Acht Stück‘ Bienenstich

Von Lena Kelm

Am noch kühlen Morgen eines angekündigten heißen Tages kehre ich, nach dem Blumengießen am Grab meiner lieben Mutter, in eine Bäckerei in der Neuköllner Karl-Marx-Straße ein. Ein Steh-Café, nicht das beste und auch kein EINSTEIN. Mein Kreislauf signalisiert: Kaffee, Kaffee, Kaffee! Um ihn in Schwung zu bringen, reicht es allemal. Die Verkäuferinnen sind nett, was will man mehr! Naja, etwas Atmosphäre vielleicht.
Wie laut es hier ist! Fällt ein Handy-Gespräch unter die Kategorie Lärm- oder Umweltbelastung? Der Lärm kommt von der offenen Tür, davor steht ein Paar. Sie – etwas mollig, schwarzes Spitzentuch am Dutt, schwarzweiß gestreifter Pullover zum knöchellangen schwarzen Rock, Netzpantoletten mit Glitzerblümchen – telefoniert. Wer hat bloß Flip-Flops für die Straße erfunden? Der Mann neben ihr – kleinwüchsig wie sie, im weißen Hemd, schwarzer Hose, dicker Goldkette um den kurzen Hals, die Füße in Lackschuhen – steht schweigend da, mit einer Perlenkette spielend, während die Frau lautstark in ihr Handy schimpft. So hört es sich zumindest an, verstehen kann ich sie nicht. Sie spricht nicht deutsch, auch nicht polnisch, weder bulgarisch noch serbisch, vielleicht rumänisch? Plötzlich schreit sie: „Scheiße!“ Schon fällt mir meine Bekannte aus Russland ein, die, als sie in den 90ern ihre Verwandten in Berlin besuchte, mir ironisch ihre Eindrücke schilderte. Das Beste war, meinte sie, dass sie zwei deutsche Begriffe gelernt hatte: Geschenk und Scheiße.
Die Frau vor der Tür übertönt jedes vorbeifahrende Auto. Hoffentlich hört sie bald auf, ich bestelle schon mal Kaffee. Die Frau am Nebentisch schüttelt unmissverständlich den Kopf. Wie versteht bloß die Verkäuferin die Kunden bei diesem Lärm?
Da kommt ein großer Mann herein im Unterhemd, kurzer Turnhose und Badelatschen, typisch Neuköllner Alltagslook, Drei-Tage-Bart, schütteres Haar, grau im Gesicht. Er strengt sich an, um die Frau vor der Tür zu übertönen. Ungepflegt, denke ich, schade. Ein Drei-Tage-Bart kann schön sein, wenn ein Mann das gewisse Etwas hat. Wenn er mich zum Beispiel an der Ampel nicht schubst und hinzufügt: „Na, schläfst wohl, Dicke, grüner wird’s nicht!“
Zurück zu dem Mann, für den die Verkäuferin gerade den Kuchen sorgsam verpackt. Sie reicht ihm Kaffee, der Mann stellt ihn auf einen freien Tisch ab und holt sein Handy aus der Hosentasche. Es sieht neu und modern aus im Gegensatz zu meinem aus der Steinzeit. Während ich das tolle Handy bewundere und überlege, wieso ich nie Geld für ein neues habe, telefoniert er.
„Hi, ich bin’s, hab‘ acht Stück‘ Bienenstich gekauft und Schlagsahne, trinke jetzt einen Kaffee in Ruhe, bin in einer halben Stunde bei dir, bis denne!“
Kurz und sachlich, ein Mann, ein Wort! Nicht wie die laute Frau vor der Tür. Sie macht Anstalten zu gehen. Doch mein Stoßgebet wird nicht erhört. Die Frau bleibt stehen und brüllt nun ins Handy. Der Mann mit den acht Stücken Bienenstich telefoniert erneut.
„Na, du Zuckerärschchen, bist du schon wach? Komm nach Kreuzberg, in einer halben Stunde bin ich da, habe acht Stück‘ Bienenstich mit Schlagsahne gekauft. Was macht das Pferd? Ach, du Sch…! Gibt Schlimmeres! Ich geh‘ jetzt nach Kreuzberg, trink nur noch meinen Kaffee.“
Zum Kaffeetrinken kommt er nicht. Ich frage mich, wie dieser Mann es schaffen will, die Schlagsahne auf einem Pappteller zu transportieren. Und wie will er in dreißig Minuten in Kreuzberg sein, wenn er die ganze Zeit telefoniert?
Ich habe genug, auch vom Geschrei, und will gehen, in dem Moment kommt eine Frau herein in einem langen schwarzen Mantel in Begleitung eines kleinen Jungen, ihr Handy klemmt zwischen Ohr und Kopftuch. Sie telefoniert auf Türkisch und bestellt nebenbei zwanzig Schrippen. „Tamam, tamam…!“, höre ich. Die Verkäuferin wartet geduldig, solange die Kundin im Portemonnaie nach Silber kramt und seelenruhig telefoniert. Auch der Mann mit der Schlagsahne telefoniert.
„Du Arsch, komme jetzt nach Kreuzberg, hab‘ acht Stück‘ Bienenstich und Schlagsahne.“
Russisch vermisse ich noch in diesem gemischten Chor. Meine ehemaligen russischen Landsleute sprechen auch nicht gerade leise in der Öffentlichkeit, mich regt das auf. Ich bedanke mich für den Kaffee bei der geplagten Verkäuferin. Sie muss den Wahnsinn aushalten. Und gehe zugleich mit der Türkin. Das Paar verschwindet in der U-Bahn-Station. Ich habe meinen Kreislauf in Schwung gebracht. Was will ich mehr!

