Der Einzige

Von Michael Wiedorn

Es war ein Bruch mit meiner Kindheit. Ich rückte Ende August in das Internat ein. Einrücken ist der richtige Ausdruck. Ein Rekrut, der in die Armee einrückt, ein Sträfling, der seine Haftstrafe antritt. Der Eintritt ins Kollektiv. Fremde, mir feindlich eingestellte Jungs. Der kalte Blick starker Junglöwen wird mich mustern und mich als Schwächling ausmustern. Sie werden mein Blut lecken. Wir alle werden unter der strengen Aufsicht von Patres stehen. Ich fühlte mich zu kindlich um aus dem verwunschenen Garten meiner Kindheit vertrieben zu werden. Kriechen im Paradies Giftschlangen und wachsen dort giftige Pflanzen? Paradiese sind tödliche Fallen, die zuschnappen. Die schwülen Gase des Parks stehlen dem eingesperrten Kind den Atem. Die Zeit ist zu Blei erstarrt.
In einem Traum stand ich in meinem Elternhaus an der Türe zu meinem Zimmer. Drückende Sommerhitze. Ein wurmlanges, braun felliges Tier mit Rattengesicht und buschigem Schwanz kroch über den Fußboden. Vielleicht wächst es und greift mich plötzlich an. Ich fürchtete mich vor dem Wesen und wollte es töten, aber der unsägliche Ekel lähmte mich zur Salzsäule. Meine Mutter trat mit festem Schritt ins Zimmer, packt das Ungeheuer am Fell und wirft es kurz entschlossen zum geöffneten Fenster hinaus. Beim Aufprall auf den Straßenasphalt verwandelt sich das Monster in einen feuerroten Vogel, der hoch flattert. Schleunigst schließt meine Mutter das Fenster. Der seltsame Vogel flog wild flügelschlagend zu unserem Fenster zurück und durchdrang mühelos die Glasscheibe. Das Fensterglas zerbrach nicht.
Hätte meine Mutter zu dem Viech sagen sollen: „Wie geht es Ihnen? Herzlich willkommen in meinem Heim!“? Ihr entschiedenes Verhalten drückte eher aus: „Kann es nicht geben, weil es nicht geben darf.“
Mein Internat befand sich im Ausland – in der Schweiz. In der Nähe von Sankt Gallen. Ich empfand Erleichterung, Befreiung. Die Fenster meines neuen Heimes sind weit geöffnet um die Weiten des Himmels reinzulassen. Frische Winde vertreiben den schwülen Gestank der Stagnation. Die Wolken ziehen weiter in die Ferne.
Ich empfand Unbehagen und Furcht. Der Sommer war im Vergehen. Es war schon etwas kühl und das Tageslicht bedeckt. In der Ostschweiz erstreckt sich eine Hügellandschaft. Buntes Laub. Die Wiesen waren feucht.
Am Morgen wurden wir um sechs Uhr früh geweckt. Am Fenster befand sich das Waschbecken für alle drei Mann im Zimmer. Zwischen Türe und Waschbecken standen die Schränke für unsere Habseligkeiten. Über unseren Betten hing ein Kruzifix – ein hellbraunes Tongebilde ohne dazugehörendes Männchen. Am ersten Morgen wurde ich vom Schreien und Keuchen und Brüllen der Susi Quatro geweckt. Sie stürzte mich aus süßem Schlummer auf den härtesten und kältesten Betonboden. Ich kämpfte mich aus dem Bett. Die Welt ist kalt und fremd. Unten im Keller befanden sich die Duschen. Hier in der Fremde mußte ich mich gut waschen mit viel Seife, sonst falle ich durch Gestank auf, sonst bin ich ein Objekt der Verachtung. Dunkelblau hing über der feuchten Morgenlandschaft. Ich fröstelte. Der Tag begann in gekachelten Räumen, von kalt leuchtenden Neonröhren ins Helle gerissen. Die eisigen Wasserstrahlen vertrieben den letzten Traum.
Jetzt begann ein fader Werktag. Unterricht, kleine Pausen, Mahlzeiten im großen Speisesaal, nichts. Ständig war ich den Augen unzähliger Fremder ausgeliefert. Überwacht von den strengen Blicken der Patres. Niemand durfte wissen, dass das in mir vorging.
Der Rasen um das Schulgebäude herum senkte sich auf der Südseite als Abhang zu einem breiten, asphaltierten Weg, der zur Autostraße führte. Gegenüber erstreckte sich ein verwahrloster, dicht bewachsener Park, in dem eine schlossartige Villa aus der Gründerzeit lag. Ich sah nie Leute im Garten oder im Haus. Nur Disteln und Brennnesseln wucherten. Niemand wusste etwas über das Haus.
An freien Tagen spazierte ich über Wiesen zu alleinstehenden Bauernhäusern im Appenzeller Stil. An einem Nachmittag fiel bei meiner Anwesenheit ein riesiger Hofhund in schäumenden Hass. Ich sah ihn nicht, aber es muß der reinste Höllenhund gewesen sein. Sein hysterisches Bellen, Jaulen, Keulen, Fauchen. Hundertköpfig und feueräugig. Jeden Augenblick kann er sich vor mir aufbauen. Er würde mich anfallen und ich würde mit zerrissener Fresse und schweren Bisswunden jetzt bei der einbrechenden Nacht auf dem einsamen Feldweg unbemerkt verrecken.
Könnte man mich mit herunter gerissenem Gesicht und bluttriefenden Bisswunden morgen identifizieren? Mein Körper wird sich in Blut auspulsendes Fleisch verwandelt haben. Ich werde spurlos verschwunden sein. Meine Mutter wird einen Sohn gehabt haben.
Als Kind fürchtete ich mich grauenhaft vor Hunden. Als Dreijähriger war ich im Hause eines Onkels allein mit einem Boxer. Ein strammes Tier, dass immer voller Lust dicke Schleimklumpen durch die Gegend schleuderte. Ich hockte zitternd auf einem Fensterbrett. Das Monster bellte vor Zorn verrückt geworden unter mir und versuchte zum Fensterbrett hoch zu kommen. Die Lust an der Macht treibt die Tiere in den Wahn. Er hatte einen Heidenspaß mit mir gehabt. Er hasste mich.
In der Reihenhaussiedlung, in der ich aufwuchs, gerieten bei meinem Anblick sämtliche kleinen Pinscher in Verzückung. Der berüchtigte Wille zur Macht. Unter einem schwarzen, von Schweiß und Blut ganz nassem Fell bewegen sich die Muskeln und schlägt das Herz. Die Köder hielten mich in Schach und kläfften, was das Zeug hielt. Viele kleine, zahme Mitbürger lieben es für Ungeheuer gehalten zu werden.
Hier auf dem Feldweg rannte ich. Ich rannte um mein Leben. Je näher ich dem behütenden Schulgebäude kam, desto langsamer wurde mein Lauf. Beim Betreten des Internates spürte ich meine Unabhängigkeit. Ich habe gefährliche Abenteuer überstanden. Ich brauche die beschützenden und mich umhegenden und würgenden Arme der Heimat nicht mehr. Der Alltag eines behüteten Kindes ist sehr eng und gleichmäßig. Ich war ich selbst. Ein eigenständiger Körper kann nach Belieben Räume durchqueren. Von dem Bauernhof mit dem Hund wäre ich gerne immer weiter nach Norden nach Rorschach gewandert und wäre über unzählige Wiesen und Höfe am Bodensee gelandet. Von der Schule aus konnte man an freien Tagen das deutsche Ufer sehen. In der Ferne blinkt ein heller Streifen Wasser, dahinter grüne Uferhänge. Aus der Ferne sehen die Hänge eher schwarz aus.
Niemand durfte wissen, dass das in mir vorging. Zwischen meinen Beinen wurde etwas immer wieder hart und eine eiterähnliche Flüssigkeit floss aus. Giftig und nass. Ein ganzes Jahr unterdrückte ich diesen Vorrang vollständig. Ich berührte auch nie dieses fremdartige Fleisch zwischen meinen Beinen. Eine kranke Geschwulst. Ich presste meine Schenkel zusammen. Fest zusammen klemmen, damit die Wucherung zerdrückt wird. Dann entlud sich der Saft. Kränklich bleicher Eiter. Die Eichelhaut entzündete sich. Eines Tages entschloss ich mich voller Angst einen Arzt aufzusuchen. Die wunde Eichel brannte schmerzhaft. Rot-feuerrot. Vielleicht zeigten sich hier die ersten Symptome einer tödlichen Krankheit. Diese Krankheit befiel nur mich alleine. Sie wird mich aus aller Gesellschaft ausgrenzen.
