Ich bin nicht giftig

Von K. Theo Frank

„Ich bin nicht giftig“, schluchzte Marie. Die anderen Mädchen standen im Halbkreis, die Sportlehrerin hatte sich im Brennpunkt postiert: brauner Trainingsanzug mit rot-gelben Streifen, silberne Trillerpfeife, streng gefaltetes Gesicht.

„Reiß Dich bitte zusammen“, forderte sie und ihre Stimme hallte von den kahlen Betonwänden der Turnhalle wie das Bergsteigerecho von den Alpenfelsen. „Für dich gilt: keine Teilnahme am Teamsport. Du kannst an den Kletterstangen üben oder Lockerungen machen. Aber beim Basketball bist du draußen.“

„Ich trage doch Handschuhe, hier.“ Marie reckte verzweifelt die grün behandschuhten Hände in die Höhe. Doch das Argument fruchtete nicht. Frau Krüger zeigte resolut in Richtung der blau lackierten Kletterstangen. „Vorsicht zuerst. Und jetzt machen wir mit Basketball weiter – ohne dich und ohne Widerrede.“

Marie trottete zu den Stangen, doch statt sich nach oben zu quälen, hockte sie sich auf die abgewetzte Matte und vergrub den Kopf zwischen ihren Ellbogen. Es war ihr völlig egal, ob sie eine Sechs dafür bekam. Durch die halb verdeckten Ohren vernahm sie den Pfiff, dann hörte sie die Dribbelschläge des Balls und die hellen, atemlosen Rufe ihrer Freundinnen. „Pass zu mir! Nein, zu mir!“ Freundinnen? Waren sie das wirklich noch?

Nach dem Sport waren noch Mathe und Geschichte zu absolvieren. Bevor sich Marie verändert hatte, saß sie neben Tamara. Tamara war schlau und ab und zu durfte Marie bei ihr abschreiben. Doch jetzt musste sie die Stunden allein am Tisch verbringen. Aus Vorsicht, na klar. Wozu trug sie eigentlich diese verdammten Handschuhe, wenn sich sowieso niemand in ihre Nähe wagte. Man schwitzte darunter wie ein Schwergewichtsboxer. Dabei war es der Schweiß ihrer Hände, der die Menschen krank machte. Genauer gesagt: die Frauen.

Nach dem Unterricht ging Marie auf direktem Weg nach Hause, die Treppe hastete sie nach oben, schleuderte die Tasche in die Zimmerecke und warf sich aufs Bett. Mutter rumorte im Wohnzimmer. Warum war Mutter immer schon da, wenn sie nach Hause kam?

Es klopfte an die Zimmertür. Kurz darauf meldete sich eine dumpfe Stimme hinter dem Türblatt: „Hallo Schatz“.

„Selber Hallo“, antwortete Marie, das Kissen auf dem Gesicht. Mutter hatte sie garantiert nicht gehört, trotzdem trat sie ein.

„Na, wie war die Schule?“, flötete sie gut gelaunt, doch als Marie das Kissen wegzog, gefror ihr Gesicht. „Du bist ja total verheult. Gabs wieder Ärger wegen deines Handicaps?“

Handicap? Was für eine blöde Umschreibung. Katastrophe, das würde viel besser passen.

„Wieder beim Sportunterricht, stimmts?“

Marie nickte. „Warum musste ich das auch kriegen. Warum, was habe ich denn Böses getan?“

„Ach Schatz!“ Mutter setzte sich auf die Bettkante und streichelte über ihre Stirn. „Deine Großmutter hat das Problem auch mit sechzehn bekommen, ich habe es mit sechzehn bekommen. Es ist halt erblich. Aber es gibt Wege“, sie deutete auf Maries Handschuhe, „sich und andere zu schützen.“

„Mich? Wieso sollte ich mich schützen. Mir kann das Gift nichts anhaben. Und dir übrigens auch nicht.“

„Und niemand anderem“, erwiderte Mutter, „weil wir immer vorsichtig sind, nicht wahr?“

„Weil wir Aussätzige sind!“

Mutter seufzte. „Jedenfalls wirst du den Spuk mit sechsunddreißig hinter dir haben. Bei deiner Großmutter war es so. Bei mir war es auch so.“

„So lange?“ Marie nahm das Kissen und warf es wütend über das Fußende des Bettes. Es flog gegen das Schränkchen mit den Schubladen, auf dem der alte Fernseher aus dem Schlafzimmer der Eltern stand. Er zitterte ein wenig, Gefahr, dass er runterfiel, bestand aber nicht.

