Der Garten – (m)ein Paradies

Von Eva Radon

Grün Nr.1

Ich blicke aus meinem französischem Fenster. Davor stehen Grünpflanzen auf einem
schönem Glasgestell. Weihnachts- und Osterkakteen, Orchideen, Aloe Vera, Ficus Benjamina, Fleischpflanze und anderes. Nichts besonders aufregend, aber grün und pflegeleicht. Mein Gießen wird manchmal mit einigen Blüten belohnt.
Ein schöner, beruhigender Ausblick.

Grün Nr.2

Durch das Fenster blickend, begrüße ich die Krähe, die am Essigbaum sitzt.
Aufmerksam blickt sie um sich, auf der Suche nach Essbarem, nach Gesellschaft oder einfach so?
Dahinter die grüne Wiese, die blühenden Forsythien, Zierkirschenbäume und dazwischen die fröhlichen Laute der spielenden Kindergartenkinder.

Grün Nr.3

Mein größter Garten ist der Prater, die Hauptallee.
Eine Allee voller Kastanienbäumen vom Praterstern bis zum Lusthaus.Wunderbar!
Die Kastanie, der Baum der Offenheit, zeigt sich je nach Jahreszeit in einem „anderem Kleid.“
Jetzt bereitet er zwischen den sattgrünen,fünffingrigen Blättern, die Kerzen
vor. Das Frühlingsgewand.
Das Gefühl, -gerade in Zeiten von Corona- das Privileg zu haben, blühende Bäume, Wiesen geschmückt von Gänseblümchen, Veilchen, Dotterblumen,Bärlauch und anderen Blümchen so wohnungsnahe zu haben, ist wunderbar.
..Und Wasser mit quakendem Entenvieh..

Wenn ich auf einer Bank sitze, alleine oder mit Freundin, das Treiben beobachte, die ruhige Vielfalt einatme, dann bin ich beruhigt, beglückt und lasse Sorgen und die Zeit mal kurz vergessen.

© 2021 Eva Radon
Alle Rechte vorbehalten

Corona

Von Thomas Franke

Corona 1

cortado, sagst grad‘ do.
corona
pamplona
paloma picasso
nanuaber
оставаться дома

corinna du spinner!
ab jetzt wird’s schlimmer
conora

nimmer

Corona 2

Zeitgefühl
aus den Fugen

Zeit
verloren

Balance
schwierig

Ich
verloren

die Seele
verliert die Liebsten

möchte dich durch Zufall treffen
möchte überrascht sein
beglückt
dich erst
umarmen
riechen
spüren

längst wird
zuviel gesprochen
genug gesagt

Gedanken gehen rückwärts
zu dir
zu anderen
planlos und schön

halbe Gesichter
halbe Blicke

fremder Atem
bedrohlich

möchte dich schmecken
kleiner Tod?
große Erinnerung

Corona 3

den tod auslöschen

wartet
im wartezimmer
im treppenhaus
in der postfiliale
im supermarkt
in dir
in mir
nicht mit den anderen

Ich möchte nicht einatmen, was Sie ausatmen

den tod auslöschen
durch heimarbeit
durch mundnaseschutz
durch zu hause bleiben
durch faustgruß
durch konsumverzicht

wir warten
dann sterben wir an etwas anderem

Corona 4

Dich nicht zu treffen, ist ein Teil meiner Sehnsucht
Dich nicht zu küssen, ist ein Zeichen meiner Liebe
Dich nicht zu berühren, ist meine neue Nähe
Dich nicht zu lieben, klappt nicht

mit dir zu tanzen, ist heilig
ich tanze allein
mit dir zu essen, ist begehren
ich esse allein
menschen beim spielen zuzusehen
ich bin mein eigenes theater

mein wohnzimmer ist die bühne
meine zuschauer sind die bücher
mein spaß ist kostenfrei
was nichts kostet, ist nichts wert

das neue wir stinkt nicht schmeckt nicht raucht nicht schwitzt nicht schmatzt nicht küsst nicht berührt nicht streitet nicht redet nicht singt nicht, das schon mal gar nicht, fickt nicht

das neue wir ist allein

Corona 5

mir wird es hier gerade mal zu voll
ich würde gern ein bisschen warten, bis die da ein wenig weiter weg sind
lass uns um die mal nen bogen machen
to be continued

