Mehr Sein als Schein

Von Alexander Zar

Henry sass an seinem Schreibtisch und verharrte wie eine Säule; es war wieder einmal Weihnachtszeit, die ihm gar nicht behagte und so zog er sich in seine Kammer zurück und wollte möglichst allen Begegnungen aus dem Weg gehen. Er lebte in einem recht kargen Appartement, das er sich gerade noch so leisten konnte. Er hatte das Pensionsalter erreicht und schlug sich mit einigen Zusatzarbeiten durch den Alltag, denn sein bisheriges Leben war ein Hürdenlauf, den er nicht eben mit Glanz bestanden hatte. So verfügte er nur über die staatliche Altersrente, und einige Zusatzeinnahmen halfen ihm, so einigermassen über die Runden zu kommen.

Alle Träume waren längst geplatzt. Es gab Zeiten, da konnte er sich hohen Luxus leisten, doch legte er nie etwas auf die Seite, lebte in dem Wahn, dass sich das Füllhorn über ihn immer ausschütten würde. Immerhin schob er die Verantwortung nicht anderen zu, sondern nahm sich selbst bei der Nase. Er zog sich auch nicht in die glorreiche Vergangenheit zurück, sondern versuchte, eine positive Haltung beizubehalten. Immerhin gelang ihm das recht häufig, aber eben in der Weihnachtszeit und beim Jahreswechsel setzte sich eine depressive Stimmung fest, die er durch Schreiben wegzufegen versuchte.

Er war eigentlich immer den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, hatte sich selten verausgabt, und auch in der Liebe war ihm das Glück nie eigentlich wirklich hold gewesen. Einige Beziehungen hatten sich angebahnt, aber sie hatten sich nicht als dauerhaft erwiesen. Falsche Vorstellungen bremsten ihn jeweils aus. Er hatte einen Stolz entwickelt, der sich als grosses Hindernis zeigte. Er wollte nie zugeben, wenn er materiell schwach aufgestellt war. Irgendwie schämte er sich dafür. Nach aussen bot er stets das Bild eines Mannes, dem es eigentlich, was das Finanzielle anbetraf, recht gut ging. Wenn er in Restaurants verkehrte, fiel sein Trinkgeld immer grosszügig auf. War Ebbe im Portemonnaie, begab er sich einfach nicht nach draussen. Er konnte sich immer noch nicht zubilligen, die Wirklichkeit in die Welt hinauszutragen.

Inzwischen war er froh, dass es nicht zu einer Familiengründung gekommen war. Er trug keine Verantwortung für andere, nur für sich selbst, musste sich um niemandem kümmern und nicht für andere sorgen; viele gelangten an ihn, um ihn um Rat zu fragen. Auf die Frage, wie es ihm ginge, antworte er zur Überraschung mancher jeweils mit «katastrophal, keine Milliarden, keine Täschlis». Täschli war für ihn der Ausdruck für junge, hübsche Damen, die man am Arm nahm. Er meinte das in keiner Weise despektierlich, denn er begegnete dem weiblichen Geschlecht jeweils mit ausgesuchter Höflichkeit, griff gerne auf den «Knigge» zurück und ermahnte die Umgebung, wenn sich Primitivworte einschlichen, den nötigen Respekt an den Tag zu legen.

Er hatte bereits viele Versuche unternommen, sich schreiberisch vorwärtszubewegen, doch blieb es meistens in den Anfängen stecken. Sein Durchhaltewille hielt meistens nur kurze Zeit an, und dann verliess ihn der Elan. Bereits recht früh hatte er die ersten Texte zu Papier gebracht, aber bisher hatte er keinen Verlag finden können, der seinem Werk einen Durchbruch zugetraut hätte. So verstaubte eine ganze Anzahl von Manuskripten in der Schublade und vieles war auch wegen der vielen Umzüge auf der Strecke geblieben und der Vergessenheit anheimgefallen. Das Spektrum seiner Schreibarbeiten griff weit; er nahm sich die Gedichtform vor, übte sich in Theaterstücken und verfasste auch einen Roman, der viel Selbsterlebtes miteinbezog.

Lesen gehörte zu seinen Leidenschaften, er begab sich nie ausser Haus, ohne eine Lektüre bei sich zu haben. Langeweile kannte er keine. Die Leselust bezog sich auf viele Felder, vorab wenn es um Zeitungen ging. Er interessierte sich um die politische und gesellschaftliche Entwicklung, die technischen Neuerungen, eigentlich um alles, was um ihn herum vor sich ging. Oftmals verstand er nicht, dass die Menschheit, wie er bei sich dachte, immer mehr dem Abgrund zusteuerte.