© 2022 Lena Kelm
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Unüberbrückbar?

Von Lena Kelm

Als plötzlich Schneeregen einsetzt, suche ich Schutz bei einem überdachten Marktstand und tue so, als ob ich mich für die angebotenen Geldbörsen interessiere. Der türkische Händler lächelt breit und einladend wie auf einem orientalischen Basar, scheinbar ist er mit diesem Basar-Lächeln geboren. „Bitteschön, bitteschön, alle Farben, billig!“, schreit er, als wäre ich schwerhörig.
Ein kleiner Mann, ein Araber – als Neuköllnerin erkenne ich einen Orientalen auf den ersten Blick – tritt heran.
„Cold!“, sagt er schlotternd in seiner dünnen Jacke.
„Kalt.“, erwidert herablassend der türkische Verkäufer.
Der Araber wiederholt hartnäckig: „Cold, cold.“
„Kalt!“, sagt der Verkäufer.
Die Lehrerin in mir – einmal Lehrerin, immer Lehrerin – mischt sich ein. „Auf Deutsch heißt es kalt.“
Verständnislos geht der Araber davon.
„Flüchtling! Ich Türke, ich integriert“, sagt der Verkäufer verächtlich.
Unterdessen tritt eine Türkin an den Stand, sie unterhalten sich in der Muttersprache. Als eine Pause entsteht, werfe ich ein: „Ich verstehe etwas Türkisch, weil ich aus Kasachstan komme, dort wird der alttürkische Dialekt gesprochen.“
Der Verkäufer würdigt mich keines Blickes.
Die Integration-Brücke ist mir nicht gelungen.

