Des Lebens Lauf

Von Michael Kothe

Braun-bunte Blätter säumen meinen Weg und nackte Bäume.
Der Winter naht – wo ich noch gern vom Sommer träume.
Erfülltes Leben, gern gelebt, liegt hinter mir.
Wie weit bleibt mir nun noch zu gehen?

Bald mischen erste zarte Flocken sich mit Lehm und grauem Kies,
Symbol für letztes Ungemach, auf das mein Leben stieß.
Ich steh´ im Herbst des Lebens, das ich liebte.
Wie lang noch muss ich weitergehen?

Der Herbst des Lebens: grausam hart. Freunde nahm er mir und Freud.
Vor mir liegt nichts als Wintergrau. Und bitt´re Einsamkeit.
Bald trifft es mich. Ich leiste keine Gegenwehr.
Gehört zum Leben, Ende abzusehen.

Der Weg von hier zum Schluss führt steil bergauf, scheint endlos lang.
Das Buch des Lebens ist geschrieben. Doch ist es wirklich Zwang?
Ich denke nach: Ich habe mich ergeben,
das ist mir klar. War´s so schwer zu verstehen?

Der Herbst wird wilder, dehnt sich weiter aus von diesem Ort.
Der Wind frischt auf, der alten Dame reißt den Schal er fort.
Ich hetz´ ihm nach und fang ihn auf, geb´ ihn zurück.
Sie freut sich. Lächeln darf ich sehen.

Gemeinsam setzen unsern Weg wir fort, bleiben zusammen.
Wenn einer strauchelt, ist der andre da, ihn aufzufangen.
War es mein Wille, Zufall oder Schicksals Fügung?
Hatt´ ich die Chancen bisher übersehen?

Auf den Winter freu´ ich mich! Der Herbst, der hat mich viel gelehrt.
Ich blühe auf, nicht länger bin ich mehr in mich gekehrt.
Frohgemut und aufrecht geh´n wir weiter.
Beschwingt woll´n wir den Weg zu Ende gehen.

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© 2021 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

»Des Lebens Lauf« wurde im Lyrikband »Herber Herbst« des Verlags Textgemeinschaft abgedruckt. Als Gedicht und als Teil einer Kurzgeschichte hat es der Autor in seine eigene Anthologie »Quer Beet aufs Treppchen 2020/21« aufgenommen (https://autor-michael-kothe.jimdofree.com, Rubrik „My Books“).