Mondlicht. Auf dem Rücken der Frau liegt Schnee

Von Regine Wendt

Mondlicht.

Auf dem Rücken der Frau liegt Schnee .

Ihre Arme wie Flügel ausgebreitet . Schwarzes Haar, ein leicht beflockter seidiger Fächer, verbirgt ihr Gesicht. Das weiße Kleid fast unsichtbar gepaart mit dem Schnee. Ihre Hände, leicht rosa, ein roter Rubin, fängt das Mondlicht, scheint leuchtend, scheinen zu streicheln.

Die Füße, kleine, feine, sind nackt. An den Fußsohlen, bläuliche, glitzernde Tropfen. Fluoreszierend im Mondlicht.

Auf dem Rücken der Frau liegt Schnee.

Ein tiefer, ewiger Schlaf im Schoß der weißen Nacht. Verwehte Spuren. Unberührtes. Jungfräulich.

Vom nahen See gefühlte Musik. Spährenklänge. Eisiges schwingt wie fein geschliffenes zerbrochenes Glas, das Atmen einer Geige, kosmisch verbunden. Ein behutsamer Windhauch lässt die Flocken in zarten Schleiern tanzen..

Auf dem Rücken der Frau liegt Schnee.

Weit die Fläche, weit und weiß, ein Hauch von Ewigkeit. In der Ferne geahnte Bäume, Schattenrisse .

Schnee. Auf dem Rücken der Frau der Schnee.

Als müsste ich mich auf etwas besinnen, aber ich weiß nicht was. In der kleinen Wunde bleckt ein flüssiges hässliches Rot, versetzt mit giftigem Grün. Pocht, kratzt, schmerzt. Eiter , winzige Pünktchen reizen das kühle Herz.

Tief verborgen im Schnee die Zeit, zeitlos. Tick, tack, tick tack, tick, tick… Nur atmen, nicht bewegen, sonst setzt sich diese kleine Amsel nieder.

Auf dem Rücken der Frau liegt Schnee.

© 2022 Regine Wendt
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Das war der Moment

Von Marcus Nickel

Ich stand am Ufer und sah auf mich hinaus. Ich atmete die bräsige Luft mit geschlossenen Augen. Dann blickte ich nach oben zu den Punkten am Himmel, die sich für Sterne hielten, weil ich sie zu solchen ernannte. Nun war es Nacht. Sie hellte meinen Blick auf, aber sie blendete mich nicht. Gab es jemals zuvor einen klareren Blick auf meine gescheiterte Existenz?
Ich wusste es nicht. Wahrscheinlich wüsste ich es niemals. Da war der Moment, der mich wach kehrtmachen und in die vergrößerte Ungewissheit gehen ließ. Dennoch umgab mich eine Leichtigkeit. Durch die innere Befreiung entdeckte ich den Humor neu. Seitdem lachte ich mehr über die Welt, da diese noch gescheiterter war als ich.

© 2022 Marcus Nickel
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Verbindungen

Von Eva Radon

An manchen Tagen bin ich
mehr verbunden als an anderen.

Mit Menschen, die ich liebe, liebte.

Heute bin ich mit DIR, heute an deinem Geburtstag, den
DU nicht mehr feiern kannst.
Mit mir, mit deinen Liebsten: Familie, engen Freunden.

Aber Erinnerungen, Gefühle, Liebe und Verbundenheit werden immer bleiben.
In mir
und in unseren Herzen
mit Freude und Wehmut.

*

© 2022 Eva Radon
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Es reicht nicht

Von Thomas Franke

Sie reden vom Kulturkampf.

Sie reden vom Überlebenskampf.

Sie greifen Menschen an.

Sie bringen Menschen um.

Sie lügen.

Sie verdrehen.

Sie übertreiben.

Sie reden von Altparteien und Systemmedien, von Mainstreammeinungen und Ungerechtigkeit und wirken, als hätten sie manchmal sogar Recht.

Doch du weißt, was sie sagen, ist falsch.

Du weißt, Frieden herrscht auch, wenn alle mitmachen und keiner aufsteht, irgendwie.
Aber wie.

Du weißt, wie die Nazis an die Macht gekommen sind, aber du weißt nicht, wie man sie verhindert.

Es reicht nicht, dass du das Grundgesetz kennst.
Und um die Lehren aus der Vergangenheit weißt, die ja auch dort Eingang gefunden haben.

