Bester Freund

Von Herbert Glaser

Ich habe einen Freund.
Einen guten Freund.
Einen wahren Freund, um genau zu sein.
Jemand, der immer für mich da ist.
Wer kann das schon von sich behaupten.
Wahre Freunde sind selten.
Wir lernen in unserem Leben viele Menschen kennen.
Pflegen freundschaftliche Beziehungen mit ihnen.
Und halten sie für wahre Freunde.
Bis etwas passiert, bei dem wir einen solchen Freund bräuchten.
Dann wird uns bewusst, dass wir uns getäuscht haben.
Wahre Freunde sind selten.
Ich habe einen.
 
Als Kind war ich ein Außenseiter.
Bis ich ihn kennen lernte.
Wir trafen uns häufig.
Er vermittelte mir das Gefühl von Geborgenheit.
Von Unbeugsamkeit und Männerfreiheit.
Ich war fünfzehn.
Pubertät im Endstadium.
Viele Bekanntschaften.
Nichts Ernstes.
Dann trat Maria in mein Leben.
Sie mochte ihn nicht besonders.
Er hätte einen schlechten Einfluss auf mich.
In ihrer Gegenwart fühlte sich seine Anwesenheit nicht richtig an.
Unsere Treffen wurden seltener.
Dann wurde Maria schwanger.
Das entfremdete mich völlig von ihm.
So trennten sich unsere Wege.
Meine neue Familie beanspruchte mich voll und ganz.
Ich war glücklich.
Bis Probleme auftauchten.
Erst in Kleinigkeiten.
Dann grundsätzlicher Art.
Mein Freund kam mir wieder ins Gedächtnis.
Könnte er mir in dieser Situation helfen?
Mir gut zureden und mich beruhigen?
Meinen Blick auf das Wesentliche richten?
Oder mich einfach nur für kurze Zeit ablenken?
Ich widerstand dem Drang, ihn zu kontaktieren.
Wollte meine Ehe retten.
Die Familie nicht verlieren.
Aber es wurde schlimmer.
Maria verließ mich und nahm die Kinder mit.
Endgültig.
Ich verlor den Halt.
Zeit für einen wahren Freund.
Wir hatten lange keinen Kontakt.
Obwohl er immer erreichbar gewesen wäre.
 
Heute brauche ich ihn.
Wie nie zuvor.
Ich suche ihn auf.
Ohne den geringsten Vorwurf kommt er mit zu mir.
Glücklich betrachte ich ihn.
Er hat sich nicht verändert.
Bietet mir seine Hilfe an.
Selbstlos wie immer.
Die Eiswürfel klimpern.
Ich schenke ein.
Proste ihm zu.
Ein kurzes Zögern.
Dann führe ich das volle Glas an die Lippen.
Trinke ihn in einem Zug.
Und schließe die Augen.
Er tut mir gut.
Wie sehr habe ich ihn vermisst.
Ich bin nicht mehr allein.
Werde es nie mehr sein.
Wahre Freunde sind selten.
Ich habe einen.

© 2021 Herbert Glaser
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Eine Möglichkeit, den Wert eines Menschen zu bestimmen

Von Stefan Walter

Leg als Basis seine Bildung zugrunde.
Addiere Kraft und Ausdauer, multipliziert mit 1,5.
Zähle weiter die geistige Leistungsfähigkeit im Quadrat hinzu.
Subtrahiere seine Krankheiten; bewerte chronische Krankheiten doppelt, unheilbare dreifach.
Ziehe dann ab seine Armut, geringe Herkunft, Religion und abweichende Meinungen.
Vergib Sympathiepunkte bis zur Höhe des Zwischenergebnisses.
Verwirf die Berechnung.
Setze den Wert auf unendlich.

