Ein schwieriger Fall

Von Johannes Morschl

Was ich heute lese, ist der reinste Mist. Ist mir aber schnurzegal, bin heute sowieso äußerst übler Laune. Merkte dies schon morgens beim Aufwachen im Bett. Überlegte, ob ich überhaupt an der heutigen offenen Lesebühne hier im Dodo teilnehmen soll. Dachte mir aber dann, warum nicht? Wenn ich besser gelaunt bin, lese ich ja auch nur Mist. Ist sowieso alles Mist, was ich schreibe. „Warum liest er dann überhaupt“, wird man sich fragen, „wenn er glaubt, dass es sowieso nur Mist ist, was er schreibt?“ Weigere mich jedoch, darauf einzugehen. Man kann ja rausgehen, wenn ich lese. Macht mir nichts aus, auch vor leeren Sitzbänken und Stühlen zu lesen. Die sind geduldig, gähnen nicht und schlafen nicht ein, wenn ich lese. Gehen auch nicht mitten in der Lesung in den Tresenraum, um zu rauchen. Ich höre immer aufmerksam zu, wenn jemand liest, selbst wenn ich den Text todlangweilig finde. Ist ein andressierter Höflichkeitsmasochismus von mir, den ich in meiner Heimatstadt Wien erworben habe. Da wurde mir von Kindheit an eingebläut, sei immer nett und höflich zu den Leuten. Ist auf Dauer kaum auszuhalten, immer nett und höflich zu sein. Da stauen sich Aggressionen in einem auf. Die müssen irgendwann raus, sonst zerplatzt man oder bringt sich um. Kein Wunder, dass die Selbstmordrate in Wien so hoch und der Alkoholismus dort so stark verbreitet ist. Halte Lesebühnen ja auch nur aus, wenn ich einige Biere trinke. Würde es sonst nicht ertragen, was man sich da manchmal anhören muss. Würde mir aber auch nicht anders ergehen, wenn ich Zuhörer meines eigenen Mists sein müsste. Würde da noch viel mehr trinken, um das auszuhalten. Würde mir jedoch zu teuer werden, lese deshalb meinen Mist lieber selbst.

Man ist ja als Lesender Täter, und das geduldig zuhörende und am Schluss immer applaudierende Publikum macht sich der Mittäterschaft schuldig. Warum pfeift und buht es nicht, oder ruft „Aufhören!“, wenn ihm ein Text nicht gefällt? Wäre ehrlicher, als immer nur zu applaudieren. Man applaudiert ja sogar bei mir. Wahrscheinlich applaudiert man bei mir, weil ich ein alter Mann bin und so depressiv aussehe. Könnte ja der Großvater von einigen der hier Anwesenden sein, der depressive trinkende Opa. Vielleicht will man mir mit dem Applaus etwas Gutes tun. Vielleicht handelt es sich um ein kollektives Helfer-Syndrom des Publikums. Vielleicht denkt man: „Der arme Alte, nicht dass er sich am Nachhauseweg vor die einfahrende U-Bahn wirft, weil wir nicht oder zu wenig applaudiert haben.“ Habe ja manchmal tatsächlich Selbstmordgedanken. Wäre ja nicht der erste Schriftsteller, der Selbstmord begeht. Ist ja das reinste Hundeleben, das man als Schriftsteller führt, vor allem wenn man sein Leben lang unbekannt bleibt und bei keinem Verlag unterkommt, weil man keine normalen Geschichten schreibt, sondern nur verrücktes Zeug, das niemand lesen will. Man befindet sich ja außerhalb des literarischen Mainstreams, man ist ja ein verkanntes Genie. Ja, ja, ich sehe es euch geradezu an, was ihr jetzt denkt: „Bitte nicht schon wieder die Nummer vom verkannten Genie! Es ist nur peinlich, dass sich der Alte für so großartig hält.“ Gebe zu, da ist etwas dran. Befinde mich manchmal ganz oben in der Höh, der große einsame Verkannte, der erst nach seinem Tod berühmt werden wird. Aber mir bekommt die dünne Luft so hoch da oben nicht. Es folgt dann immer der Absturz, wo ich nur noch sagen kann: „Am liebsten wäre ich nicht geboren worden.“ Da höre ich eine Stimme, jedoch nicht aus dem Publikum, sondern in mir selbst: „Das kennt man ja schon, dass du am liebsten nicht geboren worden wärst. Das kommt ja in jedem deiner Texte vor. Das schreibst du ja sogar ins Anschreiben zu deiner jährlichen Steuererklärung fürs Finanzamt.“

