Hölderlins Rätsel. Heureka – gelöst

Von Pawel Markiewicz

Nachdem ich an einem Abend etwas von der griechischen Mythologie sowie von der Hymne von Friedrich Hölderlin >Patmos< im Internet gelesen hatte, dachte ich darüber nach. Ich kam zu folgenden Feststellungen. Das Thema dieses Essays: >Wächst das Rettende auch< kommt aus dem Anfang der oben erwähnten Hymne, was folgt: >Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch<. Selber Friedrich machte einen Hinweis auf Drachenzähne in jener Hymne (der Vers 97). Es geht hier um die griechische Mythologie, und zwar um einen uralten Mythos über Kadmos. Wenn man den Leitsatz interpretieren will, kann man es feststellen, dass was mit den Tempora nicht stimmt. Es wäre besser gewesen, wenn der berühmte Poet einen Satz mit dem >nachdem< geschaffen hätte, was besser dem Mythos von Kadmos entspricht. Der Satz würde logischerweise lauten: Nachdem die Gefahr gewesen war, wuchs das Rettende auch. In der Tat, in dem Mythos, tötete Kadmos einen gefährlichen Drachen aus Rachedurst. Das war eben die Gefahr. Dann einem Athene-Vorschlag zuliebe streute der Mann die Drachenzähne in Ackerfurchen. Aus diesen Ackerfurchen wuchsen hieraufhin Scharen von Männern, genannt: Sparten. Diese Sparten kämpften zuerst, bis nur fünf weiterlebten. Die Fünf der Sparten waren die Retter. Es handelt sich um eine Rettung der Zivilisation, umso mehr, als einer davon, Echion, mit dem Kadmos Theben gründete. Diese Rettung der Zivilisation laut Hölderlin war eben die Urbanisation. Die Sparten retteten die Ontologie der Geschichte, zumal sie als Stammväter der Stadt ihre adligen Familien gründeten. Das konnte ein Anfang des Uradels gewesen sein. Nun wartet auf mich ein schönes Rätsel zum Lösen. Dieses Rätsel von Hölderlin führt eben zum Mythos von der Göttin Kybele, durch Metamorphosen von Ovid. Herr Ovid in seinen Metamorphosen (X, 686) schieb nieder, dass der Sparte Echion einen Tempel der Göttin Kybele in Theben errichtete. Dieser Hinweis auf die Sagen von Kybele konnte Hölderlin auf andere Spuren lenken, der von Mythen von den Sparten wusste. Deswegen nennen wir das Rätsel Nr. 686.

Sprachlich und logisch gesehen: Man kann den Hauptsatz abwenden. So entstand der Satz: Nachdem das Rettende gewachsen war, war die Gefahr. Nun entspricht das dem Mythos von Agdistis und Kybele. Zum Wuchs: Eines Tages fiel ein Samen von Zeus zu Boden. Dann wuchs daraus und dem Felsen ein Zwitter – Agdistis abrupt empor. Nach der Sage (dem Mythus), erzählt von Herren: Pausanias wie Arnobius, wurde dieses Zwitterhafte zu Kybele (Metamorphose nach der Entmannung dessen). Die Gottheit Agdistis-Kybele verliebte sich an einen Jüngling, namens Attis, der endlich starb, verblutend – darin bestand die Gefahr. Agdistis-Kybele war das Rettende in diesem Fall, weil sie den Körper des Verstorbenen rettete. Auf ihre Bitte hin, gewährte Zeus den Leichenkörper für immer verschont vor seiner Verwesung. Die Haare wuchsen stets und ein kleiner Finger rührte sich immer. Die Rettung scheint so merkwürdig gestaltet worden zu sein. Ferner kann das Wort >das Rettende< weder auf einen Mann noch auf eine Frau hinweisen. Es würde auf ein drittes, vielmehr auf das Zwitterhafte zutreffen. Eben Agdistis war ein Zwitter (vor der Kybele-Werdung als Metamorphose, zum zweiten Mal hebe ich hervor: Agdistis und Kybele waren das Eine! ). Toll, super. Vielleicht könnte dem Lyriker Hölderlin jedoch um den Mythos von Agdistis-Kybele, nicht notwendig um die Kadmos wie Sparten, gehen.

