Dulcineas Tod

Von Johannes Morschl

Am 13. November ist meine Sonne Dulcinea gestorben. Sie ist neben mir im Bett sanft entschlafen, wobei in ihrem Gesicht ein Lächeln lag, so als sei sie mitten in einem süßen Traum gegangen. Ohne sie halte ich diese Welt nicht mehr aus, mir kommt alles nur noch sinnlos vor, ich möchte ihr in den Tod nachfolgen. Aber ich kann noch nicht gehen, ich muss der Nachwelt noch ein letztes Meisterwerk hinterlassen, eine Huldigung an Dulcinea, dieser einzigartigen, wunderbaren Frau. Ich habe das Bild bereits zu malen begonnen. Man sieht darauf Dulcinea und mich beim Vögeln, wobei sie ihre Lieblingsstellung einnimmt, sie sitzt auf mir, sie war lieber oben als unten. Da sie eine Schwäche für Marihuana hatte, male ich um uns herum mannshohe Marihuanastauden, darüber ein strahlend blauer Sommerhimmel. Ich bin aber mit dem Bild noch nicht zufrieden, ich habe Dulcineas Gesicht noch nicht gut genug getroffen, es ist mir zu sanft und lieblich geraten. Ich habe es schon ein paar Mal übermalt, aber es setzt sich immer wieder das Gesicht einer Madonna durch, wie man es von Madonnenbildern alter Meister her kennt. Ist vermutlich ein unbewusster Drang von mir zur Idealisierung Dulcineas. Die Gute würde sich im Grab umdrehen, wenn sie sehen könnte, was ich da mit ihrem Gesicht veranstalte.

Oh, wie sehr fehlt sie mir! Wie schön war es, wenn sie mich besuchen kam. Zuerst machten wir immer Sex und danach tranken wir ein Gläschen Wodka zur Klärung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Wenn wir sie beim ersten Gläschen nicht klären konnten, tranken wir noch eines und dann noch eines, bis sich die Verhältnisse wie von selbst zu klären begannen. Wir liebten uns immer nur für eine Woche, danach entschieden wir, ob wir es eine weitere Woche miteinander treiben wollten. Absolute Freiwilligkeit stand bei uns ganz oben, aus der Liebe sollte keine Pflichtveranstaltung werden. Wenn ich daran denke, kommen mir sofort die Tränen. Ach Dulcinea, du mein für immer erloschenes einziges Licht in der Finsternis der Welt!

Zu Dulcineas Begräbnis waren an die zweihundert Leute gekommen, junge und alte. Manche waren mit roten und schwarzen Fahnen gekommen. Hätte Dulcinea die Fahnen sehen können, so hätte sie wahrscheinlich mit ihren Blicken geprüft, ob sie auch gewaschen und gebügelt sind. Sie war mit der Zeit etwas pingelig geworden, was solche Sachen betraf. In jüngeren Jahren hat sie zur Hausbesetzerszene gehört, und bis zu ihrem Tod hat sie an fast jeder linken Demo teilgenommen. In der linken Szene war sie bekannt wie eine bunte Kuh, allerdings auch bei der Polizei, der sie als notorische Unruhestifterin galt. Dummerweise hatte ich mich zu den Sargträgern gemeldet. Obwohl Dulcinea weder dick noch besonders groß war und relativ kurze Beine hatte, was man ihr aber auf keinen Fall sagen durfte, sonst wäre sie beleidigt gewesen, kam sie mir beim Tragen des Sarges unglaublich schwer vor, und so ging es auch den anderen Sargträgern. Dass sie uns so schwer vorkam, lag wohl daran, dass wir die Nacht davor bis in den Morgen durchgezecht hatten. Wir schwankten beim Tragen des Sarges und waren heilfroh, dass wir nicht stolperten und stürzten. Vor der Grablegung hielt ein dürrer alter Anarchofreak mit langem weißen Haar eine pathetische Trauerrede. Ich mag kein Pathos, weil hinter dem Pathos die realen Menschen mit ihren Bedürfnissen, Eigenarten und Widersprüchen verschwinden. Anschließend wurde der Sarg ins Grab gelassen. Ich warf als Erster ein Häufchen Erde und danach eine rote Rose auf den Sarg. Dabei heulte ich wie ein Schlosshund. Zum Abschluss sangen wir We shall overcome, die alte Hymne der von Martin Luther King angeführten afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und auch der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg der USA. Die Strophen des Liedes enden mit dem Refrain: „Oh, deep in my heart / I do believe / We shall overcome some day.“

