die pendeltüre

Von Heinz Erich Hengel

im quarantänewohnheim (qwh), in dem die positiv getesteten für eine gewisse zeit untergebracht sind, gibt es von der aufenthaltshalle (aeh) in den speisesaal (ss) eine pendeltüre (pt) (schwingtüre). eine zwei(2)flügelige pendeltüre: durch diese kann es möglich sein, dass ein flügel auf die eine und der andere flügel auf die andere seite pendelt. heraus wird zu herein; und umgekehrt. vielfach ist diese pendeltüre anlass für probleme; sprich: für stau auf der einen oder anderen seite. noch dazu, wie es oft vorkommt, wenn nur ein pendeltürflügel (ptf) geöffnet und der andere geschlossen ist. ist doch diese pendeltüre eine dpt = doppelpendeltür. viele fragen sich, warum überhaupt ein flügel der pt geschlossen ist. warum können nicht beide ptf gleichzeitig pendeln? wird doch so eine pendeltüre nur allzu oft zu einer einbahnstraße. manche sagen, dass eine einbahnstraße noch besser als eine sackgasse (sg) wäre. vor dem essen führt die richtung in den speisesaal hinein, danach heraus. trotz allem sollte aber ein ss (speisesaal) zu keiner ebs (einbahnstraße) werden. auch wenn, wie bereits gesagt, eine ebs noch besser als eine sg ist. außerdem hat eine ebs gegenüber einer sg den vorteil, keinen gegenverkehr zu haben.

und oft ist es ja gerade der gegenverkehr (gv), der jeden verkehr erschwert. und erschwernis will ja wohl keiner auf sich nehmen. noch größer als die erschwernis ist allerdings der verzicht. wenn der verzicht ein versuch ist, so lässt sich mit diesem, zumindest vorübergehend, gerade noch bedingt leben. was aber nicht heißt, dass er (der verzicht) unbedingt sein muss, nicht einmal versuchsweise. freiwilliger oder verordneter verzicht. verordnete erschwernis führt nur allzu leicht zu einer beschwerdeflut. geknechtet & versklavt schauen die aktiengesellschaft-mitarbeiter ihrer pension entgegen. um dann vielleicht eines tages in einem seniorenwohnheim (swh) mit dem kopf gegen eine geschlossene (glas)flügelpendeltüre zu rennen. . .

vor den essenszeiten drängt sich eine menschenmasse vor der pendeltüre, deren innerer teil aus glas – also eine glaspendeltüre (gpt) – ist, deren einer flügel geschlossen ist. und der andere dorthin aufgeht, wo die menschenmasse steht. in der hausordnung (ho) steht, türen im allgemeinen und pendeltüren im besonderen müssten unbedingt nach außen hin aufgehen. der sicherheit wegen im falle einer gefahr. doch wo ist außen und / oder innen, wenn man im speisesaal oder in der aufenthaltshalle steht? damit sich die tür, die in richtung der sich vor dieser anstehenden menschen auf geht bzw. öffnen lässt, müssten die vor der tür stehenden mindestens zwei schritte zurück treten. doch 1-2 schritte zurück zu treten kann in der masse bereits zu einem wahren problem werden. die hinteren drängen nach vorne, die vorne stehenden stoßen zurück. ein gedränge in der menge. die menge fühlt sich in der enge. so manche fürchten, dass dadurch das glas der pt nur allzu leicht zu bruch gehen könnte. mit einem glasbruch aber wäre niemandem gedient: weder den hereindrängenden noch den hinausströmenden. unruhe beginnt sich bemerkbar zu machen: indem einige erbost ihre hände in die höhe heben. drohend erhobene hände als ausdruck von ungeduld & ärger. erbost über das ärgernis, ungeduldig in anbetracht der bevorstehenden essenszeit. zwischen den essenszeiten (ez) sind beide flügel der dpt geschlossen: als sichtbares zeichen, dass es kein essen gibt. die in den ss hineindrängenden sind noch viel ungeduldiger als die nach dem essen aus dem saal hinausgehenden.

beim gang zum frühstück beginnt dann wieder das alltäglich übliche pendeltür-prozedere: anstellen, warten, drängen, ärgern, vordrängen, zurückweichen, schimpfen, erbost sein, mit armen & händen um sich zu schlagen. die angst vor dem essen-zu-spätkommen. auch wenn die einen früher und die anderen später kommen: zum essen zu spät kommen will hier niemand. eine zwangsneurose oder eine mangelpsychose, überlagert von einer pendeltür-neurasthenie (ptn): eine nervenschwäche mit erschöpfungsneigung: gesteigerte empfindlich- und reizbarkeit, depressive verstimmung, organische störungen. neurasthenische reaktionen können bei fast allen menschen infolge starker & langdauernder überanstrengung auftreten oder auch bei einer genetischen anfälligkeit des nervensystems – wobei in einem qwh wohl nur var. 2 realistisch sein wird; aber auf grund von einer nur einseitig offenen und u. u. in die falsche richtung schwenkender pendeltüre?… hoffentlich keine neuritis oder polyneuritis, keine neuralgie, kein neurogramm, keine neurolepsie; auch wenn neuroleptica erregung & angst vermindern können, auch halluzinationen, verwirrung & wahnideen. ihr vorteil gegenüber herkömmlichen beruhigungsmitteln ist die erhaltung des vollen bewusstseins.

