PAROTIS

Von Eva Radon

Wer kennt sie?
Wer hat von ihr gehört? Obwohl sie jede/r hat.
Wer weiß, wie sie mit „bürgerlichem namen“ heißt?

Es ist die Ohrspeicheldrüse

Ein kleiner knoten hinter dem ohr ergab die diagnose, die eine operation notwendig machte.
Die ohrspeicheldrüse ist für speichelfluss zuständig.
Auch wenn sie gutartige knoten beherbergt können diese böse werden, daher müssen sie raus
(Wer näheres wissen möchte, kann dies nachlesen.)

Die operation war also rasch geplant und die aufnahme ins AKH (größtes Krankenhaus europas) bald festgelegt.

Das Allgemeine Krankenhaus:
Dieser ort, dieses system ist riesig:
2 bettentürme, viele ambulanzen, bettenstationen, rolltreppen, zig aufzüge, dennoch übersichtlich.
1000ende menschen täglich.
Vorerst ein anonymer ort,
wo menschen, patienten, ärzte, diverses personal wandeln mit raschem, suchendem schritt, mit gesichtsausdrücken, die schmerzverzehrt, gelassen, freundlich, angespannt sind.
Manche bewegen sich in bunten gewändern, die sie professionsmäßig unterscheidet, andere in alltagsgewändern. Bunter im sommer, dunkler in kühlen jahrezeiten (falls diese noch kommen).

Ich finde meine station und werde freundlich, persönlich aufgenommen: 15 I

  1. glücksfall:

ich bekomme einen fensterplatz im 3er zimmer.

Das ist wunderbar, wird zur schausucht für die 7 nächsten tage.
So beobachte ich täglich sonnenaufgang (4.30) und finde aus dem 15.stockwerk blickend immer mehr gebäude und orte die ich „in meinem wien“ identifizieren kann und entdecke .Es war ein magnet für mich, am fenster zu stehen und alles zu überblicken.

Gleichzeitig mit mir ziehen noch 2 damen ein.
Wir habens lustig, schwätzen, tauschen uns über die krankheiten aus, lachen miteinander und teilen unsere ängste.
Eine sagt, wir seien die „ golden girls“. Wir drehen unsere runden und natürlich wird auch von uns einiges kritisiert, wie zum beispiel, dass männer und frauen dasselbe WC benutzen müssen.

  1. Glücksfall:

ich bekam den ersten operationstermin von uns dreien.
Wir vereinbarten, daß ich zuständig bin, 3 stifterl sekt zu besorgen, um nach den operationen anzustossen..
Um 11.00 wurde ich abgeholt.
Ich verbrachte 6 ½ stunden außerhalb des zimmers, also im vorbereitungs – operations- aufwachraum.

Erlebnis:
Halbwach in den aufwachraum geschoben, schaute ich mich um.
Die schwester schaute nach mir.
Neben mir lag ein mann mit weissem haar, schaute recht nett aus, was ich so von der seite sah.
Er liegt ebenso steif im bett wie ich mit verband im ohr/ halsbereich.

Ich verlangte ein feuchtes mundstäbchen, was mein nachbar auch verlangte.
Ich begann eine unterhaltung, einfach so.
Wie wenn er darauf gewartet hätte, sprudelte es nur so aus ihm heraus.
Er war sehr gesprächig, mitteilsam: er habe eine freundin, gehe oft in die kirche, ist 75 jahre…viel information.

Eine wirklich witzige situation : zwei menschen, die aus der narkose erwachen unterhalten sich. er blickte nie zu mir. Auch gut.
Er liege auf der nachbarstation, „ich gehe viel spazieren, er auch.Dann werden wir uns ja vielleicht sehen.“
„ich bin gespannt auf die damen im zimmer“sagte ich.
er lachte und sagte fragend „damen“?
„ dachten sie, dass ich ein mann sei, wegen meiner tiefen stimme ? Dann hätte ich vielleicht nicht angebandelt mit ihnen?“( mein witz)

Im zimmer angekommen, war dieses leer. Die betten neu überzogen.
So lange war ich weg, so kurz war deren OP, sind sie schon wieder entlassen….fragen über fragen.
Dann erfuhr ich, dass die beiden ohne OP nach hause geschickt wurden…personalmangel.
Das war der

  1. glücksfall:

ich wurde operiert
obwohl meine operation kompliziert und langewierig war, vielleicht war ich deshab die 1.

  1. glücksfall:

3 tage einzelzimmer

Leider hatte die begegnung mit dem aufwachmann keine fortsetzung, weil ich mich nicht traute, pfleger oder schwestern anzusprechen, um nach ihm zu fragen.
Als ich es dann nach 3 tagen tat, war es zu spät.Er war entlassen.
Leider, eine nach-narkose geschichte
Vielleicht ist es so schöner…

Das klima auf der station fand ich gut, freundlich, kompetent,aufmerksam, und auf alle fragen bekam ich antworten.
Dann kam eine mitbewohnerin die leider nicht sprechen konnte.

Begegnungen:

Im nachbarzimmer
waren eine frau, wir kamen ins gespräch. Sie war raucherin und ich begleitete sie zu einer raucherterasse (zwischen den bettentürmen) im freien. ich blieb damals noch abstinent.

…Und eine amerikanische yoga lehrerin, performerin.
Es war interessant mit ihr zu sprechen.

Erfreuliche Begegnungen, schlimme krankheitsfälle….

Ja, das schicksal bringt menschen mit unterschiedlichen leiden zusammen.
Der austausch tut vielen gut und ich brauche ihn.

Ich war froh, als ich das Krankenhaus verlassen konnte.
Ich brauche geduld bis mein gesicht wieder entschwollen ist.
Ich war glücklich, als ich vom guten endbefund erfuhr.

Das war mein PAROTIS erlebnis.
Es möge mein einziges bleiben.

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© 2022 Eva Radon
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Mein Kaffeeunser oder nicht (nur) die Bohne

