Marion wieder besser v***** können!

Von Michael Kothe

Gerade habe ich meine Mailbox geöffnet, und da steht sie ganz oben, diese Nachricht. »Marion wieder besser …« Woher wissen die? Unwillkürlich fährt mein Blick an mir hinab, bis er … Nein, ich sehe nichts Ungewöhnliches, denn die Platte meines Computertisches verhindert, dass ich tiefer blicken kann als bis zum Hosenbund meines Wellnessanzugs. Jetzt im Homeoffice leiste ich mir das Tragen legerer Kleidung.
Meine Mundwinkel ziehen sich auseinander, als der Mauszeiger über die Absenderadresse fährt. Natürlich! Offenbar eine Online-Apotheke, ihre Mail-Adresse endet auf ».uk«. Woher kennen die meinen eMail-Account? Und wie kommen die darauf, dass ich …? Mein Schmunzeln friert in meinem Gesicht ein, als mir diese Gedanken kommen. Eine Frechheit! Es ist nicht die erste Mail dieser Art, die ich erhalten habe, bisher habe ich alle ungeöffnet weggeklickt. Aber momentan … Ein Blick aus dem Fenster ins winterliche Grau sagt mir, dass ich ein wenig Aufheiterung brauche, einfach Ablenkung, bevor ich mich in die Bearbeitung meiner beruflichen Mails stürze.
Ich nippe an meinem Morgenkaffee und stelle die Tasse wieder neben die Tastatur. Immer noch zu heiß! Der Mauszeiger hängt schon über der ersten Arbeitsmail.
»Ach, komm schon«, sagt das kleine Teufelchen in meinem Hinterkopf, »so viel Zeit hast du.« Mit einem »Denk an Marion!« heimst es einen Sieg über das Engelchen ein, das pünktlich die Arbeit an meinem Heimarbeitsplatz beginnen will. Ich öffne die Mail! Obwohl der Absender offensichtlich im Vereinigten Königreich residiert, ist der Text auf Deutsch. Wie erwartet – ich grinse breit – dreht sich der Inhalt der Nachricht um kleine hellblaue Pillen. Ihre Einnahme verspricht die gesteigerte Durchblutung eines gewissen Körperteils. Betroffen fühle ich mich nicht. Klar, überlege ich, keinem Menschen gefällt es, wenn er auf eine Beeinträchtigung seiner Fähigkeiten hingewiesen wird. Aber genau durch diesen Abwehrgedanken hat die Mail meine Neugierde geweckt. Die Arbeit kann warten, mein Chef sieht mich ja nicht!
Wikipedia bietet mir seitenweise Information. Wissen, das die Welt nicht braucht. Welchen Mann interessiert, dass das Medikament von Pfizer stammt, wenn er es doch nicht beim Hersteller kauft? Sildenafil als Wirkstoff ist zwar kein Zungenbrecher, aber nach dem ersten Lesen schon wieder vergessen. Da ist die vasodilantierende, also die gefäßerweiternde Wirkung lautmalerisch schon anspruchsvoller. Willkommener als lateinische Fachbegriffe zieht mich weiter unten im Text der Abschnitt Nicht-medizinische Verwendung an, und noch viel besser finde ich die Bedeutung des Handelsnamens. Nach einem ersten Auflachen besinne ich mich, dass gerade diese Assoziation zu raubtierhafter Stärke vielen Menschen Hilfe bei ihren Problemen versprechen möchte. Und so kommt mir die Mail mit ihrem Angebot wieder in den Sinn. Einfach mal ausprobieren, unverbindlich natürlich? In wie vielen Lesern weckt es Hoffnung? Mich hat die Neugier nun fest im Griff. Ein Stichwort reiht sich ans andere, und schon bin ich auf der Jagd nach Links und Hyperlinks, die mich fesseln. Die Texte sind verständlicher als der erste von Wikipedia, die Probleme und Lösungen werden mehr in Umgangssprache abgehandelt.
Beim Scrollen fällt mein Blick auf die kleine digitale Uhr in der rechten unteren Bildschirmecke. Es ist wirklich Zeit, mit meiner Arbeit zu beginnen. Ich kann ja später noch einmal … Mit einem Seufzer schließe ich sämtliche Browserfenster bis auf mein Mail-Programm.
Ich zucke zusammen, als ich in dem Moment eine Bewegung hinter mir spüre. Erschrocken schaue ich über meine Schulter. Meine Lebensgefährtin Simone beugt sich über mich und liest auf dem Bildschirm mit.
»Marion, mach´s weg!«, meint sie bloß. «Mit Viagra haben wir nichts am Hut.«

© 2021 Michael Kothe
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Den kurzen Ausflug ins Homeoffice findet ihr in »Quer Beet aufs Treppchen 2020/21« von Michael Kothe. Mehr zum Buch auf https://autor-michael-kothe.jimdofree.com unter der Rubrik »My Books«. Ein paar Amazon-Sternchen fürs Buch wären nett.