Ein echter deutscher Gartenzwerg

Von Johannes Morschl

In Deutschland bilden zwei einen Verein. Stirbt der eine, so erhebt sich der andere zum Zeichen der Trauer von seinem Platze. (Karl Kraus)

Ein trostloser Sonntagnachmittag in einem verschlafenen Provinznest namens Miefendorf. In einem renovierungsbedürftig aussehenden Saal stehen mehrere Reihen Holzstühle, ausgerichtet auf ein Podium vor der Rückwand des Saals. Auf dem Podium befindet sich ein runder Stehtisch, wie man ihn von Imbissbuden her kennt. An der Rückwand hängt ein großes Foto hinter Glas, das Porträt eines unscheinbar aussehenden älteren Herrn. Die rechte obere Ecke ist mit einem schwarzen Band umwickelt. Ein Stück weit darüber hängt ein altes Holzschild mit der Aufschrift Heimatverein Miefendorf Ost, das Löcher vom Holzwurm hat. Der Zusatz Ost soll auf die Lage des Vereins im östlichen Teil von Miefendorf verweisen, damit der Verein nicht mit dem Narrenverein Miefendorf verwechselt wird, der seine Zusammenkünfte in einem Gasthof im Ortszentrum von Miefendorf hat.

Die Tür geht auf und ein unscheinbar aussehender älterer Herr mit Aktentasche betritt den Saal. Er geht gemessenen Schritts zum Podium, besteigt es, entnimmt der Aktentasche eine Flasche Korn und zwei Schnapsgläser, stellt alles auf den Stehtisch und gießt Korn in die beiden Gläser. Dann hebt er ein Glas, tritt vor das Foto an der Wand und spricht: „Fritz von Zausewitz, du warst der Heimat immer treu ergeben. Miefendorf Ost sagt dir ein letztes Mal: Prost! Hei, Hei, Heimat! Dass Miefendorf Ost und die Kehle nicht verrost!“ Er trinkt das Glas in einem Zug leer und fährt dann fort: „Schade, dass du schon so früh von uns gegangen bist. Mit 86! Das ist doch heute kein Alter mehr! Ja, wenn du 100 gewesen wärst! Nun lastet die ganze Verantwortung auf mir. All die Jahre, seit es den von uns beiden gegründeten Verein gibt, haben wir sie geteilt. Ein Jahr warst du erster und ich war zweiter Vorsitzender, das Jahr darauf war es umgekehrt. Das geht jetzt leider nicht mehr. Dabei wäre die heutige Vereinsversammlung so wichtig für dich gewesen. Nun gut, so muss ich wohl oder übel deinen letzten Vorschlag an deiner Stelle vorbringen.“

Sichtlich bewegt tritt er an den Rand des Podiums und spricht zu den bis auf den letzten Platz unbesetzten Stuhlreihen: „Hei, Hei, Heimat! Miefendorf Ost für immer unser Trost! Hiermit eröffne ich unsere heutige Vereinsversammlung, die erste nach dem Tod von Fritz. Ich spreche euch heute ganz bewusst nicht mit ‚Liebe Vereinsmitglieder‘ an, da Fritz mir noch kurz vor seinem Tod eine Änderung dieser Anrede vorgeschlagen hat, worüber wir am besten gleich jetzt abstimmen sollten. Fritz hat vorgeschlagen, nicht mehr ‚Liebe Vereinsmitglieder‘, sondern ‚Liebe Vereins-mit-und-ohne-Glieder‘ zu sagen. Seine Idee war, damit zum Ausdruck zu bringen, dass wir uns trotz schwerster Bedenken dazu durchgerungen haben, die Gleichstellung der Frauen als bittere Realität anzuerkennen. Ich denke, wir schulden es dem Andenken des Verstorbenen, seinen etwas gewöhnungsbedürftigen Vorschlag anzunehmen.“ Er blickt in den leeren Saal und fragt: „Ist etwa jemand dagegen?“ Da sich niemand meldet, stellt er fest: „Der Antrag ist hiermit einstimmig angenommen.“