Es reicht nicht, dass du Bibliotheken über den Holocaust und den Aufstieg der Nazis gelesen und vor allem verstanden hast.

Es reicht nicht, dass du für Gerechtigkeit eintrittst.

Es reicht nicht, dass du wählen gehst und vielleicht mal Mitglied der SPD warst.

Es reicht nicht, dass du kein Rassist bist (wirklich?).

Es reicht auch nicht, dass du demonstrierst, auch wenn das schon mal was ist, etwas, dass dich beruhigt und Gewissen zeigt (hoffentlich).
Aber es beeindruckt nicht wirklich.

Es reicht schon gar nicht, in Revolutionen zu siegen, wenn du nicht weißt, wie es dann weiter gehen soll.

Du weißt, dass Revolution keine Lösung ist, denn die Revolution ist auch bei den Nazis. Und natürlich weißt du, hast du ja gelesen, dass Revolutionen meist missbraucht werden und dass der Wille des Volkes nicht automatisch zur Gerechtigkeit führt, denn DAS VOLK ist nicht homogen. Es gibt DAS VOLK nicht, du weißt es.

Rede deshalb besser nicht von Revolution, denn die anderen sind schon mitten drin. Ihre Revolution ist gegen DICH gerichtet, gegen DEINE Freiheit, DEINE Nachbarn, DEINE Freunde, DEINE Kollegen.

Du weißt nicht, mit wem du Allianzen bilden kannst, um zu siegen.

Du weißt, es reicht nicht, dass du argumentierst, denn sie hören nicht zu. Ihre bösartige Dummheit ist absolut und erfolgreich.

Und Du weißt nicht, wie du die gemeine Dummheit bekämpfst oder gar ihr etwas entgegen setzen kannst.

Sie sagen, es ist nie zu spät.
Aber du weißt, es ist höchste Zeit.

Was aber, wenn niemand weiß, wie?
Es ist gut, wenn du weißt, dass es schlimmer werden kann.

Beten hat übrigens noch nie geholfen, die anderen beten auch. Und um hier noch mit einer anderen Volksdummheit aufzuräumen, auch böse Menschen singen Lieder, gerade die.

*

© 2021 Thomas Franke
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DEMNÄCHST erscheint:
Ruhmlose Helden
Ein Flugzeugabsturz und die Tücken deutsch-russischer Verständigung
be.bra verlag

 texteundtoene.de
 
Blog: nachmoskau.de

Edelbitter

Von Lena Kelm

Ich mag keine aalglatten Reden
weder hohle Phrasen noch
ergo verliebte Monologe
auch keine triefenden Tiraden
Illusionen, süßen Worte, die
auf der Zunge zergehen wie
Vollmilchschokolade.

Ich mag klare Worte, fundierte Fakten
bevorzugt bodenständige Ideen
kritische Diskussionen und Konkretes
wie ein reinigendes Gewitter
ansonsten Schokolade
besonders edel-bitter.

*

© 2021 Lena Kelm
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Zusammen sind wir stark

Von Regine Wendt

Hoch zu Ross, arrogant der Reiter, spricht er mit mir. Schaut herab. Auf mich. Maßregelt. Will nicht verstehen, will sich nicht beugen. Kurz und knapp die Botschaft. Meine schlappt dahin, piepst nur noch unsicher.

Später ein verirrtes Pferd grast einsam ohne Reiter. Abgeworfen, sicher haben sich die Rösser nicht verstanden.

Denn dafür stolz ein neuer Reiter hoch zu Ross. Hoffentlich hat er auch das Absteigen gelernt, zumindest das Beugen. Mit der Nase in der Luft sieht man schlecht.

Was ist mit mir, sollte ich Reiten lernen, vielleicht erst einmal auf einem Pony. Die weißen Schimmel sind zu gefährlich, die meisten Hochherrschaftlichen stürzten ab.

Vielleicht lieber Blumen pflücken auf einer Anhöhe und warten auf liebevolle Gesellschaft.

Es ist schwer, eine gemeinsame Sprache zu finden. Sie zu verstehen. Dazu bedarf es mehr, als nur sein Eigenes durchzusetzen. Sich nur in seinem abgezirkelten Klüngel zu bewegen.
Kinder sind darin besser, sie sind noch unverdorben. Und wenn das Gemeinsame nur ein gegenseitiges Lächeln ist.