eines tages verklemmt ein kleines steinchen am fußboden den einen beweglichen türflügel der doppelpendelglastüre (dpgt). der türflügel lässt sich so vorerst nicht bewegen. der hausmeister wird gerufen. die türe wird angehoben. ein dünner stab wird in den zwischenraum zwischen türunterkante und fußbodenoberfläche geführt. das hindernis lässt sich so beseitigen. der hausmeister geht wieder seines weges. niemand allerdings weiß, wohin er geht und was er tut, wenn kein steinchen den türflügel der dpt blockiert. verschwörungstheoretiker vermuten, jemand hätte die türe absichtlich zu blockieren versucht. eine pt-blockade in einem qwh als krimineller akt!? warum aber sollte das jemand tun? wozu & zu welchem zweck? vielleicht gar um unruhe & verwirrung zu stiften? welches interesse sollte jemand haben, die pt zwischen aeh und ss in einem qwh zu blockieren? es wird doch wohl nicht aus langeweile geschehen sein? eine schnapsidee, sagen die einen; man müsse mit allem rechnen, vermeinen die anderen; und den dritten ist das ganze egal. gleichgültigkeit, langeweile, müdigkeit. hauptsache die essenzeiten werden eingehalten und das essen wird pünktlich serviert! wobei ansonsten pünktlichkeit nicht unbedingt ein thema ist. vielleicht war es jemand von außen, äußern sich einige / mehrere / etliche zu jenem zwischenfall: ein(e) besucher(in), ein handwerker, ein fremder, ein unbekannter, ein saboteur. glücklicherweise wird der zwischenfall rechtzeitig vor der hauptessenszeit am vormittag entdeckt. eine allzu große unruhe kann so vermieden werden. vermeiden: avoid, elude, evade. eine zufälligkeit versus einer vermeidensstrategie. der zufall als das eintreten unbeabsichtigter bzw. unvorhergesehener ereignisse. im allgemeinen aber ist das, was sich oberflächlich als zufall darstellt, oft eine verkettung von unbekannten oder ungenügend bekannten ursachen und ebensolchen wirkungen.

strategisch gesehen müsste aus technischer sicht auch eine vollautomatische schiebetüre möglich sein: schieben anstatt pendeln: kein pendeln mehr, sei es nun nach hinaus oder hinein. dafür ein automatischer öffnungs- & schließmechanismus mit einem lss = lichtschrankensystem. doch vorerst wird jedenfalls alles noch beim alten bleiben: anstellen – vordrängen – zurückweichen – schieben – drücken – drehen – pendeln. sich mit dem knie fest gegen den geschlossenen türflügel zu stemmen ist nicht möglich – und auch nicht unbedingt ratsam -, weil die türe aus glas ist. glück & glas – wie leicht bricht das! wenn die masse nach vorwärts drängt, so scheint es oft, als würden sich nicht deren füße über den fußboden bewegen, sondern als ob der boden die auf ihm stehenden weiter tragen würde. oft scheint es, als wäre das ganze ein treten auf der stelle. der eine fuß setzt sich vor den anderen, gefolgt von einem vorschieben von knie & schulter. wenn einer der qwh-bewohner wider erwarten gegen den strom hinein oder hinaus will, so geht sofort ein murren durch das volk, gefolgt von schimpfworten und drohgebärden. ist doch derjenige, der gegen eine menschenmasse durch eine tür gelangen will, i. d. r. zur falschen zeit am falschen ort. und dass hier etwas falsch ist bzw. sein muss, kann auch eher eine falsifikation als eine fiktion sein – eine annahme, die der wirklichkeit nicht entspricht.

vom falschen überzeugt zu sein, grenzt wohl an fanatismus; oder ist jedenfalls fanatisch. auch wenn fanatismus oft aus frustrationserlebnissen entstehen kann. und frustration bedeutet stets versagen und nichterfüllung: einen erzwungenen verzicht auf die erfüllung von bedürfnissen und das hieraus entstehende erlebnis der enttäuschung, vielfach gefolgt von aggression & aggressivem verhalten. mit einem verzicht fertig zu werden, ist alles andere als eine einfache sache. und sei es nur, auf einen durchgang auf der einen seite einer doppelpendeltüre verzichten zu müssen. solange der verzicht ein experiment bzw. versuch ist, hält sich die verstimmung im allgemeinen in grenzen. wobei grenzen nicht grenzenlos sind. wenn verzicht zu verzweiflung wird, so besteht die gefahr einer anbahnung von ausweglosigkeit (awl). eine awl-gefährdung als seelischer zustand; überschattet von schwäche, erschütterung, depression und daseinsangst. verzweiflung als sg und awl. wobei nicht jede verzweiflung unbedingt eine existenzielle sein muss.

warum türen im allgemeinen stets nach außen zu öffnen sein sollen / müssen, hängt wesentlich mit dem notfall einer feuersbrunst zusammen. ein notfall sollte nicht von notwendigkeit sein. dazu sollte man wissen, dass notwendig das ist, “was aus dem bereich des möglichen heraus durch hinzutritt weiterer bestimmungsstücke ins dasein gezwungen wird.“ sollen wird zu müssen und dasein zu sosein. wenn das volk zum ausgang drängt, so muss unbedingt die möglichkeit gegeben sein, dass türen nach außen aufgehen. wenn sie dies nicht tun, so würde dadurch durch das entgegendrücken der menge / masse gegen die türe ein öffnen dieser kaum möglich sein bzw. überhaupt verunmöglicht werden. resümee: würden die türen nach innen aufgehen, so würden sie sich bei einem derartigen andrang nicht öffnen lassen. und eine verunmöglichte türöffnung im falle einer feuersbrunst wäre so letztendlich ein totales (unverzeihliches) versagen. die frage ist, ob derartiges subjektiv unter bestimmten voraussetzungen tatsächlich als wirklich gedacht werden kann. heißt es doch, dass, wenn die bedingungen der möglichkeit in ihrer totalität da wären, sie dann zugleich notwendigkeit bilden würden: möglich- wird zu notwendigkeit. dass ein feuer möglich sein kann, ist das eine; dass es aber zugleich notwendig ist, kann bezweifelt werden. für immanuel kant ist das mögliche ein postulat, eine annahme bzw. forderung, die glaubhaft gemacht werden muss. ob pendel- oder auch schiebetüren im qwh das potential haben, ein postulat formulieren zu können, muss allerdings eher in abrede als ins reich des möglichen gestellt werden.

