Toilettenwissenschaften

Von Alexander Reisenbichler

Ein Zitat Goethes aus seiner Farbenlehre leitet diesen wissenschaftlichen Narrensaum ein, ein surrealer pseudo-wissenschaftlicher Text, während Goethes Farbenlehre durchaus ernst gemeint war, Goethe war immer sehr stolz auf seine wissenschaftliche Seite, die Entdeckung des Zwischenkieferknochens, den Menschen und Affen besaßen, und damit die Verwandtschaft von beiden bewiesen hätte.
Schweinetoiletten sehen auf den ersten Blick wie Plumpsklos aus, darin befindet sich ein Schwein, das die Exkremente auffrisst und im Koreanischen „Kot-Schwein“ (Ttong-dwaechi) genannt wird. Diese Schweine wurden dann gegessen. Heute noch selten anzutreffen, haben unsere Nachbarn ein solches zur Hochzeit ihres Sohnes ein halbes Jahr großgezogen, dann wurde es geschlachtet und verzehrt.

Wenn Kunst Wissenschaften geschäftig vergewaltigt

Es ist meinen Freunden und einem Teil meines Publici nicht unbekannt, daß ich seit mehreren Jahren verschiedene Teile der Naturwissenschaften mit anhaltender Liebhaberei studiere. Ich konnte mir in diesen Rücksichten den Wunsch nicht versagen, eine Anzahl Erfahrungen, an denen ich großes Vergnügen fand und die mir und anderen merkwürdig genun schienen, bekannt zu machen:
Der Abstand der Holzbretter mit Loch unserer Luxus-Plumpsklo-Ex-Schweintoilette zum Boden betrug ungefähr 1 Meter 50 cm, der mit Reisschalen und Asche überdeckte Kothügel hatte eine Seehöhe von ungefähr 30cm, also legte der fallende Kot – Gesäß- und Holzbretter-Abstand ungefähr 15 cm – 1m 35cm zurück. Bei meinen Sitzungen bzw. Hockungen fiel mir auf, dass ich überdurchschnittlich – Vergleichswert hierzu war meine unwissenschaftliche Annahme, die in einer hochwissenschaftlichen Studie wie dieser natürlich nichts zu suchen hätte, aber aufgrund fehlender Fliegen-Anscheiß-Statistiken musste ich mit diesen meinen Parametern Vorlieb nehmen – oft Fliegen zu- und Frösche angeschissen habe, pro Sitzung bzw. Hockung 0,8 Zuschissungen in einer Vergleichsperiode von einem Jahr. Der hohe Wert ergibt sich unter anderem auch aufgrund von multiplen Zuschissen, es gab aber auch wetter- und saisonal bedingte Perioden, in denen der Wert überdurchschnittlich sank, da im Winter das Autreten der Fliegen und Frösche numerisch sehr gering war.
Es verwunderte mich, dass die Zu- und Anschissungen sehr häufig waren, da ich annahm, dass die oculi compositi, also die Augen, die bei bestimmten Insekten aus mehreren zehntausenden Ommatidien, also Einzelaugen, bestanden, die bei räuberischen Arten oft bis zu 90% der Kopfoberfläche ausmachen, auch nach oben gerichtet sind. Nicht annehmend, dass die von mir zugeschissenen Fliegen Schäden der Facettenaugen oder Verschmutzungen der Chitinlinsen aufwiesen, musste ich feststellen, dass die Fliegen erst nach dem ersten Aufprall meines Kots auf dem Kothügel davonflogen, das heißt, dass die Fliegen, die sich auf den Aufprallpunkten des Kots befanden, hoffnungslos verloren waren und in der Statistik als ‘zugeschissen’ geführt wurden, die anderen aber erst durch den Zuschiss ihrer Artgenossen das Weite suchten. Obwohl diese Facettenaugen 300 Bilder pro Sekunde produzieren können, etwa fünfmal mehr als das menschliche Auge, konnten diese Superaugen ihre Besitzer, die Fliegen, nicht retten. Hier stellt sich natürlich die Frage der Sinnhaftigkeit der Evolution, wofür hat man sich so angestrengt, diese Augen zu evolutionieren, wenn sie dann erst nicht richtig funktionieren. Ich hatte das wissenschaftlich seltene Glück, Vergleichsprobanden in situ zu haben, die Frösche, denen es auch nicht gelang, sich dem herabfallenden Kot zu entziehen, die jedoch aufgrund ihrer Körpergröße nur an- und nicht zugeschissen wurden und so überlebten – Folgewirkungen des Anscheißens wurden hierbei nicht beachtet. Das Linsenauge des Frosches hat eine bewegliche und in der Größe veränderliche Linse, aber allerdings keine, wie es für Linsenaugen typisch ist, Fovea. Fovea wird der Bereich der Netzhaut genannt, auf der ein Bild mit der größten Schärfe dargestellt wird. Auch ist der Frosch kurzsichtig und kann somit nur in einem Bereich von ca. 15 cm vor seinen Augen scharf sehen. Das hat den Vorteil, dass der Frosch Objekte im Hintergrund nur verschwommen erkennen kann und im Vordergrund alles klar sehen kann. Weitere Daten des Froschauges, auf die später noch genauer eingegangen wird sind: Sehschärfewinkel von 7’, ein Gesichtsfeld von 330° bis 360° und eine Verschmelzungsschärfe von 48 Bilder pro Sekunde. Natürlich ist das wichtig, Sie sind eben kein Wissenschafter!
Die Augen des Frosches sind also nicht dazu geeignet, von oben herabfallende Objekte zeitgerecht zu erkennen, im Idealfall würde der Frosch den Kot erst 15cm über seinem Kopf erkennen, und hatte entsprechend der Formel der Gravitationskraft

kein entsprechendes Zeitfenster mehr, sich dem Kot zu entziehen.
Aufgrund meiner wissenschaftlichen selbstfinanzierten Studie habe ich festgestellt, dass unter bestimmten Bedingungen die Leistungskraft von Facettenaugen verschiedener Fliegen mit dem wissenschaftlichen Namen Brachycera und die Froschaugen des gemeinen grünen koreanischen Wiesenfrosches gleich ist, da der Fluchtweg beider Spezien mehr oder minder gleichzeitig erfolgte, der Frosch hüpfte nach einem Anschiss weg, die nicht zugeschissenen Fliegen nach Zuschiss ihrer Kameraden (Auf das ethische Problem der unterlassenen Hilfeleistung der überlebenden Fliegen werde ich später eingehen.). Ich hoffe der Forschung hiermit einen wertvollen Dienst erwiesen zu haben, immerhin haben wir bewiesen wie überschätzt die Evolution doch ist. Bei Anhängern der Kreationisten verschiebt sich die Schuldzuweisung natürlich etwas. Um meinen Ergebnissen statistische Signifikanz zu verleihen, werde ich meine Studien in diesem Kaliyuga natürlich weiter fortsetzen und rufe gleichzeitig auch zu interkulturellen Vergleichsstudien auf, etwa roter namibischer Baumfrösche, die aufgrund ihres Lebensraumes zwar sehr schwer anzuscheißen sind, aber trotzdem nicht als Probanden ausgeschlossen werden dürfen, da dies eine geographisch-lokale Diskriminierung darstellen würde. Auch rote namibische Baumfrösche haben ein Recht angeschissen zu werden.

*

© 2022 Alexander Reisenbichler
Alle Rechte vorbehalten

lockdown – reminiszenzen (szenarien zwischen pandemie & paranoia)

