Weltaneignung

Von Sofie Morin

Ein zwischenmenschlicher Ernstfall
wo die Aussicht aus dem Fenster
wieder andere Fenster sind
Und kein Größeres hält
dem Mond einen Spiegel vor
Filter machen das Leben erträglich
Und der Wachhund
der mir nicht von der Seite weiche
bitte nicht
Die Natur ist mein Schützengraben
und wir beide der Erdwall
und die Zuneigung unser Laster
Herzkreislauf seit es mich gibt
am Wesenufer mit dir
ziehen Schleien im Blaufluss unter uns vorbei
Fortan sprechen wir Grammelot wie
die Stille vor der Liebe
und die Unruhe danach
Poesie eignet die Welt
mit uns darin
Fallobst in den Bügelfalten der Wirklichkeit
Weißt du ich hab
meine Leber im Wald zurückgelassen
hab sie zwischen Entenjungen vergraben
Das Gedächtnis der Spiegel liegt
gut einsehbar dort aufgebahrt
keine Zeile dreht sich noch danach um
Doch das Innere Salz leugnet nicht
die Regungen hervorgekehrt
der Hunger unnahbar
Einer hat die Schokolade
ganz alleine aufgegessen
tafelweise

*

Sofie Morin, Mai 2021

© 2021 Sofie Morin
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Der rote Faden meines Lebens

Von Lena Kelm

Der rote Faden meines Lebens
strich Tage rot im Kalender an
hielt fest die Bande der Liebe
bis er zerfranste, an Stärke verlor
und mir entglitt – verblasst
wo ich ihn wieder aufnahm.
 
Das Rot blieb, fähig zu blenden
den Tag zum Guten zu wenden.
Die Perlen auf meinem Kleid glänzen
noch Purpur, Rubin, auch Blutrot.
Der Faden, mein Rettungsseil, hält.

© 2021 Lena Kelm
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Frühwohlitäten

Von Ellen Marion Maybell

Was wir ohne die wohl täten.
Ohn‘ die frühen Wohlitäten.
Von der Früh bis in die späten
Wohli-Täten in den BÄTTEN.
Wie unwohle wir uns täten,
wenn wir diese gar nicht hätten.

Denn die frühen Wohl-Tu-Täter
woll’n wir früher oder später.
Schnell wär’n wir die Toten-Träter,
wenn wir sagten: lieber später.
Darum ran an Wohl-Tu-Täter,
besser früher als zu später.

Gut, Sie könn‘ auch Wasser träten
oder rülpsen oder BÄTEN
oder auch ein Unkraut jäten,
doch das rapfen nur die BLÄTEN.
Denn wer niemals Sturm gesäten,
erntet Lauluft – Vielverschmähten.

Schau’n Sie die frühwohlen Krapfen.
Wie die durch die Gegend stapfen.
Stets auf Suche nach den Zapfen,
die sie grapfen und dran mapfen,
ohne Angst, sie kriegten Schnapfen.
Sieh, wie sie das Schürzlein lapfen.

Wie sie ihre Quappfen schwapfen,
bis die Hacken sich verzapfen,
bis es kommt – zum Zapfenstreich.
Hart, frühwohl und weich zugleich.
Streich und ZEICH ins Himmelreich.
Lutsch, du BONBON, lutsch und SCHWEICH.

*

© 2021 Ellen Marion Maybell
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Die Bachstelze

Von Ellen Marion Maybell

Da kommt se,
die Stelze,
mit ihren dürren Stelzen,
um sich durch den Bach zu wälzen.

Sie fühlt sich schwach.
Die Stelz am Bach.
Der ist zwar flach,
doch gibt er nach,
so nach und nach,
weil der so schwach
grad wie die Stelze.
Da, jetzt fällt se.
Keiner hält se.
Schreiend gällt se.
Nassgemacht, die dumme Stelze.

Sie sei ein schlechter Schwimmer.
Auch Wasserwandeln könnt sie nicht.
Das sei noch viel, viel schlimmer.
Mit ihrem dürren Bach-Geschlicht.
Auch hielt‘ sie nichts vom Plantschen.
Das wär ihr so an mantschen
Tagen einer ihrer größten Plagen.
Mehr möcht‘ sie so bachgeschwächt
zu ihr’m GEFAKTEN Bach-Geschlecht
im Moment nichts weiter dazu sagen.

