Der Gefühlswalzer

Von Lena Kelm

Mein Blick fällt auf die Uhr, es ist zehn. Zeit, das Radio einzuschalten. Sonnabends um diese Zeit sendet Deutschlandfunk „Klassik-Pop et cetera.“ Bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Maler moderieren die Sendung, stellen dem Hörer ihre Lieblingsmusikstücke vor. Ich mache dabei erstaunliche Entdeckungen.
Der Moderator sagt eben einen Walzer von Schostakowitsch an. Bei den ersten Klängen bekomme ich einen Kloß im Hals. Vor meinem geistigen Auge ziehen im Walzertempo Bilder vorbei: Ich sitze am Klavier. Meine Musiklehrerin zählt: „Eins, zwei, drei. Lena! Andante, Legato, noch mehr Forte! So ist es gut.“ Ich genieße die Töne, die meine schnellen Finger hervorbringen. Meine Eltern applaudieren, sie sind stolz auf meine Fingerfertigkeit und begeistert vom Walzer, den ich morgen in der Prüfung zu spielen habe. Ich merke zuerst gar nicht, wie mir Tränen über das Gesicht laufen. Mit jedem Ton, mit steigendem Tempo werden es mehr. Sie fließen, ich kann sie nicht aufhalten wie die nächsten Bilder, die dieser herrliche Walzer aus meiner Kindheit und Jugend hervorruft. In den Armen eines jungen Mannes, sicher und wohlfühlend, schwebe ich federleicht über die Saaldielen im hinreißenden Rhythmus des Schostakowitsch Walzers. Wären nicht die Arme des jungen Mannes, würde ich abheben, mir ist etwas schwindlig. Ein unbeschreibliches Gefühl. Um uns lachende Gesichter, meine Freunde. Wir kollidieren mit einem Paar. Wir lachen, das Paar auch. Es macht uns nichts aus. Wir bewegen uns weiter im Walzerkarussell, im Bann der Musik. Die Musik wir langsamer. Atempause. Ich heule hemmungslos, salzige, bittere Tränen. Wie ein verletztes Kind schluchze ich. Ein Kind, das getröstet werden möchte. Ich muss mich selbst trösten. Die Erinnerungen sind schön, die Musik ist schön, wieso freue ich mich nicht? Anstatt meine Seele zu streicheln wie einst, geht jeder Ton nicht nur unter die Haut, er schneidet ins Fleisch, es tut so weh. Manchen Schmerz heilt die Zeit leider nicht. Ich war schon immer sehr empfänglich für Musik, bin mit ihr großgeworden. Es überrascht mich, dass sie in mir längst begraben geglaubte Gefühle auslöst. Also schlummern Nostalgie, Illusionen, die Trauer über den Verlust der Freunde doch noch in den Tiefen meiner Seele. Ich war mir sicher, diese an dem Tag abgelegt zu haben, als meine Kollegin und spätere gute Freundin auf meinen Verlustschmerz mit dem Rat reagierte: „Lena, du musst dich verändern. Du musst dich anpassen, nicht die Menschen hier, denn du bist hergekommen. Oder du fährst zurück, wenn du so sehr deine Freunde vermisst.“ Erst fühlte ich mich gekränkt, aber ich begriff auch, dass sie recht hatte. Dabei vermisse ich wirklich nur die Freunde. Es geht mir beim Walzer nicht um das schmerzfreie Bewegen, um die verblichene Jugend. Um die natürlich auch. Ich kann es nicht leugnen. Es ist wohl von allem etwas. Meine bittersten Tränen gelten aber der Tatsache, dass ich meine beste Freundin aus der Zeit des Schostakowitsch Walzers nicht einfach anrufen kann und sagen: „Weißt du noch, wie es war? Komm doch auf einen Tee vorbei, einfach so, ohne Termin.“
Der Gefühlswalzer ist zu Ende. Ich wische über mein tränenüberströmtes Gesicht, schließe die Pforte der Vergangenheit und ermahne mich: „Du heulst, als ob dein früheres Leben ein Ball gewesen wäre.“ Im heutigen Leben bewege ich mich eigentlich auch im Rhythmus eines Gefühlswalzers: eins zwei, drei, mal Andante, mal Allegro. Der Schostakowitsch Walzer offenbarte mir heute, mein ganzes Gefühlsleben bewege ich mich im Walzertempo, mal beflügelt auf Wolke sieben schwebend, bereit abzuheben, mal wie ein Hamster im Rad, dann wieder besinnlicher, bewegt von Trauer, Schmerz und stiller Freude. Nun ist es ein ganz vorsichtiger Tanz, körperlich wie gefühlsmäßig, eher ein langsamer Tango. Ein Solo-Tanz, ohne einen starken stützenden Partner. Kehre zur Realität zurück, sage ich mir.