das wichtigste, was alle tore & türen betrifft, ist die möglichkeit eines geordneten verlassens aus einem raum heraus in einen anderen raum oder ins freie. was einen letztendlich wieder dahingehend mit dem raum konfrontiert, der weder ein abstrakter noch leerer, sondern vielmehr ein erlebnisraum ist. der raum als beschaffenheit aller außenweltwahrnehmung, die innenwelt der außenwelt eines veräußerlichten innenlebens. für den philosophen ist der raum weder im subjekt, noch ist die welt im raum. der raum erschließe das für das dasein konstitutive in-der-welt-sein. dasein sei stets räumlich. friedrich gauß bringt es auf den punkt, wenn er sagt, man müsse in demut zugeben, dass der raum auch außerhalb des menschlichen geistes eine realität hätte, der man a priori ihre gesetze nicht vorschreiben könne. was raum & zeit betrifft, so hätte es mit dem, was einem als zuhandenes begegnet, je eine bewandtnis. was so eine türe im allgemeinen bzw. eine doppelpendeltüre im besonderen betrifft, so ist sie an sich in der begrenzten unauffälligkeit des zuhandenen. außer der möglichkeit, ausgefüllt zu werden, hätte der raum nach philosophischer ansicht keine weitere eigenschaft: er sei, abgesehen von der festlegung der einzelorte in ihrer ausfüllung, ein leeres nichts. wer aber hat bislang einen raum so gesehen, wie er hier beschrieben wird? euklid hat seinen eigenen raum, riemann verweilt in einem anderen und der raum nach minkowski ist überhaupt ein ganz anderer: raum & zeit würden hier “eine union zur welt“ eingehen.

die türe als zeitfenster zum bzw. in den oder aus dem raum. eine zeit, die pendelt oder sich verschieben lässt. die pendeltüre als ein zwischen raum & zeit pendelndes medium. auch wenn die uhren in einem quarantänewohnheim anders gehen – die türen sind die gleichen. das volk schart sich nun, nachdem die zuvor in quarantäne befindlichen das qwh verlassen haben, bereits auf beiden seiten der pendeltür. mit dem erfolg, dass sich nun die pt weder auf die eine noch auf die andere seite öffnen lässt. damit sich die tür, die in richtung beider sich vor dieser anstehenden menschen auf geht, öffnen lässt, müssten die vor der tür stehenden mindestens zwei schritte zurück treten. doch 2 schritte zurück zu treten kann in der masse bereits zu einem wahren problem werden. die hinteren drängen nach vorne, die vorne stehenden stoßen zurück: ein gedränge in der menge. die menge fühlt sich in der enge. unruhe beginnt sich bemerkbar zu machen: indem einige erbost ihre hände in die höhe heben. drohend erhobene hände als ausdruck von ungeduld & ärger. erbost über das ärgernis, ungeduldig in anbetracht der bevorstehenden essenszeit. auch wenn inzwischen gar kein essen mehr serviert wird. hat doch letztendlich der letzte lockdown auch das quarantänewohnheim erfasst. eine küchen-wiedereröffnung steht in den sternen. die politik schweigt. die menschen sind empört. noch glaubt man, die empörten menschen hinter pendeltüren festhalten zu können. wann wird das pendel auf die andere seite ausschlagen? ich stehe hinter der verschlossenen pendeltüre und warte; und weiß, dass godot sicher nicht durch diese türe hindurch kommen wird…

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© 2022 Heinz Erich Hengel (Text & Bild)
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Bild: Die Türe am Ende des Ganges (Aus der ´Gemäldegalerie` von HEH)

Rauschen im Kopf

Von Johannes Morschl

Rauschen im Kopf. Denke an die Liebesbeziehung der 1926 in Klagenfurt geborenen Ingeborg Bachmann mit dem 1920 in Czernowitz geborenen Paul Celan (eigentlich Paul Antschel, aus dem rumänisierten Ancel bildete er das Anagramm Celan). Sie kam aus einer Nazi-Familie – ihr Vater war schon vor Hitlers Einmarsch in Österreich im März 1938 Mitglied der damals noch illegalen NSDAP Österreichs (Mitgliedschaft seit 1932), bereute dies aber nach 1945, konnte jedoch nicht darüber reden -, und er ein Jude aus Czernowitz, der ehemaligen Hauptstadt der zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörenden Bukowina. Die Hälfte der Einwohner von Czernowitz waren Juden. Eine der Hauptsprachen in Czernowitz war Jiddisch. (In Paul Celans Elternhaus wurde aber nur Hochdeutsch gesprochen). Nach dem 1. Weltkrieg gehörte Czernowitz zu Groß-Rumänien, 1940 – 41 vorübergehend zur Sowjetunion, 1941 – 44 wieder zu Rumänien, dann wieder zur Sowjetunion, und seit 1991 gehört es zur Ukraine (heutiger Name von Czernowitz ist Tscherniwizi).

Unter der Diktatur von Ion Antonescu verbündete sich Groß-Rumänien mit Nazi-Deutschland. Antisemitismus wurde zur Staatsdoktrin. Synagogen wurden zerstört, jüdisches Eigentum wurde beschlagnahmt. Ab Juli 1941 wurden Juden, Sinti und Roma in Zwangsarbeitslager deportiert, die Todeslager waren. Nur wenige der Deportierten überlebten. Die meisten wurden erschossen, verhungerten oder starben an Krankheiten. Pauls Mutter, von ihm innigst geliebt, wurde in einem Lager erschossen, weil sie zu geschwächt war, um die schwere Zwangsarbeit machen zu können. Sein Vater starb wie viele andere Häftlinge in einem Lager an Typhus. Die erkrankten Häftlinge durften nicht ärztlich behandelt werden und keine Medikamente bekommen.