© 2021 Stefan Walter
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Die Menschheit schreitet voran

Von Michael Wiedorn

Worauf warten wir denn? Unser Leben ist ein ewiger, sonniger Sommernachmittag – seit immer für immer. Die anderen Jahreszeiten sind abgeschafft. Ich war eines Tages einfach da – hier auf der Welt. Bei meinem Erscheinen auf der Erde – es war keine Geburt – hatte ich die selbe Größe und das selbe Alter wie heute. Die Zeit vergeht nicht mehr. Die Jahre und Tage sind zu einem einzigen Brei aus schmelzendem Blei verklebt. Wir haben hier alle die gleiche rosa-beige Gummihaut über Kopf und Körper. Jeder von uns trägt das gleiche sanfte Lächeln zur Schau, das niemandem gilt und das in unser Gesicht eingefroren ist. Wir warten und verstehen nicht worauf.
Immer sitzen wir auf den rosa gestrichenen Parkbänken zwischen dem giftgrünen Plastik des Rasens und der Gebüsche und dem ewig blühenden – besser gesagt in ewiger Erstarrung verharrendem – Plastik der quietschbunten Blumen. Wartend und nichts tuend.
Manchmal steht einer in einer Anwandlung von Tatendrang auf, bleibt eine Weile ratlos stehen und setzt sich wieder hoffnungslos hin. Den Ausdruck „hoffnungslos“ wollen wir garnicht aussprechen und hören. Der misslungene Tatmensch sitzt wieder ruhig da wie alle anderen und hat seinen leichten Anflug von Trauer gleich wieder vergessen. Diesen Zwischenfall hat es nie und nimmer gegeben. Wir leben in einem immer währendem Gleichmut. Vielleicht ist das das wahre Glück. Wir sind also glücklich. Immer ein klarer, blauer Himmel. Ununterbrochen strahlt die Sonne auf nie alternde und nie jung gewesene Gesichter. Wir wissen nichts von Hunger und von Kälte.
Wir sitzen schweigend auf den Parkbänken, auf Stühlen und in unseren Wohnungen. „Heute ist wieder ein schöner Tag.“ Die richtige Erwiderung darauf: „Ja das Leben ist schön.“ Das Gespräch ist beendet. Jeder ist einsam und immer zusammen mit den Anderen. Die ereignislosen Jahre bieten keinen Gesprächsstoff. Wir entstehen ohne die Unreinheit und die Unkeuschheit der Zeugung und haben weder Angehörige noch Freunde. Wir sind einfach Menschen und gehören zu niemandem. Wir haben keine Vorstellung davon, dass wir irgendwann erscheinen konnten, noch dass wir irgendwann verschwinden könnten. Wir sind nie erschienen und werden uns nie auflösen. Alles in unserer Welt läuft glatt und wie geschmiert.
Die Dinge sind, was sie sind. Das Grün des Grases ist eindeutig grün und versickert nicht in Braun und Gelb. Das Gummi unserer Haut ist nicht mit Speichel, Eiter oder Blut verseucht. Die wahre Natur ist frei von Verfaulung, Vermoderung oder anderen Verfallsprozessen. Nichts stirbt. Nichts riecht – höchstens leicht nach Gummi oder Plastik und gelegentlich nach Metall.
Auf den Boden tritt man ganz weich auf – wie auf Schaumgummi. Stürzt jemand, steht er gleich wieder fröhlich auf. Nichts lebt mehr, sondern läuft ab. Vielleicht ist die Erde nur mehr ein künstliches Uhrwerk. An der weiten, ständig strahlend blauen Decke leuchtet goldene Strahlen aussendend eine überdimensionale Leuchtkugel.
Nie wieder wird es Nacht. Wir schlafen und essen nie. Wir haben nichts zu tun. Wir warten.