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Russisch parken

Von Lena Kelm

Mein Visum für den Aufenthalt bei meinen Verwandten in der DDR endete in wenigen Tagen. Meine Großnichte Marion nahm mich mit im Auto in die dreißig Kilometer entfernte Kreisstadt Neustrelitz. Während sie ihre Angelegenheiten erledigte, nutzte ich die Zeit für letzte Einkäufe in den kleinen, aber feinen Geschäften, sah mich nach Kunstgewerbe und Schokolade um. Mir fehlten ein paar außergewöhnliche kleine Geschenke für meine Freunde in der kasachischen Sowjetrepublik. Die Wahl war eine Qual! Am liebsten hätte ich alles mitgenommen, dekorative Kerzen und Kerzenständer, Sammeltassen aus feinstem Porzellan, aber Zollvorschriften, drohendes Übergepäck und fehlende finanzielle Mittel hielten mich davon ab. Man hat ja auch nur zwei Hände! Anstatt unüberlegt einzukaufen, bewundert ich die Dinge.

Marion erwartete mich schon und so fuhren wir noch zum russischen Magazin. Für DDR-Bürger war der Einkauf in russischen Magazinen keine Selbstverständlichkeit. Meine Verwandten waren keine Parteimitglieder und genossen keine Privilegien. Ab und zu kauften sie gern dort ein. Die Preise waren niedriger als im Konsum und die Ware von besserer Qualität. Ihnen waren die Tomaten im Konsum zu weich und unappetitlich, im Magazin dagegen erschienen sie ihnen röter. In den Magazinen gab es Waren, die in DDR-Geschäften nicht angeboten wurden, ähnlich dem Berjoska Geschäft in Moskau, dem Inter-Shop in der Sowjetunion. Der Unterschied bestand darin, dass ich Berjoska ohne Devisen nicht betreten durfte. Devisen besaß kein normaler Sowjetbürger, schon gar nicht an der Peripherie Kasachstans. Im Magazin konnte ich für DDR-Mark unbegrenzt einkaufen. Ich wollte meiner Mutter Kleiderstoff kaufen. Stoffe waren hier besonders günstig. Wir nähten zu jener Zeit unsere Kleider selbst.

Kurz vor Ladenschluss erreichten wir die Tore der Garnison. Marion suchte einen Parkplatz, überall war Parkverbot. Ich bat Marion kurz anzuhalten und versprach in zehn Minuten zurückzukehren. Ich flehte sie an, sie gab nach. Und ich hielt Wort. Als ich dann die Autotür öffnete, sah ich Marions vor Schreck geweitete Augen im blassen Gesicht. Da sah ich sie auch, die zwei Polizisten, die sich gezielt auf unser Auto zu bewegten. Hastig stieg ich ein, meinen Leichtsinn insgeheim verfluchend, wissend, Flucht war unmöglich. Ich hatte Marion zu einer Straftat angestiftet und damit das allgemein herrschende Vorurteil bestätigt: Russen sind allee gleich, Ordnung und Recht nehmen sie nicht ernst, russische Mentalität eben. Blitzschnell hatte ich eine Idee. Für mich selbst unerwartet sagte ich zu ihr: „Du sprichst jetzt bitte nicht, lass mich reden.“ Sie nickte bloß. Die Polzisten standen schon vorm Auto, baten um Dokumente. Marion reichte ihre, ich meinen Reisepass und legte los: Strastwujte, ne ponimaju, ja tjotja, potschemu, sagte immer wieder „ne ponimaju“, ich verstehe nicht. Ich redete Stuss, ohne Punkt und Komma, heftig gestikulierend. Die Polizisten sahen überrumpelt aus. Verrückte Russin, dachten sie bestimmt. Wie durch Nebel hörte ich Marion entschuldigend erklären: „Tante aus der Sowjetunion.“ Der Polizist streckte mir den Pass entgegen. „Sie können fahren, beim nächsten Mal achten Sie auf das Parkverbot.“ Ich bedankte mich überschwänglich, nannte sie respektvoll Genossen Offiziere. „Spassibo, spassibo!“ Sie ahnen nicht, dass ich jedes Wort verstand. Deutsch war meine Muttersprache. Ob die Polizisten aus Ehrfurcht vor dem „Großen Bruder“ wie man die Sowjetunion in der DDR nannte, uns fahren ließen, blieb ihr Geheimnis. Mich plagten Gewissensbisse, ich entschuldigte mich und legte meine Arme um Marion. „Gut gemacht“, sagte sie. „Hätte nicht geglaubt, ungestraft davon zu kommen. Ende gut, alles gut.“ Wir brachen in schallendes Gelächter aus.