Von Lena Kelm

Andere shoppen bei GUCCI, ARMANI, ESCADA und wie sie alle heißen, ich bei TCHIBO, SEGAFREDO und MÖVENPICK. Kleider machen Leute, sagt man. Mich hat Kaffee zweifellos zum besseren Menschen gemacht, schon allein wegen seiner siebenundzwanzig Aromen. Dank Koffein bin ich kommunikativer, genussfreudiger und genießbarer, vielleicht auch etwas schöner. Doch dafür müsste ich kalten Kaffee trinken, wie es im Volksmund heißt.
Er war keine Jugendliebe. Meine Liebe zum Koffein ist ungewöhnlich und begann mit schwarzem Tee, der mehr Koffein enthält als Kaffee, wie Kenner behaupten. Durch den Gerbstoff Tannin wirkt Tee langzeitig stärker auf Herz und Kreislauf. Ostfriesen, Engländer, asiatische Völker, um nur einige Tee-Liebhaber zu erwähnen, wissen, warum sie Tee dem Kaffee vorziehen.
In Kasachstan, wo ich geboren und aufgewachsen bin, trank man Chai. Die Kasachen tranken Kumys, Stutenmilch mit schwarzem Tee, zu jeder Tageszeit und Wetterlage. Teetrinken war wie das Verdünnen von Essen, ein gemeinschaftlicher Brauch während der Unterhaltung am Tisch. Von Kasachen lernte ich, dass man Durst bei Hitze nie mit kalten Getränken stillen sollte. Nur ein Kasache beherrscht perfekt die Zubereitung des Chai. Auf die Sorte kommt es an. Der Ceylon-Tee, teurer als der georgische, war schmackhafter und beliebter. In die Piala, ein Porzellanschälchen, wurde heiße Milch gegossen, auf keinen Fall zu viel, dann eine exakte Menge aufgebrühten Tees, um einen bestimmten Farbton zu erlangen, zuletzt zwei Drittel sprudelnd kochendes Wasser, meist aus dem Samowar. Farbe und Geschmack zu erzielen, war eine Kunst. Der Geheimtipp eines Kasachen auf dem Sterbebett lautet: „Geize nicht mit Chai!“
In meinem Elternhaus gab es diesen Brauch nicht, der Tee schmeckte anders als bei Kasachen, die von früh bis spät Tee tranken. Wir tranken ihn ohne Milch mit Konfitüre oder Zitrone zum Gebäck. Mutter bereitete Kompott aus Trockenfrüchten, dazu gab es Limonade, Kwass, aber nie Kaffee. Das sollte sich ändern, nachdem meine Eltern Vaters Geschwister in der DDR besuchten. Nach ihrem dreimonatigen Aufenthalt brachten sie außer der Bewunderung für die Pünktlichkeit von Zügen und Bussen und die gefüllten Regale im Konsum, auch den Brauch des Kaffeetrinkens mit. So kam ich in Berührung mit Kaffee, es war sozusagen Liebe auf den ersten Schluck, die nach meinem ersten Besuch bei den Verwandten in der DDR noch zunahm.
Nicht nur wegen des Westkaffees, aufgebrüht von einer Kaffeemaschine, sondern weil er auf besonders liebevolle Art und Weise serviert wurde. Bis heute schmeckt mir Kaffee am Biertisch nicht so gut wie an einem gedeckten Kaffeetisch mit Kerzen und Blumen. Mich beeindruckte der Brauch, um fünfzehn Uhr gemeinsam mit meiner großen Familie Kaffee zu trinken. Die Sitte wurde auch ohne Gäste eingehalten: Kerze, Blumenvase, Servietten und Geschirr waren aufeinander abgestimmt, alles passte. Ich war tief beeindruckt.
In einer russischen Zeitung las ich einen Artikel über die freundschaftlichen Besuche sowjetischer und deutscher Soldaten im Schützengraben. Als die sowjetischen Soldaten die kleinen Tische mit den weißen Deckchen und Tassen entdeckten, fragten sie erstaunt, wozu das denn im Schützengraben gut sein sollte. „Wir möchten es schön haben.“, antworten die Deutschen. Die Sowjetsoldaten waren fassungslos.
Als ich in die BRD übersiedelte, nach Berlin, symbolisierte Kaffeeduft für mich den Wohlgeruch der neuen Heimat. Der Duft frisch gemahlenen Kaffees vom Café gegenüber tröstete mich Migrantin in den ersten Tagen und Monaten, vertrieb den Geruch der Steppenluft. Eine Tasse dieses aromatischen Getränks bewirkte Wunder. Ich ließ die Flüssigkeit auf der Zunge zergehen, schon sah die Welt anders aus: zivilisiert, angenehm, farbig und sinnvoll. Ich fühlte mich wohl! Mein Verlangen nach Kaffee und Konsum nahm zu. Auch auf der Arbeit tranken Kollegen meist Kaffee. Eine Tasse des heißen Getränks gab mir neue Energie, weckte Ideen. Als ich in Rente ging, fielen die Kaffeerunden mit Kollegen weg,
an ihre Stelle trat das Café-Shopping. Kaffee trinke ich morgens, zwischendurch, ab und zu auch abends. Inzwischen ist der Kaffee wohl zu meiner Hauptmahlzeit geworden. Ich wache mit dem Gedanken auf, welchen Kaffee und wo ich ihn heute trinken werde. Allein der Gedanke an das Gemisch aus Kaffee, Sahne und süßem Korn macht mich glücklich. Gern stöbere ich in Kiez-Cafés und in der Stadt. Ich habe Lieblingsorte und Lieblingssorten, probiere trendigen Latte-Macchiato oder Espresso-Macchiato. Mit allen Sinnen genieße ich die Kaffeeröstung in den Cafés. Bin ich süchtig? Meine Affinität zum Kaffee nenne ich Magie. Dieses göttliche Getränk erweckt in mir den siebten Sinn. Ich verfalle dem Beobachten von Kaffeetrinkern und schreibe. Die Gäste in Cafés sind hemmungslos laut. Sie kümmern sich nicht die Bohne darum, ob ihnen jemand zuhört, reden, streiten, telefonieren. Als ungewollte Zuhörerin, greife ich Gesprächsfetzen auf, notiere Dialoge, Selbstgespräche, Telefon-Monologe, Heiteres, Unflätiges und Trauriges – Stift und Papier habe ich immer dabei. Bereichert vom Café-Shopping komme ich nach Hause. Der göttliche Trank regt mich wie ein Musenkuss schöpferisch an. Ich verwandele Stichworte, Skizzen in kurze Geschichten. Und wieder und wieder zieht es mich zum Café-Shopping. Wo sonst könnten solche facettenreichen, lebensnahen Geschichten entstehen? Das verdanke ich dem Aroma der betörenden Kaffeebohne.

Duftigen Gruß,
Ihre K.FEE

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© 2022 Lena Kelm
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Begegnung mit dem besten Freund

Von Lena Kelm

Plötzlich stand ich davor. Ich staunte und freute mich. Jemand hatte sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: eine Bücherbox. Ein Beweis dafür, auf dem guten Alten basiert das Neue. Über die Bücher freute ich mich wie auf ein Treffen mit meinen besten Freunden. Begegnungen mit Freunden sind für mich – nach japanischer Weisheit – Momente des Glücks, die mein Leben begleiten.
Meiner Mutter verdanke ich die ersten Begegnungen, Berührungen mit Büchern, die unzähligen glücklichen Stunden mit ihnen in der Kindheit. Auch nach sechzig Jahren erinnere ich mich an den Buchumschlag und die Geschichte des dünnen Kinderbuches, aus dem sie mir vorlas. Sogar der Name des Jungen, Sascha, prägte sich mir ein, so sehr erschütterte mich sein Verhalten. Er katapultierte aus seinem Versteck heraus mit einer selbstgebastelten Schleuder einen Stein in die Einkaufstasche einer alten Frau. Erschrocken und ängstlich schaut sie sich um. Die Moral von der Geschichte: alte Menschen soll man mit Respekt behandeln, auf keinen Fall wie dieser Sascha.
Wahre Stunden des Glücks erlebte ich, als ich selbst zu lesen begann. Bücher nahmen mich mit auf Reisen in unerreichbare Länder. Nach Afrika, wo schwarze Menschen erniedrigt wurden, nach Frankreich, wo ich mit den schwarzen Menschen und dem Grafen von Monte Christo litt und froh war, wenn es ihnen gut ging. In die Abenteuer von Tom Sawyer und Winnetou vertieft, vergaß ich die Realität. Ich liebte und litt mit dem jungen Werther, Effi Briest und Solveig, verliebte mich beim Lesen wie Anna Karenina, vergoss bittere Tränen, ging mit ihr den ausweglosen Weg zum Zug. Und ich schwor, mich treibt keine Liebe in den Selbstmord. Mit Tränen verabschiedete ich mich mit etwa fünfzehn Jahren von den Drei Musketieren. Ich wünschte mir eine Fortsetzung. Mein kleiner Neffe fragte mich: „Wieso weinst du, es ist doch nur ein Buch?“ Die Tiefe dieser für mich unvergesslichen Begegnung konnte er noch nicht verstehen.
Ich träumte vom Prinzen, der mich mit einem roten Segelschiff abholt wie bei Alexander Grins Purpursegel. Der kleine Prinz ist noch heute mein Wegbegleiter. Ein Zitat aus diesem Buch verheißt einen Glücksmoment. Schicksale heldenhafter Menschen ermutigten mich, kleine Schicksalsschläge zu ertragen. So die Lebensgeschichte des Piloten Alexei Maressjew, der im II. Weltkrieg beide Beine verlor, aber nicht seinen Mut. Er lernte nicht nur, auf Prothesen zu gehen, sondern damit zu fliegen. Dieser Mensch gab nicht auf. Von ihm lernte ich, für das Glück zu kämpfen. Das Leid des im Koffer versteckten Jungen in Buchenwald ging mir nahe, ich war überglücklich mit den befreiten Menschen, die die Grausamkeiten des Konzentrationslagers überlebten. Mich bewegte die Geschichte vom geteilten Himmel über dem Land, von dem ich träumte. Spannend fand ich die Serie „Biographien berühmter Persönlichkeiten“, aus denen ich viele Informationen und Hintergründe über meine Lieblingsautoren wie Dickens, Hugo, Sand, Heine, Dostojewski erhielt. Was ich aus ihren Werken erfuhr, erfährt man nur, wenn man liest. Welche Gedanken, welche Geschichten! Einmal sah ich Karl den Großen vor mir, ein anderes Mal den Kilimandscharo, dann David Copperfield. Dickens Werke las ich mehrmals. Sie waren wie für mich allein geschrieben. Ich traf auf eine erstaunliche Vielfalt an Charakteren, die bei Dickens lebendig wurden, ich denke nur an Die Pickwickier oder Oliver Twist.
Im jugendlichen Alter entdeckte ich die Harmonie des Klangs von Versen. Ich versank im hypnotischen Rhythmus, gleich einem Gesang. Ich begann sogar zu reimen, doch meine Versuche scheiterten kläglich. Umso mehr schöpfte ich aus der Poesie anderer. Meine Seele reagiert wie ein Kammerton auf die Gedichte von Mascha Kaléko, Theodor Fontane, Erich Kästner, so wie früher auf die Balladen von Schiller, Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Immer neue Autoren, Begegnungen kommen dazu, Glücksmomente, die sich wie Offenbarungen anfühlen, Erkundungen und Weisheiten, die meine Gefühlswelt anregen, die ich nie mehr missen möchte. Also greife ich in die Bücherbox, eine Erfindung der modernen Welt, und freue mich auf eine neue Begegnung.