Jeder hat ein Plus und ein Manko, wir würden staunen, wenn wir uns darauf einließen, nicht nur das Manko sondern auch das Plus zu bemerken.

© 2021 Regine Wendt
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Ästhetik

Von Regine Wendt

Zwei unterhalten sich, ich bin draußen, sozusagen draußen hinter der Tür. Was bleibt in mir ist das Wort Ästhetik und was ich damit verbinde. Ein Brocken, der übrig geblieben ist für mich. Fast genug.

Ich sitze im Garten, es ist heiß und die Vögel singen, lautlos die Nachbarn, sicher schlafen sie bei der Hitze.
Mit geschlossenen Augen sehe ich das Bild. Ein Messer, dick und braun liegt der Schaft in meiner Hand, die scharfe Klinge funkelt im Licht, elegant geschwungen, die Spitze perfekt. Das Licht hebt die Schärfe hervor, lässt sie kalt glitzern, ästhetisch die Linienführung, absolut ausgewogen. Dann sehe ich den Schnitt, gezielt in weißes Fleisch, glatt, tief und an den Seiten das hervorquellende Blut. Rot im Weiß, nicht gezackt, nicht verpfuscht, richtig. Die Spitze des Messers gezielt auf den Punkt gebracht, tief, grausam, schnell. Ein greller, kurzer, endgültiger Schmerz.
Einen Augenblick verweile ich in der Ästhetik des Messers, doch schon schiebt sich ein anderes Bild darüber, als dürfte ich diese Perfektion, die erschauernde Sinnlichkeit nicht genießen.
Auf weißem Untergrund eine rote Erdbeere, feucht strahlt das Rot, ein Lichtreflex, ein frischer grüner Blätterkranz. Formvollendet liegt sie da, Ästhetisch schön, voll reif, ideal. Spürbar der verborgene köstliche Saft. Im Verborgenen schiebt sich das Empfinden der feuchten Vagina hervor. Die Saftigkeit und ihre Schönheit, nur als Sakrales, als Auskosten der Weichheit ohne ein direktes Bild. Eine Wahrnehmung die einzig auf das Kostbare, die Verehrung bezogen ist.

Mit beiden Bildern verbindet sich für mich der Begriff Ästhetik mit der Wahrnehmung des Schönen in den Dingen und Handlungen über sie hinaus im Transzendentalen, was für mich im Schönen innewohnt. Wobei Schönheit nicht nur ein Begriff von gut und böse sein muss, sondern in der sie von dem Einzelnen auf seine Weise empfunden werden kann, die Fantasie belebt und damit lebendig wird.

Letztendlich empfinde ich Ästhetik, wenn ich einer Formvollendung, Vollkommenheit, einem Schönheitsideal begegne, das meiner Vernunft und meinem Gemüt entspricht. Als verinnerlichtes Gefühl suche ich über dies hinaus nach mehr, nach der Transzendenz, die mich dahin führt, wo ich eine noch stärkere absolute Befriedigung im Genuss des Schönen finde, einen Abschluss der Sinnlichkeit in ihm, im höchsten Empfinden sogar ein Gefühl der Heiligkeit.

© 2021 Regine Wendt
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Waldbaden

Von Michael Metzger

Ein Bad im Wald – Eintauchen in das ringsherum satt und saftig sprießende Grün.
Düfte – erdig, würzig, blumig. Frisch.
Kühle, klare Luft. Sie bringt Erfrischung.
Weicher, erdiger Boden unter den Füßen, der sicher trägt.

Bäume – stark und stumm.
Voller Weisheit. Voller Frieden. Voller Güte.
Wie Brüder und Schwestern. Wie Wächter. Wie Hüter.

Der Gesang der Vögel liefert die musikalische Untermalung zu diesem Gedicht der Natur.
Pure Poesie. Klänge und Töne voller Harmonie und Reinheit.
Alles ist freundlich und zugewandt.
Ein Ort des Friedens und der Freiheit.

