Beine und Pastis

Von Madame Pavot

Die Häuser ragen in den Himmel wie sinnlose, grauen Klötze. Aus den offenen Fenstern schallt wieder Rapmusik, die Leute hier bleiben ein richtiges Klischee, sie hören diesen Koksgefängnisquatsch, weil sie sich für Gangster halten, hoffnungslose Existenzen am Rande der Stadt. Sie rauchen, spucken auf den Boden, bezeichnen alle als Nutten, die vorbeigehen. Nutten. Putes.
Ich zünde eine Zigarette an und setze mich auf die Fensterbank. Manchmal lasse ich meine Füße aus dem Fenster baumeln, wenn maman nicht in der Wohnung ist. Heute nerven mich die Typen, die sich zu alten Liedern von Sexion d’Assault in ihre Misere hineinsteigern. Klar, sind sie désolés, aber wer ist es hier nicht?

Die Zigarette glüht in der warmen Luft. Es ist Sommer, aber dieser Sommer findet wie immer nur den Weg in die Stadt, zu den Touristen am Tour Eiffel, mit dem Snickers-Eis für sieben Euro. Wahrscheinlich lungern sie alle in den Warteschlangen, sitzen auf den grünen Wiesen, oder in den Cafés, mit dem überteuerten Getränken. Ihr begeistertes Parisseufzen hallt im lauen Wind, wahrscheinlich hören sie Joe Dassin in ihren kabellosen Kopfhörern, summen mit und schweben umher, am besten mit einem Croissant, um alle Vorurteile zu erfüllen. Aux Champs-Elysées. Vielleicht träumen sie davon, Influencer in Paris zu werden, mit vielen Followern, hier ein Selfie, dort eine Story. Ein Foto in einem dämlichen Hütchen, cliquez, cliquez, Code: Fassade deluxe.

Das Jaulen der roten Katze reißt mich aus meinen ironischen Gedanken. Ich sehe sie zwischen den Häusern im Innenhof. Ehe ich ihr etwas zurufen kann, wirft Ferhad einen Stein nach ihr. Bis hierhin kommt der Sommer nur in Steinen. Saint- Dénis ist einfach nicht Paris. Wir sind die anderen Menschen, die nie in Reiseführern auftauchen, wir leben in der asphalttrunkenen Vorstadt, in einer anderen Welt.

Plötzlich höre ich den Schlüssel. Maman ruft genervt und sehr penetrant meinen Namen, ich springe von der Fensterbank herunter, um sie nicht zu verärgern und drücke ihr einen kurzen Kuss auf die verschwitzte Wange. Danach wiederholt sie die tägliche Geschichte. An ihrer Supermarktkasse beschimpft worden, sale pute, dreckige Nutte, keine Lust mehr auf den Job, kein Geld, Rückenschmerzen, den ganzen Tag in den verlogenen Werbejingles bei Carrefour. Carrefour heißt eigentlich Kreuzung, maman würde gerne abbiegen, aber wir haben kein Geld. Ich seufze und umarme sie, sie sagt, dass meine Umarmung sie nervt, will Ruhe und Stille, vielleicht einen Joint. Ich nicke wortlos, nehme meine Tasche vom Haken und verschwinde.

Im Treppenhaus riecht es nach Safran und Schweiß, wie immer ist es eine seltsame Mischung, ein übermüdeter Mensch kocht bestimmt gerade, hängt im Unterhemd über den Herd. Ich höre wieder die Katze jaulen, sie scheint Ferhad entkommen zu sein. Im Innenhof pfeifen die Typen und brüllen einfach herum, wahrscheinlich ist das ASSEDIC zu spät, das Arbeitslosengeld, in letzter Zeit gab es wieder Verzögerungen.

Mit diesen Stimmen in meinen Ohren gehe ich in das Haus gegenüber, dort wohnt Mayla, als sie die Tür öffnet, kotzt ihr Hund auf die Fußmatte, Mayla bittet mich trotzdem herein, wir ziehen das alte, zottelige Tier in die Wohnung und lassen die Kotze einfach liegen, Mayla macht das Fenster auf, wir setzen uns auf ihre Fensterbank, ich sehe die graue Fassade gegenüber und lasse die Beine baumeln, maman liegt bestimmt kiffend in der Badewanne, dies ist meine Chance. Ich schwenke die Beine hin und her, während Mayla erzählt, dass sie bei Carrefour eine Flasche Pastis geklaut hat. Sie möchte sich erwachsen fühlen, mir gefällt der Gedanke an Pastis auch, ich träume mich ganz kurz in ein Restaurant in der Innenstadt, wo die Touristen im Schein der ville de l‘ amour flanieren. Vielleicht hat Mayla auch nur zu viel Julian Doré gehört, diesen langhaarigen Schnösel, der so aussieht, als bestünde sein Leben nur aus Marihuana, Musik und Urlaub. Immerhin kann er sich ein großes Haus und zwei riesige, weiße, sehr gepflegte Hunde leisten, während wir hier mit geklautem Pastis abhängen und der alte, verwahrloster Köter ständig in den Flur kotzt.

Wir nehmen große Schlucke, Mayla und ich, wir teilen uns das Glas, sie erzählt, dass Ferhad sie gestern einfach so draußen geküsst hat und sie es mochte. „Er schmeißt Steine auf Tiere“, sage ich, aber das wird Mayla egal sein, sie zuckt mit den Schultern, ihr Leben spielt sich hier ab, im Hof, zwischen den grauen Fassaden, vielleicht noch auf dem Spielplatz, wo sie nachts den Pastis mit Wasser mischt und den Jungs schöne Augen macht, bald wird sie mit Ferhad zusammen sein, sie werden im Hof herumstehen und ihre Speichelfäden austauschen. Es ist Maylas Welt, ihre wirkliche Heimat, Klar, träumt sie von ein bisschen Urlaub, aber es zerfrisst sie nicht und sie hat, keine Ambitionen, nur ein bisschen Alkohol während ich mich oft frage, ob mein Leben wirklich hier beginnen und enden muss. Ich will nicht an die Kasse, wo man mich beschimpft und vielleicht anspuckt, während das Radio Zufriedenheit singt. Ganz heimlich will ich in die Stadt und Pastis in einer Bar trinken, vielleicht in einem schwarzen Kleid und nicht im ausgewaschenen Sweatshirt. Ich lasse meine Beine nochmal baumeln, nehme einen letzten Schluck, drücke einen Kuss auf Maylas Makeupwange, hinterlasse eine Spur darauf und gehe an der Kotze vorbei.

Im Hof brüllen immer noch die Typen herum. Ich laufe schnell, um ihnen keine Zeit für Beschimpfungen zu lassen, im Hausflur riecht es immer noch nicht besser, der Safranschweißgeruch mischt sich mit mamans abgestandenen Joint, als ich die Haustür öffne. Maman liegt auf der Couch und schläft. Ich klettere wieder auf die Fensterbank. Beine raus, Kippe an. Irgendwann muss ich einfach den Absprung schaffen. Nicht zu den scheinheiligen Touristen, aber dahin, wo ich mir Pastis in einer Bar leisten kann, ganz für mich allein. Bis dahin baumeln meine Beine heimlich in Saint Dénis.

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