© 2021 Michael Wiedorn
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Loslassen 4

Von Sofie Morin

Das Eisfeld liegt brach wie ungebrochen. Ich habe die Blütenblätter längst aufgesammelt. Denn nichts, was uns angehört, soll hier eingefroren sein. Meine Wehmut findet kein Makel.
So kämpfe ich gegen die Wellenkämme des Versagten an. So stemme ich mich gegen eine haltlose Bestimmung.
Zuweilen stelle ich mir meine nackten Sohlen auf dieser einzigen Scholle vor. Das dient der Linderung meines Übermuts. Verspricht Läuterung, verspricht nichts.
Schneekristalle umtanzen mein kahlgeschorenes Zutrauen, als hieße es alsbald Unterschlupf suchen. Haben wir uns denn nicht Häuser gebaut? Gegen die Wildnis. Die rundum und die in uns. Und dennoch sind unsere Atemwege noch dann und wann in Eiswasser getaucht. Nicht, wie das Eingeständnis unserer Verletzlichkeit erzwingend. Mehr wie der Weckruf eines vertrauenswürdigen Vogels, der meinen Blick auf die Eisfläche lenkt.
Sorge dich nicht, nicht im Traum würde ich Fahnenflucht begehen, mein Wassergott.
Ich sehe durch deine Augen. Ein Farbschatten verhuscht unter der von Fragen aufgerauten Schicht. Geschöpfe fliegend wie schwimmend mit dem Strom und ihm entgegen. Das Leben leckt allseits unermüdlich am Eis, trägt mein Lächeln auf seinen Flossen wie Schwingen.
Ich sehe durch meine glasigen Augen. Was ich vertan habe und was ich noch bergen kann. Ein Ankommen zugelassen von der Durchdringung der Schichten endlich. Die Rettung steht nah des tiefsten Punkts bereit. Dort am Seegrund finde ich die Abdrücke deiner Flossenschläge. Sauge ihre Fährte in meine Lungen auf. Und weiß: Zwei Fische sind wir, in getrennten Eismeeren überwinternd. Der Frühlingstau möge unsere Freuden wieder zu einer des Lebens vereinen.
Sofie Morin, 13. 1. 2021

© 2021 Sofie Morin
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auf den spuren lautreamonts – eine knapp bemessene fiktion und hommage

Von blume

schweren schrittes – & die waelder schrie’n lautarm, dass ihm das blut im schaedel kochte, wie der erste, verwegene gedanke eines unheilverkündenden tages, zu seiner ekelsten essenz destilliert, wie der brachgelegene blick eines sterbenden mannes, dessen dasein eine wueste bar jeglicher oase ist, wie das beaengstigende schaben an einer naechtlichen tuer, wenn nicht einmal die vagsten praeliminarien erholsamen schlafs, stoisch das unbewusste kreuzend, gleich einem irrenden vogelschwarm, es mehr wagen, einen hauch von linderung zu prophezeien –, schweren schrittes, also, schleppte er sich den weg entlang; er trank gierig & voller bedacht aus den wassern des selbstmitleids, er erbrach widerliche fragmente katharsischster kristalle, spuren scheuszlichster labyrinthe – hoehnische arabesken an den waenden der leere, des nichts – emanierend & zeichnend, auf die sproede epidermis einer manisch verzerrten welt ohne sanften widerhall, er… abgelegene orte, so dachte er, scheinbar ganz bei sich, schaerfen geist & sinne mit dem grausamen seziermesser der abscheu vor einem selbst: o, wie gluecklich darf ich mich schaetzen, den tod meiner hoffnung bezeugen zu koennen! ein illustres grabmal will ich ihr errichten, in form eines literarischen werkes, das… (doch – aber, dergleichen ahnte er zu diesem zeitpunkt noch nicht – tatsaechlich werde ich, dem diametral entgegengesetzt, euphorisch & unablaessig die reine liebe protegieren, indem ich these auf antithese aneinanderreihe, einen abgegriffenen & gleichermaszen wuerdig & wuchtig anmutenden rosenkranz erinnernd, die bruechigen, zitternden haende eines uralten wesens zierend, das sich unwillkuerlich nach wahrheit via offenbarungen sehnt!)
er bemerkte den eingang erst, als er bereits beinahe voruebergetaumelt war; da beschloss er, einen pakt mit der einsamkeit zu schlieszen, sich abzuwenden, von dem tumult, dem trubel, dem wilden treiben auf den straszen freudloser staedte & doerfer, sich abzuwenden von seinem eigenen, verzweifelten ich, sich hineinzubegeben, ins unbekannte refugium einer hoehle, deren weit klaffendes maul ihn verschlang, aehnlich jener tragischen mutter, die ihr ungewolltes kind mit eiskalten haenden – keine regung kraeuselt den wahnwitzigen ozeans ihres absurden gewissens – ertraenkt & die ploetzlich, von reue erfuellt, einhaelt, ihren widernatuerlichen fehler erkennt & das kind reanimiert… sattschwarze dunkelheit umfing ihn, mochten vielleicht zu beginn duestere schatten flinke finger ueber das empfaengliche herz seines nackens geistern lassen, bald klang die stille ihm wunderbar ungetruebt – sie fuellte sich mit praechtigsten figuren & gestalten, dank den sublimen taenzen & gesaengen seiner endlich aufatmen duerfenden phantasie – ; so fand er seinen platz & drehte, erwachend, seinen kopf hin & her. ja, demuetig umarmte er das absolute & seliges laecheln, von niemandem gesehen oder gar gespuert, schmueckte sein weiser werdendes gesicht.
zahllose jahre spaeter glitt ein anderer heraus.
was, nun, war geschehen?