*

© 2021 Michael Metzger
Alle Rechte vorbehalten

Weitere Texte sowie Natur-/Wanderberichte und Naturfotografien veröffentliche ich regelmäßig auf meinem persönlichen Blog
https://ortderkraft.wordpress.com/

Blind

Von Michael Wiedorn

Es ist dunkel. Er tastet sich hilflos durch das nur für ihn überall und für immer undurchdringliche Schwarz. Der Zweck und das Ziel aller Erscheinungen auf der Welt ist es ihm im Weg zu stehen. Den Sonnenstrahl erfährt er, in dem er belebende Wärme auf seiner Haut erahnt. Die Phänomene der Welt bieten keinen Anblick. Vielleicht besteht die Außenwelt schon längst nicht mehr. Nimmt der Blinde seine Sonnenbrille mit den schwarzen Scheiben ab, sieht man die blicklosen Augen – leer und unbestimmt. Wenn er noch nie gesehen hat, kann er dann in seinem Bewußtsein Bilder von Gegenständen haben? Sie stoßen an seinen Körper. Er ertastet sich die mit den Händen greifbaren Flächen und Kurven der Dinge. Vielleicht sind die Geblendeten die vollendeten Materialisten. Nichts ist wirklich, was Hände nicht berühren können. Ein Maler sieht Dinge, die er nicht anlangt und schafft Flächen, die nur mit den Augen zu betrachten sind. Ein Blickloser kann den dargestellten Inhalt eines Gemäldes oder einer Zeichnung nicht ertasten. Ein Bildhauer sieht und greift und schafft Sichtbares und Berührbares. In den Museen müßten die Plastiken zum Betasten freigegeben werden. Der Sehende sieht das Dasein als unstoffliche Bilder und hält diese Geistererscheinungen in seinem Blickfeld für harte Tatsachen. Als Blickender ist man es gewohnt, Dinge aus der Entfernung als ihre eigenen Abbilder zu sehen. Den wenigsten Objekten nähert man sich so sehr, daß sie anfangen zu riechen und ihre Stofflichkeit an den eigenen Körper stößt. Die Welt nimmt man meistens als geruchlosen Film wahr. Ich sehe und höre und halte Abstand zu meiner Umgebung. Ein des Blickes Beraubter ist ein in sich Eingekerkerter. Tote erwidern nicht den Blick der Anderen. Ausgeräumte Augenhöhlen. Formlos zerflossene Pupillen. Eine Blendung ist eine Kastration. Ein Geblendeter wird schon in der Blüte der Jugend und bei glänzender Gesundheit von Hund und Stock gestützt durch das wirre Dunkel des Lebens geführt. Die schwarzen Scheiben schützen die Normalen vor der unerträglichen Blicklosigkeit. Den Toten drückt man die Augen zu.
Blinde gucken nach innen. In der Nacht ertönen die Geräusche. Töne und Geräusche leiten sie durch das Leben. Woher kommt der Laut? Von welchem Gegenstand? Zeigt der Klang Gefahr an? Falls meine Augen ihren Dienst versagen, werde ich gezwungen sein mein Gehör zu einem Ortungsinstrument zu machen – der Welt mit ihren Klängen zuzuhören. Ich habe Angst in der Nacht im Walde spazieren zu gehen. Ein Ast knackt, es rascheln in der Nähe Blätter, irgendwo flattern plötzlich Flügel. Aus der Ferne höre ich das Aufheulen eines Motorrades oder das gleichmäßige Rauschen von Autoverkehr. Ich versuche herauszukriegen, woher die Geräusche der Straße herkommen und sehne mich nach dem Licht einer Autobahn. Das Licht gibt mir Orientierung. Das Licht bringt die Erlösung aus dem Dunkel.
Falls meine Augen verlöschen, werde ich gezwungen sein bewußter Musik zu hören. Der Blinde geht durch Felder und Straßen und läuft durch Klangtapeten. Ihn durchklingen Klangwolken.
Der Sehende steht auf einem Bild, das Straßenpflaster darstellt. Er blickt auf Bilder, die Autos darstellen, die an ihm vorbei rauschen. Darstellungen von Straßenlaternen erhellen die zusammengesetzte Bildergalerie, die eine Autobahn vortäuscht.