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©2022 Lena Kelm
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Der Klügere…

Von Lena Kelm

Sommer 1994. Täglich besuchte ich nach der Arbeit meine Mutter in der Charité. Als ich wie immer und wie es sich gehört auch ihre Zimmernachbarin begrüßte, sagte sie: „Sie kommen jeden Tag bei dieser Hitze, Sie haben bestimmt eine gute Mutter! – „Oh ja, meine weise Mutter erzog mich mit Sprichwörtern, gesammelten Lebenserfahrungen. Ich habe sie immer im Ohr“, erklärte ich. – „Welche denn?“, fragte die Frau interessiert. „Fast zu jeder Lebenssituation taucht in meinem Gedächtnis ein passendes Sprichwort auf, beispielsweise: Morgenstund‘ hat Gold im Mund, wer die verschläft, der geht zu Grund’ – Nach getaner Arbeit ist gut ruhen. – Der Klügere gibt nach. – Wer das Kleine nicht ehrt, ist das Große nicht wert. – Wussten Sie, dass es den Pfennig in Wolhynien, wohin meine Urgroßeltern aus Deutschland aussiedelten, nicht gab? Man meinte statt Geld kleine und große Werte. Ich bin stolz auf meine Mutter, die mir diese Tugenden beigebracht hat.“ – „So möchte ich aber nicht erzogen werden“, erwiderte die Frau. Ich war sprachlos und fand keine passende Antwort, doch meine Mutter, die trotz ihrer Schwerhörigkeit, alles verstanden hatte, fragte aufgebracht: „Habe ich dich denn schlecht erzogen?“ – „Aber nein, Mutter, das stimmt nicht, und du weißt das!“ Die Frau verlor das Interesse und widmete sich einer Zeitschrift.
Als ich die Charité verließ, beschäftigte mich die Meinung der Zimmernachbarin, einer Berlinerin, immer noch. Ich konnte ihre Einstellung nicht nachvollziehen. Auf dem Weg zur U-Bahn kam ich an einer kleinen Passage mit einem Zeitungkiosk vorüber, Ständer mit Karten voller Sprüche waren einladend nahe der Fußgängerzone platziert. Von Karten mit Sprüchen konnte ich nie genug bekommen. Ich konnte auch an diesen nicht vorbei gehen. Mir fiel eine Überschrift ins Auge: „Berliner Sprüche.“ Mein Sammlerleidenschaft war geweckt. „Der Klügere gibt so lange nach, bis er der Doofste ist“ stand auf der Karte schwarz auf weiß! Das konnte kein Zufall sein, das war eine Fügung des Schicksals. Mir wurde blitzartig klar, was die Berlinerin gemeint hatte. Und ich fragte mich, bin ich denn wirklich doof gewesen in den hinter mir liegenden vierzig Jahren? So fühlte ich mich aber nie, vielleicht bereute ich meine Kompromissbereitschaft ab und zu. Wenn ich das Gefühl hatte, jemand hielt mich für doof, hörte mein Verständnis auf. Und ich finde, von jemandem mal für doof gehalten zu werden, ist nicht so schlimm, schlimmer ist, doof zu handeln, sich doof anzustellen.

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ABSCHIEDE

Von Anna B.

  1. Kein wirklicher Abschied

Zu viele Bücher darben in meiner kleinen Wohnung in vier hohen Regalen staubig dahin. Ich brauche mehr Platz, weniger Staubfänger. Es wäre auch gut, wenn ich mich von vielen und nicht mehr benutzten Dinge verabschieden könnte, bevor meine Neffen die Wohnung besenrein an die Hausverwaltung übergeben müssen. Dazu gehören viele Bücher. Einige werde ich sicher behalten.

Die Bücher lauschen mit ihren spitzen Blätterohren meinen Gedanken. Da melden sich einige Bände mit Schriften von Marx, Lenin und Mao Tse-tung: „Was will sie? Jahrzehnte hatten wir hier ein ruhiges, gemütliches zu Hause und jetzt will sie uns verbannen. Frechheit!“
Zwei Bände „Die Geschichte der Philosophie“ und die Hegel-Gesamtausgabe finden tröstliche Worte und antworten im Chor: „Geh, macht Euch nicht ins Hemd. Wir landen sicher nicht auf dem Müll. Außerdem weiß Sie gar nicht, wohin mit uns. Und wer schafft uns weg, falls sie einen Abnehmer finden sollte? Sie ist doch nicht mehr so mobil und kräftig, dass sie uns in Kisten die drei Stockwerke hinunterträgt, in ihr Auto packt und uns irgendwo hinbringt.“

Taschenbuchausgaben verschiedener Wissenschaftler und Philosophen kommentieren selbstreflexiv: „Naja, so wie wir ausschauen – zerlesen und vollgekritzelt – kann sie uns auch im Altpapier entsorgen. Irgendwie verständlich, kein Mensch interessiert sich mehr für unsere anachronistischen Ideen und alten Erkenntnisse und ihre unleserlichen Randbemerkungen.“

Aus der Belletristik-Abteilung rebellieren gleich einige Reihen gebundener Kollegen: „Nein, uns trägt sie sicher nicht weg, sie liebt uns doch und wenn sie nicht mehr ist, gibt es viele, die uns gerne mindestens genauso liebevoll übernehmen werden. Wir bleiben da. Darauf wetten wir unsere Einbände.“

Manche flüstern vor sich hin: „Ein Wunder, dass sie einige von uns nicht schon längst entsorgt hat. Schrott und Schund, nicht wirklich lesenswert, sinnloses Wissen …. “ Der Rest schweigt und harrt der Dinge, die da kommen mögen.