Wer wagt es, so etwas zu sagen? Das kann nur mein innerer Kritiker sein, der mich fertig machen will, dem es Spaß macht, mich herunterzuputzen. Wenn ich dem nachts auf der Straße begegnen würde, dann würde ich ihm die Fresse polieren. Geht aber nicht, denn der sitzt in mir drin, hat es sich in meinem Oberstübchen bequem gemacht. Da müsste ich mir selbst die Fresse polieren. In so einem Stadium befinde ich mich zum Glück noch nicht, denn sonst würde ich jeden Tag mit zwei, nein drei blauen Augen herumlaufen. Man wird fragen: „Wieso mit drei blauen Augen? Wie soll das gehen?“ Meine Antwort: „Ach, das ist so eine sentimentale Reminiszenz an den wunderbaren Wiener Antiwiener Georg Kreisler und sein Lied Das Mädchen mit den drei blauen Augen.“ Man wird einwenden: „Aber du bist kein Mädchen, sondern ein alter Mann, und riechst auch nicht so frisch wie ein Mädchen, sondern riechst nach altem Mann.“ Meine Antwort: „Wer weiß, vielleicht steckt auch in einem alten Mann wie mir ein Mädchen, Geruch hin oder her.“ „Und welches Mädchen soll das sein?“, wird man fragen. Meine Antwort: „Auf jeden Fall ein renitentes Mädchen, wenn auch ein über 70-Jähriges.“ „Soll man jetzt statt Johannes Johanna zu dir sagen?“, wird man fragen. Meine Antwort: „Warum nicht? Die unheilige Johanna der Schlachthöfe oder besser gesagt der Lesebühnen, das wär doch was.“ „Aber Lesebühnen sind keine Schlachthöfe“, wird man einwenden. Meine Antwort: „Na, da bin ich mir nicht so sicher.“ Es folgt die Frage: „Und wer wird da geschlachtet?“ Meine Antwort: „Geschlachtet wird da in einem übertragenen Sinne, wenn man in Privatgesprächen nach einer Lesung über einen Autor oder eine Autorin herzieht, und dies durchaus nicht immer zu unrecht.“ Frage: „Kennst du denn jemanden, der so etwas macht?“ Auf diese Frage verweigere ich die Antwort, denn sonst müsste ich mich selbst denunzieren, und ich bin ja schließlich kein Denunziant.

Wie man aus dem Gesagten ersehen kann, bestehe ich aus einem Mehr-Personen-Haushalt. Da gibt es den übelgelaunten Autor, der glaubt, dass es sowieso nur Mist ist, was er schreibt, aber dennoch immer wieder an offenen Lesebühnen teilnimmt. Dann gibt es den von Wien Geprägten, den immer Netten und Höflichen, in dem sich aber vor lauter Nettigkeit und Höflichkeit ein Berg von Aggressionen aufgestaut hat. Dann den Trinker, der ohne Alkohol keine Lesebühne aushält. Dann den depressiven Alten, den das Publikum mittels Applaus vom Selbstmord abzuhalten versucht. Dann den Größenwahnsinnigen, der sich einbildet, ein verkanntes Genie zu sein. Dann den inneren Kritiker, der das angebliche Genie herunterputzt. Und schließlich noch das renitente alte Mädchen, die unheilige Johanna der Schlachthöfe, deren Schlachthöfe die Lesebühnen sind. „Da hast du ja eine nette Gruppendynamik in dir, mit der du klar kommen musst“, wird man sagen. „Da ist es auch kein Wunder, dass du so viel säufst. Da kann man ja nur saufen, um das auszuhalten. In deiner Haut möchte man nicht stecken.“ Meine Antwort: „Ich stecke aber nun mal in meiner Haut, und zwar lebenslänglich und ohne Ausweg.“

So, nach dieser noch sehr verharmlosenden Selbstdarstellung höre ich auf. Ich will euch ja nicht den Abend verderben. Erwarte selbstverständlich therapeutischen Applaus, damit ich nicht am Nachhauseweg mit dem Kopf voran gegen den nächstbesten Laternenpfahl renne. Wenn nach der Lesung in Privatgesprächen über heute aufgetretene Autorinnen und Autoren gelästert wird, verbitte ich mir zumindest eines: Über alle darf gelästert werden, gerne auch über mich, ja ich wäre direkt beleidigt, wenn man nicht über mich lästern würde. Nur über eine Person darf nicht gelästert werden. Ich sage nur Schopenhauer. Die Eingeweihten werden wissen, wen ich damit meine.

Schopenhauer, – Quatsch! -, ich meine natürlich Rolf, bringst du mir bitte ein großes Bier vom Fass?

© 2021 Johannes Morschl
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