Zwei Schlangen

Von Marek Födisch

Mock on, mock on, Voltaire, Rousseau.
Mock on, mock on — ‚tis all in vain!
You throw the sand against the wind,
And the wind blows it back again. (1)

William Blake

Kopf und Rückgrat wie im Feuer
Um die Wirbel: zwei Schlangen
Ineinander verbissen
Nachdem Hermes es diesmal verpasst hatte
Beide zu befrieden
Vernunft die eine Ursprünglichkeit die andere
Zeitenwechsel ändert nichts
Bestaune oder verfluche ihre Symmetrie
In den Gegenwinden
Die einzig deine Stirn gescheiter machen

(1) Mock On, st. 1 – Poems from Blake’s Notebook (1804)

*

© 2022 Marek Födisch
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Da war

Von Marek Födisch

Ein Grund und ein Stück kleine Wiese mit zwei Birnbäumen und
Ein Steingarten mit Wollziest und Arnika und
Dieser kleine Junge der mit den Bienen sprach und
Zwischen den Beeten marschierte ohne zu wissen was er dabei sang
Im Schatten des Hauses wo – später wusste er´s – zitterten die morschen Knochen*

Da waren die Witwen auf der Bank im Hof mit offenen Beinen und
Sprachen Belangloses in den Ohren des Jungen der
Sich aus Wäscheklammern einen bunten Kranz steckte viel lieber und
Nichts von Ehre und dergleichen wusste vielmehr
Im Winter von einem Dreirad träumte immer und immer wieder

Da war die Straße im Sommer wo man auch Federball spielte und
Mit einem Schornsteinfegergesicht das Bad erst am Abend wieder betrat und
Hier der Hahn den Tag in den Abfluss zwang und
Dieser aber im Kopf längst kopiert bis fast nach Mitternacht aus der Versenkung
Trat und noch heute fragmentarisch auf den Wimpern glänzt als Kondensat

Da war der nimmermüde Schuster der reparierte Schuhe mit Fahrrad und
Schiebermütze ausfuhr kilometerweit und
Seinen Beitrag leistete sich auf dem Pflaster der Zeit bewegen zu können der
Unterwegs den jungen Frauen nachsah die er gedanklich in den Büschen
Links und rechts erfolgreich mit seinen Leisten verführte: lechz…

Da war gebohnert der Flur der Schule die Wahrheit auch und
Sogleich jedes ernste Wort das aber im Halstuchknoten steckenblieb
Sobald draußen erste Flocken fielen die schon zu Schneebällen gedacht
Für den Hof wo das Werfen eigentlich verboten war wie das Tagträumen
Allgemein oder der West-Parka oder das Zuspätkommen um acht

Da war das laute Boys Don´t Cry in Mono beim Stylen der Haare und
Die schwarzen Arbeiterstiefel zum Schnüren (Doc Martens gab es nicht) und
Schwarz war vor allem der Sonntag wenn man der Familie fernblieb und
Erste Versuche bezüglich Mädchen scheiterten da Typen mit Mopeds
Ohne Zweifel besser in Fahrt kamen bei der Liebe wie beim Trieb

* Lied: „Es zittern die morschen Knochen“
Text und Musik: Hans Baumann – 1932
in Die weiße Trommel (1934 , drei Strophen , zitiert nach “ Der Trommelbube “ Voggenreiter Verlag)

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© 2022 Marek Födisch
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sonntagmorgen 1981

Von Marek Födisch

der internatskoffer bereits im gedankenschacht
deine beine angewinkelt auf dem warmen laken
und scharf schärfer: der lederne koffer
korrigierte kackbraune narben groß größer und
dein augenzucken hinter geschlossenen lidern
die fadenstärke dein „gespinne“ nimmt zu

du siehst dich bereits angegurtet
hinterm vater im alten f9 und
felder scheunen häuserzeilen ställe
die im blauen rauch verschwinden
du (womöglich) auch – er spricht nicht mit dir
schweinemist und benzin in der nase
schemen vs. schlaglöcher
du siehst dich aussteigen
später: aussteigen!

dein koffer birgt trauer
zwischen weichgespülter Wäsche
du siehst dich schon (wissentlich)
fünfeinhalb tage angegurtet
ans genormte ja und nein
ans auslachgewitter vor der tafel
an die verschlossene toilettentür (innen)

du siehst frank
zimmergenosse und
die schere die er nachts in die wand rammt
(das wird nicht verraten!)
jedes mal wenn die postkarte der eltern ausbleibt

türgeräusch
du hörst und siehst jetzt mutter am bett:
aufstehen aufstehen!
frühstück
sonntagseier

noch im gedankenschacht
du und das gurgeln im bad und
ebenso die straßen felder klassenzimmer die morgen
in der frühe heraufdämmern werden

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© 2022 Marek Födisch
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Abschluss

Von Niklas Götz

Die Hörsaaltür geht auf
Die selben Gesichter jeden Tag
Jeder ist an seinem Platz
Alltag

Die Hörsaaltür geht zu
Wir erinnern uns dunkel
An die Freunde von damals
Nostalgie

*

© 2022 Niklas Götz
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Mit spöttischer Gelassenheit

Von Marcus Nickel

Wirf deine Knallfrösche,
entfache das Strohfeuer,
brich Wolken, lass es hageln,
ob Flut oder Flammenmeer,
ich lächle ganz gelassen.