Es wird vermutlich nicht viel kommen. Hier und da landet ein Sack Bücher, die ich nie wieder beachten werde, in einer Büchertauschinsel, auf einem Platz nicht weit von meiner Wohnung. Hier und da verschenke ich gut erhaltene Exemplare an Freunde. So entstehen Lücken in den Regalen, die aber schnell wieder gefüllt werden. Ein Besuch in einer Buchhandlung, Geburtstag und Weihnachten bringen Nachschub. So wird das nie was mit Platzgewinn und Rücksicht auf meine Neffen. Die Bücher haben Recht, einiges werde ich weggeben, die Mehrheit bleibt bei mir und wird hier und da entstaubt.

  1. Ein wirklicher Abschied

Vor einigen Wochen starb ein guter Freund, schon wieder einer. Einer, der mir lieb war, den ich schätzte; fast hätte ich mich vor vielen Jahren in ihn verliebt. Wir waren uns aber darin einig, dass eine Beziehung jenseits von Gesprächen, Essen, Weintrinken, Spaziergängen und gegenseitigen Besuchen lieber nicht gewagt werden sollte.

In den letzten Jahren hatte wir kaum noch etwas miteinander zu tun, ich dachte aber oft an ihn, wollte Kontakt haben. Er hatte sich aber bis auf die Verbindung zu ganz wenigen Freunden völlig zurückgezogen.

Dann hörte ich von seiner Krankheit und wenig später von seinem Tod. Ich durfte an der Donaubestattung teilnehmen. Wir waren nur ganz wenige Leute. Da stand die Urne, sehr elegant, rostrot mit rauer Oberfläche. Ich starrte sie an und meine Augen wurden feucht. Er kam heraus, in voller Größe in schwarzer Hose, schwarzem Rollkragenpullover gekleidet mit einem hellblauem Seidenschal um den Hals, Lackschuhe, ein Buch unter dem Arm, er sah uns an und sagte: „Gut habt ihr das gemacht, kein Sarg, kein Grab, keine Zeremonie, keine Reden, ihr seid einfach nur da. Seltsam, dass hier auch zwei Frauen sind, zu denen ich keinen Kontakt mehr hatte, die ich vor vielen Jahren sehr gern hatte. Ihr ward schön und halbwegs gescheit. Offenbar seid ihr mir treu im Herzen geblieben. Danke!“ Die Urne wurde ins Wasser gelassen, wir sahen ihr nach, darüber schwebte seine Gestalt und winkte uns zu, wir winkten zurück. Dann verschwanden er und die Urne. Seine Gestalt wird noch oft in meinen Gedanken leben und erst sterben, wenn auch ich nicht mehr denken kann.

