Aus: als die tiger noch pfeife rauchten

Von Alexander Reisenbichler

kreativitaet existiert nicht, es ist lediglich eine rechtfertigung fuer kunst. es gibt nur tiefere analysen vorhergehender seinsgebilde die ihrerseits in den zeitgeist eingewebt sind und von ihm beschattet wurden, aber schon immer da waren. wie ein garten durch den man schreitet und ploetzlich eine blaue blume entdeckt wie amerika entdeckt wurde und doch schon lange vorher da war. vom ersten buchstaben der veden bis zum letzten buchstaben der menschheit ist es nur ein schritt der immer wieder mimesisch verwoben wurde ohne den roten faden verlieren zu koennen. mit scheren im kopf reisen wir durch buchstabenwelten, papierschnitzel verlorener manuskripte picken auf unseren ruecken wenn wir vorfahren erahnen.

im ersten gehdicht werden unverbundene aussagen von adolf hitler, von dem augustinermoench, mystiker und geistlischen schriftsteller thomas von kempen aus dem 15. jahrhundert, von dem politischen dichter ferdinand freiligrath aus dem 19. jahrhundert, und von manu, dem mythischen begründer des hinduismus und verfassers des indischen gesetzbuches manusmriti zu einem thematischen text zusammengeschnitten, waehrend im zweiten und dritten gehdicht woerter aus altem neuhochdeutsch vermittelt werden.

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gegen das reisen

einbildung und wechsel des wohnorts hat schon viel betrogen (thomas von kempen)

wir muessen dafuer das zu bearbeitende menschenmaterial gewinnen (adolf hitler)

ihnen die nutzlosigkeit des reisens eintrichtern

meise zu meise, fink zu fink, storch zu stoerchin (adolf hitler)

ist das wirklich so schwer zu verstehen fragezeichen

der same zaehlt (aus dem buch von manu, vorchristliches indien)

gehen wir doch dorthin wo die freiheit haelt das lot rufzeichen dort lasst unseren schweiss uns saeen strichpunkt dort laesst uns die scholle wenden beistrich wo die garben holt wer pfluegt (ferdinand freiligrath)

das ist nur zu natuerlich man ist auf das hoechste erstaunt beistrich wenn ploetzlich jemand entdeckt beistrich was doch alle wissen muessten punkt es liegen die eier des kolumbus zu hunderttausenden herum beistrich nur die kolumbusse sind eben seltener zu treffen (adolf hitler)

das koenigreich das seine reinheit besudelt verdirbt (manu)

zerbrich dir den kopf nicht mit eitlem forschen und wortwechseln ueber die geheimen gerichte gottes punkt kein menschliches nachforschen ist erforderlich (thomas von kempen)

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literaturreisende kann man nicht aufhalten

ungefaehrlich vor einer ritterburg finkte ein lautenschlaeger an einen baum auf dem schafe wuchsen (daher die baumwolle)
nur drei speckkuchen alt fiel er durch den kamin des finkenritters und ward neu gebohren aus eyß
tomatenlos verparadiest trat er ins leben
schiffbruch duenckt uns in ungewisse abgruende
gestrandet auf einer hofmannswaldau
artzney pflaster auf geschundene knie
ich singe taube ohren
geniess fuer einige wenige
schaende ich die erinnerungen meiner mitmenschen schreibend

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eckenlieder abrunden

literarische laender reisen als spione
in meiner hosentasche
druecken mir unausgeschluepfte larven in geschichtige gesichter
chronologische eckenlieder bleiben wolkensteinig als kreuzleich liegen
reinkarnieren sich deutungslos aus rg veden
bedeutungen gehen nie verloren
wie energie ist es eine erhaltungsgroesse in einem abgeschlossenen system
das sich in shivas handpalme baumwollflausen austanzt
melangierte pferde reiten holprige wilde beeren zu woertern
zeitungen sind nicht gefragt

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(etymologischer blumengarten: ungefaehrlich stand fuer ungefaehr, fink haengt mit herumtreiben zusammen, geniess stand fuer nutzen, zeitung bedeutete nachricht, botschaft)

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