Ein Baum

Von Anna B.

Ich liege nach der Sauna auf einer Holzpritsche in einem überdachten Raum ohne Fenster mit Aussicht ins Grüne: Eine bucklige Wiese im Hintergrund, viele Bäume geben Schatten. Frische Luft sorgt für befreiten Atem und leichte Kühlung nach dem Schwitzgang. Ein Baum ragt direkt vor mir in die Höhe. Ein Baum, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Meine Beobachtungen in der freien Natur halten sich allerdings normalerweise in Grenzen. Dieser Baum steht direkt vor mir. Er ist sicher älter als ich und hat schon viel erlebt. Seine Äste strecken sich zu seinen Artgenossen Richtung Wiese. Einige wenige zarte Arme zeigen nach links und rechts. Sein Stamm ist übersät von einem Schmarotzer, wahrscheinlich Efeu. Die Blätter bedecken dicht und saftig in Grünschattierungen die Rinde. Bedrängen sie den Baum, machen sie ihn krank? Ich weiß es nicht. Ich betrachte die Äste und Blätter genauer und bin überrascht über die Vielfalt der verschiedenen Ausprägungen. Da ist ein ganz kräftiger Ast in eine Moosdecke gewickelt, an seinem Ende kämpfen ein paar zarte Triebe. Darüber ist ein langer zarter Ast mit kurzen spärlich belaubten Trieben, aber an seinen Enden sieht man nur mehr schwarze Fingerchen. Was wird mit ihnen beim nächsten Sturm oder bei Schnee und Eis geschehen? Vermutlich werden sie einfach abbrechen und am Boden verrotten.

Meine Augen wenden sich weiter nach oben in die Krone des seltsamen Gesellen. Was sehe ich denn da? Einige Äste voll mit frischen, saftigen Blättern, wie ein riesiger Busch lachen sie in den Himmel, als ob sie gar nicht zum unteren düsteren, wilden Geäst gehören. Ich muss auch lächeln und freue mich über diese unglaubliche eng gedrängte Vielfalt verschiedenster Befindlichkeiten in einem einfachen Geschöpf. Ein Baum wie die Welt. Ein wildes Durcheinander mit allen möglichen nicht zu bändigenden Gegensätzen. Wunderbar. In meinem Kopf schwirren noch viele Überlegungen und bremse mich dann ein. Was soll das Geschwurbel? Ist doch völlig sinnlos und grenzt an Kitsch und Sentimentalität. Genieße das Bild und entspann dich! Ich schließe die Augen, atme tief und fühl mich einfach nur wohl.

Wieder in Wien, denke ich oft an diesen zauberhaften Moment, den mir ein alter Baum geschenkt hat.

© 2021 Anna B.
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