Ich erblicke mich im Spiegel

Von Michael Wiedorn

„War heute viel los?“ – fragt der Herr an der Theke. Der Barkeeper, ein blonder Mann, nicht mehr ganz jung, blickt dem Gast mißtrauisch in die Augen. „Heute ist Montag. Da ist bei uns nie viel los.“ Der Barkeeper legt keinen Wert auf Gespräche mit seinen Gästen. Warum unterhält sich der Herr nicht mit der jungen Dame, die mit ihm zusammen gekommen ist? Langes, rotes Haar.
Rothaarige stoßen den Angestellten eigentlich ab. Beide Gäste sind erheblich jünger als er selbst. Sie sind knapp über dreißig. Die Frau trägt ein rotes Kleid. Ihre bleiche Haut. Sie ist ein keltischer Typ. Häßliche, sommersprossige, rothaarige Schulkinder in ihren korrekten Schuluniformen. „Habe ich neulich in einer Illustrierten gelesen. Saftig grüne Wiesen und immer regnet es“ – fällt dem Kellner ein. Die junge Frau hier in der Bar ist kühl distanziert. Sie ist kalt. Ihre fast strahlend weiße Haut ist ein Überzug aus Frost. Diese Distanz. Eine blendend weiße Göttin auf dem Podest. Der Barkeeper denkt, ob ein heftiger Schlag ins Gesicht ihr das Blut heraus triebe. „Ihr Partner beobachtet mich“ – denkt der Bedienende. „Er belauert mich. Ein gut aussehender, junger Mann, den die Frauen lieben. Elegant angezogen. Scharf geschnittenes Gesicht. Teuren Hut, Krawatte, Anzug. Die Beiden haben den ganzen Laden im Blick. Die Augen des jungen Mannes folgen jeder meiner Bewegungen. Die Beiden unterhalten sich garnicht miteinander. Nur ihr schweigender Blick schweift über die Wände und Möbel der Bar. Niemand und nichts kann ihrem Blick entgehen. Ich spüre ihre Unruhe, die sie sich nicht anmerken lassen wollen. Nichts falsch machen! Nur ruhig bleiben! Außer den Beiden und mir sitzt noch ein Mann mittleren Alters auch in Hut und Anzug an der anderen Seite der Theke. Grobe Gesichtszüge. Er ist Stammgast und kommt immer kurz vor Ladenschluss. Er brütet immer alleine vor sich hin. Starrt vor sich hin und kippt einen Whisky nach dem Anderen in sich hinein. Er ist einsam. Sicher ist er einsam. Eine stabile Festung nur für sich alleine. Er läßt den ganzen Tag an sich vorbei ziehen. Er bestellt einen neuen Drink, in dem er nur wortlos das Glas erhebt und mich dabei eindringlich anstarrt. Wenn er sich spät in der Nacht erhebt um nach Hause zu gehen und zu zahlen und plötzlich mit seinem Baß etwas brummt, erschrecke ich immer, als wenn eine Schaufensterpuppe anhebt zu sprechen. Um Gottes Willen darf man ihn nicht ansprechen – denke ich mir immer. Ein Mann für sich, der selbst weiß, was er will. Die Bar ist überstrahlt von hellen Leuchtröhren. Die Straße draußen ist in tiefstes Dunkel getaucht. Einsamkeit und Düsternis. Das Licht hier drinnen ist kalt und stellt jeden hier drinnen in klarster Deutlichkeit und Hässlichkeit bloß. In den Läden in dieser Straße liegen keine Waren mehr aus und die Schaufensterpuppen verstauben. Sie alle machen hier pleite. Die Rothaarige in ihrem roten Kleid stelle ich mir zu einer gut erhaltenen Leiche erstarrt vor. Man stellt sie in ein leeres Schaufenster und wagt es sie auf ihre geschminkten Lippen zu küssen. Frost gefriert meinen Mund und läßt meinen ganzen Körper versteifen. Ihr Begleiter blickt mich mißtrauisch an. Vielleicht ballt er die Faust? „Vor einer Woche ist in einer Nebenstraße gleich in der Nähe eine junge Frau zum letzten Mal gesehen worden. Sie ist als vermißt gemeldet“ – höre ich ihn sprechen. Er starrt mich an und beobachtet meine Miene und meine Gesten. Ich spüle ein Glas und kämpfe mit dem Tuch gegen die Hartnäckigkeit eines Flecken. „Die meisten Läden in dieser Straße sind nicht vermietet. Einige sind mit Brettern vernagelt“ – sage ich. Die Beiden sind Bullen. „Vielleicht ist sie verreist oder hat eine Liebschaft“ – sage ich vor mich hin und merke garnicht, daß ich laut spreche. Die Frau starrt mich zornig an und läßt die Luft in der Bar zu Eis verhärten. Im