An den Wochenenden saß ich im verlassenen Zeitschriftensaal. Das ganze Internatsgebäude war totenstill. Nichts Betrüblicheres als leere Korridore und Säle, die man sonst mit Stimmengewirr und geschäftigem Gerenne kennt. Viele Mitschüler waren an diesen Wochenenden nach Hause gefahren. Niemand war hier unterwegs. Die Abenddämmerung brach an. Der dunkelblaue Himmel wurde immer dunkler. Ich schaltete kein Licht an. Der Lesesaal wurde von draußen – von den Straßenlaternen – erleuchtet. Manchmal überströmte das Scheinwerferlicht vorbei fahrender Autos den Raum. Die Autos fuhren in die Stadt oder verließen sie. Ich hörte nur das gleichmäßige Rauschen der Fahrzeuge, deren gelbe Lichter die dunklen Winkel aufscheuchten. Die großen Fenster des Saales sahen auf der der Straße abgewandten Seite auf eine große Rasenfläche, die jetzt vom Dunkel völlig verschluckt war. Ich saß am Tisch am Fenster zur Straße mit zusammen geklemmten Schenkeln da und wippte gleichmäßig zu den gleichmäßigen Verkehrsgeräuschen und betrachtete in einer Zeitschrift oder einer Broschüre Fotos von jungen Arbeitern – Schlosser oder Maurer – die gleich alt oder etwas älter als ich waren. Ich stellte mir mit ihnen keine Berührungen oder gar Zärtlichkeiten vor. Immer nur das gleichmäßige Rauschen der Autos. Meine Objekte waren erstarrt. Ich wagte es nicht meinen eigenen verkümmerten Körper abzustreifen und in ihre kraftvollen Körper zu steigen. Auf der Titelseite einer Broschüre einer Kantonalbehörde über die Geschichte des schweizerischen Sozialwesens waren Straßenarbeiter im Alter zwischen 15 und 25 Jahren mit nacktem Oberkörper oder in Arbeitsdrillich abgebildet, die mit Eisenzangen ein Gleis aus dem Boden zu lösen versuchen. Ein Junge hielt aus Anstrengung den Mund halb offen und die Zunge an die Oberlippe. Schöne, füllige Lippen. Die Muskulatur des ganzen Körpers war bis zum Zerreißen angespannt. Fleisch verwandelt sich in Eisen. Der Rücken musste sich für die Arbeit tief bücken. Der Samen spritzte mir mit einer Explosion zwischen den Schenkeln.
Ich bin einsam. Von allem Leben abgetrennt im dunklen und verlassenen Schulgebäude. Licht und Leben fanden weit draußen in der Welt statt, ohne je mich einzubeziehen. Niemand weiß von mir. Immer das gleichmäßige Rauschen von der Straße her. Wo sonst im Alltag Lärm und Geschäftigkeit toben, versank jetzt alles in einer traurigen Stille. Ich mochte dieses Dunkel. Ich fühlte mich frei und ungebunden und als Besitzer der ganzen Schule. Bereit in seltsame Träume abzutauchen.
Einen großen Teil des Wochenendes verbrachte ich in einem Zimmer mit großen Stahlrohrsesseln mit orange-roten Polstern, in die ich lesend versank. Die Polster rochen immer leicht abgestanden. An einem Sonntag las ich fast die ganze „Schuld und Sühne“. Ich schleppte mich mehrere Monate lang durch „Krieg und Frieden“. Ich kam und kam nicht voran und konnte mich nicht für die vielen Familien- und Heiratsangelegenheiten erwärmen. Es muss wohl ein dummer Trotz gewesen sein, daß ich nicht aufgegeben habe. Die tief verschneite Villa auf dem Nachbargrundstück. Ein russischer Landsitz im 19. Jahrhundert. Ich las viele amerikanische Thriller – Highsmith, Millar, Slesar. Der Schulalltag ist fade. Romane aus Südamerika von Andentälern und verfaulten Städten am Amazonas. Ich las über Drogen. Riten in Afrika, in Träume versunkene Opiumraucher in viktorianischen Parks, das San Francisco der Hippies. Auf einem Gemälde von Magritte breitet ein aus dunklen Sturmwolken gebildeter Vogel seine Flügel über dem Meer aus. Unheilverkündend über den aufgewühlten Wogen. Der Himmel ist sommerlich hellblau mit Schäfchenwolken. Die Welt ist eine hohle Fassade aus klar konturierten Dingen, die Sicherheit vortäuschen. Diese Fassade wird sich gleich in nichts auflösen. Eine klaffende Leere.
Ich las eine Erzählung von Lovecraft. Ein Junge lebte vereinsamt in einem zugewachsenen, verfallenen Schloß. Er kannte nichts anderes. Es gibt keine Außenwelt. Fiebrige Windstille. Stille und Staub. Er weiß nichts über sich und hat noch nie andere Menschen gesehen. Nirgends konnte man sich spiegeln. Das Kind war glücklich aus Unkenntnis. Eines Tages packte ihn die Neugier. Er öffnete eine Klappe und stieg nach oben. Sein bisheriges Leben fand anscheinend im Untergrund statt. Er stieg in exakt das selbe Schloß auf, in dem er bisher gelebt hatte. Nur war hier alles noch in ganz neuem und frischem Zustand. Es wurde gerade ein Fest gegeben. Der Junge betrat den Festsaal. Bei seinem Anblick packte die Gäste das Grauen. Alle Gespräche verstummten auf einen Schlag, die Leute wichen vor ihm zurück und erstarrten entsetzt. Er stand vor einem Spiegel. Ein verwestes Wrack kam auf mich zu. Es streckte den Arm aus und ich stieß mit der Hand an das Spiegelglas. Es war Wirklichkeit. Das war ich. Ich kehrte in die verstorbene Gegenwart meines zerfallenen Schlosses zurück. Ich wußte von mir. Das Fest hatte lange vor meiner Geburt stattgefunden.
In der Internatsbibliothek gab es auch ein dickes, schwarzes Buch. Kriminalität und Psychiatrie. Ein Nachschlagewerk für die bunten Orchideen seelischer Seltsamkeiten. Vergilbtes Papier. Hatte das Buch schon vor mir einige Leser? Hebephrenie, Algolagnie, Koprophagie, Veitstanz. Eine nächtliche Ausfallstraße bei Wien in den frühen Fünfzigern. In diesem Buch sah ich das erste Mal die Zeichnung eines Schizophrenen. Das heilige Schweißwunder in der Einlegesohle. Der Künstler fand eines Tages in seiner Einlegesohle diese Zeichnung. Sie ist ihm von Gott in den Schuh gelegt worden. Gesichter erscheinen, die wieder verlöschen. Unirdische, halluzinierte Gestalten, darunter Jesus Christus, der zwei Latschen an seine Stirn hält und mich anblickt.
Kurz vor dem Eintritt ins Internat besuchte ich einen Großonkel in Hamburg. In seinem Arbeitszimmer las ich in einem Buch, dass Jeder jede Nacht träumt. Meistens weiß der Träumer beim Aufwachen nichts davon. Ich träume. Ich träume nie, sondern ein Anderer, der uneingeschränkten Zugang zu meinem Innersten hat, lenkt meine Vorstellungen. Lenkt er auch meine alltäglichsten Gedanken? Dieser Andere haust im Inneren wie ein gefräßiger Krebs. Sind Krebsgeschwülste Traumprodukte?
Das Arbeitszimmer meines Großonkels mit seinen riesigen, schwarzen Ledersesseln, die Regale aus schwerer, dunkler Eiche sperrten mich in eine tödliche Falle. Meine Stimmung war den Rest des Hamburgaufenthaltes verdüstert. Mein Großonkel versuchte mir klar zu machen, dass sich meine Mutter seltsam verändert habe. Sie solle zum Arzt. Bei der neurologischen Untersuchung stellte sich heraus, daß sich ein Tumor in ihre Hirnwindungen eingenistet hatte.