Corona 6

watte im kopf
in einer woche ist weihnachten
vorbei
der stillstand schreit die menschen an
stumm der schrei
leer die reaktion

watte im kopf
in zwei wochen ist neujahr
vorbei
in wenigen wochen geht corona ins zweite jahr
es ist nichts los
es geht mir gut
und trotzdem
aber wem sag ich das

Corona 7

mirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgutmirgehtesgut

warum geht es mir dann schlecht?

Corona 8

ich habe ein neues Parfum
ein sehr gutes
wie ich finde
dezent

sinnlos bei einsfünfzig Abstand

Corona 9

nach 10 monaten zuhause
fragte er sich
was
er noch möchte
in den jahren seines lebens

verpasst
und nun
ist es
vorbei
für lange zeit

Corona
Lebe jetzt
Demnächst
Mal wieder

Corona 10

Die Ruhe Ist In Dir
Lebe Im Hier Und Jetzt

  • don’t loose yourself –
    In Dir Selbst

Verstrickt Im Ich
Unruhe
Unstillbar
In Der Stille

werde auf Linkshänder umschulen
vielleicht hilft das

Corona 11

kannst du fliegen, fragt das kind

Nein.

ich zeig es dir
schau: so fliege ich hoch zu all meinen freunden

Können die denn auch fliegen?

na klar. denn wenn einer fliegt, fliegen alle

Wie macht ihr das?

weiß nicht. das passiert so, wenn es am traurigsten ist

Corona 12

Mercedesstern am Ostbahnhof – Happy End bei anhaltender Globalisierung
Sieg der Controller und Buchhalter über grausam entgleiste Ideologien

Alles wird gut, sagt die Mutter zum Kind und weiß nicht, dass sie lügt

Bauhaus, wenn’s gut werden muss

Ziellos die Menschen am Ostbahnhof
Sehen den leuchtenden Stern am ruhigen Weihnachtsfeiertag

Einst war der Bahnhof Hauptbahnhof
Man wusste nicht, wohin
Doch Hauptbahnhof ist wenigstens etwas
Ohne Mercedesstern
Lob des Schlesischen Bahnhofs

Wer will denn schon nach Osten
Wer kommt denn da aus Schlesien

Aus der Bahn geraten
Zeitlos ist hier nur die Eile

Weltweite Logistikfirmen
Mutation des Reisens
Die Waren fahren weiter um die Welt
Das kann doch nicht so einfach aufhören
!

Am stillen Weihnachtsabend. Im Zug von Basel nach Berlin. Endstation am Ostbahnhof. Da dachte ich an dich und all die Weihnachtsfeste und ihre Verheißungen. Dass es immer so bleiben kann. Dass es immer so weiter geht. Jahr um Jahr. Und dann noch ein Jahr. Weil es so schön ist, glücklich zu sein. Degetomomente. Es ist kalt am Ostbahnhof. Leer der Weg entlang der Mauer. Hergerichtet von Künstlern. Damit Berlin die Touristen dieser Welt bestaunen kann.

Jeder, der schneller geht in dieser Heiligen Nacht, macht sich verdächtig. Vergangenheit hat Pause, an der East Side Gallery sind keine Touristen zum Verlieben bei dem Wetter. Drehe mich um, als ich Schritte höre. Im Laubengang des Bauzauns, der immer weiter wuchernden Hochhäuser am Ufer der Spree. Bald verdecken sie den Blick auf den strahlenden Mercedesstern. Sehne mich nach der Wärme des Sommers. Sehne mich nach deinem Geruch. Es ist schön.