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© 2022 Lena Kelm
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Usbekische Gastfreundschaft

Von Lena Kelm

Friedrich leitete die Versorgungsabteilung für Lebensmittel und Konsumgüter für Arbeiter in einer kleinen Industriestadt Kasachstans, er gehörte sozusagen zu den „hohen Tieren“. Er war der Vater einer der besten Schülerinnen, deren Klasse ich leitete. Er wohnte im Nebenhaus, seinen Dienstwagen sah ich öfter als ihn. Friedrich war ein vielbeschäftigter Mann. Seine Wahl in den Elternrat lehnte er aus Zeitmangel ab. Er empfahl seine Frau und versprach Unterstützung. Friedrich half beim Renovieren, füllte Tüten mit Geschenken für Väterchen Frost. Als seine Familie in die Bezirksstadt umzog, verlor sich unser Kontakt.
Das Schicksal bestimmte zum Glück, dass wir uns nach Jahren in Berlin wiederfanden. Friedrich war nun Rentner, hatte viel freie Zeit, wir sahen uns öfter und hatten uns viel zu erzählen. Nostalgische Geschichten, mehr oder weniger lustige oder traurige, dennoch kostbar. Friedrich war ein begnadeter Erzähler. Eine seiner Geschichten aus unserem sowjetischen Alltag beeindruckte mich, ich schrieb sie auf.
Die Geschichte beginnt in Moskau. Dorthin führten Friedrichs Dienstreisen, im Ministerium für Innen- und Außenhandel traf er den usbekischen Kollegen Nazim. Beide übernachteten im selben Hotel, ihre Zimmer lagen nebeneinander. Abends saßen sie in der Bar bei armenischem Cognac, russischem Wodka, moldawischem oder georgischem Wein. Friedrich und Nazim leisteten sich auch ausländische Spirituosen, Tokaier zum Beispiel. Sie unterhielten sich auf Russisch und freundeten sich an. Eines Tages lud Nazim ihn ein. „Komm das Wochenende zu mir nach Taschkent, entspann dich in meinem großen Haus und Garten, es ist alles da. Taschkent ist eine wunderschöne Stadt! Und Sonntag fliegst du nach Hause.“ Warum nicht, überlegte Friedrich und rief sofort seine Frau an.
Sie nahmen die erste Aeroflot-Maschine am Samstag und landeten vier Stunden später in Taschkent. Vor ihnen die Wolga im Sonnenlicht. Nazim strahlte und führte Friedrich stolz durch den Garten, vorbei an Obst- und Nussbäumen, Beerensträuchern, Kräuter-, Gemüsebeeten und Weinreben in das zweistöckige Familienhaus, auf der Terrasse lagen Teppiche. Friedrich besaß nichts Vergleichsbares, kein Haus, keinen Garten, keine Wolga. Er bewunderte seinen Gastgeber. Und freute sich, als ihm endlich auf der Terrasse ein Korbstuhl angeboten wurde. Ein kaltes Getränk mit Zitrone servierte ihm eine schlanke Frau in einem bunten langen Gewand mit Kopftuch, das am Dutt verknotet war, sie verbeugte sich beim Betreten der Terrasse, bewegte sich geräuschlos und geschmeidig. Friedrich traute sich nicht zu fragen, ob sie stumm sei. Es verschlug ihm die Sprache, als die Frau eine mit Wasser gefüllte Schüssel vor Friedrichs Füße stellte. Blitzschnell tauchte die Frau seine Beine in das Wasser und begann sie zu waschen. Friedrich dachte, wie gut, dass ich die Socken ausgezogen habe, als ich die mit Teppich ausgelegte Terrasse betrat. Als er seine Sprache wiederfand, fragte er Nazim: „Was soll das? Das ist mir peinlich!“ – „Wieso? Das muss dir keineswegs peinlich sein. Das ist unser Brauch. Dem Gast unseres Hauses werden die Füße gewaschen.“ – „Aber das kann ich doch selbst, das muss keine Frau machen.“ erwiderte Friedrich. „Du verstehst nicht, mein Freund, es ist die Pflicht der Frau, dem Gast diese Ehre zu erweisen.“
Nazim bat Friedrich an den niedrigen runden Tisch aus Kasachstan. Aha, ging es Friedrich durch den Kopf, jetzt darf ich mit sauberen Füßen an den Esstisch. Das hat eine gewisse Logik, denn man sitzt im Schneidersitz. Trotzdem, meine Frau würde das nie tun.
Wieder eilte die Frau auf die Terrasse, sie trug ein schwerbeladenes Tablett. Es duftete nach starken Gewürzen, gebratenem Fleisch, auf dem aufgetürmtem gelben Reis thronte Lammfleisch, das berühmte usbekische Plow. Es folgten Salate, eingelegtes Gemüse und selbstverständlich Wodka zum Anstoßen, den schenkte Nazim ein. Etwas stimmte nicht. Nazims Schnapsglas blieb leer. „Wieso?“ fragte Friedrich irritiert. „Ich darf nicht.“ – „Du darfst nicht? In Moskau hast du doch immer, sogar gestern noch getrunken. Was ist passiert?“ – „Begreif doch, in meinem Hause darf ich keinen Alkohol trinken.“ Friedrich schaute Nazim perplex an. „Dann trinke ich auch nicht.“ Nazim rief etwas auf Usbekisch, sofort erschien seine Frau und verschwand sogleich wieder, kurz darauf betrat die Terrasse ein junger Mann. „Das ist mein Neffe, der trinkt mit dir.“ Friedrich verging die Lust auf Alkohol, er stieß aus Höflichkeit einmal an und wandte sich dem duftenden Plow zu, dem Ruf nach der beste in der Sowjetunion.
Friedrich blieben schöne Erinnerungen an die Stadt und die Gastfreundschaft an diesem Wochenende in Taschkent, aber auch widersprüchliche Gefühle. Nie hätte er vermutet, dass Nazim ein Doppelleben führte. Friedrich akzeptierte andere Religionen, Rituale und Traditionen. Aber einem gebildeten Menschen wie ihm war es unbegreiflich, wie Nazim mit seiner Ehefrau umging. Auch in mein Bild vom Sowjetmenschen der 1970er, 1980er Jahre passte es nicht, aber ich glaubte ihm. Mein türkischer Nachbar in Berlin, dessen Tochter mit einem älteren Cousin in der Türkei zwangsverheiratet wurde, erklärte mir: „Hier bin ich Europäer, hinter meiner Tür bin ich Türke. Ich bin Moslem.“ Übrigens, seine Frau kocht auch das betörend duftende Reisgericht Pilaw.

