Try Me

Von Ani Nersesyan

Neige deinen Kopf nach hinten und schau in den Himmel: Kleine Feuerzeuge, die über den Nachthimmel verstreut sind, erhellen die dunklen Straßen der Stadt. Schau dir diese kleinen hellen Laternen an, sie sind wie Streichhölzer, bereit, mitten am Himmel ein Feuer zu entfachen – zünde einfach mindestens eines an und du wirst die helle, schwankende Flamme entfachen. Rote feurige Zungen werden sich wie Marienkäfer an einem Maimorgen über die staubige, vergessene, graue Stadt ausbreiten.

Wirst du dein Gesicht zu diesen Sternen, zu diesem Feuer erheben und deine Hände ausstrecken, kann dieses Licht deine Fingerspitzen erreichen. Du wirst spüren, wie die Wärme durch deine Adern bis ins Herz fließt und im Einklang mit der blutfarbigen Nachtflamme schlägt. Nachdem du dein Gesicht mit bereits heißen Fingern berührt hast, wird ein Lächeln seinen Weg zu deinen Mundwinkeln finden – wohin ich jedes Mal nach einem langen Tag zurückkehren werde. Und dieses Muttermal auf deiner Wange sieht aus wie diese kleinen hellen Laternen. Sie beleuchten dein mürrisches dunkles Gesicht. Ich werde mein restliches Leben auf diesem Leberfleck leben. Dort ist es bequemer als alle samtenen Sessel und Sofas, notwendiger als alle Teddybären, teurer als alle Schätze der Welt.

Neige deinen Kopf, sieh dir diese kleinen Leberflecken am Nachthimmel an. Sie erinnern mich an dich…

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© 2023 Ani Nersesyan(Text & Bild)
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Zartgrau

Von Monika Jarju

Neben mir geht ein großer zartgrauer Mensch wie eine lebendige Idee von einem Mann, nach dem es mich immerzu verlangt die Arme auszustrecken, ihn zu umfangen, das Graue an ihm einzufärben. Meine Arme werden halbschwer vom Innehalten.

Mit jedem Wort sagt er etwas, noch mehr und etwas anderes, während wir Straßen, Areale abschreiten und ich mich in Lichtern, Gesichtern verfange und darauf hoffe, nicht mehr zu warten in meiner Innenwelt.

Unter dem Nachthimmel erkaltet die Luft. Eine winzige Krümmung seiner Schultern und schon steigt seine zarte Kühle in mir auf.

Die halbe Nacht bin ich durch eine Endlosgesellschaft aus Köpfen, Kopien & Körpern gelaufen. Als ich die Augen schloss, sah ich noch Gänge, Tischreihen, Lampen vor mir. Und wie er neben mir ging und enteilte im Raum, den sein Auge schuf.

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© 2023 Monika Jarju
Alle Rechte vorbehalten

Der Auftrag der Vögel

Von Michael Wiedorn

Vögel fliegen am Himmel. Niemand sieht sie.
Arbeitend in geheimer Mission.
Der Himmel verschließt sich. Wolken toben.
Die Mauer wird schwarz. Alles stirbt.
Gestern habe ich alles beobachtet. Gestern ging noch alles.
Der Fluss ist jetzt aus Glas.
Das Blut stockt in den Venen. Purpurrotes, kaltes Glas klirrt.
Ich bin kein Tier mehr.
Ich stehe und warte.
Sieben Jahre wird es dauern – hoffen wir alle.
Die Vögel fliegen in geheimer Mission.
Wer ist ihr Auftraggeber? Sie schweigen.
Es ist ihnen verboten zu singen.
Schwarz sind die Vögel wie das Schwarz der Leere.
Sie sind leer wie das Nichts.
Gestern ging noch alles gut.
Ich frühstückte reichlich. Niemand hatte etwas dagegen.
Auch die Züge fuhren wieder.
Nie wieder Tod und Leere – dachten wir alle.
Gestern waren die Vögel Frauen im Walde.
Wälder sind jetzt rote Mauern im Winde.
Niemand traut sich ihnen zu nahe zu treten.