Die Verse sind längst aufgebraucht
Lügen hat nun keinen Zweck mehr
Deutlich klagt der Stern die Menschen an
Jeder kann es sehen
In seinem Licht wird immer noch geraubt und getötet
Weltumspannend versagt die Stimme
Fahren virtuelle Telefonuser um die Welt in Bruchteilen
Gehts in Stücke – Weltweit
Es gibt kein Entkommen vom Planeten
Da hilft auch kein SUV

Stille Stadt seit langem erdrückt der Raum, der sonst betäubt.
Was nützt der Freiraum einsam im kalten Licht des drehenden Sterns am Ufer der Spree. Willkommen zu Hause. DHL fährt Mercedes. Weltweite Abholzettel im Hausflur. Ja. Es ist wieder Weihnachten. Die Stadt ist stiller als sonst.

Wenn keine Autos fahren
ist die Zeit der Füchse
Wenn keine Autos fahren
ist Wahrheftigkeit gefordert

Das Grundrecht ist ein Happy End

Corona 13

will in der küche stehen dichtgedrängt am buffet
nudelsalat essen von einer gabel, die schon jemand im mund gehabt hat
zur flasche greifen, die mir ein freund hinhält und mit ihm das letzte bier teilen
den joint nehmen, der rumgeht

will knutschen: am anfang des abends jemand anderen als am ende

corona – geiselnehmerin

Corona 14

Schulserver bricht zusammen
Kitapersonal erkrankt zu 30%
Senatorin unfähig
Busfahrer sind systemrelevant
Impfzentren sind nicht ausgelastet
Restaurants probieren Abholservice
Einzelhandel ganz schlimm
Polizisten räumen Party ab
Maskenpflicht am Kotti
Zu viele Spaziergänger

Abendschau

Es ist die Wiederholung von letzter Woche
Echt. Oh. Gar nicht gemerkt

Corona 15

geboren ohne heimat
verloren was nie war
verloren was meine großväter heimat nannten und was doch keine war sind sie doch selbst entwurzelt seit generationen überträgt sich das und dann weißt du nicht warum du irgendwie anders bist angst hast und nachts bei dir zu hause anrufst und

ruhelos im inneren
immer bereit etwas zu verlieren was du mühsam erarbeitet und erfühlt hast du gedacht das bleibt immer so wird das nämlich nichts und

Corona 16

Brexit – Ich will, dass es langweilig wird
Nazis im Parlament – Ich will, dass es langweilig wird
Seenotrettung gilt nicht – Ich will, dass es langweilig wird
Religiöse schneiden Köpfe ab – Ich will, dass es langweilig wird

Corona – ich will, dass es langweilig wird und ich endlich wieder ausgehen kann

Corona 17

der wehrwolf legte den kopf in den nacken, um die direkte linie zum vollmond zu haben. er holte tief luft: „ruckeldigu, ruckeldigu, blut ist im schuh“.

der mond lächelte sein schönstes lächeln.
das war die nacht, als ebbe und flut durcheinanderkamen.

Corona 18

draussen fällt schnee.
vereinzelt nur.
in der stille der coronanacht bläst ätherisch die trompete entrückt von zeit und raum in den viren die die welt stillstehen lassen nicht nur die computer die den einzelnen nicht kalt erwischt wurde die zivilisation doch was dann werden doch alle probleme wie im brennglas deutlich
draussen fällt schnee.
er bleibt nicht liegen.
ist ja auch viel zu wenig.

der filmfilm langweilt dich, das buch ist schlecht geschrieben und es gibt eigentlich keinen grund, schlechte laune zu haben, allein das ist anlass genug, um sich schlecht zu fühlen, schlecht aufzuführen.

voll der mond am übernächsten abend oder doch erst morgen
und im netz die ewige swingerparty

es ist dieses plötzliche unglaubliche vertrauen das den reiz ausmacht

Corona 19

zeit der missverständnisse

die nerven zerbrechlich
beziehungen gerissen
digital
die wärme
geruch verrät
ob du
gefährlich bist
verletzt bist
froh bist
oder geil
ohne geruch kein vertrauen

zeit ohne blick
muskellose zeit

zeit der zerbrechenden freundschaft
freundschaft pflegen ist schwierig
für liebe kämpfen illusorisch