Von Heinz Erich Hengel

alle macht dem volke: doch das volk steht alledem macht- & hilflos gegenüber. volks-aufstände enden in auflaufformen. und erst recht das ablaufdatum. die menschen sind in ihren widersprüchen gefangen. stellt keine fragen und gehorcht! jahrzehnte- lang wird man getrimmt, verrückt zu werden. man muss entschlossen sein, offen gegen regeln zu verstoßen; und auszusteigen aus einer hierarchie, in der jeder dem nächsthöheren ständig in den arsch kriecht. das sagt bereits jerry rubin in ´do it. war früher das zerschlagen von porzellan ein sakrileg, so wird es später zu einer alltäg-lichkeit: tagtäglich neue scherbenhaufen. wem die stunde schlägt. jedenfalls ein schlag ins gesicht. und dann erst recht das gesicht verlieren. die einen finden das ganze großartig. auch wenn es ihnen im endeffekt an den kragen geht. wascht mir den hals und macht mich nicht nass! zuerst das wesentlichste. und zu allererst das wichtigste. was für die einen wichtig ist, kann für die anderen unwichtig sein. un-wichtigkeiten nehmen ihren lauf. und dazu dann noch unrichtig. musikanten betreten die bühne. die bühne aber ist abgebaut. säle sind geschlossen. tribünen eingestürzt. schauspieler im home-office. theaterbühnen & konzerttribünen im lock-down. stadt & land ist eingelockt. wie kann man die maschinerie zum stehen bringen? eine hand wäscht die andere. und tote fliegen im waschwasser. mutationen in den kläranlagen. armeen im untergrund. schutzsuchende im unterstand. ausgangssperre. militärhub-schrauber. hubräume werden zu relieflandschaften. das ganze land ist übersät mit zerschlagenem porzellan: niemand kann das übersehen; viele wollen es. früher gab es noch gasthäuser; heute muss man lange danach suchen. und gäste; heute negativ getestete, oder gar nur geboosterte geimpfte. es sollte jedenfalls mehr spaß machen, die revolution zu praktizieren, als zuseher zu all dem ungewollten irrwahn zu sein. oft hat es den anschein, als wollten die regierenden krisen provozieren, um so die menschen aufzuscheuchen und dazu zu zwingen versuchen, ihr leben über nacht zu ändern: die neue normalität. es ist verboten, das haus zu verlassen! doch soll man sich darauf verlassen können? schilder wurden aufgestellt: achtung, kampf-hunde. bitte unbeweglich stehen bleiben, falls sich ihnen einer der hunde nähert; und sie nicht kämpfen wollen. falls sie trotz des verbots das haus verlassen haben: achtung > porzellanscherben. die zuständigen leugneten, die schilder aufgestellt zu haben. die hunde befänden sich unter aufsicht in einem umzäunten zwinger. nie-mand wurde ja gezwungen. dann auf einmal waren die hunde verschwunden. die zwinger blieben zurück. und das zerschlagene porzellan. niemand wollte die scherben wegräumen. die warnschilder schienen niemanden (mehr) zu stören. die, die trotz des verbotes ihre häuser verließen, hatten anderes zu tun, als sich um schilder zu kümmern; und was darauf stand. einen standpunkt haben. auch wenn stillstand. lasst aus demonstrations- keine trauerzüge werden! wählt jene, die von den anderen abgewählt wurden. lasst euch von zerschlagenem porzellan nicht ab-schrecken. jeder ist des porzellans freund oder feind. feindbilder entstehen zuerst im kopf. ohne feindbilder nur bilderbuch-freundschaften. freundschaft. genossenschaft. die buhlschaft. so manche buhlen darum, wer mehr porzellan zerschlagen hätte. scherbenhaufen auf schritt & tritt. tritt-stein-bio-tope. zumindest schrittweise. auch wenn oft niemand den 1. schritt wagt. die einen sammeln den abfall – und werfen ihn dann weg; andere bewirtschaften ihn. nichts ist unmöglich; man kann alles tun. die einen sagen, dass sie protestieren, um ihre anliegen vorbringen zu können. die anderen sagen, dass sie ihre anliegen ohnehin durchsetzen würden. reisewarnungen & warnstreiks. während die einen bereits am boden liegen. die streikandrohung von sitzstreiks. niemand aber begreift, was er tut. tote taten in toten meeren. baum-stümpfe in toten gewässern. jeder kämpfer muss wissen, wie er das, was er be-kämpfen will, für sich nutzen kann. jede ideologie ist eine gehirnkrankheit. auch wenn porzellan zerschlagen worden ist: man sollte sich aber immer noch in den spiegel schauen können. und wenn nicht?… selbst eine revolution wird ein spiegelbild nicht revolutionieren können. vom falschen überzeugt zu sein, grenzt an fanatismus; oder ist jedenfalls fanatisch. auch wenn fanatismus oft aus frustrationserlebnissen ent-stehen kann. man muss aufpassen, dass spiegelbilder nicht zu bilderwelten werden. es gibt momente, da kann selbst auch das gewöhnliche zu einer illusion werden. zu alledem sollten derartige dinge jedenfalls zu denken geben. umsturz. sturzbäche. bachauen. aulandschaften. landschaftsmaler. zerschlagenes porzellan neben ge-schächteten schafen. geschlachtetes porzellan. scherbenhaufen in schlachthäusern. lasst euch bloß nicht unterkriegen! was ist das programm der regierung? – außer eine neue normalität, die die alte einengt. was aber, wenn das volk diese gar nicht will? das volk scheint seiner selbst entfremdet zu sein. es scheint, als würde die politik die menschen absichtlich entfremden wollen: so glauben sie, druck ausüben zu können. sie sind verhaftet wegen hausfriedensbruch. wir begehen keinen hfb. es ist egal, was sie tun: sie sind verhaftet! revolution darf nicht zu einem straßentheater verkommen. wenn politik zu einem debakel wird, so ist desaster vorprogrammiert. und ein malheur ist das allemal. wenn schweigen laut wird, dann ist es an der zeit! wenn die politik ein supermarkt ist. es dauert lang; aber dann. trillerpfeifen zur konditionierung. der karren steckt im dreck. für manche bedeutet das wort arsch bereits eine sexuelle erregung. das erste verbrechen besteht oft bereits schon darin, dass man atmet. man kann auch das gesetz brechen, ohne das eigene haus zu verlassen. auch wenn ohnehin lockdown herrscht. der vorwurf zur anstiftung einer revolution: wenn eine rede ohne wirkung ist, dann steht sie unter dem schutz der verfassung; wenn eine rede wirkung zeigt, dann ist der tatbestand der ´anstiftung zum aufruhr erfüllt. auch wenn der um-sturz in einer gartenlaube endet. gartenmöbel werden zu aufruhrrequisiten. porzellan in glasvitrinen. zersplittertes glas. epidemische konkretismen. verschwörungen als pyjama-parties im home-office. ideologische begriffe für begriffsstutzige. schlagzeilen werden zu zeilenparasiten. wenn willkür verordnet wird, so folgt kritiklosigkeit. in zeiten des corona-wahnsinns ist selbst der weisenrat ratschlaglos. um die einen zu retten, müssen die anderen sterben. und dazwischen waten die dritten in porzellan-scherben. auch rechenmodelle können porzellan zerschlagen. splitter in rachen-räumen. wenn die these zur antithese wird. heilsversprechen in rüttelgruppenwork-shops. aussagen werden gesucht, um in sackgassen zu landen. hinter hausmauern wird die vernunft mit füßen getreten; und der irrtum auf altären zelebriert. hülsen-früchtebrei in porzellanschüsseln. es ist kein ende in sicht. auch wenn die revolution ihre kinder frisst: eine revolution kann nie im sinne einer gebrauchsbeschreibung an-geleitet werden. die entdeckung des porzellans war eine revolutionäre leistung. und die kinder der revolution haben dann dieses porzellan zerschlagen. scherbenhaufen auf ansichtskarten sind für touristen ein beliebtes motiv. digitalität. inkontinenz. zebrastreifenfußgeherübergänge. linienführungsansprüche. wellenmortalitäts-panorama. klettergerüstbesteigung. aber es könnte auch anders sein! im worst-case jedenfalls ein unwort: unworte erst recht zur unzeit. worte & zeiten haben das por-zellan zerschlagen. zerschlagungswerte als wertmaßstab. splitterbomben. bomben-stimmung. stimmungsmache. mahnwache. wachzustand. zuständigkeit. keine bilder von scherbenhaufen: vertuscht; gelöscht; nie da gewesen. dafür haufenwolken; haufenweise. haufenwolkenreportagen. reporter ohne grenzen berichten von grenzenlosem vertuschungsmissbrauch. doch deswegen keine mop = missbrauchs-opferpanik. eine revolution muss sich auszahlen: und erst recht, wenn sie umsonst sein sollte. des kanzlers neue normalität: mürbgemachte & zermürbte. demon-strationen werden verboten. die einen fordern demonstrationsfreiheit; die anderen fragen, warum sie dann nicht die freiheit haben sollten, porzellan zerschlagen zu können. und die dritten fahren in urlaub, trotz lockdown; vielleicht zum golfen nach südafrika. wir fordern ein ende all des unfugs! entschlagt euch eures rede- und aus-gehverbots. entschlagt euch eures zwangsverordneten lockdowns. ein scherben-gericht sollte nicht das letzte gericht sein. nur allzu leicht kann sich die frage nach kritischem denken zu einer fallgrube entpuppen. und wieder andere verwechseln kritisieren mit verleugnen. man sollte den regierenden eimer & besen in die hand drücken, damit sie sich nützlich machen und straßen und plätze fegen; und die scherbenhaufen wegräumen. ich weiß nicht, ob es bereits erwähnt wurde: der führer trug den scheitel rechts. was dann später schon dazu reichte, ein rechtsradikaler zu sein. und das erst recht, wenn man nicht unbedingt dem mainstream folgte. stigma-tisierte. kollaborateure. jubelchöre. scherbenhaufen. die einen rufen: schafft das por-zellan ab; und die anderen: nieder mit dem schmutz. vergrabt wenigstens die scherben. soldatenstiefel müssen scherben überleben. soldatenstiefel zertreten die frische erde, unter der die scherben versteckt werden sollten. soldatenstiefel über-wachen das ausgangsverbot. hubschrauber kreisen über das land auf der suche nach etwaigen gesunden, die ihr haus verlassen haben. die, die in quarantäne sein sollten, bleiben unbewacht. dann eines tages das amtliche verbot: es ist verboten, auf der – oder: die – straße zu pinkeln. pinkeln als grund- & freiheitsrecht: wie kann es sein, dass die einen illegal, aber offiziell, über die grenze kommen und die anderen nicht auf die straße pinkeln dürfen? eine revolution muss fundamentale menschliche bedürfnisse befriedigen. einsamkeit hat die menschen erfasst. städte voll von ver-schlossenen türen und schildern mit der aufschrift: geschlossen/closed. shut-down. oder: verboten. straßen sind mit einsam- & trostlosigkeit gepflastert. leere säle sind zu seelengefängnissen geworden. wenn jemand zu jemand anderem ein wort sagt, so ist diesem bereits zu misstrauen. misstrauen lastet wie glatteis auf den pflaster-steinen. ein guter spaziergeher ist jener, der dem anderen ausweicht. ein guter auto-fahrer ist jener, der eine andere straße oder route wählt. sperrgebiete als regionale herrschaftsgebiete. nieder mit den lockdowns, fordern die einen; lockt sie ein, rufen die anderen. in sperrgebieten verhallen alle rufe & forderungen. es ist nicht mehr möglich, längere zeit ungestraft an einer straßenecke zu stehen und nichts zu tun. jeder will etwas tun; aber es wird ihm nicht gelassen. landfriedensbruch. bruchlinien als linienführung. die politik hat sich verschworen, der geschäftswelt den krieg zu er-klären. lockdowns in shutdown-zeiten. das leben auf der straße, in geschäften und lokalen wird zu einem verbrechen erklärt. in spgeb sollte aber selbst das porzellan vor dem zerschlagen sicher sein. spazierengehen ist illegal. und erst recht das mund-harmonikaspielen auf der straße; zumindest wegen der aerosole. für einen, der auf der / die straße pinkelt, besteht die große gefahr, in einem irrenhaus zu landen. auch wenn organisationsänderungen diese institution stark reduziert haben. zusammen-künfte auf öffentlichen straßen & plätzen unterliegen dem verbotsgesetz. auf nicht-öffentlichen orten droht eine bsk = besitzstörungsklage: sogar wenn man gar nicht dort ist. taxifahren gilt als ein verbrechen. illegale grenzübertritte werden toleriert. jeder, der einem anderen über den weg läuft, könnte ein potenzieller feind sein; mög-licherweise. in sperrgebieten ist es nicht unmöglich, dass denunzianten bespitzelt werden; und die polizeispitzel ihrerseits wieder die denunzianten denunzieren. die frage ist, ob sperrgebiete von revolutionen verschont bleiben. in sperrgebietghettos werden die gesetze des wirtschaftswachstums außer kraft gesetzt. für sperrgebiete braucht man keine eintrittskarten; und ihre enteignung ist ein leichtes. die einzige hoffnung besteht darin, dass es so viele ungeimpfte (ugi) gibt, dass es nicht mehr möglich ist, sie alle ob ihrer vielzahl denunzieren zu können. angst als versuch zu einem kommunalen schweigen und einer allgemeinen handlungsunfähigkeit. ge-horchen – oder durch das virus sterben… repressalien, erschwernisse, absper-rungen, wasserwerfer, knüppel & tränengas. es ist wahrlich zum weinen. eine gesell-schaft ist gespalten. das porzellan ist zerschlagen. der wille soll gebrochen werden. ein virus verleiht autorität; mutationen noch dazu eine moralische. hört auf damit! es hat noch gar nicht angefangen? wir wollen so leben, wie wir zuvor gelebt haben. wir lassen uns unseren willen zur befreiung der freiheit nicht durch politische repres-salien brechen. es darf nicht sein, dass durch repressalien proteste in kriegsge-schehen verwandelt werden; und dass beobachter & kritiker beseitigt werden. re-pression darf nicht dazu führen, dass ein virus zu king-kong mutiert. die zukunft darf nicht unterdrückt werden. pandemien dürfen nicht durch kriseneuphorie zum aus-bruch kommen. eine krise darf nicht die freiheit ersetzen! revolutionäre werden in die hallen der politik eindringen. der krieg findet in friedenszeiten statt. keine papiertoten auf hölzernen beinen und mutationen mit totenmasken. ein ende der vertuschungs-szenarien. ein ende der unvernunft; und der repressalien. am ende kein mn-schutz mehr beim schlafen. offene parkanlagen, waldränder, streuobstwiesen, offene sperr-gebiete, balkon- & zimmertüren. in der erkenntnislehre ist das kriterium kennzeichen für die wahr- oder falschheit eines satzes. wahrheit sei das sein desjenigen seienden, das wahr genannt wird; sagen die philosophen. was aber sagen sie zu der tatsache der immer wieder aufs neue mit füßen getretenen wahrhaftigkeit? wahrhaftig haben die lügner die wahrhaftigen schon overruled. szenarios gibt es genug; um nicht von wahn & schizophrenie überrollt zu werden. scheint wirklich nur mehr eine revolution dem ganzen irrsinn noch ein ende bereiten zu können?