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Edelbitter

Von Lena Kelm

Ich mag keine aalglatten Reden
weder hohle Phrasen noch
ergo verliebte Monologe
auch keine triefenden Tiraden
Illusionen, süßen Worte, die
auf der Zunge zergehen wie
Vollmilchschokolade.

Ich mag klare Worte, fundierte Fakten
bevorzugt bodenständige Ideen
kritische Diskussionen und Konkretes
wie ein reinigendes Gewitter
ansonsten Schokolade
besonders edel-bitter.

*

© 2021 Lena Kelm
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Was der Bauer nicht kennt

Von Lena Kelm

Meine Erfahrung mit diesem Sprichwort machte ich im Sommer 1976, bei meinem ersten Besuch in der DDR, bei dem ich meine zahlreichen Verwandten kennenlernte.
Die mecklenburgische Küche unterschied sich kaum von meiner elterlichen. Sie kochten wie ihre Vorfahren, die aus Ostpreußen und Schlesien stammten. Mein Vater legte keinen Wert auf die russische Küche, obwohl er in Russland geboren worden war. Er lebte in einer deutschen Kolonie, hier kochte man wie die Vorfahren hundert Jahre zuvor. Bei uns zu Hause gab es Bouletten mit Sauce und Kartoffeln, Suppen mit selbstgemachten Nudeln, Bauernfrühstück, Gulasch, Braten, geschmortes Fleisch. Zum Nachmittagstee wurden selbstgebackene Hefeteigblechkuchen, Schweinsohren, Zimtgebäck gereicht.
Meine mecklenburgischen Verwandten reichten zu jedem Gericht – Hackbraten, falschen Hasen, Rouladen, Hähnchen oder Kaninchen – die passende Sauce. Geflügel und Fisch bereitete auch meine Mutter mit weißer Sauce zu. Salzkartoffel und Püree kannte ich, aber Pommes Frites, Pizza, pizzaähnlich belegtes Weißbrot waren mir neu. Ich nahm sie nach der Reise sofort in meinen Speiseplan auf.
Besonders beeindruckte mich Gemüse als Beilage. Grüne Bohnen, Rotkohl, Blattsalat hatte ich bis dahin nie zu Gesicht bekommen, weil es das in Kasachstan nicht gab. Auch keine frischen Tomaten, Gurken und Möhren, sie wuchsen in einigen Gärten in den späten 90ern, erst im August, nicht im Juni. Die meisten Menschen besaßen keinen Garten, der Boden war steinig und trocken, also kam das spärliche Gemüse für kurze Zeit aus dem Supermarkt.
Das Maß meiner Bewunderung für Desserts kann ich kaum in Worte fassen, ich kannte keinen Nachtisch. In der Kantine oder Mensa gab es höchstens Kompott aus Trockenfrüchten. Die Kaffeezeit um fünfzehn Uhr – diverse Kuchen und Torten, eine gedeckte Tafel mit weißer Tischdecke, passendem Porzellangedeck, Kuchengabeln, Kerzen, Blumensträußchen – bleibt in meinen Augen der absolute Favorit. Die deutsche Kaffee-Kultur wurde für mich zum Kaffeeunser.
Erst der Besuch bei meiner Tante Lotte in Berlin bescherte mir die einschneidende Erfahrung des Bauern, der nicht isst, was er nicht kennt. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Tante Lotte tischte mir das Beste vom Besten auf. Der Samstagmorgen begann mit einer Mettschrippe auf einer Platte, die mir die Tante stolz reichte. Es gelang mir nicht meinen Schreck und Ekel zu verbergen. Tante Lotte fragte erstaunt: „Möchtest du nicht? Ich habe extra vom besten Fleischer frisches Mett geholt. Die Schrippen sind auch die besten.“ Die Worte erreichten mich nicht, ich sah vor mir das rohe Fleisch und hatte zum ersten Mal im Leben das Gefühl, dass sich mir der Magen umdrehte. Ich stammelte verschämt: „Tut mir so leid, ich habe nie rohes Fleisch gegessen.“ – „Aber das ist gesund, gut gewürzt, mit Salz, Pfeffer und Zwiebeln, sehr lecker!“, versuchte die Tante mir die Schrippe – meine erste Berliner Schrippe – schmackhaft zu machen. „Es ist sozusagen eine Delikatesse zum Frühstück. Koste doch wenigstens!“ Aus Respekt vor so viel Mühe war ich bereit, einen Happen zu nehmen. Beinahe streckte ich die Hand nach der halben Schrippe aus. Die Stimme der Vernunft stoppte mich. Einen Happen mit Würgen zu nehmen, den Rest liegen zu lassen, wäre auch nicht die feine Art. Tante Lotte war die Enttäuschung deutlich vom Gesicht abzulesen. Ich entschuldigte mich ohne Ende. Dabei fiel mir der Spruch meiner Mama ein. Ich sagte ihr, dass ich nun die Erfahrung des Bauern machte. Tante Lotte lächelte, sie war beindruckt, dass ich, aus der Sowjetunion kommend, dieses alte deutsche Sprichwort kenne. Mir wurde keine kostbare Mettschrippe mehr angeboten.