konfliktunfähigkeit führt sofort zum nullpunkt

was für eine zeit

Corona 20

asche auf dem schnee
vom kiffen
gedanken an die krematorien
ausgebucht wegen der grippe
coronafaschismus
meinungsdiktatur
frisches kinderblut für die unsterblichkeit ohne maske
jesus is closer than corona
und überhaupt die juden
komplettüberwachung durch impfung
selberdenker
ist hier ja wie in auschwitz
ich fühle mich wie anne franck

könnten wir nicht, statt die pandemie zu bekämpfen, mal schauen, ob es die firma topf noch gibt? die brennen immer noch. deutsche wertarbeit. nicht mehr nur in deutschen köpfen

Corona 21

corona ist geschmacklos
ich küsse nicht mehr, lecke nicht an anderen

corona riecht nicht
ach wie schön wäre schweiß, saft, atem

wie schmecken küsse nach corona
wie riechst du nach corona

corona ist eine räuberin. sie gehört in isolationshaft

Corona 22

zeitalter der smileys

ich bin besorgt
ich trage mundschutz
ich mache mir sorgen
ich bin müde
ich lieb dich
ich hasse dich
ich bin müde
ich wundere mich
und so weiter

du bist …

gut, dass wir nicht mehr miteinander über gefühle sprechen müssen. Danke.

*

© 2021 Thomas Franke
Alle Rechte vorbehalten

GERECHTFERTIGT

Von Eva Radon

Das ist so eine Sache..
Was ist Recht, gerecht, gerechtfertigt ???
Recht haben ist fertig. Ohne Widerrede

Wer hat das Recht, zu sagen, zu tun, zu verordnen, bestimmen, was von Rechten
ist. Es gibt Regeln, Normen, allgemeine und subjektive. Prinzipien, Linien, Haltungen, Erfahrungen sind gesetzliche oder vereinbarte oder pädagogische oder subjektive oder einfach persönliche…

Pädagogische Maßnahmen seitens der Schule oder seitens der Eltern: sind die Noten schlecht, das Benehmen schlecht, dann wird gestraft, sanktioniert. Das kann subjektives Gutdünken sein.
Hingegen bei 3 Fünfern heißt es: Klasse wiederholen . Das ist nach Schulordnung gerechtfertigt. (Falls das so noch stimmt)

Ist es gerechtfertigt, dass ich mich für etwas rechtfertigen muss.
Warum ich dies oder das getan, gesagt habe. Warum ich mich zurückziehe, mich nicht melde, verspäte, wütend, traurig, lustig, gut gelaunt bin????

Das mach ich am besten mit mir selber aus.

Bei in der Öffentlichkeit stehenden Menschen (Politikern, Künstler, andere…) sieht das anders aus. Die müssen sich zurücknehmen, entschuldigen, wenn sie rassistische, ethische, antisemitische, demokratische Grenzen überschreiten. Sie müssen sich nicht rechtfertigen, weil dann kommt das Übel an die Oberfläche. Und sie reden sich in einen Wirbel.
(Ob deren Entschuldigung ehrlich, einsichtig ist, das ist die Frage)

Wer entscheidet, was gerechtfertigt ist. Mein Gefühl, mein ICH, mein ÜBER ICH , meine Laune??

Kinder spielen am Spielplatz im Washington Hof, (den ich neu entdeckt habe, der mich architektonisch und von den Menschen, die ich dort traf, begeistert). Ich war mit Klaus (Enkerl) dort.
Die größeren Kinder passen auf die Kleinen auf, ihre Geschwister, Nichten, Neffen.. Das sind die Bezugspersonen, die Verantwortung tragen.
Die Mütter sitzen auf den Bänken und tratschen.
Die Menschen kommen aus anderen Ländern und wohnen dort, was mich so sehr freute..

Ich fragte mich, ob das gerechtfertigt ist,
dass die 6 jährige auf die 2 jährige aufpasst…aufpassen muss.
Sie macht es mit einer Selbstverständlichkeit.