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© 2022 Lena Kelm
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Ein langer Weg

Von Lena Kelm

Diesen Weg ging ich jeden Tag. Der Tag war wie jeder andere, schön und sonnig am Beginn des Sommers. Die Sonne schickte großzügig ihre milden Strahlen auf die Erde, es war nicht erstickend heiß wie oft im Juli oder August. Der wolkenlose Himmel schien von einem begabten Maler mit einem satten intensiven Blau überpinselt worden zu sein. Die jungen Bäumchen im Schulgarten zeigten ihre zarten grünen Blätter. Ich genoss das Azurblau des Himmels, das frische Grün des Gartens, das erste, labende Sonnenbad des Jahres. Sie weckten in mir Vorfreude auf den Sommerurlaub. Genauso belebte die gönnerhafte Natur die laut lachenden Teenager, die mich einholten. In ein paar Tagen würden die Ferien beginnen, die fast drei Monate dauerten. Wenn die Mädchen wüssten, wie sehr sich auch die Lehrer darauf freuten, dachte ich, und konnte mein Lächeln nicht verbergen.
Da sah ich sie und mein Lächeln erstarb. Eine zierliche Frau ganz in Schwarz, um die vierzig, kam mir entgegen, durch die an mir vorbeiziehende Mädchenschar bis dahin verborgen gewesen. Nicht ihr plötzliches Erscheinen ließ mich meine Schritte unwillkürlich verlangsamen. Ihr Blick war zu Boden gerichtet, über ihr blasses Gesicht, den zusammengepressten Lippen, liefen lautlos Tränen. Ich erschauerte. Die Unbekannte nahm nichts um sich herum wahr, weder die strahlende Sonne, den leuchtendblauen Himmel, noch die lachenden Kinder. Diese in ihr unermessliches Leid versunkene Frau, durch Trauer gebeugte schwarze Gestalt, war nicht imstande, meine Freude oder die der Lachenden zu teilen. Ihre Umwelt schien ein imaginärer Maler in unbarmherziges Schwarz gehüllt zu haben. Wie gebannt schaute ich sie an. Sie drohte zusammenzubrechen, doch ich getraute mich nicht sie anzusprechen und Hilfe anzubieten. Instinktiv begriff ich: Sie wollte mit ihrer Trauer allein gelassen werden.
So ging ich den Weg weiter, der nicht mehr der gleiche war. Dieses Bild verdrängte das Bild des schönen Sommertages in mir. Mein Herz verkrampfte sich. Zum ersten Mal im Leben begegnete ich solch intensiver Trauer. Wieso weckte diese fremde Frau solche Gefühle in mir? Lag es am Kontrast zwischen der lebendigen farbenfrohen Natur und ihrer untröstlichen Trauer? Wieso würdigten die Mädchen diese Frau keines Blickes? Sie waren weitergegangen. Ihr unbekümmertes Lachen hörte ich noch immer. War es Leichtsinn oder Sorgenlosigkeit, Egoismus oder Erfahrungsmangel der Jugend, oder von allem etwas? Plötzlich wurde mir klar, ich bin empfänglich für das Leid anderer geworden. Nie wieder kann ich die Welt mit den Augen eines Jugendlichen sehen. In diesem Moment habe ich mich vom Wunderland der Kindheit und Jugend verabschiedet.

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© 2022 Lena Kelm
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N. oder: An der Schwelle

Von Marek Födisch

An der Schwelle. In 15 Stunden geht die 3 in die 4 über. Hinter den Ziffern 1, 9 und 8. Das Schinkenbrot und der Kaffee sind kaum im Bauch. Unten angekommen. Fast. Du auch bald. Du musst weg. Steht im Kalender. Eingerahmt. Rot. Zuvor ein Kuss. Deine Frau vis-a-vis. An der Türschwelle. Zum Treppenhaus. Du machst dich auf. Die ersten Stufen herab. Verlierst ein paar leichte Worte. Weiter. Nach unten. Noch einen kurzen Blick auf dich erhascht. Dein Kopf. Im unscharfen Profil. Eingebrannt. Im Gedächtnis des neunjährigen Jungen. Der Vierjährige schläft noch. Die Kleinste aber, ein paar Wochen alt, hat gerade Hunger. Macht sich bemerkbar. In den Armen der Mutter. Quengelt. Du verschwindest unter den Treppen. Schritte im Ohr. Du trittst heraus. Die Haustür fällt zu. Deine Frau schaut dir nach. Vom Fenster des Wohnzimmers aus.

Unterwegs. Ganze Reihen von Autos vor den Neubaublöcken. Es kann ausgeschlafen werden. Es kann. Du findest dein Tempo. Entlang des gewohnten Weges. An der Turnhalle mit dem halbrunden Wellblechdach vorbei. Rechts, die Krippe. Dahinter, kaum sichtbar, der Kindergarten. So viele Schritte schon auf diesem Weg gegangen, gleiche, tagein, tagaus, die man nicht zählen kann. Heute bewegst du dich auf dünnem Eis. Zugefrorene Pfützen. Etwas Schnee liegt darüber. Du steckst dir eine „f6“ zwischen die Lippen. Zündest sie an. Ziehst. Tief. Qualm umgibt dich flüchtig wie eine Aura. Verschwindet im Nirgendwo. Auch der im linken Blickfeld aufsteigende Heizhausdampf flieht. Durch die Kälte hindurch. In Richtung Sonne. An diesem ahnungslos diffusen Morgen. Du schlägst dem Winterfrost ein Schnippchen, denkst du, in warmer Vorfreude auf kommende Stunden. So einfach. So. Während das alte Jahr abzudanken hat. Während der Kaffee deinen müden Geist aus den Augenhöhlen jagt. Und auch Du wirst gezogen. Es glimmt Hoffnung auf.

Silvesterfeier im Kombinat. Ankommen. Ablegen. Verlegen. Verwegen. Erinnerungen an frühe Jahre, hier, im Chemieanlagenbau, kommen hoch. Spielen mit gezinkten Karten. Fordern dich auf, mitzuspielen. Nach deren Regeln. Du schiebst sie beiseite. Im Stillen. Tauchen nur widerwillig ab. Sehen Land … Umsehen. Wer da ist. Wer nicht da ist. Sich platzieren. Sich mit der Zeit durch dichte Rauchschwaden kämpfen. Durch Schnaps. Durch Exportbier. Menschliche Umrisse zuordnen. Konturen, weich geraucht und in totale Verzerrung gesoffen. Unentwegtes Zerfließen. Frischluft wird hereingelassen. Heraus, die schallende Musik aus der Konserve: Deep Purple, Smokie, Sweet. Dann ist wieder alles klar. Den älteren Schweißern ist es zu laut. Außerdem wollen sie lieber Deutsches hören, wie jedes Mal. Die Brigade wächst noch immer. Minütlich. Es ist für alles gesorgt. Lange Tische. Tafeln beinahe. Belegte Brötchen. Salzstangen. Und natürlich Getränke, das heißt: Bier, Wein und Spirituosen. Bohnenkaffee und Tee gibt es auch. In begrenzten Mengen. Dafür umso mehr Tanz! Tanz der Kranführerinnen. Tanz der Kranführerinnen mit Kubanern. Gastarbeiter. Techtelmechtel. Olé! Meinetwegen, bildest du dir ein. Na ja, denkst du gereizt. Hin und wieder fallen Stühle um. Aus Platzgründen. Knallen wie mit Schalldämpfung, nahezu unbemerkt, ins Stimmengewirr der kleineren Halle des Betriebes. Eine kurze Randnotiz. Zwischen den Schlücken. Der Meister meint, er muss bald aufbrechen. Mithelfen beim Kartoffelsalat.

