Tücke der Materie

Von Monika Jarju

Jedes Mal, wenn ein Zug einfuhr, war der Mann, mit dem ich unterwegs war, so beschäftigt, dass wir den Zug verpassten. Irgendwann riss mir der Geduldsfaden. Ich wollte gerade alleine einsteigen, als mir einfiel, dass ich ein Ticket lösen muss. Der Fahrkartenautomat hatte eine Macke, immer wieder fielen die Münzen heraus, hinter mir staute sich eine Schlange. Ich ließ Leute vor, bei ihnen klappte es. Als ich andere Tasten drückte, schüttete das Gerät rasselnd wie ein Spielautomat sämtliche Geldstücke aus. Das Kleingeld prasselte, klimperte, klirrte in eine riesengroße Schüssel. Peinlich berührt schaute ich auf die randvolle Schale mit glänzenden Münzen und sagte verlegen zu den hinter mir Wartenden: Bitte bedienen Sie sich!

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©2022 Monika Jarju
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Monokultur

Von Monika Jarju

Endlich ist es soweit, das deutsche Kulturinstitut in Westafrika widmet Gebrauchsgegenständen aus Deutschland die erste Retrospektive. Als ich sehe, dass etliche Afrikaner in das Gebäude hineingehen, verspüre auch ich den Wunsch, die Ausstellung anzuschauen. Drinnen begegnen mir einige afrikanische Kollegen, gemeinsam gehen wir durch die Räume. Heiter gestimmt schlendere ich vor den Vitrinen und Regalen umher und verliere mich in Erinnerungen. Die Ausstellung dokumentiert seit den frühen 1960er Jahren eine Sammlung von Alltagsgegenständen, die die gesamte Bandbreite an Putz- und Scheuermitteln umfasst. Pril, OMO, Weißer Riese, K2r erwecken die Vergangenheit wieder zum Leben. In Gedanken sehe ich meinen Vater, wie entspannt er die Fleckenpaste aus der Tube aufträgt und zufrieden einwirken lässt. „Hab immer K2r zur Hand – der Fleck ist weg – ganz ohne Rand!“ – sage ich laut. Und dort im Regal: Palmolive, ich höre mich wie Tilly reden – „Sie baden gerade Ihre Hände drin!“ – und muss kichern. Vereinzelte Besucher schauen verwundert zu mir herüber, die Runde bricht in Gelächter aus. Mein Kollege liest beflissen die Beschriftung unter einer Packung Persil vor: „Hergestellt in der Bundesrepublik Deutschland.“ So steht es unter jedem Produkt, stelle ich nach einer Weile fest. „Das entspricht aber nur der halben deutschen Geschichte“, sage ich entrüstet zu meinem afrikanischen Begleiter, „es fehlen die Produkte aus der DDR.“ Schon fällt mir der nächste Slogan ein: „Wer wird den gleich in die Luft gehen, greife lieber zur HB“.

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©2022 Monika Jarju
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Feuer & Flamme

Von Monika Jarju

An einem See entdecken meine Kollegen und ich ein verlassenes Schreibwarengeschäft. Unser Kollege ist nicht zu bremsen, sogleich krempelt er die Ärmel hoch und fängt an zu arbeiten, ohne Vertrag. Während meine Kollegin und ich uns zögernd umschauen, schuftet er, bis der Papierkorb qualmt. Im Nebenraum tritt uns die Geschäftsführerin entgegen und teilt uns mit, dass meine Kollegin und ich von nun an weniger verdienen werden. Als hätte ich eine Abfuhr erfahren, schütte ich Wasser in den Papierkorb und lösche die Flammen. – Aus der Traum!

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©2022 Monika Jarju
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So far so good

Von Monika Jarju

Kurz vor Ladenschluss betritt eine britische Familie das Geschäft. Sie wollen einen Leichenwagen bestellen.
„Wie bitte?“, frage ich höflich zurück, ohne mir meine Entgeisterung anmerken zu lassen. Habe ich mich verhört oder sollte ich lieber meine Kollegin rufen, deren Englischkenntnisse perfekt sind?
Wir verkaufen keine Autos. Das sage ich jedoch nicht. Die Geschäftsleitung erwartet Umsatz von mir, koste es, was es wolle.
Die Kunden lassen sich nicht abweisen, ja, sie bestehen sogar darauf, bei mir den Wagen zu bestellen und zwar in einem speziellen violetten Lack.
Um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen, durchblättere ich den Firmenkatalog. Tatsächlich, auf der letzten Seite finde ich einen Leichenwagen im passenden Farbton.
Sie reagieren hocherfreut und wir vereinbaren einen Termin für den Abschluss des Kaufvertrages.
Bis dahin werde ich mich genauer erkundigen. Ich atme erleichtert auf, das ging ja gerade noch mal gut.