*

© 2022 Heinz Erich Hengel (Text & Bild)
Alle Rechte vorbehalten

Christian Roßtäuscher

Von Susanne Ulrike Maria Albrecht

Noch zu Napoleons Zeiten wurde im Jahre 1805 Christian Roßtäuscher außerhalb der damaligen Zweibrücker Stadtgrenze geboren. Sein Vater, Valentin Roßtäuscher, war aus Thüringen nach Zweibrücken gekommen und arbeitete als Zimmermann und Flößer. Die Mutter hieß Elisabeth, geborene Brennemann. Seinen Vater verlor der junge Christian schon mit neun Jahren. Er starb an der vom zurückflutenden französischen Heer mitgebrachten „Kriegsseuche“, welcher damals viele Zweibrücker Bürger erlagen.

Die frühe künstlerische Begabung von Christian Roßtäuscher wurde vom ehemaligen Zweibrücker Hofmaler Christian von Mannlich bei seinem längeren Aufenthalt 1818 in der Herzogstadt erkannt und gefördert. Der junge Roßtäuscher kannte die mit nazarenischem Anklang gemalten Spätwerke Mannlichs in seiner Heimatstadt.

Wie jeden aufstrebenden jungen Künstler zog es Christian Roßtäuscher nach München, der bayerischen und damit auch pfälzischen Hauptstadt. Die Vorbilder Mannlichs im Gedächtnis war es ganz folgerichtig, dass er zu Peter von Cornelius an die Kunstakademie zur Ausbildung kam. Peter von Cornelius, 1783 in Düsseldorf geboren, schloss sich 1811 in Rom den Nazarenern an, einer Gruppe deutscher Maler, welche als ihr Ideal die religiöse und altdeutsche Kunst verstanden. Er wurde 1819 nach München berufen und war dort von 1824 bis zu seiner Berufung nach Berlin 1841 Direktor der Kunstakademie. Unter seiner Ausbildung wagte sich der junge Christian Roßtäuscher an die Ausführung eines großen christlichen Kultbildes „Die Darstellung Jesus“. Das verschollene Gemälde stellt sechs Personen dar: Den Heiland, Maria, Maria Magdalena und im Hintergrund die drei Lieblingsjünger von Jesus.

Wie Christian Roßtäuscher selbst über die später oft verächtlich behandelten Bilder religiösen Inhalts dachte, zeigt eine Tagebucheintragung: „Sind es die Zeitverhältnisse oder der religiöse Sinn, Geschmack oder Charakter des Publikums, dass es solche Sachen liebt, die unterhalten, romanhaft, modisch, närrisch, witzig sind und überhaupt ein effektvoll oberflächliches Ganze haben, Nußknackergeschichten oder eine Landschaft voll Ochsen und Esel? Wenn nur die Sache keine ernste Seite hat, die Verstand und Herz in Anspruch nimmt, so findet sie Tausende dieser gefühlvollen, zarterweichten Brünettenbeschauer als Verehrer.“

Aufgrund der hohen Qualität dieses Gemäldes hat König Ludwig I. dem jungen Maler Christian Roßtäuscher ein Stipendium für eine Studienreise nach Rom verliehen.

1835, kurz nach der Fertigstellung des Bildes, starb der begnadete Maler Christian Roßtäuscher auf der Reise nach Rom.

*

© 2022 Susanne Ulrike Maria Albrecht
Alle Rechte vorbehalten

Der Mensch in den unendlichen Weiten des Weltalls – Anmerkungen zu Blaise Pascal

Von Johannes Morschl

„Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich.“ (1)

Die Pensées (Gedanken), jene Sammlung von fragmentarischen Aufzeichnungen des französischen Physikers, Mathematikers, Erfinders, Philosophen und Laientheologen Blaise Pascal (1623 – 1662), berühren uns noch heute durch ihre die Existenz des Menschen in der Welt erhellenden Aussagen. Darunter befinden sich Abschnitte über die Natur des Menschen und über seine Position im Weltall, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

„Was ist der Mensch in der Natur? Ein Nichts im Hinblick auf das Unendliche, ein All im Hinblick auf das Nichts, eine Mitte zwischen dem Nichts und dem All, unendlich weit davon entfernt, die Extreme zu begreifen. Das Ende der Dinge und ihr Anfang sind in einem undurchdringlichen Geheimnis unüberwindlich für ihn verborgen. Er ist ebenso unfähig, das Nichts zu sehen, aus dem er gezogen ist, wie die Unendlichkeit, von der er verschlungen ist.“ (2)

Der Mensch befindet sich zwischen zwei Unendlichkeiten, – der des Mikrokosmos und der des Weltalls. Zu Pascals Zeit konnte man mit den ersten Lichtmikroskopen (um 1600 in den Niederlanden erfunden) die für das menschliche Auge ohne Hilfsmittel unsichtbare Welt des Mikrokosmos sichtbar machen und es offenbarten sich neue Welten im Winzigen. Ebenso konnte man mit den ersten astronomischen Teleskopen viel tiefer und genauer, als es dem menschlichen Auge bis dahin möglich war, in das Weltall schauen, und konnte eine Ahnung von dessen schier unendlichen Größe mit seinen unzähligen Himmelskörpern bekommen. Galileo Galilei (1564 – 1642) und Johannes Kepler (1571 – 1630) waren die ersten Anwender der Teleskop-Astronomie. So erscheint der Mensch als ein „All im Hinblick auf das Nichts“ und ein „Nichts im Hinblick auf das All“, der weder den Mikrokosmos mit seinen immer noch kleineren Teilchen, noch die Unendlichkeit des Alls bis in seine letzten Gründe erfassen kann.

Die Unendlichkeiten im Winzigen wie im Kosmischen haben sich durch unser heutiges Wissen noch vervielfacht. Die moderne Physik hat immer kleinere Teilchen entdeckt, angefangen von den Atomen, aus denen die Materie zusammengesetzt ist, und die wiederum aus Protonen, Neutronen und Elektronen bestehen, bis hin zu den Elementarteilchen und Antiteilchen der kosmischen Strahlung, zu den Quarks, Leptonen, Hadronen, usw. Aber mit jeder neuen Entdeckung entstanden und entstehen neue Fragen. Mit den heutigen Weltraumteleskopen können wir tiefer als je zuvor in die Raumzeit des Weltalls blicken, und wir wissen inzwischen, dass es Milliarden von Galaxien gibt. Über das Universum gibt es heute unterschiedliche Theorien bezüglich seiner Gestalt und Ausdehnung, die in der Regel von der Urknall-Theorie als Erklärung für seine Entstehung ausgehen, also für die Entstehung von Raum und Zeit aus einer Anfangssingularität, in der Raum und Zeit noch nicht vorhanden sind. Auch wenn der Mensch in seinen kleinsten Teilchen aus Sternenstaub besteht und insofern eins mit der kosmischen Materie ist, so ist er in seiner besonderen Gestalt als Landtreter auf der Oberfläche seines Heimatplaneten Erde nahezu ein Nichts im Universum.

So wie die Wissenschaftler heute – etwa in der Astrophysik oder in der biologischen
Entschlüsselung der Formbildungen von Lebewesen – mit jedem neuen Wissen auf neue Fragen, Rätsel und Grenzen stoßen, so erging es auch den Gelehrten und Wissenschaftlern des 17. Jahrhunderts, in dem es zu einem wissenschaftlichen und technischen Aufbruch kam, den wir als den Beginn der Moderne bezeichnen können. Pascal erlebte diese Grenzen in seinen Forschungen als Physiker und Mathematiker (3), und erkannte, dass das wissenschaftliche und philosophische Streben nach einem letzten Grund des Seins zum Scheitern verurteilt ist.