Der Direktor des Internates war ein kleiner Mann mit Brille und Glatze. Ein ganz kleiner Mann. Ein rot-blonder Haarkranz zog sich um seinen Kopf. Er war schon in den Fünfzigern, aber sehr mager. Bei Auseinandersetzungen mit Schülern blickte er zu seinem Objekt mit aufgerissenen, empörten Augen hoch, legte die Stirn in Falten und hielt dabei wie manche Hunde den Kopf schief. In seinen Augen flackerte etwas, das ich als Angst deutete. Er wurde nie laut. Ein zu klein Geratener, der der Welt die Stirn bot und moralisch immer im Recht war. Ohne die stahlharte Entschlossenheit notwendige und gerechte Strafmaßnahmen zu verkünden und vor allem zu vollstrecken, hätte man ihn für einen Hausmeister gehalten. Im Hausmeisterkittel und mit Besen in der Hand. Ihm war das mit grausamer Klarheit bewusst. Er hasste Jugendliche mit ihrer Kraftprotzerei, mit ihrer Unreife, ihrer auftrumpfenden Unvernunft. Alte und Kranke zeigen Dankbarkeit für das Gute, das Ihnen angetan wird. Er unterrichtete Latein und Musik. Wir lernten Trink- und Studentenlieder. „Gaudeamus igitur“. Lieder der Lebensfreude. Dir gefallen diese Lieder nicht? Du wagst es zu sagen, diese Bekundungen der saubersten Freude sei Müll? Du beleidigst unseren Herrn Pater Direktor.
Die Schule veranstaltete außerdem „fetzige“ Jazzmessen. Ich musste nicht regelmäßig zum Gottesdienst, da ich Protestant war. Der katholische Ritus war auf das modern Sachlichste reduziert. Viele von der Gitarre begleitete Spirituals. Der Priester trug ein Messgewand aus schmucklosem, grauem Leinen. Ich wäre durchaus dafür auf Messgewänder Werbung für Coca Cola oder VW anzubringen. Der Grundsatz: „Glotzt nicht so romantisch!“ Es wirkte wie eine Pfadfinderveranstaltung. Der Kirchenraum war weiß getüncht und strahlte im nüchternen Alltagslicht. Bunte Glasfenster. Ein Kruzifix aus Ton oder solchem Zeug. Zwei gekreuzte Würste symbolisierten den Leib Christi. So genau will man das auch nicht wissen. Die von der Schafherde geblökten Songs waren Muntermacher. Abba oder die Oberkrainer hätten hier auch hergemusst. Die Pfaffen sehnen sich danach von der progressiven Jugend als up to date respektiert zu werden. Werbefernsehen ist heiliger. Die Gemeinde stand auf und grölte: „Kinder lieben Haribo“ und Hochwürden antwortete: „…und Erwachsene eben so!“ „Dank Herr, für unser täglich Brot!“ – plärrte die Herde und pflanzte sich auf ihre Plätze. Der Herr Pater Direktor hielt eine Predigt über die Herrlichkeit und Erhabenheit unseres Herrn Jesus Christus, daß es der Jugend in Afrika nicht so gut ginge wie uns. Über den Hunger, die Kriege in aller Welt. Die Negerbabys. Wir dankten schließlich, dass er die Welt so herrlich eingerichtet hatte und überlegten uns, was es zum Sonntagmittag zum Futtern gibt. Man hat sich halt an gewisse Phrasen gewöhnt.
Einen Schüler hat der Herr Pater Direktor wegen seiner allgemeinen Haltung der Schule verwiesen. Die Haltung ganz allgemein. Es lag eigentlich nichts Bestimmtes vor. Vielleicht die Sommersprossen, die roten Locken. Seine Stupsnase wirkte kindlich albern. Er war ein Prinz von Württemberg. Mitten während des Unterrichts brach er in hemmungsloses Kichern aus. Der Herr Pater Direktor erwartete Respekt von seinen Schutzbefohlenen.
Im Zimmer, in das ich als Neuling eingewiesen wurde, wohnte ein spottlustiger, kleiner Basler. Er parodierte die Dialekte und Sprechweisen der Anderen. Mit seinen langen Haaren, seinem sanften Gesicht und seiner quäkenden Stimme, die im Eifer des Losquatschens ins Mickymaushafte umkippte, wirkte er wie ein kastrierter Zwerg. Wegen seiner dauernden Lustigkeit mochten ihn die Mitschüler.
Mit uns im Zimmer wohnte noch ein kräftiger, ernsthafter Junge. Dessen Stahlrandbrille gab seiner Erscheinung Autorität und etwas Sachliches. Seine bleiche Haut war mit unzähligen, winzigen Pickeln übersät, die nicht unreinlich wirkten, sondern eher seine überschüssige Samenproduktion anzeigten. Er wirkte gesund und hart. Leistungsfähig in Schule und Sport. Vielleicht ist er ein erfolgreicher Ingenieur für große Staudammprojekte geworden. Er hatte das Charisma eines Jugendführers. Der große Bruder, der die Jüngeren und Schwächeren ins Licht der Mannheit führt. Ich fühlte das nur verschwommen. Er war für mich leicht zugänglich. Ich wollte aber nicht der Schwache und Kleine sein, dem geholfen werden muß. Mein Zimmergenosse kitzelte mich öfters. Mir wurde ganz heiß. Ich mochte es nicht, wenn er mich kitzelte. Ich lachte und meckerte dann wie eine Ziege. Mein Körper zwang mich zu lachen, auch wenn ich garnicht wollte. Ich wälzte mich auf dem Boden.
Ein anderer Mitschüler, der wegen eines Mopeddiebstahles aus der Schule geschmissen worden war, besuchte nach seiner Entlassung die Schule. Er hatte jetzt eine Maurerlehre begonnen. Er war jetzt ein gewöhnlicher Arbeiter. Die Schüler standen um ihn und fragten, was aus ihm werden soll. Wegen seines Verfahrens und seiner Lehre. Muß er ins Gefängnis? Die Türe öffnete sich und der Sohn eines schwäbischen Bauunternehmers betrat den Raum. Ein dicklicher Junge mit pechschwarzen Schweineborstenhaaren und immer mit klotziger Sonnenbrille erschien. Die Selbstgefälligkeit eines Sprösslings eines protzenden Mercedesfahrergeschlechtes. „Kriminelles Gschwörl“ – rief er ohne jemanden anzublicken. Unser ehemalige Kollege schluckte schwer und sein Gesicht versteinerte. Er verschluckte seinen Zorn. Der schwäbische Schweineborstenkopf setzte sich selbstzufrieden an seinen Tisch um seine Schularbeit zu erledigen.
Eines Tages ging die Türe meines Zimmers einen winzigen Spalt weit auf. Lesend saß ich auf meinem Bett. Ein schneeweißes Kindergesichtchen betrachtete mich vorsichtig durch die Luke. Das Kindwesen fühlte sich jetzt sicher und schlüpfte blitzschnell in mein Zimmer. Ein dürrer Junge. Vorgebeugte Körperhaltung. Eine kugelrunde Stirn. Sanfte, blendend weiße Babyhaut. Verschmitzte, aber kindlich reine Augen wie eben aus Mamis Bauch geschlüpft. Seine krächzende Stimme war noch von keinem Stimmbruch geschändet. Er stotterte. Er musste jedes einzelne Wort regelrecht aus dem Bauch herauspressen. An manchen Silben blieb er hängen. Seine Äuglein blitzten fröhlich. Er frug mich, ob ich Comics habe. Man sah ihn immer ratlos durch die Korridore geistern. Er fand nie Ruhe. Eine leere Unruhe. Niemand konnte mit ihm etwas anfangen. Er fühlte sich aber besonders zu mir hingezogen. Ich befürchtete, daß er sich in mir wieder erkennen konnte. Das kränkte mich. Hinter seiner Idiotie spürte ich Verstand. Er hatte mehr Vertrauen zu mir als zu den Anderen. Wollte er meine Freundschaft? Die Verletzlichkeit eines ungeschützten Säuglings. Babys darf man nicht weh tun.