© 2021 Lena Kelm
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Sanssouci

Von Lena Kelm

Sorgenlos wollten wir durch den Park Sanssouci flanieren. Das herrliche Hochsommerwetter spielte mit. Uralte Bäume spendeten großzügig Schatten auf dem breiten Weg, der gesäumt von kleinen Statuen, am Springbrunnen vorbei direkt auf das Schloss zuführte. Die Wasserkaskaden glitzerten und funkelten im Sonnenschein. Ein bezauberndes Bild! Hier, auf den Bänken im Halbkreis um die Fontäne, wollten wir eine Weile bleiben, das Schloss im Blick, das in der Sonne noch prunkvoller golden glänzte. Die Seele nährt sich von dem, woran sie sich erfreut, ist einer meiner Lieblingssprüche.
Um uns viele Touristen, verschiedene Sprachen, Spaziergänger fasziniert wie wir vom preußischen Garten und seiner Geschichte. Kameras wurden in die Höhe gehalten, nach links, rechts, nach unten und wieder in die Höhe. Neben uns saß eine Familie mit halbwüchsigem Sohn, Asiaten. Sie unterhielten sich leise. Mir fiel eine kleine Frau gegenüber auf. Ich betrachtete ihr volles kastanienbraunes von Silberfäden durchzogenes Haar, als sie plötzlich die Arme ausbreitete und dem Asiaten neben mir zurief: „Bella! Bella!“ – und noch einmal: „Bella!“ Ihre Augen glänzten verzückt. War sie vom Panorama überwältigt? „Oh, bella Italia!“, antwortete der attraktive Asiate. Die Frau schaute verblüfft. Euphorisch rief der Mann ihr zu: „Oh, bella, bella Italia!“ Sie erwiderte: „Si, Roma!“ Und der Asiate: „Pizza! Pizza!“ Hilfesuchend drehte er sich zu meiner Tochter um. Eher aus Spaß rief nun auch sie: „Spaghetti!“ Der Asiate stimmte freudestrahlend ein: „Pizza, Spaghetti!“ Ich rief: „Cappuccino!“ Er: „Oh, Pizza! Spaghetti! Cappuccino!” Und erneut: „PIZZA! SPAGHETTI! CAPPUCCINO!“
Auf einmal war es mir peinlich. Warum bloß fielen uns nicht andere italienische Vokabeln ein? Wie jetzt beim Schreiben, amore oder amico zum Beispiel?
Ratlos saß die Signora da, dem Jubel des Asiaten nicht gewachsen. Zögerlich fragte sie: „Japan?“ – „No?“ – „China!“ Ein Chinese also. „Oh“, entfuhr es der Italienerin, mit einer Handbewegung deutete sie Hinter-allen-Bergen an. Der Chinese machte ein Flugzeug vor. Dann fiel ihm doch noch etwas Besonderes ein. „‘O sole mio! ‘O sole mio!“ deklamierte er hingerissen. Er war nicht mehr zu bremsen.
Indessen gesellte sich der Ehemann zur Italienerin, ein grauhaariger Herr in kurzer Hose. Der Chinese richtete sich zu voller Statur auf, mindestens ein Meter achtzig war er groß. Theatralisch breitete er seine langen Arme aus und sang wie ein professioneller Tenor: „‘O sole mio! ‘O sole mio!“ Er sang mit größerer Hingabe als der berühmte Placido. Ich begann, zu applaudieren, andere fielen ein. Dann klatschten alle. Ringsumher lächelnde Gesichter, Freudefunken, Glück! Es klang wie eine Hymne auf die Menschen. Winkend zogen wir weiter.