„Wo immer wir an eine Grenze zu geraten und festen Fuß zu fassen vermeinen, gerät sie in Bewegung und entgleitet uns; wenn wir ihr folgen, entzieht sie sich unserm Griff, entschwindet uns, in ewiger Flucht vor uns. Nichts bleibt vor uns stehen. Das ist der Zustand, der uns natürlich ist und trotzdem zu unseren Neigungen im größten Widerspruch steht; wir verbrennen vor Sehnsucht, einen festen Ort und ein endgültiges bleibendes Fundament zu finden, um einen Turm darauf zu erbauen, der sich bis ins Unendliche erhebt; aber alle unsere Fundamente bersten und die Erde tut ihre Abgründe auf.

Suchen wir also weder Sicherheit noch Festigkeit: Unsere Vernunft wird von der Unbeständigkeit der Erscheinungen beständig betrogen; nichts kann dem Endlichen zwischen jenen beiden Unendlichkeiten, die es umschließen und die ihm entgleiten, einen festen Standort verleihen.“ (4) Und „der geringe Anteil, den wir am Sein haben, verhüllt uns den Anblick des Unendlichen.“ (5)

Der Mensch befindet sich als endliches Geschöpf der Evolution in einer bodenlosen Situation zwischen Nichts und Unendlichkeit. Es gibt für ihn keine Sicherheit, kein festes Fundament für seine Existenz. Er kann sich Sicherheit auch nicht mit seiner Vernunft verschaffen, „die von der Unbeständigkeit der Erscheinungen ständig betrogen“ wird. Diese letztlich bodenlose Situation des Menschen wird im 20. Jahrhundert Martin Heidegger in Sein und Zeit (1926) als die existenzielle Ungeborgenheit des Menschen beschreiben, der er auch nicht durch seine zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften entgehen kann. Die Angst vor dem Tod als unbestimmte Angst vor dem Nichts verweist ihn auf eine unüberbrückbare Ungeborgenheit in der Welt. (6)

Pascals Sichtweise, dass der geringe Anteil, den wir am Sein haben, uns den Anblick des Unendlichen verhüllt, und dass unsere Vernunft von der Unbeständigkeit der Erscheinungen ständig betrogen wird, führt uns zur Reflexion des menschlichen Erkenntnisvermögens. Was können wir überhaupt erkennen und inwiefern geben unsere Erkenntnisse, seien sie nun durch die sinnliche Wahrnehmung oder durch das Denken gewonnen, die objektive Realität wieder? George Berkeley (1685 – 1753) und Immanuel Kant (1724 – 1804) sagten, dass es kein Objekt ohne erkennendes Subjekt gibt. Die körperliche Welt würde ohne erkennendes Subjekt wegfallen. Später heißt es bei Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) in Die Welt als Wille und Vorstellung, dass die Welt, wie wir sie wahrnehmen und wie sie in unser Bewusstsein tritt, nur in unserer Vorstellung existiert. Wir können nur in der uns spezifischen Art und Weise erkennen, d.h. in Ursachen und Wirkungen. Das Kausalitätsprinzip liegt demnach nicht in der Natur, sondern ist unsere Art und Weise, Vorgängen in der Natur einen Sinn zu geben, den sie an sich nicht haben. Schopenhauer stimmte insofern mit Pascal überein, als er sagte, dass wir innerhalb der Schranken unseres Wahrnehmungs- und Denkvermögens zwar zu einem gewissen Verständnis der Welt gelangen können, „ohne jedoch eine abgeschlossene und alle ferneren Probleme aufhebende Erklärung ihres Daseins zu erreichen.“ (7)

Pascals Aussage, dass der geringe Teil, den wir am Sein haben, uns den Anblick des Unendlichen verhüllt, verweist nicht nur auf die Grenzen unseres Erkennens, sondern ist bei ihm auch theologisch zu verstehen. Für ihn konnte nur Gott die letzte Ursache sein. Gott, der Schöpfer des Universums, entzieht sich aber unserer Erkenntnis, bleibt uns verborgen, ist uns ein „verborgener Gott“ (8), der nur mit dem Herzen, nicht aber mit der Vernunft gefunden werden kann. Man könnte von einem Versteckspiel Gottes sprechen: Er entzieht sich den Rationalisten und offenbart sich nur einigen leidenschaftlichen Suchern. (9) Für Pascal bestand der einzig mögliche Weg, mit der Endlichkeit, Unsicherheit und Beschränktheit der menschlichen Existenz leben zu können, in der Suche nach dem verborgenen Gott, in der Suche nach Zeichen, die dieser verborgene Gott in die Welt gesetzt hat.

„Was in ihr (der Welt) sichtbar wird, beweist weder die völlige Abwesenheit, noch die offenbare Gegenwart einer Göttlichkeit, sondern die Gegenwart eines Gottes, der sich verbirgt.“ (10) Gott entzieht sich dem Verstand, kann verstandesmäßig nicht erfasst werden. (11) Gott kann nur mit dem Herzen gefunden werden. Mit dem Verstand können wir unsere Grenzen erkennen und wir können erkennen, Gott verloren zu haben. Erst wenn wir erkannt haben, Gott verloren zu haben, im Herzen aber die Sehnsucht nach Gott, die Öffnung zu Gott da ist, können wir ihn suchen. Pascal widersprach aber den Mystikern, die sagten, man könne die Vereinigung mit Gott, die Unio mystica, durch Abgeschiedenheit und geistliche Übungen herbeiführen. Diese Vereinigung geschieht aber nur in unserer Einbildung, ist eine selbst suggerierte Vereinigung mit Gott. Unser Wille und unsere Vorstellungskraft können nur immanent etwas bewirken. Sie haben keine unsere Endlichkeit überschreitende Wirkkraft zum Göttlichen hin. Laut Pascal können nicht wir uns mit Gott vereinen, aber Gott kann sich mit uns vereinen. Er offenbart sich denen, die ihn mit dem Herzen suchen. Er zeigt sich den Suchenden in Zeichen, die Chiffren seiner verborgenen Anwesenheit sind. Er kommt zu uns, nicht wir kommen zu ihm. (12)

Auch wenn für Pascal Gott ein verborgener, sich dem Menschen entziehender Gott ist, so ist für ihn das Annehmen-Können der eigenen endlichen, winzigen Existenz im Weltall nur sinnvoll möglich, wenn wir uns als Gottes Geschöpfe erkennen. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts verkündete der sächsische Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche, der sein Leben lang mit dem Christentum gerungen hat: „Gott ist tot.“ Bei ihm ist Gott nicht mehr verborgen, sondern endgültig verschwunden. Der Begründer des Existenzialismus Jean-Paul Sartre sagte 1945, wenn Gott nicht existiert, ist der Mensch verlassen und frei, – frei von vorgegebenen höheren Werten und moralischen Anweisungen. Er findet außerhalb von sich keine Entschuldigungen mehr für sein Verhalten. Es gibt keine Gnade Gottes. „Wir sind allein, ohne Entschuldigungen. Das möchte ich mit den Worten ausdrücken: der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für all das verantwortlich ist, was er tut.“ (13) Der Mensch findet auf der Erde kein göttliches Zeichen, das ihm Richtung weisen kann, wie noch Pascal glaubte. Und wenn der Mensch behauptet, eines gefunden zu haben, so ist dies bloß seine Einbildung. Der Mensch ist nach Sartre „in jedem Augenblick, ohne Halt und ohne Hilfe, dazu verurteilt, den Menschen zu erfinden.“ (14) Es gibt für den atheistischen Existenzialismus keinen höheren Sinn mehr. Die Existenz des Menschen, die Natur, der Kosmos sind an sich sinnlos, d.h. sie können auf keine äußere Sinn-Hierarchie bezogen werden, so wie dies in den früheren, noch nicht entzauberten Jahrhunderten noch möglich war, etwa nach dem Motto: Nach oben hin zum Göttlichen wird es immer lichter und reiner, nach unten hin zum Materiellen immer finsterer und schmutziger (z.B. bei Plotin in den Enneaden).

Die existenzialistische Seite bei Pascal, die auf das Geworfen-sein in die Welt bei Heidegger und Sartre, auf das Zu-sein-haben bei Heidegger und das Verurteilt-sein zur Freiheit bei Sartre vorwegweist, ist jene Seite, in der er drastisch die Verlorenheit und Einsamkeit des Menschen in den unendlichen Weiten des Weltalls beschreibt. Der Mensch weiß allerdings von seiner Sterblichkeit und Verlorenheit. Dieses Wissen ist ein erschreckendes und doch auch ein selbstbewusstes Wissen.

„Wenn ich die Verblendung und das Elend des Menschen sehe, wenn ich das ganze stumme Weltall betrachte und den Menschen: Ohne Licht, sich selbst überlassen und verirrt in diesem Winkel des Weltalls, ohne zu wissen, wer ihn dahin gestellt hat, wozu er dahin geraten ist, was aus ihm werden wird, wenn er stirbt, unfähig jeder Erkenntnis – kommt das Entsetzen über mich, wie über einen Menschen, den man schlafend auf eine verlassene und furchtbare Insel getragen hat, und der erwacht, ohne zu erkennen, wo er ist, und ohne Möglichkeit, sie wieder zu verlassen.“ (15)

„Ich sehe diese furchtbaren Räume des Weltalls, die mich umschließen, und ich finde mich in einem Winkel dieser unermesslichen Ausdehnung gebunden, ohne zu wissen, warum ich gerade an diesen Ort gestellt bin und nicht an einen anderen, noch warum mir die kleine Zeitspanne, die mir zum Leben gegeben ist, gerade an diesem und nicht an einem anderen Punkt der ganzen Ewigkeit zugeordnet ist: der Ewigkeit, die mir vorangegangen ist, und jener, die mir folgt. Ich sehe auf allen Seiten nur Unendlichkeiten, die mich umschließen wie ein Atom und wie einen Schatten, der nur einen Augenblick dauert und nicht wiederkehrt. Alles, was ich weiß, ist, dass ich bald sterben muss, aber was ich am allerwenigsten kenne, ist dieser Tod selbst, dem ich nicht entgehen kann.“ (16)

„Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste der Natur; aber er ist ein denkendes Schilfrohr. Es ist nicht nötig, dass das ganze Weltall sich waffne, ihn zu zermalmen. Ein Dampf, ein Wassertropfen genügen, um ihn zu töten. Aber wenn das Weltall ihn zermalmte, so wäre der Mensch noch edler als das, was ihn tötet, denn er weiß, dass er stirbt, und kennt die Überlegenheit, die das Weltall über ihn hat; das Weltall weiß nichts davon.“ (17)

Der Mensch, jenes winzige Lebewesen in den unendlichen Weiten des Weltalls, versucht der einzigen absolut feststehenden Tatsache seines Schicksals, nämlich der seines Todes, zu entfliehen. Er flieht in die Zerstreuung. Später heißt es bei Heidegger, er flieht in das „man“ der Öffentlichkeit, in die Scheinsicherheit der Zivilisation und Kultur. Letztlich gibt es aber keine Sicherheit, keine Zuhause angesichts des Abgrunds des Todes. Jacques Attali schreibt in der Einleitung zu seiner Pascal-Biographie: „Er (Pascal) war einer der ersten, die aus der Vergänglichkeit des menschlichen Daseins den Grund für das Verhalten der Menschen ableiteten und vorhersahen, dass die Angst vor dem Tod die Flucht in Zerstreuungen und Gleichgültigkeit bewirkt – heute würde man es oberflächliche Unterhaltung und beliebig-narzisstischen Individualismus bezeichnen.“ (18) Pascal war in dieser Hinsicht auch ein Vordenker der neueren Psychotherapie, die – wie z.B. bei dem durch seine Romane international bekannt gewordenen Psychotherapeuten Irvin D. Yalom – davon ausgeht, dass die Angst vor dem Tod sich letztlich hinter allen neurotischen Ängsten und vielen anderen psychischen Störungen verbirgt.

Bei Pascal finden sich auch Gedanken, die wir im psychologischen Denken Nietzsches und Freuds wiederfinden. Er sah den Menschen als ein Doppelwesen, hin und her gerissen zwischen Leidenschaften und Vernunft: „Der innere Krieg des Menschen zwischen der Vernunft und den Leidenschaften: Wenn es nur die Vernunft gäbe, ohne die Leidenschaften… Wenn es nur die Leidenschaften gäbe, ohne die Vernunft… Da es aber beides gibt, kann der Mensch nicht ohne Kampf sein, da er mit dem einen nur Frieden haben kann, wenn er mit dem anderen im Kampf liegt: so ist er immer geteilt und im Widerspruch mit sich selbst.“ (19) Nietzsche sagte, der Mensch ist kein Individuum, sondern ein Dividuum, ein zweigeteiltes Wesen, zerrissen zwischen seiner tierischen Natur und seiner von einem schlechten Gewissen beherrschten Vernunft. Und Freud, der Nietzsche gelesen hat, beschrieb das psychische Drama des Menschen als ständigen Konflikt des bewussten Ichs zwischen den Geboten bzw. Verboten der anerzogenen Moralvorstellungen und den Triebansprüchen.

Die tragische Sicht Pascals auf die Existenz des Menschen im Kosmos hat viel mit seiner Lebenssituation in seinen letzten Jahren zu tun, als sein Vater gestorben ist und seine als Dichterin hochbegabte und von ihm heiß geliebte jüngere Schwester Jacqueline gegen seinen Widerstand in ein Kloster gegangen und ein Jahr vor ihm gestorben ist. Die Mutter hatte Pascal schon im Alter von drei Jahren verloren. Seit seiner Kindheit litt er an schweren Krankheitsanfällen mit schlimmen Kopfschmerzen und anderen somatischen Beschwerden, die immer nach Trennungserlebnissen auftraten. Die Ärzte konnten ihm nicht helfen, aber sie konnten damals ohnehin nahezu niemanden heilen. Der Zusammenhang von Trennungserlebnissen und Krankheitsanfällen lässt bei Pascal auf ein schweres Trennungstrauma schließen, ausgelöst durch den frühen Tod seiner Mutter. Die Trennungen und die Schmerzen scheinen Pascals Geist gegen Ende seines Lebens verdüstert zu haben. In dieser Zeit (etwa 1657 bis 1659) schrieb er die Pensées, die er später zu einem geschlossenen Werk ausarbeiten wollte, wozu er aber nicht mehr kam.

Otto Rank, Schüler und Mitarbeiter Sigmund Freuds und später Dissident der Psychoanalyse, wies darauf hin, dass die Geburt als Verlassen des Mutterleibs auch die Trennung des Menschen vom Einssein mit dem Universum bedeutet. Diese Bedeutung kann auch der frühe Verlust der Mutter bekommen. Die Welt erscheint durch ihren Tod verdüstert. Der indische Prinz Gautama Siddharta, der spätere Buddha (der Erleuchtete, Erwachte), hatte seine Mutter kurz nach der Geburt verloren und predigte später, die Welt sei nichts als Leid. Er rief zum Loslassen von den Anhaftungen an die Welt auf. Dies sei der einzig mögliche Weg zum inneren Frieden. In ähnlicher Weise zog sich Pascal in seinen letzten Jahren immer stärker von der Gesellschaft zurück, verschenkte Geld an die Armen und widmete sich wohltätigen Zwecken.

Pascals tragische Sichtweise ist aber nicht nur psychologisch zu verstehen. Sie entstand vor dem Hintergrund des Dramas der Veränderung des Weltbilds im 16. und 17.Jahrhundert, – der sogenannten kopernikanischen Wende, der Wende vom bis dahin gültigen geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild. Die von dem griechischen Astronomen Claudius Ptolemäus (2. Jh. n. Ch.) aufgestellte Theorie, dass die Erde der unbewegliche Mittelpunkt des Kosmos sei, um den sich alle anderen Himmelskörper in vollkommenen Kreisbahnen bewegen, war bis ins 17. Jahrhundert hinein das offizielle Weltbild der christlichen Theologie, der Philosophie und der Wissenschaften. Dieses Weltbild wurde durch die heliozentrische Theorie von Nikolaus Kopernikus (1473 -1543) widerlegt, die besagt, dass sich die Planeten – also auch die Erde – in Kreisbahnen um die Sonne drehen. Diese Theorie wurde später durch Galileo Galilei (1564 -1642) und durch Johannes Kepler (1571 -1630) mittels Beobachtungen, Experimenten und Neuberechnungen bestätigt und verbessert. So wies Kepler nach, dass sich die Planeten nicht in Kreisbahnen, sondern in Ellipsenbahnen um die Sonne bewegen. Isaac Newton (1642 -1727) begründete dann mit der Aufstellung des Gravitationsgesetzes die Bewegungen der Planeten um die Zentralgestirne.

Standen im geozentrischen Weltbild die Erde und der Mensch im Mittelpunkt des Weltalls, so hat die kopernikanische Wende zu einem radikalen Bedeutungsverlust der Erde und des Menschen im Kosmos geführt. Auch die Position Gottes musste neu gedacht werden. Früher war Gott oben im Himmel. Der Himmel war eine überschaubare Hülle um die Erde und die Menschen herum. Die Welt war noch so, wie sie in der Genesis beschrieben wurde. Diese scheinbar unabänderlich feststehende Ordnung wurde durch die neuen Erkenntnisse über den Kosmos zerstört. Der Gott der Genesis hat sich plötzlich dem Menschen entzogen, und die bis dahin gültige Weltordnung mit ihren Werten und Sinngebungen hat sich in das Chaos eines kalten, teilnahmslosen Weltalls aufgelöst. Dieser gewaltige Verlust, diese Wende von einer göttlich-kosmischen Ordnung, mit der Erde und dem Menschen im Zentrum, zu den schier unendlichen Raum- und Sternwüsten eines völlig unbekannten Weltalls erzeugte eine tiefe Erschütterung und Angst, wie sie keiner jener früheren Gelehrten, Philosophen und Theologen so klar und dramatisch zum Ausdruck gebracht hat wie Blaise Pascal.

Quellennachweise und Anmerkungen:

(1) Blaise Pascal, Gedanken / Fragment 314, nach der endgültigen Ausgabe übertragen von Wolfgang Rüttenauer, Verlag Schibli-Doppler Birsfelden-Basel, Lizenzausgabe des Verlages Schünemann KG, Bremen (Sammlung Dietrich), ohne Jahresangabe, S. 150

(2) Ebenda, Fragment 313, S.149

(3) Pascal, der als Zehnjähriger ohne Unterrichtskenntnisse Gesetze der euklidischen Geometrie nochmals entdeckte und seinem Vater darstellte, und der als Zwölfjähriger auf Betreiben seines Vaters zu den Sitzungen der Academia Parisiensis, einer Versammlung von Gelehrten und Geistlichen, als Zuhörer zugelassen wurde, der als Einundzwanzigjähriger die erste Rechenmaschine konstruierte, die addieren, subtrahieren und multiplizieren konnte, der als Fünfundzwanzigjähriger, ausgehend von den Versuchen des Physikers und Mathematikers Evangelista Torricelli (1608 -1647), endgültig den Atmosphärendruck experimentell bewies, also die physikalische Tatsache, dass Luft ein bestimmtes, wenn auch geringes Eigengewicht hat, und damit die bisherige Theorie von der Gewichtlosigkeit der Luft widerlegte, der als Einunddreißigjähriger, ausgehend vom Glücksspiel in den adeligen Kreisen, in denen er verkehrte, die Wahrscheinlichkeitsrechnung entwickelte, der sich später mit der Berechnung der Volumen von rotierenden Kurven beschäftigte, wozu er eine Abhandlung schrieb, die Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) zur Entwicklung der Differential- und Integralrechnung inspiriert hat, – dieser leidenschaftliche Physiker und Mathematiker wusste, wovon er sprach, wenn er die Begrenztheit des Menschen und insbesondere auch die der menschlichen Vernunft aufdeckte, denn es handelte sich um Grenzen, an die er selbst immer wieder gestoßen war.