Ich lockte ihn in einen abgelegenen Kellerraum und blitzschnell verschloß ich hinter ihm die schwere Eisentüre. Er trommelte mit seinen kraftlosen Ärmchen gegen die unbarmherzige Türe und begann hemmungslos zu heulen. Ein sanftes Kaninchen schmiegt sich zutraulich an meinen Körper. Es sucht Schutz. Es liegt tot in einer Blutlache. Die roten Tieraugen.
Ein watschelnder Junge mit Fistelstimme war eine Klasse unter mir. Kurz geschorene Haare. Schwarz umrandete Hornbrille mit Panzergläsern. Seine Augen waren durch die ungeheure Glasdicke überdimensional vergrößert und verzerrt. Ein kubistisch verzerrtes Gesicht. Er sprach in hellem Singsang und wippte dabei, daß ich dachte: jetzt singt und tanzt er gleich. Ein Kastrat. In der ganzen Schule waren wir drei mit Abstand die Schlechtesten. Auch der sonstige Unterricht überforderte uns. Für uns drei wurde ein Spezialturnunterricht eingeführt. Man hätte es Idioten- und Krüppelturnen bezeichnen können. Der Sportlehrer meinte, meine Muskeln würden ab einer recht geringen Belastung schlapp machen. Ich wäre aber außergewöhnlich gelenkig. Als Kind musste ich ganz vorsichtig die Treppen herabgehen. Ich hatte Angst tief zu fallen und auseinander zu fallen. Vielleicht öffnet sich unter meinen Füßen die Erde und ich falle und taumle weit unter den Erdboden. Ich bewegte mich vorsichtig und langsam wie ein Greis. Mein Körper gab mir nicht das Gefühl etwas bewältigen zu können. Mir war jeder Bewegungsdrang fremd. Die ständige Müdigkeit und innere Verödung. Ich war nie krank, aber ich empfand meine Glieder und Organe als völlig untauglich. Mein Körper offenbarte meinen Mitmenschen meine Ohnmacht. Selbst bei brütender Hitze trug ich eine Jacke mit langen Ärmeln. Ich hasste es nackt zu sein.
Vor meinem Eintritt ins Internat erzählte meine Mutter nach einem Besuch meines Arztes, er hätte bei mir ein Marfan-Syndrom festgestellt. Eine anormale Bindegewebsschwäche. Die Organe verlieren ihre Konturen. Nichts hält zusammen. Der Arzt hatte ihr Fotos von ausgemergelten Krüppeln mit Buckeln und schwer verformten Gliedern gezeigt. Die Glieder sind überdehnt. Die Kranken wachsen zu Riesen und bleiben schwach wie Kinder. Gigantische Hände mit zerbrechlichen Spinnenfingern. Die Augen werden von verschiedenen Störungen behindert. Die Patienten sterben jung an Herzklappenstörungen. Ich werde jetzt also das Leben eines Behinderten führen. Eine riesige Kluft wird mich von den anderen Menschen abtrennen. Vampire hausen in abgelegenen Gräbern. Der Arzt empfahl uns, daß ich einmal im Jahr meine Herzklappen untersuchen lassen solle. Ein Jahr später erinnerte ich meine Mutter an die Krankheit. Sie hatte sie vergessen.
Im Internat hatte ich keine Freunde. Man ließ mich im Großen und Ganzen in Ruhe. Man akzeptierte mich und meine Art. Ich war den Leuten herzlich Wurst.
Ich bekam einmal mit voller Wucht einen Schlag in den Bauch. Vor Schmerz verlor ich fast den Verstand und krümmte mich nur jaulend. Der Junge grinste mich bösartig an. Ein ausgesprochen hübscher Kerl. Er war sich dessen bewusst und genoss seine Überlegenheit und seine Kraft. Ich brüllte nur wie ein Tier. Er strich sich nur mit seiner kräftigen Hand seine kastanienbraunen Haare aus dem Gesicht. Um sein Handgelenk ein schweres Lederband, das die Stärke seines Unterarmes herausstrich. Er nannte mich Faxenmacher.
Zwei exakt gleichaussehende Zwillinge laufen in einer Wohnung unruhig hin und her. Ich blicke in einen Badezimmerspiegel und sehe ein mir unbekanntes Frauengesicht. Die Iris des rechten Auges ist gebleicht und zerlaufen. Ich hatte schon seit Tagen das Gefühl, daß das Auge etwas locker sitzt. Der eine Bruder meinte: „Du wirst wohl blind!“. Nachts laufe ich durch fremde Straßen. Ich begegne einer Gruppe junger Männer und frage sie nach dem Weg. Recht unwirsch geben sie mir eine schlampige Auskunft und deuten in irgendeine Richtung. Ich erreiche eine Kreuzung von großen, menschenleeren Straßen. Nirgends Häuser. Dichter Nebel. Die Lichter der Neonlampen sehen im Nebel wie kleine Sonnen aus. Die Nacht ist taghell. Ich habe keinerlei Orientierung und erreiche einen Busbahnhof. Es warten hier zahllose Busse. Außer mir ist niemand da. Keine Fahrer. Keine Fahrgäste. Über einer Bushaltestelle hängt ein Schild. Statt einer Information sehe ich die schwarzen Umrisse eines Soldaten in voller Ausrüstung. Er sitzt in der Hocke. Das Gewehr im Anschlag. Er zielt auf mich.
Mich interessierten meine Kollegen nicht sonderlich. Ich empfand sie als farblos. Die Meisten empfand ich als häßlich. Zukünftige Sparkassenangestellte, Regierungsräte, Priester, Inspektoren. Behäbig und langweilig. Schweizer. Ich besuchte öfters einen Liechtensteiner. Ein etwas dicklicher Junge. Er war sehr praktisch und nüchtern. Eine derbe Hausfrau. Er lag in seiner Freizeit im Bett und las Zeitung. Weltwoche und Neue Zürcher Zeitung. Im Radio suchte er deutschsprachige Sendungen von fremdartigen Rundfunkanstalten. Radio Moskau, Radio Peking, Radio Tirana. Mein Schulkollege strahlte Ruhe aus. Vielleicht ist er als Erwachsener ein solider Beamter geworden. Was wollte ich von ihm ?
Wer konnte mich aus meiner Unbestimmtheit rausreißen? Der große Bruder wird mir den Weg weisen. Wer wird mein Erlöser sein? Mutter Erde gebiert Totgeburten. Ich muß ins Freie. Man muß mit Dynamit den Weg frei sprengen. Ein erderschütternder Knall. Ich liege unter freiem Himmel, unter der sengenden Sonne und wachse. Mein Blut zirkuliert und lebendiger Schweiß tritt aus den Poren. Der frische Schweiß eines Wüstentages. Endlich wachse ich. Der gebärende Erdboden ist aufgerissen. Das Feuer des leuchtenden Himmels verbrennt die Fleischfetzen der Erde. Das offene Feuer droben deckt alles auf. Das schlagende Herz pocht das Fleisch auseinander. Es surrt. Es surrt. Niemand weiß woher. Blut sickert aus der Wunde. Metallvögel droben im Himmelsblau suchen danach. Feucht dunkle Schnäbel und scharfe, kalte Augen. Wovor laufen wir davon? Bringen sie das Heil? Wir verehren die Vögel als Herren der Welt. Rot flammen die Vögel. Der blonde Kopf eines sonnengebräunten Jungen. Rote Lippen. Er stürzt. Was werden die neuen Herren jetzt veranstalten? Das fragen sich alle Zeitungen.
Ich wachse und erschaffe die Welt. Ich darf nicht leben, denn ich erschaffe alles neu. Ich darf nicht arbeiten. Ich verkehre auch nicht mit anderen Menschen. Ich habe meine Aufgabe zu erfüllen.
Denn sonst muß ich als Säugling ewig schlummern.
Wie ich die Welt erschuf.
