Blicken wir vorwärts – immer nur vorwärts!

Von Michael Wiedorn

Die Menschen stellen sich ihm als feindliche Mauer entgegen sagt er. Der Bürger hat vor ihm Angst. Er ist der Fremde meint er. Jahrtausende alte Vorurteile umnebeln ihre Hirne. Bewusstlose Eidechsen aus der dunklen Nacht der Vorzeit. Sie brüten in sumpfigem Schlaf vor sich hin. Wir alle sind dazu verdammt in feuchten, schwarzen Verliesen zu verwesen und durch undurchdringliche Wildnis zu irren. Er stand zwischen Barrieren von den Mitmenschen errichtet. Seine ihm zugewiesene Zukunft erschien ihm wie standardisierte Fabrikabläufe. Die gewöhnliche Masse kann keine Fremden ertragen, die sie turmhoch überragen. Leuchttürme ragen in die Wolken und weisen den Schiffen den Weg. Künstler setzen sich von der Masse ab. Grölend marschiert die Masse mit hässlich verzerrten Fressen im Gleichschritt. Der Klempner greift tief ins Klo und wieder ins Klo. Der fade Bankkaufmann mit Kassenbrillengestell und Fettpolstern im mausgrauen Anzug vertrocknet zwischen Krediten und Zahlungsbefehlen. Robert trägt eine Hornbrille mit dicken, schwarzen Rändern wie sie progressive Intellektuelle tragen. Seinen kahl rasierten Schädel ziert eine Schiebermütze. Er nimmt sie niemals ab. Sie ist ihm als weiteres Organ angewachsen.
Müsste er die Mütze abnehmen, müsste ein Chirurg sie mit einem Skalpell wegoperieren. Udo Lindenberg und Joseph Beuys haben beziehungsweise hatten ihren sie ausmachenden Hut. Nachts schläft er mit seiner Kopfbedeckung und morgens steht er in Unterwäsche und mit Schiebermütze auf dem Hirn vor dem Spiegel und putzt sich die Zähne. Von seinem Hinterkopf hängt ein kümmerlicher Pferdeschwanz herab. Tagsüber trägt er ein abgetragenes, in besseren Tagen elegantes Jackett. Sein weißes Hemd darunter lässt er über die Hose hängen. Er würde sich immer weigern eine Krawatte zu tragen. Er litt schon immer unter der blanken Verachtung durch die Zeitgenossen. Entlassene aus dem Knast oder der Klapse landen nach ihrer Entlassung in der Obdachlosigkeit. Niemand hat ein Recht sich über seine Mitmenschen zu erheben. Alle Menschen sind gleich. Robert glaubt, dass viele ihn interessant finden. Er schreibt Kurzprosa und Gedichte, die er auf Lesebühnen vorträgt. Das Leben in den Großstädten in seiner brutalen Aktualität. Das unmittelbare Hier und Jetzt. Keine Schöngeisterei und keine seelische Nabelschau. Harte, von Empörung bittere Anklageschriften gegen die Kälte und Verrohung unserer Gesellschaft.
Robert lag bewusstlos in einer klirrend kalten Januarnacht auf dem Straßenpflaster. Dreck und Blut. Sie lachten. Schallendes Gelächter. Roberts gesunder, kräftiger Körper schrumpft zusammen und verwandelt sich in einen ausgemergelten Greisinnenkadaver. Eine traurige, böse Geschichte über eine traurige, einsame Rentnerin, deren zwergenhaft winzige Rente ihr nur gestattet sich von Hausstaub und Schmeißfliegen zu ernähren. Robert hält sich eine Greisinnenmaske vors Gesicht. Er spricht maskiert von sich selbst und spricht vom öden Alltag und der Verachtung alter Schachteln durch die sexgeile und ordinäre Gesellschaft. Robert spricht nie von sich und im eigenen Namen. Seht eure Schuld! Seht wie unschuldige Greisinnen an eurer Härte und Kälte zerschellen! Robert ekelt es von sich zu sprechen. Er spricht nur von sich. Über durch ihre Schüchternheit und Seelenzerbrechlichkeit unsichtbare Opfer. Hinter ihren sanften Mondgesichtern lauert die Rachsucht ihres Autors. Penner und entlassene Psychiatriepatienten spuken gespenstisch durch die diffus brüchige Wirklichkeit. Ihre wässrigen Blicke greifen nichts.
Robert ängstigt die unterwerfende Macht stierer Blicke, deren zudringliche Kraft ihm ein Feuer ins Gesicht brennt. Plump fleischige Leiber würgen ihm den Atem ab. Die schwitzenden Muskeln und Fettmassen von Metzgern.