(4) Ebenda, Fragment 315, S.152/153

(5) Ebenda, Fragment 315, S.151

(6) Zu Heidegger darf nicht unerwähnt bleiben, dass er 1932 in die NSDAP eingetreten war. Heidegger war also kein „Märzgefallener“ wie z.B. der Staatsrechtler und politische Philosoph Carl Schmitt, der ursprünglich zu den konservativen Gegnern einer Kanzlerschaft Hitlers gehört hatte, sondern war schon vor März 1933, als Hitler an die Macht kam, überzeugter Nazi. Er attestierte den Nazis „Seinsentschlossenheit“, sie waren ihm aber diesbezüglich zu wenig radikal. Er war auch radikaler Antisemit, wie es in drastischer Art und Weise aus seinen Schwarzen Heften hervorgeht. (Zu Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus empfehle ich das Buch von Victor Farias, Heidegger und der Nationalsozialismus, Philo Verlag, Berlin 2000. Auch möchte ich in diesem Zusammenhang auf den Artikel „Philosophisches Gefälligkeitsgutachten? Konrad Liessmann im ORF über Martin Heidegger“ in der September-Ausgabe 2021 der österreichischen Zeitschrift ZWISCHENWELT- Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstands hinweisen).

(7) Zit. aus: Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Erster Band, Anhang: Kritik der Kantischen Philosophie / Insel Verlag Frankfurt/Main und Leipzig 1996, S. 586

(8) Der verborgene Gott (lt. Deus absconditus) spielt in der christlichen Theologie bis heute eine Rolle, so in der Betroffenheit über das, was in den KZs der Nazis geschah. Wo war da Gott? Dabei beziehen sich die Theologen auf eine Stelle beim Propheten Jesajas, 45/15: „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland.“ (Luther-Übersetzung)

(9) Einmal scheint der Physiker und Mathematiker Pascal Gott zu definieren versuchen: „Die unendliche Bewegung; der Punkt, der alles erfüllt; der Augenblick der Ruhe. Unendlich ohne Quantität. Unteilbar und unendlich.“ (Blaise Pascal, Gedanken, Fragment 93, S.49) Dies erinnert daran, wie heute Astrophysiker die Anfangssingularität vor dem Big Bang zu beschreiben versuchen.

(10) Blaise Pascal, Gedanken, Fragment 341, S. 176

(11) Vom verborgenen Gott zum verborgenen Sein: Bei Heidegger, der sich von Gott und der katholischen Kirche losgelöst hat, tritt an die Stelle Gottes das Sein, das sich, indem es sich als Da-Sein zeigt, dem da-seienden Menschen verbirgt. Heidegger unterscheidet dabei zwischen Sein und Dasein. Dasein ist Vorhandensein. Sein ist das, was das Dasein trägt, hervorbringt und zurücknimmt. Sein kann philosophisch letztlich nicht erfasst werden. Um sich dem Sein annähern zu können, müsse sich das philosophische Denken der Dichtung annähern, selbst zu einer Art philosophischer Dichtung werden.

(12) Pascal war wie sein Vater Etienne, seine ältere Schwester Gilberte und seine jüngere Lieblingsschwester Jacqueline ein Anhänger des Jansenismus, einer nach dem niederländischen Theologen und Bischof Cornelius Jansen (Jansenius) benannten religiösen Erneuerungsbewegung innerhalb der französischen katholischen Kirche. Die Jansenisten vertraten eine strenge, an Augustinus orientierte Gnadenlehre, nämlich dass Gott jene, denen er die Gnade des ewigen Lebens nach dem Tod erteilt, von Geburt an auserwählt hat. Diese Gnadenlehre erinnert an die Prädestinationslehre des Reformators Johannes Calvin und trug den Jansenisten von Seiten der Jesuiten den Vorwurf ein, verkappte Protestanten und Kirchenspalter zu sein. Die Jansenisten predigten den Verzicht auf Reichtum, das Praktizieren von Nächstenliebe unter den Armen und Bedürftigen, den Rückzug vom Trubel der Welt und die innere Besinnung, die mit Hilfe sogenannter Gewissenslenker unterstützt wurde, die spirituelle Begleiter und Ratgeber waren. Die Jansenisten kritisierten die sogenannten Kasuisten aus den Reihen der damals am königlichen Hof in Frankreich und beim Papst in Rom sehr einflussreichen Jesuiten. Die Kasuisten erfanden spitzfindige Argumente, um auch schwere Schuld zu entschuldigen und mittels der Beichte zu vergeben. Zwischen Jesuiten und Jansenisten tobte eine heftige Auseinandersetzung, in die auch Pascal involviert war, der für seinen jansenistischen Freund Arnaud unter einem Pseudonym Verteidigungsschriften verfasste, die großes Aufsehen erregten. (Siehe dazu die empfehlenswerte Pascal-Biographie von Jacques Attali: Blaise Pascal – Biographie eines Genies, Klett-Cotta, Stuttgart 2006, im Original: Blaise Pascal ou le génie francais, Verlag Fayard 2000).

(13) Jean-Paul Sartre, Der Existentialismus ist ein Humanismus, aus: Der Existentialismus ist ein Humanismus und andere philosophische Essays, 1943-1948 / Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2. Auflage April 2002, S.155

(14) Ebenda, S.155

(15) Blaise Pascal, Gedanken, siehe oben, Fragment 354, S.183

(16) Ebenda, Die Apologie der christlichen Religion, S.5

(17) Ebenda, Fragment 128, S.61 / An die Zitate (15) und (16) knüpft Hans Jonas im Epilog seines Buchs Gnosis – Die Botschaft des fremden Gottes (1957) an und stellt fest, dass sich bei Pascal das existenzialistische Grundgefühl des Verlorenseins, des Unzuhauseseins in der Welt ankündigt. Jonas bringt in dem Epilog den Existenzialismus mit der spätantiken Gnosis in Verbindung. Diesen Zusammenhang halte ich für zu konstruiert. Ich sehe gnostische, leib- und weltfeindliche Vorstellungen viel eher bis heute im Christentum und in der heutigen Esoterik-Szene weiterwirken. Der atheistische Existenzialismus von Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus hat nichts mit der Weltfeindlichkeit der spätantiken Gnosis zu tun. Er ist im Gegenteil der Welt und den leiblichen Menschen zugewandt. Dies trug ihm z.B. von dem protestantisch geprägten Existenzphilosophen Karl Jaspers den Vorwurf ein, sich nur in der Immanenz der Welt zu bewegen und die Transzendenz zu übersehen.

(18) Jacques Attali, Blaise Pascal – Biographie eines Genies / Klett-Cotta, Stuttgart 2006, S.15

(19) Blaise Pascal, Gedanken, siehe oben, Fragment 137, S.63

*

© 2022 Johannes Morschl
Alle Rechte vorbehalten

Toter Punkt

Von Ellen Marion Maybell

Toter Punkt.
Von wegen.
Ich hab keinen toten Punkt.
Der stellt sich manchmal nur leicht tot.
Auch wenn so manche Unke unkt.
Der braucht den Angriff wie das Brot.
Der ist quicklebendig.
Sehr behendig.
Und sehr wendig.
Sehr verwegen,
der muss nicht lange überlegen.
Der ist schweine-drauf.
Drückste drauf, geht der auf.
Sprüht nur so vor Energie.
Brüllt ATTACKE.
Aber wie.

Ran an den Feind.
Nur der ihn kennt,
weiß brennend heiß,
dass hier im Schweiß
die Sonne scheint.
Wie sie stieben dann die Funken.
Im Wild-Gelüst der lüsten Unken.

Ist wie im KRIEG.
In Lust auf Sieg.
Kriegste niemals nie davon GENUCH.
Und der Feind stöhnt: Gottchen. HUCH.
Machs doch – öfter Angriff wagen.
Herrlich, so ne Schlacht zu schlagen.

Wie beim roten Telefon.
Scheiß doch auf den guten Ton.
Wenn das läutet,
Zwiebel häutet.
Und die Bombe wird gezündet.
Wichtig nur,
dass die wer findet.
Ist ganz einfach: Strategie.
Für den Wisser – Wo und WIE.

.
Und genau das ist der Punkt.
Und bei diesem seh ich rot,
seh ich all die kleinen Racker,
ist der Punkt zwar da, doch tot.
Ist der denn so schwer zu finden
im Gefühleüberwinden.

Und genau das ist der Mist.
Kaum einer weiß es, wo der ist.

*

© 2022 Ellen Marion Maybell
Alle Rechte vorbehalten

John Lennon meinte einst (ein Aufhänger für eine kleine Gedankenfolge)

Von Marek Födisch

John Lennon meinte einst: Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne im Kopf hast. Ein Ja darauf kann wohl jede und jeder darauf erwidern, was nicht heißen soll, dass Wünsche, Träume und geschmiedete Pläne per se nicht aufgehen können. Dennoch scheint die Schmiede hinter der Stirn unablässig, mit Ausnahme beim Tiefschlaf, in Betrieb zu sein, wo sich der Schmied das Material der Vergangenheit, also bereits Gesehenes, Erkanntes, Gehörtes, Empfundenes und Erinnertes zum eigenen (vermeintlichen) Nutzen, unter Mithilfe feurigem Eifers und schlagfertiger Argumentation, zurechtbiegt, um das Offene und allenfalls Ungefähre einer nicht bestimmbaren Zukunft, die Angst auslösen mag, in eine erdachte bzw. ersehnte Gestalt und Größe zu bringen, während dabei die Gegenwart, das blanke Jetzt, in einem gewissen Sinne unbemerkt bleibt. Das ausgerufene Ja! bezüglich der Lennonschen Aussage liegt daher, um beim Bilde zu bleiben, wehrlos auf dem Amboss, und die Hammerschläge erfolgen entweder mit unbewusster oder bewusster Wucht, aus unterschiedlichen Kräften oder gar Motiven heraus. Ein revolutionärer bzw. spiritueller Geist mag zwar jetzt behaupten, er lege es darauf an, keine eigenen großartigen Pläne oder Wünsche haben zu wollen, oder zu brauchen, doch eben diese Intention führt sein Vorhaben und Statement geradezu ad absurdum, da sofort im Hintergrund jener Antipode mit dem Hammer aus dem glutheißen Schatten tritt. Aus diesem Widerspruch im Menschen aber, der nicht auflösbar scheint, der uns zwischen den inneren Polen in Bewegung bringt, in Aufruhr versetzt, entstehen nun mal, wie wir wissen, sämtliche Stoffe für Lieder und Verse, für Bühnenstücke, insbesondere die des eigenen Alltags. Kunst bzw. Lebenskunst fungiert für mich als bereitwillige Zeugin zur Offenlegung der Lage, als Gradmesser der Wellenstärke konzentrischer Kreise, wodurch ein temporärer Erkenntnisgewinn zumindest in Aussicht steht in Folge bereits begangener Schritte, Fehlsprünge, welche mit Irrungen, also mit einer aus dem persönlichen Tunnelblick resultierenden Vehemenz, einhergegangen sind. Erkennbar wird damit durchaus, dass Pläne und Konzepte (inklusive mannigfaltiger Selbst- und Fremdbilder), gemessen an den ihnen vorab zugestandenen „Wahrheiten“, oftmals trügerisch sind. Und gerade weil diese unsere Schleier, die indische Philosophie verwendet den Begriff Maya, so verführerisch sind, da sie uns wegführen von dem, was gerade ist, jetzt anliegt und mitunter schmerzhaft ansteht. Genau deshalb greifen wir auf das altbewährte Mittel zurück, nämlich: in die Vergangenheit und/oder Zukunft zu flüchten.
Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne im Kopf hast. Mein Ja darauf mit einer Tasse Mokka! Den Kaffeesatz lese ich mir nicht zurecht.