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Neues vom Jobcenter

Von Rolf Jungklaus

Seit dem Frühsommer 2020, also nach dem ersten Corona bedingten Lockdown, bin ich „Kunde“ beim Jobcenter Neukölln. Doch erst seit Anfang 2021 bin ich offiziell Arbeit suchend. Schon ziemlich schnell meldete sich gleich im darauf folgenden Januar mein erster Arbeitsvermittler. Dieser zählt nicht zu den Sachbearbeitern, die mich schriftlich zur Mitarbeit auffordern, mir Bewilligungsbescheide schicken, meine Widersprüche ablehnen und die mir je nach dem mal 3,15 € mehr bewilligen oder 2,14 € monatlich von meiner Grundsicherung kürzen. Nein, ein Arbeitsvermittler steht auf meiner Seite und möchte mir helfen, wieder in Arbeit zu kommen. So hat er mir gleich im ersten Gespräch ein Eingliederungsgeld angeboten und dies auch gleich in meiner Akte notiert. Bei Bewilligung erhält mein zukünftiger Arbeitgeber bis zu zwei Jahre lang maximal die Hälfte meines Gehalts vom Jobcenter. Ja, das könnte in der Tat bei Bewerbungen helfen.
Rund ein halbes Jahr später meldete sich dann Arbeitsvermittlerin Nr. 2 bei mir. Sie bot mir nun einen Gutschein für ein persönliches Einzel-Coaching an, welches Motivationstraining, Zusammen-stellen von Bewerbungsunterlagen, Proben von Bewerbungsgesprächen und dergleichen beinhaltet. Das hatte ich damals abgelehnt, weil ich schon vor rund zehn Jahren in den Genuss eines solchen Coachings gekommen war und mir zur Auffrischung nur den entsprechenden Ordner schnappen müsse, und weil ich der Meinung war, eine feste Anstellung zum Jahreswechsel so gut wie sicher in Aussicht zu haben. Daraus wurde dann aber doch nichts.
Wieder ein halbes Jahr später, also im Januar 2022, meldete sich dann Arbeitsvermittlerin Nr. 3. Auch diese bot mir den Gutschein für ein Coaching an. Dieses Mal sagte ich zu. Erstens kann eine Auffrischung nicht schaden, zweitens bin ich nicht mehr auf dem neuesten Stand, was beispiels-weise Bewerbungsschreiben oder Kleiderordnung beim Vorstellungsgespräch angeht und drittens erwartete ich mir Impulse für die konkrete Jobsuche. Also in welchen Funktionen oder Branchen ich mich noch bewerben könne und was auf dem Arbeitsmarkt gesucht wird, was man verdienen kann und ob ich der Richtige bin.
Nun bekam ich vom Jobcenter zwei Schreiben: den Gutschein für einen Träger meiner Wahl und eine Einwilligungserklärung, die ich unterschrieben zurücksenden sollte. Im letzteren stand neben meinen Rechten und Pflichten inklusive den möglichen Sanktionen bei Nichtbefolgung auch, wie das Jobcenter mich bei der Jobsuche unterstützen würde. So könne ich mich werktags jeden Morgen um halb fünf im Hof des Jobcenters einfinden, um mich als Tagelöhner auf einer Art Sklavenmarkt den Mastern anzubieten. (Kein Witz!) Und dann gab es noch so eine Institution: ein Center für Selbstauskunft. „Das guck ich mir doch mal an“, dachte ich mir.
Gesagt, getan. An einem schönen, sonnigen Nachmittag ging ich zum Kindl-Boulevard zwischen Hermannstraße und Mainzer Straße in Neukölln. In dieser Einkaufspassage, die schon bessere Tage gesehen hat, befindet sich zwischen einem Copyshop und einem Supermarkt der Eingang zum Jobcenter. Hier stehen mal zwei, mal drei Sicherheitsleute im Eingangsbereich herum. Einer von ihnen fragte nach meinem Begehr, kontrollierte meinen Impfnachweis nebst Personalausweis und zeigte mir anschließend den Weg zur „Selbstauskunft“. Ich ging also durchs Treppenhaus in den ersten Stock. Dort angekommen, stand ich in einer größeren Halle mit einer Art Empfangstresen mit drei dahinter sitzenden Mitarbeitern, von denen ich nicht sagen konnte, womit sie dort beschäftigt waren. Vielleicht haben sie tatsächlich etwas für jeden sichtbar zu tun, wenn nicht gerade Pandemie ist. Außer den Menschen hinter dem Tresen wuselten auch hier einige Sicherheitsleute ohne erkennbare Aufgabe umher. Einen von ihnen sprach ich an und fragte erneut nach der besagten Selbstauskunft. Zunächst wusste er gar nicht wovon ich spreche, dann führte er mich aber höchst persönlich, damit ich mich nicht verlaufe, zu einer offen stehenden Tür, die gleich um die Ecke lag und wies mit der Hand hinein. Er hielt dann einen Moment lang inne und fragte mich, ob ich in Beschäftigung oder arbeitslos wäre. Auch ich stockte daraufhin ein wenig, weil mir der Sinn der Frage nicht einleuchtete. Nachdem ich mich als arbeitslos zu Erkennen gegeben hatte, erklärte er mir, dass es ihm leid täte, denn Arbeitslose hätten nur bis 10.30 Uhr Zutritt. Da war ich platt. Verwundert sah ich in den Raum hinein. Der hatte etwa 30 qm Fläche und war menschenleer – abgesehen von zwei Mitarbeitern, die wiederum, diesmal jedoch hinter einer Glasscheibe – an einem langen Tresen saßen. Ich sah sie an und sie sahen mich an. Niemand sprach ein Wort. Dann blickte ich zur Wand zu meiner Linken, wo Jobangebote an der Wand hingen, und die ich mir ansehen wollte. Das war ja immerhin der Grund meines Kommens.
Da stand ich also im Türrahmen eines leeren Zimmers, sah auf die Angebote und durfte nicht hinein. Das war absurd. Ich überlegte mir, dass diese Angebote wohl auch irgendwo online stünden und ich sie mir auch in Ruhe und zuhause ansehen könne. Also fragte ich den Wachmann, ob er denn wisse, ob die dort hängenden Angebote aktuell seien. Er antwortete: „Ach, die hängen da schon ewig.“ Ich sah ihn an, dann sah ich wieder zu den beiden Menschen hinter dem Tresen. Niemand sagte etwas. „Ich sollte gehen“, dachte ich mir. Also lächelte ich den Sicherheitsmann an und verabschiedete mich umständlich. Schräg hinter uns befanden sich zwei Rolltreppen, die wieder ins Erdgeschoss führten. Ich fragte, ob ich sie benutzen dürfe. Nachdem das bejaht wurde, ließ ich den Wachmann stehen und ging auf die Rolltreppen zu. Beide führten ausschließlich nach unten. Komisch, dass mich das nicht gewundert hat.

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© 2022 Rolf Jungklaus
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Harrys Einundachtzigster

Von Lena Kelm

Harry, mein ehemaliger Kollege, ist gerade einundachtzig Jahre geworden, er hat das biblische Alter erreicht und vor kurzem sogar den Kampf gegen Krebs gewonnen. Ein Grund mehr, um seinen Geburtstag zu feiern. Das haben wir viele Jahre gemeinsam getan, nun geht es wegen Corona nicht. Meine Freude ist deshalb etwas gedämpft, Harrys bestimmt auch. Gleich werde ich ihn anrufen, gratulieren, und versuchen ihn ein wenig aufzumuntern. Das Ende der Pandemie steht bevor, werde ich sagen, und Harry wird wie immer einwenden, das liegt in Gottes Hand. Ich werde ihm nicht widersprechen. Auch ich bin ratlos, denn trotz Booster-Impfung kann ich mich jederzeit infizieren, aber darüber kein Wort zu Harry, sage ich mir und greife zum Telefon.
„Hallo, Geburtstagskind Harry, ich wünsche dir drei G!
Erstens: Gesundheit, du Kämpfer! Zweitens: Genieße alles, worauf du Lust hast und drittens: Möge dir alles gelingen!“
„Danke!“, erwidert Harry fröhlich.
Erstaunlich wie munter er klingt, das hatte ich nicht erwartet.
„Ich habe Hausarrest!“, sagt Harry vergnügt.
„Und darüber freust du dich?“
„Na klar, ich habe Corona!“, verkündet Harry.
Sein triumphierender Tonfall verschlägt mir die Sprache.
„Ich muss vierzehn Tage zuhause bleiben, darf keinen Müll raustragen und nicht einkaufen gehen, also, mir geht es blendend – und dir?“