Und..
Besuchsrechtsverweigerung durch die Mutter, weil der Vater mit dem gemeinsamen Kind nicht „kindgerecht“ umgeht.????

und
Anzeige wegen Lärmbelästigung ???

Wie ist es mit Geboten, Verboten, wer exekutiert?
Im Corona-Zeitalter sind wir besonders damit konfrontiert:

Menschenmengen, Bewegungen bilden sich, um gegen wissenschaftliche Erkenntnisse zu protestieren, im Namen der Freiheit. Sie mobilisieren damit auch all den ideologischen, gefährlichen „Schmutz“.

Ist das gerechtfertigt, die(se) Meinung frei zu äußern??

Zurück zu meinem gewohnten Rechtfertigungs- und Erklärungs“drang“.

Ich mag mich nicht erklären, rechtfertigen, warum ich nichts tue, etwas bestimmtes tue..
ich will es nur von mir verantworten.
Und wenn ich möchte, diese neuen oder alten Gewohnheiten anderen mitteilen..

© 2021 Eva Radon
Alle Rechte vorbehalten

Wird sich das ausgehen?

Von Sofie Morin

Früher waren wir einander nah. Dann trugen wir alle Mundschutz. Nicht hier, nicht in diesem Raumschiff, wo wir uns endlich nicht mehr bedeckt halten müssen.
Wir Geheilten wissen wenig über diesen neuen Heimatplaneten, dem wir zugeteilt wurden. Die Entfernung ist eine grob geschätzte. Tage flimmern vorbei, in denen wir uns kaum noch zurechtfinden. Es ist Zeit, anzukommen.
Meine Schwester sucht nach dem besten Ausblick. Es dauert sehr lange, bis ihr etwas reicht. „Das geht sich schon aus“, sagt sie und es klingt wie ein Kinderreim.
Haben wir nicht jahrhundertelang geglaubt? Selbstgewiss, als stünde unsere Arterhaltung über allem, haben wir von knapper, aber selbstverständlicher Errettung geträumt. Die Haltung unverändert, sind wir nun mit einer Horde Artverwandter unterwegs. Sehen herab auf alles, was vor uns da war. Die Entwicklungsgeschichte der Überheblichkeit überzieht die Erdkugel. Rückblickend behaupten wir, unser Erdendasein wäre ein Fehlstart gewesen. Als müsse die Zukunft uns neu erfinden. Und irgendwie hoffe ich selbst, dass sie das tut. Wir Schwestern sind ein Anfang, sage ich mir, und stelle mich so nah neben sie, wie lange nicht mehr.
„Na sicher geht sich das aus“, sage ich, weil ich will, dass der Neubeginn uns so sicher trägt wie früher die Lieder in den Schlaf.
Wir sehen Mutter Erde in den Weltraum entschwinden. Jetzt erholt sie sich von uns.

Sofie Morin, März 2021

© 2021 Sofie Morin
Alle Rechte vorbehalten

Bester Freund

Von Herbert Glaser

Ich habe einen Freund.
Einen guten Freund.
Einen wahren Freund, um genau zu sein.
Jemand, der immer für mich da ist.
Wer kann das schon von sich behaupten.
Wahre Freunde sind selten.
Wir lernen in unserem Leben viele Menschen kennen.
Pflegen freundschaftliche Beziehungen mit ihnen.
Und halten sie für wahre Freunde.
Bis etwas passiert, bei dem wir einen solchen Freund bräuchten.
Dann wird uns bewusst, dass wir uns getäuscht haben.
Wahre Freunde sind selten.
Ich habe einen.
 
