Von drüben

Von Michael Wiedorn

In der Amerika-Gedenkbibliothek sitzt gelegentlich an einem der vielen Tische vor dem großen Fenster zum Halleschen Tor hin ein altes Pärchen. Ein Mann in den Fünfzigern mit Hornbrille und einem grauen Haarkranz um die Altersglatze. Seine Gesichtshaut ist rot. Die zwergenhafte Greisin an seiner Seite ist vielleicht schon weit über hundert. Ihre weißen Haare sind hinten zu einem Zopf gebunden. Sie ist wohl die Mutter mit ihrem unter ihrer strengen Obhut alt gewordenem Kind. Sie blättert gelangweilt in Haushaltszeitschriften mit Kochrezepten. Er hat einen Stapel mit Bildbänden vor sich. Unser schönes Südtirol. Die Schlösser der Loire. Unter ihrem Tisch stehen prall gefüllte Einkaufstüten. Der treue Sohn bückt sich und kramt in den Tüten herum und zieht eine Flasche heraus. Er bietet seiner Mama mit einer sanften, ängstlichen Kinderstimme das Getränk an. Nur ein falscher Ton und ihre gemeinsame Idylle zerbricht. Die Vertreibung aus dem Paradies durch die gestrenge Muttergottes. Die Muttergottes krallt ihre feuerrot bemalten Krallen in das Fleisch des Kindes. Die Muttergottes lässt das arme Kind ganz einfach fallen. Es fällt und fällt im leeren Raum des immer kälteren und noch eisigeren Kosmos ins Bodenlose. Die Göttin reagiert nicht auf das Trinkangebot, sondern starrt nur böse und geistesabwesend zum Fenster hinaus. Sie fühlt sich belästigt. Er stört sie aus ihren tiefen Gedanken. Manchmal wendet sie den Kopf um mit einem hasserfüllten Blick zu einem jungen Mädchen an einem Nachbartisch zu blicken. Es gibt in der Bibliothek immer junge Mädchen. Dumme Gören. Dumme Puten. Das alte Pärchen ist in matten Braun-, Grau- und Grüntönen gekleidet. Beide sind Waldwesen. Es sind keine Menschen. Draußen in der freien Natur verwandeln sie sich in irgendwelche Wald- und Wiesentiere. Hasen, Dachse, Maulwürfe. Ihre Kleidung ist immer mit etwas Schlamm oder Staub bedeckt. Ein anderes Mal hatte er einen tannengrünen Rollkragenpullover mit Glitzer an. Todschick. Sie fragt aus ihren Träumen gerissen ungehalten, ob sie Prager Schinken gekauft hätten. Mit seiner behutsamen Stimme möchte er seiner Mutter eine Abbildung in einem Bildband zeigen. Sie beide wären doch schon dort in Würzburg gemeinsam gewesen. Sie fragt darauf nach der Zeit und wann sie zur Bank gehen, um Geld abzuheben. Sie blickt irgendwohin aus dem Fenster. Die Antworten ihres Sohnes hört sie nicht. Ihr Sprössling langweilt sie. Beide versinken dann wieder schweigend in ihre jeweiligen Beschäftigungen. Wenn er sich unbeobachtet fühlt, glotzt er durch die Glasscheibe, hält seinen Kopf schief, blinzelt hektisch und schneidet monströse Fratzen. Das Kinn wird vorgeschoben. Die Lippen werden gekräuselt. Die Augen aufgerissen. Sämtliche Falten und Muskeln im Gesicht werden erschüttert. Das heimliche Leben tritt kurz ans Tageslicht. Merkt der Mann, das er beobachtet wird, erstarrt die Grimasse zu einer völlig reglosen Totenmaske. War irgendetwas?
Das von Unbefugten ertappte Reptil erschrickt zu Tode und erstarrt.
23.3.1998

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