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Biergarten mediterran

Von Michail Oblomow

August 2013. Der schlimmste Monat. Es ist drückend heiß in Barcelona. Die Stadtstrände sind überfüllt mit Touristen und Müll, ich bin zu träge um mich in einen Zug zu setzten und an den Strand nach Castelldefels zu fahren. Meine Wohnung – ohne Klimaanlage – zwingt mich auf die Straße. Nach vier Gehminuten, die sich wie eine halbe Stunde anfühlen, stehe ich auf der Plaza „Tripi“ – eigentlich Plaza George Orwell – und sehe, wie die Mossos gerade zwei vermeintliche Dealer abführen. Wenigstens scheint das Polizeiauto klimatisiert zu sein. Ich gehe weiter bis zur Via Laietana.

Die Sonne macht es mir nicht leicht, ich triefe vor Schweiß und suche nach Schatten. Eine Möwe lacht mich aus, als ich versuche, mich mit dem warmen Wasser aus einer Pumpe abzukühlen. Ich setze mich auf eine Bank im Born-Viertel, doch als eine Gruppe japanischer Touristen mich fragt, ob ich ein Foto von ihnen schießen kann, quäle ich mich hoch und verschwinde in einer Gasse, die für das Touristen-Auge wenig einladend aussieht. Hier gibt es Schatten, der Geruch nach Urin und Erbrochenem zieht mich aber schnell weiter. Zu schnell. Ich bin schweißgebadet und brauche jetzt ein kaltes Bier. Am Ende der Gasse sehe ich den Palau de la Musica. Bin ich schon so weit gelaufen?

Nach ein paar weiteren Metern stehe ich vor dem Antic Teatre. Meine Rettung. Mein Schatten. Mein Bier. Ich steige die kleine Treppe empor und finde mich auf einer Terrasse im Innenhof des Häuserblocks wieder. Von der Terrasse geht eine weitere Treppe abwärts in einen kleinen Garten mit Tischen unter einem großen Baum. Das Antic Teatre ist ein schöner Biergarten. Und obwohl die Touristen diesen Ort bereits kennen, kann ich hier in Ruhe Bier trinken und meinen Strindberg lesen. Kellner gibt es keine, die Getränke muss sich jeder in der Bar am Ende der Terrasse holen. Die Hippies am Tisch neben mir rauchen gemütlich einen Joint und niemanden interessiert es. Ich frage einen von ihnen, ob es noch mehr solcher Biergärten hier im Zentrum gibt. „Nein“, antwortet er auf Katalanisch, „wie diesen gibt es keinen weiteren. Aber nahe der Rambla gibt es einen versteckten Garten. Den Jardi de la Casa Ignacio de Puig“.

Ich trinke noch zwei Stunden lang Bier und mache mich dann auf die Suche danach: Wieder zurück über die Via Laietana, diesmal an der Kathedrale vorbei über die Plaza Nova durch Gänge und Gassen bis zur Calle de la Boquería 10. Die Abendhitze und das Gelaufe haben mich müde gemacht, das ganze Bier hat mein Blut allerdings abgekühlt. Ein bisschen betrunken stehe ich vor den Pforten des Jardi de la Casa Ignacio de Puig. Dass der Eingang in das Petit Palace Opera Garden Hotel führt, interessiert mich in der momentanen Gemütslage gar nicht, zumal ich den Garten schon durch die Glastüren der Hotellobby ausmachen kann. Ich betrete das Hotel, ignoriere den skeptischen Blick des Portiers am Empfangsschalter, stolpere durch die Glastür am Ende der Lobby und stehe auf einer Terrasse, die von zwei Schokoriegelautomaten und ein dutzend Plastiktischen bewacht wird. Hotelinventar. Gemütlich sieht das nicht aus. Ich erklimme eine Treppe und stehe auf einer Art Zwischendeck. Ein kahlköpfiger Engländer sitzt auf einem Sofa und trinkt Bier. Das sieht schon gemütlicher aus. Ich gehe an ihm vorbei und steige die letzte Treppe hinauf.

Bäume. Auf der linken wie auf der rechten Seite stehen Stühle auf einer Holzplattform, durch die Mitte des Gartens führt ein Weg zu einem tropfsteinähnlichen, ausgetrockneten Brunnen. Ich bin allein in dieser Bastion der Ruhe, schließe die Augen und atme tief ein. Und obwohl mir persönlich die Location und das kulturelle Angebot des Antic Teatres besser gefällt, freue ich mich darüber, einen so ruhigen Ort so nahe der Ramblas gefunden zu haben. Ich verlasse den Garten über einen Fahrstuhl, der in eine Seitengasse führt.