Als Kind war ich ein Außenseiter.
Bis ich ihn kennen lernte.
Wir trafen uns häufig.
Er vermittelte mir das Gefühl von Geborgenheit.
Von Unbeugsamkeit und Männerfreiheit.
Ich war fünfzehn.
Pubertät im Endstadium.
Viele Bekanntschaften.
Nichts Ernstes.
Dann trat Maria in mein Leben.
Sie mochte ihn nicht besonders.
Er hätte einen schlechten Einfluss auf mich.
In ihrer Gegenwart fühlte sich seine Anwesenheit nicht richtig an.
Unsere Treffen wurden seltener.
Dann wurde Maria schwanger.
Das entfremdete mich völlig von ihm.
So trennten sich unsere Wege.
Meine neue Familie beanspruchte mich voll und ganz.
Ich war glücklich.
Bis Probleme auftauchten.
Erst in Kleinigkeiten.
Dann grundsätzlicher Art.
Mein Freund kam mir wieder ins Gedächtnis.
Könnte er mir in dieser Situation helfen?
Mir gut zureden und mich beruhigen?
Meinen Blick auf das Wesentliche richten?
Oder mich einfach nur für kurze Zeit ablenken?
Ich widerstand dem Drang, ihn zu kontaktieren.
Wollte meine Ehe retten.
Die Familie nicht verlieren.
Aber es wurde schlimmer.
Maria verließ mich und nahm die Kinder mit.
Endgültig.
Ich verlor den Halt.
Zeit für einen wahren Freund.
Wir hatten lange keinen Kontakt.
Obwohl er immer erreichbar gewesen wäre.
 
Heute brauche ich ihn.
Wie nie zuvor.
Ich suche ihn auf.
Ohne den geringsten Vorwurf kommt er mit zu mir.
Glücklich betrachte ich ihn.
Er hat sich nicht verändert.
Bietet mir seine Hilfe an.
Selbstlos wie immer.
Die Eiswürfel klimpern.
Ich schenke ein.
Proste ihm zu.
Ein kurzes Zögern.
Dann führe ich das volle Glas an die Lippen.
Trinke ihn in einem Zug.
Und schließe die Augen.
Er tut mir gut.
Wie sehr habe ich ihn vermisst.
Ich bin nicht mehr allein.
Werde es nie mehr sein.
Wahre Freunde sind selten.
Ich habe einen.

© 2021 Herbert Glaser
Alle Rechte vorbehalten

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Eine Möglichkeit, den Wert eines Menschen zu bestimmen

Von Stefan Walter

Leg als Basis seine Bildung zugrunde.
Addiere Kraft und Ausdauer, multipliziert mit 1,5.
Zähle weiter die geistige Leistungsfähigkeit im Quadrat hinzu.
Subtrahiere seine Krankheiten; bewerte chronische Krankheiten doppelt, unheilbare dreifach.
Ziehe dann ab seine Armut, geringe Herkunft, Religion und abweichende Meinungen.
Vergib Sympathiepunkte bis zur Höhe des Zwischenergebnisses.
Verwirf die Berechnung.
Setze den Wert auf unendlich.