© 2021 blume
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Pantoffel statt Pandemie / Home sweet home – neue häuslichkeit

Von Eva Radon

Ja, die füße in pantoffeln aus pelz, die sie als geburtstagsgeschenk bekam.
Die sind warm
Sie hatte nie welche, ging lieber in socken oder bloßfüßig.

Die kartoffeln (eigentlich erdäpfel) waren heurige aber, über die zeit, übers jahr trieben sie aus wie wilder wein.

Sie liebte kartoffelspeisen:
ob im ofen, gratin, püree, suppe mit kümmel und steinpilzen, puffer, krambambuli im rohr, knödel, salat, chips, spalten, und ob nach kochbuch oder phantasie.

Das leben hat sich in der zeit der pandemie geändert:
das zuhause bleiben ist ein neues soll, um ansteckung zu vermeiden.
Natürlich einsichtig aber isolierend, soziale kontakte abschneidend, das äussere aktivitäten auf eis legend,
ausser alles was draussen an der luft stattfindet, ist erlaubt.

und ich erlebe
mein ZUHAUSE neu.

Das zuhause bleiben wird zur weltreise,
ich schlürfe mit meinen pantoffeln durch die wohnlandschaften, entdecke neue länder, neue kontinente.
Erinnerungsstücke eröffnen sich mir, viele alte und neuere fotos, kleine gegenstände, ecken und winkel mit sackerln, kästen mit diversen kleidungsstücken, regale mit büchern, mappen, alben, heften ..bilden bunte landstriche mit höhen und tiefen.
Manchmal stolper ich über teppichecken, es gibt ja im draussen auch immer hindernisse und fallen.

Der gang durch die wohnung will gelernt sein. Er wird zur täglichen strecke mit schrittzähler, er wird vertraut.

Mit geschlossenen augen stell ich mir die gegenstände vor: fingerpuppen, meist kleine tiere, elefanten und kamele, erinnerungsstücke, kitschiges, skurriles, schönes.

Mit offenen ohren lausche ich chopin, mozart, cohen, und was mir gerade einfällt. ich lasse die melodien in meinen ohren erklingen.

Die ohren und das gemüt freuen sich und fühlen sich wohl.
Ich sitze am sofa, umringt von campari, buch, zeitung, papier und bleistift.
Das fernsehen, das handy, das lesen sind unentbehrlich geworden.

Das kochen und essen bereiten freude.
Buntes, gesundes, klassisches, neues.
Sogar alleine essen macht manchmal spass.
Ich habe ja keine wahl.
Ich fühle mich zu hause und wohl.

Das leben mit und ohne pantoffel
aber bitte bald ohne pandemie
soll wieder freudiger, vielfältiger, einfältiger, bilder und filmreicher werden.