Dann spricht er weiter: „Liebe Vereins-mit-und-ohne-Mitglieder, – nein! -, nur ohne Mitglieder, – nein! -, nur ohne Glieder, – nein! -, nicht alle ohne Glieder! Verdammt, was hat uns Fritz da eingebrockt! Wie auch immer, jedenfalls befinden wir uns in einer schweren Zeit. Es ist nicht nur der Tod von Fritz, der uns bedrückt. Auf den Polenmärkten an der deutsch-polnischen Grenze werden Gartenzwerge zum Kauf angeboten, die entweder so aussehen wie Lech Walesa, dieser ehemalige Oberkrawallski streikender Danziger Werftarbeiter, oder wie die an sich durchaus ehrenwerten Kaczynski-Zwillinge, von denen ja einer bekanntlich schon tot ist, Flugzeugabsturz, höchstwahrscheinlich von den Russen abgeschossen. Diese polnischen Gartenzwerge haben zwar eine Zipfelmütze auf, tragen aber keinen Vollbart, wie er zu einem echten Gartenzwerg gehört. Der Walesa-Zwerg hat einen Schnauzbart wie der echte Walesa, und die Kaczynski-Zwerge sind vollkommen bartlos wie die echten Kaczynski-Zwillinge. Diese Gartenzwerge werden zu einem Spottpreis angeboten. Kauft man beide Kaczynski-Zwerge, bekommt man noch zusätzlich Rabatt, dabei kann man die beiden nicht voneinander unterscheiden. Viele unserer Landsleute kaufen aus kleinkrämerischer Sparsamkeit diese spottbilligen polnischen Gartenzwerge und üben somit Verrat am echten deutschen Gartenzwerg. Dies hat zur verheerenden Folge, dass der echte deutsche Gartenzwerg in unseren heimatlichen Gärten in die Minderheit zu geraten droht. Dem muss entschieden Einhalt geboten werden! Das geht aber nur mit einer starken straffen Führung! Deshalb biete ich mich an, als alleiniger Vereinsvorsitzender auf Lebenszeit zu kandidieren. Hei, Hei, Heimat! Miefendorf Ost hält stand jedem Frost!“ Danach verbeugt er sich ein paar Mal vor den leeren Stuhlreihen, so als würde donnernder Applaus von dort kommen. Er sagt: „Wie ich eurem Applaus entnehmen kann, können wir uns eine Abstimmung ersparen. Gut, dann bedanke ich mich für euer einhellig blindes Vertrauen und verspreche euch, notfalls auch mit unlauteren Mitteln gegen die Verbreitung der Polenzwerge in unserer Heimat vorzugehen. Hei, Hei, Heimat! In Miefendorf Ost geht jetzt ab die Post!“

In bester Laune wendet er sich dem Foto von Fritz zu. „Fritz, du hast ja noch keinen Korn getrunken!“ Er führt das andere Glas Korn, das er eingegossen hat, an den Mund von Fritz. Da geschieht etwas, das fast zu erwarten war, wenn man Fritz von Zausewitz näher gekannt hat. Dieser öffnet blitzartig den Mund, in welchem der Korn bis auf den letzten Tropfen verschwindet. Gleich danach ist sein Mund wieder fest geschlossen. Der frisch ernannte Vorsitzende auf Lebenszeit schmunzelt: „Na, du bist mir aber einer, du alter Schlawiner! Doch wehe, du quatschst mir bei meiner Alleinherrschaft dazwischen! Am besten stelle ich dein Bild nach gebührender Trauerzeit in den Keller.“ Dann spricht er wieder zu den leeren Stuhlreihen: „Bezüglich der Polenzwerge war Fritz übrigens viel zu tolerant, wie er überhaupt in letzter Zeit einen verdächtigen Trend zum Liberalismus hatte. Vor zwei Wochen, als er noch unter uns weilte, sagte er mit zittriger Stimme zu mir: ‚Lass sie doch, wenn sie sich unbedingt die Polenzwerge in den Garten stellen wollen.’ Aber bitte sehr, wo kommen wir da hin? Die Kaczynskis stehen uns zwar von der politischen Gesinnung her durchaus nahe. Geradezu vorbildlich, die diktatorischen Bestrebungen der PiS-Partei des noch lebenden Kazcynski-Zwillings. Aber sie sind nun mal keine Deutschen. Wenn schon ein Gartenzwerg von nationaler politischer Bedeutung in unseren Gärten, dann darf es selbstverständlich nur einer von deutschnationaler Bedeutung sein. Wer aber jetzt an den Führer denkt, dem muss ich leider eine Absage erteilen. Zum einen hatte der Führer bloß einen Stummel-Bart unter der Nase so wie einst dieser englische Film-Chaot Charly Chaplin, und zum anderen hat er uns nicht wie versprochen zum totalen Sieg, sondern in den totalen Untergang geführt. Außerdem war er kein echter Deutscher, sondern Österreicher, und die Österreicher sind ja bekanntlich ein Mischvolk mit stark slawischem Einschlag. Man schlage nur das Telefonbuch von Wien auf. Da wimmelt es nur so von für einen Deutschen kaum aussprechbaren slawischen Namen.