Rosi! Du triffst sie. Unerwartet. Mit Blicken zuerst. Später, mit deinem Glas unter ihrer Nase, ist sie dir greifbar nahe. Rosi. Für dich. Nur für Dich! Gegenseitiges Verstehen. Ohne Anlauf. Ein Prosit auf die Zeit! Lange vor der Schwelle. Auf der du heute morgen deine Frau geküsst hast. Ein Prosit auf die scheinbar verlorengegangene Liebe! Eine alte und zähe Liebe. Unter Stahlträgern und Scheinwerfern. Inmitten des ausgelassenen Trubels. Nicht zu schade, einer gewissen Erregung anheimzufallen. Vor den neidischen oder empörten Blicken der Kollegen. Du bist doch verheiratet! Der Brigadier verabschiedet sich. Bei allen. Auch bei dir.

Der Nachmittag im Werk übergibt die Geschäfte kommentarlos und satt dem frühen Abend. Dieser sinkt trunken dahin. Weiter. In Etappen. Heiter meist. Du sitzt ihr schräg gegenüber. Nach dem Flirt. Nach dem Abschweifen ins Vergangene. Und gelegentliche, mehrdeutige Andeutungen folgen. Von dir. Von ihr. Durchkreuzen die schwere Tabakluft und das bierselige Getratsche. Ohne zu stören. Versteht sich. Nach einer neuen Flasche greifen. Unterm Tisch. Auch andere. Nordhäuser Doppelkorn. Schraubverschluss. Keine Hürde! Das Glas füllt sich. Indirekt nur. Es schwappt. Es schwappt über. Die Hürde wird, mit Abstrichen, gerade so genommen. Auch der Schluck. Bis zum Ende. Klar. Und weg! Fast.

Juan. Blutjung. Leicht hinkend aber gutaussehend. Aus Havanna. Setzt sich auf die andere Seite des langen Tisches. Dir gegenüber. Direkt neben Rosi. Wartet nicht ab. Fährt mit seinen langen Fingern, zart, durchs rotbraune Haar deiner Ex. Ihren Blicken entnimmst du Entsetzen. Zeit zu handeln. Sofort. Und ohne Aufschub. Ein Faustschlag auf die Tischplatte. Der hat gesessen! Klirren. Entsetzen, Staunen, Unbehagen. Du stehst auf. Hechtest um den Tisch. Auge um Auge. Zeit steht still. Wie eingefroren. Einen Flügelschlag lang. Ausholen: Juans Auge. Dann schlägt es sich fest. Dieses Spiel. Es scheuert sich heiß. Eigendynamik führt Regie. Gnadenlos. Ungefiltert. Unentwegt. Ins Gesicht. Ins Leere. Von einer Seite zur anderen. Und wieder zurück. Zwanzig Hände krallen sich, nach der Schockstarre, um fuchtelnde Arme. Erst nach Minuten sind sie keiner bedrohlichen Bewegung mehr fähig. Ein paar Schreie noch. Flüche. Verständlich. Für den Rivalen. Für alle. Sie verlieren sich akustisch, oben am Dach, wo die Tauben sitzen. Sie scheißen darauf. Die allgemeine Laune setzt langsam wieder ein. Durchatmen. Du schnorrst dir eine Zigarette. Gibst dir aber selber Feuer. Weiterhin. Der Schweiß verdunstet. Dein sichtbarer Hass genau so. Zeit verging derweil. Wie im Fluge. Die Feier neigt sich dem Ende zu.

Aufbruchstimmung. Leere Flaschen werden in Kästen verfrachtet, die vom Geld der Schwarzkasse bezahlt wurden. Pappteller in die Tonne. Vergesst nicht die Aschenbecher, Leute! So, Besen schwingen. Halb taumelnd. Alles geschieht mehr oder weniger schnell. Es ist schließlich Silvester. Man will doch zu seinen Lieben! Oder etwa nicht? Nach und nach geht es hoch. Zu den Spinden. Gemächlich. Schief. Über Umwege. Über Toiletten. Über Diskussionen. Auch du gehst. Glaubst, der erste zu sein. Die Zeit drückt. Immerhin hat sich Besuch angemeldet. Nach oben geht es also. Zielgerichtet. Die Schritte hallen nach. Auf geriffeltem Metall. In Gedanken bist du. Vielleicht bei deiner Frau. Bei deinen Kindern. Vielleicht bei Rosi. Vor ein paar Wochen erst gratulierte man dir. Vaterglück. Meine kleine Prinzessin! Denkst du. Jetzt. Oder auch nicht. Noch ein paar Meter. Die Umkleidekabine. Du streichst dir kurz über den klammen Scheitel. Biegst links um die Ecke. Der Spind. Es ist so stille hier. Ungewöhnlich, redest du dir ein. Kaum hörbar. Es knistert die Luft. So fühlt es sich gerade an. Nur von Ferne sind bekannte Stimmen auszumachen. Bald wird der Trubel hier oben angekommen sein, nimmst du an. Deine rechte Hand zieht gerade den Schlüsselbund aus der Hosentasche …

Tausend Sterne oder gar nur Schwärze? Überhaupt Empfindungen? Das ist aber sicher – dumpf, dein Aufschlag. Niedergestreckt liegst du. Regungslos. Wie tot. Und Blut. Aus allen undichten Stellen fließt es aus dir heraus. Auf dich herab. Um dich herum. Der Vorschlaghammer steht aufrecht. Juan, breitbeinig über dir triumphierend, der wachsenden Lache wegen. Er beugt sich nach unten. Tut irgendwas. Steht wieder auf. Rafael, sein Kumpan, zerrt dich mit Mühe und Ekel auf eine graue Decke. Zu zweit tragen sich dich weg. Geht schneller. Sie legen dich schließlich auf die Stahltreppe, die du erst vor ein paar Augenblicken hochgekommen bist. Mit dem Wunsch und der Annahme, bald daheim zu sein. Doch da wird nichts draus. Und niemand weiß es. Im Moment. Dein zertrümmerter Kopf, deine spannungslosen Arme und Beine werden in eine glaubhafte Position gebracht: Unfall. Ein tragischer Unfall! Warum denn immer soviel Hochprozentiges? Rafael steht bei den Schränken Schmiere. Die anderen müssten ja bald da sein. Los! Schnell! Juan beseitigt in großer Eile die Spuren. Spuren von Leben. Eben noch in anatomischer Ordnung. Wie es die Natur vorgegeben hat. Eben noch. Vor dem Schlag. Die Männer haben Angst, erwischt zu werden. Angst, in Verdacht zu geraten. Angst, wieder nach Kuba zu müssen. Angst vor dem Gefängnis. Sie wollen sich davonmachen. Vom Ort der Rache. Von dir und deinen glanzlosen, blutunterlaufenen Augen, die hinter den halb geschlossenen Lidern wohl das junge Leben passieren lassen müssen. 35 Jahre. Und an der Schwelle. Unbehelligt. Auf den Stufen. Nach unten.

