Common Blackbird

Von Jens Kotowski

Obsidianschwarzes Gefieder
Leuchtend gelber Schnabel
Gelber Ring um Augenlider
Kräftig glänzen die Flügel

Gerade noch leiser Gesang
Schon der Hahn zum Kampfe bereit
Gestern! Heute ohne Belang
Für Braut und Brut wird es bald Zeit

Weiterhin lenzfreie Wochen
In einem noch jungen Jahr
Winterruh ist durchbrochen
Und Amsel hat ihr Revier längst klar

*

© 2023 Jens Kotowski
Alle Rechte vorbehalten

Der grüne Gründer

Von Max Schatz

Der hinter seinen Ohren grüne Gründer
kann den omnipräsenten Bildschirmen
sich kaum noch widmen, stampft wie wild Firmen
aus kargem Boden, stopft kritische Münder

mitnichten, hat sich registriert bei Tinder,
Papiere sich zu einem Schild türmen
auf seinem Schreibtisch, Burnout killt Birnen
der Mitarbeiter, buhender wie Rinder.

Die Flut von Daten, doch kein Daten; Lieben –
komplett ein Märchen. Was er auch geschrieben,
gezeigt – er hat’s vergeigt, kennt nur Absagen.

Sein letztes kotzig giftgrünes Emoji
schaut gar nicht wie ein VIP aus seiner Loge,
was will der Gründer wohl damit beklagen?

*

© 2023 Max Schatz
Alle Rechte vorbehalten

9.4.00/12:15 grinzinger friedhof

Von Peter Lexa

das frühlingserwachen schmerzt
ist nicht mehr teilbar
du liebtest alles, was wächst, so sehr

grau die tage
einsam die nächte
du bist nicht mehr

verdrängt ist, was uns trennte
aller hader dahin

hoffnung auf neues lieben?

– der sportliche grauschopf
der eben vorüberging!

*

© 2023 Peter Lexa
Alle Rechte vorbehalten

damals

Von Franz Niemand

ganz ohne sprache
im walzertakt
mit glasaugen
voller sehnsucht
durch abgründe
traumatischer tiefgang
zügellos poetische
seefahrten
mit schlingen um den traum
das gruftige jubiläum der
brüchigkeit
des aufrüttelnden kusses
des alptraums

damals unendlich
in vergessenheit gesunken

*

© 2023 Franz Niemand
Alle Rechte vorbehalten

zerschredderungen

Von Heinz Erich Hengel

schredderung I:
im schredder-shop

die maschinen surren

oft es kracht,

als würden knochen brechen

auch wenn es noch vieles gäbe zu besprechen:

das surren ist von kurzer dauer

bis die festplatte ist zerhackt

nicht aber ists das hacken >

es ist das schreddern…

und das zählt

zerschredderte knochen

in einem brei von hafermark –

des schredders surrend knirschen:

es gehet mir durch mark & bein

nur im blackout die schredder stehen still

wenn dann die knochen brechen:

ein fall für die unfallambulanz

die aber im blackout auch ausgebrannt erscheint

black versus burn:

wer aber outet sich schon gern?

im schreddershop die kunden stehen schlange

als ob sie ungeduldig warten würden,

dass petflaschen sich um ihre hälse wickeln

und ihnen ihre seele zerhackt entgegen kommt:

geschreddert all die mühen & strapazen

gevierteilt das leben

in vier(4)dimensionalen räumen

wenn geschreddert werden würde der raum –

man glaubt es kaum:

die welt wäre wie ein lückig mantelsaum

nichtsdestotrotz: die zukunft liegt im schreddern;

hoffentlich die menschheit wird sich nicht

in ihrem eignen netz verheddern…

schredderung II:
geschredderte zeit

die worte vieler sind wie ein hülsenfrüchtebrei

sie laufen der zeit längs zäunen hinterher

die tore in den zäunen stehen offen

der durchgehenden gesichter – sie sind betroffen

aerosole verheddern sich im stacheldraht

im worst-case eine seuche naht:

