Das haben wir euch zu verdanken

Von Lena Kelm

Ein Sonntag im Café Einstein mit meiner Tochter, ihrer Freundin und meiner besten Freundin. Wir sitzen bei Kaffee und Kuchen. Lange haben wir uns nicht gesehen bei dem rasanten Tempo des Berliner Hauptstadtlebens.
Als meine Tochter den 8. März, den Internationalen Frauentag, erwähnt, an dem wir uns hier getroffen haben, greift meine Freundin das Thema Frauenbewegung auf, die 68er Bewegung in Deutschland, in die ihre Studentenzeit fiel.
„Wir haben so einiges erreicht für die Gleichberechtigung der Frauen!“, sagt sie stolz.
„Ja, ja, habt ihr“, erwidert meine Tochter wie aus der Pistole geschossen. „Dank euch wollen Männer heutzutage nur starke Frauen, die gutes Geld verdienen, den Haushalt führen und nebenbei Kinder erziehen.“
Sprachlos schauen meine Freundin und ich uns ein paar Sekunden lang an, und lachen beide los. Wir können uns kaum einkriegen vor Überraschung, wir lachen und lachen.
 
©2021 Lena Kelm
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Schlaumeier

Von Lena Kelm

Der Journalist versucht ein Interview mit einem Demonstranten.
„Ihrem Plakat entnehme ich, Sie demonstrieren für Demokratie.
Was verstehen Sie unter Demokratie?“
„Na, dass man alles sagen und machen kann.“
„Können Sie das denn nicht?“
„Na, wenn ich die Maske über meinem Mund haben muss, und ohne die bestraft werde, dann ist das keine Demokratie!“
„Haben Sie vor Corona das Gefühl gehabt, Sie leben in einer Demokratie?“
„Na klar, Mann!“
„Corona ist doch nur eine zeitbedingte Maßnahme. Ist das nicht etwas zu eng gedacht?“
„Ja, die Maske ist zu eng“, lacht der Mann und entfernt sich.

©2021 Lena Kelm
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Nachbarschaftshilfe

Von Lena Kelm

Magda ist noch nicht da. Sie müsste längst von der Reha zurück sein, überlegt Ines. Sie kennt ihre Nachbarin. Magda kann ziemlich chaotisch sein auf ihre liebenswerte Weise. Aber die gegenseitige Nachbarschaftshilfe funktioniert reibungslos. Magda gießt die Blumen auf Ines Terrasse und Ines und ihr Mann Tom kümmern sich um die beiden Katzen während ihrer Abwesenheit.
Gestern wollte Magda anrufen, ihre Ankunft ankündigen und heute Ines ihr die Schlüssel zurückgeben. Abwarten, denkt sie, doch was wird aus den Katzen, falls etwas schiefläuft?
Ines geht die Treppe hinunter und schließt Magdas Wohnung auf. Sie stutzt. Komisch, die Katzen kommen ihr nicht wie sonst erwartungsvoll miauend entgegen. Ob sie ihr übelnehmen, dass sie gestern nicht da war? Die Stille ist unheimlich. Kein Geräusch. Ines vergewissert sich, das Schloss wurde nicht aufgebrochen. Vielleicht sitzen die Katzen in der Küche? Vorsichtig geht Ines den Flur entlang, vorbei am Wohnzimmer, dem Arbeitszimmer, dem ehemaligem Kinderzimmer, der Kammer, dem Bad. Plötzlich hört sie ein kaum definierbares leises Jaulen. Die armen Katzen, denkt Ines, sie wollen von mir gefüttert und gestreichelt werden.
Die Tür zum Schlafzimmer steht einen Spalt offen, das Jaulen wird lauter. Vorsichtig öffnet sie die Tür – und erstarrt. Im Bett liegt Magda mit einem Mann. Eine unmissverständliche Lage! Ines flieht leise zum Ausgang. Mit einem Seitenblick erfasst sie die Katzen auf der Terrasse. Atemlos rennt sie die Stufen zu ihrer Wohnung hinauf.
Tom beruhigt sie. „Ist doch nichts passiert. Magda hat einen Kurschatten mitgebracht. Sie hatte es eilig. Du hättest nicht weiter gehen sollen, als dir unheimlich wurde. Warum hast du mich nicht geholt? Du hättest sie später anrufen können.“ – „Dumm gelaufen“, gibt Ines zu und ärgert sich über Magdas Gedankenlosigkeit. Warum hat Magda nicht kurz angerufen? So viel Zeit muss sein, das macht man doch nicht!
Nach der Episode haben sich die Frauen ausgesprochen und Magda hat sich bei Ines entschuldigt. Die Nachbarschaftsdienste werden weiterhin gepflegt.