*

© 2022 Marek Födisch
Alle Rechte vorbehalten

Ein Meer von Blumen

Von Susanne Ulrike Maria Albrecht

Unser aller Stolz, ein Park wie kein anderer; Kulturpark „Europas Rosengarten“. Er wurde im Juni 1914 von Prinzessin Hildegard von Bayern eröffnet. Rosenfreunde, allen voran der Landschaftsgärtnermeister Ludwig Stengel aus der Herzogstadt haben die prachtvolle Anlage geschaffen, die mitten in der Stadt liegt. „Europas Rosengarten“ ist eine Parkanlage ganz besonderer Art. In stilvoll gestalteter Umgebung von Gehölzen und Pflanzen, Teichen und Weihern, werden auf fünfzigtausend Quadratmeter über sechzigtausend Rosen in zweitausend verschiedenen Sorten vorgestellt.
Ein Meer von Blumen!
Gibt es etwas schöneres als die Stadt Zweibrücken? Oder den Rosengarten? Dieser betörende Duft der mit dem Beginn der Rosenblüte zu einem blumigen Spaziergang einlädt … Den Besuchern des Kulturpark „Europas Rosengarten“ begegnen die neuesten und ältesten, die seltensten und die prächtigsten Rosen international renommierter Züchter. Auf dem Gelände der ehemaligen herzoglichen Gärten können sich Gartenfreunde wertvolle Anregungen holen und sich über die vielartigen Rosensorten freuen. Ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm bietet für jeden Geschmack etwas und macht den Garten zu einem besonderen Anziehungspunkt. Nach einem ausgiebigen Spaziergang durch ein Meer von farbenfrohen Blüten, lädt eine sehr gepflegte Cafeterrasse in stilvoller Atmosphäre, die in den Rosengarten integriert ist zum Verweilen ein. Wem das noch nicht genügt kann sich aufmachen in ein lebendiges Rosenmuseum: Der Wildrosengarten. Über den fast drei Kilometer langen Spazierweg ist der Kulturpark mit dem Wildrosengarten im Naherholungsgebiet Fasanerie verbunden.
So hatte Ludwig Stengel mit dem Rosengarten ein Paradies für Pflanzen, Tiere, Menschen und alle Lebewesen geschaffen.

*

© 2022 Susanne Ulrike Maria Albrecht
Alle Rechte vorbehalten

Susanne Ulrike Maria Albrecht hat bereits zahlreiche Werke veröffentlicht und wurde mehrfach ausgezeichnet. Beim vierten internationalen Wettbewerb „Märchen heute“ belegte sie den ersten Platz.

Deutschland und die Frauen

Von Lydia Kraft

Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Zumindest Global betrachtet. Im Inneren Deutschlands macht sich in weiten Teilen der Bevölkerung die Armut breit die dann vor allem bzw. am härtesten Kinder und Frauen trifft. Wie komisch, dass es immer die Gleichen am härtesten trifft. Alleinerziehende und Singelfrauen, scheinen der Hauptfeind für die herrschenden Zustände zu sein denn sie bekommen kaum Unterstützung vom Staat und erhalten auch kaum noch Förderungen, um sich angemessen in unsere Arbeitskultur zu integrieren. Mehr Kultur gibt es seid Corona nicht mehr, um Kurzweil und Erbauung muss sich jetzt jeder im Privaten selber drum kümmern was dann, unterm Strich wieder eine Frage der Finanziellen Möglichkeiten ist. Die inneren Grenzen der herrschenden Gesellschaft. Na, vielleicht dürfen wir ja Silvester gemeinsam auf der Bannmeile feiern, mehr Partys sieht der Staat für uns ja sowieso nicht mehr vor. Vielleicht weil Angela Merkel selber nicht so viele Partys schmeißt, vielleicht weil der Systemwandel noch was mit uns vorhat. Sicher was ganz Großes, zumindest seid der Ballerman auf Mallorca geschlossen wurde, muss man sich Fragen wo sollen wir hin mit unserer Freude und dem Drang nach Leben. Aggressionen können nicht mehr abgebaut werden und stauen sich auf. Dass es der Staat ist der uns einengt ist offensichtlich aber nicht für jeden Mann erkennbar, besonders deutsch-katholische Männer, scheinen sich in Allmachtsphantasien zu verlieren und bringen Not und Elend über das Land weil sie nicht in der Lage sind ihre Wut und Aggression genau zu Analysieren und Kontrollieren, Selbstbeherrschung wird da zur Tugend aber, man muss es Wissen, bei den Katholiken war die Frau von Anbeginn das Übel, da wird selbst der Teufel (hier als Droge) zum Heilsbringer, als dass schlechte Charakterzüge und diese stete Unzufriedenheit zu bewältigen versucht wird.
Dieses Verlangen nach Aggression wird dann, scheint es besonders gerne in deutschen Betten ausgelebt. Egal ob Frau oder Kind, jeder ist mal dran mit seiner Gewalterfahrung, sei es der eigene Vater der Onkel oder irgend so ein Mann. Die Kinder wissen danach nicht mehr was sie denken sollen, verheiratete Frauen fügen sich nur noch devot in ihr Familienleben und Singelfrauen bleiben Singelfrauen und starten ihre Drogenkarriere, manche ein Leben lang. Jeder verharrt in seiner Position weil es kaum noch Hilfe von Außen gibt und die Schreie und Leid durch eine indoktrinierende Ignoranz niemanden erreichen. Die Polizei weiß, erst wenn ein Kind mindestens eine halbe Stunde schreit, liegt eine Gewalttat vor. Das Gesundheits- und Sozialsystem weiß, dass nur das Opfer an sich arbeiten muss, um als Vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu gelten, was dann heißt, dass es sich so viele soziale Kompetenzen aneignet, dass es nicht mehr auffallen kann, in der großen Gesellschaft. Hilfeprogramme und Förderungen gibt es so gut wie keine wenn sich jemand als Vergewaltigungsopfer outet, eher ist das Stigma in Amt und Gesellschaft wieder Salonfähig, dass die Frau doch irgendwie selber dran schuld sein muss. Die Kinder dann wohl auch aber über die wird garnicht erst geredet, außer bei Wildwasser vielleicht. Sie wollten halt nicht richtig oder auch nicht genug. Frau und Kind sind dann, hier in Deutschland nur jede Dritte (in Frankreich jede Fünfte). Die dritte Klasse dann, die nur nicht richtig will und wenn sie will dann gleich zu viel und die andere sexuelle Wege geht, als die von den Eltern vorgelebten. Etwas ganz ‚natürliches‘ bei sexueller Gewalt, egal ob Mann oder Frau, dass man sich dem eigenen Geschlecht verbundener fühlt.
Me too war ein Versuch den Schreien, die Tags und Nachts verhallen eine Stimme zu geben, nur gab es politische Konsequenzen? So weit ich weiß, nicht eine. Gut, Europa hat uns mit der Istanbulkonvention von dem Altdeutschen Recht befreit, dass erst ein Schlag als Notwehr und als Nein gewertet wird. Es reich jetzt, ‚ich will nicht zu sagen, auch ist seid dem die Verjährungsfrist von fünf auf dreißig Jahre erhöht worden. Die Opfer haben also jetzt eine Chance erst einmal ins Leben zurück zu finden, bevor sie sich mit dem Täter der für ihren persönlichen Weltuntergang verantwortlich ist, auseinandersetzen.
Aber schon der Fall Lohfink hat gezeigt, dass die Frau selbst bei weiblichen Richtern nicht mit Wahrheitsliebe sondern mit Vorurteilen und Stigmata zu rechnen hat. Dabei ist die Lohfink ein Frauenbild das den Realismus der unterprivilegierten Frau ganz gut widerspiegelt wenn gleich sie in ihrem Milieu ganz gut dazu stehen schien, bis zur verhängnisvollen Nacht. Aber so geht es halt jeder Dritten. Vielleicht sollte die Lohfink uns Mal, im Fernseher zeigen wie man sich durchs Leben schlägt. Seid Heidis Klump ‚Batchelor‘ ist die deutschen Schönheit jedenfalls ganz außer Rand und Band, dass jeder gutaussehende Mann im Rudel belagert wird weil er über Geld zu verfügen scheint. Sei es physisch oder psychisch im immer währenden Drogenrausch. Gut, auf welchem Strich gibt es da nicht. Das Gegenstück für Heidi Klump ist dann Frau Merkel, wenigstens zwei Göttinnen die sich in der Männerwelt Deutschland durchgesetzt und etabliert haben. Aber Angelas Strategie, die Männer auszuboten habe ich immer noch nicht drauf. Vielleicht liebe ich sie dann doch am Ende, diese Männer. ( Schon beim ‚Besuch der alten Dame‘ stellte Dürrenmatt fest, „Männer, er denkt sie wären Männer“). Wir kommen bei der Frage raus, was ist der Mann? Eine sprachlose Kampfmaschine die nur anspringt wenn sie das Wort Macht hört. Oder ein soziales Wesen, das sich auszudrücken vermag und der Wirtschaft verpflichtet ist. Aber wir wollen uns hier nicht in Genderdiskussionen verlieren. Denn neben dieser analytischen Frage bleibt die Frage, wie kommen wir aus der Misere wieder raus, dass unser Sozialverhalten nicht mehr funktioniert bis wir alle nicht mehr richtig ticken. Mir als Ostdeutsche wird dann immer das System DDR als Alternative aufgedrängt. Aber dieses angebliche Idyll ist bei diesem Thema irrelevant. Denn sexuelle Übergriffe waren auch in dieser Diktatur an der Tagesordnung und Opfer gab es erst garnicht. Diese wurden als exogene Schizophrene mit einer kompletten Ausgrenzung ins Psychiatriesystem abgeschrieben. Rein und wieder raus. Eine Lösung des Problems kann auch ich also nicht finden, zumindest nicht in Deutschland. Vielleicht sollten wir nach Norden sehen, da gibt es nicht so viele Drogen und auch nicht so viel Gewalt.