© 2021 Lena Kelm
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Katzenmord

Von Anna B.

„Liebe Minka!

Ich komme mit einer schweren Aufgabe zu dir. Meine Mama hat mich darum gebeten, inständig und sehr ernst. Und ich habe ihr versprochen es zu erledigen, weil es einfach notwendig ist. Mama kann es nicht tun; aus verschiedenen Gründen und heute muss sie außerdem mit meinem Bruder nach Wien fahren. Die letzten Male hat das immer der Nachbar gemacht, der liegt aber im Spital, er hatte einen schweren Arbeitsunfall. Also bleibe ich übrig. Du hast heute Nacht vier kleine Kätzchen zur Welt gebracht und liegst jetzt in der warmen Kiste im Keller vor mir mit der Brut an deinen Zitzen. Ich hab dich schon öfter bei deinen Geburten beobachtet und jedes Mal hatte ich Mitleid mit dir, wenn du die Kleinen nicht behalten durftest. Wir haben drei Katzen und einen Kater. Der Kater wurde uns aus Wien geschenkt und ist kastriert. Ihr drei Mädchen seid uns zugelaufen und ich und mein Bruder haben dafür gesorgt, dass ihr da geblieben seid. Hier im Dorf werden die Katzen nicht kastriert, nur die Stiere. In der Umgebung gibt es viele wilde Kater, große Ungetüme, die Euch zwei Mal im Jahr besteigen, fürchterlich schreien, um Euch raufen und blutige Kämpfe ausfechten. Dann kriegt ihr dicke Bäuche und wir fragen in der Nachbarschaft, ob jemand ein oder zwei Kätzchen übernehmen will, wenn es so weit ist. Manchmal gelingt es uns und ihr seid dann einige Wochen liebevolle Mamas für wenigsten einen Teil Eures Nachwuchses. Der Rest muss so schnell wie möglich entsorgt werden. Das erledigt im Normalfall der Nachbar. Er tötet die frisch Geborenen mit einer Schaufel, er schlägt ihnen einfach die Köpfchen zu Brei. Es ist grausam, er sagt aber, das geht so schnell, dass die Kleinen gar nichts merken. Ich kann das nicht. Heute muss ich dir alle vier Kinder wegnehmen, niemand wollte ein Geschöpf deines Nachwuchses übernehmen. Ich werde dich im Keller einsperren, die Kleinen wegtragen und sie irgendwie töten. Ich hab von vielen Freundinnen gehört, dass bei ihnen der Katzennachwuchs ertränkt wird. Wir haben draußen im Garten eine volle Regentonne, dort werde ich es tun. Ich habe Angst und mir ist schlecht, aber ich habe versprochen es zu tun. Die Kleinen müssen weg, bevor sie die Augen aufmachen.“

