Der Schwächeanfall

Von Michael Kothe

Nichts Besonderes hatte ich zu besorgen gehabt, nicht Besonderes hatte ich erwartet an diesem sonnigen Nachmittag in der Innenstadt. Ein ganz normaler Bereitschaftsabend schien es zu werden nach einem eintönigen Tag im Innendienst. Ich genoss das betriebsame Leben in der Fußgängerzone, fand Ablenkung in den zahlreichen teuer dekorierten Schaufenstern von Geschäften und Boutiquen und ließ mich von dem ein oder anderen Angebot verleiten, gelegentlich ein Ladenlokal zu betreten, um mich näher mit den Auslagen zu beschäftigen. Außer einer späteren Erfrischung durch einen Eisbecher in Café am Stadtpark hatte ich keine Kaufabsicht.
Ein Rempler nahm mir beinahe das Gleichgewicht.
»Passen Sie doch auf!«
Mein kurzes Anschnauzen war der Störung sicherlich angemessen. Mehr Aufmerksamkeit wollte ich diesem unerwarteten Vorfall nicht gönnen. Nur wurde meine Überraschung umso größer, als ich mir bewusst machte, dass die Passanten reichlich Abstand zu uns hielten. Den Geruch nach Alkohol hatte ich Sekunden vorher diffus wahrgenommen, doch als der ältere Herr nun seine Hand in meine Schulter gegraben und mich fast zu Fall gebracht hatte, roch ich seinen Atem intensiver. Kurz schüttelte ich mich, bevor ich auf Grund seines Festhaltens und seines Schnapsdunstes dem Drang nachgab, ihn näher in Augenschein zu nehmen. Obwohl seine Kleidung fadenscheinig war, sah man ihr ihre teure Herkunft an. Sein hellgrauer Mantel wies Flecken auf, was ich auf mangelnde Pflege zurückführte. Dem stand zwar der Anblick eines Anzugs aus gutem Stoff entgegen, der durch den halboffenen Mantel hervor lugte, das vernichtende Urteil als Trunkenbold würde dennoch außer mir auch jeder andere fällen. Spätestens beim Anblick seiner wirren grauen Haare und dem Stoppelbart, der sich keinem aktuellen Stil zuordnen ließ. Der Mensch war schlicht unrasiert.
Augenscheinlich war dieser Mann gestolpert und hatte an mir wohl nur Halt gesucht, dennoch fuhr meine Hand als erstes in die Innentasche meiner Jacke und tastete nach Geldbörse und Smartphone. Obwohl ich beides zweifelsfrei fühlte, tastete ich instinktiv sämtliche Taschen meiner Kleidung ab und war erst beruhigt, als ich alle Schlüssel und vor allem die Pistole und das Mäppchen mit meinem Dienstausweis und der Dienstmarke sicher an ihrem Platz wusste. Unwillkürlich huschte ein breites Grinsen über mein Gesicht. Es wäre schon eine Ironie des Schicksals, wenn ein Taschendieb ausgerechnet einen Kriminalbeamten in Zivil erfolgreich bestehlen wollte. Zudem wäre ich auch in diesem Fall siegessicher gewesen, da ich mich als durchtrainierter Anfangsvierziger ihm körperlich deutlich überlegen fühlte.
Mein humorvolles Gedankenspiel gab ich spontan auf, als ich beobachtete, wie der Senior von mir abließ, auf den Betonplatten der Fußgängerzone zusammensackte und gekrümmt liegenblieb. Ich sah ihn beide Hände an seine linke Brust pressen, die Blicke seiner weit aufgerissenen Augen streiften panisch umher. Sein kurzes, heftiges Atmen mit offenem Mund verhieß nichts Gutes. Hastig steckte ich Börse und Handy in die Hosentaschen, zog meine Jacke aus und rollte sie zusammen, sodann kniete ich mich neben ihn und schob ihm meine Jacke als weiche Unterlage unter den Kopf. »Hallo, was ist mit Ihnen? Fühlen Sie sich unwohl?« Den Mann rüttelte ich sanft an beiden Schultern und bemühte mich, seine Aufmerksamkeit auf mich zu fixieren. Vage kamen Erinnerungen hoch an meine Erste-Hilfe-Kurse, sicher fühlte ich mich jedoch gewiss nicht.
Unsicher fühlte ich mich auch deshalb, weil niemand von dem Vorfall Notiz zu nehmen schien. Schlimmer noch, wie mir bewusst wurde! Denn mit abgewandten Gesichtern und beschleunigten Schritten hasteten die Passanten im kleineren oder größeren Bogen um uns herum. »Können Sie uns bitte helfen? Der Mann braucht einen Arzt!« Mein Rufen verhallte wirkungslos, wieder wandte ich mich dem Liegenden zu. »Halten Sie durch. Ich rufe Hilfe herbei.« Mein Smartphone hatte ich gerade aus der Hosentasche gezogen, als ich über das Display hinweg eine hastige Bewegung wahrnahm. Ein Herr verließ mit eiligem Schritt das Uhren- und Schmuckgeschäft und kam die wenigen Meter geradewegs auf uns zu. Nun erkannte ich den Juwelier, denn einige Male schon war ich vor seinem Schaufenster stehengeblieben, und er hatte mir von innen grüßend zugenickt. Bevor er sich zu uns kniete, sah ich aus dem Augenwinkel eine junge Dame im Hosenanzug hinter ihm das Ladenlokal betreten. Hatte sie denn nicht beobachtet, dass der Inhaber gerade heraus geeilt war? Kannte sie den Laden nicht? Wusste sie denn nicht, dass er keine Angestellten hatte und sein Geschäft allein betrieb? Doch seine Frage unterbrach meine Gedanken.