An dem Tag, als seine Eltern abgeholt wurden, war Paul nicht zu Hause. Es blieb ihm ein lebenslanges Schuldgefühl, weil er damals nicht bei ihnen war. Er selbst war in einigen rumänischen Lagern und wurde in letzter Minute durch den Einmarsch der Roten Armee befreit. Da er in einem stalinistisch dominierten Rumänien keine Möglichkeit sah, sich frei entfalten zu können, und außerdem wegen früherer öffentlich geäußerter Sympathien für Stalins Erzfeind Leo Trotzki in Gefahr stand, verhaftet zu werden, floh er Ende 1947 von Bukarest, wo er ein unterbrochenes Romanistik-Studium fortgesetzt hat, über Budapest nach Wien. In Wien gab er gemeinsam mit dem dort lebenden deutsch-französischen surrealistischen Maler Edgar Jené ein Buch heraus, das aber keine Resonanz fand. In Wien traf er auch das erste Mal mit der als Autorin noch nahezu unbekannten Ingeborg Bachmann zusammen, die damals eine Liaison mit dem um 18 Jahre älteren Theaterkritiker Hans Weigel hatte, der sie förderte. In Wien begann die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, es war im Mai und Juni 1948, die später immer wieder aufflammte und bis Ende der 50er-Jahre dauerte. Er blieb aber nicht lange in Wien und zog weiter nach Paris, wo er die Grafikerin Gisèle Lestrange (eigentlich Gisèle de l’Estrange, sie stammte aus französischem Adel) kennenlernte und 1952 heiratete. Mit ihr hatte er einen Sohn namens Eric, 1955 geboren. Ein erstes Kind der beiden namens François ist 1953 kurz nach der Geburt gestorben. (Dies erinnert mich schmerzlichst an den Tod meines ebenfalls kurz nach der Geburt gestorbenen Enkelsohns Bela, dem Kind meiner Tochter und ihres Lebenspartners. Das war erst vor einem Jahr. Er starb an einem äußerst selten vorkommenden Gen-Defekt).

Ingeborg Bachmann, alkohol- und tablettenabhängig geworden (Barbiturate), zudem Kettenraucherin – bevorzugte Marke Gauloises -, starb am 17. Oktober 1973 in einem Krankenhaus in Rom in Folge eines Brandes in ihrer Wohnung, der vermutlich durch eine noch glühende Zigarette, die ihr entglitten war, als sie einschlief, ausgelöst wurde. Sie starb aber nicht an den Brandwunden, sondern an den Entzugserscheinungen von den Barbituraten. Die sie im Krankenhaus behandelnden Ärzte hatten ihre körperliche Abhängigkeit von Barbituraten zu spät erkannt. Ihr Begräbnis fand am 25. Oktober 1973 auf dem Friedhof Annabichl in Klagenfurt statt.

Über drei Jahre vorher, in der Nacht vom 18. zum 19. April 1970 hat sich Paul Celan in Paris von einer Brücke in die Seine gestürzt. Es gab keine Augenzeugen, es war aber höchstwahrscheinlich vom Pont Mirabeau, in dessen Nähe er eine kleine Wohnung hatte. In den Jahren davor war er wegen Wahnanfällen mehrmals für längere Zeit in psychiatrische Kliniken eingewiesen worden. Einmal bedrohte er seine Frau Gisèle mit einem Messer, und einmal wollte er sich selbst mit einem Messer durch einen Stich ins Herz töten, stach aber knapp daneben. Seit November 1967 lebte er von Gisèle getrennt, blieb aber weiterhin mit ihr verbunden. Jean Daive, ein Pariser Freund von Gisèle und Paul, schrieb: „Sein letzter Anruf: finstere, zerrissene Grabesstimme. Sie zittert buchstäblich, und Entsetzen packt mich.“ (1) „Am Montagmorgen, den 20. April 1970, Gisèle am Telefon: ‚Jean, hast du Paul am Sonntag gesehen? Nein? Ich bin beunruhigt. Ich habe keine Nachricht von ihm. Paul ist verschwunden.’“ (2) Tage später: „Gisèle: ‚Jean, Pauls Leiche wurde aus der Seine gefischt. An der letzten Schleuse.’“ (3) Paul Celans Leiche wurde 10 Kilometer stromabwärts getrieben und am 1. Mai 1970 gefunden. Sein Begräbnis fand am 12. Mai 1970 auf dem Cimetiere parisien de Thiais im an Paris angrenzenden Département Val de Marne statt.

Am selben Tag von Celans Begräbnis starb die 1891 geborene deutsch-jüdische Dichterin Nelly Sachs – 1966 Literatur-Nobelpreis (gemeinsam mit Samuel Joseph Agnon) – in Stockholm, wohin sie 1940 in letzter Minute aus Nazi-Deutschland (Berlin) entkommen war. Der Termin für ihre Deportation in ein KZ stand bereits fest. Sie war mit Paul Celan freundschaftlich verbunden. Sie waren Schicksals- und Seelenverwandte, zwei Überlebende, zwei Traumatisierte. Das Trauma von Nelly Sachs äußerte sich in paranoiden Ängsten, das von Paul Celan in Depressions- und Wahnanfällen. Beide gaben den in den Vernichtungslagern Ermordeten eine Stimme, er in seinem bekanntesten Gedicht Todesfuge, sie unter anderem in ihrem Gedicht Chor der Toten. Sie schrieben einander Briefe, sie besuchte ihn in Paris und er sie in Stockholm. Vermutlich war sein Tod mit auslösend für ihren Tod. Sie war eine sehr empfindsame Frau mit einem Hang zu religiöser Mystik. In Westdeutschland hat man sie lange Zeit ignoriert. Die ersten Veröffentlichungen von Gedichten von ihr im Nachkriegsdeutschland erfolgten in Ost-Berlin (auf Betreiben von Johannes R. Becher).