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© 2022 Michail Oblomow
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Sanssouci

Von Lena Kelm

Sorgenlos wollten wir durch den Park Sanssouci flanieren. Das herrliche Hochsommerwetter spielte mit. Uralte Bäume spendeten großzügig Schatten auf dem breiten Weg, der gesäumt von kleinen Statuen, am Springbrunnen vorbei, direkt auf das Schloss zuführte. Die Wasserkaskaden glitzerten und funkelten im Sonnenschein. Ein bezauberndes Bild! Hier, auf den Bänken im Halbkreis um die Fontäne, wollten wir eine Weile bleiben, das Schloss im Blick, das in der Sonne noch prunkvoller golden glänzte. Die Seele nährt sich von dem, woran sie sich erfreut, ist einer meiner Lieblingssprüche.
Um uns viele Touristen, verschiedene Sprachen, Spaziergänger fasziniert wie wir vom preußischen Garten und seiner Geschichte. Kameras wurden in die Höhe gehalten, nach links, rechts, nach unten und wieder in die Höhe. Neben uns saß eine Familie mit halbwüchsigem Sohn, Asiaten. Sie unterhielten sich leise.
Mir fiel eine kleine ältere Frau gegenüber auf. Ich betrachtete ihr volles kastanienbraunes von Silberfäden durchzogenes Haar, als sie plötzlich die Arme ausbreitete und dem Asiaten neben mir zurief: „Bella! Bella!“ – und noch einmal: „Bella!“ Ihre Augen glänzten verzückt. War sie vom Panorama überwältigt?
„Oh, bella Italia!“, antwortete der attraktive Asiate. Die Frau schaute verblüfft. Euphorisch rief der Mann ihr zu: „Oh, bella, bella Italia!“ Sie erwiderte: „Si, Roma!“ Und der Asiate: „Pizza! Pizza!“ Hilfesuchend drehte er sich zu meiner Tochter um. Eher aus Spaß rief nun auch sie: „Spaghetti!“ Der Asiate stimmte freudestrahlend ein: „Pizza, Spaghetti!“ Ich rief: „Cappuccino!“ Er: „Oh, Pizza! Spaghetti! Cappuccino!“ Und erneut: „PIZZA! SPAGHETTI! CAPPUCCINO!“
Auf einmal war es mir peinlich. Warum bloß fielen uns nicht andere italienische Vokabeln ein? Wie jetzt beim Schreiben, amore oder amico zum Beispiel?
Ratlos saß die Signora da, dem Jubel des Asiaten nicht gewachsen. Zögerlich fragte sie: „Japan?“ – „No?“ – „China!“ Ein Chinese also. „Oh“, entfuhr es der Italienerin, mit einer Handbewegung deutete sie Hinter-allen-Bergen an. Der Chinese machte ein Flugzeug vor. Dann fiel ihm doch noch etwas Besonderes ein. „‘O sole mio! ‘O sole mio!“ deklamierte er hingerissen. Er war nicht mehr zu bremsen. Indessen gesellte sich der Ehemann zur Italienerin, ein grauhaariger Herr in kurzer Hose. Der Chinese richtete sich zu voller Statur auf, mindestens ein Meter achtzig war er groß. Theatralisch breitete er seine langen Arme aus und sang wie ein professioneller Tenor: „‘O sole mio! ‘O sole mio!“ Er sang mit größerer Hingabe als der berühmte Placido. Ich begann, zu applaudieren, andere fielen ein. Dann klatschten alle. Ringsumher lächelnde Gesichter, Freudefunken, Glück! Es klang wie eine Hymne auf die Menschen. Winkend zogen wir weiter.

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© 2022 Lena Kelm
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Was macht er?

