Hotte a la Kleist

Von Johannes Morschl

Ein Dienstagvormittag Anfang Januar 2020. Der alte Hotte sitzt auf einem abgewetzten Sofa in seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg, nahe vom Kleistpark. Vor dem Sofa steht ein kleiner Holztisch, auf dem eine geladene Pistole liegt, eine alte, aber noch funktionsfähige Heckler & Koch P 8, die er einem inzwischen schon verstorbenen Freund, der ein Waffennarr war, abgekauft hat. Er starrt auf die Pistole und sagt: „Wieder ein Jahr vorbei. Die Jahre vergehen mir immer schneller. Man ist nicht viel mehr als eine Eintagsfliege. Kaum geboren, geht es schon wieder dem Ende zu. War bei mir eine schwere Geburt, dauerte stundenlang. Versuchte mich instinktiv der Geburt zu verweigern. Geburtsverweigerung ist viel grundsätzlicher als Kriegsdienstverweigerung. Gelang mir aber leider nicht. Habe mich in dieser Welt nie zurechtgefunden. Gelte so manchen als Spinner, Träumer, verkrachte Existenz. Ist mir aber scheißegal, was die Leute über mich denken. Ist sowieso alles zum Kotzen, erbärmlich, zutiefst erbärmlich. Die Welt ist ein einziges Irrenhaus. Man kann sich diesem Irrenhaus nicht entziehen. Man wird von Anfang an in den Wahnsinn getrieben.“

Er hält kurz inne, dann redet er weiter. „Werde es wie Kleist machen. Werde mich wie er aus dem Leben pusten. Habe zwar ein zwiespältiges Verhältnis zu ihm, aber sein Schicksal berührt mich. Er war ein unruhiger Geist, ein Getriebener, ruhmsüchtig, Hang zum Pathos und zur Gewalt in seinem Werk. Das Pathos vor allem in seinen Dramen und schwülstigen patriotischen Gedichten. Sein schlechtestes Drama ist Die Hermannsschlacht, ein bemühtes Herumgeschwafel und Herumgetue, zwischendurch von ‚Heil Hermann!‘-Rufen unterbrochen. War übrigens Hitlers Lieblingstheaterstück, das am häufigsten aufgeführte Stück in Nazi-Deutschland. Das sagt alles über dieses Stück. Aber ganz anders seine Erzählungen wie Michael Kohlhaas, Die Marquise von O., Das Erdbeben in Chili oder Die Verlobung in St. Domingo. Die gefallen mir am besten von dem, was er geschrieben hat.“

Er nimmt die Pistole in die Hand, betrachtet sie, legt sie dann wieder auf den Tisch zurück und redet weiter über Kleist. „Entsprechend seiner Familientradition sollte er eine Militärlaufbahn einschlagen. War von seinem 15. bis zu seinem 22. Lebensjahr beim preußischen Militär. Schied im Rang eines Leutnants freiwillig aus. Hat die Eltern früh verloren, oft den Wohnort gewechselt, andauernd Geldprobleme. Auf Homosexualität hindeutende Stellen in einem Brief an seinen Freund Ernst von Pfuel, – ,sei Du die Frau mir‘ -, und in einem Eifersuchtsbrief an den Maler Heinrich Lohse. War vorübergehend mit Wilhelmine von Zenge aus seiner Heimatstadt Frankfurt/Oder verlobt. Schrieb ihr viele Briefe voll von Liebesbeteuerungen,
aber sexuell lief da nichts. Die Frauen, die er liebte, waren nur Seelenfreundinnen. So auch Marie von Kleist, Ehefrau eines entfernten Verwandten von ihm, Hofdame am preußischen Königshof und enge Vertraute von Königin Luise. Sie hat ihn bis zuletzt gefördert und finanziell unterstützt. Eigentlich wollte er mit ihr aus dem Leben gehen, aber sie wollte nicht. Auch die verheiratete Henriette Vogel aus Berlin, mit der er dann aus dem Leben ging, war nicht seine Geliebte in einem sexuellen Sinne. Die Vereinigung von Mann und Frau schien ihm nur im Tode möglich zu sein wie in seinem Drama Penthesilea, wo die Amazonenkönigin Penthesilea, die keinen Mann lieben darf, am Ende Achill, in den sie sich verliebt hat, gemeinsam mit ihren Hunden in wilder Raserei zerreißt und danach sich selbst mit einem Dolch tötet.“

Kurze Pause, dann weiter. „Dachte in letzter Zeit öfters an eine Stelle aus einem seiner letzten Briefe an Marie von Kleist: ‚Meine Seele ist so wund, dass mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut, das mir darauf schimmert.‘ Das kommt mir sehr vertraut vor. Stecke meine Nase nur noch ins Tageslicht, wenn es sich nicht vermeiden lässt.“

Er besinnt sich kurz, wechselt das Thema seines Selbstgesprächs. „Wenn ich tot bin, wird nur meine spanische Nachbarin Federica um mich trauern. Ist auch nicht mehr die Jüngste, alleinstehende Witwe. Ihr Ehemann Werner – ich kannte ihn ja noch, war ein lustiger, ziemlich ausgeflippter Typ, kiffte wie ein Weltmeister – ist vor ihren Augen tot umgefallen, plötzlicher Schlaganfall. War schrecklich für sie. Habe seit einiger Zeit ein Sexverhältnis mit ihr, wenn auch ein ziemlich einseitiges. Muss ihr immer ewig lange die Muschi lecken. Aber was heißt muss, mache das ja gerne, jedenfalls lieber, als mit ihr vögeln zu müssen. Der Schwanz ist ja ein unzuverlässiger Geselle, der nicht immer steif werden will, wenn es angesagt wäre. Und dies vor allem, wenn man so wie ich nicht mehr der Jüngste ist. Mal steht er, mal will er partout nicht stehen. Das ist bei der Zunge anders, die ist verlässlich. Manchmal kann es jedoch zu einem Zungenkrampf kommen. Nehme den aber lieber in Kauf, als wenn mein Schwanz unhöflicher Weise schlaff bleiben würde. Nur Federicas eifersüchtiger Kater Picasso, den sie sich nach Werners Tod zugelegt hat, nervt mich. Ist ein wahres Mistvieh. Wenn ich komme, legt er immer die Ohren nach hinten, faucht mich an und versucht mich zu attackieren. So ein kleines Raubtier kann einem böse Wunden zufügen. Federica muss ihn immer in ein anderes Zimmer sperren, sonst könnten wir unseren Sex vergessen.“