Bei der Lesung sieht Robert vom Text auf und sein wandernder Blick sucht auf den Gesichtern des Publikums Anzeichen von Mitleid und Reue. Er meint, dass die etablierte Literatur mit müßigen Spielchen und Seelenbespiegelungen den bitteren Tatsachen des prosaischen Alltags ausweicht. Grau ist der Alltag. Grau und bitter. Die Worte sollen den Leser mit den bloßen Händen das Straßenpflaster anlangen lassen. Hier steht das Glas Bier. Man kann es packen. Man kann es greifen. Da steckt nichts dahinter. Es gibt keine Geheimnisse. Haben Sie Kafka gelesen? Haben Sie Büchner gelesen? Der Bürger spreizt sich vor Bildungsstolz. Der belesene Gockel spreizt sich, richtet seinen roten Kamm in die Höhe und kräht. Robert sieht keinen Sinn darin sich mit Verflossenem auseinander zu setzen. Er lebt in der grellen Helle der Gegenwart eingeschlossen wie ein ewig Neugeborener. Die Welt beginnt mit der Geburt jedes Menschen von Neuem. Die Vergangenheit ist verstaubt und tot und versinkt immer tiefer in den vermoderten Verliesen des gottlob Vergessenen. Man soll seine Lebenszeit nicht mit Überflüssigem und Nutzlosem vergeuden. Der Massenmensch sucht in seiner erbärmlichen Schwäche Halt in Ammenmärchen und Anweisungen, die ihm sagen, wer er ist und was er zu tun hat. Robert ist der Urheber seiner Härte etwas Bitteres lag. Der Strafgefangene zog sich gehorsam unter den Augen einer Masse wildfremder Zuschauer aus. Die Luft war feucht vom Speichel der opfergeilen Beamten. Staat und Gesellschaft müssen Blutopfer dargebracht werden. Das Objekt bückte sich und bot den lauernden Blicken der Beobachter seinen unterwürfigen Arsch an. Er sah nur auf seine Schuhe, die er eben ausgezogen hatte und ihm war es, als würden sich Tausende hasserfüllter Augen in seinen Körper brennen. Gebückt und am ganzen Leib zitternd zog er seine Unterhose die nackten Beine herab. Sie machten ihn hier zum Schwein. Sie erniedrigten ihn hier zur hilflosen Sau, die der Metzger abstechen wird. Stumm und demütig. Als er vollständig ausgezogen war, knallte ihm ein Schlagstock blitzartig in die Magengrube. Verrückt vor Schmerz brüllte und stürzte er zusammen. Ein explodierender Knall in die Fresse. Der Vater schlug zu, bis das Fleisch aus den aufgerissenen Arschbacken ins Freie blickte. Vaters Gesicht glühte vor Eifer und Freude. Schweine werden geschlachtet. Auf dem Betonboden liegt ein atmendes Schwein in der Lache. Die Beine zappeln vergeblich in der Leere. Die Augen blicken nirgendwohin. Der Tod wird die alles erfassende Leere sein. Der Erzeuger in blutverkrusteter Gummischürze erhebt das Beil. Seine Augen liegen tief in den Höhlen. Ein harter Schlag.
Der Sohn ist jetzt ein lächerlicher Krüppel. Ein blindes Auge blickt und sieht nirgendwohin. Der leere Blick eines Toten. In Bus und Bahn wird man ihm mit schlecht verhohlener Häme Platz anbieten. Ein Frühvergreister. Die Kraft und Unbefangenheit junger und gesunder Körper sind ihm geraubt worden. Er wird als verkrüppelter Bettler auf dem Straßenpflaster kauern und flehentlich die Hand ausstrecken. Ein Unfall hat Waden und Füße weggerissen. Die dünkelhaft kalten Blicke des Richters, des Staatsanwaltes, der Schöffen, der Justizvollzugsbeamten musterten ihn zudringlich, bis sie ihn unter der Kleidung in seiner nackten Hässlichkeit wahrnahmen. Bei der Urteilsverkündung mussten alle aufstehen zur Ehrung des hohen Gerichts. Die hündische Schnauze mit durch das Alter verdorrten Lippen sprach mit eisiger, seltsam hoher Fistelstimme das Urteil. Die von Gleichgültigkeit leblosen Augen waren faulende Schmutzpfützen. Der Greis hätte viel lieber ein Todesurteil ausgesprochen und wäre gerne bei der Urteilsvollstreckung zugegen gewesen. Er war niemand, der selbst Hand anlegt. Er war niemand, der sich die Hände schmutzig macht. Er verurteilte aufs Härteste jede Gewalt. Der Macht des vergreisten Richters war der von jugendlicher Kraft blühende Angeklagte blind ausgeliefert. Der Richter verurteilte den Angeklagten zur unverzüglichen Einschrumpfung und Ausdörrung. Die Justizvollzugsbeamten setzten dem Verurteilten unverzüglich Schröpfköpfe an. Die überwältigende Macht der Vergreisung.