05.09.20

© 2021 Lydia Kraft
Alle Rechte vorbehalten

Bitte um Feedbacks zu dem Text.

http://www.lydia-kraft.de

Hölderlins Rätsel. Heureka – gelöst

Von Pawel Markiewicz

Nachdem ich an einem Abend etwas von der griechischen Mythologie sowie von der Hymne von Friedrich Hölderlin >Patmos< im Internet gelesen hatte, dachte ich darüber nach. Ich kam zu folgenden Feststellungen. Das Thema dieses Essays: >Wächst das Rettende auch< kommt aus dem Anfang der oben erwähnten Hymne, was folgt: >Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch<. Selber Friedrich machte einen Hinweis auf Drachenzähne in jener Hymne (der Vers 97). Es geht hier um die griechische Mythologie, und zwar um einen uralten Mythos über Kadmos. Wenn man den Leitsatz interpretieren will, kann man es feststellen, dass was mit den Tempora nicht stimmt. Es wäre besser gewesen, wenn der berühmte Poet einen Satz mit dem >nachdem< geschaffen hätte, was besser dem Mythos von Kadmos entspricht. Der Satz würde logischerweise lauten: Nachdem die Gefahr gewesen war, wuchs das Rettende auch. In der Tat, in dem Mythos, tötete Kadmos einen gefährlichen Drachen aus Rachedurst. Das war eben die Gefahr. Dann einem Athene-Vorschlag zuliebe streute der Mann die Drachenzähne in Ackerfurchen. Aus diesen Ackerfurchen wuchsen hieraufhin Scharen von Männern, genannt: Sparten. Diese Sparten kämpften zuerst, bis nur fünf weiterlebten. Die Fünf der Sparten waren die Retter. Es handelt sich um eine Rettung der Zivilisation, umso mehr, als einer davon, Echion, mit dem Kadmos Theben gründete. Diese Rettung der Zivilisation laut Hölderlin war eben die Urbanisation. Die Sparten retteten die Ontologie der Geschichte, zumal sie als Stammväter der Stadt ihre adligen Familien gründeten. Das konnte ein Anfang des Uradels gewesen sein. Nun wartet auf mich ein schönes Rätsel zum Lösen. Dieses Rätsel von Hölderlin führt eben zum Mythos von der Göttin Kybele, durch Metamorphosen von Ovid. Herr Ovid in seinen Metamorphosen (X, 686) schieb nieder, dass der Sparte Echion einen Tempel der Göttin Kybele in Theben errichtete. Dieser Hinweis auf die Sagen von Kybele konnte Hölderlin auf andere Spuren lenken, der von Mythen von den Sparten wusste. Deswegen nennen wir das Rätsel Nr. 686.

Sprachlich und logisch gesehen: Man kann den Hauptsatz abwenden. So entstand der Satz: Nachdem das Rettende gewachsen war, war die Gefahr. Nun entspricht das dem Mythos von Agdistis und Kybele. Zum Wuchs: Eines Tages fiel ein Samen von Zeus zu Boden. Dann wuchs daraus und dem Felsen ein Zwitter – Agdistis abrupt empor. Nach der Sage (dem Mythus), erzählt von Herren: Pausanias wie Arnobius, wurde dieses Zwitterhafte zu Kybele (Metamorphose nach der Entmannung dessen). Die Gottheit Agdistis-Kybele verliebte sich an einen Jüngling, namens Attis, der endlich starb, verblutend – darin bestand die Gefahr. Agdistis-Kybele war das Rettende in diesem Fall, weil sie den Körper des Verstorbenen rettete. Auf ihre Bitte hin, gewährte Zeus den Leichenkörper für immer verschont vor seiner Verwesung. Die Haare wuchsen stets und ein kleiner Finger rührte sich immer. Die Rettung scheint so merkwürdig gestaltet worden zu sein. Ferner kann das Wort >das Rettende< weder auf einen Mann noch auf eine Frau hinweisen. Es würde auf ein drittes, vielmehr auf das Zwitterhafte zutreffen. Eben Agdistis war ein Zwitter (vor der Kybele-Werdung als Metamorphose, zum zweiten Mal hebe ich hervor: Agdistis und Kybele waren das Eine! ). Toll, super. Vielleicht könnte dem Lyriker Hölderlin jedoch um den Mythos von Agdistis-Kybele, nicht notwendig um die Kadmos wie Sparten, gehen.

© 2021 Pawel Markiewicz
Alle Rechte vorbehalten

Bild: Franz Carl Hiemer – Friedrich Hölderlin (Pastell 1792) (Die Wiedergabe des Bildes ist rechtlich gemeinfrei.)

Unnütze Berufe

Von Rolf Jungklaus

Wie hat es doch schon Loriot so trefflich in einem seiner Sketche formuliert? „Reiterinnen werden ja immer gebraucht.“ Da möchte ich doch gleich hinzufügen, dass auch Bergsteiger immer gebraucht werden. Und ich habe das Gefühl, dass die Menge der unnützen Berufe auch noch ständig zunimmt.
Früher waren Studiengänge, vor allem geisteswissenschaftliche wie Germanistik oder Philosophie, dazu gedacht, dass Sprösslinge aus Adelskreisen, von Großgrundbesitzern oder Forst- und Bergwerkseigentümern oder Nachkommen von Manufakturen und Industrieunternehmen sich etwas Bildung aneignen sollen, bevor sie dann in das Geschäftsleben eintreten und bestenfalls am Ende die jeweilige Führung übernehmen. Dass aus diesen Studiengängen jemals eine berufliche Karriere entstehen könnte, daran dachte wohl wirklich niemand. Heute bevölkert ein ganzes Heer von Germanisten, Amerikanisten, Historikern, Kunstgeschichtlern, Philosophen, ja sogar Theologen unsere Gesellschaft. Und wie oft kann man in Stellenanzeigen lesen, dass ein Autokonzern einen Historiker sucht oder ein IT-Unternehmen einen Philosophen sucht? Richtig: nie! Ich könnte diese Aufzählung nahezu unendlich fortsetzen. Andererseits finde ich es ja auch gut, dass Menschen sich intensiv mit Geisteswissenschaften befassen. Aber nur wenn man das als Bildung und eben nicht als das Erlernen eines Berufs versteht.
Auch ich habe studiert. Mein Studienfach nannte sich „Gesellschafts- und Wirtschaftskommuni-kation“. Das klingt auch irgendwie grenzwertig, oder? Blickt man auf die Studienabgänger meiner Zeit, so ist dieser Zweifel „Bildung versus Beruf“ auch durchaus gerechtfertigt. Ich weiß, dass ich etwas übertreibe wenn ich behaupte, dass die Hälfte der Absolventen anschließend im Bereich Werbung/Marketing arbeitete, während die andere Hälfte Taxifahrer/in wurde.
Nun gibt es aber eine Berufsgruppe, die ich ganz persönlich und auch nur rein intuitiv als die unnützeste aller Berufsgruppen bezeichnen möchte: die Barista und Somelliers. Ich meine damit nicht die Kaffeezubereiter und Weinkellner, die es – wie man so sagt – schon immer in der gehobenen Gastronomie gegeben hat, sondern die heute als „ Genuss-Experten“ schon fast glorifizierten Zeitgenossen. Oh, bei Wein unterscheidet man 500 verschiedene Aromastoffe und bei Kaffee sogar 800! Entschuldigung, ich kann das nicht. Und was habe ich davon, dass andere das können? Was bringt mir das? Das bringt mir doch überhaupt gar nichts, oder? Natürlich kann auch ich bei Wein zwischen sauer, süß, fruchtig, leicht und schwer unterscheiden. Und auch dass Wein im Abgang anders schmeckt als „frisch auf der Zunge“. Außerdem habe auch ich gern verschiedenen Wein zu verschiedenen Speisen. „White wine with the fish“ wie der Engländer sagt. Und gerne trinke ich frischen jungen Weißwein zum frisch geernteten Spargel und Retsina zum Gyros und mal ist mir zur Pasta an lauen Sommerabenden ein leichter Rotwein lieber als ein schwerer und lang gereifter. Mir reicht das völlig aus. Natürlich könnte auch ich meine Geschmackssinne schulen. Aber brauche ich dazu eine Anleitung? Und bei Kaffee geht es mir genauso. Meine Lieblingssorte habe ich schon lange entdeckt. Schon öfter habe ich die Marke allein wegen der Abwechslung variiert, bin aber immer zu „meiner“ zurückgekehrt. Und dann haben mir diverse Barista im Fernsehen erzählt, wie minderwertig meine Lieblingsmarke ist. Da war ich dann vollends von meiner Abneigung gegenüber Barista und Somelliers als Berufsstand überzeugt. So, das musste ich mal loswerden.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich einmal wiedergeboren werde, habe ich den Beruf für mein nächstes Leben bereits gewählt. Im nächsten Leben werde ich Fußballerfrau.

© 2021 Rolf Jungklaus
Alle Rechte vorbehalten