Als Kind machte ich mit meiner Mutter, mit meinem Kindheitsfreund und dessen Mutter einen Ausflug nach Wasserburg am Inn. Ich blickte von einer Anhöhe auf eine Stadt an einer Flussschleife. Wir vier standen an steilen Abhängen. Ein Schritt weiter und wir wären jäh in die Tiefe gestürzt. Die Abhänge waren helle Wände. Vielleicht aus Sand oder einer sehr hellen Erde. Bei der Heimreise von Wasserburg las ich in Heftchen über die roten Felsklüfte Arizonas. Abends zu Hause war unser Treppenhaus hell erleuchtet. Ich war exaltiert und gründete an diesem feierlichen Abend mein eigenes Reich im Atlantik. Ich zog mich in mein Zimmer zurück, sperrte die Zimmertüre ab und eine lustvoll quälende Erregung ließ mich die Arme schwingen – hin und her und her und hin. Ich zappelte erregt. Die freudige Anspannung im Körper zwang mich die Arme zu bewegen. Die alten Segelschiffe hatten am Bug geheimnisvolle Frauenfiguren angebracht – armlos in das Holz gepresst. Galionsfiguren. Ich nannte mein Reich Galionien. Von den einsamen Feiern meiner Macht durfte um Himmels Willen niemand erfahren. Ich schwinge die Arme und erschaffe die Welt. Ein allmächtiger Gott und Zauberer. Ich zapple und bin nur ein kleiner Irrer. Ich machte die Lüge zu meiner Natur. Ich war immer unfähig etwas Essentielles über mich mitzuteilen. Ich konnte nie jemandem in die Augen blicken. In mir ist etwas Krankes und Unreines.
Ich versuchte eigene Völker mit eigenen Sprachen zu entwickeln. Galionien lag vor der Küste Westeuropas und Nordafrikas. War Galionien identisch mit Atlantis? Die wandernden Völker Europas und des Mittelmeeres fuhren über das Meer in meine Erfindung. Berber, Gallier, Phönizier, Römer, Hunnen. Hunderte, Tausende, Millionen. Ich versuchte aus lateinischen Vokabeln durch Veränderung der Laute eine neue Sprache zu entwickeln. Meine Sprache hätte ich lieber aus dem Altgriechischen entwickelt und noch lieber aus dem Altägyptischen oder Altindoeuropäischen. Je weiter zurück desto besser. War jemand mit mir im Zimmer zeigte ich meine Alltagsmaske. War ich sicher allein und unbeobachtet zu sein, schwang ich meine Arme und geilte mich an dem fremden Klang eines neuen Wortes auf. Ich versagte gnadenlos in der Schule und vergällte mir manchen sonnigen Nachmittag, an denen andere baden gingen. Ein ganzer Nachmittag um eine läppische Rechenaufgabe nicht zu lösen. Ich durchsuchte rastlos Wörterbücher und studierte Tabellen über Dynastien, am besten lückenlos bis zu den Anfängen Ägyptens und Sumers und übernahm die Herrscher als Herrscher in meinem Reich. Ich gründete Riesenstädte und übernahm die Größe von realen Städten. Mein Land sollte kein monströses Fantasia sein, sondern ein reales Land auf der Erde. Ein Land unter vielen anderen. Die übrige Welt sollte unbehelligt ihren realen Verlauf nehmen. Ich hätte lieber eine ganze Welt neu erschaffen wollen. Sämtliche Daten würde ich kennen und jeder Winkel wäre von mir. Ich würde die Arme schwingen und würde die unermessliche Weite des Raumes spüren. Ich wollte mich flugbereit halten, hob aber nie ab. Mit dem allen war ich überfordert. Ich bin so klein. Mein Schädel ist so klein. Ein altes, zerflettertes Lexikon von 1951/1952. Eine doppelseitige Weltkarte zeigte die Ausdehnung von Sprachfamilien. Die austronesischen Sprachen reichen von Madagaskar über Indonesien bis Hawaii. Weite
Räume, weite Gebiete. Menschen, die den gleichen Ursprung haben oder sonst zusammenhängen und es vergessen haben. Blau. Blaue Meereswogen. Azurblaue Weiten. Ich bezwinge grenzenlose Räume.
Ich bewunderte die Größe des Mongolischen Reiches. Die Steppen Zentralasiens, die Wälder Russlands, Indien und China. Die Weiten sind zu gestalten. Was gehört zusammen? Die Kalifen regierten die Strecken von Pakistan bis Marokko, von Usbekistan bis in den Sudan. Alle Notizen zu meinen Staatsaktionen hielt ich streng geheim. Geheime Reichssache – so zu sagen. Ich taumelte zwischen Euphorie und peinlichster Pedanterie. Kinder spielen Lego oder mit Bauklötzen. Mit meinem Freund baute ich als Kind kümmerlichste Vorformen von Ansiedlungen. Es waren nicht einmal Weiler. Wir bauten Reihenhäuser aus Lego und direkt Tempel aus bunten Bauklötzen. In meiner Fantasie versuchte ich mir vergeblich eine allein von mir gegründete Stadt vorzustellen. Am elterlichen Esstisch verwandelten sich der Toaster in ein Kaufhaus und die Arzneischachteln meiner Mutter in kleine Häuser.
Manche meiner Wochenenden verbrachte ich mit meiner Mutter in Zürich. Die sich behaglich vorwärts bewegende Straßenbahn und die dicht belaubten Kastanienbäume in der Bahnhofsstraße. Die Bankpaläste aus der Gründerzeit. Alles von gediegener Eleganz. Endlich fast so etwas wie eine Großstadt nach dem langen Exil auf dem Lande. Wir sahen „Tod in Venedig“. Ein wie ein Engel ungreifbarer, goldblonder Junge erscheint einem alten Mann wie eine Erscheinung. Die verwesende Pracht Venedigs ist in die traumhaft schwermütige Musik Mahlers versunken. Im folgenden Winter las ich ein Buch über Visconti und erblickte das Gesicht des verführerischen Schönlings. Sein verhaltenes Lächeln. Es war eiskalt. Ich war mit meiner Klasse beim Schlittschuhlaufen an einem zugefrorenen See. Ein Klassenkollege mit kräftigem goldblondem Haar und verhaltenem Lächeln zog auf der Eisfläche seine Pirouetten. Er war der Junge aus dem Film. Ein sehr roher und bodenständiger Junge mit beiden Beinen auf der Erde. Er hatte das trockne und harte Auftreten eines Schlossers. Ich verstehe heute nicht mehr, weshalb ich zwischen ihm und der Engelsgestalt aus „Tod in Venedig“ eine Verbindung sehen konnte. Seine Augen waren auffallend klein und seine blasse Haut war mit Sommersprossen übersät. Vielleicht das selbe Blond der Haare. Er hatte in der Klasse einen Freund. Einen riesigen, kräftigen Kerl. An seinen Namen kann ich mich noch erinnern. Er hieß Georg. Ein Heiliger, der den Drachen getötet hat. Georg hatte eine rohe, fast bösartige Ausstrahlung. Tief schwarze Haare, tintenschwarze Augen. Ein zynischer Blick. Er war ein Graf von einer Burg in der Oberpfalz. Die Adligen waren ursprünglich bluttriefende Mörder. Er war sehr einfach. Ich habe nie jemanden kennen gelernt, der weniger edel oder vornehm war. Er kam meistens bei Ferienschluss mit dem selben Zug aus München wie ich an. Im Bahnhof St. Gallen sahen wir uns und gingen häufig zusammen in die nahe des Bahnhofs gelegene Wohnung des Schulkollegen mit den goldblonden Haaren, aßen dort eine Kleinigkeit und fuhren dann mit dem öffentlichen Bus ins Internat. Ich empfand eine Zugehörigkeit zu den Beiden. Die Zwei waren wahrscheinlich nur höflich zu mir – befürchte ich. Zu Behinderten soll man nett sein.
Bei einer Klassenfahrt gab es eine Diskussion über die Terroranschläge der ETA gegen das Francoregime. Der dunkle Graf – der verrohte Landser – plädierte für kurzen Prozess. Ja – an die Wand stellen! Ordnung machen! Peinlich berührte Stille verbreitete sich. Verlegene Blicke sahen fragend zu anderen verlegenen Blicken. Er war den Mitschülern fremd. Georgs grobes Gesicht war von Hass verhärtet. Er war schön. Über dem Backenknochen saß ein praller Pickel. Blut und Eiter wollen frei fließen.
