Die Maske macht uns gleich

Von Madame Pavot

Match. Ich starre auf mein Display, die Zeit stoppt, zieht sich, ich starre so sehr, dass ich meine eigene Nase in der Spiegelung sehe. Die Frau hat grüne Augen und rote Haare, sie lächelt unbeschwert und ihre Locken wehen im Wind vor einem blauen Himmel. Sie wirkt, als könnte nichts sie aus der Fassung bringen. Als würde sie auch im Lockdown in Parks herumschweben, mit einem Pappbecherkaffee in der Hand und diesem leichten geradezähnigen Lächeln auf den Lippen, weil nichts es erschüttern kann.
Mein Brustkorb kribbelt. Ich bin unsicher, dabei habe ich diese Datingmisere selbst begonnen. Der Lockdown erschien mir, abgesehen von seiner allgemeinen Scheißigkeit, günstig. Abstandsspaziergänge konnte ich gut. Maskenlächeln auch, die jahrelange Erfahrung machte die Augenfältchen fast perfekt, ich sah fast verschmitzt aus, sehr freundlich und vielleicht charmant.
Vielleicht war es nicht die beste Idee, flüsterten die Knötchen in meiner Lunge, die personifizierte Risikogruppe zu sein brachte schon Ängste mit sich, aber andererseits hatte ich diese kleinen Klumpen schon zwei Jahre überlebt. Nun waren alle Menschen gleich, mit warmen Nasen im Winter und dem eigenen Maskenatem. Niemand würde mich auf der Straße ansprechen. Die rothaarige Frau wird mir bestimmt nicht auf die Pelle rücken, es ist nun Corona-Time, mein Leben teilen nun quasi alle, Abstand, Maske, Desinfektion.
Ich beruhige mich, fange an zu tippen, schreibe ihr etwas Belangloses, dass ich gerne lese und Katzen mag, wahrscheinlich hält sie mich für einen nerdigen Spinner ohne Freunde. Ich verliere mich wieder in Gedanken, checke die Nachrichtenseiten, gebe mein Alter und den Lungenknotenquatsch erneut in den Impfrechner ein, vielleicht bin ich bald dran, vielleicht auch nicht. Alles ist ungewiss, aber das war mein Leben schon vorher, zwischen den Hustenanfällen, Kontrollterminen und den Blicken, als die Masken draußen noch nicht pandemiebedingte Pflicht waren.
Das Handy vibriert. Sie hat tatsächlich geantwortet und ein Video geschickt. Eine Katze isst hingebungsvoll Eis aus einem Becher, unter ihren Öhrchen ist sie ein bisschen nackt, sie sieht wie ein Alien mit Riesenaugen aus, etwas überzüchtet, aber immerhin. Die blöden Klumpen haben mir eine Katzenhaarallergie erspart. Die rotlockige Frau möchte spontan in den Park gehen, mein Herz setzt kurz aus, aber draußen ist strahlender Sonnenschein. Wir müssen ja nicht knutschen. Die Maske macht uns gleich.
Zwei Stunden später knete ich meine Finger am Parkeingang. Niemand drängelt sich an mir vorbei, so eine Pandemie hat durchaus ihre Vorteile, ich habe draußen weniger Angst, dass jemand mich anniest.
Sie kommt auf mich zu und lächelt schon. An einer schwarzen Leine läuft diese seltsame Alienkatze vor ihr. „Hi,“ sagt sie, „Sorry, habe Dr. Strange mitgebracht, ihm fällt auch die Decke auf den Kopf.“ Ich muss kurz grinsen, weil ich noch nie mit einer Katze spazieren war. Wir tauschen normales Geplänkel aus, setzten uns mit Abstand in Bewegung, die Frau lacht immer noch leicht und unbeschwert unter dem blauen Himmel, sie streicht diese Locken aus dem Gesicht und ist überhaupt nicht nervös. Ich grabe im Kopf nach meinen Lieblingsbüchern und fühle mich idiotisch, aber das scheint sie überhaupt nicht zu stören, selbst die alienartige Katze läuft ruhig an der Leine mit.
Auf einmal muss ich krass husten. Danke, Klumpenfreunde, perfekter Zeitpunkt. Ich renne zum nächsten Gebüsch und würge fast mein Gehirn aus. Als ich zurückkomme, runzelt sie die Stirn. „Alles OK, flüstere ich, „Sarkoidose is calling“. Ich ertappe mich dabei, dass der Satz einfach total dumm klingt. Sie lächelt: „Ach, Sarkoidose, das habe ich bei Dr. House gesehen, dann rennst Du schon länger mit der Maske herum.“ Ich bin fassungslos. Sie lässt sich weiter nicht beirren: „Bis zu Deiner Impfung müssen wir uns halt Abstandsküsse zuwerfen. Das ist OK.“ Ich versuche immer noch, etwas zu sagen, aber ich bin erstarrt. Abstandsküsse, also. Einfach so. Ich muss nichts erklären, mich nicht rechtfertigen. Ein neues Gefühl. Die Maske macht uns gleich.
Sie wird ungeduldig und die Katze miaut leise. Die Sonne wirft ihr Licht auf uns, ich sehe Schatten. Ich, sie und Katzenohren. Alles wird gut.

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