Er hielt es jeweils nicht lange bei sich zuhause aus; sonst fiel ihm die Decke auf den Kopf; Persönliches fand sich dort nichts. Er mühte sich auch, den Begriff «zuhause» oder «nach Hause» nicht zu verwenden; die vielen Umzüge hatten es mit sich gebracht, dass sich keine Privatsammlung bilden konnte. Er erinnerte sich gerne an die Zeit zurück, als er im Hotel gewohnt hate; um nichts musste man sich kümmern; dienstbare Geister sorgten dafür, dass man bei der Rückkehr in ein sauber aufgeräumtes Zimmer kam. Die üblichen Reinigungstaten fielen ihm scher, und nur selten konnte er sich aufraffen, zum Staubsauger zu greifen oder einen Wischlappen in die Hand zu nehmen.

Er vermisste es jedoch nicht, auf alte Schätze zurückgreifen zu können, die von der Vergangenheit berichteten. Er wunderte sich jeweils, wenn er eine andere Wohnung betrat, womit sich die verschiedenen Menschen umgaben. Nippsachen standen herum, die von Reisezielen stammten und wohl einen Teil davon als Erinnerungsbleibe darstellen sollten; Fotografien zierten Möbel oder Wände und sollten glückliche Momente vermitteln, die ewig dauern sollten.

Für ihn zählte nur die Erinnerung, die er im Kopf angesammelt hatte und die er abrufen konnte, wenn ihm danach war, was eigentlich selten vorkam. Auch Zeiten, die nicht eben erfreulich gewesen waren, wurden mit einem längeren Abstand verklärt, wogegen er sich wehrte. So empfand er noch heute die Militärzeit, die er absolviert hatte, als eine Ansammlung von wenig Erhebendem und verstand nicht, wie alte Kameraden sie zu lustigen Episoden hochstilisieren konnten. Es waren und blieben für ihn lange Wochen, über die er froh war, als sie vorübergezogen waren.

Wenn er sich ans Schreiben machte, dann verfolgte er kein vorgegebenes Schema. Er griff sich eine Idee auf und begann einmal zu schreiben. Er war überzeugt, dass sich dann ein Faden entspinnen würde, der ihn zu einem Ziel und einem Ende brachte. So kramte er in seinem Gedächtnis nach Episoden, die Eindruck hinterlassen hatten und die er gerne in Papierform vor sich gesehen hätte. Er wunderte sich oft, was zwei Menschen zusammenhielt. Er nahm sich deshalb vor, über die Macht der Gewohnheit zu schreiben. Vielfach war es auch die Angst, alleine sein zu müssen, die eine Zweckgemeinschaft begründete.

Natürlich hatte er in seiner Jugend auch in Flammen gestanden, und die eine war für ihn die Krönung seines Lebens, auch wenn er sie nicht erreichen konnte. Er hätte viel dafür getan, dass sie sich ihm zugeneigt hätte, doch sie kamen nicht zueinander. Aber er hate nie eine Beziehung beobachten können, die einfach brannte, und das Feuer erlosch nie. Irgendwann frass der Alltag den unstillbaren Hunger auf und übrig blieb irgendetwas, aber nicht die grosse Liebe, die keine Grenzen kannte.

Lieder sangen davon, aber vielleicht müsste man sie auch als «fake news» verbannen und verbieten, weil sie etwas vorgaukelten, das der Realität nicht standhalten konnte. Den grossen Themen wich man sowieso aus. Man versteifte sich auf Sterne und – in, um alle Geschlechtlichkeiten einzubeziehen, damit man geschlechterneutral durch die Welt kam. Er las über einen Gasthof Mohr, der angegriffen wurde, weil er diesen Namen trug. Ironischerweise handelte es sich um einen Betrieb, der seit vier Generationen vorn derselben Familie betrieben wurde, die eben den Nachnamen «Mohr» trug. Was früher niemanden gestört hatte, wurde nunmehr zu einem Stein des Anstosses. Der Umgang mit den Menschen anderer Hautfarbe oder Rassen war sicherlich nicht vorbildlich gewesen; aber eine Wortklauberei würde das Unrecht nicht aus der Welt schaffen, dachte er bei sich. Die Einstellung dem anderen Menschen gegenüber musste sich erst ändern; eine andere Wortwahl brachte noch keinen Sinneswandel mit sich; im Gegenteil erschlich man sich so ein gutes Gewissen, dass man nicht zu denen gehörte, die andere in Schubladen pferchte, in die sie nicht hineinpassten.

