Wart auf mich

Von Renate Schiansky

Wart auf mich, sagt die Mutter, und das Kind kauert sich unter der Kellertreppe auf einen umgedrehten Pappkarton. Der Karton trägt es leicht, denn das Kind wiegt nicht viel. Es ist, wie so viele in diesen Tagen, viel zu klein und zu leicht für sein Alter. Das dünne blau geblümte Sommerkleid schlottert um seine knochigen Schultern. Das Kind zieht die Beine an, verschränkt die Arme um die Knie und lauscht dem Donner der Kanonen in der Ferne, dem Sirren der Bomben, dem Krachen der Schüsse.
Wart auf mich, sagt die Mutter immer, jeden Tag, manchmal öfter als einmal. Dann verschwindet sie hinter einer großen dunklen Türe, für eine halbe Stunde, für eine ganze. Wenn sie wieder herauskommt, riecht sie nach Schweiß und nach etwas anderem, unangenehmen. Aber immer bringt sie etwas mit; einen Laib Brot oder ein Stück Käse, ein paar Eier oder etwas Zucker. Und sie drückt das Kind an sich und küsst es zu Hause in der kleinen Kammer erzählt sie wundersame Geschichten von der Zeit, als Friede war.
Wart auf mich, sagt die Mutter abends, wenn es dunkel wird, und sie deckt das Kind zu und streicht ihm übers Haar. Das Kind schließt die Augen und liegt still, bis die Türe ins Schloss fällt. Dann setzt es sich auf, zieht die Beine an, verschränkt die Arme um die Knie und lauscht dem Donner der Kanonen in der Ferne, dem Sirren der Bomben, dem Krachen der Schüsse.
Wart auf mich! hat die Mutter gesagt.
Und das Kind wartet
wartet
wartet

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