Er greift nach der Pistole, öffnet weit seinen Mund und steckt den Pistolenlauf schräg nach oben in die Mundhöhle. Er denkt sich: „So hat es Kleist gemacht. Der kannte sich damit aus, war sofort tot. Unmittelbar davor hat er seine an Gebärmutterkrebs leidende Freundin Henriette Vogel erschossen. Bei der Obduktion ihrer Leiche wurde glatter Herzdurchschuss festgestellt. Der gemeinsame Tod war mit ihr so verabredet. Ihr Motiv, um mit ihm aus dem Leben zu gehen, war einem langen qualvollen Dahinsiechen zu entgehen. Dies geschah am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee bei Potsdam und erregte ungeheures Aufsehen. Kleist war da gerade mal 34 und Henriette Vogel 31 Jahre alt.“ Er zögert mit dem Abdrücken, denkt an Federica. „Nein, das kann ich ihr nicht antun, mich schon jetzt zu erschießen. Da wird sie ja ein zweites Mal traumatisiert.“ Er beschließt, seinen Abgang a la Kleist auf später zu verschieben. Federica wollte sowieso nach Spanien zurückgehen. Solange würde er noch warten, danach würde er es machen. Er entladet die Pistole und versteckt sie in einem Schrank.

Da fällt ihm plötzlich ein, dass er abends bei einer offenen Lesebühne in Kreuzberg lesen soll, an der er schon seit einigen Jahren teilnimmt. „Verdammt, den Leseabend hätte ich fast vergessen! Habe mir eingebildet, heute sei erst Montag, dabei ist es ja schon Dienstag. Mein Hirn wird immer löchriger. Gehöre ja dort zum festen Inventar. Die rechnen mit meinem Kommen. Literarische Onanie in aller Öffentlichkeit. Man liest, was man im Schweiße seines Wahnsinns literarisch verbrochen hat.“ Da läutet es an seiner Wohnungstür. Wie von ihm vermutet, steht Federica vor der Tür. Sie sagt: „Hotte, kannst du zu mir rüber kommen? Ich spüre, dass ich es wiedereinmal dringend brauche.“ Er: „Du, das kommt mir äußerst ungelegen. Muss mich noch auf eine Lesung vorbereiten, die heute Abend stattfindet.“ Sie: „Ein Orgasmus würde mir reichen, danach kannst du wieder gehen.“ Widerstrebend lässt er sich darauf ein. Er leckt sie auf dem dicken weichen Teppich in ihrem Wohnzimmer, wobei ihr gemeingefährlicher Kater Picasso vorher wieder weggesperrt werden muss. Kurz bevor ihn ein Zungenkrampf zu überkommen droht, kommt es Federica. Sie schmusen noch eine Weile auf dem Teppich und dann geht er wieder in seine Wohnung zurück.

Er überlegt, was er abends bei der offenen Lesebühne lesen soll. Das letzte Mal im Dezember war kein normales Publikum da. Es waren nur Leute da, die alle selbst lesen wollten und primär auf ihre eigenen Texte fixiert waren. Was die anderen lasen, ließen sie mehr oder minder über sich ergehen. Ein Lehrer war so begeistert von sich selbst, dass er gar nicht mit dem Lesen aufhören wollte. Er musste gestoppt werden, denn sonst hätte er die Veranstaltung gesprengt. Er sagt: „Wenn das diesmal wieder so ist, dann möchte ich provozieren und aus dem Stegreif dadaistischen Unsinn brabbeln.“ Dann entschließt er sich aber doch, eine ganz normale Geschichte zu lesen, die er vor längerer Zeit geschrieben hat. In dieser Geschichte glaubt ein Mann von sich, verlorengegangen zu sein und macht eine Vermisstenanzeige bei der Polizei, damit sie nach ihm suche.

Da blitzt in ihm die verrückte Idee auf, die Pistole zu der Lesung mitzunehmen und sich trotz Federica doch schon zu erschießen, und zwar unmittelbar nach seinem Leseauftritt, sozusagen Selbstmord coram publico. Das würde wie bei Kleist ein großes öffentliches Aufsehen erregen. Die Zeitungen und das Fernsehen würden darüber berichten. Die Nachricht würde durchs Internet gehen. Man würde sich für seine Texte zu interessieren beginnen. Dadurch könnte er vielleicht sogar in die Literaturgeschichte eingehen. Wer weiß, ob Kleist ohne sein spektakuläres Ende mit Mord und Selbstmord jemals so berühmt geworden wäre. Er wagt dies ernsthaft zu bezweifeln. Aber dann sagt er sich: „Was heißt schon Literaturgeschichte. Wen interessiert heutzutage noch die Literaturgeschichte.“ Er verwirft die Idee eines Selbstmords coram publico wieder. Abends geht er nur mit einem Text bewaffnet zu der Lesung.

© 2021 Johannes Morschl
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