Nur blöd, dass sie wie Jesus fühle,
im Gange aufrecht übers Kühle.
Nur ging das nicht,
an keinem Bache.
Ne ernste, aber andre Sache.
Es ging auch nicht am Ganges.
Läg nicht am Gang, egal, wie lang es
dauerte im Übergang.
Es hülfe nicht, auch nicht mit Schwang.
Der flöss sie weg, da würd‘ ihr bang.

Der Bach, der würd‘ sie arg verarschen,
da hätt‘ sie Zorn, schon ziemlich harschen.
Der trüg ihr dauernd Trug und fort
und zög sie in die Fluten dort.

Auch schaff‘ sie keinen Überflieger
Sie könn‘ es nicht. Sei Flugverbieger.
Gedacht sei’s zwar Berufs von wegen,
doch würd‘ sie’s auf die Fresse legen.

Auch Flügel schlüg sie nicht zum Schwingen,
fing auch nicht an, wie‘n Fink zu singen
oder wie’n Ge-Fieder-Flitscher,
Wär nass nur, wie son’n Kahn, so’n plitscher.
Auch AMSELN tät sie nicht und drosseln,
zum Vögeln fehlten ihr die Flosseln.

Sie könne einfach rein nur plumpsen.
Gott‘s Schalk hätt‘ sie mit STELZ behumpsen
und mit Klavier fein angeschmiert.
Sie sei zu kühl wohl-temperiert.

Das wüsst sie schon seit ihrer Kita.
Mit solchen Stelzen? Dolce Vita?
So nahm sie’n REINFALL – voll in‘n Bach.
Schaffhausen schaff ich. MATT und SCHACH.

*

© 2021 Ellen Marion Maybell
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Die Taube

Von Ellen Marion Maybell

Ich glaube,
ich schraube
meine Ansprüche mal etwas herunter.
Sonst komm ich nie unter – die Haube.
Sagte die Taube.

Aber bitte nicht den Hauben-Taucher.
Diesen elenden Tauben-Verbraucher.
Der soll’s bloß nicht wagen,
mich auch nur einmal
über seine Schwellung zu tragen.
Die ist doch dauernd geschwollen.
Aber alle Achtung.
Nicht schlecht.
Man kann‘s ihm schon zollen.

Kommt grübelnd ins LA-PALOMA-Pfeifen.
Nicht jeder hat’s in der Hand,
mit sonem STREIFEN.
Vielleicht hülft ja Hüpfnose
und der klopft – voll in der Hose –
mir an die Laube.
Und dann ran an die Taube.
Mich dumme Nuss.
Mit Gühzeit und Jauchzzeit und Hochzeit im Kuss.
Allein. Mich tropft Wahnsinn und Glaube
im Irrsinn in der Dose
mich schmachtende, wartende
verzehrende Taube.
Der lässt mich nicht lose.
Denn son‘ üblichen Mucks-Täuberich,
ehelich, für immer, nee, will ich nich.

Ich weiß, es würd schwör.
Weil ich, würd er’s tun,
das Klopfen nicht hör.
Somit kaum noch dran gaube.
Ich bin nicht nur doof,
ich bin auch ne Taube.

*

© 2021 Ellen Marion Maybell
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Die Hoffnung

Von Monika Schotsch

Die Luft ist verpestet,
der Atem vergiftet.
Die Saat: die gehört dem,
der Unruhe stiftet.

Das Meer ist verdrecket,
der Ozean vermüllet.
Die Schiffe: sie fahren,
auf See wie verrücket.

Das Land ausgebeutet,
Die Berge bestiegen.
Die Menschen: sie wimmeln,
wie räudige Fliegen.

Das Volk ist verdrossen,
die Leute gebrochen.
Die Kinder: sie grollen
und kommen gekrochen.

Der Kopf ist verwüstet,
die Meinung verkommen.
Die Hoffnung: sie keimet
und ist doch zerronnen!

Wer soll das ertragen?
Wer kann da noch leben?
Wirst du dann bereit sein,
nach Rettung zu streben?

