Hoher Besuch

Von Johannes Morschl

Eurydike lag auf einer Couch aus Omas Zeiten und rauchte eine lange, dicke, verdächtig riechende Zigarette. Auf dem fleckigen gelben Teppich vor der Couch lagen zerknüllte Papiertaschentücher, leere Bierdosen, eine achtlos abgestreifte Strumpfhose, ein Buch über Tantra-Sex und ein Plastiktütchen mit Marihuana. In einer Ecke saß Orpheus auf einem Stuhl, zupfte auf seiner Leier und sang:

„Bald muss ich sterben,
alles fällt in Scherben,
die Welt ist so schlecht,
nur meine Muse ist echt.“

Mit seiner Muse meinte er Eurydike. Diese rief ihm zu: „Ist ja nett von dir, dass du mich für echt und nicht für falsch hältst! Aber ansonsten treibt mich dein Geleier in tiefste Depressionen. Leck lieber an meinen Ohrläppchen! Das würde mir jetzt gut tun für meine Erleuchtung. Dann wird es wieder heller in mir.“ Orpheus: „Oh, meine für ewig einzig geliebte Muse! Nichts täte ich lieber, als wo auch immer an dir zu lecken! Doch möchte ich darauf hinweisen, dass gleich Hades und Persephone, das Herrscherpaar der Sozialämter kommt, um unsere Verhältnisse zu kontrollieren, ob wir nicht heimlich aus verborgenen Quellen in Saus und Braus leben würden. Wir sollten ein wenig aufräumen, lüften und das Gras verstecken.“ Eurydike: „Jetzt schieb keine Paranoia! Lass sie doch ruhig kommen. Bei uns gibt es sowieso keinen Luxus zu finden. Und ein bisschen kiffen wird man ja wohl noch dürfen, wenn man sonst schon kein Vergnügen in diesem Elend hat. Ich rühr wegen denen keinen Finger!“ Orpheus geriet in einen inneren Konflikt. „Soll ich an ihren Ohrläppchen lecken oder lieber aufräumen?“

Er entschied sich für Letzteres. Er öffnete die beiden Wohnzimmerfenster, damit der verdächtige Qualm in den Hinterhof abziehen konnte, versteckte das Tütchen mit Marihuana und beseitigte das Chaos vor der Couch. Dann holte er den Staubsauger. Eurydike: „Wenn du schon nicht an meinen Ohrläppchen lecken willst, dann könntest du wenigstens nackt staubsaugen. Du weißt ja, wie sehr mich das beim Zuschauen stimuliert. Das fördert meine Erleuchtung.“ Orpheus: „Du schönste Blume der Unterwelt, du glänzendster Stern des Abgrunds, das mach ich gerne für dich!“ Dabei dachte er: „Dann lässt sie mich wenigstens in Ruhe staubsaugen.“ Er zog sich nackt aus und begann staubzusaugen. Eurydike war begeistert. Nach fünf Minuten bekam sie einen orgastischen Lachanfall und stöhnte: „Hör auf! Ich kann nicht mehr! Ich sterbe gleich vor lauter Erleuchtung!“

Da läutete es an der Wohnungstür. In Blitzeseile zog Orpheus sich wieder an, ging in den Flur, öffnete die Tür und sagte: „Treten Sie nur ein in unsere bescheidene Behausung, allergnädigste Herrschaften!“ Dabei machte er eine übertrieben tiefe Verbeugung. Hades und Persephone, beide in aschgrauer Kleidung, traten mit gestrengen Mienen ein. Persephone sah aus wie eine pummelige Mutti mit einer Martin-Luther-Frisur, und Hades wie ein spärlich behaartes Ei, das sich auf zwei Stelzen bewegt. Orpheus führte die beiden ins Wohnzimmer. Persephone rümpfte die Nase. „Hier riecht es so merkwürdig. Sie rauchen doch nicht etwa dieses verbotene Teufelszeug?! Woher haben Sie überhaupt das Geld dafür?“ Eurydike: „Was für ein Teufelszeug? Glauben Sie vielleicht, wir wären Satanisten? Nein, nein, der Geruch kommt von meinem Mann! Der leidet an Blähungen von dem Bohneneintopf, den wir jeden Tag essen. Etwas anderes können wir uns ja nicht leisten von dem wenigen Geld, das wir vom Sozialamt bekommen.“ Persephone ließ nicht locker. „Es riecht hier aber anders als nach Mann!“ Eurydike: „Na, hören Sie mal, ich muss doch besser wissen, nach was es hier riecht! Es stinkt hier eindeutig nach meinem Mann.“ Hades, der Kettenraucher war und davon fast gänzlich seinen Geruchssinn verloren hatte, stellte fest: „Ich rieche nichts.“ Dann fiel sein Blick auf die Leier von Orpheus. Er sagte: „Das muss ein sehr wertvolles Stück sein, sieht aus wie eine antike Lyra. Die könnten Sie sicher gut verkaufen.“ Orpheus stammelte aufgeregt: „Da-da-das können Sie nicht von mir verlangen! I-i-ich bin mit Leib und Seele Künstler! Ohne meine Leier bin ich nichts mehr!“ Persephone spitz: „Und wie viel verdienen Sie mit Ihrer Kunst? Das müssen Sie bei uns angeben, sonst bekommen Sie eine Anzeige wegen Sozialbetrugs.“ Eurydike mischte sich ein. „Der, und was verdienen? Schön wär’s! Dann würde er ein Publikum voll leiern und nicht den ganzen Tag mich. Ich hab schon eine chronische Migräne davon.“