undurchdringlichen Schwarz draußen wird man leicht verschluckt und taucht nie wieder auf. Unter den Asphalt unter der Erde. Wir sind hier in strahlender Helligkeit nicht verloren. Draußen breitet sich die Nacht aus und man verliert sich in der unüberschaubaren Masse der Straßen. Die Stadt ist lichtlos und groß und die Welt dehnt sich ins Unendliche aus. In der Mitte eines Labyrinthes tobt ein wildes Tier. Bei Geschäftsschluß wird mein Herz beim Lichterausschalten und beim Türenabschließen pochen. Ich muß dann hinaus, raus ins Unübersichtliche und Wirre. Ich blicke in den Spiegel. Der andere Gast – der immer stumme Stammgast – erhebt tonlos sein Glas und schaut mich erwartungsvoll aus seinen glasigen, stumpfen Augen an. Er ist ein trauriges, besoffenes Tier, das bei Eintritt in die Bar seine Tiergestalt abgestreift und sich als Mensch maskiert hat. Sein Hut sitzt schief. Seine Augen sind klein und erinnern an Schweinsaugen. Er kneift seinen Mund verkrampft zusammen, als hätte er Mühe ihn nicht schlaff herunter hängen zu lassen. Seine Haltung ist gewollt aufrecht, als würde er seine ganze Willenskraft zusammen nehmen gegen die schleichende Müdigkeit des Suffs. In mir spüre ich Verachtung ihm gegenüber. Das Licht stellt ihn bloß. Im Spiegel erblicke ich meine Gestalt, die sich müde aufrecht hält. Ein trauriger, alter Mann mit immer der selben Charaktermaske, die jeden Abend und jeden Abend seine gähnende Leere versteckt. Eine traurige, vereinsamte Kreatur, die nicht wortkarg ist oder schweigsam, sondern ganz einfach nicht sprechen kann. Ein hilflos brüllender Ochse. Ein Tier aus dem dunklen Wirrwarr eines Waldes hält sich an der Theke fest, hebt das Glas und wird gleich rülpsend und gierig den Whisky aus der Tränke schlürfen. Das arme Rind wird später traurig und abgetrennt von allem Getier einsam durch die Straßen irren und nie irgendwo ankommen. Ich fülle das Glas des Bedauernswerten und stelle es vor ihn hin. Er prostet mir zu und sein Gesicht versucht mir zuzulächeln. Seine Oberlippen erheben sich etwas und lassen seine Zähne sehen.
Seine Gesichtsmuskeln zucken leicht angestrengt und sacken gleich zusammen. Hätte ich ihn, seit er uns mit seinen allabendlichen Besuchen beehrt, angesprochen, wäre sein sein ganzes Leben aufgestautes und wortloses Leiden auf mich nieder geprasselt. Sein ganzes Lebenselend. Der frühkindliche Verlust der Eltern, der Betrug seiner Frau, Gefängnisaufenthalt, Obdachlosigkeit. Geistige und seelische Obdachlosigkeit. Der Verkehr zwischen den Menschen klappt, solange sie voreinander Masken tragen und sich nicht ihr krankes, wundes Fleisch vor die Nase halten. Dieser Abend hat es gezeigt. Der Mann steht mit seinem gefüllten Whiskyglas da, setzt sich nicht wie sonst, sondern steht da und glotzt mich an. „Is was?“ – höre ich. Seine Schweinsaugen funkeln böse. Er spürt selbst, daß er vor mir sein Gesicht verloren hat. Seine Augen blitzen – erhitzt vom Whisky und rachsüchtigem Zorn. Ein vor Gier heißer Stier reißt den starren, weißen Körper einer Rothaarigen auf. Ein Messer liegt in meiner feuchten Hand. Ich bin starr vor Angst und heil und unversehrt. Ich höre die Stimme des Barkeepers, die den Betrunkenen der Gaststätte verweist und ihm klar macht, daß sein künftiger Besuch nicht erwünscht sei. Der Mann verläßt, nachdem er das Glas ausgetrunken hat, widerspruchslos die Bar. Das Paar an der Theke steht ebenfalls auf, als hätten sie auf den Aufbruch des Betrunkenen gewartet. Der junge Mann bezahlt und beide verabschieden sich. Sie haben den Zorn des Besoffenen gesehen. Das Tier im Spiegel. Der Barangestellte ist jetzt alleine und er fühlt ohne die Anwesenheit anderer Menschen seine Verlassenheit. Er löscht das Licht. Er steht ganz einsam in der Leere und hört den schweren Atem des Rausgeschmissenen.

© 2021 Michael Wiedorn
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