Schnipseljagd

Von Hans Peter Flückiger

Die kursiv geschriebenen und in <spitze Klammern> gesetzten <Papierschnipsel> sind aus der Wegleitung zur Kunstausstellung «Réserve du Patron, Arbeiten auf Papier – Aus den Erwerbungen 1998–2021»* ausgeschnittene Textfragmente. Nach den Anweisungen für «ein dadaistisches Gedicht» von Tristan Tzara in «7 Dada Manifeste»** wurden diese zufällig aneinandergereiht und durch Ergänzungen von mir in einen neuen Text integriert.

<Licht und Dunkel> gehören zum Leben.
Ebenso <die positiven wie negativen Erlebnisse> jedes Individuums.
Jedes trägt <seine eigene „Handschrift„> , ist wie ein Puzzle,
bestehend < aus der 30-teiligen Arbeit> eines Künstlers,
welche < den Anspruch > erhebt –
versehen < mit einem Datums-Stempel>– relevant für die Dokumentation
<menschlicher Existenz> zu sein.
In dieser verbinden sich <Fülle und Leere> zu einem
kosmischen, < mit farbigen> Punkten versehenen Nirgendwas,
den Eindruck eines interstellaren <Kompendiums> erweckend,
um <als Gegensatz> der menschlichen Vernunft ein Zeichen zu setzen.

Was hat <gerade in dieser> Zeit diese Aktion zu bedeuten?
So etwas war <in der Amtszeit> des jetzigen Grossmoguls in keiner Weise zu erwarten.
Wie verschneite Berge stapeln sich die <Stempel-Hefte> vor ihm.
Die herrschende Stille im grossen Zelt <wirkt vorerst> gespenstisch.
Akbar l. lässt sich Zeit, bis er endlich <eine Auswahl> trifft.
Und das Staunen unter den Gästen ist gross,
als sich unter die Auserwählten <auch einige Tiere mischen> .
Dann – endlich! <ein besticktes Leinentuch> wird ausgebreitet.
Nicht einfach so, <sondern nach> Llanfair Pwllgwyngyll ausgerichtet.
Sphärische Klänge erfüllen den Raum, <unter> dem Leintuch beginnen sich Gliedmassen zu bewegen.
Der Schreiber des Moguls erhebt sich und protokolliert das Geschehen <auf Papier> . Wie üblich mit goldener Tinte.

Das <mutet> seltsam an.
Überall liegen <Zeichnungen> auf dem Boden.
Das ist <ein ganz besonderes und persönliches> Benehmen.
Da ist die Frage berechtigt, <von> wem sie das wohl gelernt haben mag.
Es scheint, dass dieses Verhalten aus der Zeit stammt, <die sie als> Volontärin im Kunstmuseum Solothurn verbracht hatte?
Die <Realisierung> der Inszenierung erinnert offensichtlich an das Verhalten des scheidenden Konservators.
Sie ist aufgebracht. <«Erfüllen sie> doch selbst diese hohen Anforderungen», wehrt sie sich vehement gegen die drohenden Vorwürfe.
Nur schon die heterogene Gleichförmigkeit <aufeinander zu beziehen> sei anspruchsvoll.
Dabei sei noch kein Wort über die Schwierigkeit gesagt, dabei <auf einem Schlafsack> zu sitzen.
Daher lasse sie sich <in diesen> schweren Zeiten gegebenenfalls nicht davon abhalten,
nötigenfalls <die Exponate> rot anzustreichen.

Ich habe die Situation analysiert und meine Folgerungen kurz <zusammengefasst> .
Dabei handelt es sich um das Fazit <eines intensiven Prozesses>.
Nur schon in den akribisch <geführten Heften> lässt sich ein unermesslicher Fundus fundamentaler Erkenntnisse finden.
Seite für Seite ist übersichtlich <gegliedert> . Wäre man in einem Weinkeller
würde man sagen, hier wird ein <Réserve du Patron> kredenzt.
Alles in allem ist es unbestritten, dass es sich dabei um ein <eigenständiges Modell> handelt.
Im Vergleich <sind andere so irreal> , dass man Zweifel bekommen kann,
ob die <halbtransparenten> Exemplare von gleicher Qualität sind , oder es sich um Betrug handelt.
Sollte sich dieser bewahrheiten, wäre es mehr als eine <«Comédie humaine»>, welche da gespielt wird.
Daran ändert auch nichts, dass der Macher explizit <festgehalten hat> , seine Hände in Unschuld zu waschen.
Unbeantwortet bleibt einzig die Frage, wie <die den Charakter> so schnell verändern konnten.

* Kunstmuseum Solothurn, Graphisches Kabinett, 19.06. bis 26.09.2021
** Verlag Lutz Schulenberg Hamburg, 1984

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