©2021 Lena Kelm
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Feierabend

Von Lena Kelm

Ein Montagmorgen im Sommer gegen neun Uhr. Nach dem genüsslich getrunkenen Latte Macchiato in meinem mittlerweile Stamm-Café, richte ich mich von dem bequem gepolsterten Stuhl auf – nach dem Vergnügen die Arbeit – (der Kaffee muss auch noch bezahlt werden) und mache den ersten Schritt in Richtung Geschirrabgabe.
Eine etwa sechzigjährige Frau mit grauer Dauerwelle erscheint, im bunten Sommerkleid und einer passend gemusterten Einkaufstasche über dem Arm. Sie erhascht den Platz, den ich gerade frei mache und sagt freundlich lächelnd: „Feierabend?“ – „Nee, ich fange erst in einer Viertelstunde an.“ Die Frau sieht mich verdutzt an. Und ich begreife verspätet – ja, hier bin ich fertig, also ist Feierabend.
Mein Lehrerinstinkt sagt mir, es bringt nichts, dieser netten Frau auf die Schnelle schulmeisterlich die Bedeutung des Begriffs Feierabend zu erklären. Und wieso sollte das Ende des Kaffeetrinkens nicht auch Feierabend sein? Wichtig ist nur, ich habe die Frau verstanden. In Spanien könnte ich zu jemandem im Café sagen: „Siesta, si?“ Und der Angesprochene würde sich wohl fragen, meint sie die Ruhepause oder das Nickerchen? Ich bin mir sicher, der Spanier würde mir genauso freundlich zulächeln. So gelingt Verständigung, versuchen, zu verstehen und – lächeln.

©2021 Lena Kelm
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So könnte jeder Tag beginnen

Von Lena Kelm

Hinter dem Tresen, den Unmengen belegter Brötchen, Baguettes, Zuckerguss-Gebäck, dieser junge Mann. Was für ein Anblick! Schon bin ich abgelenkt von den unappetitlichen langweiligen Backwaren. Und erst sein Gesicht! Es gehört auf das Titelblatt eines Modemagazins. Große olivenschwarze Augen, die antike Nase, der sinnliche Mund, sein glänzendes volles Haar, mit Gel frisiert. Und sein bezauberndes Lächeln, strahlend, wenn er seine perlmuttweißen Zähne entblößt. Der Mann ist ein Schönling, sogar sein Lächeln wirkt natürlich.
„Sie wünschen, meine Dame?“
„Einen Latte Macchiato!“
„Mit Zimt oder Kakao?
„Zimt!“
„Gerne. Möchten Sie ihn hier trinken oder mitnehmen? Sofort, nehmen Sie bitte Platz!“
Ich bin entzückt und mache ihm ein Kompliment.
„Fabelhaft machen Sie das, schöner junger Mann!“
„Das habe ich mir von Ihnen abgeguckt.“, erwidert er galant.
Ist das orientalischer Charme?
„Ich bin Italiener“, sagt er stolz, „meine Mutter ist Libanesin, mein Vater Italiener“.
„Ein schöner junger Italiener also, wunderbar. Schön ist nicht schön, schöngetan ist schön.“, würde meine Mutter sagen.
Er strahlt und nickt.
„Bleiben Sie, wie Sie sind!“, beende ich unsere Unterhaltung.
Und trinke meinen Latte in bester Stimmung.
So könnte jeder Tag beginnen.

