Menerchadose

Von Michael Wiedorn

Ich befinde mich in einer riesigen Barockkirche, die angeblich in Berlin stehen soll. Kurz blicke ich aus der Vogelperspektive auf die Kirche und sehe ganz in der Nähe eine andere, gelbe Kirche. Das Viertel, in dem das Gotteshaus steht, sieht überhaupt nicht wie ein mir bekannter Teil von Berlin aus. Die Innenwände sind weiß getüncht und verschiedene Reliefs sind an ihr angebracht. Die Reliefs sind so dunkel, dass man kaum Konturen auf ihnen erkennen kann. Zwei Studenten lesen eifrig im Stehen in einem gewichtigen Reiseführer. Sie erblicken mich und geben mir lächelnd das Buch, damit ich mich auch informieren kann. Plötzlich halte ich einen gelben Zettel in der anderen Hand, auf dem ich eine Jahreszahl wie 1677 oder ähnliches lese. Im Reiseführer suche ich vergeblich etwas zum Gebäude. Ich sehe überhaupt keinen Zusammenhang zwischen den vielen altertümlichen Schwarzweißfotos und den völlig wirren Texten. Auf den Fotos ist nichts zu erkennen. Nur ein diffuses Schwarz mit einzelnen weißen Linien und Flecken. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem gelben Zettel in der einen Hand und dem schweren Buch in der anderen Hand? Im Reiseführer oder was das sein soll, stoße ich auf einen griechischen oder lateinischen Fachausdruck als Kapitelüberschrift. Die neben mir stehenden und immer noch lächelnden Studenten erklären mir, der Begriff bezeichne eine gefährliche Krankheit, in der sich Menschen in Tiere verwandeln. Es geht hier um die Geschichte der Tierwerdungen. Ich versuche noch mir den komplizierten Namen der Krankheit zu merken. Der zweite Teil des Ausdrucks lautet so ähnlich wie „Menerchadose“.

24.VII.1993

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