© 2021 Pawel Markiewicz
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Bild: Franz Carl Hiemer – Friedrich Hölderlin (Pastell 1792) (Die Wiedergabe des Bildes ist rechtlich gemeinfrei.)

Unnütze Berufe

Von Rolf Jungklaus

Wie hat es doch schon Loriot so trefflich in einem seiner Sketche formuliert? „Reiterinnen werden ja immer gebraucht.“ Da möchte ich doch gleich hinzufügen, dass auch Bergsteiger immer gebraucht werden. Und ich habe das Gefühl, dass die Menge der unnützen Berufe auch noch ständig zunimmt.
Früher waren Studiengänge, vor allem geisteswissenschaftliche wie Germanistik oder Philosophie, dazu gedacht, dass Sprösslinge aus Adelskreisen, von Großgrundbesitzern oder Forst- und Bergwerkseigentümern oder Nachkommen von Manufakturen und Industrieunternehmen sich etwas Bildung aneignen sollen, bevor sie dann in das Geschäftsleben eintreten und bestenfalls am Ende die jeweilige Führung übernehmen. Dass aus diesen Studiengängen jemals eine berufliche Karriere entstehen könnte, daran dachte wohl wirklich niemand. Heute bevölkert ein ganzes Heer von Germanisten, Amerikanisten, Historikern, Kunstgeschichtlern, Philosophen, ja sogar Theologen unsere Gesellschaft. Und wie oft kann man in Stellenanzeigen lesen, dass ein Autokonzern einen Historiker sucht oder ein IT-Unternehmen einen Philosophen sucht? Richtig: nie! Ich könnte diese Aufzählung nahezu unendlich fortsetzen. Andererseits finde ich es ja auch gut, dass Menschen sich intensiv mit Geisteswissenschaften befassen. Aber nur wenn man das als Bildung und eben nicht als das Erlernen eines Berufs versteht.
Auch ich habe studiert. Mein Studienfach nannte sich „Gesellschafts- und Wirtschaftskommuni-kation“. Das klingt auch irgendwie grenzwertig, oder? Blickt man auf die Studienabgänger meiner Zeit, so ist dieser Zweifel „Bildung versus Beruf“ auch durchaus gerechtfertigt. Ich weiß, dass ich etwas übertreibe wenn ich behaupte, dass die Hälfte der Absolventen anschließend im Bereich Werbung/Marketing arbeitete, während die andere Hälfte Taxifahrer/in wurde.
Nun gibt es aber eine Berufsgruppe, die ich ganz persönlich und auch nur rein intuitiv als die unnützeste aller Berufsgruppen bezeichnen möchte: die Barista und Somelliers. Ich meine damit nicht die Kaffeezubereiter und Weinkellner, die es – wie man so sagt – schon immer in der gehobenen Gastronomie gegeben hat, sondern die heute als „ Genuss-Experten“ schon fast glorifizierten Zeitgenossen. Oh, bei Wein unterscheidet man 500 verschiedene Aromastoffe und bei Kaffee sogar 800! Entschuldigung, ich kann das nicht. Und was habe ich davon, dass andere das können? Was bringt mir das? Das bringt mir doch überhaupt gar nichts, oder? Natürlich kann auch ich bei Wein zwischen sauer, süß, fruchtig, leicht und schwer unterscheiden. Und auch dass Wein im Abgang anders schmeckt als „frisch auf der Zunge“. Außerdem habe auch ich gern verschiedenen Wein zu verschiedenen Speisen. „White wine with the fish“ wie der Engländer sagt. Und gerne trinke ich frischen jungen Weißwein zum frisch geernteten Spargel und Retsina zum Gyros und mal ist mir zur Pasta an lauen Sommerabenden ein leichter Rotwein lieber als ein schwerer und lang gereifter. Mir reicht das völlig aus. Natürlich könnte auch ich meine Geschmackssinne schulen. Aber brauche ich dazu eine Anleitung? Und bei Kaffee geht es mir genauso. Meine Lieblingssorte habe ich schon lange entdeckt. Schon öfter habe ich die Marke allein wegen der Abwechslung variiert, bin aber immer zu „meiner“ zurückgekehrt. Und dann haben mir diverse Barista im Fernsehen erzählt, wie minderwertig meine Lieblingsmarke ist. Da war ich dann vollends von meiner Abneigung gegenüber Barista und Somelliers als Berufsstand überzeugt. So, das musste ich mal loswerden.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich einmal wiedergeboren werde, habe ich den Beruf für mein nächstes Leben bereits gewählt. Im nächsten Leben werde ich Fußballerfrau.