© 2021 Michael Wiedorn
Alle Rechte vorbehalten

Wörterfressen

Von Michael Wiedorn

Ich versinke und versuche noch im Absinken zu erwachen. Den größten Teil meiner Lebenszeit tauchte ich in Texte unter wie der Taucher im Wasser. Die Sucht Unmengen von Büchern zusammen mit Papier und Kleister reinzuspachteln ist eine Abart der Fresssucht. Muss man dieses Suchtverhalten als Geisteskrankheit einstufen? Wie hoch ist der Leidensdruck oder gibt es bei dieser Neigung überhaupt ein Leiden? Die Betroffenen empfinden eher Lust. Sogar sehr starke Lust, die sich allerdings in den seltensten Fällen bis zum Rausch steigert. Orgasmen erleben ganz wenige äußerst selten. Intensive Lektüre führt den Leser eher in einen Traum – oder Benommenheitszustand. Die ausschließliche Beschäftigung mit Lektüre ist ein Ersatz und ein Ausweichen vor zerreißender Lust. Sie würde einen mittendurch auseinander reißen.
Abends fasst man zusammen, was man gemacht hat, was geschehen ist und welche Orte man aufgesucht hat. An Tagen, an denen man viel gelesen hat, ist man niemandem begegnet, hat nicht gehandelt, die Motorik war auf das Mindeste reduziert, man hat kaum Orte gewechselt, aber im Kopf durchquerte man Ozeane, hat sich als Mörder an schrecklichen Massakern beteiligt, ist unzählige Tode gestorben, saß mit Herrschern bei Festmahlen und darb als ausgemergelter Bettler in den stinkendsten Gossen. Gleicht eine Leseratte einem Katatoniker in der Geschlossenen? Er ist Stunden und Tage und viele Jahre zu einer erstarrten Körperhaltung versteinert und in seinem von der Außenwelt abgeriegelten Kopf rasen die entsetzlichsten Gräuel, die kein Mundzucken und kein Augenausdruck wiedergeben. Weite Teile meines Lebens saß ich und meine ganze Tätigkeit war nur reglos dasitzen. Wenn das Wetter trocken ist und es halbwegs warm ist, sitze ich in der frischen Luft auf einer Parkbank im Schneidersitz wie ein meditierender Buddhist und tauche in meine Innenwelt ab. Ich tauche nicht in meine Innenwelt ab. Ich habe gar kein eigenes Innere. Ich lasse meine klaffende Leere durch die erhabenen Gedanken und Gefühle mir weit Überlegener überdröhnen.
Als Kind war ich zu verunsichert um wie andere Kinder herumzutoben und weigerte mich an die frische Luft zu gehen. Ich lag erschöpft ausgestreckt oder saß mit übereinander geschlagenen Beinen auf meinem Bett und ertrank in den smaragdenen Wäldern und den Kristallschlössern der Märchen und Sagen. Ich hatte keine Geschwister und fand keine Spielgefährten. Die harten Zimmerwände gaben meinen Selbstgesprächen keine Antwort und ich verwandelte mich in die Hirngespinste, die meine Lektüre erzeugten. „Geh doch raus in die Sonne wie die anderen Kinder“, riefen die Erwachsenen. Eine alte Dame frug mich einmal besorgt, ob ich Krebs hätte. „Ja, in dir wuchert etwas Krankes, das dir dein Blut absaugt. Dass deine Eltern dich nicht zum Arzt schleppen?“
Lange nach meiner Pubertät entschloss ich mich, mich mit einer gesund sportlichen Tarnfarbe einzufärben. Ich saß von den frühesten Morgenstunden bis Einbruch der Nacht, wenn es Wetter und Tageslicht gestatteten, über ein Buch gebeugt in der prallen Sonne. Ich fraß die Sonne und die Sonne fraß mein Fleisch. Ich verzauberte mich von einer Kellerassel zu einem Sohn der Sonne. Wie ein liegen gelassener Gegenstand verharrte ich auf einer Bank zwischen Gebüschen am Landwehrkanal. Über mir donnerte die U-Bahn, die zur Station „Hallesches Tor“ fuhr. Die Anwohner werden meinen Anblick gekannt haben und werden beim Vorübergehen den Kopf geschüttelt haben. Berlin ist überfüllt mit Irren und Wirren. Die Jahre davor saß ich die sonnigen Nachmittage auf dem Steinplatz und später am Abend auf