Der überführte Verbrecher will seine Vergangenheit wie ein verschlissenes Hemd ausziehen und sich in ein neues Ich wie in einen neuen Anzug kleiden. Einen Anzug wie ihn solide Geschäftsleute tragen. Vielleicht auch ein Kostüm wie es Künstler zur Schau stellen. Künstler, die schon einen Namen haben, aber doch umstritten sind. Der Richter und der Staatsanwalt werden ihm begegnen, ihn kurz anblicken und in der Kürze des Augenblicks als Mann, der es auf seine Weise auch zu etwas gebracht hat, einschätzen. Ein ernstzunehmender, junger Mann, auch wenn man dessen moderne und etwas zu kühnen Ansichten nicht teilt. Der Häftling wird von seiner Vergangenheit und allem Dreck gereinigt sein. Statt der düsteren Erinnerungen ein klinisch sauberes Weiß im Schädel. Er war bis jetzt eine Wiederkehr seines Vaters. Er versuchte anders als sein Vater zu sein und wurde vom Hass seines Vaters gefangen gehalten. Die Marionette in der Hand des Vaters schlug den Kunden zusammen, nicht Robert. Der Hass des Vaters hat die Gestalt seines Sohnes wie eine willenlose Schachfigur zwischen die rülpsenden und schwitzenden Sträflinge versetzt. Es war nicht Robert, der im Knast saß. Die Gesellschaft und die Väter erschaffen die Kriminellen als ihr hässliches Spiegelbild. Robert liebt den Frieden und die Menschen. Der Mensch ist gut. Die Liebe zum Leben und zum Anderen führen den Menschen zu sich selbst. In seinem Bewusstsein betäubt die Vernunft seine kranken Erinnerungsbilder. Jeder sollte im Hier und Jetzt leben.
Seine Texte kommen ganz aus ihm selbst. Er hatte nie Vorbilder. Er weigert sich sogenannte große Literatur zu bewundern. Dieser Selbstgebärer kennt nicht einmal die Autorennamen, die man kennen sollte. Er gebiert sich selbst aus seinem Herzen.
Einmal in der Woche singt er im Kirchenchor. Ein moderner Chor. Die Mitglieder würden sich weigern düstere Choräle zu singen. Kein Bach, keine Gregorianik soll durch todestrunkene Kathedralen hallen. Nie wieder wird irgendeine mystische Nacht die düsteren Weiten des Kirchenschiffes verfinstern. Kein blutüberströmter Christus soll mit hysterisch zum Himmel verdrehten Augen an irgendeinem Kreuz oder Galgen baumeln. Heiterkeit und Frohsinn!
Gospelsongs und Jazzmessen in weiß übertünchtem, von der milden Sonne der Mitmenschlichkeit aufgeheitertem Gotteshaus. Sie lächeln und lächeln ihre hart erarbeitete Fröhlichkeit in die Welt, damit jeder an das Gute glaube. Schweißperlen treten ihnen auf ihre faltigen, ausgetrockneten Stirnen, um mit der heutigen Zeit mitzuhecheln. Sie fürchten sich zum alten Eisen gezählt zu werden. Frau Pastorin erzählt immer wieder während der Proben zur Auflockerung kleine, ganz unschuldige Witzchen und es besteht dann Veranlassung zu fröhlichem Gelächter. Werdet wie die Kinder! Sie lachen lustig mit Lätzchen umgebunden ohne Wissen von einer belastenden Vergangenheit. Sie leben im Frieden. Glaubt Robert an Gott? Gott ist der Frieden. Gott ist die Behaglichkeit. Jeder kann den Begriff „Gott“ mit anderem Inhalt füllen.
Eine Eisentüre wird lärmend aufgeschlossen werden. Ein riesiger Gefangenenwärter wird die sprengbereite Kampfkraft eines neu eingelieferten Sträflings ins ewige Dunkel der Mauern führen. Die Visage des Neuen wird von einer zertrümmerten Nase und noch roten Schnittwunden entstellt sein. Häftlinge brauchen kein eigenes Gesicht mehr. Sein seit seiner Geburt stetig genährter Hass hat seine blauen Augen zu Metall gehärtet. Sein starrer Blick wird seinen Feind durchdringen und den Leib aufreißen, bis das Gekröse heraushängen wird. Die abgebildeten Gedärme sind blassgelb, flammend rot und faulend grün gefärbt. Man wird den Verbrecher wie einen urzeitlichen Säbelzahntiger von den braven Mittmenschen weg sperren müssen. Sein eisern gestählter Körper wird sich in die Bilder auflösen, die auf seine Haut eintätowiert sind. Ein Adler aus der brennenden, roten Sonne jagt auf hilflos blökende Schafe herab, die auf dem heimtückisch bewegten Mäuschen am zuschlagenden Bizeps zittern und beben. Das Papier des Heftchens löst sich in der Pfütze auf. Robert sieht es als unter seiner Würde so etwas in seine Hand zu nehmen. Er glaubt nicht an Zeichen.
Ein von Dankbarkeit mildes Altfrauengesicht blickt lächelnd vom Rollstuhl zu Robert auf. Er hat in seinem Leben endlich den richtigen Weg eingeschlagen. Sein Gesicht ist heute so flach und leer von allem Ausdruck wie die Gesichter von Säuglingen. Robert hat seine Vergangenheit vergessen und ist heute trotz unzähliger, geschwätziger Worte stumm.

© 2021 Michael Wiedorn
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