nur die zeit kann stoppen den befall

aber das schreddern wird zum regelfall

langeweile zerschreddert des menschen zeit

verfallene ruinen längs der wege weit & breit

das wasser bis zum halse stehend

die ertrinkenden um hilfe flehend:

tiefe wunden stets noch tiefer werdend

eine zeit, in der das sonnenlicht geschreddert wurd:

ein sterben der vor dem ertrinken geretteten: absurd

4-geteilte zeit umkreist die hügel

von steinen zerschlagen die trinkwasserkübel

man fühlt sich wie in eiswasser getaucht

glühend wolken erscheinen am himmel: verbraucht

eine geschredderte zeit ist der blutzeugen ende

sie früher lasen im blut all der weisheit bände

wieviel opferung & sühne verträgt die zeit?

oder geht ihr zerfall schon allzu weit

dionysos, geschmückt mit hülsenfrüchteranken

schattentänzer im licht der sonne wanken

der zerfall, er hat begonnen

wunden klaffend –

wie in heißer glut zerronnen…

*

© 2023 Heinz Erich Hengel
Alle Rechte vorbehalten (Text & Bild)

Bochum West

Von Madame Pavot

Und ich laufe,
ein sicheres Gefühl.
Trotz der Nacht,
der glatten Pflastersteine,
und du bist immer
noch meine Stadt,
die singenden Bahnhofspenner
sind Heimat auf dem grauen,
dem rissigen Asphalt.

Und ich laufe,
ein Blick zurück
auf das Schwere,
auf das Leichte,
auf die Häuser,
chaotisch aus dir ragend,
an der Ampel,
schlecht geschaltet,
brüllt wieder jemand `rum.

Und ich laufe,
ein wohliges Gefühl,
denn du bist Bochum
und ich kehre
immer wieder
zu dir
zurück.

*

© 2023 Madame Pavot
Alle Rechte vorbehalten

Vier Farben Weiß

Von Monika Jarju

Ein milchig kalter Januartag
fast eintönig weiß

plötzlich stand er einfach da
ein stilles Licht im matten Weiß

eine Farbe ohne Namen
hauchdünn leuchtend

unbestimmt zugleich
ich fühlte ihn irgendwo

in mir drin fast greifbar
im flüchtigen Augenblick

waren wir vollkommen wirklich
in einer Geschichte

dann löste er sich auf
im magisch diffusen Weiß

mit der Liebe
täuschte ich mich

mein Herz schlug
zartbitter – und so hell

*

© 2023 Monika Jarju
Alle Rechte vorbehalten

Bethlehem 2.0

Von Hans Peter Flückiger

Haben sich die Propheten geirrt?
Auf dem Felde sind auch die Hirten verwirrt.
Josef ist noch ganz benommen.
Das Christkind ist nicht angekommen.

Muss die Menschheit unerlöst bleiben?
Himmel und Erde ins Chaos treiben?
Es war doch alles so schön gedacht.
Die Pfründe verteilt, und auch die Macht.

Strahlend steht Josef erneut vor dem Stall.
Kommet ihr Leute – von überall.
Ein Mädchen wurde uns geboren.
Schwarz von den Füsschen bis hinter die Ohren.

*

© 2023 Hans Peter Flückiger
Alle Rechte vorbehalten

geschichten-gegen-langeweile.com

Weihnacht 2.0

Von Hans Peter Flückiger

Leise rieselt’ s nicht mehr
Auch die Schneekanonen schweigen
Das Wetter ist zu warm
Und der Strom zu teuer

Die Weihnachtskugeln
Neu trittfest aus Leder
Hängen nicht mehr an grünen Tännchen
Sondern rollen über grüne Rasen

Aber halt –
Hört ihr nicht die Schalmeien schallen?
Macht hoch die Tür, das Tor macht weit
Zu den Konsum- und Unterhaltungstempeln

*

© 2023 Hans Peter Flückiger
Alle Rechte vorbehalten

geschichten-gegen-langeweile.com