Stierkopf und Elfi

Von Johannes Morschl

Berlin, ein Montagmorgen im August. Der 61-jährige Sonderling Anton Zwirn wurde vom Lärm der Müllabfuhr aus dem Tiefschlaf gerissen. Die Sonne schien in sein Schlafzimmer. Er rieb sich seine verquollenen Augen, schüttelte seinen zotteligen Stierkopf und grummelte: „Na, die Woche fängt ja gut an, wenn die Sonne gleich beim Aufwachen so unbarmherzig grell das Jammertal dieser Welt beleuchtet. Ein grauer Regentag wäre mir lieber. Und dieser Krach, den die Männer von der Müllabfuhr machen! Muss das denn unbedingt jeder hören, dass sie noch nicht zum Heer der Arbeitslosen gehören? Ich mache ja auch keinen Krach, wenn ich schreibe, und ich schreibe viel, auch wenn das niemand liest.“ Er zog sich die Decke über den Kopf und versuchte sich Wesen vorzustellen, die perfekter als die Menschen wären und nicht so viel Krach machen würden: „Vielleicht sind diese Wesen kugelrund und rollen still in den Tälern und Ebenen herum. Vielleicht können sie auch wie Luftballons schweben und wie Wasserbälle auf den Wellen schaukeln. Sie vermehren sich, indem sie in zwei oder mehrere Kugeln zerfallen. Sex gibt es bei ihnen nicht, da sie keine Sexualorgane haben. Das ganze Drama zwischen den Geschlechtern fällt weg. Dadurch bleibt ihnen eine Menge Ärger und Leid erspart. Selbst harmloses Kuscheln wäre schon schwierig, wenn alle kugelrund sind. Aber wer weiß, vielleicht machen sie etwas anderes in der Art. Vielleicht kugeln sie gerne miteinander herum. Dabei könnte es jedoch zu ähnlichen Problemen wie bei den Menschen kommen. Wer kugelt mit wem herum? Bei der Kugel, mit der du herumkugeln willst, ist kein Platz mehr frei, da sie bereits von anderen Kugeln umkugelt wird, oder sie kugelt sofort weg, wenn sie merkt, dass du angekugelt kommst.“

Da brummte und ratterte plötzlich Zwirns Handy. Mürrisch quälte er sich aus dem Bett und ging ran. Eine helle weibliche Stimme ertönte: „Hallo, namenloser Mann aus der Kneipe, ich bin es, die Elfi. Erinnerst du dich noch an mich?“ Er: „Ah, du bist es! Natürlich erinnere ich mich noch an dich. Wie könnte ich dich jemals vergessen?“ Er konnte sich aber an keine Elfi erinnern und hat auch noch nie eine Elfi gekannt. Elfi hatte ein feines Gehör für Stimmen. Sie merkte sofort, dass er schwindelte. „Wie sehe ich denn aus?“, fragte sie ihn. Woher sollte er das wissen? Er verließ sich auf die Eingebung seiner Fantasie: „Du hast grünes Haar und drei rote Augen. Und du hast nicht nur zwei, sondern drei Brüste. Das weiß ich noch ganz genau.“ Sie: „Das hätte ich jetzt nicht erwartet, dass du dich noch so gut an mich erinnern kannst. Im Rauschgold am Mehringdamm, wo wir uns vorgestern um Mitternacht kennengelernt hatten, warst du bereits jenseits von Gut und Böse. Du hast dich als der namenlose Mann mit dem Stierkopf vorgestellt und gesagt, ich müsse keine Angst vor dir haben, da du nur Tequila trinkst und keine Menschen frisst.“ Zwirn hatte ein Blackout bezüglich dieses Abends. Er wusste zwar noch, dass er ins Rauschgold gegangen war, mehr aber auch nicht. Doch wollte er unbedingt diese Elfi kennenlernen, der er offensichtlich seine Handynummer gegeben hatte. Er fragte sie: „Sag, Elfi, hast du vielleicht Zeit und Lust, jetzt gleich bei mir vorbeizukommen?“ Sie, nach kurzem Zögern: „Ja, warum nicht? Hast du einen trinkbaren Rotwein zu Hause?“ Er: „Ich habe zwei Flaschen guten Rioja da.“ Er gab ihr seine Adresse in Neukölln durch und erklärte ihr, wie sie da hinkomme und dass sie bei Zwirn läuten müsse. Er wohne im Vorderhaus 2. OG.

Elfi kam nach etwa einer Stunde. Als er die Wohnungstür öffnete und sie ihm gegenüberstand, erschrak er. „Das darf nicht wahr sein! Sie sieht ja tatsächlich haargenau so aus, wie ich sie fantasiert habe! Grünes Haar, drei rote Augen und nicht zwei, sondern drei Brüste!“ Sein von mehreren Tequilas benebeltes Gehirn musste es im Rauschgold doch noch irgendwie geschafft haben, ihr Aussehen abzuspeichern. Dieses ungewöhnliche Aussehen, welches seiner bewussten Erinnerung nicht mehr zugänglich war, schien sich bei ihrem Anruf aus dem verdunkelten Bereich seines Erinnerungsvermögens in seine Fantasie gedrängt zu haben. Er beruhigte sich wieder und dachte: „Sie ist ebenso eine Missgeburt wie ich, wenn auch eine ungleich schönere und um etliche Jahre jüngere. Für die normalen Menschen sind wir aber beide Monster. Wir haben im Grunde genommen das gleiche Schicksal. Dies könnte eine Annäherung zwischen uns erleichtern.“ Auch sie erschrak, als sie ihn nun bei Tageslicht sah. Im schummrigen Licht der vollen lauten Kneipe hatte er mit seinem von Zigarettenrauch umnebelten Stierkopf romantisch geheimnisvoll auf sie gewirkt, zumal auch sie einiges getrunken hatte. Doch jetzt? „Welch altes Klappergestell steht da vor mir!“, dachte sie. „Und der Stierkopf darauf ist abstoßend hässlich. Die Hörner sind rissig und nikotingelb verfärbt. Aus dem Rindermaul tropft Schleim. Und diese verquollenen, stumpf blickenden Augen! Wer weiß, was sich hinter denen verbirgt? Vielleicht frisst er doch Menschen. Aber nein, das ist unmöglich, Rinder sind Wiederkäuer, er kann vermutlich nur Grünzeug fressen.“