Seine Geschichte drehte sich nunmehr darum, nachdem er einen Einstieg gefunden hatte, wie Nichtigkeiten das Leben prägten, und die Momente, in denen man über sich hinauswuchs, sich eigentlich als kleine Splitter erwiesen, die kaum Raum und Zeit einnahmen. Routine beherrschte die Szene; wenn man sich einmal selbst beobachtete, was wohl kaum einer tat, dann vollführte man ein festgefahrenes Morgenritual, das sich weiter fortsetzte; man ging die gleichen Wege und nahm nicht wahr, woran man vorüberging; ein Wandbild, das seit Jahren dort klebte, fiel einem höchstens einmal per Zufall auf, ansonsten war man Ewigkeiten daran achtlos vorübergegangen.

Ähnlich verhielt es sich mit eigentlich allem, was man tagsüber in Angriff nahm. Ganz bei der Sache war man höchst selten. Leicht liess man sich ablenken und interessierte sich für den Gesprächspartner nur insoweit, als dass man seine eigenen Anliegen platzieren wollte. Nur wenige Menschen gingen auf den andern wirklich ein und schenkten ihm die ganze Aufmerksamkeit, die er sich eigentlich verdient hätte. Die Ichbezogenheit nahm irgendwie immer mehr überhand. Die Familienverbände fielen auseinander, und man raufte sich nur noch mühsam zusammen, um an Weihnachten den Schein zu wahren.

Er hatte dieses Gehabe längst abgelegt. Nachdem er die Ziele nicht erreicht hatte, die er früher einmal anstrebte und Jahr um Jahr irgendwie sinnlos verstrichen war, gab er innerlich auf und konzentrierte sich darauf, einigermassen zu überleben, ohne in allzu grosse Tiefen zu fallen. Meistens gelang ihm das nicht schlecht, wobei sich immer wieder Momente einschlichen, die ihn lähmten und er kaum zu einer Aktivität fand. Allerdings liess er davon nichts nach aussen dringen, ausser wenn man sich nach seinem Befinden erkundigte und die Antwort blieb «katastrophal» dem Fragenden entgegengeschleudert wurde.

Verwunderung machte sich dann breit. Man nahm es jedoch als Humoreske und quittierte den Kommentar mit einem Lächeln, denn wirklich wissen, wie es dem andern ginge, wollte niemand. Man machte in «small talk,», denn wer schwieg wurde als übelgelaunt, unhöflich oder arrogant taxiert. Im Grunde genommen, dachte er bei sich, war es eigentlich zutreffend, was er von sich gab. Natürlich gab es auch Momente, die ihn ganz zufriedenstellten, doch meistens plagten ihn Finanzsorgen und nicht selten schlich sie die Frage ein, wie er die nächsten Tage überleben konnte, ohne jeden Cent mehrfach umdrehen zu müssen.

Er wunderte sich oft, dass meistens dann, wenn die Klemme riesig erschien, irgendjemand auftauchte und ihm eine Arbeit aufbürdete, die ihm dann doch wieder etwas finanziellen Spielraum verlieh. Dann gab er im Stillen ein Dankstossgebet von sich, auch wenn er mit der Religion nicht sonderlich verbunden war. Er werweisste oft, ob doch etwas Wahrheit in den Religionen steckte; immerhin hatte das Christentum zweitausend Jahre überstanden und konnte sich noch immer behaupten, wobei es mehr mit sich selbst beschäftigt war und durch die vielen Skandale stark an Anziehungskraft verlor.

Obschon sein Rückzug so etwas wie Selbstkasteiung bedeutete, musste er nicht ständig auf die Uhr schauen. Wenn ihm nichts einfiel, wie er seine Weihnachtsstory weiterbringen könnte, dann griff er zu einem Buch, meistens leichte Lektüre, die ihn aber so weit abdriften liess, dass er für diese Zeit vergass, wo er war und dass er sich in einer neuerlichen Periode der Zeitenwende befand. Dieser Begriff war in Mode gekommen, nachdem in der Ukraine Krieg ausgebrochen war. Er hätte auch zur grossen Mehrheit gehört, die es nicht für möglich gehalten hätte, dass der russische Machthaber die alten Politmechanismen wieder in Schwingungen versetzen würde.

Krieg fand zwar überall statt. Viele vergessene Waffengänge spielten sich ab, die in den Medien kaum oder höchst selten vorkamen und deshalb für die breite Bevölkerung inexistent waren.