Hades empfand Mitleid mit ihr, vor allem, weil er sie ausgesprochen attraktiv fand. Er dachte, sie hätte sich etwas Besseres verdient als diesen Hungerkünstler, wobei er mit Besserem sich selbst meinte. Er bat Eurydike, ihm die anderen Räume der Wohnung zu zeigen. Persephone solle sich inzwischen von Orpheus die Kontoauszüge aus den letzten Monaten vorlegen lassen. Eurydike führte Hades zuerst ins Schlafzimmer, das sich am anderen Ende des Flurs befand, während Orpheus die Kontoauszüge holte und sie Persephone überreichte. Diese setzte sich auf die Couch, holte aus ihrer Handtasche eine Lupe und studierte genauestens jeden Eintrag. Orpheus setzte sich wieder auf den Stuhl in der Ecke und fragte: „Stört es Sie, wenn ich inzwischen auf meiner Leier spiele?“ Persephone gnädig: „Meinetwegen, wenn Sie es nicht lassen können.“ Orpheus spielte und sang:

„Oh, du holde Dame vom Sozialamt,
wie erhitzet mich deine Haut wie aus Samt,
deine Sternenaugen betören mich,
mein Herz möchte rufen: Ich liebe dich!“

„Meint der mich?“, dachte Persephone geschmeichelt. Eine amtlich unkorrekte Fantasie überkam sie. Sie stellte sich vor, mit Orpheus eine – wie es in der Amtssprache heißt – Bedarfsgemeinschaft einzugehen, denn bedürftig war sie. Der eheliche Verkehr zwischen Hades und ihr war fast völlig zum Erliegen gekommen. Hades bekam bei ihr keinen mehr hoch, und das schon seit Langem. Da tat sie plötzlich etwas, das gegen jede Vorschrift verstieß. Sie stand auf, watschelte zu Orpheus, setzte sich auf seinen Schoß und drückte ihm einen feuchten Kuss auf die Lippen. Orpheus war perplex. Er hatte sie zwar mit seinem Gesang bezirzen wollen, um sie milder zu stimmen, aber das? Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Würde er sich ihr verweigern, dann könnte das womöglich zu empfindlichen Abzügen von der ohnehin sehr mageren Sozialhilfe führen.

Auf einmal konnte man ein helles Lachen und verdächtige Geräusche aus dem Schlafzimmer hören. Persephone horchte auf und sprach: „Was geht da vor?“ Orpheus erschrak. Dieses Lachen war ihm bestens vertraut. „Um Himmelswillen!“, dachte er. „Was treibt Eurydike mit Hades?“ Um Persephone abzulenken, begann er laut ein Lied anzustimmen:

„Halb nahmst du mich,
halb sank ich dahin,
halbiert hast du mich,
jetzt bin ich ganz hin.“

Nun gut, dies war nicht gerade der sinnigste Reim, der ihm da auf die Schnelle eingefallen war, und Persephone ließ sich auch nicht davon ablenken. Sie rutschte von seinem Schoß runter und watschelte schnurstracks zum Schlafzimmer. Bebend vor Angst, was da ans Licht kommen könnte, folgte ihr Orpheus. Persephone öffnete leise die Schlafzimmertür. Beim Anblick, der sich ihr da bot, kochte sofort Wut in ihr hoch, denn drinnen kroch Hades nackt auf allen Vieren auf dem Boden herum, während die ebenfalls nackte Eurydike auf seinem Rücken saß und ihn anfeuerte: „Schneller, mein Pferdchen, nicht so lahm!“ Dabei schlug sie ihm mit der Hand auf den Hintern und bog sich dabei vor Lachen. Die beiden waren so sehr in ihr Spiel vertieft, dass sie Persephone erst wahrnahmen, als diese Hades anzuschreien begann. „Du perverses Schwein! Du impotenter Lustmolch! Du bist ab sofort sowohl als mein Ehemann als auch als Mitherrscher über das Reich der Sozialämter gefeuert!“ Hades erstarrte vor Schreck und Eurydikes Lachen erstarb. Nach diesem Machtwort watschelte Persephone hocherhobenen Hauptes aus der Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu.

Orpheus, der sich ansonsten Amtspersonen gegenüber eher untertänig verhielt und auf Harmonie bedacht war, wurde nun patzig zu Hades: „Jetzt ziehen Sie sich sofort wieder an und verschwinden von hier, aber dalli! Sie befinden sich hier nicht in einem Bordell!“ Hades zog sich schnell wieder an und stelzte eilends Persephone hinterher, um vor ihr den reuigen Sünder zu mimen, der um Vergebung bittet und verspricht, so etwas nie wieder zu tun. Eurydike, nun auch wieder bekleidet, legte sich auf die Couch im Wohnzimmer und schmollte, da man sie ihres Vergnügens beraubt hatte, welches für ihre Erleuchtung so förderlich war. Um sich zu trösten, drehte sie sich eine dieser langen, dicken, verdächtig riechenden Zigaretten und begann zu paffen. Nach ein paar Minuten war sie so weit entrückt, dass sie die Turbulenzen in der sozialen Unterwelt, in der sie mit Orpheus lebte, nicht mehr wahrnahm. Orpheus begann wieder auf seiner Leier zu zupfen und sang:

„Schon geht die Welt unter,
es geht drüber und drunter,
noch haben wir Bohnen
und ein Loch zum Wohnen.“

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© 2023 Johannes Morschl
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