sich in eine unabsehbare Tiefe. Oft sah er vom sandigen Rand hinab. Sand löste sich und fiel in den Schacht. Er glaubte im Dunkel ganz tief unten das Funkeln von abgestandenem Wasser zu sehen. Am Rande des Abgrundes riecht es nach Fichten, Tannen und Sand. Der Tod duftet nach Fichten. Er fällt und fällt. Er spürt sich heftige, ruckartige Bewegungen machen. Seine Hand ist nass. Seine Freundin starrt ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Ihr Gesicht ist bleicher als eine Maske. Sie schreit und will von ihm weg. In ihrem Bauch steckt ein Messer. Blut quillt aus ihrem Unterleib. Es ist eine schwere Geburt. Sie schreit und will nicht aufhören zu schreien und starrt ihn entsetzt an. Seppi geht ins Badezimmer und wäscht sich die Hände. Er nimmt die Maske und den Umhang ab. Er ist jetzt wieder ein ganz normaler Junge. Die Schreie sind verstummt. Die Stille ist lähmend. Der Mörder sieht noch ins Zimmer, in dem die Leiche mit geknickten Beinen auf dem Boden liegt. Ihr Gesicht ist zu einer hässlichen Fratze erstarrt. Augen und Mund sind weit aufgerissen. Sie ist jetzt eine groteske Puppe. Der Täter verlässt eilig das Haus, bevor die Stille auch ihn lähmt und gefangen nimmt. Häuser sind Fallen. Er geht einen anderen Weg nach Hause. Flammen am Abendhimmel. Zu Hause angekommen macht er sich ein Nutellabrötchen. Die Zimmerwände sind vom Himmelsfeuer gerötet. In Straßenkleidung legt er sich ins Bett und schläft ein. Mitten in der Nacht wird er durch ein starkes Knallen gegen die Haustüre aufgeschreckt. Jemand will mit Gewalt rein. Der Raum ist von blauflackerndem Licht erfüllt. Von der Straße hört er Stimmen. Fremde vor dem Haus.

© 2021 Michael Wiedorn
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