„Zwanzig Jahre lang werden mich alle behandeln, als sei ich der schlimmste Mensch auf der Welt, sogar meine Freunde. Ich bin ausgeschlossen von allem, was wichtig ist.“

Besorgt hatte Mutter die Flugbahn des Kissens verfolgt. Nun, da die Gefahr vorbei war, wandte sie sich mit ernstem Gesicht ihrer Tochter zu. „Wer dich so behandelt, ist nicht deine Freundin. Mit solchen Leuten solltest du dich am besten gar nicht erst abgeben. Ich sage immer: Lieber zwei richtige Freundinnen als zwanzig falsche.“ Sie rieb versöhnlich an Maries Schulter. „Außerdem hast du ja noch die Jungs.“

Marie hob demonstrativ die Augenbrauen, worauf Mutter eine schnelle Lachsalve abschoss, gefolgt von einem entspannten Seufzer. „So! Jetzt mache ich dir erst einmal heißen Kakao, so wie du ihn magst.“ Sie drückte Marie einen dicken Kuss auf die soeben getätschelte Stirn. Mit leisem Stöhnen erhob sie sich und ging steif zur Tür. Klack! Das Türblatt fiel ins Schloss. Das war ungewöhnlich, normalerweise ließ Mutter aller Türen offenstehen.

Es klopfte, aber nicht an der Tür. Das Geräusch war viel dunkler und härter. Fingerknöchel auf Glas. Marie rutschte auf dem Hintern aus ihrem Bett und ging zum Fenster.

„Freddy?“

Hinter dem Glas lächelte ein Gesicht. „Mach auf“, sagte es, ohne dass man es drinnen hören konnte.

Marie legte ihre Finger um den Wirbel und öffnete beide Fensterflügel. „Bist du schon wieder über das Weinspalier geklettert? Du kannst dir sonst was brechen.“ Sie stemmte die Hände missbilligend in die Hüften, doch Freddy ließ sich nicht davon abhalten, ins Zimmer zu hüpfen. Zum Glück dämpfte der Teppich ihren Aufprall.

„Sei leise“, schimpfte Marie. „Du kannst hier nicht sein. Mutter kommt gleich mit dem Kakao.“

Freddy sah nach links und entdeckte den Sessel an der gewohnten Stelle. Sie ging hinüber und ließ sich aufs Polster plumpsen. „Deine Mutter weiß doch, dass wir zusammen sind“, gab sie trotzig zurück.

„Aber nicht, dass Du hier einsteigst. Und überhaupt. Ich bin giftig.“

Freddy sprang wieder auf und trat an Marie heran. „Denkst du, das interessiert mich?“ Sie wollte ihr einen Kuss geben, doch Marie wich aus.

„Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass ich Frauen gefährlich werden kann, also auch dir. Am besten wäre es, du verschwindest gleich wieder durch das Fenster. Zu deiner eigenen Sicherheit.“

„Meiner Sicherheit?“ Freddy grinste. „Dann breche ich mir sonst was. Hast du selbst gesagt.“

Marie schüttelte den Kopf über so viel Unvernunft. Aber sie mochte Freddys tollkühne Art. Deshalb wehrte sie sich nicht, als sich ihre Hände um ihre Taille legten. Sie wehrte sich nicht, als sie sie küsste, denn sie küsste sie wieder. Sie konnte nicht anders, als ihre Arme um ihren Hals zu schlingen, sie ganz fest an sich zu ziehen.

Mutter nahm den Milchtopf vom Herd und füllte die schneeweiße Flüssigkeit in Maries Lieblingstasse. Beigefarben war sie wie Strandsand, vorn prangte ein Seestern, daneben allerlei Perlen und Münzen in einer geöffneten Schatztruhe. Mutter schaufelte zwei gehäufte Löffel Kakaopulver aus dem Behälter und rührte sie hinein. Marie mochte es extra schokoladig. Auf der Untertasse hatte sie bereits zwei Kekse mit Cremefüllung bereitgelegt. Sie nahm beides in die Hand und ging zur Treppe. Erste Stufe, zweite Stufe. Plötzlich hörte sie einen dumpfen Schlag. Im selben Augenblick fing Marie an zu schreien, als würde die Welt untergehen. Irgendwie war es ja auch so. Mutter ließ Teller und Tasse fallen. Sie polterten auf die Holztreppe. Der Teller zersprang, die Tasse verlor ihren Henkel, während die braungefärbte Milch gegen die Wand spritzte und dort hässliche Flecken hinterließ.

Noch Schlimmeres erwartend stürmte Mutter ins Zimmer. Vor ihr auf dem Teppichboden wand sich Freddy, die nette, etwas draufgängerische Freundin ihrer Tochter. Sie hustete. Vor ihrem Mund hatte sich Schaum gebildet.