Ich war ungefähr 12 Jahre alt, als ich diesen „Auftrag“ erledigen musste. Es war das einzige Mal und es war entsetzlich. Noch heute denke ich manchmal daran. Vor kurzem war ich im Theater. In einer Szene schildert ein junger Mann eine fast idente Geschichte und mir zitterten die Hände, die vor so vielen Jahren vier mausgroße frisch geborene Katzen so lange unter Wasser gehalten hatten, bis sie mausetot waren.

© 2021 Anna B.
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Bistro und Borschtsch

Von Lena Kelm

Eigentlich sitzt es sich bequem, sage ich mir im Zahnarztstuhl. Sollte ich vor der Behandlung nicht eher Angst fühlen? Das liegt wohl daran, dass ich nach einem anstrengenden Arbeitstag endlich sitze und meinem langjährigen Zahnarzt vertraue. Da höre ich ihn schon eintreten.
Ein junger Arzt mit Drei-Tage-Bart und Brille reicht mir lächelnd die Hand: „Doktor Massimo Micalef! Ich vertrete meinen Kollegen, ist das in Ordnung für Sie?“ – „Sie sind ja Russe!“, rutscht mir heraus. „Oder Sie haben russische Wurzeln, ihrem Namen nach zu urteilen, er hört sich wie Maxim Michailow an.“
Er lacht und seine Augen lachen mit. „Ja, mein Urgroßvater wanderte nach Italien aus.“ – „Dann sind Sie eher Italiener?“– „Wissen Sie,“ sagt er mit einem anziehenden Lächeln, „warum die Imbissstube Bistro heißt? Vom russischen „bystro“ stammt der Begriff.“
Da fällt bei mir der Groschen. Nach der Revolution 1917 flüchteten viele Russen nach Frankreich. Sie aßen nicht in noblen Restaurants und fielen auf durch ihren Ruf „bystro, bystro!“, also: schnell, schnell.
„So war das!“, bestätigt der sympathische Arzt und verrät mir, dass er Borschtsch, die russische Kohlsuppe kennt, sein Großvater, der sie gern kochte, behauptete, es gäbe zwanzig Varianten.
Und schon hat er meine Zähne inspiziert, so viele Zweite besitze ich leider nicht mehr, die meisten habe ich in Russland verloren.
Spontan schenke ich ihm ein russisches Mischka-Konfekt und wir verabschieden uns wie zwei alte Bekannte.
Als ich später den Vater meines Lieblingszahnarztes kennenlerne, schildert er mir kurz seine Familiengeschichte. Ende des 19. Jahrhunderts wandern seine deutsch-stämmigen Großeltern – die Großmutter ist Jüdin – wegen der Pogrome von Sankt Petersburg nach Malta aus. Die Familie zieht weiter nach Sizilien und siedelt Anfang der 1930er Jahre nach Deutschland über.
Ich bin überwältigt von der Ähnlichkeit der Schicksalswege unserer Ahnen und begreife, warum ich mich zu dem Zahnarzt hingezogen fühle. Es sind die mentalen Wurzeln der Herkunft. Wir sind zwei verwandte Seelen. Uns verbinden Vergangenheit und Gegenwart, nicht nur die Stadt und die deutsche Sprache, sondern das Gefühl von Grenzenlosigkeit und Gemeinsamkeit. Dr. Micalef begegnet mir wie ein alter Freund mit einem strahlenden Lächeln, wir verabschieden uns mit dem Mischka-Ritual und dem Gefühl der Verbundenheit. Begonnen hat alles mit diesem bewegenden Moment beim Zahnarzt, mit Bistro und Borschtsch.