©2021 Lena Kelm
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Zeitgemäß

Von Lena Kelm

 
Am Hermannplatz stieg eine ältere füllige Frau ein, unter dem Saum ihres langen schwarzen Mantels lugten abgetretene Sportschuhe hervor. Sportlich sah sie nicht aus, obwohl sie mit beiden Händen kräftig an der prallgefüllten Einkaufstasche auf Rädern zog. Zwischen ihrem Ohr und Kopftuch steckte, na was schon: ein Handy! Optimal, sie hat die Hände frei für den Einkauf und kann gleichzeitig telefonieren, sagte ich mir. Meine Bewunderung sollte sich in Verwunderung verwandeln.
Sie platzierte ihre Tasche neben mir und erwähnte einen Basar. Vielleicht kam sie vom Kottbusser Tor oder vom Markt am Maybach-Ufer? Zwei Männer stiegen in den Wagen, der eine ging durch zur Mitte, der andere blieb vor dem Eingang stehen. Fahrkartenkontrolle! Er kontrollierte drei, vier Fahrgäste, dann stand er vor der Frau, die in ihr Handy-Gespräch vertieft war. „Bir moment“, „einen Moment bitte“, hörte ich auf Türkisch. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, was er von ihr erwartete. Sie drehte ihm den Rücken zu und begann in ihrer Einkaufstasche zu kramen. Scheinbar hatte sie Fahrkarte und Geldbörse tief unten verstaut. Sie bückte sich noch tiefer und redete ununterbrochen. Der Kontrolleur hatte nun, Verzeihung, den Hintern der Frau vor sich. Schön sah das nicht aus. Mir war das peinlich. Was für Manieren! Dabei redete die Frau unablässig ins Telefon, sprach aber kein Wort zum Kontrolleur. Ihm blieb weiter nichts übrig, als vor der Gebückten abzuwarten. Er tat es mit Engelsgeduld. Vielleicht hatte er diese Situation noch nicht erlebt?
Der Zug hielt. Als ich zur Tür ging, wies die Frau ihre Fahrkarte vor, während sie weiterredete. Vielleicht war es ein wichtiges Gespräch? Würde ich ein solches in der U-Bahn führen? Selten, nur kurz und dienstlich. Ich bevorzuge gemütliche Festnetz-Gespräche von der Couch aus. Da stört mich niemand und ich belästige keinen. Handy-Gespräche sind zeitgemäß, ich muss lernen damit zu leben. Ich finde es gut, wenn Menschen nicht mehr mit nichtssagendem Blick gelangweilt vor mir sitzen, selbst wenn sie ihre Augen verdrehen wie Verrückte bei einer lebhaften Unterhaltung.

©2021 Lena Kelm
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Wenn dieser Blick töten könnte

Von Lena Kelm

 
Früher war die U7 samstagmorgens leer. Oh, Wunder, ich finde einen freien Sitz und der gegenüber ist auch frei! Welche Wohltat, die Beine ausstrecken zu können. Die Arthrose in den Knien macht mir zu schaffen, allein die Vorstellung fast eine Stunde lang die Beine nicht ausstrecken zu können, ruft Phantomschmerzen hervor. Oft stehe ich zu Gunsten eines schnellen Displaywischers einfach auf, mein Buch in der Tasche verstauend. Ich ahne, nach ein paar Stationen werde ich meine Beine wieder einziehen müssen.
Irrtum. Die U-Bahn hält. Schon steht neben mir eine Frau. Stumm. Ich schaue auf, blicke in ein unscheinbares, blasses Gesicht, schätze sie auf Mitte sechzig. Vorwurfsvoll schweigend starrt sie auf meine Beine. Wenn dieser Blick töten könnte! Ich ziehe schnell meine Beine heran. „Entschuldigung, bitte!“ Warum ich das jetzt sage, verstehe ich selbst nicht. Mehr Konversation als – „Darf ich vorbei?“ – „Aber selbstverständlich, bitte.“ – „Dankeschön! – erwartet niemand.
Diese Frau ist irgendwie sonderbar. Das kommt vor. Ich registriere mit einem Seitenblick, wie sie mich mit ihren grauen kalten Augen missbilligend mustert. Das ist etwas seltsam. Es gibt keinen freien Platz mehr zum Umsetzen. Die Frau holt aus ihrer teuer aussehenden Tasche eine kleine Bibel und beginnt zu lesen. Jetzt kann ich, wenn auch verstohlen, gebe ich zu, Blicke auf sie werfen.
Plötzlich sind ihre Gesichtszüge milder. Täusche ich mich? Wird die Frau menschlicher, wenn sie mit Gott spricht? Was ist echt an dieser Zufallsbekanntschaft? Vielleicht begegnen wir uns noch einmal in der U7. Man trifft sich immer zwei Mal im Leben.