Die Hände sind wieder sauber. An Juans linkem Handgelenk reflektiert eine goldene Quarzuhr äußerst schwach das Licht der Laternen, die die Straßen auf dem Gelände des Kombinats ausleuchten. Rafael kennt sie nicht. Die Armbanduhr. Oder doch? Sie machen sich aus dem Staub. Aus der Verantwortung.

Zeitgleich, zirka drei oder vier Kilometer Luftlinie entfernt, wartet deine Frau auf dich. Die Kinder spielen gerade mit der elektrischen Eisenbahn, die es zu Weihnachten gab. Sie sind schon den ganzen Tag aufgeregt. Können das Feuerwerk um Mitternacht kaum erwarten.

Nachbemerkung:
Dieser Text ist autobiografisch, geschrieben aus dem Material alter und aktueller Gespräche innerhalb der Familie, der eigenen Erinnerung und Imagination. Auch wenige Wortmeldungen ehemaliger Kollegen, die zum Teil Augenzeugen waren, flossen mit ins Schreiben ein. Das damals verordnete und mit finanziellen Zahlungen versehene Schweigen im Kollektiv wurde immerhin, wenn auch erst nach der politischen Wende, gebrochen. Das hier dargestellte Szenario, welches sich nicht eins zu eins so zugetragen haben mag, was aber dennoch für uns eine unfassbare Zäsur bedeutete, und für den Staat, der Beteiligten wegen, durchaus brisant war, sollte nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Denn, die Tatsache, dass ein Gastarbeiter bzw. Vertragsarbeiter im sozialistischen Bruderland einen Mord begangen hat, widersprach natürlich der Außendarstellung der DDR, insbesondere aber ihrer (von der Realität unterscheidbaren) Doktrin. Selbst der umgekehrte Fall hätte ähnliche Folgen mit sich gebracht: totschweigen, androhen, bespitzeln. Ein ehemaliger Stasi-IM, der jahrzehntelang lang „freundschaftlichen Umgang“ mit uns pflegte, verriet vor Jahren meiner Mutter, dass man zeitweise die Absicht hatte, sie aus dem Leben zu stoßen, mittels eines konstruierten Unfalls, da ihr Unmut darüber, die wahren Todesumstände ihres Mannes nicht erfahren zu haben, regelmäßig mit ihr durchging, nicht privat blieb. Sie erfasste natürlich das Verlogene bzw. das Ausweichen in den Gesichtern und auf den Zungen derjenigen, die sie vormals zu kennen glaubte. Ihr war indes natürlich auch klar, dass alle Mitwissenden unter Druck standen, in Gewissenskonflikte geworfen wurden.
Und was mich betrifft: der neunjährige Junge, der ich damals war, ist anteilig in mir verblieben.
Selbstverständlich bin ich mir darüber im Klaren, dass die in der DDR tätigen Kubaner, Vietnamesen, Mosambikaner vordergründig Opfer, nicht Täter waren, dass sie mit Stereotypen konfrontiert worden sind, Ausgrenzung und körperliche Gewalt erfahren haben, vor allem im außerbetrieblichen Kontext: Discotheken, Gaststätten, Feste, in Zügen, Bussen, Bahnen.

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© 2022 Marek Födisch
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Der Gefühlswalzer

Von Lena Kelm

Mein Blick fällt auf die Uhr, es ist zehn. Zeit, das Radio einzuschalten. Sonnabends um diese Zeit sendet Deutschlandfunk „Klassik-Pop et cetera.“ Bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Maler moderieren die Sendung, stellen dem Hörer ihre Lieblingsmusikstücke vor. Ich mache dabei erstaunliche Entdeckungen.
Der Moderator sagt eben einen Walzer von Schostakowitsch an. Bei den ersten Klängen bekomme ich einen Kloß im Hals. Vor meinem geistigen Auge ziehen im Walzertempo Bilder vorbei: Ich sitze am Klavier. Meine Musiklehrerin zählt: „Eins, zwei, drei. Lena! Andante, Legato, noch mehr Forte! So ist es gut.“ Ich genieße die Töne, die meine schnellen Finger hervorbringen. Meine Eltern applaudieren, sie sind stolz auf meine Fingerfertigkeit und begeistert vom Walzer, den ich morgen in der Prüfung zu spielen habe. Ich merke zuerst gar nicht, wie mir Tränen über das Gesicht laufen. Mit jedem Ton, mit steigendem Tempo werden es mehr. Sie fließen, ich kann sie nicht aufhalten wie die nächsten Bilder, die dieser herrliche Walzer aus meiner Kindheit und Jugend hervorruft. In den Armen eines jungen Mannes, sicher und wohlfühlend, schwebe ich federleicht über die Saaldielen im hinreißenden Rhythmus des Schostakowitsch Walzers. Wären nicht die Arme des jungen Mannes, würde ich abheben, mir ist etwas schwindlig. Ein unbeschreibliches Gefühl. Um uns lachende Gesichter, meine Freunde. Wir kollidieren mit einem Paar. Wir lachen, das Paar auch. Es macht uns nichts aus. Wir bewegen uns weiter im Walzerkarussell, im Bann der Musik. Die Musik wir langsamer. Atempause. Ich heule hemmungslos, salzige, bittere Tränen. Wie ein verletztes Kind schluchze ich. Ein Kind, das getröstet werden möchte. Ich muss mich selbst trösten. Die Erinnerungen sind schön, die Musik ist schön, wieso freue ich mich nicht? Anstatt meine Seele zu streicheln wie einst, geht jeder Ton nicht nur unter die Haut, er schneidet ins Fleisch, es tut so weh. Manchen Schmerz heilt die Zeit leider nicht. Ich war schon immer sehr empfänglich für Musik, bin mit ihr großgeworden. Es überrascht mich, dass sie in mir längst begraben geglaubte Gefühle auslöst. Also schlummern Nostalgie, Illusionen, die Trauer über den Verlust der Freunde doch noch in den Tiefen meiner Seele. Ich war mir sicher, diese an dem Tag abgelegt zu haben, als meine Kollegin und spätere gute Freundin auf meinen Verlustschmerz mit dem Rat reagierte: „Lena, du musst dich verändern. Du musst dich anpassen, nicht die Menschen hier, denn du bist hergekommen. Oder du fährst zurück, wenn du so sehr deine Freunde vermisst.“ Erst fühlte ich mich gekränkt, aber ich begriff auch, dass sie recht hatte. Dabei vermisse ich wirklich nur die Freunde. Es geht mir beim Walzer nicht um das schmerzfreie Bewegen, um die verblichene Jugend. Um die natürlich auch. Ich kann es nicht leugnen. Es ist wohl von allem etwas. Meine bittersten Tränen gelten aber der Tatsache, dass ich meine beste Freundin aus der Zeit des Schostakowitsch Walzers nicht einfach anrufen kann und sagen: „Weißt du noch, wie es war? Komm doch auf einen Tee vorbei, einfach so, ohne Termin.“
Der Gefühlswalzer ist zu Ende. Ich wische über mein tränenüberströmtes Gesicht, schließe die Pforte der Vergangenheit und ermahne mich: „Du heulst, als ob dein früheres Leben ein Ball gewesen wäre.“ Im heutigen Leben bewege ich mich eigentlich auch im Rhythmus eines Gefühlswalzers: eins zwei, drei, mal Andante, mal Allegro. Der Schostakowitsch Walzer offenbarte mir heute, mein ganzes Gefühlsleben bewege ich mich im Walzertempo, mal beflügelt auf Wolke sieben schwebend, bereit abzuheben, mal wie ein Hamster im Rad, dann wieder besinnlicher, bewegt von Trauer, Schmerz und stiller Freude. Nun ist es ein ganz vorsichtiger Tanz, körperlich wie gefühlsmäßig, eher ein langsamer Tango. Ein Solo-Tanz, ohne einen starken stützenden Partner. Kehre zur Realität zurück, sage ich mir.

