Ein verkanntes Genie

Von Johannes Morschl

Wir verkommen langsam, wollen nicht wahrhaben, dass es dem letzten Stündlein zugeht, wollen nicht die immer tiefer werdenden Furchen in unserem Gesicht wahrhaben, die der Zahn der Zeit hinterlassen hat. Die Haut ist welk geworden, man sieht und hört nicht mehr so gut, Müdigkeit hat sich in die Knochen geschlichen, Lebensmüdigkeit. Man möchte schnell und schmerzlos verschwinden. Auf der Straße sind wir auch nicht mehr der Schnellste, nur der gute alte Schwanz ist noch einigermaßen intakt, man hat noch seine sexuellen Bedürfnisse, zumindest ab und zu mal. Doch welche Frau möchte sich auf so einen Alten wie uns einlassen, der noch dazu einer dieser Hungerkünstler ist, nie Geld hat, sich aber einbildet, ein verkanntes Genie zu sein, und damit lockt, dass eine Frau, falls sich noch eine auf ihn einlassen sollte, nach seinem Tod von seinem Genie profitieren würde, weil er wie so manches Genie erst nach seinem Tod berühmt werden würde. Aber diese Aussicht scheint den Frauen zu ungewiss zu sein, um sich auf so einen von heute auf morgen zum Pflegefall werden könnenden Alten wie uns einzulassen. Holten uns in den letzten Jahren nur noch Abfuhren ein, ja böse Abfuhren holten wir uns ein. Eine Altpunkerin mit knallgrün gefärbtem Haar nannte uns Tattergreislustmolch, was wir als eine äußerst bemerkenswerte Wortschöpfung anerkennen mussten. Wir hatten uns sogar überlegt, Tattergreislustmolch zu unserem Künstlernamen zu machen und uns bei Lesungen nur noch als Tattergreislustmolch vorzustellen.

Aber man täuscht sich ja im Alter über sich selbst, fühlt sich viel jünger, als man ist, hat ein geschöntes Bild von sich. Nur wenn man sich im Spiegel erblickt, ist man kurz schockiert und entmutigt, vergisst jedoch das Spiegelbild gleich wieder, da man ja größenwahnsinnig ist, sich zeitlos fühlt, man ist ja das lebende Denkmal seiner selbst. Und nach dem Tod würde man ganz sicher entdeckt werden. Die Verlage würden sich um all die bisher noch nie veröffentlichten Texte, die sich in der Wohnung des verstorbenen und zu Lebzeiten verkannten Genies stapeln, nur so reißen. Na, und die Frau, die dann die einzige Hinterbliebene wäre, könnte kräftig absahnen, denn wir würden ihr unser gesamtes schriftstellerisches Werk hinterlassen. Nach unserem Tod könnte sie frei darüber verfügen, könnte damit die dicke Kohle machen und sich einen jungen Lover zulegen. Uns würde das nicht mehr jucken, wenn wir uns im Totenreich befinden. Würden uns das in aller Ruhe aus dem Totenreich angucken, würden vielleicht sogar Mitleid mit dem jungen Lover bekommen, würden denken: „Der arme Junge, jetzt zappelt er in ihrem Netz. Sie wird ihn aussaugen, ja ganz und gar aussaugen wird sie ihn, bis der arme Junge nur noch wie ein bleiches Gespenst aussieht.“

Doch was sollen solche Phantastereien? Wir werden keine Frau mehr finden, können uns von unserer kargen Rente nicht einmal eine preisgünstige Dame aus dem Sexgewerbe leisten. Sind bis zum Lebensende zur Onanie verurteilt, sofern unser Schwanz überhaupt solange mitspielt und nicht schon lange vorher nur noch schlaff herumhängt. Wir erinnern uns wehmütig an die gute alte Zeit, als unser Schwanz noch jederzeit bereit war, außer vielleicht, wenn wir zu viel gesoffen hatten, aber das kam ja nicht jeden Tag vor. Wir trinken durchaus ganz gerne mal einen, aber nicht jeden Tag, und seit wir an Lesungen teilnehmen, trinken wir nur noch bei Lesungen, weil wir da immer so schrecklich aufgeregt sind, ob wir es wieder schaffen würden, den langweiligsten Auftritt von allen dort Lesenden hinzubekommen. Wir geben uns ja beim Lesen immer die allergrößte Mühe, das Publikum mit einer geballten Ladung von Langeweile zu paralysieren. Das muss man ja erst einmal können, derart lähmend langweilig zu sein. Das kann nicht jeder. Zunächst einmal muss man einen extrem langweiligen Text schreiben. Das ist gar nicht so einfach, wie man denken würde. Es ist viel einfacher, einen einigermaßen interessanten Text zu schreiben, als einen extrem langweiligen. Im Grunde genommen ist der Text aber zweitrangig, entscheidender ist der Vortrag des Textes. Hierbei muss man darauf achten, möglichst monoton und leise zu lesen, sodass man es gerade noch hören kann. Erstaunlicherweise bekommen wir manchmal sogar Applaus, wahrscheinlich von den Masochisten im Publikum, oder weil man ganz einfach froh ist, dass wir endlich mit dem Lesen fertig sind, vielleicht aber auch, weil man denkt, wer so etwas Langweiliges schreiben und derart langweilig vortragen kann, ist schon wieder genial, denn langweiliger geht es ja nun wirklich nicht mehr.