©2021 Lena Kelm
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Nimmersatt und trotzdem glücklich

Von Niklas Götz

Unter den abertausenden von rosa Zuckerguss pappig triefenden Poesiealben- und Postkartensprüchen, gibt es einen, den ich einfach nicht aus den Kopf kriege, der sich festgeklebt hat.
“There’s nothing in a caterpillar that tells you it’s going to be a butterfly”
Abgesehen davon, dass sich jeder Biologe bei diesem Statement nur kopfschüttelnd auf die Zunge beißen kann, frage ich mich: muss die Raupe denn zu einem Schmetterling werden? Ist es nicht genug, Raupe zu sein? Sind zwei bunte Flügel und eine lange Zunge alles, wofür es wert ist zu leben?
Eine Raupe lag mir immer besonders am Herzen. Die kleine Raupe Nimmersatt war mein Lieblingsbilderbuch. Eigentlich ist es das immer noch. Wie in jedem meiner Lieblingsfilme und Bücher ignoriere ich konsequent das Ende – Star Wars gefiel mir zum Beispiel als Kind am besten, solange ich noch die Hoffnung hatte, dass das Imperium und sein konsequentes , postmodernes Design gewinnen. Heutzutage wäre ich enttäuscht dass Todessterne anscheinend von Berliner Flughafenarchitekten gebaut werden.
Ohne das Ende ist die Story der Raupe Nimmersatt einfach toll: eine kulinarisch flexible Raupe genießt ihr Leben und isst sich durch alles, was die moderne Lebensmittelindustrie zu bieten hat, bis sie am Ende der Woche von zu viel Zucker und Geschmacksverstärker high wird. Klingt nach Weihnachtsferien.
Mit dem eigentlichen Ende offenbaren sich ganz neue Deutungsmöglichkeiten: Eine vereinsamte Raupe substituiert soziale Beziehungen mit Essen, bis sie sich für einen mehrwöchige Sonnenfastenaushungerungskur in einem Kokon aus getrockneten Körpersekreten entscheidet, um dann am Ende als exzentrisch geschminketes Magermodel aus dem Lockdown zu entfliehen und sich nur noch von einem Tropfen Nektar pro Tag zu ernähren.
Ich kann mich viel besser mit der ersten Version identifizieren. Ich ess mich lieber quer durch die Küche als ein Schmetterling zu sein, zumal Flügel auch echt unpraktisch sind um auf dem Sofa herumzulungern.
Ich stelle mir die kleine Raupe Nimmersatt sehr glücklich vor, zumindest vor der Verpuppung. Sie war nie mit Problemen außerhalb der Speisekammer konfrontiert. Die Raupe Nimmersatt musste nie zur Schule, zum Studium, zur Ausbildung gehen. Niemand hat von ihr erwartet ein Bücherwurm zu sein, sich durch tausende Seiten veralteten Wissens zu fressen um dann nach der Prüfungsphasenverpuppung wieder neu aufzuerstehen. Niemand hat von ihr erwartet, ein ganz neues Insekt zu werden, weil die Corporate Identity nunmal von Schmetterlingen geprägt ist und es der Kunde erwarte dass alle Mitarbeiter Flügel haben und emsig von Blüte zu Blüte fliegen und dabei auch noch verdammt gut aussehen, anstatt sich über Blätter herzumachen. Niemand hat von ihr erwartet, jeden noch so nervigen Mitarbeiter oder Vorgesetzten mit bezirzenden Flügelschlägen zu beruhigen und so zu tun, als würde man sie nicht am liebsten bespucken.
Die kleine Raupe Nimmersatt musste nicht arbeiten. Ihre Träume lagen direkt vor ihr, sie musste sich nur durch die Schale des Apfels fressen. Sie konnte bleiben wie sie ist. Warum hätte sie sich je verändern wollen?
Vielleicht war die kleine Raupe Nimmersatt einsam. Vielleicht war auch das der Grund warum sie von Tag zu Tag die Gesellschaft von einer immer größeren Anzahl an Früchten suchte. Was sonst verändert uns so sehr als der Wunsch, anderen zu gefallen? Manchmal wollen wir uns verwandeln, um wie all die anderen Raupen zu sein, essen Würste statt Äpfel weil die “coolste” Raupe im Garten das für besonders angesagt hält. Manchmal wollen wir aber auch nur einer bestimmten Person gefallen, oder sie glücklich machen, selbst wenn sie uns gar nicht anders wünscht. Vielleicht war die kleine Raupe Nimmersatt mit dem nichtganzsokleinen Schmetterling Nimmerruh zusammen und wusste, dass er nur glücklich sein kann, wenn er fliegt. Und deshalb wollte sie mit ihm fliegen und ihr liebstes und einziges Hobby dafür aufgeben.
Vielleicht mag ich das Buch dann doch mehr mit dem Ende. Vielleicht wollte sich die Raupe verpuppen, nicht weil es von ihr erwartet wird, sondern um jemanden glücklich zu machen, ohne dessen Glück der beste Lolly für sie fade schmecken würde.
Die kleine Raupe Nimmersatt hat neben einer Raumzeitsingularität als Magen eine weitere Superpower, die mir fehlt: sie kann sich verpuppen, wenn sie es möchte.
Aber vielleicht liege ich auch falsch und sie hatte keine Wahl. Genauso wie ich keine Wahl habe, mich zu verändern. Ich habe so viele Äpfel gegessen und mich doch nie verpuppt. Ich weiß, dass es jemanden sehr glücklich machen würde, wenn ich anders wäre, öfter mit bunten Flügeln schlagen könnte und zur richtigen Zeit Nektar bei mir hätte. Doch so oft ich mich am Blatt habe herunterhängen lassen, so wenig hat es mir je Flügel beschert. So gerne wäre ich ein Schmetterling, um mitzufliegen. Doch vielleicht bin ich keine Raupe Nimmersatt, sondern nur ein sehr hungriger Wurm.

