Bei Joe

Von Verena Dolovai

Linda betritt das Badezimmer. Einmal war sie schon hier. Sie erinnert sich genau, wie sie von Joe den Schlüssel zur Hütte geholt hat. Es war im Sommer, mitten im Juli und sehr heiß. Sogar der Asphalt gab der Hitze nach, wurde weich. Joe stand der Schweiß auf der Stirn, als sie ihn im Kuhstall das erste Mal sah. Bella hatte ihn mit ihrem Gebell vorgewarnt, dass Besuch im Anmarsch war, so gefasst wie er sich in seinen hohen Stiefeln breit vor ihr aufbaute. Beinahe in einer Art Abwehrhaltung.
Die warme Stallluft zusammen mit der Hitze setzten Linda übel zu. Sie war mit wenig Gepäck angereist und vom Zugfahren völlig nass geschwitzt, weil die Klimaanlage ausgefallen war. Das Kleid klebte an ihrer Haut fest und betonte ihre Formen. Joes Blick, der ihrem von Anfang an auswich, ständig auf der Flucht und immer schneller als Lindas Augen, die ihn verfolgten.
Ein Eigenbrötler, der es mit Menschen einfach nicht so hat, dachte sie. Es war ihr recht, dass er sie nicht gleich mit Worten überfiel wie die meisten. War sie nicht hierhergekommen, um genau davor Ruhe zu haben? Vor den Worten der anderen? Vor den anderen Menschen?
Sie wollte sich damals nur kurz frisch machen nach der langen Anfahrt, die Hände und das Gesicht mit kaltem Wasser abspülen. Da hat ihr Joe den Weg ins Bad gezeigt. Ein dunkler Gang war zu passieren, auch das Bad hatte kein Fenster.
Nun steht sie wieder in diesem kalten Raum. In den Ecken der Wände hängen Spinnweben. Der Spiegel ist beinahe blind. Nur schemenhaft erkennt sie ihr Gesicht, das ein anderes geworden ist in den letzten Monaten. Eine fremde Frau blickt ihr entgegen, und doch scheint sie mehr mit ihr zu verbinden als mit jener, die sie früher gewesen war. Eingetrocknete Spritzer von ausgespuckter Zahnpasta kleben am unteren Spiegelrand. Ihren Kulturbeutel hält sie fest umklammert. Sie sucht nach einem Platz, wo sie ihn hinstellen kann, doch es gibt kaum eine Möglichkeit zur Ablage. Nur ein schmaler Waschtisch, auf dem ein Zahnbecher mit einer Zahnbürste steht, daneben liegen eine Zahnpasta und eine Nagelfeile. Linda sieht kleine halbmondförmige Nägel um die Feile verstreut. Sie ist ein wenig angeekelt. Zugleich schämt sie sich, fühlt, wie sie in die Intimität eines anderen Menschen eindringt, indem sie hier steht, seine abgezwickten Nägel betrachtet. Sie hat hier keinen Platz, genauso wenig wie ihr Kulturbeutel.
Brauchst du etwas?, hört sie Joe aus der Küche.
Alles gut, sagt sie mit mechanischer Stimme.
Es ist nichts gut, denkt sie. Ich gehöre nicht hierher. Ich bin nicht bereit, das Bad mit einem fremden Menschen zu teilen.
Am liebsten würde sie sich umdrehen und abhauen. Aber Joe hat schon das Gästezimmer für sie bereit gemacht. Und wohin soll sie überhaupt gehen? Es gibt kein Zuhause mehr. Und die Hütte ist keine Option. Zumindest nicht für die nächsten Wochen.
Luna und Lucy laufen im Hof umher. Sie scheinen sich wohl zu fühlen in der Nähe ihrer Mutter. Umgekehrt war Bella etwas verstört, als die beiden ankamen und die Ruhe am Hof durcheinanderwirbelten. Aber am Abend sind sie schon zu dritt und eng aneinander gekuschelt unter dem Küchentisch gelegen.