28.XII.2010

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© 2023 Michael Wiedorn
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Ich schwimme, ich fließe

Von Michael Wiedorn

Ich schwimme im Fluss, fließend aus der Badehose. Der Strom leuchtet azurn gegen die türkisenen Kacheln. Ich bin ein Fisch und tummle mich in der Flut. Wogend in den Wellen. Gischt spritzt und ein bleicher, steifer Körper treibt ins Meer. Hinaus ins Freie. Wogend im Tode. Leistungssportler grölen fröhlich und springen vom Zehn-Meter-Brett tief hinab ins Azur. Tief ins Azur in der Tiefsee. Klaffende Mäuler. Fieberrote Feuerfische reißen und fressen Stücke aus dem Fleisch heraus. Das Fischbesteck schneidet in die gedünstete Forelle. Saphirblaue Meereswogen. Türkisblaue Kacheln an den Mauern der Moschee. Verwirrte Fische irren durch Auwälder. Das weiche, weiße Fleisch liegt zärtlich auf der Zunge. Gut gewürzt. Forelle serviert man mit Kartoffeln und Meerrettich. Hecht, Tintenfisch, Krabben, Kaviar. Die Brandung des Meeres schlägt gegen die Dünen. Auf die Dünen rauf. Zerbrochenes Holz und Gemäuer. Das Meer zieht sich zurück und im nassen, grausam ans Tageslicht gezerrten Untergrund dreht und windet sich fremdes Leben. Zu Fremdartiges sollte dem menschlichem Auge für immer verborgen bleiben. Die neugierigen Touristen staunen und laufen weit hinaus über den jetzt leer geräumten Meeresboden.
Die Natur ist gut. Sie nährt und liebt Mensch und Tier. Es gibt die Kriegstaktik, dass die Armee sich zurückzieht und der Feind dringt siegestrunken vor. Man liebt die Natur, weil sie das menschliche Leben ziert. Die Wälder und Berge und die Meere sind die Heimat. Schwarze, meterhohe Kriegerheere kämpfen und erobern. Schwarze, meterhohe Wassermassen erheben sich weit draußen im Fremden und stürmen zerberstend vorwärts. Das Wasser ist schwarz wie der Menschenhass. Der von den Fischen Gehäutete und an den Gliedern Amputierte führt die Kriegsheere. Der versteifte Kadaver erscheint oben auf dem Sims einer weltzermalmenden Wassermauer. Das Fischbesteck schneidet in das Fleisch. Fische bluten wenig. Harter Stein bricht auf. Ich schwimme in der Brandung, fließend aus der Badehose.

9.IV.2018

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© 2023 Michael Wiedorn
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Wellen

Von Hannah Knaack-Völker

Wellen. Wellen schaukeln. Wellen schwanken, schwanken wie das Leben. Das Leben ist nicht fest. Es steht nicht auf Granit. Es ist mehr wie eine Autobahn, die über Torf gebaut wurde. Nicht jeder, der darüber fährt, weiß um den Untergrund. Die, die Bescheid wissen, glauben vielleicht, dass das Bauwerk hält, dass es stabil steht. Aber es kann auch sein, dass der eine oder andere sich des modrigen Untergrundes bewusst ist und in Sorge lebt. Macht das das Leben besser? Ist es nicht besser, sich einer Gefahr unbewusst zu sein und eines Tages überrascht zu werden? Was bringt es, wenn man nichts daran ändern kann, in Angst zu leben? Ob wir Angst haben oder nicht, die Autobahn des Lebens kann jeden Moment zusammenbrechen. Wir wissen nicht, wann wir die Unglückseligen sein werden, die sich uns zur falschen Zeit an der falschen Stelle befinden oder vom Leben überholt werden.

Wieso gibt es Menschen, die glücklich sind, und Menschen, die unglücklich sind? Sind glückliche Menschen zwangsläufig einfach? Muss einem alles egal sein, um glücklich zu sein? Ist Desinteresse an anderen Menschen der Schlüssel zum Glücklichsein? Ich kann es mir nicht vorstellen, aber manchmal erscheint es so. Es gibt Leute, die sagen, bei ihnen wäre alles in Ordnung – und wieso? Weil sie sagen, sie machten sich keine Gedanken. Es ist so verbreitet zu hören, nachdenken wäre schlecht – besonders wenn es zu viel sei. Aber was ist „zu viel“? Was ist „viel“? Warum sollte ich meinem Kopf verbieten zu denken? Warum sich so einem Zwang unterwerfen? Warum kann ich meine Gedanken nicht für mich haben? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gedanken schlecht sein sollen. Das Letzte, das ich tun wollte, wäre mich dazu zu zwingen, meine Gedanken zu verlassen. Wenn ich eins sicher im Leben habe, dann sind es meine Gedanken. Ihnen kann ich vertrauen. Sie sind meine Freunde; Freunde, die alles wissen und immer (für mich) da sind. Wesentlich schlimmer als nachzudenken, ist es Gedanken zu verjagen. Wer bin ich denn ohne meine Gedanken?

