Lotterschreck 1

Von Johannes Morschl

An einem Freitagmorgen im Juli stand der Berliner Schriftsteller Fritz Lotterschreck, ein auffallend langer dünner älterer Mann, nackt vor dem Spiegel in seinem Badezimmer. Er fragte sich: „Kann es tatsächlich sein, dass ich existiere, oder bilde ich mir das nur ein?“ Die Antwort folgte prompt: „So ein Quatsch! Du solltest mal wieder an die frische Luft gehen und nicht dauernd in deiner Bude hocken und stundenlang lesen, sonst gehst du noch eines Tages in einem Buch verloren. Ist sowieso ein Wunder, dass du noch nicht in einem Buch verloren gegangen bist, noch dazu, wo du eine Thomas Bernhard – Phase hattest und eine Zeitlang nur Romane von Thomas Bernhard gelesen hast. Diese Manie von Thomas Bernhard mit den sich dauernd in langen Sätzen wiederholenden inhaltlichen Schleifen! In seinem Roman Der Untergeher bist du fast selbst in den sich dauernd in langen Sätzen wiederholenden inhaltlichen Schleifen untergegangen. Geradezu exzessiv, die sich dauernd in langen Sätzen wiederholenden inhaltlichen Schleifen im Untergeher. Da kann man als Leser nur untergehen.“

Dann sagte er sich: „Es gibt aber ein Werk von Thomas Bernhard, das im vollkommenen Gegensatz zu allem anderen steht, was er geschrieben hat, nämlich der dem Schauspieler Bernhard Minetti gewidmete Einakter Einfach kompliziert. Als du den gelesen hast, warst du geradezu begeistert von der extrem verknappten Sprache und dem äußerst schrulligen Inhalt. Das war ausgesprochen erfrischend und erheiternd, den zu lesen. Darin wärst du nie und nimmer untergegangen. Ja, ganz im Gegenteil! Kein anderer Text hat dich so stark für dein eigenes Schreiben inspiriert. Du hast Thomas Bernhard geradezu beneidet wegen dieses Textes.“

Dann kam Lotterschreck der großartige Gedanke, dass seine Existenz eines der Wunder der Evolution sei, ein geradezu unglaubliches Wunder, denn wer hätte sich jemals vorstellen können, dass die Evolution der Arten so jemanden wie ihn hervorbringen würde. Wobei sein Vorhandensein für seine Zeitgenossen kaum bemerkbar war, da er sich eher selten in der Öffentlichkeit blicken ließ. Am Tag war es ihm viel zu laut in der Stadt. Da fühlte er sich viel zu stark mit der Außenwelt, mit dem chaotischen Treiben seiner Zeitgenossen konfrontiert, die nichts Besseres zu tun hatten, als die Straßen mit Autos zu verstopfen, die Atmosphäre zu verpesten und untereinander kleine Kriege zu führen. Er sagte sich: „Die kleinen Kriege, etwa mit feindselig gestimmten Nachbarn, können psychisch viel aufreibender sein als die großen Kriege, soweit man von deren Geschehen nicht unmittelbar betroffen ist, wie etwa durch Bombenangriffe und Raketenbeschuss, wie es derzeit die ukrainische Bevölkerung über sich ergehen lassen muss. Wer weiß, was da noch auf uns zukommt. Putin hat ja sogar mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht. Gegen den war ja der durchgeknallte Twitter-Donald geradezu harmlos. Übrigens beide Milliardäre, Putin allerdings viel reicher als Twitter-Donald. Putin hat angeblich auch die größte Privatjacht der Welt. Das sagt ja so einiges über ihn aus. Der Mann muss schwere Komplexe haben. Hatten sich auch bestens verstanden, Twitter-Donald und er, als Twitter-Donald noch Präsident der USA war.“

Eigentlich war es Lotterschreck nie so richtig bewusst geworden, welch hypersensibler Typ er war, – schnell eingeschnappt, und dann ruppig und abweisend gegenüber anderen. Vor den Ameisen hatte er viel größeren Respekt als vor seinen Mitmenschen. Beim Gehen im Freien achtete er immer darauf, nicht auf eine Ameise zu treten. Wenn er aber einmal dennoch versehentlich auf eine Ameise getreten war, entschuldigte er sich bei der toten Ameise und hatte tagelang Schuldgefühle. „Wenn du katholisch wärst, könntest du diesen durch eine unverzeihliche Unachtsamkeit begangenen Mord an der Ameise Beichten gehen“, dachte er dann. Aber er wäre deshalb nie und nimmer katholisch geworden. Ihm gruselte es vor der katholischen Kirche, auch vor der evangelischen Kirche gruselte es ihm. Er dachte: „Wie viele Morde, ja ausgesprochen sadistische Morde, haben die alle auf ihrem kirchengeschichtlichen Gewissen. An das fünfte ihrer zehn Gebote, du sollst nicht töten, haben sie sich nie gehalten, jedenfalls nicht in früheren Jahrhunderten.“

Auch vor den Bienen hatte Lotterschreck großen Respekt. Und Vögel liebte er geradezu, blieb bei seinen seltenen Spaziergängen in dem großen Park in der Nähe seines Wohnviertels öfters für längere Zeit stehen und hörte ihrem Gezwitscher zu, das seine Stimmung immer schlagartig aufhellte. Er versuchte dann manchmal mit zu zwitschern, was aber eher schaurig klang. Spaziergänger, die das zufällig mitbekamen, dachten, er hätte nicht alle Tassen im Schrank. Im Winter streute er immer reichlich Körner für die Vögel aus. Dies hatte ihm von so manch einer seiner Partnerinnen den Vorwurf eingebracht, er liebe die Vögel mehr als sie. Er hatte ja so einige Partnerinnen gehabt, da seine Beziehungen nie lange gehalten hatten, was hauptsächlich an seiner Eigenbrötelei lag. Wenn er zum Beispiel an ein Buch geraten war, das ihn fesselte, oder wenn er einen seiner Schreibanfälle hatte, – er schrieb nämlich nicht regelmäßig, sondern nur, wenn er einen Schreibanfall hatte, der ihn auch mitten in der Nacht überkommen konnte, – vergaß er alles um sich herum. Wenn ihn dann eine Partnerin daran erinnerte, dass sie auch noch da war, empfand er das nur als lästige Störung.