Sehe Ingeborg Bachmann und Paul Celan wieder zusammen, jedenfalls im Jenseits meiner Fantasie. Ob Ingeborg Bachmann dagegen protestieren würde? Ob sie lieber mit dem 1911 in Zürich geborenen Schriftsteller Max Frisch im Jenseits meiner Fantasie zusammen wäre, mit dem sie eine längere Liebesbeziehung hatte und von 1960 bis 62 in Rom zusammenlebte, der sie aber wegen einer jungen Studentin verließ? Oder mit dem 1923 in Wien geborenen, aus einer Rabbiner-Familie stammenden Religionsphilosophen Jacob Taubes, nach dessen Aussage seine Liebesbeziehung mit ihr durch Himmeln und Höllen gegangen ist? Nein, nein, schließlich handelt es sich hier um meine Fantasie, und da bleiben Max Frisch und Jacob Taubes, die ich beide durchaus schätze, bitteschön draußen. Ich hänge ganz einfach vermutlich aus einer romantischen Sentimentalität heraus an der Liebesgeschichte von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, mit dessen „sprachvergitterten“, sich der mit den Tätern gemeinsam veratmeten Sprache entziehenden Gedichten ich mich derzeit wieder einmal beschäftige.

Im Panoptikum meiner Fantasie tauchen noch andere auf, etwa der wilde Vaganten-Dichter François Villon, über dessen Leben man nicht viel weiß, dann ein großer Zeitsprung, Georg Trakl, dessen Gedichte mich als Gymnasiast wie ein Blitz getroffen hatten und mich zu ersten eigenen Gedichten anregten. Leider oder zum Glück habe ich sie nicht mehr, erinnere mich nur noch an das Ende eines dieser Gedichte: Zersplittern Räume, verweht es Zeiten. Und selbstverständlich taucht auch Franz Kafka auf. Ich war schon immer ein Käfer, ein rebellischer Käfer, der sich vor den bohrenden Blicken seiner Eltern in sich selbst zu verkriechen versuchte. Gleichwohl wurde ich aber immer von ihnen unterstützt, wenn ich kein Geld mehr hatte, was bei mir keine Seltenheit war. Und Karl Kraus taucht auf, der zum Glück nicht mehr lesen kann, was ich schreibe, aber wer weiß, vielleicht hätte er mich bloß ignoriert. Sein Opus Magnum Die letzten Tage der Menschheit, und dann noch dazu von Helmut Qualtinger gelesen! Ein bissiger Spiegel der gesellschaftlichen und sprachlichen Totalverblödung während des 1. Weltkriegs, – „Serbien muss sterbien!“, lautete da eine Parole -, eine Abrechnung mit dem Hurra-Patriotismus, mit den Hetzartikeln und der Kriegsberichterstattung der Presse, mit kriegslüsternen Heimatdichtern, vertrottelten Adeligen, Geschäftemachern mit dem Krieg, usw.

Später, als Hitler in Deutschland an die Macht kam, hat Karl Kraus in seinem 1933 verfassten Buch Die dritte Walpurgisnacht (es wurde erst 1952 gedruckt) den berühmt gewordenen ersten Satz geschrieben: „Mir fällt zu Hitler nichts ein.“ Weiter schrieb er zu Beginn des Buches: „Ich fühle mich wie vor den Kopf geschlagen, und wenn ich, bevor ich es wäre, mich gleichwohl nicht begnügen möchte, so sprachlos zu scheinen, wie ich bin, so gehorche ich dem Zwang, auch über ein Versagen Rechenschaft zu geben, Aufschluß über die Lage, in die mich ein so vollkommener Umsturz im deutschen Sprachbereich versetzt hat, über das persönliche Erschlaffen bei Erweckung einer Nation und Aufrichtung einer Diktatur, die heute alles beherrscht außer der Sprache.“ (4) Dabei hat er nur den Anfang des Hitler-Regimes erlebt. Er starb 1936, zwei Jahre vor Hitlers Einmarsch in Österreich mit den damit gleichzeitig einhergehenden Ausschreitungen eines antisemitischen österreichischen Mobs gegen die österreichischen Juden, die das mörderische Vorspiel zu dem noch viel Schlimmeren waren, das danach folgte.

Spüre ein Stechen im oberen Bereich meiner linken Schläfe. Ertappe mich dabei, endlich für immer verschwinden zu wollen. Es scheint mir, dass sich dieser Wunsch zu somatisieren beginnt. In nicht allzu weiter Ferne wütet eine von Wladimir Putin losgelassene russische Armee in der Ukraine, was schlimmstenfalls zu einem 3. Weltkrieg mit dem Einsatz von Atomwaffen führen kann. Von russischer Seite her wird offen mit so einem Einsatz gedroht. Die Städte des einstigen Brudervolks werden bombardiert und unter Raketenbeschuss genommen. Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine auf der Flucht oder aus der Ukraine geflohen, und es werden mit jedem Tag mehr. Dass sich bei Putin etwas verändert hat, konnte man schon vorher an dem absurd langen Tisch merken, wo er an einem Ende saß, und meterweit ihm gegenüber seine Generäle oder Staatsbesucher sitzen mussten. Stauffenberg-Syndrom? Einer der Generäle oder ein Staatsbesucher hätte eine Bombe bei sich haben können? Oder schlicht ein Zeichen von Größenwahn? Oder beides, Größenwahn gepaart mit Stauffenberg-Syndrom?

Aber andererseits war von Putin nichts anderes zu erwarten. Man denke an die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 und an die Unterstützung pro-russischer Separatisten im ost-ukrainischen Donbas mit der Ausrufung der sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Putins Krieg gegen die Ukraine hat schon 2014 begonnen. Nur hat er noch nicht solche Ausmaße wie jetzt gehabt und ist uns noch nicht so spürbar bedrohlich nahe gekommen wie jetzt.