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© 2023 Hannah Knaack-Völker
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Ferne

Von Hannah Knaack-Völker

Ferne. Berge. Wälder. Wolken. Regen. Wind. Keine Lichter. Nur Ferne. Was macht ein solcher Ausblick mit einem? Um in die Zukunft zu gucken, ist es wichtig, in die Ferne zu gucken? Muss ich etwas wie Weite mit meinen Augen sehen, um den Horizont in meinem Leben zu sehen? Was passiert, wenn man nie den Horizont sieht? Wird man dann blind? Ist Kurzsichtigkeit etwas, das uns ereilt, weil wir uns alles verbaut haben? Muss man nicht einen weiten Blick haben, um sich das Leben so ausführlich wie möglich vorstellen zu können? Was passiert mit der Vorstellungskraft, wenn ein Mensch nur Straßenschluchten entlangsehen kann? Gibt es dann in dem, was man selbst sich aussucht, auch nur Straßenschluchten? Was passiert, wenn man gegen Wände schaut? Werden dann nicht jedes Mal Barrieren wahrgenommen, bis man freiwillig nicht mehr gegen die Barriere denkt? Werden unsere Gedanken viereckig, wenn wir uns in viereckigen Räumen befinden?

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© 2023 Hannah Knaack-Völker
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Welt

Von Marcus Nickel

Ist ein Schmerz, eine Krankheit oder ein Unfall die Folge für menschliche Verfehlungen, für Untaten oder gar Verbrechen? Und wie verwerflich wäre es, dies einem verletzten oder kranken Menschen an den Kopf zu werfen?

Wie man es nennen will, ob Schicksal, Karma, Zufall, hängt von der persönlichen Einstellung ab. Ich sage jedenfalls, dass ein erhaltenes Leid die Konsequenz für ein zuvor zugefügtes Leid sein könnte, aber eine auch mich überzeugende Bezeichnung zu finden, ist sehr schwierig. Wäre es eine Strafe, eine Vergeltung oder Gerechtigkeit?

Moralisch äußerst fragwürdig und meist falsch finde ich, das betone ich ausdrücklich, Nachkommen wegen ihrer Vorfahren, weswegen auch immer, anzugreifen, zu verunglimpfen oder ganze Völker wegen einzelner Personen zu verurteilen.
Unsere Welt könnte eine andere sein.

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© 2023 Marcus Nickel
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Blinde Flecken aufgehellt

Von Regine Wendt

Gestern. Das Einkaufszentrum zerrte an meinen Nerven, verklebte das Gemüt. Nur raus hier. Abends war sie da, das Mädchen, wie es zärtlich seine Schätze begutachtete. Glitzersternchen, Federn, Märchenfestsachen. Es kniete auf dem Boden, suchte mit liebevollem Bedacht ein wenig Schmuck, versunken in all dem, was entzückte. Ein weiches Lächeln, ein kleines Wunder in dieser Kaufhaushektik.

Schönheit braucht den ruhigen Blick.

Begegnung auf einer Lesung. Pausengespräche.

Heute trage ich keine Fliege. Heute trage ich eine Krawatte. Er zieht die Maske herunter. Ein junges, hübsches Gesicht, mir fast unbekannt. Leises Erinnern. Er . bleibt neben mir. Abgelenkt habe ich ihn schon wieder vergessen. Am nächsten Morgen ist er da, obwohl er weg ist. Nimmt Raum ein.

Wie begegnen wir uns? Interessiert uns der Andere oder sind wir nur bei uns selbst? Haste ich selber nur durch das Leben, gibt es viel mehr blinde Flecken?

Neuerdings rede ich sehr viel, falle ins Wort und verliere den Faden. Blinde Flecken können nicht mehr aufgehellt werden, der Gesprächspartner ist fort.

Wohin renne ich, atemlos gegen die Wand? Die Einsicht ist da, wenn ich mich betrachte gefalle ich mir so nicht.

Viel Lärm um nichts. Meine Freundin, die Ärztin. Mein Freund der Rechtsanwalt, Dr. Dr. Professor, es gibt sogar einen Bürgermeister. Ich lese Novalis, Bernhard, Thomas Mann. Zitate werden aufgesagt. Kassierer musst du doch kennen. Neulich in der Oper, Philharmonie, sonst wo. Das Beste zum Schluss, du schreibst Trivialliteratur für Hausfrauen. Hoch zu Ross die Leute. Nicht bewundernd schaue ich auf, klein in die Ecke gedrängt. Sei ruhig, die meinen nur sich selbst. Sollte ich jetzt auch aufmerksam in den inneren Spiegel schauen? Bei sich selbst anzukommen ist die erste Übung. Fehler dürfen gemacht werden, wenn sie sich summieren sollte ich mich über Rückwirkung nicht beklagen.

Neuerdings hat ein altmodisches altes Wort einen modernen Thouch: Achtsamkeit. Dafür gib es sogar Kurse. Volkhochschule oder sogar einen langhaarigen Guru in Wallagewand. Letzteres ist teurer, dafür berührt er sanft deinen Scheitel.