Bei der alljährlichen Nikolausfeier wurde bei jedem Schüler zusammengefasst, was im abgelaufenen Jahr geschehen ist. Die Zöglinge waren verpflichtet anwesend zu sein und eine fröhliche Fresse zu schneiden. Die Patres, die Schwestern und die schwachsinnige Küchenhilfe freuten sich. Ihre Gesichter strahlten. Der Höhepunkt des Jahres. Wir sind alle eine einzige Familie. Mein Name wurde jetzt aufgerufen. Lobend wurde berichtet, ich wäre öfters in einer Disco gesehen worden. Ich verging vor Scham. Bin ich ein Greis, der noch so rüstig ist, daß er sich noch tapfer zum Seniorentanz schleppt? Ein hilflos am Stock humpelnder Greis, der verlegen lacht, wenn ihn Jugendliche akzeptieren. Die Disco, in der man mich beobachtet hat, war am Sonntagnachmittag für Minderjährige geöffnet. Meine Schulkollegen gingen dort hin. Große, rote Plüschsessel. Es stank immer penetrant nach billigem Parfum. Während der jugendfreien Zeit hätte es auch ein Puff sein können. Ich tanzte mit einer Tibeterin und sagte ihr, wie interessant ich es fände, daß sie aus Tibet käme. Sie lächelte mich gelangweilt an. Sie sagte nur „tja“ und schwieg dann. Sie sagte dann noch, Schüchternheit sei ein Zeichen von Dummheit. Man muß nur ein bisschen denken, etwa daß auch die Anderen Idioten sind. Dann verzieht sich die Schüchternheit wie der Nebel im Morgengrauen. Einfach nur nachdenken! Meine junge Gouvernante verabschiedete sich eilig und mit triumphierendem Lächeln. Hätte sie sich mir mit Schwung und Leidenschaft an die Brust geschmissen, ich hätte mich ratlos am Kinn gekratzt, blöd geglotzt und das Weite gesucht. Es ist Brauch, daß Jungs in einem bestimmten Alter tanzen gehen. Also warum nicht auch ich? Es ist Brauch, daß Jungs in einem bestimmten Alter mit Mädels flirten. Warum nicht auch ich? In der Disco hoffte ich, daß der Funken von den Anderen auf mich überspringt, meine Leidenschaft entfacht, aber ich langweilte mich nur.
Meine Schulkollegen trafen an einem Weiher in der Nähe des Internats Mädchen vom Dorf. Niemand lud mich ein und alleine wollte ich nicht hin.
Einige Patres standen im Ruf ihre kleinen Lieblinge zu haben. Der Lateinlehrer legte die Hand gerne auf die Schulter eines sanften, blonden Jungen mit braunen Rehaugen. Das Patreshaus erregte die Phantasie der Schüler. Bei einem Schulausflug erzählte ein Lehrer, daß aus Verbindungen von Mensch und Tier Junge geboren werden. Ich stellte mir abstoßende Mischwesen vor in geschlossenen Anstalten, in verbotenen Wäldern. Zentauren und Harpyen in klinisch weiß gekachelten Krankensälen. Ein zotteliger Hundekörper mit bleichem, ängstlich blickendem Menschensäuglingskopf atmet schwer in einem Bett. Die Sphinx wird in einem weißen Zimmer gefangen gehalten. Gitter an den Fenstern. Ein zerfallener, halbnackter Männerkörper mit riesigem Löwenschädel sitzt zusammengesunken im Rollstuhl. Niemand von den anderen Schülern schien diese Neuigkeit sonderlich zu erstaunen. Ich sprach den Lehrer an. Er bestätigte seine Erzählung und entfernte sich gleich. Diese Tiermenschen stinken anders als gewöhnliche Tiere. Es ist ein kranker Gestank. Tiere sind klebrig und sondern Feuchtigkeit aus.
Ein großer Brand räuchert das Feuchte und Schwüle aus. Zu meiner Internatszeit träumten viele Menschen von der großen Revolution. Leuchtend rote Fahnen wehen im Glutfeuer der erlösenden Weltrevolution. Damals waren die Menschen von der Großen Kulturrevolution in China fasziniert. Eine Feuermasse wälzte alles Faulende nieder. Der zerstörerische Mut zur Tabula rasa – einer glutheißen Wüste aus Schutt. Das vom Feuer rot leuchtende Gesicht Georgs – meines Schulkameraden. Er hat zugeschlagen. Seine Visage ist grob und hart. Eine Panzerfaust. Ich träumte – Georg und ich sitzen an einem Tisch im Zuchthaus. Eingesperrt zwischen alten Ziegelmauern und schweren Gittern. Ich wachte auf und hatte eine Latte.
Bevor ich ins Internat kam, zog mich die Vergangenheit an, Ich träumte von prunkvollem Feudalismus. Die Gold überladenen Paläste Sankt Petersburgs. Der Pharaonenprunk hat sich bis heute noch in vergessenen Wüsten nahtlos erhalten. Die Menschen leben seit Jahrtausenden in den selben Häusern und Palästen. Es darf kein Gebäude abgerissen werden. Die Moderne ist langweilig und glanzlos. Ich träumte vom gottmächtigen Alleinherrscher überladen mit strahlendem Gold und Juwelen, die in seinen Körper eingewachsen sind. Vielleicht sind solche Herrscherkörper völlig gereinigt von menschlichem Fleisch. Ich wuchs in einem Haus voller Ahnengemälden auf. Meine Mutter war sehr stolz auf ihre Vorfahren. Es hingen nur die Ahnen mütterlicherseits im Haus. Ich habe keinen Vater und meine Mutter hatte keinen Vater. Ich bin völlig frei und rein von irgendwelchem väterlichem Blut oder die letzte Vatergestalt gab es vor vielen Zeitaltern. Ich bin das Ergebnis einer bruchlosen Abfolge von Müttern. Eine Fabrikantenfamilie aus Fürth, die sich als Adelsgeschlecht halluziniert hatte. Im Internat entfremdete ich mich dieser Sumpfwelt. Einer Welt der Stagnation und ohne Energie.
In den Sommerferien fuhr ich mit meiner Mutter nach Amsterdam. Eine Stadt mit fremden Kulturen. Chinesen, Indonesier, Schwarze. Amsterdam war damals Europas Drogenhauptstadt. Alte Klinkerbauten, schwarze Kanäle. Rote Leuchtreklame eines Pornoshops. Ein kräftiger Junge mit langen, aschblonden Haaren, Armeeknobelbechern und markantem Gesicht. Harte Backenknochen in einem fest entschlossenen Gesicht. Ich war fest an meine Mutter gebunden. Wir liefen die Nabelschnur auf dem Straßenasphalt mitschleifend durch die Stadt. Wer hätte uns eine Schere gegeben?
Wir gingen Jeans kaufen. Sie meinte: junge Menschen tragen Jeans. Ich war klapperdürr, aber mit unvorstellbar langen Beinen. Entweder saß die Hose wie angepasst an Hüfte und Bauch, aber Waden und Knie waren nackt oder ich verlor mich in einem riesigen Sack – genannt Hose. Die Hosenbeine schlotterten um meine Beine. Normaler Weise trug ich immer beige Cordhosen. Der Cord war gerippt oder glatt. Ich fand diese Hosen nicht sonderlich schön, sondern ich war an sie gewöhnt. Wenn es ging, zog ich den Hosenbund bis an die Brust und sah wie ein tollpatschiger Greis aus. Wir standen also in diesem Jeans-shop in Amsterdam. Meine Mutter überschüttete die Verkäuferin mit ihrem Schulmädchenenglisch. Sie klagte. Warum interessiert sich ihr Sohn – schließlich bald ein junger Mann – so garnicht für Kleidung, für sein Äußeres. Immer nur bei seinen Büchern. Immer so verträumt. Ein richtiger Bücherwurm. Sie selbst – meinte sie – sei bald eine alte Frau. Die Verkäuferin protestierte auf das Heftigste. Meine Mutter sei noch recht jung. Sie gehe doch mit der Zeit. Ein kurzer, hämischer Seitenblick auf mich. Über das Gesicht meiner Mutter zuckte kurz ein geschmeicheltes Lächeln. Nein. Nein. Sie beharrte auf ihr fortgeschrittenes Alter. Sie – die bald alte Frau – gehe immer noch mit der Mode. Achtet auf ihr Äußeres. Er, der Sohn – immerhin bald ein junger Mann – ist immer so ruhig. Liebt die Ruhe wie alte Leute. Verbringt den Tag im Bett und möchte nicht mehr aufstehen. Er sitzt stundenlang brütend und nichtstuend oder Schmöker lesend auf einem Sessel. Sie, die Mutter – bald eine Greisin – muss sich bewegen, immer wieder bewegen und sich rühren. Sie braucht immer Trubel. Immer aktiv. Rennen, rennen, rennen. Dabei fing sie mitten im Laden an, mit den Beinen auf der Stelle zu rennen. Sie hatte sich richtig in Rage geredet. Sie sah gehetzt wie ein Hamster im Laufrad aus. Sie schwitzte. Gehetzte Grimassen jagten über ihr Gesicht. Die Verkäuferin begann sich zu fürchten. Eine andere Verkäuferin kam mit besorgtem Gesicht. Den beiden Frauen war es klar, daß wir nichts kaufen würden. Meine Mutter wollte nur die Welt – insbesondere die junge Welt – wissen lassen, wie jung sie in Wirklichkeit noch ist.