„Verdammt noch mal“, brüllte Mutter. „Hast du deine Handschuhe gar nicht an?“

„Doch“, stammelte Marie und hielt die Hände hoch.

„Du hast nicht aufgepasst. Ein kleiner Schnitt oder ein Loch genügen.“

„Nein“, Marie schüttelte heftig den Kopf. „Ich habe immer aufgepasst.“

Worauf Mutter beide Hände hob. „So etwas hat es bei uns seit einhundert Jahren nicht gegeben. Los, hilf mir, sie aufs Bett zu legen. In Acht zu nehmen, brauchst du dich nicht mehr. Sie ist jetzt immun, genau wie wir.“ Die beiden hievten die junge Frau auf Maries Matratze. Hier hatte sie schon öfter gelegen, allerdings in deutlich besserer Verfassung.

„Verdammt, verdammt!“ Mutter griff sich an den Kopf, als wolle sie einen wichtigen Gedanken herausziehen wie einen Flaschenkorken. Plötzlich rannte sie aus der Tür, nach links in Richtung Bad.

Derweil setzte sich Marie aufs Bett und achtete darauf, dass Freddy in Seitenlage blieb. Schaum und Speichel liefen ihr aus dem Mund. Sanft und zitternd strich sie mit dem Handrücken über Freddys glattes, braunes Haar.

Eine Minute später kam Mutter herein, eine Spritze in der rechten Hand, die Nadel hochgereckt wie das Washington Monument.

„Nur ein kleiner Piks.“ Sie setzte die Nadelspitze auf Freddys Arm.

„Ist das etwa ein – Gegenmittel?“, fragte Marie erstaunt.

Mutter schüttelte den Kopf. „Das beruhigt sie und lässt sie schlafen. Dadurch wird die Transformation nicht ganz so schmerzhaft.“ Sie zögerte nicht. Langsam füllte sich Freddys Vene mit dem Medikament.

„Was meinst du mit Transformation?“, fragte Marie erstaunt. „Ich dachte, die Frauen werden krank, wenn sie mit unserem Fingerschweiß in Berührung kommen.“

„Das werden sie“, erwiderte Mutter. „Aber nur für begrenzte Zeit. Währenddessen transformieren sie sich und werden wie wir.“

Das Medikament wirkte. Freddy schloss die Augen und Mutter wischte ihr den Mund mit einem Papiertaschentuch sauber.

„Hast du so etwas schon mal erlebt?“

Mutter schüttelte langsam den Kopf. „Wie ich schon sagte, wir waren immer vorsichtig.“

„Und woher weißt du dann …“ Plötzlich wurde Marie etwas klar. „Das Handicap, ich habe es gar nicht geerbt.“

Mutter hatte noch immer die Spritze in der Hand. Vorsichtig legte sie sie auf dem Nachtschrank ab. „Nein, jedenfalls nicht im genetischen Sinn.“

„Du – hast mich angesteckt?“ Marie richtete sich abrupt auf. Die Matratze quietschte.

„Angesteckt“, murmelte Freddy im Schlaf.

„Es ist alles nicht so schlimm, wie die anderen es machen“, erwiderte Mutter, gleichzeitig rechtfertigte sie sich: „Kleine Kinder spüren von der Transformation so gut wie überhaupt nichts.“

„Und das hast du nur getan, damit du mich berühren konntest? Deine kleine Tochter? Dein Spielzeug.“

Mutter öffnete den Mund, um zu antworten, doch sie hielt inne. Auch Marie schwieg.

„Nuuhhrr.“ Freddy fing an zu schnarchen.

„So, ich rufe jetzt ihre Eltern an und sage, dass sie heute bei uns übernachtet. Tja, und morgen muss ich ihnen den ganzen Schlamassel erklären.“ Mutter erhob sich vom Bett und ging nach draußen, um ihr Handy zu suchen.

Marie zog inzwischen ihre Handschuhe aus, trocknete die Hände am Handtuch ab, das über der Stuhllehne neben dem Bett hing. Grübelnd blickte sie aus dem Fenster, wo das Dach des Nachbarhauses bereits an der Sonne kratzte.

Wieder streichelte sie Freddys Haar. ‚Wie wäre es, wenn wir morgen in die Schule gehen ohne irgendwelche Handschuhe‘, dachte sie. ‚Dann grenzt uns spätestens übermorgen niemand mehr aus, denn alle werden sein wie wir.‘

Giftig im Gesicht entblößte sie ihre Zähne.

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