Wie schnell das geht, dachte Linda und war fast ein wenig neidisch auf die rasche Adaptionsfähigkeit der Hunde.
Linda stellt ihren Kulturbeutel neben Joes Zahnbecher. Sie denkt an D. Wie ihre beiden Zahnbürsten damals im winzigen Bad der kleinen Einzimmerwohnung nebeneinander lagen als wären sie frisch vermählt. Einen Zahnbecher verwendeten sie nicht. Lieber legte D. seinen Kopf schief, hielt seinen Mund unter den Wasserhahn und ließ das Wasser hineinlaufen, gurgelte und spülte es schließlich aus. Er wiederholte den Vorgang so oft, bis das Wasser aus seinem Mund klar war. Linda gewöhnte es sich genauso an. Und später dann lagen auch die kleinen Zahnbürsten von Nikolai und Kira neben jenen von Linda und D. Eine kleine Zahnbürstenfamilie. Da lebten sie schon in der Zweizimmerwohnung.
Linda öffnet ihren Kulturbeutel. Sie nimmt die Zahnbürste heraus und legt sie auf den Waschtisch. Das Bild passt nicht. Während sie die Zahnbürste betrachtet, räuspert sich Joe hinter ihr. Sie erschrickt, zuckt zusammen. Die Zahnbürste fällt auf den Boden.
Entschuldigung, flüstert Joe. Ich wollte nur schauen, ob du wirklich nichts brauchst.
Er bückt sich und hebt die Zahnbürste auf. Ein dunkles Haar klebt auf dem Bürstenkopf. Joe spült die Zahnbürste ab. Das Haar verschwindet mit dem Sog des Wassers im Abfluss. Er dreht den Wasserhahn ab und reicht Linda die Zahnbürste. Sie nimmt sie entgegen, letzte Wassertropfen rinnen ihr Handgelenk hinab.
Linda versucht, ihre Unsicherheit zu verbergen. Doch es mag ihr hier, in Joes Haus, nicht gelingen. Sie ist nur Gast.
Dann legt sie die Zahnbürste zurück in den Kulturbeutel und zieht den Reißverschluss zu.
Magst du Tee?, fragt Joe. Linda nickt. Ich habe auch eine Jause angerichtet. Du musst hungrig sein. Linda sagt, danke und versucht sich zu erinnern, wann sich jemand das letzte Mal um sie so gekümmert, sie umsorgt hat. Dass sie Essen auf dem Tisch stehen hat, dass ihr Bett bezogen ist. Es war doch stets sie selbst, die den wohlig warmen Geruch aus der Küche erzeugt hatte. Damals, als sie noch zu viert waren, D., Nikolai und Kira.
Gerade erst hat sie sich an die Hütte gewöhnt, an ihr Leben abseits der anderen, bis Joe die Hunde brachte und bis schließlich die Kälte mit einer Wucht einbrach, der sie nicht standhalten konnte, obwohl sie es versucht hatte. Und wieder war es Joe, der sie zurück in die so unliebsamen Strukturen katapultierte, die ihr Anpassung abverlangten. Joe, der trotz seiner zurückhaltenden Art auf gewisse Weise eine Bestimmtheit in seinen Handlungen, Absichten zutage treten ließ, die Linda nun dahin brachten, wo sie sich befand: In seinem Haus. Aber letztendlich hat sie eingesehen, dass der Wettlauf gegen die Kälte nicht zu gewinnen war. Die Hütte war nicht winterfest, Joe hatte zu wenig Willen gezeigt, daran etwas zu ändern in der kurzen Zeit, die ihr geblieben war und sie war zu wenig standhaft, zu wenig fordernd. Joe rückte keinen Millimeter von seinen Vorstellungen ab, das war ihr mittlerweile klar geworden. Er war starrköpfig. Ein starrköpfiger Eigenbrötler.

*

© 2022 Verena Dolovai
Alle Rechte vorbehalten

Text aus Romanmanuskript (mit dem vorläufigen Arbeitstitel „Die Hütte“)