Zurück ins Feuchte!

Von Michael Wiedorn

Ich überquere die Reling und öffne die nur angelehnte Türe. Beim Eintreten in den Schiffsraum schlägt mir der Mief aus abgestandenem Schweiß und billigem Alkohol entgegen. Schmutzige Unterwäsche auf Boden und Möbeln. Die Rollläden sind heruntergelassen und lassen das Nachmittagslicht nur gedämpft herein. Im Halbdunkel sehe ich auf der Couch den mir zugekehrten Rücken meines Vaters. Seine mir nicht sichtbare Vorderseite – sein Gesicht und sein Bauch – ist aufgerissen und blutet – stelle ich mir vor. Seine langen, fetten Haare breiten sich auf dem Polster aus. Ausgebreitete Frauenhaare verwandeln sich in die Fangarme einer Spinne. Mein alter Ekel vor ihm. Seine bleich gelben Finger an seinen verzwergten Händen strichen mir als Kind über das Haar. Seine zuckersüße Freundlichkeit verbarg seine alles Leben einschläfernde Gleichgültig- keit. Seine Hände sind krankhaft eingeschrumpft und so winzig wie die einer Spielzeugpuppe, aber gelenkig und beweglich wie die Beinchen einer aufgeschreckten Spinne. Käseweiß und schwitzend. Das gleichmäßige Einatmen und Ausatmen hört abrupt auf. Abtötende Stille. Lebt mein Vater noch? Die Leiche ist eine Puppe. Der Tote erwacht. Er spürt, daß jemand da ist. Er dreht sich um und starrt mich an.
Mein Sohn steht vor mir. Er hat sich während meines Schlafes hier eingeschlichen. Groß und aufrecht blickt er auf mich herab. Er verachtet mich! Seine metallisch kalten, blauen Augen tasten den Raum ab wie einen Mordtatort. „ Was willst du hier“ – höre ich meine Stimme, über deren Härte ich selbst erschrecke. „Hatte hier in der Gegend zu tun“ – brummt er. Mein Sprössling setzt sich auf einen der Sessel vom Sperrmüll. Brennnessel wachsen aus dem immer leicht feuchten Polster. Ratten springen aus den Sprungfedern. Sein kraftstrotzender Körper ekelt sich, sich auf diesen von unsichtbarem Leben wimmelnden Sitz zu platzieren. Ich kann mir ein leises, boshaftes Kichern nicht verkneifen. Er zuckt zornig zusammen. Die bösartige Kälte seiner Augen stößt aus den Höhlen um mich zu töten. Sein geschorener Schädel ist blond und klobig.
Ich bin wieder zu Hause. Zu Hause im Feuchten. Ein schmutzstarrendes Schiff, das seit Jahrhunderten nicht mehr fahrtüchtig ist. In brackigem, schwarzem Wasser. Die Innenräume sind seit ewig von jeder Außenluft abgesperrt. Der Körper meines Vaters ist noch aufgeschwommener. Alkohol zersetzt das Fleisch, verwandelt den Körper in Schwamm. Schwamm verseucht Mauern, bis sie einstürzen. Fleisch im Wasser verliert seine Dichte und jeden Zusammenhang. Der Mensch ist ein Gewebe aus unendlich vielen Zellen, die sich immer weiter voneinander entfernen. Arme lösen sich vom Rumpf. Beine lösen sich vom Rumpf. Viele Herzbruchstücke, viele vereinzelte Magenbröckchen treiben ratlos im Sumpf. Mein Vater war früher ein Mensch und hat sich in einen alles vergiftenden Schimmelpilz verwandelt. Am Ufer zwitschern fröhlich die Ratten im Schlamm zwischen leeren Konservendosen und schmierigen, abgestellten Küchenmöbeln. Der Fluß stinkt nach verfaulten Eiern. Schmutzig grün verfärbten Eiern.
Mein Sohn sitzt breitbeinig im Sessel. Sein Körper ist zu groß für den Sessel. Er ist zu groß für die Welt, für die Mitmenschen. Mein Sohn erschlägt die Erdkugel. Seine Gegenwart erstickt mir den Atem. Seit dem Ende seiner Kindheit erschreckt er mich. Er ist fremd. Er tritt mir überall, wohin ich auch gehe, als Feind entgegen. Eine Riesengestalt, die jede meiner Handlungen abwürgt. Die eiserne Härte seiner Stimme prügelt auch auf andere Menschen ein. An einer kahlen Steinwand schlagen sie sich ihre Schädel blutig. Seine Gewalt löscht ihre Gesichter aus. Raub, Körperverletzung, Totschlag. Man hat ihn mal wieder aus seinem Käfig freigelassen. Er liebt keine Frauen und hat weder Kinder noch Freunde. Eine Mauer. Er hat nicht den geringsten Grund so auf mich herabzublicken. Er nicht! Er ist zur Freiheit nicht fähig. Ein wildes Tier muß mit Peitsche und Ketten gezähmt werden. In Zuchtanstalten werden die Sträflinge in Ochsenpflüge gespannt und müssen wie Tiere auf den Äckern schuften. Beim Ausgeprügeltwerden brüllen die Männer wie Stiere im Schlachthof. Sie werden als gefährliche Verbrecher in die Zuchtanstalt eingewiesen und werden in Ochsen verzaubert auf dem Viehmarkt verkauft. Während der Abrichtung sind ihnen Hörner gewachsen. Ihre schon vorher rohen Gesichter verlieren ihre sowieso unterentwickelte Menschenähnlichkeit und wachsen und vertieren wie ihre klobigen Körper. Ihre riesigen Tierkörper werden in Ställe gesperrt. Mein Sohn vertrieb jede Frau mit seiner Schroffheit von mir. Er handelte nie. Er war in ihrer Gegenwart bösartig stumm. Er starrte sie nur haßerfüllt an. Eine eiskalte Wand zertrümmert jedes warm durchblutetes Leben.
Das Haar meines Vaters ist grau geworden. Seine Haut ist weiß. Er ist tot. Nichts geschieht. Nur die Wogen schaukeln das stillstehende Schiff. Er schläft, wacht irgendwann auf und starrt vor sich hin. Ratten huschen durch das Gesträuch. Sind Ratten wirklich wach? Die Jahre vergehen mit Fressen und Hin – und Herrennen. Mein Vater streicht mit den bleichen Spinnenbeinen seiner Hand das wild wuchernde Gewebe seiner Haare aus dem Gesicht, als wolle er zum letzten Male versuchen nicht zuzuwachsen. Das Gewächs überwuchert sein Gesicht und Rumpf und Glieder. Er kann sich nicht mehr rühren. Eine steinalte Frau ist unter dem sich immer mehr verdichtenden Gewebe aus dem Dreck, aus mit Benzin versetztem Sumpfwasser aufgestiegen. Aus Tierdünger. Am Horizont brennt der Himmel wie in der Morgenröte oder bei Luftangriffen. Ich bin nach langer Wanderung nach Hause zurückgekehrt. Haare treiben im Wasser. Dichtes, wucherndes Gewebe.

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© 2022 Michael Wiedorn
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