Die Auseinandersetzung in der Ukraine beherrschte jedoch so sehr die Medienwelt, dass Syrien, wo ein langjähriger Bürgerkrieg noch immer kein Ende gefunden hatte, völlig in den Hintergrund rückte. 20 Jahre hatte die westliche Welt versucht, in Afghanistan eine Ordnung zu implantieren, die nach dem dort gültigen Wertesystem funktionieren sollte. In einem Sturm war das alles weggefegt worden, und die Milliarden, die dort eingesetzt worden waren, verpufften praktisch in einem Tag.

Die Frauen wurden wieder ins Mittelalter gestossen, entrechtet und von jeder Bildung ferngehalten. Religionsfanatiker richteten Schäden an, die Millionen von Menschen betrafen, und die Strassen füllten sich nicht mit Protesten, höchstens manchmal für die Erstreitung eines Klimawandels, der eben eine ganz neue Gesellschaftsordnung erforderte. Die Kluft zwischen arm und reich vergrösserte sich stetig. Ausgerechnet das Land, das sich dem Kommunismus verschrieben hatte und die Partei in China über alles stellte, betrieb einen Turbokapitalismus, wie er kaum anderswo zu finden war.

Die alten Denkmodelle hatten ausgedient, und doch wagten sich noch wenige, das Undenkbare zu denken. Dass der Kapitalismus Wohlstand für viele gebracht hatte, war für ihn unbestritten, aber offenbar war er an seine Grenzen gestossen. Ein Weiterwursteln wie bisher führte seiner Auffassung nach einfach in die Katastrophe. Wachstum um jeden Preis schien ihm nicht mehr das Rezept für die Zukunft zu sein, sondern eher der Weg in einer Spirale nach unten, die solche Schäden hinterlassen könnte, dass der Grossteil der Menschheit nur noch darben würde.

Die wenigen Reichen müssten dann aber mit Aufständen rechnen, die ihnen an den Kragen gingen; schliesslich ging man dort etwas holen, wo es auch lohnenswert war; kaum ein Dieb überfiel einen Bettler, um ihm noch die letzten Cents zu rauben. Die Verteilung der Güter und des Reichtums müssten neu angedacht werden; er sah wohl ein, dass man um das Grundeinkommen nicht mehr herumkommen würde, jedenfalls nicht in einer ferneren Zukunft, und die Staaten mussten das Hauptaugenmerk darauf richten, möglichst viele Bildung der Jugend mitzugeben. Wer nicht bestens ausgebildet war, dürfte in wenigen Jahren kaum mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Vielleicht müsste man auch das Erbgefüge unter die Lupe nehmen. Wer ein grosses Vermögen überantwortet bekam, musste sich keine Alltagssorgen machen wie er, der in einem ständigen Kampf ums Überleben war. Saläre wurden gezahlt für eigentlich keine Leistung, vorab im Sport. Dass einer mit dem Fuss und einem Ball gut umgehen konnte, war in seinen Augen keine dreistelligen Millionen wert. Davon müsste die Hälfte abgesaugt werden, um anderen jugendlichen zu ermöglichen, sich zu verwirklichen, nicht nur im Sport, sondern auch in der Musik, der Kunst oder in der Umsetzung einer Idee, die einen materiellen oder auch ideellen Mehrwert mit sich brachte. Dasselbe müsste im Erbrecht geregelt werden. Die Riesenanhäufungen von Geld mit Summen in zweistelliger Milliardenhöhe sollte grösstenteils in Projekte fliessen, die zukunftsgestaltend wären.

Er zählte sich nicht zu den Sozialisten, denn ihre Rezepte, mehr Lohn, weniger Arbeitszeit, mehr Ferien, schienen ihm genauso antiquiert wie der Argumentenkatalog der Gegenseite. Obschon er zu den Randfiguren gehörte, sah er sich, was die Denkweise anging, mitten in der Gesellschaft. Nicht jeder arme Hund beschäftigt sich nur mit sich selbst. Er mühte sich schliesslich auch, eine solches Bild abzugeben. Daran würde sich wohl auch im anstehenden Jahr nichts ändern.

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© 2023 Alexander Zar
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Anmerkung bezüglich der Rechtschreibung: Der Text stammt von einem Autor aus der Schweiz. In der Rechtschreibung des Schweizerdeutschen gibt es im Unterschied zur in Deutschland und Österreich gültigen Duden-Rechtschreibung kein sogenanntes scharfes ß, sondern durchgängig ein Doppel-s, z.B. nicht groß, sondern gross, nicht weiß, sondern weiss. (Redaktion textmanege.com)