Wir fuhren zurück nach München. Ich hatte noch einige Tage Zeit bis zur Rückfahrt ins Internat. Ich streifte zwischen den Hochhäusern im Arabella-park – einer zu den Olympischen Spielen 1972 fertiggestellten Hochhaussiedlung – herum. Hier hat München das Flair einer internationalen, modernen Weltstadt. Wie werde ich jemand? Ich muß etwas Eigenes werden. Die Mama sieht ihrem Küken ins Gesicht und sieht ihr eigenes verjüngtes Antlitz. Sie klammerte sich an die Vertrautheit der alltäglichen Routine. Der Boden der in feste Gegenstände erstarrten Wirklichkeit darf nie aufklaffen. Niemals! Das Normale. Nur immer das Normale! Meine Mutter langweilte mich. Mich hielt in ihrer Gegenwart immer eine lähmende Langeweile gefangen. In meiner Kindheit waren mir Männer fremd. Frauen ödeten mich an. Ein Verbrecher erschlägt sein Opfer und wird hinter Gitter gesperrt. Die Fähigkeit schuldig zu sein heißt erwachsen zu sein. Ein Mann zu sein. Bei diesem Spaziergang durch den Arabella-park beschloss ich schwul zu sein. Ich interessierte mich nie für fremdes Sperma und fremde Schwänze. Aus körperanatomischen Gründen war ich nie befähigt meinen eigenen Pimmel zu lutschen. Mein Penis unterscheidet mich deutlich von meiner Mutter. Er macht mich zum Fremden. Es war mir ein Grauen einem anderen Menschen so nahe zu kommen, daß wir uns in irgendeiner Form vereinen. Ich war immer ein entschiedener Gegner des Kannibalismus. Mitteleuropa um 1977. Ich verband Homosexualität mit ängstlichen, alten Männern – mit jugendblondierten, parfümierten Wesen in pinkfarbenen Jacketts. Das waren jetzt meine Brüder oder besser ausgedrückt meine Schwestern.
Der Mensch braucht ein Gegenüber. Ich war stumm. Ich war fähig mein Sprechwerkzeug und Wörter zu benutzen. Nichts konnte ich von mir erzählen. Emotionale Sprachlosigkeit. Höchstens auf ganz platter Ebene. Namen, Geburtsort, Geburtsdatum. Das Mittagessen hat mir geschmeckt, hat mir nicht geschmeckt. Die Mitmenschen traten mir überwiegend höflich-gleichgültig entgegen. Ich hatte keine Gesprächspartner. Freundlich sein, Plattitüden reden. Ich bin nur die Oberfläche, die sich meinen Mitmenschen zeigt. Ich fühlte von mir nicht viel mehr als diese Charaktermaske. Wenn ich meine Mutter traf, sprachen wir über Geld, über fällige Einkäufe. Nichts, was mich tiefer berührte. Ich saß mürrisch da, überfordert auf eigene Faust ein Selbst zu werden. Meine Mutter lächelte nur mit aufgesetztem Schafsgesicht: „Ich sehe nichts und höre nichts.“ Meine Sprachlosigkeit zersetzte mein schieres Vorhandensein. Vor meiner Internatszeit empfahl ein Lehrer meiner Erziehungsberechtigten mich wegen meiner katastrophalen Schulleistungen zu einer Psychologin zu schicken. Ich hielt mich für normal. Man schätzt mich als abnorm ein. Jemand anderes hat mich beobachtet und mein Verhalten befremdet und ist abstoßend. An einem trüben Novembernachmittag saß ich in einer Schwabinger Altbauwohnung mit einer, wie mir schien, heimtückisch freundlichen, alten Frau auf gemütlichen Sesseln, die mich schläfrig machen sollten. Nichts falsches sagen, sonst werde ich als verrückt eingeschätzt. Es wird dann von den Behörden angeordnet, daß ich meine Mutter verlassen muß und ins Irrenhaus gesteckt werde. Diese Frau war eine Delegierte des Staates. Sie würde hinter meinem Rücken mit meiner Mutter Verabredungen treffen.
Ich hatte eine einzige Sitzung bei einem Psychagogen. Ich erzählte ihm, daß meine Mutter ihre Liebe zu einem bulgarischen Emigranten wegen mir aufgegeben hatte – erzählte mir damals meine Mutter. Ihr Geliebter war ein Bankrotteur – ein Spieler. Er feierte große Sekt- und Kaviarparties. Der Gerichtsvollzieher klingelte mit Vollstreckungsbefehl an der Haustüre. Die Gutste wollte ihr Vermögen für mich erhalten. Ohne mich würde sie heute ein Sauseleben führen. Der Psychagoge machte mich auf einen Widerspruch in der Erzählung meiner Mutter aufmerksam. Auf irgendetwas, das ich vergessen hatte. Meine Mutter war also eine Lügnerin und ich leichtgläubig. Ich ging nicht mehr hin.
Ich träumte damals: Ich drehe mich mit ausgebreiteten Armen und gespreizten Fingern in einem weißen, leeren Zimmer. Es ist Sommer. Vor dem Fenster ein Kiesweg in einem gepflegten Park. Gitter vor dem Fenster.
Als ich im Internat war, suchte ich einen Gesprächspartner, einen Lehrer um ich selbst zu werden.
Ich entschloss mich in Sankt Gallen in eine psychologische Beratungsstelle zu gehen und besuchte sie regelmäßig einmal in der Woche. Sie lag in der Altstadt. Mein Gesprächspartner war ein Psychologe, Mitte 30, dicklich, schwarzer Bart, schwarzes Brillengestell. Er hörte sich alles recht geduldig an. „Sag alles, was dir durch den Kopf geht, auch wenn du es als peinlich, dumm oder bösartig empfindest! Du erzählst, daß du Scheiße frisst, daß du einen Menschen qualvoll ermordest, daß du dir eine Babymütze auf den Kopf setzt und die Kinderrassel schüttelst – alles in Ordnung.“ In einer Sprechstunde erzählte ich von einem Roman. Einem Mann, der glücklich verheiratet ist und im abgesicherten Wohlstand lebt, wachsen plötzlich in seiner Lebensgeschichte große Löcher, die ihm seine Identität untergraben. Seine bisher vermeintlichen Eltern sind gar nicht seine Eltern. Er ist in einer Stadt geboren und hat dort seine ersten Lebensjahre verbracht, von der er in seinem bewußten Leben noch nie gehört hat. Irgendetwas hat er getan. Woran trägt er Schuld? Er bleibt am Leben, aber er weiß nicht mehr, wer er ist. Er versackt in einer lähmenden Leere. Der Psychologe meinte, ich würde mich in dem Mann wieder erkennen. Ich erschrak.