Doch die erfahrungen bleiben, da das SWEET HOME,
die neue häuslichkeit eine neue bereicherung
in meinem leben ist, war.

P.S.
Wenn ich nicht falle, bin ich dann ein pantoffelheld?? oder pantoffelheldin? (das wort hat eine andere bedeutung…)
pantoffelheld-heldin…sind wir COVID helden,-innen??
ja, diejenigen, die es überstanden haben
ohne depression, isolationsgefühl, bleibenden syptomen, was soziales leben betrifft,
krankheit und schaden.

Eva Radon, Jänner 2021

© 2021 Eva Radon
Alle Rechte vorbehalten

Spinnennetz

Von Eva Radon

Spinnennetz
Soziales Netz
Netzwerk
Stromnetz
U-Bahnnetz
Haarnetz
Einkaufsnetz
Fangnetz
Netzhautablösung
Netzstrumpfhose
Vernetzt
Verbunden
Verstrickt
Jeder braucht Netze
Jede braucht Verbindungen
    
Netzverbindungen

Meine Netzverbindung ist in Zeiten wie diesen das Radio.
Das ist berauschend, informativ, lehrreich, wissenserweiternd, beruhigend, entspannend, melodisch in Musik und Sprache.
Ich liebe diese Verbindung. Meist klar, manchmal rauschend.

Diese Verbindung führt in Welten verschiedener, mir unbekannten Gebiete.
Schöne Biographien, tragische, vom Leben geschriebene,Musik von mir unbekannten Komponisten.

Eine weitere Netzverbindung ist das Handy.
Kontaktaufnahme fordert Initiative, Interesse, Zeit, Ruhe.
Spielen ist verbundensein

Sozial, mit anderen vernetzt sein, das ist eine für mich lebenserhaltende, wichtige Verbindung. Ohne verdorre ich, trabe, zwar mit Wasser im Höcker, durch die leere Wüste.

Die Spinne spinnt ihr Netz, sorgfältig, routiniert, fleißig.
Es glitzert in der Sonne. Dann wartet sie, nicht auf Kommunikation, sondern auf ihre Opfer. Das Netz dient ihr nicht zum Spielen, sondern zur Nahrung..
Das ist ihre Netzverbindung…
Auch lebenderhaltend.

Mein Körper besteht aus Netzen: Gefäßen, Nerven, Muskeln, Fasern..
Die sind miteinander verbunden, vernetzt, dieser Fluss ist lebensnotwendig.
Blockaden der Netzverbindung,
zb. Schlaganfall,   Ischias, Carpaltunnelsyndrom,..Und vieles mehr (Lili weiss das alles)
.. Und Gedächtnislücken…
…….. Oje.

Was gibt es alles für vernetzte Verbindungen, ob Freundschaft, Liebe, Familie, Beruf,.. Zu Natur, Literatur , Film…

Und wenn ich diese nicht hätte, wäre mein Leben eine entnetzte Katastrophe, ein Mangel, eine Einsamkeit, solange das Hirn noch funktioniert..

Wo bist du?
Ich höre dich nicht, die Verbindung ist schlecht.. Jetzt unterbrochen.
Oje
Aber zum Glück gibt es noch die Post..

© 2021 Eva Radon
Alle Rechte vorbehalten

Spätdran

Von Sofie Morin

Wir sind (spät) dran!
Lamento in hundert Wörtern

Wir haben uns für eine unbestimmte Zeit verabredet. (Da es einerlei ist, worauf wir uns einigen, du wirst dich ohnehin nicht daran halten.)
Anderntags kamst du auf einem Ball balancierend an. Seine Kappen schmolzen unter deinem Fußabdruck dahin (stetig). Du dazu: schulterzuckend.
Es mag gute Gründe geben, tiefschürfende Gründe wie Öl und Kohle (braun) ungeachtet der auf Eisschollen driftenden Eisbären (unglücklich). Das mag sein.
Und auch dir mag der Erdball lieb sein wie eine Heimat.
Und dennoch hältst du dich bedeckt mit knapper Zeit wie einem Mundschutz (immer zu dicht oder zu durchlässig).
Und bist wie wir alle: (spät) dran!

