Unbefugt!

Von Michael Wiedorn

Ich bin schon in das fremde Haus eingedrungen und steige das Treppenhaus hoch. An den weißen Wänden bröckelt an mehreren Stellen der Verputz ab. Unter der brüchigen Farbschicht erscheint die dunkelgraue oder dunkelgrüne Grundierung. Immer irgendwo in Treppenhäusern in Schöneweide, Pankow, Marzahn oder sonst im Osten. Immer wieder Türen. Rot, braun, grau. Mit oder ohne Schuhe auf dem Fußabtreter. Mein Institut befragt nur die östlichen Bezirke von Berlin. Ich erreiche den zweiten Stock und erblicke zum Beispiel eine himmelblaue Wohnungstüre und suche die Klingel mit dem Namensschild und sehe auf diesem etwas Krakeliges – wohl den Familiennamen – aufgeschrieben. Schnell notiere ich ihn. Hier wohnt jemand, der aus seinem Namen kein Geheimnis macht. Nach Beendigung jeder Befragung muss ich vom Befragten den Namen aufnehmen. Viele weigern sich die Personalien anzugeben. Vielleicht wohnen hier Leute, die sich ausquetschen lassen.
Ein Sessel ist umgeworfen. Bücher sind brutal aus den Regalen gerissen worden und liegen teilweise geöffnet mit den Blättern nach unten auf dem Teppich. Hinter dem Sofa ragen zwei leblose Beine hervor. Jemand liegt auf dem Boden in einer roten Pfütze.
Wer hat in den letzten Stunden unbefugt das Haus betreten? Fremde. Hausierer, Bettler, Drücker. Ich klingle. Nichts rührt sich hinter der Türe. Ich höre ein leichtes Streichen hinter der Türe, als würde eine Hand über Holz gleiten. „Wer sind Sie? Was wollen Sie?“ – fragt eine zitternde Altfrauenstimme. Durch den Späher inmitten des Blaus der Türe dürfte mich die vor Angst bibbernde Bewohnerin beobachten. Ein blitzender Schlag auf den Schädel zertrümmert ein zerbrechliches Leben. Sie steht wahrscheinlich auf Zehenspitzen um jede Bewegung des Fremden zu überwachen. Ich bin verdächtig. Ich bin verurteilt. Jeder Häftling muss unter Beobachtung stehen. Mir ist es verwehrt zurückzublicken. Der Gefangene muss aufrecht geradestehen. Sein Blick geradeaus gerichtet in eine unbestimmte Leere. Der Gerechte genießt die Verfügungsgewalt über den Straftäter.
Ich blicke auf das kleine, runde Glas auf der Türfläche und sage irgendwohin ins Leere: Ich heiße so und so und arbeite für dieses und jenes Marktforschungsinstitut. Ich zücke meinen Ausweis, der mich als Mitarbeiter besagten Instituts ausweist und schwenke ihn ratlos in der Luft herum. Ja – Ihre Meinung sei sehr wichtig. Ja – diese Befragung wird bundesweit durchgeführt. Ihre Daten – das sei auch noch ganz wichtig – seien durch eine Datenschutzerklärung gesichert. Haben Sie verstanden? Die Türe schweigt. Sie ist taub und blind. Ich bin dumm. Ich höre nichts. Die Alte hat sich schon längst heimlich ins Wohnzimmer verdrückt. Sie sitzt wohl die Arme ganz fest und verkrampft an den Körper gepresst auf einem Stuhl und horcht und lauscht in die Stille der Wohnung. Ein tödliches Messer schneidet abrupt den Lebensfaden durch. Vielleicht flüstert sie nervös in den Telefonhörer um Hilfe. Die Polizei wird kommen.
Ein Fremder steht vor der Türe. Schwarz und feindlich. Ein Fremder hält sich in der Wohnung auf und sucht mit fahrigen Bewegungen unter den Kissen der Sessel, zwischen der Bettwäsche im Kleiderschrank, zwischen dem Geschirr im Küchenkasten nach den Wertgegenständen der Ermordeten. Man hat mich als Schuldigen festgenommen. Ein Fremder unreiner Herkunft. Die Großmutter zahlreicher Enkel war zu gutmütig für diese Welt. Die Polizei wird zwei Teller mit angebissenem Apfelkuchen und zwei ausgetrunkene Kaffeetassen sicherstellen. Ich stehe vor der Türe und lausche in die Stille.
Ich blicke aus einem Fenster im Treppenhaus auf die Straße und sehe einen Streifenwagen vor dem Haus halten. Niemand steigt aus.
Ich gehe weiter zur nächsten verschlossenen Wohnungstüre. Zu erst lese ich das Namensschild.
„Schmidt“. Zur Namenserfassung, falls es Schwierigkeiten geben sollte, notiere ich mir wieder den Namen. Gewöhnlicher Allerweltsnamen. Der deutsche Michel ragt in die Höhe in speckiger Lederschürze mit gewaltigem Hammer in gewaltigen Pranken. Ein Schmied ist kein Schmidt.
Helmut Schmidt der Bundeskanzler. Arno Schmidt der Schriftsteller. Hinter der Wohnungstüre lärmen Kinder und eine helle Männerstimme spricht etwas. Unten im Erdgeschoss summt es. Die Haustüre öffnet sich. Schritte tönen auf den Fliesen. An der Wohnungstüre vor meiner Nase klappert ein Schlüsselbund und sie öffnet sich. Ein unscheinbarer Mann in mittlerem Alter, mittelgroß mit schütterem, aschblondem Haar blickt mich neugierig an. Überhaupt nicht misstrauisch.
Aus Gründen der Statistik hätte ich hier nicht klingeln dürfen. Nur jeder siebte Haushalt soll kontaktiert werden. Würde der Bewohner einer nichtgemeinten Wohnung etwa bitten oder betteln, sich vor mir auf dem Boden wälzen, mir Goldschätze anbieten, damit ich ihm die Gnade gewähre,

© 2021 Michael Wiedorn
Alle Rechte vorbehalten