© 2021 Niklas Götz
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KNÜPFBÄNDER

Von Eva Radon

Es begann auf Lesbos.
Damals war Lesbos „nur“ eine griechische Insel,
wo vor allem viele Frauen Urlaub machten oder aussteigend länger blieben.

Auch wir, 3 Erwachsene mit ihren 3 Kindern, sehnten uns nach dieser wunderbaren Insel und fuhren hin.

Heute ist Lesbos eine Insel, wo tausende Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Zuständen hausen.(wenn man das noch so nennen kann)
Die Bilder, der dort Lebenden – Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder – ihre Ängste, Nöte, Hoffnungslosigkeit sind unvorstellbar – erreichen manchmal unser Nachrichtensystem.
Jetzt werden dort neue Lager, „Gefängnis -Lager“ errichtet.
Aber wo liegt die Perspektive?
Menschen auf der Suche nach einer würdigen Bleibe, nach einem ZUHAUSE in Europa.
Wohin?
Keiner will sie…

Damals (1984 ) auf Lesbos war die Welt noch in Ordnung, zumindest, was wir (dort) sahen und sehen wollten.
Unsere Kinder erfeuten sich am Sandspielen, am Meer, an der Sonne, aneinander und am Eis, dessen Eistafel sie lange studierten.

Meine Freundin und ich begannen
(woher der Einfall kam, weiß ich nicht mehr) Armbänder zu knüpfen. Es gab Bänder in vielen Farben. Ich lernte manche Farben auf griechisch: mavros, aspro, ble, kokkino, kitrino, kafe, gri, portokali.

Wir kauften viel bunte Bänder in alten Geschäften, die es heute sicher nicht mehr gibt, weil die alten Besitzer verstorben sind.
..und knüpften und knüpften voller Freude.
5,6 verschieden färbige Bänder wurden am Ende verknotet,
mit einer Sicherheitsnadel angespickt auf Hosenbein oder Leibchen.

Auch die Kinder fanden Gefallen am Knüpfen und machten es geschickt.

Bald hatte jede, jeder von uns ein Freundschaftsband, ein buntes Band ums Handgelenk.