»Hat schon jemand einen Arzt gerufen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Gerade wollte ich die Notrufzentrale anrufen. Könnten Sie …«
»Wasser! Wasser bitte!« Heiser klang seine Stimme, und fast gehaucht schienen die Worte des Seniors. Trotz meiner Nähe hörte ich sie kaum.
Der Juwelier schien besser verstanden zu haben. »Sofort. Es dauert nur einen Augenblick.« Behände erhob er sich, und ich sah ihm nach, wie er in seinem Geschäft verschwand.
Überrascht nahm ich wahr, wie sich eine elegante kunstlederne Einkaufstasche von der Seite her in mein Blickfeld schob. Die junge Frau, die ich eben den Juwelierladen betreten sah, ging neben mir in die Hocke und stellte ihre Tasche neben sich auf den Boden. Den kleinen Reißverschluss auf der Vorderseite öffnete sie und entnahm der Vortasche einen schlanken verchromten Stift. So schien es, bis sie an einem Ende drehte, und ein gebündelter Lichtstrahl auf den Mantel des vermeintlichen Trunkenbolds fiel. Zielgerichtet führte sie den Strahl nacheinander in beide Augen des Mannes, wobei sie jeweils sein Augenlid anhob und die Stablampe in beide Richtungen hin- und her bewegte.
»Ich bin Ärztin«, beschied sie mich nebenbei. Offenbar hatte sie meine Überraschung erkannt.
Erleichtert, weil sie mir meine Verantwortung abgenommen hatte, lächelte ich sie an, während sie die dünne Stablampe in die Tasche zurückschob.
Mittlerweile hatte sie sein Handgelenk ergriffen. »Ihr Puls ist recht kräftig, und Ihre Pupillen folgten dem Licht, es geht Ihnen wohl wieder besser. Wie fühlen Sie sich? War das nur ein Schwächeanfall, oder haben Sie solche Beschwerden öfter?«
Ein einfaches Kopfschütteln betrachtete der Senior wohl als ausreichend. Vielleicht aber konzentrierte er sich einfach auf den Schmuckhändler, der sich in diesem Moment zu ihm herabbeugte und ihm ein Glas Wasser entgegenhielt.
Der Alte dreht sich auf die Seite und stützte sich auf den Ellbogen.
»Danke, es geht schon wieder.« Mit leisem Schlürfgeräusch leerte er das Glas und reichte es lächelnd dem Juwelier zurück. »Nochmals danke!« Unter sichtlicher Anstrengung raffte er sich auf und machte ein paar unsichere Schritte. Nach einem kräftigen Durchatmen streckte er den Rücken durch und nahm seine Hand von meiner Schulter, an der er sich aufgerichtet hatte. »Auch Ihnen ein herzliches Dankeschön!«
Schon hatte er den Mund geöffnet, wohl, um auch ihr zu danken, doch die Ärztin hatte mittlerweile ihre Tasche aufgenommen, sich aufgerichtet. Nun kam sie ihm zuvor. »Offensichtlich sind Sie wieder bei Kräften, doch es ist besser, wenn ich sie ins Krankenhaus fahre, damit Sie gründlich untersucht werden. Kommen Sie, mein Wagen steht gleich um die Ecke!« Sein halbherzig wirkendes Sträuben erstickte sie im Keim. »Stützen Sie sich ruhig auf mich. Es sind nur ein paar Schritte.« Sie nickte dem Juwelier und mir zu, dann legte sie den Arm des Seniors um ihre Schulter und zog ihn fort. Augenblicke später waren sie von der Menge der Passanten aufgesogen.
Mit dem Schmuckhändler wechselte ich ein paar Blicke, mit denen wir uns unsere gegenseitige Anerkennung für die geleistete Hilfe ausdrückten und den Abschied, denn wir hatten nun nichts mehr miteinander zu tun. Ich schüttelte meine Jacke aus und hängte sie mir über die Schultern. Dem Ende der Fußgängerzone schlenderte ich entgegen, zufrieden vor mich hinlächelnd, weil ich in eine Situation geraten war, in der ich helfen konnte. Der ersehnte Eisbecher war meinem Gedächtnis entglitten. Als ich um die Ecke bog, entdeckte ich die Ärztin wieder. Gerade stieg sie in einen unscheinbaren Mittelklassewagen asiatischer Herkunft und zog die Fahrertür zu. Der ältere Herr saß auf dem Beifahrersitz, auf seinem Schoß erkannte ich die Tasche aus Kunstleder. Sie war offen, und er schaute hinein. Mittlerweile war ich auf gleicher Höhe mit den beiden, und durch das geöffnete Seitenfenster hörte ich seine an die Ärztin gerichtete Frage. »Und, was ist es diesmal?« Ich sah, wie die Angesprochene den Arm hob, eine Perücke vom Kopf zog und sie auf den Rücksitz warf. Dann schaute sie ihn kurz an, wandte sich wieder ab und konzentrierte sich auf die Straße. Bevor sie das Auto in den fließenden Verkehr einfädelte, hörte ich noch ihre Antwort. »Aber Papa, das weiß ich doch jetzt noch nicht. Aber es ist reichlich Goldschmuck, und die Uhren sind auch nicht gerade die billigsten.«

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© 2022 Michael Kothe
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Die Kurzgeschichte ist entnommen aus Kothes „Schmunzelmord 2 – 17 kriminelle Erzählungen“, einer Sammlung kurzer und längerer fiktiver Kriminalfälle unter dem Motto „Verbrechen wollen unterhalten“. Mehr Info auf seiner Autorenhomepage https://autor-michael-kothe.jimdofree.com.