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©2022 Lena Kelm
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Der Klügere…

Von Lena Kelm

Sommer 1994. Täglich besuchte ich nach der Arbeit meine Mutter in der Charité. Als ich wie immer und wie es sich gehört auch ihre Zimmernachbarin begrüßte, sagte sie: „Sie kommen jeden Tag bei dieser Hitze, Sie haben bestimmt eine gute Mutter! – „Oh ja, meine weise Mutter erzog mich mit Sprichwörtern, gesammelten Lebenserfahrungen. Ich habe sie immer im Ohr“, erklärte ich. – „Welche denn?“, fragte die Frau interessiert. „Fast zu jeder Lebenssituation taucht in meinem Gedächtnis ein passendes Sprichwort auf, beispielsweise: Morgenstund‘ hat Gold im Mund, wer die verschläft, der geht zu Grund’ – Nach getaner Arbeit ist gut ruhen. – Der Klügere gibt nach. – Wer das Kleine nicht ehrt, ist das Große nicht wert. – Wussten Sie, dass es den Pfennig in Wolhynien, wohin meine Urgroßeltern aus Deutschland aussiedelten, nicht gab? Man meinte statt Geld kleine und große Werte. Ich bin stolz auf meine Mutter, die mir diese Tugenden beigebracht hat.“ – „So möchte ich aber nicht erzogen werden“, erwiderte die Frau. Ich war sprachlos und fand keine passende Antwort, doch meine Mutter, die trotz ihrer Schwerhörigkeit, alles verstanden hatte, fragte aufgebracht: „Habe ich dich denn schlecht erzogen?“ – „Aber nein, Mutter, das stimmt nicht, und du weißt das!“ Die Frau verlor das Interesse und widmete sich einer Zeitschrift.
Als ich die Charité verließ, beschäftigte mich die Meinung der Zimmernachbarin, einer Berlinerin, immer noch. Ich konnte ihre Einstellung nicht nachvollziehen. Auf dem Weg zur U-Bahn kam ich an einer kleinen Passage mit einem Zeitungkiosk vorüber, Ständer mit Karten voller Sprüche waren einladend nahe der Fußgängerzone platziert. Von Karten mit Sprüchen konnte ich nie genug bekommen. Ich konnte auch an diesen nicht vorbei gehen. Mir fiel eine Überschrift ins Auge: „Berliner Sprüche.“ Mein Sammlerleidenschaft war geweckt. „Der Klügere gibt so lange nach, bis er der Doofste ist“ stand auf der Karte schwarz auf weiß! Das konnte kein Zufall sein, das war eine Fügung des Schicksals. Mir wurde blitzartig klar, was die Berlinerin gemeint hatte. Und ich fragte mich, bin ich denn wirklich doof gewesen in den hinter mir liegenden vierzig Jahren? So fühlte ich mich aber nie, vielleicht bereute ich meine Kompromissbereitschaft ab und zu. Wenn ich das Gefühl hatte, jemand hielt mich für doof, hörte mein Verständnis auf. Und ich finde, von jemandem mal für doof gehalten zu werden, ist nicht so schlimm, schlimmer ist, doof zu handeln, sich doof anzustellen.

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© 2022 Lena Kelm
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ABSCHIEDE

Von Anna B.

  1. Kein wirklicher Abschied

Zu viele Bücher darben in meiner kleinen Wohnung in vier hohen Regalen staubig dahin. Ich brauche mehr Platz, weniger Staubfänger. Es wäre auch gut, wenn ich mich von vielen und nicht mehr benutzten Dinge verabschieden könnte, bevor meine Neffen die Wohnung besenrein an die Hausverwaltung übergeben müssen. Dazu gehören viele Bücher. Einige werde ich sicher behalten.

Die Bücher lauschen mit ihren spitzen Blätterohren meinen Gedanken. Da melden sich einige Bände mit Schriften von Marx, Lenin und Mao Tse-tung: „Was will sie? Jahrzehnte hatten wir hier ein ruhiges, gemütliches zu Hause und jetzt will sie uns verbannen. Frechheit!“
Zwei Bände „Die Geschichte der Philosophie“ und die Hegel-Gesamtausgabe finden tröstliche Worte und antworten im Chor: „Geh, macht Euch nicht ins Hemd. Wir landen sicher nicht auf dem Müll. Außerdem weiß Sie gar nicht, wohin mit uns. Und wer schafft uns weg, falls sie einen Abnehmer finden sollte? Sie ist doch nicht mehr so mobil und kräftig, dass sie uns in Kisten die drei Stockwerke hinunterträgt, in ihr Auto packt und uns irgendwo hinbringt.“

Taschenbuchausgaben verschiedener Wissenschaftler und Philosophen kommentieren selbstreflexiv: „Naja, so wie wir ausschauen – zerlesen und vollgekritzelt – kann sie uns auch im Altpapier entsorgen. Irgendwie verständlich, kein Mensch interessiert sich mehr für unsere anachronistischen Ideen und alten Erkenntnisse und ihre unleserlichen Randbemerkungen.“

Aus der Belletristik-Abteilung rebellieren gleich einige Reihen gebundener Kollegen: „Nein, uns trägt sie sicher nicht weg, sie liebt uns doch und wenn sie nicht mehr ist, gibt es viele, die uns gerne mindestens genauso liebevoll übernehmen werden. Wir bleiben da. Darauf wetten wir unsere Einbände.“

Manche flüstern vor sich hin: „Ein Wunder, dass sie einige von uns nicht schon längst entsorgt hat. Schrott und Schund, nicht wirklich lesenswert, sinnloses Wissen …. “ Der Rest schweigt und harrt der Dinge, die da kommen mögen.

Es wird vermutlich nicht viel kommen. Hier und da landet ein Sack Bücher, die ich nie wieder beachten werde, in einer Büchertauschinsel, auf einem Platz nicht weit von meiner Wohnung. Hier und da verschenke ich gut erhaltene Exemplare an Freunde. So entstehen Lücken in den Regalen, die aber schnell wieder gefüllt werden. Ein Besuch in einer Buchhandlung, Geburtstag und Weihnachten bringen Nachschub. So wird das nie was mit Platzgewinn und Rücksicht auf meine Neffen. Die Bücher haben Recht, einiges werde ich weggeben, die Mehrheit bleibt bei mir und wird hier und da entstaubt.

  1. Ein wirklicher Abschied

Vor einigen Wochen starb ein guter Freund, schon wieder einer. Einer, der mir lieb war, den ich schätzte; fast hätte ich mich vor vielen Jahren in ihn verliebt. Wir waren uns aber darin einig, dass eine Beziehung jenseits von Gesprächen, Essen, Weintrinken, Spaziergängen und gegenseitigen Besuchen lieber nicht gewagt werden sollte.

In den letzten Jahren hatte wir kaum noch etwas miteinander zu tun, ich dachte aber oft an ihn, wollte Kontakt haben. Er hatte sich aber bis auf die Verbindung zu ganz wenigen Freunden völlig zurückgezogen.