Je älter Lotterschreck wurde, desto mehr vereinsamte und verlotterte er. Er konnte sich das Verlottern leisten, da er eine nicht unbeträchtliche Erbschaft von einer kinderlosen Tante gemacht hatte, die einen Narren an ihm gefressen hatte. Auch seine Wohnung hatte er von der Tante geerbt. Die Wohnung war so groß, dass in ihr locker acht Leute hätten leben können. „Wozu sich noch jeden Tag waschen“, sagte er sich. Das war für ihn nur eine Verschwendung von kostbarem Wasser. Zum Friseur ging er nur einmal im Jahr. Er ging nur zu einem türkischen Friseur, zu immer demselben. Zu deutschen Friseuren hatte er kein Vertrauen, die machten für seinen Geschmack viel zu viel herum und waren noch dazu teurer als sein türkischer Friseur. Zu seinem türkischen Friseur brauchte er nur „Vier, sechs“ zu sagen, und dieser wusste sofort Bescheid. Dies bedeutete, dass er das Haar auf der Schädeldecke bis auf sechs Millimeter, und rundherum bis auf vier Millimeter gekürzt haben wollte. Dies entsprach in etwa dem türkischen Militärhaarschnitt. Den Bart ließ er sich immer ganz abrasieren, aber wie gesagt dies alles nur einmal im Jahr, in der Regel zu Sommerbeginn.

Während Lotterschreck an jenem Freitagmorgen im Juli noch immer nackt vor dem Spiegel in seinem Badezimmer stand, musste er wieder einmal an seine letzte Freundin denken, die ihn vor einem Jahr verlassen hatte, nachdem sie aber immerhin fast zwei Jahre lang das Zusammenleben mit ihm in seiner Wohnung ausgehalten hatte. Ihr Name war Wanda. Sie hatten sich an einem Leseabend einer offenen Lesebühne in Berlin-Kreuzberg kennengelernt, hatten dann ein Jahr lang eine eher lockere Liebesbeziehung, bis sie dann mehr aus Not heraus, da ihr ihre Wohnung zu teuer geworden war, auf sein Angebot hin zu ihm gezogen ist. Sie war um vier Jahre jünger als er, war früher Kabarettistin und Sängerin, hatte auch Nebenrollen in Filmen gehabt. Das Auffälligste an Wanda war ihre Stimme, eine sogenannte Kontra-Alt-Stimme, halb männlich, halb weiblich, die an jene von Zarah Leander erinnerte. Lotterschreck war zwar nie ein Fan von Zarah Leander gewesen, – die war ihm zu stark mit den Nazis verbandelt gewesen, der höchstbezahlte weibliche Filmstar in Nazideutschland, von Goebbels gefördert, von Hitler bewundert -, aber ein Fan von Wanda war er durchaus gewesen. Nur hatte Wanda es so wie ihre Vorgängerinnen nicht lange mit ihm ausgehalten. Sie hatte zwar ohnehin eine Neigung zu hochprozentigen alkoholischen Getränken, vor allem zu spanischem Brandy, aber im Zusammenleben mit Lotterschreck begann sie es mit dem Trinken zu übertreiben, um ihn noch einigermaßen ertragen zu können, und hatte ihn dann manchmal in betrunkenem Zustand aufs Übelste beschimpft und einmal sogar ein großes spitzes Küchenmesser nach ihm geworfen, das ihn nur knapp verfehlte. Lotterschreck trauerte ihr trotzdem noch immer nach.

Er hatte an einem Text über Wanda zu schreiben begonnen, war aber über den ersten Satz noch nicht hinausgekommen, da er dachte, der erste Satz sei entscheidend für einen Text. Wenn der erste Satz misslungen ist, misslingt der ganze Text, da sich das Misslingen des ersten Satzes unbarmherzig im weiteren Text fortsetzt. Man wird dann von diesem ersten misslungenen Satz geradezu verfolgt und will ihn im Folgenden mit Umformulierungen überspielen und vergessen machen, was aber alles nur noch verschlimmert. Der erste Satz in seinem Text über Wanda, über den er noch nicht hinausgekommen war, lautete: „Ich habe bisher noch keine Frau getroffen, die so melodisch pupsen konnte wie Wanda.“ Da ihm aber das Wort „melodisch“ nicht ganz stimmig zu sein schien, überlegte er, stattdessen zu schreiben, „die in einer Kontra-Alt-Tonlage pupsen konnte.“ Aber dann wurde ihm das Unsinnige solcher Aussage bewusst, da man Pups-Töne nicht mit den Tönen einer Stimme, die aus der Kehle kommen, vergleichen konnte. Hinzu kam noch, dass er unwillkürlich an Thomas Bernhard hatte denken müssen, der so einen Satz unbarmherzig dauernd wiederholt hätte, und dies bremste ihn völlig aus, um über diesen ersten Satz in seinem Text, den er über Wanda schreiben wollte, hinauszukommen.

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