dem Savignyplatz in Lektüre vertieft. Ein Obdachloser starrte mich eine Zeit lang an und es drängte ihn dann, sich zu mir zu setzen, indem er mich weiter beunruhigt anglotzte und währenddem er seine Augen zwanghaft auf mich gerichtet hielt, brach es aus ihm heraus, ich sei ihm unheimlich. Nein, ich solle nicht behaupten, ich würde wirklich lesen. Das glaubt hier im Kiez niemand. Ob ich in dieser Stellung auch nachts verharre. Man hätte mich schon tief nach Mitternacht im selben Schneidersitz mit gebeugtem Kopf gesehen. Vielleicht sei ich ein Toter. Wenn er verstanden hätte, dass mein Kopf ganze Welten erschuf und mich in ferne Länder trug, wäre ich ihm noch unheimlicher gewesen. Ich war eher ein Gott und Weltenschöpfer. Die Gestalt, die man nachts gesehen hatte, war mein Gespenst. Ich führte nie ein Leben und hatte nie einen Körper aus Fleisch und Blut. Bevor ich mich nachmittags zum Lesen auf die Parkbank setzte, verschlang ich in der Unimensa zwei Teller mit Hauptspeise und Beilage, meistens drei kleine Salatschüsselchen und eine Suppe. Immer alles rein! Alles rein in das leere und öde Weltall meines Innenraumes! Wo liegt die Seele eines Menschen? In irgendeiner Hohlkammer zwischen den Hirnwindungen? Sind es die Schläuche und Knoten, die die Hirnmassen bilden? Sie liegt vielleicht im Brackwasser, das sich durch die Eingeweide kämpft. Viele brave Bürger fürchten ihr eigenes Innenleben und es ekelt sie das der Anderen.
„Wie machst du das, dass du so schlank bist? Wohin gehen denn diese Berge von Einverleibtem?“ Ich fühlte mich den Büchern, die ich verzehrte nicht gewachsen. Ein Buch, das sich mir einschmeichelnd an den Hals geschmissen hätte, hätte mich schnell gelangweilt. Ein Buch, das ich zuklappe und ich habe alles verstanden und kein Geheimnis und kein Rätsel bieten mir Widerstand, hätte ich in den nächsten Abfalleimer geschmissen. Ich las und studierte Kafka, Benn, Joyce. Suchte ich die Erhabenheit von großen Vätern und Propheten? Ich verstand nichts von mir und der Welt. Als Kind las ich Märchen und Sagen. Ein moosverschlungenes Haus mit blinden, fest verriegelten Butzenscheiben zwischen giftgrünen Tannen. Eine steingraue Greisin lockt mit ihrem zuckersüßen, liebesroten Finger die Kinder in das dunkle Innere.
Mit beginnender Pubertät las ich ein Jahr lang nichts mehr. Ich wollte nicht mehr ins Dunkel geheimnisvoller Lebkuchenhütten abtauchen, sondern ins Tageslicht der Wirklichkeit eines gesunden Jungen. Sindbad der Seefahrer und Herzog Ernst zogen über das weite Meer in nie gesehene Länder, in denen tierköpfige Menschen lebten, Länder in denen unsere Naturgesetze nicht galten. Teerschwarze Kolosse mit glutroten Augen und hinterhältige Winzlinge mit den Flügeln von Schmeißfliegen.
Mit zehn oder zwölf las ich Jugendsachbücher über den Alten Orient, über Rom und das Mittelalter. Begeistert blickte ich auf die Abbildungen in leuchtenden Farben. Azurblau. Der azurne Himmel über den Wogen des südlichen Meeres. Die Göttin Nut streckt ihren Leib über die Welt aus. Seth zerstückelt seinen Bruder. Unter einem von blauer Hitze knisterndem Himmel breiten sich glühende Steine über die heute verlassenen Wüsten aus. Die Steine liegen hier 5000, 10000, 50000 Jahre. Die Abbildungen sind nicht aus Papier, sondern ich betaste mit meinen Fingern den Basalt und den Marmor und befinde mich zwischen Mauern, die schon Nebukadnezar und Alexander der Große berührt haben. Die Gluthitze macht mich ganz benommen und ich bin im Rausch. Durch einen Zeitsprung bin ich im Pharaonenreich oder in Babylon gelandet. Die Buchstaben haben die Wirklichkeit ausgelöscht. Mein Elternhaus ist so abwesend, dass ich von ihm nicht den