sonntagmorgen 1981

Von Marek Födisch

der internatskoffer bereits im gedankenschacht
deine beine angewinkelt auf dem warmen laken
und scharf schärfer: der lederne koffer
korrigierte kackbraune narben groß größer und
dein augenzucken hinter geschlossenen lidern
die fadenstärke dein „gespinne“ nimmt zu

du siehst dich bereits angegurtet
hinterm vater im alten f9 und
felder scheunen häuserzeilen ställe
die im blauen rauch verschwinden
du (womöglich) auch – er spricht nicht mit dir
schweinemist und benzin in der nase
schemen vs. schlaglöcher
du siehst dich aussteigen
später: aussteigen!

dein koffer birgt trauer
zwischen weichgespülter Wäsche
du siehst dich schon (wissentlich)
fünfeinhalb tage angegurtet
ans genormte ja und nein
ans auslachgewitter vor der tafel
an die verschlossene toilettentür (innen)

du siehst frank
zimmergenosse und
die schere die er nachts in die wand rammt
(das wird nicht verraten!)
jedes mal wenn die postkarte der eltern ausbleibt

türgeräusch
du hörst und siehst jetzt mutter am bett:
aufstehen aufstehen!
frühstück
sonntagseier

noch im gedankenschacht
du und das gurgeln im bad und
ebenso die straßen felder klassenzimmer die morgen
in der frühe heraufdämmern werden

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