Als Gärtnerin bin ich geübt mit meinen Blumen und Pflanzen. Sie zeigen, wenn es zu grob, unachtsam wird. Mein Garten liegt mir am Herzen.

Es blüht überall. In allen Seitenstraßen, engen Höfen, auf Plätzen, in hellen und dunklen Räumen. Das dritte Auge oder das Herz will gepflegt werden, dann wird es leichter auch den Schrecken zu betrachten. Von der Seherin bin ich noch weit entfernt, noch zu viele blinde Flecken.

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© 2023 Regine Wendt
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Kauderwelsch*

Von Hans Peter Flückiger

Lex Vögtli (*1972)
Nreigärtserip sed Ausrpesugnlltseis red Tdats Solothurn 2022
Lex Vögtli dirw siesed Rahj rüf irhe eingitargizen, ngotmorfassireg Nogallec tim med Ausrpesugnlltseis red Stadt Solothurn autnecheizges. Red Sreip dirw nov red Tdats auf Agrtan red Yurj red Ganlletaussseruhj nehlierev udn tsi tim 5000 Nkanref torietd. Neu dirw red Ausrpesugnlltseis um eine Augnlletuss etznägr: 2023 dirw Lex Vögtli eine Eintetbsäreplazion in wzei Nläes sed Sumsmtuseunk Solothurn temidweg, die mov Nurvtseneik Solothurn otrasiniegr dirw (17. Rebmetpes sib 31. Rebemzed 2023).
Die in Basel neneble, aus Solothurn dnammetse Nrltsneüik atteiber in nendiescherev Nediem udn tah tim irreh nivutarigef Gentaltusg eine zang einege Chirpsdlabe etlckiwetn. Irhe Nogallec nommek gtirnebelaltis rahed udn nliepes tim niserved Nezenerfern auf die Euchschgtesinke, areb auhc auf ardene Neneubuasgnetedeb, udn nassel ned Nednatchgerteb liev Maur rüf asoviatizess Nelihäezerntchscheg. Auf med Cküutesnmlb Passé composé, sad auf red Glundrage eisen nischrotiseh Sotärtrp autbegauf its, dins alle neirbanesch Ntüleb churd Otkejbe etzetsr. Bei menaueg Nihseieh tssäl chis red temühre Lgiepes im Arnolfini- Dolbeistzichh nov Jan van Eyck esenbo ennneker wie Otkejbe von Meret Oppenheim. Red Asszeirpstober ruz Genlltesurh its ein sagrwieginel Nuches, Aunlhäwes udn Nullatwanmmesez nov Aunttnisches aus Ndimtneriep. Das Dilb tiesl chis wie ein Ttenschriqu churd die Tuchschugretilke.

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© 2023 Hans Peter Flückiger
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*Kauderwelsch
Kauderwelsch: Bezeichnung für eine verworrene Sprechweise, ein unverständliches Gemisch aus mehreren Sprachen oder eine unverständliche fremde Sprache (Definition Wikipedia). Hier wurden in den einzelnen Worten die Konsonanten ausgetauscht. Der Hinterste ersetzt den Vordersten, usw. Original/Vorlage: kunstverein-so.ch Eintrag zu: 2022 | 38. Kantonale Jahresausstellung, zur Vergabe des Ausstellungspreises der Stadt Solothurn

Weihnachten steht vor der Türe

Von Michael Wiedorn

Blut strömt aus den Lungen in die U-Bahn, fahrend zum Hunde des Herrn.
Weihnachten steht vor der Türe.
Singend das Blut aus den Lungen in die Pfoten.
Die Hunde laufen im Walde, bellend vor Erregung in der Erwartung der Bahn.
Singend regt sich der Jäger im Walde, sich streckend auf dem Hochsitz.
Er fährt im Dunklen.
Das Wasser läuft die Wände herab im Dunklen.
Weihnachten steht vor der Türe.
Sinket der Bart im Gesicht, sinkend in der Hitze.
Der Jäger schläft auf dem Sitze.
Die U-Bahn fährt im Walde.
Das Wasser rinnt von dem Sitze. Blut rinnt ins Wasser.
Die Lunge entlädt sich sitzend im Bade.
Die Hunde sammeln sich zum Empfange des Herrn – schlafend zwischen Eichen und Fichten.
Jaulend vor Klauen.
Singend und sickernd erhebt sich der Herr vom Sitze.
Weihnachten steht vor der Türe.
Schwindend auf dem Boden der Bahn im Wasser.
Trauer tötet die Hunde zwischen den Bäumen.
Schwarz löst sich der Waldboden in Leere auf – tiefe Leere.

22.5.2012

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© 2023 Michael Wiedorn
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