Mir schwebt da viel eher ein Gartenzwerg vor, der das Aussehen eines deutschen Kaisers hat. Unser letzter Kaiser Wilhelm II. würde sich da leider nicht anbieten, denn sein Schnurrbart mit den akkurat nach oben gezwirbelten Enden machte seine ganze Persönlichkeit aus. Ihm nachträglich einen Vollbart zu verpassen, wie er zu einem echten deutschen Gartenzwerg gehört, wäre eine Majestätsbeleidigung post mortem, und das wollen wir auf keinen Fall.“ Er singt die erste Strophe der alten deutschen Kaiserhymne (Melodie wie die englische Nationalhymne): „Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands! Heil, Kaiser, dir! Fühl in des Thrones Glanz die hohe Wonne ganz, Liebling des Volks zu sein! Heil, Kaiser, dir!“ Dann fährt er fort: „Aber Kaiser Friedrich Barbarossa würde sich da anbieten, welcher der Sage nach im Berginneren des Kyffhäusers sitzt und dort angeblich aus Langeweile mit seinem Hofstaat kifft. Letzteres ist natürlich ein bösartiges Lügengerücht, das in den 1960er-Jahren von den Hippies, diesen langhaarigen vaterlandslosen Gesellen in die Welt gesetzt wurde. Jedenfalls hatte Kaiser Friedrich Barbarossa einen prächtigen roten Vollbart, absolut passend für einen echten deutschen Gartenzwerg. Allerdings müsste er statt der Kaiserkrone eine Zipfelmütze aufhaben, das ginge nicht anders, Vorschrift ist Vorschrift.“

Er hält inne und genehmigt sich einen zweiten und dann noch einen dritten Korn. Als er seine Rede fortsetzen will, hat er plötzlich ein totales Blackout. Er schaut verwirrt in den leeren Saal, in dem betretenes Schweigen herrscht. Hilfesuchend dreht er sich zum Foto von Fritz, den er aber auf einmal nicht mehr wiedererkennt und der ihm noch dazu die Zunge raus streckt. Das macht ihn furchtbar wütend, er stampft ein paarmal auf vor Wut. Da fällt das alte Holzschild Heimatverein Miefendorf Ost von der Wand und zerbricht in zwei Teile. Er stöhnt auf: „Das ist der Untergang des Abendlandes!“ Dann glaubt er sich daran erinnern zu können, auf einer Versammlung echter deutscher Gartenzwerge zu sein und eine Rede vor ihnen halten zu müssen. Er gibt sich einen Ruck und spricht: „Hochverehrte deutsche Gartenzwerge mit und ohne Zipfel, – nein! -, Zipfelmütze, – nein! -, nicht oben ohne, sondern alle mit Zipfelmütze…“ Er stockt und weiß nicht mehr weiter. Kurz entschlossen ruft er: „Hei, Hei, Heimat! Die Heimat, äh, die Versammlung ist hiermit geschlossen!“ Anschließend trinkt er noch einen vierten und einen fünften Korn, verstaut dann die Flasche mit dem restlichen Korn und die beiden Schnapsgläser in seiner Aktentasche und geht schwankenden Schrittes aus dem Saal. Dabei stößt er an Stühlen an. Er schimpft: „Eine bodenlose Frechheit, mir den Weg zu verstellen! Nichts als Saboteure und Anarchisten hier! Das hat Konsequenzen, schwerwiegende Konsequenzen!“ Empört schlägt er die Tür hinter sich zu.

Kaum ist er verschwunden, geht ein Knarren der Erleichterung durch die leeren Stuhlreihen. Man hört ihn noch draußen singen: „Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands! Heil, Kaiser, dir!…“ Der Gesang entfernt sich und verstummt schließlich.

*

© 2022 Johannes Morschl
Alle Rechte vorbehalten