Ich habe mich immer wie ein Fremder in der Welt gefühlt. Dulcinea hat dieses Gefühl bei mir abgemildert, aber seit ihrem Tod ist es wieder voll da. Anfang der 70er-Jahre bin ich aus meiner Heimatstadt Wien nach Westberlin geflohen, weil ich die beengende Atmosphäre in Wien nicht mehr ertragen konnte. Es herrschte eine spießige und gehässige Mentalität vor, die sich gegen alles Fremde und von der Norm Abweichende richtete. Und der Antisemitismus in Wien! Immer wieder kam es zu antisemitischen Vorfällen. Ich hätte in Wien nur noch Amok laufen oder mich zu Tode saufen können. Ich musste von dort weg, das war für mich eine Sache des Überlebens. Ich überlegte, entweder nach Paris oder Westberlin zu gehen. Da mir Paris zu teuer war und meine Französischkenntnisse miserabel waren, entschied ich mich für Westberlin. Dort gab es zur Zeit meiner Flucht eine starke linke Studentenbewegung und ein reges linksalternatives Treiben. Dies übte eine große Anziehungskraft auf mich aus. Allerdings fühlte ich mich in Berlin zunächst ziemlich verloren. Erst als Dulcinea in mein Leben trat, wurde alles mit einem Schlag heller und wärmer, und ich begann mich in meinem Berliner Exil einigermaßen wohlzufühlen.

Bald ist Weihnachten. Ich denke an den Weihnachtsmann. Nach Dulcineas Tod wird er nie wieder zu mir kommen. Sie gab nämlich immer den Weihnachtsmann mit roter Zipfelmütze und weißem Rauschebart aus Watte. Wir liebten uns dann unterm Weihnachtsbaum, quasi der Weihnachtsmann und ich. Ob ich sie auf dem Bild mit einem weißen Rauschebart und roter Zipfelmütze malen soll? Blödsinn! Ich halte mich nicht mehr aus. Bin am Überlegen, mir einen Decknamen zu geben, um mich vor mir selbst zu tarnen. Doch wozu, wenn ich eigentlich gar nicht mehr leben will? Zum Glück kommt Dulcinea noch in Träumen zu mir. Heute früh, als ich nach einer schlaflosen Nacht endlich eingeschlafen bin, träumte es mir von ihr. Sie kam nackt auf mich zu und wollte mich bespringen, doch mein Schwanz streikte, obwohl er keiner Gewerkschaft angehört. War also ein wilder Streik. Da kam aus der Wanduhr in meinem Zimmer ein Kuckuck hervor, obwohl sie gar keine Kuckucksuhr ist, und rief immer wieder „ficken, ficken“ anstatt „kuckuck, kuckuck“, wie es sich für einen anständigen Kuckucksuhr-Kuckuck gehört hätte. Daraufhin beendete mein Schwanz seinen Streik. Die Matratze unter Dulcinea und mir fing zu beben an und wir begannen vor Lust zu wiehern. Dulcinea konnte wunderbar wiehern. Während ich wie ein heiserer Gaul wieherte, wieherte sie so, als könnte eine Nachtigall wiehern. Der Kuckuck von der Wanduhr verstummte vor Schreck. Ach, wäre ich aus diesem Traum nie mehr aufgewacht!

Ohne Dulcinea ist die Welt nicht mehr so wie vorher, es fehlt etwas ganz Wesentliches. Ohne Dulcinea spüre ich nur noch eine ungeheure Leere in mir. Ich fühle mich wie ausgesetzt auf diesem Krümel im All, auf dem ich erwacht bin und auf dem ich sterben werde. Irgendwann, wenn sich die Sonne ausdehnt, wird ein Leben auf der Erde nicht mehr möglich sein, und irgendwann wird das Feuer der Sonne die Erde verschlingen. Da wird es die Menschheit längst nicht mehr geben, und mich, die malende, wegen Dulcineas Tod verzweifelte Mikrobe wird es für das Weltall nie gegeben haben. Wozu also noch malen? Für die Ewigkeit? Das ist für die Katz. Meine Gedanken werden von dem Lied Je t’aime von Serge Gainsbourg und Jane Birkin unterbrochen. Dieser Ohrwurm mit dem Liebesgestöhne plagt mich schon seit Tagen. Und immer wieder packen mich Wut und Verzweiflung, weil der Tod mir Dulcinea entrissen hat. Ich hasse den Tod und sehne ihn gleichzeitig herbei.

Ob ich Dulcinea zu Weihnachten nachfolgen soll? Selbstmord unterm Weihnachtsbaum? Stille Nacht, ewige Nacht? Aber bis dahin muss ich noch ihr Gesicht auf dem Bild verändern. Ich kann ihr das nicht antun, sie der Nachwelt mit einem lieblichen Madonnengesicht zu hinterlassen. Sie war keine heilige Jungfrau Maria. Andererseits, eine Madonna beim Geschlechtsverkehr unter Marihuanastauden? Und dann vielleicht doch mit Weihnachtsmannbart und roter Zipfelmütze, obwohl sich das Ganze im Sommer abspielt? So etwas hat noch keiner gemalt. Doch was würde Dulcinea dazu sagen? Oh weh, ich fürchte, dieser künstlerische Zwiespalt hält mich länger am Leben, als mir lieb ist, und es wird nichts mit mir als Leiche unterm Weihnachtsbaum.

© 2021 Johannes Morschl
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