© 2021 Rolf Jungklaus
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Das Wunder des Lebens

Von Rolf Jungklaus

Das ist doch irre: Da rast unsere Galaxie, die Milchstraße, mit etwa 550 km pro Sekunde (im Verhältnis zur Mikrowellenhintergrundstrahlung) durch das Universum, wobei sich unser Sonnensystem mit einer Geschwindigkeit von 220 km pro Sekunde um deren Zentrum rotiert. Und, als würde das nicht schon reichen, fliegen wir auf der Erde mit fast 30 km pro Sekunde um unsere Sonne und drehen uns auch noch einmal täglich um unsere eigene Achse, wobei diese Geschwindigkeit natürlich davon abhängt, auf welchem Breitengrad wir uns befinden. Da könnte einem schon ziemlich schwindlig, zumindest aber Angst und Bange werden.
Und dabei ist das Universum selbst nicht ungefährlich. Da entstehen Sterne und sterben dann wieder, mutieren zu roten Riesen, zu weißen Zwergen, verwandeln sich in Neutronensterne, oder enden gar als Schwarze Löcher. Und ganze Galaxien können miteinander kollidieren. Doch auch wenn man sich das Universum als Momentaufnahme denkt, so wie wir es ja wahrnehmen, erscheint es bedrohlich. Da gibt es die kosmische Strahlung, die zum größten Teil aus Protonen zerfallener Atome besteht, oder auch die elektromagnetische Gammastrahlung. Zum Glück schützen uns auf der Erde zu einem großen Teil das elektromagnetische Feld und die Atmosphäre. Zumindest im Moment.
Und unsere Erde selbst hat ja schon einiges erlebt. Fünf Mal wurde das Leben auf unserem Planeten drastisch reduziert und hätte vielleicht sogar zur völligen Auslöschung reichen können.
Das erste Mal, also nachdem das Leben überhaupt entstand, war es vor 444 Millionen Jahren am Ende des Ordoviziums durch heftige Wärmeschwankungen. Es schob sich ein Superkontinent über den Südpol, der Meeresspiegel sank rasch um bis zu 100 m und die Kohlendioxidkonzentration war 10 mal höher als heute. Eine Million Jahre später wurde es dann wieder unerträglich heiß, was wiederum einigen Tier- und Pflanzenarten den Rest gab.
Das zweite Massenaussterben betraf hauptsächlich die Meeresbewohner, und zwar am Ende des Devons zwischen 372 und 359 Millionen Jahren vor unserer Zeit. Es herrschte eine große Sauerstoffarmut bei gleichzeitig steigenden Meeresspielgen. Doch die Ursache hierfür ist relativ unbekannt. Es könnten Vulkanausbrüche beteiligt sein, ein Meteoriteneinschlag eher nicht.
Am Ende des Perm, vor 250 Millionen Jahren war es dann das dritte Mal, dass das Leben auf der Erde auf der Kippe stand. Aber diesmal traf es nicht nur die Meere, sondern auch 77 Prozent aller Landtierarten verschwanden, ja sogar Insekten. Verschont blieben dagegen wieder einmal die Landpflanzen. Schuld war diesmal ein Klimawandel, der sich über etwa 200.000 Jahre hinzog. Aufgrund heftiger Vulkanaktivität verbrannte ein Großteil der Kohle- und Erdgasvorkommen und es kam zu Unmengen an Treibhausgasen.