Zwirn führte Elfi ins Wohnzimmer. Sie setzten sich auf zwei braune Ledersessel, die an einem niedrigen runden Holztisch standen, auf dem zwei Flaschen Rioja, zwei Weingläser und zwei Schüsseln voll Heu standen, die wohl das Knabberzeug zum Wein sein sollten. In der Wohnung roch es wie in einem Heustadel. Zwirn baggerte Elfi gleich beim ersten Glas Wein an: „Elfi, ich muss dir gestehen, deine umwerfend ungewöhnliche Schönheit blendet mich! Die Venus von Milo ist eine graue Maus gegen dich. Deine drei Augen und drei Brüste bringen mich ganz durcheinander. Und dieses verführerisch grüne Haar auf deinem Kopf! Das ist zum Fressen schön. Da komme ich sofort ins Träumen von saftigen Wiesen und dem Gebimmel von Kuhglocken.“ Dies machte Elfi traurig und ihr traten Tränen in die drei roten Augen. Ja wenn das einer der jungen Männer zu ihr gesagt hätte, die ihr gefielen, aber denen es vor ihr grauste, dann hätte sie sich darüber gefreut. Aber nicht bei diesem alten Stierkopf. Unwillkürlich stellte sie sich vor, er küsse sie mit seinem schleimtriefenden Maul und lecke mit seiner dicken Rinderzunge über ihre Haut. „Brr! Wie eklig!“, dachte sie. Zwirn wurde angesichts ihrer Trauer ebenfalls traurig. „Ach wären wir doch so wie die normalen Menschen!“, dachte er. „Dann würde uns niemand blöd anglotzen und dumme Sprüche über uns machen.“ Auf einmal kullerten Tränen aus seinen Augen. Dies wiederum rührte Elfi. Er tat ihr auf einmal leid. Sie dachte: „Der arme Stierkopf! Der hat es unter den Menschen genauso schwer wie ich. Keine normale Frau würde sich auf ihn einlassen.“ Damit lag sie nicht ganz falsch, denn unter den drei Frauen, die sich bisher auf Zwirn eingelassen hatten, war keine normale dabei. Sie lächelte ihn an, um ihn aufzumuntern, und sagte zu ihm: „Ich finde dich süß, wenn du so traurig bist. Komm her und lass dich von mir trösten.“

Tränenüberströmt erhob sich Zwirn von seinem Ledersessel, trat zu ihr und beugte sich über sie. Sie befürchtete, er wolle sie küssen, doch nein, er tat etwas völlig Unerwartetes! Er begann ihr grünes Haar auf dem Kopf abzufressen. Er machte das sehr zärtlich und vorsichtig, riss ihr dabei kein einziges Haarbüschel aus. Sie wunderte sich, wie angenehm sich das anfühlte. Bei ihrer Friseurin spürte sie nicht so ein wohliges Kribbeln auf der Kopfhaut. Zwirn fraß ihr das Haar sehr gründlich ab. Er ließ es aber in einer Länge von etwa drei, vier Zentimetern stehen. Nun sah es wie ein frisch gemähter Rasen aus. Elfi ging in den Flur, wo ein großer Spiegel hing, und betrachtete ihre neue Frisur. Sie dachte: „Etwas kurz, aber sonst gar nicht so schlecht“, und überlegte, welche Kleidung und welche Ohrringe dazu passen würden. Später dann, bei der zweiten Flasche Rioja beschlossen Elfi und Zwirn, sich als Paar zusammenzutun. Zu zweit war es schließlich leichter, sich in einer Welt voller Vorurteile zu behaupten. Elfi sah auch noch einen anderen Vorteil darin: Immer, wenn ihr grünes Haar nachgewachsen war, würde Stierkopf es abfressen dürfen. Er würde dann glücklich und zufrieden sein, und sie müsste nicht mehr zu ihrer Friseurin gehen. Dadurch würde sie sich eine Menge Geld sparen, denn Damenfrisuren sind teuer.

Die Geschichte hat also ein Happyend. Vermutlich wird man noch Fragen stellen wollen, etwa zum weiteren Verlauf des Liebeslebens der beiden. Ist es nur beim Abfressen des Kopfhaars geblieben? Durfte Stierkopf auch Elfis Schamhaar abfressen? Das war ja wahrscheinlich auch grün wie Gras. Und wie ist er mit ihren drei Brüsten zurechtgekommen? Und hat sie sich doch noch überwunden, ihn auf sein Rindermaul zu küssen und sich von ihm abschlabbern zu lassen? Sie wird ihm doch hoffentlich die Hörner abgesägt haben, damit sie sich beim Austausch von Zärtlichkeiten nicht verletzte. Ich weigere mich jedoch, über solche Intimitäten Auskunft zu geben. Wie die Leute Liebe machen, ist einzig und allein ihre Angelegenheit, das geht sonst niemanden etwas an. Und außerdem soll das hier kein Freakporno werden. Wer so etwas sucht, ist bei mir an der falschen Adresse.

© 2021 Johannes Morschl
Alle Rechte vorbehalten