Dann hörte ich von seiner Krankheit und wenig später von seinem Tod. Ich durfte an der Donaubestattung teilnehmen. Wir waren nur ganz wenige Leute. Da stand die Urne, sehr elegant, rostrot mit rauer Oberfläche. Ich starrte sie an und meine Augen wurden feucht. Er kam heraus, in voller Größe in schwarzer Hose, schwarzem Rollkragenpullover gekleidet mit einem hellblauem Seidenschal um den Hals, Lackschuhe, ein Buch unter dem Arm, er sah uns an und sagte: „Gut habt ihr das gemacht, kein Sarg, kein Grab, keine Zeremonie, keine Reden, ihr seid einfach nur da. Seltsam, dass hier auch zwei Frauen sind, zu denen ich keinen Kontakt mehr hatte, die ich vor vielen Jahren sehr gern hatte. Ihr ward schön und halbwegs gescheit. Offenbar seid ihr mir treu im Herzen geblieben. Danke!“ Die Urne wurde ins Wasser gelassen, wir sahen ihr nach, darüber schwebte seine Gestalt und winkte uns zu, wir winkten zurück. Dann verschwanden er und die Urne. Seine Gestalt wird noch oft in meinen Gedanken leben und erst sterben, wenn auch ich nicht mehr denken kann.

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© 2022 Anna B.
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Neues vom Jobcenter

Von Rolf Jungklaus

Seit dem Frühsommer 2020, also nach dem ersten Corona bedingten Lockdown, bin ich „Kunde“ beim Jobcenter Neukölln. Doch erst seit Anfang 2021 bin ich offiziell Arbeit suchend. Schon ziemlich schnell meldete sich gleich im darauf folgenden Januar mein erster Arbeitsvermittler. Dieser zählt nicht zu den Sachbearbeitern, die mich schriftlich zur Mitarbeit auffordern, mir Bewilligungsbescheide schicken, meine Widersprüche ablehnen und die mir je nach dem mal 3,15 € mehr bewilligen oder 2,14 € monatlich von meiner Grundsicherung kürzen. Nein, ein Arbeitsvermittler steht auf meiner Seite und möchte mir helfen, wieder in Arbeit zu kommen. So hat er mir gleich im ersten Gespräch ein Eingliederungsgeld angeboten und dies auch gleich in meiner Akte notiert. Bei Bewilligung erhält mein zukünftiger Arbeitgeber bis zu zwei Jahre lang maximal die Hälfte meines Gehalts vom Jobcenter. Ja, das könnte in der Tat bei Bewerbungen helfen.
Rund ein halbes Jahr später meldete sich dann Arbeitsvermittlerin Nr. 2 bei mir. Sie bot mir nun einen Gutschein für ein persönliches Einzel-Coaching an, welches Motivationstraining, Zusammen-stellen von Bewerbungsunterlagen, Proben von Bewerbungsgesprächen und dergleichen beinhaltet. Das hatte ich damals abgelehnt, weil ich schon vor rund zehn Jahren in den Genuss eines solchen Coachings gekommen war und mir zur Auffrischung nur den entsprechenden Ordner schnappen müsse, und weil ich der Meinung war, eine feste Anstellung zum Jahreswechsel so gut wie sicher in Aussicht zu haben. Daraus wurde dann aber doch nichts.
Wieder ein halbes Jahr später, also im Januar 2022, meldete sich dann Arbeitsvermittlerin Nr. 3. Auch diese bot mir den Gutschein für ein Coaching an. Dieses Mal sagte ich zu. Erstens kann eine Auffrischung nicht schaden, zweitens bin ich nicht mehr auf dem neuesten Stand, was beispiels-weise Bewerbungsschreiben oder Kleiderordnung beim Vorstellungsgespräch angeht und drittens erwartete ich mir Impulse für die konkrete Jobsuche. Also in welchen Funktionen oder Branchen ich mich noch bewerben könne und was auf dem Arbeitsmarkt gesucht wird, was man verdienen kann und ob ich der Richtige bin.
Nun bekam ich vom Jobcenter zwei Schreiben: den Gutschein für einen Träger meiner Wahl und eine Einwilligungserklärung, die ich unterschrieben zurücksenden sollte. Im letzteren stand neben meinen Rechten und Pflichten inklusive den möglichen Sanktionen bei Nichtbefolgung auch, wie das Jobcenter mich bei der Jobsuche unterstützen würde. So könne ich mich werktags jeden Morgen um halb fünf im Hof des Jobcenters einfinden, um mich als Tagelöhner auf einer Art Sklavenmarkt den Mastern anzubieten. (Kein Witz!) Und dann gab es noch so eine Institution: ein Center für Selbstauskunft. „Das guck ich mir doch mal an“, dachte ich mir.
Gesagt, getan. An einem schönen, sonnigen Nachmittag ging ich zum Kindl-Boulevard zwischen Hermannstraße und Mainzer Straße in Neukölln. In dieser Einkaufspassage, die schon bessere Tage gesehen hat, befindet sich zwischen einem Copyshop und einem Supermarkt der Eingang zum Jobcenter. Hier stehen mal zwei, mal drei Sicherheitsleute im Eingangsbereich herum. Einer von ihnen fragte nach meinem Begehr, kontrollierte meinen Impfnachweis nebst Personalausweis und zeigte mir anschließend den Weg zur „Selbstauskunft“. Ich ging also durchs Treppenhaus in den ersten Stock. Dort angekommen, stand ich in einer größeren Halle mit einer Art Empfangstresen mit drei dahinter sitzenden Mitarbeitern, von denen ich nicht sagen konnte, womit sie dort beschäftigt waren. Vielleicht haben sie tatsächlich etwas für jeden sichtbar zu tun, wenn nicht gerade Pandemie ist. Außer den Menschen hinter dem Tresen wuselten auch hier einige Sicherheitsleute ohne erkennbare Aufgabe umher. Einen von ihnen sprach ich an und fragte erneut nach der besagten Selbstauskunft. Zunächst wusste er gar nicht wovon ich spreche, dann führte er mich aber höchst persönlich, damit ich mich nicht verlaufe, zu einer offen stehenden Tür, die gleich um die Ecke lag und wies mit der Hand hinein. Er hielt dann einen Moment lang inne und fragte mich, ob ich in Beschäftigung oder arbeitslos wäre. Auch ich stockte daraufhin ein wenig, weil mir der Sinn der Frage nicht einleuchtete. Nachdem ich mich als arbeitslos zu Erkennen gegeben hatte, erklärte er mir, dass es ihm leid täte, denn Arbeitslose hätten nur bis 10.30 Uhr Zutritt. Da war ich platt. Verwundert sah ich in den Raum hinein. Der hatte etwa 30 qm Fläche und war menschenleer – abgesehen von zwei Mitarbeitern, die wiederum, diesmal jedoch hinter einer Glasscheibe – an einem langen Tresen saßen. Ich sah sie an und sie sahen mich an. Niemand sprach ein Wort. Dann blickte ich zur Wand zu meiner Linken, wo Jobangebote an der Wand hingen, und die ich mir ansehen wollte. Das war ja immerhin der Grund meines Kommens.
Da stand ich also im Türrahmen eines leeren Zimmers, sah auf die Angebote und durfte nicht hinein. Das war absurd. Ich überlegte mir, dass diese Angebote wohl auch irgendwo online stünden und ich sie mir auch in Ruhe und zuhause ansehen könne. Also fragte ich den Wachmann, ob er denn wisse, ob die dort hängenden Angebote aktuell seien. Er antwortete: „Ach, die hängen da schon ewig.“ Ich sah ihn an, dann sah ich wieder zu den beiden Menschen hinter dem Tresen. Niemand sagte etwas. „Ich sollte gehen“, dachte ich mir. Also lächelte ich den Sicherheitsmann an und verabschiedete mich umständlich. Schräg hinter uns befanden sich zwei Rolltreppen, die wieder ins Erdgeschoss führten. Ich fragte, ob ich sie benutzen dürfe. Nachdem das bejaht wurde, ließ ich den Wachmann stehen und ging auf die Rolltreppen zu. Beide führten ausschließlich nach unten. Komisch, dass mich das nicht gewundert hat.

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© 2022 Rolf Jungklaus
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