Rauschen im Kopf. Paul Celan guckt mich mit leicht skeptischem Blick aus den Augenwinkeln vom Cover der Celan-Biographie von John Felstiner an. „Hätte dich gerne kennengelernt“, murmle ich etwas verlegen zu Celan. Da erscheint mir auf einmal Ingeborg Bachmann, schelmisch lächelnd und mit dem obligaten Glimmstengel zwischen den Fingern. Will sie etwas zu ihrer Liebesgeschichte mit Paul Celan fragen, ob sich ihre ersten Liebesszenen in den Wiener Donau-Auen abgespielt haben, wie Ina Hartwig in ihrer wunderbaren Ingeborg Bachmann-Biographie vermutete. (5) Doch da verschwindet sie wieder. Nur ein leichter Zigarettenrauchnebel hängt noch in meinem Zimmer. Riecht eindeutig nach einer Gauloise. Den Geruch kenne ich, da ich bei meinen früheren Aufenthalten in Frankreich auch Gauloises geraucht habe.

Werde traurig, es ist eine unbestimmte Trauer, die schon seit Langem in mir haust. Der Krieg in der Ukraine weckt in mir Erinnerungen an den ungarischen Volksaufstand im Oktober 1956, der von in Ungarn einrückenden russischen Panzerverbänden niedergeschlagen wurde. Mein Vater ist in Ungarn geboren. Die Familie seiner älteren Schwester, meiner Tante Liska lebte in Ungarn. Mein Vater hörte damals jeden Tag die Radio-Berichte über Ungarn und weinte manchmal dabei. Es war das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah. Der mittlere der drei Söhne von Tante Liska, mein Cousin Gyula floh nach Österreich und wohnte eine Zeit lang bei uns in Wien. Dann wanderte er nach Kanada aus. Ich war damals 9 Jahre alt.

Bin selbst ein doppelt Emigrierter, Anfang der 1970er-Jahre von Wien nach Westberlin emigriert, allerdings ohne Not und Zwang, und in letzter Zeit auch zunehmend innere Emigration, Abkapselung von der Welt, nahezu ein Einsiedlerdasein.

Berlin, 23.03.2022

1) Jean Daive, Unter der Kuppel – Erinnerungen an Paul Celan, Urs Engeler Editor Basel / Weil am Rhein 2009, S. 21
2) ebenda, S. 21
3) ebenda, S. 22
4) Karl Kraus, Die Dritte Walpurgisnacht, Kösel-Verlag München 1967, S. 9
5) Ina Hartwig, Wer war Ingeborg Bachmann? – Eine Biographie in Bruchstücken, S. Fischer-Verlag Frankfurt am Main 2017, S. 36

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Jahresringe

Von Monika Jarju

Ein Parkbaum zieht meinen Blick an. Er ist kahlästig, wortkarg, statt Blätter trägt er die Nummer 123. Von welcher Art er ist, erkenne ich nicht.
Amtlich erfasst ist er wie ich, sein Bestand ist als Vorgang in einer Akte abgelegt wie meiner. Sollten wir unsere Nummern vergleichen, uns über ihre Bedeutung austauschen? Steht EINSZWEIDREI etwa für Einbaum, Astgabelung, Anzahl der zu erwartenden durchschnittlichen Jahresblattmenge?
Vor über drei Jahrzehnten bin ich ihm begegnet, undeutlich erkenne ich ihn wieder. Am Ufer des Schlossparks wurzelt er, dem Fluss zugewandt. Damals schon war mir die See stets weiter als die Stadt, ohne Mauern und Ufergrenzen. Entstand mein Wunsch weit zu gehen hier?
Aufbrechen, rasch fortgehen, zurücklassen, kaum Abschied nehmen, verlassen, anderen eine Erinnerung hinterlassen, lernte ich beim Schauen auf den Fluss. Ich wollte da sein, bleiben, wo ich mich nicht aufhielt. Zurück kann ich überall sein, an den Küstenrändern meiner Phantasie.
Vertrauten Ortsgeruch verströmt er und trägt Jahresringe wie mein Reisepass Stempel von Meeresländern. Während ich weitergehe, wächst er mir nach.

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© 2022 Text & Bild von Monika Jarju
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Stell dir vor…

Von Monika Jarju

Im Zug eine Gruppe von Kindern, die ich hören, aber nicht sehen kann. „Meiner ist hellblau, meiner pink“, rufen sie. „Ich sehe etwas, was du nicht siehst und das ist orange“, höre ich eine Frauenstimme sagen.
Im Abteil eine Familie, abwechselnd legen sie die Handflächen übereinander, ziehen sie abrupt weg und klatschen sie obenauf. Der Junge strahlt, außer Rand und Band geraten, schlägt er seine Handflächen gegen den Körper der Mutter. Klatschen, Patschen, bis auch der Vater den Jungen kaum noch bändigen kann und das Spiel abbricht.
Herbstlandschaft vor dem Fenster, goldbraun leuchtend, lichtes Grün, Wiesen, Gartenwege, Zäune, da werde ich aus meinem Schauen herausgerissen.
„Stell dir vor, einer baut eine Atombombe“, sagt der Junge und ich bemerke, wie verwundert das Mädchen den Jungen ansieht. Die Kinder lachen in der Spiegelung der Scheibe.
„Im Internet habe ich gelesen, wie man eine Atombombe baut“, erzählt der Junge. „Stell dir vor, die Atombombe geht los, dann sind die Häuser kaputt und das halbe Baumhaus,“ sagt er mit vor Faszination geweiteten Augen.
Mir stockt der Atem. Keines der Kinder kennt den Krieg, auch ich nicht. Beim Halt in Rummelsburg erscheint mir vor dem Zugfenster das Wohnzimmerfenster, an dem ich als Kind stand und auf die Straße, auf die einbeinigen Männer an Krücken schaute, auf die düstere Fassade gegenüber, die Einschüsse, den Trümmerplatz an der Ecke.
„Stell dir vor“, redet der Junge weiter, „jahrelang hat einer ein Haus gebaut, dann die Atombombe – und das Haus ist weg – und das halbe Baumhaus!“ – Kichern, Schreck, albernes Gelächter.
Und ich erzähle mir, wie ich in der Abiturstufe, im Unterricht der Zivilverteidigung, lernte, einen Trainingsanzug gegen Atomstrahlung zu imprägnieren durch stundenlanges Kochen in – was war es gewesen? – Kernseife? Und wie meine Freundin und ich nach diesen deprimierenden Stunden in die Teestube des Café Moskau einkehrten oder in der Mokka-Milch-Eisbar bei einem Erdbeermilch-Eis-Shake saßen und unser Kichern in Hysterie umschlug und wir empört versuchten, mit russischem Mischka-Konfekt unser Entsetzen und die unterschwellige Angst zu vertreiben.

