Vater liebt uns

Von Michael Wiedorn

Meine Augen blicken bewundernd aufwärts zu meinem Vater. Die Größe des Vaters reicht weit in den Himmel. Ich bin nichts. Ich schrumpfe in mich zusammen. Schrumpfe, je höher ich in die himmlischen Gefilde aufblicke, in den Dreck. Die strenge Härte des blauen Himmels. Die Augen des Vaters werfen Flammen auf die unter dem Feuer schmachtende Erde.Der Gebieter schlägt mit seinen vor Schweiß im Sonnenlicht glänzenden Armen sein bedauernswertes Opfer. Er prügelt schon seit Jahrtausenden auf das unförmige Fleisch in seinem Griff, das vor langer Zeit mal ein Mensch gewesen ist. Das Stück Fleisch hat schon lange kein Bewußtsein mehr und wird sich nie wehren. Das ist gut so. In der Welt hat alles seine Ordnung. Der Sohn liebt seinen Vater in bedingungslosem Gehorsam. Demut. Des Sohnes Aufgabe ist es aus der Erbärmlichkeit des Zwergen zum Manne heranzuwachsen. Zucht und Dienst machen den Mann zum Mann. Zwischen Vater und Sohn gibt es keine Vertraulichkeiten. Wie kann es denn Vertraulichkeiten zwischen Gott und Wurm geben? Wenn der Sohn sich tapfer und treu seinem Vater würdig erwiesen hat, legt der Vater zärtlich seine schwere Hand dem Sohne auf die Schulter. Der Sohn muß seine ganze Körperkraft zusammennehmen, um nicht unter der Wucht der väterlichen Hand zusammenzubrechen. Den seinem Erzeuger würdigen Sohn erfüllt Stolz. Der Vater ist stolz auf sein Erzeugnis, dem Produkt seines fruchtbaren Samens. Der Sohn blickt seinem Vorgesetzten mit vor nervöser Aufmerksamkeit weit aufgerissenen Augen auf die ihm Befehle erteilenden Lippen, in der ständigen Angst eine Anordnung einmal nicht mitzubekommen. Niemals in die Augen blicken! Niemals! Die auf dem Sprößling lastenden Augen können nach Belieben die Glieder erstarren und verbrennen lassen. Ich darf dem Herrn niemals in die Augen blicken, sonst durchschneidet sein Blick meine Augäpfel wie das Obstmesser den Apfel. Ich werde blind und elend sein. Ein jammernder Bettler im Straßengraben. Die zerrissenen und in ihre Einzelteile zerlegten und zerfetzten Körper der Ungehorsamen pflastern den Weg des Herrschers. Sie hängen mit Nägeln befestigt an Balken und Kreuzen. Die Herrlichkeit und Kraft der Augen meines Erzeugers sollen von überwältigender Schönheit sein, deren Anblick noch nie jemand überleben durfte. Ein göttliches Königsblau.
Der Vater schlägt. Er liebt die Frau, deren Mulde er bluten läßt. Magen und Gedärme ertrinken durch die Stöße des Eisenhebels im Blute. Vater schläft und schlägt ihr haßentbrannt die Seele und alle Organe aus Maul, Arsch und Augen. Der Sohn steht dabei stramm. Es ist gut so. Die Söhne graben Gruben aus, legen sich zur Probe als Leichen hinein, springen fröhlich wieder heraus und schütten sie zu und wiederholen das immer wieder und wieder. Die Söhne sterben vor den Vätern. Vater muß Blut saugen, rülpst dann und wirft dann meinen leer gesaugten Kadaver einfach auf den Müll. Vater erschuf die Welt, die Sterne, die Bäume, die Tiere, die Wüsten und Wälder, die Menschen. Er erschuf mich. Ich verschwinde in den unermeßlichen Weiten, in den unzählbaren Massen der Anderen. Tausende und Milliarden umgeben mich. Ich entschwinde zu nichts. Der Herr sieht jeden Einzelnen ohne Unterlaß. Das ist gut so. Wir wissen ohne zu grübeln jeden Augenblick, welchen Befehl wir auszuführen haben. Uns wurde von der Obrigkeit unser Platz in der Gesellschaft angewiesen. Das Leben hat jetzt einen Sinn.
Ich kann nicht fallen. Nie wieder. Tief in die Mulde. Tief in die Sümpfe, aus denen klitzekleine Totenhändchen jeden Unglücklichen, der ihnen in die Finger kommt, herunterziehen in die Liebe. In die Liebe, die jedes Opfer runter- und einsaugt, bis sich die Knochen und das Hautgewebe aufweichen wie bei Wasserleichen. Zäh wie Leder! Hart wie Kruppstahl will der Vater seinen Sohn. Die Sümpfe schmatzen und stinken geil. Blasen bilden sich und verschwinden. Sümpfe schweigen. Lautlos. Sie sind Spiegel und Spiegelungen. Sie sind Träume. Unzählige, winzige, weiße, glitschige Händchen – gierig und geil. So was gibt es nicht. Ich löse mich auf.
Der zertrümmernde Schlag von Donner und Blitz. Blut strömt mir aus dem klaffenden Schädel. Die brustaufreißenden, herzherausreißenden, vor Haß wahnwitzig bebenden Lippen meines Vaters.
Ich bin geboren. Ich spüre die Härte meines Fleisches.

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© 2022 Michael Wiedorn
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