Nachbarn mit Hund

Von Anna B.

Seit fast schon 40 Jahren habe ich die gleichen Nachbarn im dritten Stock eines Wiener Altbaus. Ein homosexuelles Pärchen aus Ungarn. Beide heißen Sabor. Sie sind ungefähr so alt wie ich. Ich habe mit ihnen in den 40 Jahren keine 20 Sätze ausgetauscht, aber doch einiges von ihrem Leben mitbekommen. Als wir alle noch arbeiteten, kam einer der beiden spätestens um 1:00 Früh, der andere um ca. 5:00 Uhr Früh nach Hause, der gemeinsame Hund wurde von beiden mit überschwänglicher Zärtlichkeit begrüßt, was das Tier mit Bellen erwiderte. Rund um Mitternacht war ich meistens noch wach, um 5:00 musste ich fast jede Nacht auf die Toilette, die sich ganz nahe zur Eingangstüre befindet. Vom „stillen Örtchen“ bekomme ich alles mit, was sich in den Wohnungen neben und unter mir abspielt. Nächtliche Bumserei, Streitereien, Türen knallen, Lachen, die Begrüßungen des Hundes oder nur Stille.
Der erste Nachbarshund, den ich vor 40 Jahren mitbekam, war ein großer Boxer. Er stank, war schon etwas inkontinent, was man auf den Stufen im Stiegenhaus verfolgen konnte und bellte mit krächzenden Nebengeräuschen. Ich begegnete ihm glücklicherweise selten. Es war kein männliches Wesen, sondern eine Hündin mit dem Namen Diana. Ich nannte sie im Gedanken aber immer nur „Hund“. Nach zwei Jahren wurde die Dame eingeschläfert und nach wenigen Wochen machte sich ein etwas kleinerer Boxer mit hysterischem Gekläffe bemerkbar. Wieder begrüßten ihn die Nachbarn beim Nachhausekommen und das Tier reagierte lautstark. Manchmal hörte ich das Ritual bis ins Schlafzimmer. Bald bekam ich mit, dass auch dieses hündische Wesen Diana gerufen wurde. Nachdem dieses Tier nach einigen Jahren krank wurde und das Zeitliche segnete, kam Diane III. ins Haus. Wieder ein Boxer, noch etwas kleiner. Diana III. beschnupperte mich gerne bei seltenen Begegnungen, tat mir aber nichts. Sie war eher ruhig und nett. Auch sie wurde nächtlich liebevoll und laut begrüßt. Mittlerweile hatte ich gelernt, dass beide Sabors Barpianisten sind. Einer in einem vornehmen Hotel in der Innenstadt. Sein Dienst begann am frühen Nachmittag und endete gegen 19:00 Uhr. Der andere spielte in einer noblen Bar, wo er vom späten Nachmittag bis ca. 4.00 Uhr Früh für musikalische Unterhaltung sorgte. Ich ging manchmal an der Bar vorbei, in deren Fenster viele Fotografien von prominenten Besuchern zu sehen waren, auf einigen Fotos lächelte mir der Pianist entgegen.
Diana III. starb an Nierenversagen und wurde von Diana IV. abgelöst. Ein sehr kleiner Boxer, aber diesmal schwarz weiß, eine Gesichtshälfte schwarz, die andere weiß. Ich nannte das Tier „Pirat“. Diana IV. war wohl eine degenerierte Züchtung und hatte mit ihren krummen kurzen Beinchen Schwierigkeiten beim Laufen. Das sah komisch aus, ich hatte aber Mitleid mit ihr, da ich dachte, dass ihr die Krankheit auch Schmerz bereiten muss. Die nächtlichen Begrüßungen wurden eingestellt, ich weiß nicht warum. Ich nehme an, Diana IV. schlief fester und mehr als ihre Vorgängerinnen.
Vor einigen Jahren gingen die beiden Sabors in Pension, ihr Lebensrhythmus änderte sich. Ich sah sie öfter tagsüber mit dem Hund spazieren gehen. Auch ich ging nicht mehr arbeiten. Ich hörte sie tagsüber noch öfter Klavierspielen – meist Barmusik. einer von ihnen gab auch einige Jahre Unterricht. Dann kam Diana die V. Ein sehr kurzes Intermezzo. Seit einigen Monaten teilt Diana VI. mit den beiden ihr karges Dasein. Sabor der Ältere wurde krank, er ist viel im Spital und geht kaum mehr außer Haus, da er die drei Stockwerke nur mehr schnaufend bewältigen kann. Der Jüngere kümmert sich um Einkauf, Mahlzeiten, Gassigehen mit Hündin und manchmal begegnen wir einander in der Apotheke oder beim Arzt. Mittlerweise lächeln wir uns zu und plaudern übers Wetter, scherzen über unsere Wehwehchen und beklagen uns über das Älterwerden. Als wir beide wegen kleiner Gebrechen einander humpelnd auf der Straße begegneten, lachten wir sogar miteinander, Diana sah verblüfft zu.
In der Nachbarswohnung wird nicht mehr Klavier gespielt. Diana bellt fast nie. Die jährlichen Reisen der beiden nach Griechenland und die Besuche in Budapest finden nicht mehr statt. Wie lange werden wir noch Nachbarn sein, wie viele Dianas werde ich noch erleben? Wird Sabor der Jüngere eines Tages allein mit einer winzigen Diana in der großen Nachbarwohnung leben? Wo werde ich dann sein?

© 2022 Anna B.
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