Nach einem Jahr verwies er mich an eine Psychoanalytikerin um die Vierzig mit sehr glatten und strähnigen, rotbraunen Haaren. Braun umrandete Hornbrille. Keine Schönheit, aber eine tolle Zuhörerin. Mir hat vorher noch nie jemand zugehört. Sie gab ihrem Gegenüber das Gefühl von Sicherheit und vor allem ernst genommen zu werden. Das Sprechzimmer war klein. Es ging auf eine enge Stadtgasse und war dadurch recht dunkel. In diesem Raum standen schwere Möbel aus dem Mittelalter. Es war eine Umgebung, in der man leicht abtauchen konnte. Das Gegenteil eines klinisch sauberen und neonlichtüberstrahlten Sprechzimmers in einem Krankenhaus. Am Nachmittag, an dem ich meine Therapiestunde hatte, trat ich in die Welt hinaus. Urlaub vom drögen Internatsalltag. Ich besuchte dann Musikläden, in denen ich exotische Musik anhörte. Gamelanmusik, indische Musik. Drogenmusik wie Tangerine Dream, Pink Floyd.
Mit meiner Therapeutin saß ich an einem schweren Tisch. Ein solider Holztisch, der den aus der Welt fallenden Patienten Halt gab. Sie zog aus unseren Gesprächen Schlüsse über mich, die mich entsetzten. „Oh Gott, wie bin ich so armselig!“ – rief ich aus.
Nach einer anderen Sitzung fragte ich sie, ob ich das Klo benützen dürfe. Sie bot mir in hämischem Ton an, daß ich gleich ihre Zahnbürste gleich mit benützen könne. Ich verstand nicht. Es war Nachmittag. Was sollte ich mit ihrer Zahnbürste? Sie fühlte sich von mir in Beschlag genommen. Meine sämtlichen Arme schlossen sich um ihren Körper. Sie war mein. Ich ließ ihr keine Luft. Sie verteidigte ihr Heim gegen mich.
Meine Mutter zahlte die Therapie in der Hoffnung, daß ich in der Schule besser werde. Es gab doch für mich keine vernünftigen Gründe mich über irgendetwas zu beklagen. Ich bin schließlich in Wohlstand aufgewachsen. Ich wurde nie misshandelt. Sie wollte sich nicht vorhalten lassen, sie hätte mein Lebensglück vermasselt – behauptete sie. Neurosen waren einfach Mode. Heute ist Nabelschau up to date. Für meine miserablen Leistungen hätte man das Notensystem erweitern müssen. Mir wurde beigebracht, daß es keine größere Demütigung gibt als Arbeiter zu sein. Ein kräftiger Mann beugt sich demütig unter dem Gewicht eines Zementsackes. Er braucht keinen Verstand und keinen eigenen Willen, sondern ist nur Körper. Er ist nur seine Muskeln. Presslufthämmer rattern. Mütterlicherseits stammte ich aus einer Akademikerfamilie. Der Vater meiner Mutter war Absolvent des Maximilianeums. Der gute Vater hat sich für seine liebe Tochter nie interessiert. Die Tochter hat ihren Vater nie richtig kennen gelernt. Es steht mir an, tiefe Scham vor den ernst und würdig blickenden Ahnen zu empfinden. Ich bin ihrer nicht würdig. Meine vielen toten Väter aus dem Totenreich.
Während des Heimaturlaubes in München meldete sich der geschiedene Ehemann meiner Mutter. Mein Vater. Er wollte mich treffen. Juristisch mein Vater. Der Samen eines Unbekannten zeugte mich. Die Frau erzieht den Sohn oder auch nicht. Dann kommt der Vater und möchte das fertige Erziehungsprodukt entgegennehmen. Bei Gefallen greift er freudig zu. Man hat ja so seine Vorstellung von einem gut funktionierenden, jungen Mann. Jeder Mensch entsteht allein aus sich selbst. Jeder zeugt und gebiert sich selbst, gänzlich frei von jeder Umwelt. Er holte mich in seinem Mercedes ab. Er war schließlich Marketingdirektor bei BMW. Er trug Lodenmantel und Trachtenhut. Er sprach gestochen Hochdeutsch mit einer sehr weichen Stimme. Fast einer Frauenstimme. Ein sanfter Mann, der sich mit zähem Fleiß und geschickt eingefädelten Intrigen hoch gekämpft hatte. Er war von mittlerer Größe und eher zierlich gebaut. Wir besuchten ein Museum für Frühgeschichte. Er bewunderte die Handfertigkeit der Babylonier und Ägypter. Was die damals schon alles schon konnten! Schön präzise Linien, naturgetreue Anatomie. Natürlich glaubten sie damals an Ammenmärchen, die für uns heute lächerlich sind. Tierköpfige Götter, rätselhafte Vogelgestalten.
Wir gingen nach dem Museumsbesuch zurück zu seinem Auto. Seine zweite Frau war inzwischen angekommen und wartete auf uns. Beide stellten mir Fragen über mein Leben und meine Einstellungen. Ich habe brav geantwortet. Sie werden erwartet haben, daß ich von meinen Karriereträumen erzähle. Werde ich Anwalt, Arzt oder Unternehmer? Soll ich Wirtschaftswissenschaft studieren? Mein Vater würde mir gerne bei meinen Karrierewünschen helfen. Seine wichtigen Beziehungen zu einflussreichen Persönlichkeiten in der Wirtschaft könnten mir sicher weiter helfen. Ich bin ein Kind und werde immer ein Kind bleiben. Nicht bereit zur Ernsthaftigkeit einer sachlichen Berufstätigkeit. Ein Kind, das spielt und träumt. Ich befremdete zunehmend meine beiden Gesprächspartner. Ich erzählte ihnen von meiner damaligen Begeisterung für den „Tod in Venedig“. Mein Vater saß vorne am Lenkrad. Er verstand nicht. Die Jugend sollte das Leben bejahen, sich für die Wirklichkeit engagieren. Karriere und hübsche Mädels. Die Frau meines Vaters saß neben mir auf der Hinterbank. Ich betrachtete ihr Gesicht im Profil. Sie wendete den Kopf und blickte aus dem Fenster. Sie wirkte angespannt, aber versuchte gleichgültig zu wirken. Sie war wütend und wollte nicht mehr am Gespräch teilnehmen. Sie sah in unserer Begegnung keinen Sinn mehr und wollte zum Schluss kommen. Einige Tage später erhielt meine Mutter von meinem Vater einen empörten Brief. Er wäre entsetzt über ihre Erziehung.
Entgegen der Ratschläge der Lehrer entschloss ich mich das Internat zu verlassen. Ich träumte von der Großstadt. Die Ausflüge nach Zürich hatten mir Appetit nach München gemacht.
Zum Ende des Schuljahres gab es eine Abschlussfeier. Wir feierten auf einer Wiese. Eine Schwester wünschte mir viel Glück für mein weiteres Leben.
In der letzten Nacht konnte ich nicht einschlafen. Es tobte ein heftiges Gewitter. Seit Tagen hatte sich die Hitze der sonnigen Tage angesammelt. Die drückende Luft ließ sich kaum einatmen. Ich stand im dunklen Zimmer. Das Licht war ausgeschaltet. Ich stand am Fenster zum Villengrundstück und starrte ins Dunkel. Der Blitz tauchte Alles kurz in silbern grelles Licht. Die Bäume und das Gras leuchteten im widernatürlichen Licht auf und fielen wieder ins Schwarz zurück. Es regnete in Strömen. Man hörte das Klatschen und Trommeln des Wassers. Die Erde löste sich in Schlamm auf. Jemand, der in dieser Nacht unterwegs gewesen wäre, hätte abseits von befestigten Straßen keinen festen Halt unter den Füßen gefunden. Es ist mir, als würde ich im kurzen Blitz im Park unter einem Baum eine Gestalt sehen. Kreideweiß und ausgemergelt. Der Körper ist von glühenden Wunden übersät. Dieses Wesen reibt sich. Tritt Feuer aus den Poren? Das Dunkel verschluckt wieder die Gestalt. Ich weiß, daß seine Augen zu mir aufblicken. Mein Herz pocht. Auf der Fensterscheibe sehe ich jetzt ganz verzerrt und zerstückelt meine eigenen Gesichtszüge.

*

© 2022 Michael Wiedorn
Alle Rechte vorbehalten