Lotterschreck 5

Von Johannes Morschl

An einem Sonntagmorgen Mitte November 2022 stellte Lotterschreck sich vor den großen Spiegel im Vorraum seiner Wohnung. Er sagte zu seinem Spiegelbild: „Wie sieht man denn als Mensch aus? Man sieht ja schrecklich aus! Man ist ein degenerierter Affe, ein Nacktaffe, man hat nahezu seine ganze Körperbehaarung verloren! Und dieses Gefühls- und Gedankenchaos, in dem man sich andauernd befindet!“ Dann überkam ihn plötzlich eine Art von Vision. Alles hatte sich auf einmal in weißes Licht aufgelöst. Auch er hatte sich auf einmal in weißes Licht aufgelöst. Es gab nur noch weißes Licht. Ein unendliches Glücksgefühl durchströmte ihn, verbunden mit einer tiefen Sehnsucht, für immer in weißes Licht aufgelöst zu bleiben. „Ist Sterben ein Übergang in dieses weiße Licht?“, fragte er sich. Er wäre am liebsten vor Glück über diese Fantasie, die nicht nur eine luftige Fantasie, sondern eine seine gesamte Existenz durchströmende Wirklichkeit war, eine nicht stoffliche Wirklichkeit, auf der Stelle gestorben.

Aber dann regte sich Widerspruch in ihm. Tot sein, das bedeutet auch keine Hoffnung mehr auf ein Wiedersehen mit Wanda, kein Vogelgezwitscher mehr, keine Ameisen, Bienen und Käfer mehr, keine bellenden und schwanzwedelnden Hunde mehr, kein schräger Kafka mehr, kein Gregor Samsa mehr, keine Romane von Thomas Bernhard mit den sich dauernd wiederholenden inhaltlichen Schleifen mehr, kein Sonnenlicht mehr, kein Sternenhimmel mehr, kein Mondschein mehr, keine Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach mehr, keine Klaviersonaten von Mozart und Beethoven mehr, keine Impromptus von Schubert mehr, und und und. Nun gut, das pathetische Gedröhne von Richard Wagner würde einem dann für immer erspart bleiben. Außerdem bräuchte man sich nicht mehr über machtbesessene, größenwahnsinnige und vertrottelte Staatsführer ärgern. Man würde sich die im Alter zunehmende körperliche und geistige Hinfälligkeit ersparen. – Aber auch keine Wanda mehr mit ihrer ihn so verzaubert habenden Kontra-Alt-Stimme. Nein, das wäre gar nicht gut. Er fasste einen für ihn geradezu unglaublichen Plan. Er wollte sozusagen über seinen Schatten springen und sich die wahrscheinlich vollkommen sinnlose Mühe machen, Wanda in der Stadt zu suchen. Er vermutete, dass er sie am ehesten abends in einer Bar oder einem Lokal finden würde, wo man auch guten spanischen Brandy bekam. Aber er spürte sofort einen beträchtlichen inneren Widerstand gegen diesen Plan, abends irgendwelche Bars und Lokale in der Stadt abzuklappern, und ließ ihn wieder fallen.

Da klingelte sein Telefon. Er bekam einen Schreck, da sein Telefon schon ewig lange nicht mehr geklingelt hatte. Vermutlich hatte sich da jemand verwählt. Oder war es vielleicht gar Wanda, die da anrief? Aber sie hätte ihn eher per Handy angerufen. Seine Handynummer hatte sie ja wahrscheinlich noch. Er besaß noch ein altes Handy, kein Smartphone. Überhaupt war der technische Fortschritt so ziemlich an ihm vorbeigegangen. Er interessierte ihn ganz einfach nicht. Er hatte auch keinen Führerschein, und wenn er sich mal ein Taxi nahm, was bei ihm äußerst selten vorkam, obwohl er genug Geld hatte, um sich ewig lange von einem Taxi herumfahren zu lassen, fühlte er sich immer äußerst unwohl, in so einer Blechkiste zu sitzen und hilflos dem chaotischen Autoverkehr in der Stadt ausgeliefert zu sein. Er hatte aus Prinzip keinen Führerschein gemacht. Früher, als er noch an Lesungen teilgenommen hatte, da hatte er es immer bevorzugt, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Da die Lesungen, an denen er früher teilgenommen hatte, abends stattfanden, und danach ging man oft noch in eine Kneipe, die mindestens bis Mitternacht geöffnet war, hatte er immer darauf geachtet, noch die letzte U-Bahn oder den letzten Bus zu bekommen. Nur wenn er die letzte U-Bahn oder den letzten Bus verpasst hatte und keine Lust hatte, die lange Wartezeit auf einen Nachtbus in Kauf zu nehmen, nahm er sich ein Taxi. Nachts war es auch nicht mehr so schlimm, sich ein Taxi zu nehmen, da kaum noch Autos unterwegs waren. Da konnte einen höchstens ein redseliger Taxifahrer nerven.