Denke ich heute an Lesbos, dann überfluten mich Traurigkeit und Verzweiflung.
Wo ist die Menschlichkeit ??????

Ich habe noch viele Bänder zu Hause, von damals.
In meiner Phantasie knüpfe ich sie,
viele Bänder der Hoffnung.

© 2021 Eva Radon
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ELTERNGESCHICHTE (Autobiographisches im Zeitraffer)

Von Anna B.

Der Tod rast mir wie ein Zug mit 280 km/h entgegen. Im Zug sitzt meine Mutter, sie will mich zu sich holen. Ich will aber noch nicht. Meine Mutter wurde vor 110 Jahren geboren, vor 70 Jahren hat sie mich zur Welt gebracht, vor 30 Jahren ist sie gestorben. Warum denke ich so oft an sie? Wir liebten einander nicht heiß.
Unehelich in Berlin geboren; ob Produkt eines Liebesaktes oder einer Vergewaltigung blieb ein Geheimnis meiner Oma, der Vater wurde verschwiegen.
Klein Elfi hatte einen Herzfehler, spielte wenig, turnte nie, anstatt dessen las sie viel, liebte die Klassiker und Morgenstern, lernte Gedichte auswendig. Das Lyzeum beendete sie aber nicht, sie wurde Postfräulein. Der Bruder einer Freundin beeindruckte sie sehr. Alfred war ein Linker, studierte Marx und Engels, wollte sich den Sozialisten oder Kommunisten anschließen. Die revolutionären Ideen zur radikalen Umwälzung der Weltordnung faszinierten Elfi. Da tauchte ein Student aus Wien auf, Elfi und Karl wurden ein Liebespaar. Elfis Leben wird sich von nun an um diesen Menschen drehen. Nach Hitlers Machtergreifung arbeiten beide in der Illegalität gegen die Nazis. Sie waren sicher, der Horror würde nicht lange dauern und die Weltrevolution wird siegen. Karl war 1934 nach Wien gefahren und verteilte Flugblätter auf der Floridsdorfer Brücke, er wurde verhaftet, kam durch den Einfluss seines Vaters wieder frei und reiste nach Berlin zurück. Sein Cousin sagte später zu mir: „Dein Vater war ein unverbesserlicher idealistischer Träumer. Fast wäre er erschossen worden, er hatte aber Glück.“ Fast wäre ich also niemals gezeugt worden.
Mein Vater hatte sein Jura-Studium in Berlin abgeschlossen, sollte Anwalt werden, jedoch wurde gegen ihn als Halbjuden Berufsverbot verhängt. Er ging zurück nach Wien, Elfi folgte ihm bald.
Mein Großvater hatte in Wien einen Ariernachweis erkauft und galt als Halbjude und war durch die Ehe mit einer Arierin geschützt. Mein Vater wurde damit für die Nazis zum Vierteljuden. 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Er schrieb seiner Mutter aus Frankreich nach Wien: „Mein liebes Mütterlein, ich bin sicher bald wieder zu Hause.“ Sie sah ihn nie wieder, sie starb 1946; damals galt mein Vater als vermisst. Er war in Russland gefangen genommen worden oder desertiert. Jedenfalls gab es Jahre lang keine Nachricht. Später schrieb er: „Ich fiel dem Feind freudig in die Hände“. Karl und Elfi hatten sich via Fernhochzeit zu Weihnachten 1940 vermählt. Während des Krieges war Elfi nicht politisch aktiv, dem Kommunismus aber innerlich treu. Als ihr Mann als vermisst gemeldet wurde, begann sie ein Tagebuch zu führen mit imaginären Briefen an Karl. Darin steht nichts interessantes, lauter Belanglosigkeiten über den schwierigen Kriegsalltag in Wien. Als der Krieg zu Ende ging, Karl noch immer kein Zeichen von sich gab, traf sie einen sehr sensiblen Mann, einen Dichter, der sie zärtlich tröstete. 