Bei Nummer Vier ist die Sache klar: Schuld war extremer Vulkanismus. Zum Ende des Trias vor 201 Millionen Jahren hatte es wieder einmal gleich 75% aller Arten erwischt.
Die wohl populärste Katastrophe war wohl die vor 66 Millionen Jahren am Ende der Kreidezeit, die das Aussterben der Dinosaurier, von den Vögeln einmal abgesehen, zur Folge hatte. Der Einschlag eines Asteroiden in Yukatan in Zusammenhang mit sinkenden Meeresspiegeln und Vulkanaktivität in Indien hatten sie ausgelöst. Dabei war das fünfte und bisher letzte Massenaussterben auf unserem Planeten das harmloseste von ihnen. Das schlimmste war die Nummer Drei.
Doch auch danach gab es über 40 Katastrophen, die aber kein Massensterben zur Folge hatten. Ich erwähne nur den La-Garita-Ausbruch im frühen Oligozän vor etwa 38 bis 36 Millionen Jahren, die bisher letzte größere Eruption des Yellowstone-Hotspots vor 640.000 Jahren sowie der Ausbruch des Toba auf Sumatra vor 74.000 Jahren. Ich möchte an dieser Stelle die lapidare Frage stellen, wer in alle dem einen irgendwie gearteten „göttlichen Plan“ erkennen kann …?
Unterdessen hatten sich die ersten Menschenarten entwickelt: von ersten Vorläufern bis hin zu Homo erectus, Neandertalern und schließlich zum Homo sapiens. Zur Zeit des Toba-Ausbruchs oder kurz danach machte sich gerade der Homo sapiens von der Arabischen Halbinsel aus auf den Weg nach Südasien. Mittlerweile ist er die einzige übriggebliebene Menschenrasse auf dem Planeten und versucht, in der ersten Liga der Ursachen zum Aussterben von Tier- und Pflanzenarten mitzuspielen. Kaum dass er sesshaft wurde, rodete er Wälder und dann förderte und verbrannte er massenhaft Kohle und und später auch Erdöl und Erdgas. Es folgte der großflächige Einsatz von Giften verschiedenster Art (gern Pflanzenschutzmittel genannt) und die Vermüllung von Landmassen und Meeren mit allem, was eine sich entwickelnde Konsumgesellschaft so erzeugt: von ganzen Schiffen und Flugzeugen bis hin zu Mikroplastik. Sehr vernünftig, verständig, wissend, oder wie auch immer man das Wort „sapiens“ übersetzen möchte, erscheint mir das nicht. – Wie lange strahlt doch gleich noch mal der Atommüll, den wir nachkommenden Generationen hinterlassen?
Und seien wir doch mal ehrlich: So gut wie jeder von uns hält den Großteil seiner Mitmenschen doch für eher minderbemittelt, was das Denken und Wissen angeht, oder? Ein kleinerer Teil mag dann wohl doch ziemlich geistreich sein, aber unter diesen befindet sich eine Untermenge von recht bösartigen und raffgierigen, was die Sache nicht unbedingt besser macht. Den weitaus größeren Teil betrachten wir aber wohl eher als gutmütige Trottel. Und alle zusammen steuern wir auf unser gemeinsames Ende hin.
Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich schon kurz nach dem Aufstehen beim Weg zum Bad und dann in die Küche ein lustiges Lied vor mich her singe. Tja – Das Wunder des Lebens!

© 2021 Rolf Jungklaus
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