Lotterschrecks Telefon klingelte noch immer. Vor Erwartung aufgeregt zitternd, ging er schließlich ran und meldete sich in fragendem Ton: „Lotterschreck?“ Dies klang so, als würde er an seinem eigenen Vorhandensein zweifeln, bzw. daran zweifeln, ob dieses Telefon tatsächlich soeben geklingelt hatte, oder er sich das Klingeln nur eingebildet hatte, sozusagen eine akustische Halluzination. – Zuerst Stille am anderen Ende der Leitung, dann schlug es wie ein Blitz in ihm ein, als er tatsächlich Wandas ihn so verwirrende Kontra-Alt-Stimme hörte: „Hallo, Lottischrecki.“ So hatte sie ihn früher, als sie noch bei ihm gelebt hatte, genannt, wenn sie guter Laune war oder etwas von ihm wollte. Als Lotterschreck Wandas Stimme hörte, spürte er sofort, wie sich etwas in seinem Hosenstall regte, so als wäre der alte Schlingel zwischen seinen Beinen, dessen Existenz er seit Wandas Auszug aus seiner Wohnung nur noch wahrgenommen hatte, wenn er pinkeln musste, mit einem Ruck aus langem Schlaf erwacht. „Hallo, Wanda“, meldete er sich mit einer vor Aufregung belegten Stimme zurück. Kurzes Schweigen, dann Wanda: „Ich habe eine Bitte an dich. Meine Wohnung, in der ich als Mieterin wohne, wurde vom Hausbesitzer verkauft. Rechtlich gesehen könnte ich zwar noch längere Zeit nach dem Verkauf in der Wohnung bleiben, aber der Hausbesitzer hat die Miete derart erhöht, dass ich sie nicht mehr bezahlen kann. Das hat dieser Arsch absichtlich gemacht, um mich schneller loszuwerden. Sag, könnte ich eine Zeitlang bei dir unterkommen, bis ich eine neue Wohnung gefunden habe?“

Vor freudiger Erregung spürte Lotterschreck sein Herz schneller schlagen. Er sagte: „Selbstverständlich kannst du bei mir wohnen, so lange wie du willst! Hast du viel zu transportieren?“ Sie: „Nee, nur mein Bettzeug, meine Klamotten, Schuhe, meine Gitarre, Geschirr, aber nicht viel, ein paar Bücher, meinen alten CD-Player und einen Haufen CDs, und all die Siebensachen, die man als Frau so braucht. Kühlschrank und Waschmaschine waren schon in der Wohnung, ebenso Bett und Möbel. Die darf ich sowieso nicht mitnehmen.“ Lotterschreck: „Ich schicke dir einen Kleintransporter von einer Umzugsfirma, neben dem Fahrer noch zwei Männer zum Tragen.“

(Eine Beschreibung dieser Umzugsaktion gibt es hier nicht. Entweder hat sie der Autor schlichtweg vergessen, oder er war zu faul oder es war ihm zu langweilig, den ganzen Plunder, der da zu transportieren war, aufzuzählen oder gar detailliert zu beschreiben. Man hat ja schließlich nicht die Geduld, eine solch ausführliche Beschreibung zu lesen, die ausufernd werden könnte, und das lesende Publikum, falls sich ein solches für so eine abstruse Geschichte überhaupt jemals finden würde, könnte vor Langeweile einschlafen und die Geschichte nie zu Ende lesen, was möglicher Weise auch besser so wäre.)

Kurzum: Plötzlich saß Wanda wieder in Lotterschrecks ziemlich verwahrlost aussehender Acht-Zimmer-Wohnung auf dem schwarzen Ledersofa im großen Wohnzimmer, trank wieder ihren spanischen Brandy, und offensichtlich hatte sie es sich inzwischen auch angewöhnt, ab und zu eine Zigarre zum Brandy zu rauchen, was ihre tiefe Stimme noch verruchter als früher erscheinen ließ. Früher war da eher noch ein herber Charme in ihrer Stimme gewesen, aber jetzt war ihre Stimme ausgesprochen gruftig geworden, – tiefe Töne aus einer unsichtbaren Gruft. Lotterschreck war erschüttert, als er diese untergründige Veränderung von Wandas Stimme hörte. Gleichzeitig erregte sie ihn ungemein, und in der ersten Zeit von Wandas Wiederkehr ließ sie ihn auch öfter als früher an sich ran. Für Lotterschreck war es, wie er dachte, die glücklichste Zeit seines Lebens. Er vergaß die Ameisen, Bienen und Käfer, er vergaß, wer Thomas Bernhard überhaupt gewesen sein soll und wer Kafka überhaupt gewesen sein soll, – ah ja, der mit dem Käfer namens Gregor Samsa, fiel ihm dann wieder ein. Und er sagte sich: „Ich bin Käfer, also bin ich. Ich bin eindeutig Käfer Lotterschreck, aber ein glücklicher, verliebter Käfer.“

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© 2022 Johannes Morschl
Alle Rechte vorbehalten

(Fortsetzung der in der Textmanege bereits veröffentlichen ersten vier Abschnitte der im Entstehen begriffenen Geschichte Lotterschreck)