1947 kam Karl in einem Güterzug in Frankfurt a.d. Oder an, bewegungslos durch Kinderlähmung, verdreckt und halb verhungert. Meine Oma aus Berlin wurde verständigt und sie organisierte alles Notwendige. Karl wurde nach Wien gebracht und unter ärztlicher Betreuung so weit wie möglich aufgepäppelt. Elfi entwickelte sich zu seiner Krankenschwester. Ihre Dichteraffaire gab sie sofort auf. Mein Vater konnte nicht selbständig essen, aber sein Geschlechtsorgan war in Takt. Ich wurde nach drei Jahren Pflege gezeugt. Ein Jahr später starb mein Großvater, einige Monate danach bekam ich einen Bruder. Meine Eltern waren inzwischen auf das Gut meines Großvaters gezogen. Wir lebten in einem Schloss in Kärnten. Meine Mutter wurde sozusagen Schlossherrin, organisierte alles, führte die Bücher, verhandelte mit Pächtern und Mietern. Ohne diese Einnahmen hätte das Gut nicht gehalten werden können. Sie war aber auch Sekretärin meines Vaters. Er diktierte ihr täglich Texte für verschiedene Publikationen der Kommunistischen Partei. Genossen aus Wien kamen manchmal auf Besuch. Dieses schizophrene Leben, Gutsherr und Kommunist war meinem Vater unangenehm, aber durch seine Lähmung konnte er keinem normalen Beruf nachgehen, die Arbeit für die KPÖ brachte höchstens ein Taschengeld. Meiner Mutter gefiel das Leben im Schloss mit Blick auf die Berge. Schließlich musste aber doch alles verkauft werden. Meine Eltern borgten einem Cousin meines Vaters die Hälfte des Vermögens, damit er eine kleine Strickfabrik aufbauen kann. Das ging total schief. Der Cousin verdiente keinen Groschen mit der Strickware und konnte keinen Groschen zurückzahlen. Meinem Vater war das nicht so wichtig. Er wollte nur ein angenehmes Heim und genug Geld, um seine Familie zu ernähren und seinen Kindern eine gute Bildung bieten. Das nächste Heim war eine Villa mit Garten in der Nähe von Wien. Es kamen jetzt öfter Genossen auf Besuch, mein Vater arbeitete fleißig weiter an Publikationen der KPÖ. Das Geld ging zu Ende und ein weiterer Umzug wurde notwendig. Die Familie landete in einem Provinzort mit Schulen für die Kinder. Ein bescheidenes Häuschen mit Garten diente als Unterkunft. Meinen Vater quälten die Sorgen um den Kommunismus und seine finanzielle Lage, meine Mutter wurde nervös und kränkelnd. Nach einem Jahr erlag mein Vater einem Herzinfarkt. Meine Mutter wurde zur gebrochenen Frau, kraftlos, lebensmüde, verbittert. Sie vegetierte zunächst dahin, nach einiger Zeit begann sie in der nächsten Stadt bei der „Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft“ zu arbeiten, lebte zurückgezogen mit Büchern, Patiencen-Legen und Fernsehen. Manchmal ging sie spazieren. Von der tröstenden Schokolade wurde sie dick. Nach einigen Jahren kontaktierte sie eine Anwältin, eine alte Genossin, die ihr half eine Wiedergutmachung für das Berufsverbot meines Vaters zu erhalten. Elfi bekam eine anständige Witwenpension aus Deutschland, wir Kinder eine Halbwaisenrente. Wir blieben in dem Kaff bis zu meiner Matura. Dann mietete meine Mutter endlich eine Wohnung in Wien und verkaufte das Häuschen um ein Spottgeld. Der Kommunismus war nur mehr ein Schatten in ihrem Hirn. Nach dem Einmarsch der Sowjets in die CSSR 1968 zahlte sie keinen Mitgliedsbeitrag mehr an die KPÖ. Auch in Wien lebte sie ziemlich abgeschieden und verkroch sich in ihre Bücher. Elfi wurde noch dicker und bekam Diabetes. Ihre Gedankenwelt war wieder bei den Klassikern und bei Morgenstern. Als die DDR 1989 zusammen gebrochen war, weinte sie voller Selbstmitleid. Sie war eine alte ganz normale einsame Bürgerin geworden, deren Illusionen und Träume zerplatzt waren. Ein Jahr nach der Wende verließ sie diese Welt für immer.

Februar 2021

© 2021 Anna B.
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