© 2021 Stefan Walter
Alle Rechte vorbehalten

Die Menschheit schreitet voran

Von Michael Wiedorn

Worauf warten wir denn? Unser Leben ist ein ewiger, sonniger Sommernachmittag – seit immer für immer. Die anderen Jahreszeiten sind abgeschafft. Ich war eines Tages einfach da – hier auf der Welt. Bei meinem Erscheinen auf der Erde – es war keine Geburt – hatte ich die selbe Größe und das selbe Alter wie heute. Die Zeit vergeht nicht mehr. Die Jahre und Tage sind zu einem einzigen Brei aus schmelzendem Blei verklebt. Wir haben hier alle die gleiche rosa-beige Gummihaut über Kopf und Körper. Jeder von uns trägt das gleiche sanfte Lächeln zur Schau, das niemandem gilt und das in unser Gesicht eingefroren ist. Wir warten und verstehen nicht worauf.
Immer sitzen wir auf den rosa gestrichenen Parkbänken zwischen dem giftgrünen Plastik des Rasens und der Gebüsche und dem ewig blühenden – besser gesagt in ewiger Erstarrung verharrendem – Plastik der quietschbunten Blumen. Wartend und nichts tuend.
Manchmal steht einer in einer Anwandlung von Tatendrang auf, bleibt eine Weile ratlos stehen und setzt sich wieder hoffnungslos hin. Den Ausdruck „hoffnungslos“ wollen wir garnicht aussprechen und hören. Der misslungene Tatmensch sitzt wieder ruhig da wie alle anderen und hat seinen leichten Anflug von Trauer gleich wieder vergessen. Diesen Zwischenfall hat es nie und nimmer gegeben. Wir leben in einem immer währendem Gleichmut. Vielleicht ist das das wahre Glück. Wir sind also glücklich. Immer ein klarer, blauer Himmel. Ununterbrochen strahlt die Sonne auf nie alternde und nie jung gewesene Gesichter. Wir wissen nichts von Hunger und von Kälte.
Wir sitzen schweigend auf den Parkbänken, auf Stühlen und in unseren Wohnungen. „Heute ist wieder ein schöner Tag.“ Die richtige Erwiderung darauf: „Ja das Leben ist schön.“ Das Gespräch ist beendet. Jeder ist einsam und immer zusammen mit den Anderen. Die ereignislosen Jahre bieten keinen Gesprächsstoff. Wir entstehen ohne die Unreinheit und die Unkeuschheit der Zeugung und haben weder Angehörige noch Freunde. Wir sind einfach Menschen und gehören zu niemandem. Wir haben keine Vorstellung davon, dass wir irgendwann erscheinen konnten, noch dass wir irgendwann verschwinden könnten. Wir sind nie erschienen und werden uns nie auflösen. Alles in unserer Welt läuft glatt und wie geschmiert.
Die Dinge sind, was sie sind. Das Grün des Grases ist eindeutig grün und versickert nicht in Braun und Gelb. Das Gummi unserer Haut ist nicht mit Speichel, Eiter oder Blut verseucht. Die wahre Natur ist frei von Verfaulung, Vermoderung oder anderen Verfallsprozessen. Nichts stirbt. Nichts riecht – höchstens leicht nach Gummi oder Plastik und gelegentlich nach Metall.
Auf den Boden tritt man ganz weich auf – wie auf Schaumgummi. Stürzt jemand, steht er gleich wieder fröhlich auf. Nichts lebt mehr, sondern läuft ab. Vielleicht ist die Erde nur mehr ein künstliches Uhrwerk. An der weiten, ständig strahlend blauen Decke leuchtet goldene Strahlen aussendend eine überdimensionale Leuchtkugel.
Nie wieder wird es Nacht. Wir schlafen und essen nie. Wir haben nichts zu tun. Wir warten.

© 2021 Michael Wiedorn
Alle Rechte vorbehalten

Loslassen 4

Von Sofie Morin

Das Eisfeld liegt brach wie ungebrochen. Ich habe die Blütenblätter längst aufgesammelt. Denn nichts, was uns angehört, soll hier eingefroren sein. Meine Wehmut findet kein Makel.
So kämpfe ich gegen die Wellenkämme des Versagten an. So stemme ich mich gegen eine haltlose Bestimmung.
Zuweilen stelle ich mir meine nackten Sohlen auf dieser einzigen Scholle vor. Das dient der Linderung meines Übermuts. Verspricht Läuterung, verspricht nichts.
Schneekristalle umtanzen mein kahlgeschorenes Zutrauen, als hieße es alsbald Unterschlupf suchen. Haben wir uns denn nicht Häuser gebaut? Gegen die Wildnis. Die rundum und die in uns. Und dennoch sind unsere Atemwege noch dann und wann in Eiswasser getaucht. Nicht, wie das Eingeständnis unserer Verletzlichkeit erzwingend. Mehr wie der Weckruf eines vertrauenswürdigen Vogels, der meinen Blick auf die Eisfläche lenkt.
Sorge dich nicht, nicht im Traum würde ich Fahnenflucht begehen, mein Wassergott.
Ich sehe durch deine Augen. Ein Farbschatten verhuscht unter der von Fragen aufgerauten Schicht. Geschöpfe fliegend wie schwimmend mit dem Strom und ihm entgegen. Das Leben leckt allseits unermüdlich am Eis, trägt mein Lächeln auf seinen Flossen wie Schwingen.
Ich sehe durch meine glasigen Augen. Was ich vertan habe und was ich noch bergen kann. Ein Ankommen zugelassen von der Durchdringung der Schichten endlich. Die Rettung steht nah des tiefsten Punkts bereit. Dort am Seegrund finde ich die Abdrücke deiner Flossenschläge. Sauge ihre Fährte in meine Lungen auf. Und weiß: Zwei Fische sind wir, in getrennten Eismeeren überwinternd. Der Frühlingstau möge unsere Freuden wieder zu einer des Lebens vereinen.
Sofie Morin, 13. 1. 2021