leichtesten Schimmer im Bewusstsein habe. Bücher zerstören die Wirklichkeit. Der allmächtige Gottkaiser kann jederzeit ohne jemandem Rechenschaft schuldig zu sein unbotmäßigen Untertanen die Gedärme herausreißen, Arme und Beine abhacken, ihnen einen spitzen, glühend heißen Pfahl in den Arsch rammen lassen. Der elektrisch geladene Sonnenhimmel verwandelt sich blitzschnell in ein tobendes und alles zermalmendes Strafgericht. Ich suchte nach einer vielgestaltigen Mythologie, deren geheimnisvolle und bedrohliche Phantome meine betäubten Gefühle, Gedanken, Antriebskräfte zu neuem Leben erwecken sollten. Mich faszinierte gerade die Bedrohung und die Gewalt in den alten Geschichten. Eine Gemüterregungskunst.
Später interessierte ich mich für Zeitgeschichte. Ich war ein junger Mann und hasste die verstaubte und vermoderte Vergangenheit. Ich wollte mich aus dem moosverschlungenen Haus und den steingrauen Greisen befreien. Die Explosionen und Revolutionen des 20. Jahrhunderts. Lenin vor den roten Fahnen der Oktoberrevolution. Die begeistert glühenden Volksmassen der Chinesischen Kulturrevolution. Ich lebte nicht mehr in der Obhut zu Hause bei meiner Mutter, sondern in der etwas raueren Luft eines Jungeninternats. In meinem Geburtshaus und später im Internat lag ich am liebsten faul und bequem im Bett und so wie ich mich nachts aus der Gegenwart des stofflich Anwesenden in meine Nachtträume entwirklichte, so entstofflichte ich mich tagsüber in die Gegenwartsabtötung der Texte. In der Schule fiel ich nie durch besonders ideenreiche Aufsätze auf. Mein Stil war trocken und karg. Ich galt als nüchtern und farblos. Ein stiller, antriebsloser und äußerungsunfähiger Angsthase mit unsicherer Gestik und leerem Gesichtsausdruck. Was hatte ich schon zu sagen? Ich hoffte immer, dass in mir ein Fremder versteckt ist, der mein mir verborgenes Ich besetzt hält.
Was unterscheidet eine Leseratte von einem Fernsehsüchtigen? Würde ein Fernsehkonsument, der viele Stunden des Tages vor der Glotze hängt, jedes gesehene Bild in seinem Kopf behalten, wäre sein Bewusstsein mit ihm selbst Gleichgültigem und Fremdem vollgestopft. Welche Erinnerungsbilder sind Erinnerungen von Erlebtem und was sind in ihn reingestopfte Fernsehbilder?
In meinem Kopf brüllte und wisperte und flüsterte ein wirres Gestöber aus meinem mir fremden Inneren, das sich mit geliehenen und eingepflanzten Gefühlen und Gedanken vermanscht hatte. Kann ich das Wirrwarr zu klaren Formen bilden?
Es zog mich mit magischer Saugkraft in jede Buchhandlung, an der ich vorbeikam. In Buchhandlungen und Bibliotheken sind sämtliche Details der Welt in winziger, zusammengepresster Gestalt anwesend. Ich erstand ganze Stapel von Büchern, deren erhebliches Gewicht ich schweißtriefend nach Hause schleppte. Was mache ich, wenn das Plastik der Tüte reißt und meine Neuerwerbungen in Regenpfützen knallen.
Der Büchermarkt wird von Massen von Neuerscheinungen überschwemmt und nochmals neuen Bücherfluten. Die Literatur ist ein unüberschaubares Meer von kleinsten Tropfen. Jeder Tropfen ist ein Buch, das ich mindestens einmal im Leben lesen sollte. Mein Zimmer füllte sich mit immer neuen Bücherbergen, die ich mich zu absolvieren gezwungen fühlte. Was muss ich lesen? Kann ich die Vielfalt der Welt in allen Einzelheiten in meinem Kopf speichern? Meinen Schädel durchschneidet ein ständiger Schmerz, als wollte die Überfüllung der einzelnen Hirnzellen ihn auseinander sprengen. Die im Kopf eingenisteten Vorstellungen und Bilder lassen die Außenwelt und mein durchblutetes Fleisch ausdörren. Klassiker, Krimis, Sachbücher und neue Fluten. Ein Ozean, der seit dem Gilgameschepos anschwellt und sich aufbläht