Selbständig

Von Michael Wiedorn

Er ist frei. Er liebt seine Freiheit. Keine Bindungen schnüren ihn ein. Früher hätte man ihn als Junggesellen bezeichnet. Er nennt sich lieber einen Single. Unter Junggesellen stellt man sich traurige, ältliche Knaben in billigen, altmodischen Anzügen vor. Unter der Woche buckelten sie zu festen Bürozeiten vor dem Chef. Punkt acht Uhr antreten. Den Feierabend und die Wochenenden vertrödelten sie vor dem Radio. Sie standen unter der Fuchtel gestrenger Zimmervermieterinnen. Junggesellen waren der traurige Rest. Übriggebliebene. Zu farblos, zu armselig, zu hässlich für die Frauen.
Singles genießen ihre Freiheit. Bis weit ins Alter vergnügen sie sich wie früher nur die ganz jungen Kerle, bevor sie unter die Haube gezwungen wurden und den Rest ihres Lebens im drögen Alltag der Ehe schmachteten. Man bleibt heute länger jung. Die Wochenenden verbringt unser Vertreter am Abend bis Lokalschluss in Discos in immer wieder verschiedenen Städten. Gelegentlich gelingt es Ihm das eine oder andere junge Mädchen in sein Hotelzimmer zu locken. Es gelang ihm noch vor wenigen Jahren. Er ist nicht alt, wirklich nicht. Doch, er ist alt. Er ist reif. Sagen wir so! Er fühlt sich immer mehr wie ein kesser Vater. Die jungen Mädchen lassen ihren Blick nur kurz über ihn huschen. Verachten sie ihn? Haben sie mit ihm Mitleid? Sie könnten ihn auch als lebenserfahrenen, großen Bruder sehen. Er versucht Blickkontakt mit ihnen aufzunehmen. Sie gucken dann überheblich über ihn hinweg wie über Nasenschleim auf der Theke. Manchmal wird er von Wohlwollenden in freundlichem Ton angesprochen – bitte nicht persönlich nehmen, es ist nicht gegen Sie – ob er hier her passe. Er sei doch eher soigniert mit seinem immer korrektem Anzug. Er sei doch sicher ein sehr vernünftiger Mensch. Sehr reif. „Ihr dürft mich ruhig duzen!“ – schreit er dann lautlos in sich hinein.
Sonntag früh steht er dann mit vom Alkohol ganz dicken Kopf in der klirrenden Morgenkälte in irgendeiner fremden Stadt. Es ist Winter. Wie viel Geld hat er in der letzten Nacht vergeblich zum Fenster hinausgeworfen? Den Sonntag verbringt er todmüde und schlaflos in seinem Hotelbett. Er glotzt die kahlen Wände an, bis die Dämmerung einbricht und er dann einschläft. Im Traum schaut er in einen Spiegel, der ihn langsam einsaugt.
Er ist Vertreter für Staubsauger. Er kann sich seine Arbeitszeit frei aussuchen. Wenn er verschläft, steht da kein Vorarbeiter und klopft ungeduldig mit dem Zeigefinger auf das Zifferblatt seiner Armbanduhr und blickt mit strengem Auge auf seinen Untergebenen herab. Passiert das noch einmal, wird er in das abgrundtiefe Loch der Arbeitslosigkeit stürzen. Ein Vertreter kann auch einen oder mehrere Tage Urlaub machen – rein theoretisch. Das Geld muss aber verdient werden. Am Ersten muss genug auf dem Konto liegen. Man hat ja ständige Unkosten. Vielleicht verliert er eines Tages völlig den Boden unter den Füßen und fällt und fällt in die Leere.
Ein Vertreter ist den ganzen Tag auf den Beinen – von morgens bis zum frühen Abend. Auch samstags. Mehr oder minder mürrische Hausfrauen öffnen die Türe, hören sich misstrauisch seinen einstudierten und immer wieder durchgekauten Text an. Jeden Tag immer wieder und wieder den selben Text. Die meisten Türen knallen nach nur wenigen Sekunden zu. Er ist draußen. Er ist der Fremde von draußen. Aus der Kälte fremder Milchstraßen. Mit den wenigen nicht ganz so abweisenden Hausbewohnern versucht er ein freundliches Gespräch anzufangen. Übers Wetter, die Politiker, die nur in die eigene Tasche wirtschaften, den Werteverfall. Über die Dummheit der Massen. Die Menschen werden nie dazulernen. Das Knieleiden des Gesprächspartners. Man versteht sich. Der erste Frost taut auf. Man ist sich einig und bestätigt sich gegenseitig als ernsthafte, vernünftige Erwachsene. Vernünftigkeit plappert sich von selbst. Man muss flexibel sein und ein Gespür dafür entwickeln, welche Meinungen jetzt passen. Man ist sich einig in der tiefen Verachtung des heute überall gängigen Opportunismus.
Natürlich ist das Gespräch kein Selbstzweck. Der Fremde bibbert im Innersten, dass die Alte sein Zeug abkauft. Er verplempert meistens seine kostbare Zeit mit solchem Gewäsch. Der Hausfrau fällt plötzlich ein dringender Termin ein und sie verabschiedet sich abrupt mit freundlichstem Grinsen auf ihrer Fresse. Oder der Ehemann erscheint. Entschlossen packt er mit starker Hand die Wohnungstüre und knallt sie zu. In anderen Fällen ist der Gatte vielleicht höflich, aber der Vertreter spürt, dass bei seinem Erscheinen die Frau nervös lächelt und es plötzlich klar ist, dass sie doch keinen neuen Staubsauger braucht. Alle Mühe für die Katz! Sie wünscht ihm noch alles Gute für sein weiteres Leben und schließt verstohlen die Türe zu. Zur Vorsicht schließt sie noch mit den Schlüsseln ab. Mehrmals! Man weiß ja nie, was aus der Fremde kommt. Er steht noch mit servilem Lächeln da und kann seinen Staubsauger über die vereisten Wege zum Auto zurücktragen. Wer braucht schon seinen Staubsauger?
Er fährt sein ganzes Leben über Autobahnen. Raststätten, Tankstellen, Äcker flitzen an ihm vorüber. Es schneit. Am Straßenrand liegt schmutziger, gelb-grauer Schnee. Er ist irgendwie ein Indianer, ein Nomade, der über die Weiten zieht. Ein Unangepasster, der nie mit der Masse mitmarschiert. Er ist jetzt müde. Er nickt eine Augenblick ein.
Er blickt in einen billigen Hotelspiegel. Die Glasscheibe saugt ihn langsam ein. Es ist klamm kalt. Schmutziger, nasser Schnee fällt in die Tiefe. Es ist nüchtern hell. Werktagslicht. Vormittagslicht. Auf gelb-grauer Schneefläche sieht er sein verwundetes Gesicht. Ein verbrauchtes, blasses Gesicht. Rot. Diese Gesichtsfläche hat es versäumt ein Antlitz entstehen zu lassen.

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© 2023 Michael Wiedorn
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