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©2022 Monika Jarju
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BLAUMANN

Von Monika Jarju

Wären sie mir im Traum erschienen, hätte ich sie auf Anhieb für eine Täuschung gehalten. Die beiden Unzertrennlichen hätten in meiner Fantasie als einer durchgehen können.
Mir entgegen kamen zwei Männer, zwei Inder, die zunächst wie ein einziger wirkten. Einzeln wären sie mir nicht aufgefallen. Ich war perplex! Führten sie mich an der Nase herum oder gab es sie wirklich? Beide gingen eng nebeneinander in einem Rhythmus, ihre unübersehbare Doppelexistenz zog magisch meinen Blick an. Sie trugen den gleichen Blaumann und brachten es fertig, das gleiche Lächeln hervorzubringen. Reizvoll ihre Zwillingserscheinung. Schweigend mit ausgreifenden Schritten kamen sie lässig näher, im zweifachen Gleichschritt.
Unablässig verglich ich sie miteinander, starrte ihre lächelnden Mienen an, nicht eine Unregelmäßigkeit trennte sie. Sie waren sich der Merkwürdigkeit ihres Auftritts bewusst, sie erregten Erstaunen und amüsierten sich über meine Verblüffung. Irritiert lächelte ich zurück, als die beiden wie ein aufgeblähtes Einzelwesen vorüberschritten.

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©2022 Monika Jarju
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Eierschalensprech

Von Marion Kannen

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© 2022 Marion Kannen
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Text 1

Von Alexander Reisenbichler

wieder sprechen

napalm oder suesse schoki hasen
die dann im wald auf minen treten
selbstbewusst auftreten wurde ihnen ja eingeblaeut

wenn unsere waisenhaeuser leer sind
sorgen wir fuer humanitaeren nachschub
was wir ihnen nicht alles hinten rein schieben

wie die kirche die ja auch so viel in die jugend und kleine menschen steckt
leider aber auch strafrechtlich relevantes
auch die geographie der suehnenlandschaft
der beichtstuhl
enthebt sie nicht der suendflut

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Text 2

Von Alexander Reisenbichler

kunst beruhigt

laute malerei beruhigt stuermische suempfe
gedankenversunken erheben sich stille leben

woerter werden uebermalt und bedeutungen
trans zen diert nicht aus ra diert ohne aegyptische goetter und gertrude stein
uebrig bleibt die grammatik als teutscher verbindungs
kleister mit klezmeerischer strandbegleitung mit seeblick

grammatik bereitet den grundelnden konsens menschlicher kommunikation auf
grammatik ist neutraler kitt der sinnige un d un sinnige woerter vereint

sinn ist subjektiv
grammatik ist objektiv
basislager konzentrierten zusammenlebens

klezmer vereint vereinslose stimmungsbilder zerfliessender welten
wie grammatik wort bruechige woert er sie es
zusammen held wollten sie nie sein

symetrische ortheo geo graphien zerstoeren semantische romanzen mit meinen traeumen

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© 2022 Alexander Reisenbichler
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Text 3

Von Alexander Reisenbichler

wenn die realitaet gedanken in traeume zurueckdraengt

andere kulturen zeitlos einverleiben

langsam die fuehler in das zarte fleisch der zwetschke

nasen in nischen feste tribaler faltengebirge feiern

ohren an baumstamm hautfetzen legen

fleckerlteppiche kultureller faeden verflechten sich in busch flaechen straenden

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© 2022 Alexander Reisenbichler
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Text 4

Von Alexander Reisenbichler

enten warten in kolonnen

kolonisten veraendern das leben der kolonisierten
die kolonisierten veraendern das leben der nachfahren von kolonisten
die gedanken der kolonisierten nisten sich in die gedanken der nachfahren von kolonisten
der nachfahre von kolonisten faehrt wieder zurueck in das land der kolonisten und nistet sich dort wieder ein
und fragt sich ob er durch die kolonisierten gedanken von den kolonisierten die nachfahren der kolonisten kolonisieren wird oder kann oder ob die kolonisten seine gedanken wieder kolonisieren und die geistige kolonisation der kolonisierten den nachfahren von kolonisten dekolonisieren
ganz egal
er wird kolonisiert
freiheit ist wie links und rechts als richtungsangaben
wenn man sich umdreht ist es umgekehrt, anders, aber nie frei

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© 2022 Alexander Reisenbichler
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