© 2021 Sofie Steinfest
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Adonis und die Erschießung der Aufständischen oder: Zweifel eines Dramatikers

Von Michail Oblomow

Zu deskriptiv, das ist alles zu deskriptiv, ich bin doch kein Märchenerzähler. Und schon gar kein Drehbuchautor für Spielfilme, dieses Gesocks. Nein, ich mache Theater – und zwar echtes Theater. Nicht diese Roman-Adaptionen, die heutzutage nur noch gespielt werden. Das verstehe ich nicht. Es gibt so viele großartige Theaterstücke, die noch nicht mal uraufgeführt wurden – warum machen heute alle diese grässlichen Buchadaptionen? Und wenn sie doch Theater machen, warum immer dieselben Stücke, jahrein, jahraus dieselben Stücke, dieselben Ibsens, Shakespeares, Tschechows, Brechts und Büchners. Altprogramme, wiedergekäut und vielfach verdaut. Heute das Gestern. Als hätte Europa nicht mehr zu bieten und nur diese Dramatiker hervorgebracht. Wie viele Theaterstücke schlummern noch unaufgeführt in den Büchern – eingepfercht auf Papier, eingequetscht wie eine Salatscheibe in einem gammligen Sandwich in einem Imbissautomaten auf der Autobahnraststätte zwischen Bielefeld und Castrop Rauxel. Arme Dinger.

Wo kann ich heute einen Arthur Adamov oder einen Raffael Alberti sehen? Wo einen Pedro Calderón? Wo Hugo von Hofmannsthal? Wo Marguerite Duras? Es gibt noch so viel gutes Theater in den Archiven. Wurde Alberti überhaupt jemals ins Deutsche übersetzt? Sein Stück Kriegsnacht im Prado ist fantastisch – während eines Bombenangriffs der Faschisten auf das rote Madrid steigen die gemalten Figuren von Carracci, Goya und Co. aus ihren Gemälden, um eine Barrikade in den Kellern des Prados zu errichten. Fantastisch, wie die Figuren der „Erschießung der Aufständischen“ mit Adonis und Venus diskutieren. Warum kann man das heute nicht sehen? Nicht einmal in Spanien selbst. Die letzte Aufführung war vor 18 Jahren.

Stattdessen nur dieser Bestseller-Humbug! Jeder hat heute etwas zu sagen, jeder glaubt, sich mitteilen zu müssen, jeder denkt, damit so individuell zu sein und sich mit einem weiteren „Macbeth“ von den anderen Macbeths abzuheben. Ein großer Individual-Uniformismus. Oder ein Uniform-Individualismus? Ich weiß es nicht, kann mich nämlich nicht so gut ausdrücken, wie all diese anderen, tollen, abenteuerlichen, immer am Trend der Zeit lebenden, nichts verpassenden Unifom-Individualisten. Und dabei ist meine Profession Dramatiker. Aber darum geht es ja: nicht zu beschreiben. Die Figuren erzählen die Geschichte, nicht der Erzähler.

Ach, immer diese Erzähler! Es macht mich krank, diesen Zirkus an Selbstdarstellung zu beobachten. Irgendwer hat mal gesagt: „Am Wochenende gibt es Food Porn und von Montag bis Freitag Tiefkühlpizza.“ Die Kritik, dass die Indi-Uniformisten sich in sozialen Medien so darstellen, wie sie gesehen werden möchten und nicht wie sie sind, ist nicht neu. Aber warum macht mich das krank? Dieses ständige so tun als ob man ein so toller Hecht sei, zieht mich runter. Leute in so vielen Rollen, dass sie ihre echte Person gar nicht mehr kennen. Ich habe keine Lust, für die anderen zu schreiben. Das heißt, ich würde gerne. Aber ich möchte mich nicht in dieser Selbstdarstellermanier in der Manege der unerfüllten Aufmerksamkeit präsentieren. Dann bleib ich lieber unaufgeführter Theaterschreiber. Salut, meine Compadres der vergessenen Meisterwerke!