(Auszug: Lena Kelm. Kasachstan im Kochtopf. Rezepte & Geschichten)

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Rucksack, Butter & Wunderkind

Von Lena Kelm

Als ich Ende der 90er Jahre an einen Anfängerkurs für Englisch teilnahm, um meine vor 25 Jahren erworbenen und nicht einmal passiv benutzten Kenntnisse aufzufrischen, fragte die Dozentin, eine junge Irländerin, gleich zu Anfang: „Welche englischen Begriffe sind Ihnen bekannt?“
Team, cool, okay, hello, sorry, brunch etc. wurden genannt.
„Kennt jemand ein häufig benutztes Wort?“
Stille. Unsichere Blicke, angestrengtes Nachdenken.
„Ein Wort ist Ihnen bestimmt geläufig: Baby.“
„Das ist doch ein deutsches Wort“, widersprach eine Frau.
Die Teilnehmer sahen verunsichert aus.
Die Dozentin schmunzelte. „Nein, es gibt dafür ein deutsches Wort. Fällt jemandem der Begriff vielleicht ein?“
Schweigen.
Ich meldete mich, sagte: „Säugling.“
Den anderen erschien Säugling eher als Fremdwort zumindest als Relikt. Einwanderern ist dieses Wort ein Begriff. Ich lernte es von meinen Eltern, die das Wort Baby nicht kannten. Die Dozentin verzog keine Miene. Vielleicht hörte sie nicht zum ersten Mal diese Antwort.
Erst war ich erstaunt, dann fielen mir meine Schüler ein. Über zwanzig Jahre unterrichtete ich in Kasachstan Deutsch, darunter Kinder aus dreiunddreißig Nationen. Alle sprachen neben der Muttersprache Russisch. Ich gab mir die größte Mühe, um sie zu überzeugen, dass Pionierhalstuch, Rucksack, Butterbrot, Wunderkind und so weiter, deutsche Begriffe sind, die in die russische Sprache übernommen wurden. In Italien habe ich erfahren: Kabinett heißt Toilette, in Russland bezeichnet man damit ein Büro, Saray bedeutet in der Türkei Palast, in Russland versteht man darunter eher einen Stall.
Als Sprachlehrerin hat mich das Thema der Wanderung von Wörtern und Begriffen von einer Sprache in die andere besonders interessiert. Ich bin zweisprachig aufgewachsen und machte schon als Kind mit diversen Sprachen Bekanntschaft. Sprachen verändern sich in Grenzregionen, durch Auswanderung großer Bevölkerungsgruppen, sogar während einer langen Besatzungszeit. Sprachwissenschaftler unterscheiden zwischen Fremdwörtern und Lehnwörtern. Fremdwörter sind an der Schreibweise und Aussprache erkennbar, Lehnwörter werden in die eigene Sprache übernommen. Ist Baby ein Fremdwort oder ein Lehnwort? Wie auch immer, der Prozess des Sprachwandels und der Auswanderung von Menschen geht weiter und dient der Verständigung. Das Wort Baby versteht wohl mehr als die halbe Welt.

© 2021 Lena Kelm
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Wir sind leider keine Tiere

Von Lena Kelm

Meine Tochter und ich überqueren die Straße.
Auf dem Radweg kommt uns eine Fahrerin entgegen,
vielleicht eine Sozialarbeiterin, Mitte Vierzig, in Jeans,
Bluse und Birkenstock-Sandalen, ohne Schmuck.
Ihr langes Haar flattert im Wind.
Gleich wird sie halten, denke ich. Die Ampel ist grün.
Oh, je, sie stoppt nicht!
„Mama, zurück!“, ruft meine Tochter und reißt mich
am Arm, gerade noch rechtzeitig. Wie vom Schlag
getroffen, bleiben wir stehen. Ich mit dem Fuß schon
auf dem Radweg.
„Ich halte nur vor Tieren“, ruft uns im Vorbeifahren
dreist die Radfahrerin zu.
Ob sie wohl im Tierschutzverein ist?

©2021 Lena Kelm
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