Von Lena Kelm

Beim Betreten des fast leeren Cafés fällt mir ein kleinwüchsiger Mann auf. Nicht wegen seiner Größe, nein, seine Beine sind nackt. Erotisch wirken sie nicht auf mich. Entsetzt bin ich, draußen fegt ein eisiger Wind, gefühlte acht Grad minus statt der angesagten vier. Es nieselt, Nässe und Wind verstärken das Gefühl von Kälte. Die Passanten tragen dicke Schals, Kapuzen, Winterjacken. Es ist Ende März, aber das Frühlingsgefühl ist von den Gesichtern der Menschen nicht abzulesen. Die schneeweißen Beine des Mannes stecken barfuß in Halbschuhen mit dicken Sohlen. Seine weinroten Shorts reichen bis zu den knochigen Knien. Er trägt ein ausgeblichenes fliederfarbenes Sakko, ein abgetragener dunkelgrüner Schal fällt ihm über Brust und Rücken, seine Schirmmütze ist von einem satteren Grün. Weshalb er anstatt eines kühlen Kopfes kalte Beine bevorzugt, bleibt wohl sein Geheimnis. In arroganter Pose stolziert er durch das Café und redet ununterbrochen, belustigt das Publikum. Ein Stammgast! „Hallochen, meine Süße“, sagt er zur Verkäuferin. „Du weißt schon, wie immer, aber bitte mit Sahne!“, imitiert er Udo Jürgens. „Kannst ruhig etwas mehr drufjeben“, scherzt er.
Mit meinem Kaffee ziehe ich mich an den Ecktisch zurück. Von hier aus beobachte ich das Geschehen. Der Künstler, so nenne ich ihn, tänzelt vor dem hohen Tresen und reckt den Hals empor zur Bedienung. In dem Moment nähert sich ihm ein Mann von kräftiger Statur, drei Köpfe größer, mit mürrischem Gesichtsausdruck. Er saß am Tisch neben dem Eingang, anscheinend ein Bekannter, ungeduldig wartet er auf Kaffee und Kuchen. Er will seinen Kaffee nun selbst abholen, spöttisch sagt er zur Verkäuferin: „Haben Sie den gesehen? Der läuft halbnackt herum bei den Temperaturen, verkehrte Welt, oder?“ Die Verkäuferin spaßt: „Im Sommer zieht er dann seinen Ski-Anzug an.“ Der Künstler lacht nun auch. Der große Mann bringt seinen Kaffee zum Tisch, kehrt zur Theke zurück, um den Kuchen zu holen. „Hier ist was los!“ meint er. „Hier doch nicht, in den Wilmersdorfer Arkaden, da ist richtig was los!“, erwidert der Künstler. „Woher weißt du denn das?“, fragt der Große interessiert. „Na, da war ich doch gestern. Weißte, wen ich da getroffen habe?“ – „Wen denn?“ – „Na, den Hansi!“ – „Und was macht der?“ – „Na, wir sitzen bei den Massagesesseln für zwei Euro.“ – „Und was macht er?“ – „Hansi?“ – „Na, was macht der?“ – „Scheiden lässt er sich von seiner Alten.“ – „Ja, aber, was macht er?“ – „Du, die Olle, die Ex, die will ihn richtig abzocken. Die geht bis zum Obersten Gericht, an das Kammergericht, ja, ja, und nur, um zwanzig Euro mehr zu kriegen.“ – „Aber was macht er?“ – fragt der große Mann mit Nachdruck. „Na was wohl, am Ende ist er.“ – „Und was MACHT er?“, fragt der Große gereizt. „Der, na, der macht gar nichts, kaputt ist der.“ – „Ich frag dich, was macht er?“ Es klingt bedrohlich. „Der, der kann gar nichts machen, fertig ist der mit den Nerven.“, sagt seelenruhig der Künstler. „Hörst du mir überhaupt zu? Ich frage dich, was MACHT er?“ – „Na was schon? Ein trauriges Jesicht! Dreckig geht‘s ihm, weil seine Frau weg und er alleine ist.“
Währenddessen gehen die beiden zwischen Theke und Tisch hin und her, holen Kuchen, Milch, Zucker, Kuchengabeln, Teelöffel. Das Café hat sich allmählich gefüllt, die Gäste lauschen. Gerade kommentiert der Künstler den Eintritt des türkischen Gemüsehändlers vom Nachbarladen, als er an meinem Tisch vorbei schlendert. „Der bringt jeden Tag was rein. Gestern sechs Mandarinen, da hat er ein Küsschen bekommen. Heute ist es eine komische Frucht, na, da kriegt er kein‘ Bussi.“ Ich lächele höflich zurück. Doch er ist wieder auf Tour durch das Café und kaut die „komische“ orange Frucht, Khaki, die ihm bereitwillig die Verkäuferin weiterschenkt. Ich stelle meine Tasse ab und bewege mich zum Ausgang, da höre ich, wie sein Bekannter mürrisch sagt: „Jetzt reicht‘s mir aber, ich gehe!“ Er rührt sich aber nicht vom Platz. Der Künstler überspielt die Situation mit einem begütigen Lächeln.