*

© Monika Schotsch, 2021
Alle Rechte vorbehalten (Text & Bild)

http://www.schotsch.de

WIENFAHRT-ELEGIE

Von Peter Lexa

Do, 8.11.01/~17:00

winterabenddämmerung bei leipzig

heiliges orange
bist mein seit einem jahr
rechts von mir
beim heinfahrn
links
wenns aufgeht in die fremde
du hast was eigenes

dresden
im morgentau im frühling
kann sich – vielleicht – mit dir messen
doch nur in zwingernähe

bis nach gera
weiter himmel
wohin das auge reicht

kein stau
die hindernisse sind begradigt
vier windräder bgrüßen
wie vor einem jahr
gleich lacht mir der airport

warum zogs mich
nach berlin?
Cousine mein
ich wurd nicht dein
wollts nicht einmal
du
hast mich trotzdem verschmäht

so bleibt mir grad die sehnsucht
nach: gewandhaus, völkerschlacht
u elephanten rund ums bier
faust
trank auch angeblich hier

jetzt bleib ich in der hauptstadt
hab viele lieben da

trotzdem,
leipzig,
gehst du allein mir nah

17:45

es hügelt
hinter leipzig
die luft gewaschen klar
ich reisender will weiter
zu bleiben ist nicht
wahr

nomaden
sind wir alle
manche sind sesshaft worn
doch eins ist mir ganz sicher:
als bauern
sind wir nicht geborn

18:55

„W2431GT“

oh du
wiener nummerntaferl
das erste seit wochen
das mir unterkommt

blink dir zu
beim überholen
blinkst zurück
das macht mich froh

21:00, km 570

miad bin i
vom foan
gestan no falorn
heit bin i gaunz stüü
wei’s da köapa
so wüü

21:16

bin glei z’haus
beim jörg u schüssl
u bei olle,
des gwööt hom

oba aa
beim oidn papa
laung no
wüü i‘ eam ned
begrom

21:31, grenze

z’haus
wo is des

maus
hod ihr loch

: im hoizpijama,
danoch!

22:30, amstetten

lauta piefke
auf da stroßn
„bleibts daham
es schiachn offn“
reicht ma, wenns ma in berlin
den weg fastöds

woos wöts in wien!??

23:30, altlengbach

da wienawoid!
a scheerenschnitt
im widerschein der stott

i waas ned

warum hob i
des herumgammln
ned sott? …

0:00, schönbrunn

friedn is
jetzt bin i do
olles geht ma
fuachtboa noh

auhof, hüttldurf,
die wien

am schluß da
nestroy
do foa i jetzt hin

*

© 2021 Peter Lexa
Alle Rechte vorbehalten

Nur Gedichte

Von Markus Katzenmeier

Ich will keinen Flächenbrand entfachen,
nichts niederbrennen

Ich glaube nicht an die Macht
der umgreifenden Vernunft

Ich will nicht mehr als ein Licht anzünden
für die Wenigen

Sie sollen spüren,
dass sie aufgehoben sind

Sie sollen Wärme finden
in der Erhellung

Sie sollen erkennen,
dass sie existiert –
die unsichtbare Gemeinschaft der Versprengten

*

© 2021 Markus Katzenmeier
Alle Rechte vorbehalten

Räume

Von Markus Katzenmeier

Es gibt Räume, die man nicht betritt
In diese Räume wirst du geschoben, Stück für Stück
Räume ohne Türen
Räume ohne Ausgänge
Räume, die unentrinnbar sind

Geistige Räume

Es gibt Räume, die man tief verzweifelt abtastet
und kein Weg führt zurück ins Freie

Stille Räume
Quälend still

*

© 2021 Markus Katzenmeier
Alle Rechte vorbehalten

Im Bettelschatten

Von Franz Niemand

Im Bettelschatten
verkübelter Fremde
das befleckte Gehör
nach innen gestülpt

Süchtig an vergilbten
Sternschriften leckend
kommt dir die Glut
die Flut das Blut

Von südlichen Stränden
weht eine alte Liebe
deinen Abstürzen
unentrinnbar vertraut

Es träumt dir bitter
vom Honigtod
in den weichen Fängen
von Rosenrot

*

© 2021 Franz Niemand
Alle Rechte vorbehalten