Natürlich gibt es da immer auch den einen oder anderen Oberschlauen, der über uns lästert. Es gibt ja so Oberschlaue mit primitiven Psychologie-Kenntnissen, die bei anderen immer etwas zu durchschauen glauben, aber bei sich selbst nichts durchschauen. Das sind in der Regel Leute, die niemals mit ihren Eltern ins Reine gekommen sind, in den Schrecken ihrer Kindheit steckengeblieben sind und sich von Gewalt und Katastrophen angezogen fühlen. Nebenbei gesagt: Bei den Deutschen gab es schon immer einen Hang zu Gewalt und Katastrophen. Wir sind ja ein Zugereister, ein Emigrant aus Wien. Dort hat man zwar auch einen Hang zum Untergang, aber bittschön einen gemütlichen Untergang im Kaffeehaus oder beim Heurigen. Und während des Untergangs singt man ein berühmtes Lied von Hans Moser, das kurz zusammengefasst lautet: „I muaß im frühern Lebn eine Reblaus gwesen sein, und wonn i stirb, möcht ich a Reblaus wieda werdn.“ Leben zwar bereits seit über vierzig Jahren beim ehemaligen preußischen Erzfeind in Berlin, aber man bleibt auch in Berlin ein Wiener. Man ist als Wiener nicht integrierbar, zumindest was unsere Person betrifft. Nein, nein, wir waren in unserm frühern Leben in Wien keine Reblaus, waren aber Kaffeehausrevolutionär. Revolutionen finden in Wien nur im Kaffeehaus statt, die Welt außerhalb des Kaffeehauses bleibt davon unberührt. Wir sind jedoch nach wie vor renitent, unsere Auftritte sollen alles in Langeweile erstarren lassen, das Publikum soll vergeblich gegen das Einschlafen ankämpfen, soll zu schnarchen beginnen, ja wenn das ganze Publikum zu schnarchen begänne, wäre das ein Triumph für uns, die letzte Bestätigung unserer Genialität. Leider ist es aber noch nie so weit gekommen.

Man ist ja an gepflegte Langeweile bei Leseveranstaltungen gewöhnt, aber nicht an eine so aufdringlich tödliche Langeweile, wie wir sie bei unseren Auftritten verbreiten. „Nur net hudln!“, lautet unser altvertrautes Wiener Motto, auf Hochdeutsch übersetzt: „Nur nichts überstürzen!“ Das beginnt schon mit dem mühsamen unwilligen Aufstehen aus dem Bett so um die Mittagszeit herum, nur net hudln, der Tag ist noch lang, viel zu lang. Wir sind uns der tödlichen Langeweile unserer Texte und unseres Vortrags durchaus bewusst, sind uns auch bewusst, darin nahezu konkurrenzlos zu sein, obwohl wir es manchmal mit harter Konkurrenz zu tun haben. Von so manchen aus dem Publikum werden wir sogar wegen des von uns immer wieder in Kauf genommenen Scheiterns auf offener Bühne bewundert. Bei solch einer Bewunderung könnte man größenwahnsinnig werden. Das spornt einen an, noch langweiliger als bisher zu werden, auch wenn das eigentlich kaum mehr geht. Verdienen aber nichts damit, haben noch nie auch nur einen Cent für einen unserer unübertrefflich langweiligen Auftritte bekommen. Wären sowieso unbezahlbar, wenn man uns eine Gage für unsere Auftritte anbieten würde. Allein schon der Stress, ein Publikum ertragen zu müssen, das einen nicht erträgt, weil man alles dafür tut, dass es einen nicht erträgt, ist kaum auszuhalten. Dafür müsste es noch zusätzlich eine Extrazulage geben.

Aber man ist und bleibt ein armer Hund. Ja, nach dem Tod, da wird man berühmt werden, wird von anderen nachgeahmt werden, sie werden jedoch nie an diese tödlich lähmende Langeweile, wie wir sie bei unseren Auftritten verbreiten, herankommen. Na, und die Frau, falls wir vor unserem Tod doch noch eine abbekommen sollten, würde nach unserem Tod dicke von unseren vielen langweiligen Texten profitieren, da die Verlage sich nur so darum reißen würden. Sie könnte sich dann problemlos einen langweiligen jungen Lover leisten und mit ihm langweiligen Sex machen, und wir würden beim Zugucken aus dem Totenreich vor Langeweile einschlafen.

Hallo, aufwachen, Leute! Wir sind endlich fertig, ihr seid von uns erlöst.

© 2021 Johannes Morschl
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