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© 2022 Text & Bild von Monika Jarju
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Zeitungsverkäufer

Von Monika Jarju

Ein frühsommerlich warmer Tag. Die Luft im S-Bahnwagen ist schwül. Ein Zeitungsverkäufer geht durch den Waggon, seine Kleidung, in allen Schichten der Vernachlässigung, dünstet einen aufdringlichen Geruch aus. Im jammernden Tonfall wankt er von Sitzreihe zu Sitzreihe und hält die Obdachlosen-Zeitung für einen Euro fünfzig den müden Fahrgästen vor die Augen. „Ich habe seit zwei Tagen nicht mehr geduscht“, klagt er, „denn Duschen kostet am Bahnhof einen Euro.“ Eine Frau hält die Luft an, als er neben ihr stehenbleibt. „Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere…“, leiert er seinen Spruch herunter. „Oder eine kleine Spende bitte für eine kleine Dusche“, jammert er weiterwankend. Die Fahrgäste schauen gleichgültig aus dem Fenster. „Oder für einen kleinen Kaffee.“ Er hält abwartend inne. „Oder für ein kleines Frühstück, nur eine kleine Dusche, bitte, einen kleinen Kaffee – oder ein kleines Mittagessen, einen kleinen Kaffee…“, hallt sein Ruf durch den Wagen, während er immer kleiner und seine Stimme leiser wird.

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Anlegestelle

Von Monika Jarju

Die Eingangshalle ist voller Menschen und Stimmengewirr, ich zwänge mich durch die lange Schlange vorm Fahrstuhl zum Treppenhaus hindurch. Auf den Etagenfluren Kinder, aufrecht und ernst wie kleine Buddhas sitzen sie vor ihren ausgebreiteten Schätzen: pinkfarbene Püppchen und schillernde Scheiben, klitzekleine Figuren, Rinder und Schafe zierlich wie ein Zehennagel. Soweit ich den Kram überblicke, alles Plastik! Ich frage mich, ob sie den Krempel zu Weihnachten geschenkt bekamen. Auf Zehenspitzen bahne ich mir einen Weg, es bleibt nicht aus, dass mein Fuß an einer Quietsche-Ente hängenbleibt oder ein Zebra streift. Die Kinder murren, ein Junge wirft Legosteine nach mir. Endlich gelange ich in die obere Etage. Vor der offenen Saaltür Gedränge, da blitzt aus der Menge ein tomatenroter Anorak auf, im selben Moment sehe ich sein blasses Profil und glatt gescheiteltes Haar. Und ich erinnere mich der völlig unbefangenen Weise, mit der er mir in die Augen sah, als er mich zu der Neujahrsparty einlud. Er sieht mich nicht in dem Gewimmel. Meine Gestalt wird von Köpfen und Körpern verdeckt. Ich winke, rufe, die Menge drängt ihn hinein. Vor mir schließt sich die Tür. Hätte ich doch weitergeträumt, denke ich am Morgen, vielleicht hätte ich erfahren, wer dieser Mann ist und vor allem – wie!

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© 2022 Text & Bild von Monika Jarju
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Mittwoch zum Beispiel

Von Monika Jarju

Montag war gestern ist
heute einer von diesen
unzähligen übereinander
auf Kante gestoßenen Tagen.
Immer öfter ist mir Montag
Wann ist Montag kein Montag?
Mittwoch zum Beispiel
entkomme ich der
Wiederkehr der Zeichen,
erfinde ich neu
Mondtage und Mitten.

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© 2022 Text & Foto von Monika Jarju
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Zeichen

Von Monika Jarju

Vögel verharren regungslos auf dem Eis,
ihre Körper werfen flüchtige Schatten –
gefrorene Zeichen, unlesbar die Textur des Sees.
Mittagslicht bewegt die schimmernden Schatten
der Vogelkörper. Stillstand bewegt mich.

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© 2022 Text & Foto von Monika Jarju
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Der 9. Kreis

Von Marion Kannen

Das blaue Licht, dass durch die Jalousien flackert, stammt nicht von einem Streifenwagen,
sage ich, es ist wieder der Irre von Gegenüber, der sommers wie winters
nachts die Weihnachtsbeleuchtung auf seinem Balkon an- und ausknippst,
ich lasse die Jalousien weiter herunter, dann ist es dunkler, sage ich,
bleib liegen, schlaf wieder ein und ich decke dich zu.
Wenn sie kommen, dann nachts um drei, vier Uhr, das ist längst vorbei, heute passiert nichts mehr.
Du legst deinen Kopf wieder auf das weiße Kissen, deine blonden unschuldigen Strähnen,
deine schwarzen krausen Locken, deine schmalen Finger, deine weiche warme Hand
neben die gewölbte Wange, die hellen Wimpern, die offenen Lippen,
dein Atem wieder gleichmäßig, jetzt, und ich werde sie hereinlassen und zu dir führen.
Sie nehmen dich mit und du schaust mich an, fassungslos ungläubig
und ich schaue zurück ohne zu blinzeln, schaue in deine Augen
und du siehst keine Regung in meinem Gesicht, keinen Grund in meinen Augen.
Ich schaue bis sie fort sind mit dir, dann lasse ich die Jalousien ganz herunter
und lege mich auf den Rücken mit weit geöffneten Augen, in denen ich Tränen gefrieren lasse
zum Siegel aus Eis und werde die Stille und das Schwarz und das Eis.