Ich schreibe, zumindest meist,
mit spöttischer Gelassenheit,
stelle dir den Tonfall vor,
während du dies reinziehst,
du Leser, ich Dichtertor,
ich schreibe – und du liest!

Dein Zorn oder was immer
ist alleine dein Schwelbrand,
lass den Schimmel wachsen,
hau Blitze ins Wasser,
ich bleibe ganz gelassen.

Ich schreibe, zumindest meist,
mit spöttischer Gelassenheit,
stelle dir den Tonfall vor,
während du dies reinziehst,
du Leser, ich Dichtertor,
ich schreibe – und du liest!

*

© 2022 Marcus Nickel
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Im Garten

Von Jens Kotowski

Ruhig geworden im Garten, Sommer ist’s, schon Juli
So mancher Vogel, ein Rotkehlchen mal
Ein Gimpel, mal ein Fink, nur Spatzen im Schwarm von großer Zahl
Brutkästen leer, Meisen haben hier Sprösslinge groß gezogen
Nun noch Schwalben, wendig, flink, kreisen und fliegen droben
Ruhig geworden, im Garten Sommer ist’s, schon Juli
Doch nur für ein schwaches Ohr ist`s ruhig hier
Ein Kriechen, ein Krabbeln, ein Brummen
Fliegen, Käfer, Hummeln und anderes Kleingetier

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© 2022 Jens Kotowski
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Donnerwetter

Von Jens Kotowski

Eben noch riesige Regenwolken
Gebirgengleich

Nun das Nass ergießt sich
Sturzflutengleich

Zum reißenden Strom wurd der Quell

Das Licht am Tage nur graubleiern hell

Die einst frühe Brise wuchs zum Sturm irgendwann

Blitze zu Hauf und Donnergrollen dann

Ob Zeus oder Thor sind grad wohl grantig?

Einerlei! Das Wettertheater rührt an g’waltig

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© 2022 Jens Kotowski
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Haibun

Pawel Markiewicz

verträumte Nixe
verzaubert bei der Donau
der Stern über Wien

Eine Nixe ist eine Bewohnerin einer Donautiefe. Sie ist von heute an sehr verträumt, weil es ihr gelang, ein schönes Gedicht zu Ende zu erdenken. Das ist ein zart besaitetes Gedicht von der Ewigkeit. Die Nixe schläft tagsüber in einer Grube unter der Donau. Sie erwachte um jede Mitternacht und sitzt am Donauufer hinter der Stadt Wien. Sie sieht sich die schöne Stadt an, von dem Zarten schwärmt. Die Donau ist eben verzaubert, weil die Nixe um ihrer Seelenwärme willen das Wasser bis zum 35 Grad erwärmt hat. Buben können eben grenzenlos in der warmen Donau schwimmen und baden. Auch ein Fischer kann seinen Körper im Warmwasser einfach erfrischen. Von heute an vollzieht sich ein Wunder. Der vornehmste Stern, nämlich das Gestirn der Philosophen schimmert über Wien, der Donau und der Nixe. Der Stern offenbart eben die Erfüllung aller Träume. Ich bin in die Nixe, den Stern und das ganze Wien einfach verliebt.

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© 2022 Pawel Markiewicz
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Zartbesaitetes Haibun (2)

Von Pawel Markiewicz

Denker lobt Donau
Dichter schätzt Urloreley
Träumer ehrt Zauber

Eines Tages, in dem träumerischen Mittelalter, lebten in Mähren drei junge Freude, und zwar: ein Denker, Dichter und Träumer. Sie haben sich vorgenommen, Wien zu besuchen, um dort einen Schmuck zu kaufen. Sie gingen an dem Fluss Donau vorbei und es geschah ein Wunder. In ihren Seelen bei der Donau vollzog sich eine totale sekundäre Menschwerdung: beim Denker durchs Loben, beim Dichter via Schätzung und beim Träumer per Ehrung. In all dreien Fällen war es vorher zu einer urigen, also primären Menschwerdung gekommen: beim Denker mit ersten Gedanken, beim Dichter mit dem ersten Gedicht sowie beim Träumer mit der ersten Schwärmerei.
Der Denker hat an die Donau gedacht, das ist an Größe, Menge, Wasser, Tiefe, Fische.
Dichter verdichtete eine Urloreley – ein Mädchen von einem Hain, das in der Donau ertrank, weil sie nicht geliebt war.
Dagegen träumte der Träumer von einem Flusszauber, weil er von der verträumten Donau schlechthin verzaubert ist.

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© 2022 Pawel Markiewicz
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