Und so hänge ich hier fest an meinem Stück, nichtwissend, wie ich eine Überfallszene im Theaterdrehbuch schreiben soll. Das ist doch billig, wenn die Schauspieler später wie in einem Actionfilm auf der Bühne herumhampeln. Nein, das muss ich anders machen. Aber wie? Ein Zeitungsjunge, der über die Bühne läuft und nur die Geschehnisse des Überfalls anreißt wie die reißerischen Überschriften so mancher Journaille? Naja, auch nicht gerade kreativ. Und viel zu nah am Medium Film. Vielleicht eher die Berichterstattung eines Zeugen, der wie Marathon unzählige Kilometer in das Lager der seinen läuft und auf der Bühne alleine oder im Dialog über die Geschehnisse des Überfalls berichtet? Vielleicht. Noch besser ist aber ein Monolog eines der Räuber, der vorab den Plan des Überfalls darlegt – erzählt, wie das alles ablaufen soll. Alleine auf der Bühne, dem Publikum zugewandt und stolz seinen scheinbar perfekten Plan darlegend. Dann im Hintergrund Geräusche von Stimmen, Schreien, Schüssen. Der Räuber muss lauter sprechen, um seinen Plan zu schildern. Dann ein Knall – und Dunkelheit. In der nächsten Szene dann entweder der Räuber und zwei seiner Komplizen im Gefängnis. Sie diskutieren, was alles schiefgelaufen ist. Oder aber die Gendarmen, die stolz berichten, wie sie den Überfall abgewehrt und die Räuber dingfest gemacht haben. Beides möglich. Wichtig ist nur, dass klar wird, dass die Räuber eigentlich die Guten sind – und die Gendarmen die wahren Bösewichte.

Wie war das eigentlich bei Alberti? Waren die Soldaten von Goyas „Erschießung der Aufständischen“ plötzlich mit dem an die Wand gestellten Bauern verbündet? Ich erinnere mich nicht daran. Wie auch – ich habe das Stück ja nie sehen können…

© 2021 Michail Oblomow
Alle Rechte vorbehalten

Log-down

Von Madame Pavot.

Log-down

Der blaue Himmel log. Er versprach neuen Frühling, warme Windbriesen auf der Haut, wärmere Nächte, aus welchen man in der Nähe der Kneipen fiel, in den Sonnenaufgang hinein, wenn neue Tage anfingen, mit grünen Bäumeblättern. Wenn man aus der Kälte des Märzes erwachte, nachdem der Winter vorher eine grausuppige Unendlichkeit war.

Der blaue Himmel log. Er versprach, dass man auf den Terrassen der Clubs sitzen konnte, ganz müde, weil man vorher auf der Tanzfläche ausgerastet war, vielleicht, weil danach die Getränke noch besser schmeckten, wie die kalte Meeresluft auf der Zunge, nur mit Bier.

Der blaue Himmel log, er verhieß Unbeschwertheit, Glück und blaue Bänder, wie in dem Gedicht, welches Kinder jeden Frühling in der Schule lasen. Dieses Jahr flattere nichts außer Aerosolen durch die Lüfte, ein Virus hatte die Welt wenige Wochen vorher in einen dystopischen Roman verwandelt, Menschen mit Masken eilten umher, wechselten Straßenseiten und kauten an ihrer Angst, während der blaue Himmel einfach zusah, an den Türen der geschlossenen Bars und Kneipen entlang.

Der blaue Himmel log. Doch vielleicht sind wir der dystopische Roman mit dem guten Ende, in dem alle Menschen nach dem Sieg über die Katastrophe hinausströmen, trinken, sich umarmen und glücklich taumelnd in die Nacht hineinfallen.

© 2020 Victoria Pavot
Alle Rechte vorbehalten