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Acht Stück‘ Bienenstich

Von Lena Kelm

Am noch kühlen Morgen eines angekündigten heißen Tages kehre ich, nach dem Blumengießen am Grab meiner lieben Mutter, in eine Bäckerei in der Neuköllner Karl-Marx-Straße ein. Ein Steh-Café, nicht das beste und auch kein EINSTEIN. Mein Kreislauf signalisiert: Kaffee, Kaffee, Kaffee! Um ihn in Schwung zu bringen, reicht es allemal. Die Verkäuferinnen sind nett, was will man mehr! Naja, etwas Atmosphäre vielleicht.
Wie laut es hier ist! Fällt ein Handy-Gespräch unter die Kategorie Lärm- oder Umweltbelastung? Der Lärm kommt von der offenen Tür, davor steht ein Paar. Sie – etwas mollig, schwarzes Spitzentuch am Dutt, schwarzweiß gestreifter Pullover zum knöchellangen schwarzen Rock, Netzpantoletten mit Glitzerblümchen – telefoniert. Wer hat bloß Flip-Flops für die Straße erfunden? Der Mann neben ihr – kleinwüchsig wie sie, im weißen Hemd, schwarzer Hose, dicker Goldkette um den kurzen Hals, die Füße in Lackschuhen – steht schweigend da, mit einer Perlenkette spielend, während die Frau lautstark in ihr Handy schimpft. So hört es sich zumindest an, verstehen kann ich sie nicht. Sie spricht nicht deutsch, auch nicht polnisch, weder bulgarisch noch serbisch, vielleicht rumänisch? Plötzlich schreit sie: „Scheiße!“ Schon fällt mir meine Bekannte aus Russland ein, die, als sie in den 90ern ihre Verwandten in Berlin besuchte, mir ironisch ihre Eindrücke schilderte. Das Beste war, meinte sie, dass sie zwei deutsche Begriffe gelernt hatte: Geschenk und Scheiße.
Die Frau vor der Tür übertönt jedes vorbeifahrende Auto. Hoffentlich hört sie bald auf, ich bestelle schon mal Kaffee. Die Frau am Nebentisch schüttelt unmissverständlich den Kopf. Wie versteht bloß die Verkäuferin die Kunden bei diesem Lärm?
Da kommt ein großer Mann herein im Unterhemd, kurzer Turnhose und Badelatschen, typisch Neuköllner Alltagslook, Drei-Tage-Bart, schütteres Haar, grau im Gesicht. Er strengt sich an, um die Frau vor der Tür zu übertönen. Ungepflegt, denke ich, schade. Ein Drei-Tage-Bart kann schön sein, wenn ein Mann das gewisse Etwas hat. Wenn er mich zum Beispiel an der Ampel nicht schubst und hinzufügt: „Na, schläfst wohl, Dicke, grüner wird’s nicht!“
Zurück zu dem Mann, für den die Verkäuferin gerade den Kuchen sorgsam verpackt. Sie reicht ihm Kaffee, der Mann stellt ihn auf einen freien Tisch ab und holt sein Handy aus der Hosentasche. Es sieht neu und modern aus im Gegensatz zu meinem aus der Steinzeit. Während ich das tolle Handy bewundere und überlege, wieso ich nie Geld für ein neues habe, telefoniert er.
„Hi, ich bin’s, hab‘ acht Stück‘ Bienenstich gekauft und Schlagsahne, trinke jetzt einen Kaffee in Ruhe, bin in einer halben Stunde bei dir, bis denne!“
Kurz und sachlich, ein Mann, ein Wort! Nicht wie die laute Frau vor der Tür. Sie macht Anstalten zu gehen. Doch mein Stoßgebet wird nicht erhört. Die Frau bleibt stehen und brüllt nun ins Handy. Der Mann mit den acht Stücken Bienenstich telefoniert erneut.
„Na, du Zuckerärschchen, bist du schon wach? Komm nach Kreuzberg, in einer halben Stunde bin ich da, habe acht Stück‘ Bienenstich mit Schlagsahne gekauft. Was macht das Pferd? Ach, du Sch…! Gibt Schlimmeres! Ich geh‘ jetzt nach Kreuzberg, trink nur noch meinen Kaffee.“
Zum Kaffeetrinken kommt er nicht. Ich frage mich, wie dieser Mann es schaffen will, die Schlagsahne auf einem Pappteller zu transportieren. Und wie will er in dreißig Minuten in Kreuzberg sein, wenn er die ganze Zeit telefoniert?
Ich habe genug, auch vom Geschrei, und will gehen, in dem Moment kommt eine Frau herein in einem langen schwarzen Mantel in Begleitung eines kleinen Jungen, ihr Handy klemmt zwischen Ohr und Kopftuch. Sie telefoniert auf Türkisch und bestellt nebenbei zwanzig Schrippen. „Tamam, tamam…!“, höre ich. Die Verkäuferin wartet geduldig, solange die Kundin im Portemonnaie nach Silber kramt und seelenruhig telefoniert. Auch der Mann mit der Schlagsahne telefoniert.
„Du Arsch, komme jetzt nach Kreuzberg, hab‘ acht Stück‘ Bienenstich und Schlagsahne.“
Russisch vermisse ich noch in diesem gemischten Chor. Meine ehemaligen russischen Landsleute sprechen auch nicht gerade leise in der Öffentlichkeit, mich regt das auf. Ich bedanke mich für den Kaffee bei der geplagten Verkäuferin. Sie muss den Wahnsinn aushalten. Und gehe zugleich mit der Türkin. Das Paar verschwindet in der U-Bahn-Station. Ich habe meinen Kreislauf in Schwung gebracht. Was will ich mehr!

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Unüberbrückbar?

Von Lena Kelm

Als plötzlich Schneeregen einsetzt, suche ich Schutz bei einem überdachten Marktstand und tue so, als ob ich mich für die angebotenen Geldbörsen interessiere. Der türkische Händler lächelt breit und einladend wie auf einem orientalischen Basar, scheinbar ist er mit diesem Basar-Lächeln geboren. „Bitteschön, bitteschön, alle Farben, billig!“, schreit er, als wäre ich schwerhörig.
Ein kleiner Mann, ein Araber – als Neuköllnerin erkenne ich einen Orientalen auf den ersten Blick – tritt heran.
„Cold!“, sagt er schlotternd in seiner dünnen Jacke.
„Kalt.“, erwidert herablassend der türkische Verkäufer.
Der Araber wiederholt hartnäckig: „Cold, cold.“
„Kalt!“, sagt der Verkäufer.
Die Lehrerin in mir – einmal Lehrerin, immer Lehrerin – mischt sich ein. „Auf Deutsch heißt es kalt.“
Verständnislos geht der Araber davon.
„Flüchtling! Ich Türke, ich integriert“, sagt der Verkäufer verächtlich.
Unterdessen tritt eine Türkin an den Stand, sie unterhalten sich in der Muttersprache. Als eine Pause entsteht, werfe ich ein: „Ich verstehe etwas Türkisch, weil ich aus Kasachstan komme, dort wird der alttürkische Dialekt gesprochen.“
Der Verkäufer würdigt mich keines Blickes.
Die Integration-Brücke ist mir nicht gelungen.

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