© 2021 Sofie Morin
Alle Rechte vorbehalten

auf den spuren lautreamonts – eine knapp bemessene fiktion und hommage

Von blume

schweren schrittes – & die waelder schrie’n lautarm, dass ihm das blut im schaedel kochte, wie der erste, verwegene gedanke eines unheilverkündenden tages, zu seiner ekelsten essenz destilliert, wie der brachgelegene blick eines sterbenden mannes, dessen dasein eine wueste bar jeglicher oase ist, wie das beaengstigende schaben an einer naechtlichen tuer, wenn nicht einmal die vagsten praeliminarien erholsamen schlafs, stoisch das unbewusste kreuzend, gleich einem irrenden vogelschwarm, es mehr wagen, einen hauch von linderung zu prophezeien –, schweren schrittes, also, schleppte er sich den weg entlang; er trank gierig & voller bedacht aus den wassern des selbstmitleids, er erbrach widerliche fragmente katharsischster kristalle, spuren scheuszlichster labyrinthe – hoehnische arabesken an den waenden der leere, des nichts – emanierend & zeichnend, auf die sproede epidermis einer manisch verzerrten welt ohne sanften widerhall, er… abgelegene orte, so dachte er, scheinbar ganz bei sich, schaerfen geist & sinne mit dem grausamen seziermesser der abscheu vor einem selbst: o, wie gluecklich darf ich mich schaetzen, den tod meiner hoffnung bezeugen zu koennen! ein illustres grabmal will ich ihr errichten, in form eines literarischen werkes, das… (doch – aber, dergleichen ahnte er zu diesem zeitpunkt noch nicht – tatsaechlich werde ich, dem diametral entgegengesetzt, euphorisch & unablaessig die reine liebe protegieren, indem ich these auf antithese aneinanderreihe, einen abgegriffenen & gleichermaszen wuerdig & wuchtig anmutenden rosenkranz erinnernd, die bruechigen, zitternden haende eines uralten wesens zierend, das sich unwillkuerlich nach wahrheit via offenbarungen sehnt!)
er bemerkte den eingang erst, als er bereits beinahe voruebergetaumelt war; da beschloss er, einen pakt mit der einsamkeit zu schlieszen, sich abzuwenden, von dem tumult, dem trubel, dem wilden treiben auf den straszen freudloser staedte & doerfer, sich abzuwenden von seinem eigenen, verzweifelten ich, sich hineinzubegeben, ins unbekannte refugium einer hoehle, deren weit klaffendes maul ihn verschlang, aehnlich jener tragischen mutter, die ihr ungewolltes kind mit eiskalten haenden – keine regung kraeuselt den wahnwitzigen ozeans ihres absurden gewissens – ertraenkt & die ploetzlich, von reue erfuellt, einhaelt, ihren widernatuerlichen fehler erkennt & das kind reanimiert… sattschwarze dunkelheit umfing ihn, mochten vielleicht zu beginn duestere schatten flinke finger ueber das empfaengliche herz seines nackens geistern lassen, bald klang die stille ihm wunderbar ungetruebt – sie fuellte sich mit praechtigsten figuren & gestalten, dank den sublimen taenzen & gesaengen seiner endlich aufatmen duerfenden phantasie – ; so fand er seinen platz & drehte, erwachend, seinen kopf hin & her. ja, demuetig umarmte er das absolute & seliges laecheln, von niemandem gesehen oder gar gespuert, schmueckte sein weiser werdendes gesicht.
zahllose jahre spaeter glitt ein anderer heraus.
was, nun, war geschehen?

© 2021 blume
Alle Rechte vorbehalten