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© 2022 Marion Kannen
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Vorsichtig leben

Von Regine Wendt

Vorsichtig leben.

Auf der Hut sein. Du bist alt, du bist grau, bist du weiblich, bist du mütterlich, unkörperlich. Freundlich nett. Schau in den Spiegel, dein Gesicht ein Faltenteppich, dazu die Zahl. Die Zahl wird gewalttätig. Will nicht genannt sein. Ein Stempel. Alt, wie ein Schmutzlappen, zieh dich zurück. Der Körper, noch in Schuss, passabel, läuft, will hinaus ins Grüne, Lebhafte, in Straßen mit Gewühl. Tanzt geheim. Was solls! Trägt bunt. Rot, gelb, grün, eng, sieht noch aus. Morgens steift er, bockt, will gezwungen werden. Manchmal ist der Körper alt, weint, plärrt vor sich hin. Will gehegt und gepflegt werden. Eine Trauerweide, bläht er sich wieder auf zur grünen Birke, oder zur Platane in Tarnkleidung. Ungewollter Körpersport. Kraftakt.

Im Spiegel, das alte Gesicht lächelt zurück. Verwegen schaut das Kind heraus, jugendlich alt, wie das denn. Hinter der Haut, das andere Ich. Baut es aus Moos eine Glückswelt für die Puppen. Schaut aus dem Fenster auf das Kornfeld, ist dabei am Meer. Hoch die Wogen bei Sturm. Liest auf dem hohen Dach ein Buch, selbst der Schornsteinfeger hätte hier Angst. Denkt nicht darüber nach zu gefallen, ist frech, ist unangepasst wild. Nicht schön, nicht hässlich das Kind. Nur voll Freude und Kraft.

Jugendlich frisch geht es hinaus in die Welt. Eroberung, Erniedrigung, alles dabei. Oft gut dabei weggekommen, Abenteuerlust sucht Erfahrung. Will schmecken, riechen, Steine schmeißen und küssen. Will leben mit allem was dazu gehört. Nimmt und gibt, Vorsicht ist nicht. Sex, Schmerz und Liebe. Alles. Bis die Kost zu viel wird, dann gibt es Brot. Gut geschnitten und verpackt, Zufriedenheit mit Glücksmomenten breitet sich aus. Vermehrungsfähig, dann wird das Füllhorn ausgeschüttet. Unter der Haut das Salz. Das Salz in der Suppe, gewürzt. Scharf, gelegentlich darf es ein bisschen mehr sein.

Ohne Spiegel häutet sich die Haut, lässt es sich besser leben. Macht vergesslich. Verborgenes lässt verwegen wagen. Fackelbrennen nicht ausgeschlossen, wenn die Schwalben niedrig fliegen, sagt man, gibt es Regen. Doch ab und zu fliegen sie hoch. Vorsichtig leben ist angesagt. Streif den Kittel über. Sei wie die drei Affen, nichts sagen, nicht hören, nichts sehen lassen. Das alte Gesicht mahnt, ist auf Rufweite entfernt. Hoffentlich, denn ab und zu tanzt die Seele, nimmt sich, was sie braucht, stillt sich. Heute ist heute, jetzt ist jetzt. Das Leben will Wünsche, will Erfüllung. Sucht sich Wege. Ungezügelte Pferde trampeln nieder, was den Weg blockiert, dämonisch die Zähne bleckend. Ohne Rücksicht auf Verlust. Du musst, du darfst nicht so sein, ein ferner Klang.

Auf der Bühne, die Zahl, turnt sie vor. Ein Kracher. Unangenehm deutlich angezählt. Bereitet geheime Angst. Führt in dunkle Tiefen. Die Vernunft rechnet mit. Die Logik macht Mathematik, X ist vorprogrammiert, schon fast Ergebnis sicher. Im Spiegel das alte Gesicht. Macht es die Augen zu. Nein, nichts zu sehen. Und doch: Die Energie speist sich. Es gibt ein Andersland, lässt fliegen und sich frei fühlen, kurz oder lange, singt und freudig hüpft ein Schmetterling im Sommerflieder. Sprengt Dynamit, oder Kleineres die Enge, weist kräftig zurück, was bevormundet. Vorschreibt, was zu sein hat, Was passt. Beige und Grau und möglichst unsichtbar.

Energie ist ein Pflug, neuer Samen braucht einen guten Boden. Die Zeit ist dabei bedeutungslos, gefühlter Windhauch. Die Sonne lugt manchmal nur mit einem Strahl durch den grauen Himmel. Legt kurz Blau frei.

Es lohnt sich, das Leben. Kirschen, angefaulte Äpfel, Schneeglöckchen, Malven, Moos, Farn und brennende Nesseln.

Irgendwo Abendrot, die Sonne geht unter. Die Vögel haben längst ihren Schlafbaum gefunden, der Mauersegler hängt im Mauervorsprung. Dunkel wird’s. Nacht.

Silbertau auf der Wiese, in der Muschel Meeresrauschen. Vorsichtig tritt eine Hirschkuh aus dem tiefen Schatten.

Noch wird es wieder morgen.

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© 2022 Regine Wendt
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