Die Flucht aus dem Dunkel

Von Michael Wiedorn

Ich stehe zwischen den kräftigen Stämmen eines Waldes. An der Härte des Baumholzes können Schädeldecken zerbersten. Die Stille, die nur vom Rauschen des Baches und vom Vogelgezwitscher belebt wird, droht mich zu lähmen. Sieht mich jemand? Hat jemand seinen Blick auf mich gerichtet? Mit Tempotaschentüchern putze ich mir die dunkelroten Flecken von Hose und Jackett und stecke die Tücher in meine Hosentaschen. Niemand soll sie später finden. Es ist ein heißer Sommernachmittag. Im Gesträuch verfallen Mauerreste. Die Sonne brennt auf das Ziegelgemäuer, von Disteln und Brennnesseln überwuchert. Ein Junge liegt erstarrt und reglos auf der Erde, mit den Füßen Richtung Bach. Seine wie Glasmurmeln leblosen Augen sind gegen den Himmel gerichtet. Der Glauben an den Himmel läßt das Kind träumen.
Ich liege schutzlos auf dem Rücken. Meine Arme sind ausgebreitet. Ich setze mich den sengenden Sonnenstrahlen aus. Die brennenden Strahlen werden meinen kleinen Körper entzünden. Aus dem Himmel wird etwas auf mich herabsinken. Ich werde warten.
Der Fremde geht jetzt seelenruhig zu seinem im Dickicht versteckten Auto.
Ich drehe mich noch einmal zu dem Kind auf dem Erdboden um, steige dann in den Wagen, stelle den Motor an und fahre die Böschung hinauf auf die kleine Straße, die aus dem Wald hinausführt. Raus aus dem Wald! Raus aus dem Dunkel, aus dem sich viele Unglückliche nicht retten können! Schnell auf die Straße, die über weite, freie Felder führt. Ich habe alles im Blick. Niemand kann mich aus einem Versteck beobachten. In weiter Ferne der Horizont. Schwalben fliegen hoch oben. Ich bin frei und stelle das Autoradio an. Der Wind weht durch das aufgekurbelte Fenster. Ein kleiner See glitzert nahe der Straße. Kleine Wochenendhäuser mit Gärten. Ich glaube mich hier wohl zu fühlen und halte das Auto an, steige aus und gehe einen kleinen Weg zum See. Schwer duftet der Flieder. Wespen summen und stärken sich an Blüten. Auf einem Bootssteg sitzen zwei Jungs beim Angeln. Neben ihnen sitzt ein großer Hund. Er wendet seinen Blick vom Gewässer zu mir und glotzt mich an. Der Junge auf dem Waldboden starrt reglos zu mir hoch. Die angelnden Buben blicken mich befremdet an. Ich begrüße sie freundlich. Der Hund mag mich nicht. Er läuft kläffend auf meine Beine zu. Die Sonne brennt auf das überwucherte Ziegelgemäuer. Der Glauben an den Himmel läßt Kinder träumen. Aus dem Haus kommt die Mutter auf mich zu. Wo ich denn hinwolle? Sie ist sehr höflich, aber bestimmt. Die Haut an den Schenkeln und Waden der Kinder ist von der Sonne leicht gebräunt. Schweißperlen und zarte Härchen. Die Kinder tragen kurze Hosen. Unter dem kalten Blick der Frau stammle ich etwas und haue schleunigst ab. Ich spüre, daß ihre Augen sich an meinen Rücken heften wie Saugnäpfe, die mich wie Gängelbänder lenken. Ihre Augen observieren wie eine Überwachungskamera alle meine Regungen und lassen mich zum reglosen Kind einfrieren.
Ich setze mich in den Wagen. Es ist noch Zeit mir in einer Gaststätte ein kleines Bier zu genehmigen. Die Dörfer und Felder beginnen mich zu langweilen. Meinen Auftrag habe ich heute erledigt. Das Auto fährt unter dicht belaubten Buchen am Straßenrand zum nächsten Dorf. Fachwerkhäuser mit Geranien vor den Fenstern. Fassaden, die Heimat darstellen sollen. Ich sehe eine Gastwirtschaft und halte an, steige aus und schließe sorgfältig meinen Wagen ab. Zur Sicherheit rüttle ich noch einmal an der Türe. Längere Abwesenheit von meinem Auto beunruhigt mich. Der kalte Blick der Mutter bannt mich reglos an meinen Platz. Ich kann nicht mehr weg. Ich muß weg können. Tage lang fliehe ich über Landstraßen. Wohin denn? Eine Treppe führt zum Schankraum hinauf. In der Wirtschaft setze ich mich an einen Tisch, von dem aus ich alles im Blick habe. Niemand kann mich unbeobachtet im Blick haben. Beim Wirt bestelle ich ein kleines Helles. An einem anderen Tisch sitzen zwei ältere Männer, die mich seit meinem Eintritt angrinsen. Sie belauern mich. Der Raum ist mit Holz getäfelt. Die Heimat ist gemütlich. Ich bin fremd. Der Wirt bringt mir das Bier. Die beiden Alten prosten mir zu. Bevor sie mich in ein Gespräch verwickeln können, hält ein Polizeiwagen vor dem Eingang. Ich stehe, bevor ich ausgetrunken habe, auf, zahle und verlasse grußlos die Wirtschaft. Ich steige die Treppe herab und gehe auf den Streifenwagen zu. Mit erhobener Hand grüße ich die beiden Polizisten im Auto. Wir sind erwachsen. Ich öffne die hintere Türe des Polizeiautos und steige ein. Der Streifenwagen fährt los.
Die Sonne brennt auf meinen toten Kinderkörper. Der Waldboden wird meine verfallenden Überreste verdauen.

© 2021 Michael Wiedorn
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