und die Erdkugel überschwemmt und dann die Milchstraße überwinden wird. Bei Nahrungsmitteln hätten meine Magenschleimhäute mich gezwungen zu kotzen und wenn ich weitergefressen hätte, wäre ich an einem Magendurchbruch verreckt. Kaum ausgelesene Bücher quetschte ich in alte, schon etwas brüchige Plastiktüten um sie billig in Antiquariaten zu verscherbeln, um mir dort neue Haufen ungelesener Bücher unter den Nagel zu reißen. Ich sehe mich noch schwitzend, mit pochendem Herzen im Stress mit überfüllten Plastiktüten durch die Straßen Schwabings rennen. Der rasende Leerlauf zerstört und höhlt mich aus. Die Masse der Phantasien und Einbildungen zerfrisst den Körper und beißt Aushöhlungen und Löcher in das Fleisch. Es gibt mehr Fantasiertes und Geträumtes als Reales auf dem Globus.
Ich lege mein Buch zur Seite, die Stille und Reglosigkeit und das Starre meines Lebens kommen bedrohlich auf mich zu und ziehen sich um mich zusammen. Die Schlinge um den Hals des Verurteilten zieht sich zusammen. Bevor meine düstere Verlassenheit mich vollends in den Abgrund stürzt, drücke ich auf irgendeinen Knopf, der die lähmende Stille des Raumes mit sinnentleertem Geplapper füllt. Schriller Lärm in voller Lautstärke fordert mich auf, mich unbedingt in die in ihrer Tiefgründigkeit kaum auszulotende Weltanschauung Harpe Kerkelings zu vertiefen. Helene Fischer und Uta Danella. Das Kulturmagazin legt dem Publikum unter internationalen Preisen zusammenbrechende Mittelstandsbeziehungsprosa an´s Herz. Die blassen Hausfrauen, vertrockneten Büromäuschen, Oberstudienräte stürmen mit Schaum vor dem geifernden Maul, sich gegenseitig wegstoßend, lechzend nach dem topneuesten Midlife-Mittelstands-Mittelmaß- Spiegel-Hitlistenbestseller die Buchhandlungen. Es klingeln die Kassen. Immer wieder und immer wieder wird längst vielfach Durchgekautes als brüllend brandneue Neuigkeit als dachziegelschwere Schmöker auf den Markt geschmissen. Es klingeln die Kassen.
Weitab tief im Wüstensand verbeugt sich der Beduine vor den Weiten des brennenden Himmelsdaches. Neben seinem Gebetsteppich liegt das Buch. Das einzige Buch. Das glasklare Gesetz.
Was ist ein Gespräch? Was ist das? In Gegenwart Anderer wirft man beliebige Worte in die Luft. Was ist deren Sinn? Der Gesprächspartner wirft dann ebenfalls leere Silben herum. Er hat mir überhaupt nicht zugehört. Wir sind nett und höflich zueinander. Wir wollen nichts sagen, was belastend sein könnte. Keinen Streit bitte! Wo ersteht man preiswerte und schmackhafte Pizza? Wie wird in den nächsten Tagen das Wetter? Das Radio brüllt Schnulzen um die Ödnis zu übertönen. Ich verstand als Kind nicht, warum die Erwachsenen mit ihren Stimmbändern Geräusche erzeugten und hielt am liebsten die Schnauze. Viele hielten mich für stumm. Ich saß viele Stunden da wie ein Grabstein. Reglos und lautlos.
In freier Rede stolpere ich oft über im Redefluss zu bildende Satzkonstruktionen. Beim Sprechen bin ich der deutschen Sprache nicht mächtig. Ich bin hier nicht zu Hause. Erst wenn ich in Ruhe etwas schriftlich ausdrücke, kann ich mich fließend ausdrücken. Geträumte Wälder schweigen. Ich breite in der Nacht meiner Stummheit meine Flügel aus und verschwinde aus der Wirklichkeit. Ich blicke in den Spiegel und sehe nichts. Beim Versuch Erinnerungsbilder, Fantasien, Gefühle deutliche und angemessene Gestalt zu geben, sehe ich wie sich die Umrisse der Glieder meines Körpers auf dem Spiegelglas abzeichnen, um dann immer deutlicher mein Abbild in voller Größe zu zeigen. Der Widerstand des Anderen greift mich an und zeigt mir meine Grenzen. Jetzt bin ich da.

© 2021 Michael Wiedorn
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