Echter Lockdown-Opitz

Von Madame Pavot

Ach, Liebste, wozu eilen?
Es steht für uns die Zeit.
Wir hängen in den Seilen
Der Kühlschrank ist nicht weit

Des Virus‘ miese Krallen
Sie lauern vor der Tür
Wir malen hier nach Zahlen
Ich frage mich: WOFÜR?

Der Weihnachtsglanz- verblichen
In Matsch und altem Schnee
Die Küche neu gestrichen
Das Herz tut trotzdem weh.

Drum lass uns jetzt versinken
Die Couch, sie ist nicht weit
Ich kann jetzt noch mehr trinken.
Wir haben sehr viel Zeit.

© 2021 Madame Pavot
Alle Rechte vorbehalten

Zwei Gedichte

Von Blume

jungle heart delay

du durchforstest ein labyrinth aus erloschenen inseraten
stillgelegten adressen sackgassen verschollenen & immer
wieder taucht ein mattes bild aus dem diffusen rauschen
auf des unbenennbaren naemlich jene uralte verheiszung
der zu folgen & gehorchen du dein leben gewidmet hast
ein noch junger guru umringt von einem kreis lachender
adept:inn:en die pupillen geweitet & ihre becher geleert
stechapfelsud vielleicht bis dann eines tages aus heiterem
himmel ein beinahe allzu unleserlich geschriebener brief
den zu entziffern dich viel mehr phantasie denn verstand
kostet vor deiner stumpfen schwelle liegt eine einladung
zu einem treffen hinter den ruinen kaputter hinterhoefe
wo schierling & brennessel unlustig gen jenseits wuchern
findest du dich ein & trittst demuetig ran an den inneren
zirkel einer legendaeren drogensekte die guerillamaeszig
unbewohnte grundstuecke fuer ihre exzesse missbraucht
ja sie fordern dich auf nun deinen beitrag zu leisten & du
du nimmst sie mit in dein elternhaus das sie verwuesten
indem sie brutal saemtliche wertgegenstaende entfernen
berauscht von nackten fueszen getreten bekommst du es
kaum mit erst am naechsten morgen nachdem du wieder
erwachst ist es eben kein traum gewesen sondern die tiefe
enttaeuschung deiner hoffnungen endlich freunde zu haben

*

nutzholzkoepfchenzwangsabernte

deine stecknadelfinger durchbohren die papierwaende des kartelles
ein perforiertes pokerkartenhaus schnappt nach luft nun permeabel
emaniert es geheimnisse die schon im augenblick ihrer offenbarung
keine mehr sind sondern tratsch & damit ihres urkontextes beraubt
& verschwoerungs-entschaerft also das allgemeinste hinter-handgut
opium nein hier schweben keine einsamen diwan-ertraeumer:innen
fusel fuer gelangweilte buero-utopist:inn:en plus aehnlich gehortete
vor lauter alltagsueberdruss & unterfoerderung ihrer doch eigentlich
zumindest theoretisch sublimen energien ihre chronisch klappernden
davongaloppierenden & an jeder kleinen denkhuerde verunfallenden
maulgaeuler:innen nicht im zaum halten koennende systemschanden
naemlich quasi von geburt an geschaendete & in ihrer natuerlichsten
entwicklung widersprechende idiotische leistungs-korsette gesteckte
auf dass sie funktionieren sollen zwischen arbeit & kastrierter freizeit
& selbstverstaendlich bricht sich ihr widerwillen dank jener groeszten
nicht von stoff-fetzen verdeckten oeffnung leise murrend seine bahnen
um verbal fast alles in den dreck zu zerren was sich in den dreck zerren
laesst blosz verpufft weil zu affektbeladen & unueberlegt jede revolution
ehe sie konkrete formen annehmen haette koennen bereits als keimling
& staerkt den feind das getriebe einer sich selbst verheizenden maschine
ohne skrupel nicht den ast auf dem sie sitzt aber den baum zu zersaegen

© 2021 Blume
Alle Rechte vorbehalten

Höher, schneller, besser?

Von Monika Schotsch

Alles nur höher
und schneller und besser.
Laufen wir nicht
ins offene Messer?

Jeder der will nur
und fragt nicht woher.
Denkt immer an sich nur
und liebt sich so sehr!

Doch ist das alles
bald nur noch ein Traum?
Denn durch unsre Gier
hat fast nichts mehr Raum.

Ich frag dich gleich jetzt:
Ist das so gewollt?
Wir haben der Erde
was Bessres gezollt!

Wenn wir sie vernichten:
Was bleibt noch besteh’n?
Mit all diesen Menschen:
Was soll dann gescheh‘n?

© Monika Schotsch, 2021
Alle Rechte vorbehalten

http://www.schotsch.de

Regentag

Von Steffen M. Diebold

Ein Türspalt gähnt, ein Auge lugt ins Zimmer,
die Katze humpelt aus dem dunklen Flur,
der Kuckuck pöbelt aus der Kuckucksuhr:
das Dasein ist so krank und hohl wie immer.

Man wünscht sich fort an helle warme Orte,
und tief im Schädel hämmert er und bellt,
der Fluchtgedanke, wie ein Wild umstellt:
für Nässe hat man weder Sinn noch Worte.

Die Trübsal visitiert, der Tag trägt Glatze,
und Kälte kriecht durch dickeste Pullover,
das Nichtstun macht nicht klug, doch auch nicht doofer:
retour im Flur lahmt immer noch die Katze.

Zuletzt fragt man: Was hat man hier verloren?
Und ganz im Ernst: Wozu ist man geboren?

© 2021 Steffen M. Diebold
Alle Rechte vorbehalten

Lyrik in Anthologien und Literaturzeitschriften, zuletzt in: mosaik; freiVERS; ZENO; BAWÜLON; Glitter; Chaussee; WORTSCHAU; Jokers Lyrikpreis 2003, Shortlist beim Bonner Literaturpreis 2019

Kehlenwort.:.

Von Sofie Morin

Meine Zeichen finden Ein
gang in Holz und Steine. Viel
stimmig vom Wald vertont.:.
Erregung öffentlichen Wohl
gefallens zwischen Nabelflechten.:.

Kein Wort von mir reicht
bis an deine Kehle.:.Sinnen
geflüster auf Rinde gemalt.:.
Gibt dem Unterholz alles
frei.:.Das All und das Es.:.

Die feinen Haare am Saum
deiner Ohrläppchen noch.:.
Wo wir uns treffen ist heute
meine Begierde mit Sorg
falt im Moos vertäut.:.

Netzbestrumpftes Versehen
lockt dein Verlangen nicht.:.
Nicht in meinen Schoß.:.
Unsere Verfehlungen dicht
an die Körper verwiesen.:.

Ein Wort von mir reicht
bis an deine Kehle.:.Außen
Haut.:.Innen meine Zunge spielt
nah an deinem Gaumendach.:.
Ich weiß es noch.:.

Sofie Morin, 10. 2. 2021

© 2021 Sofie Morin
Alle Rechte vorbehalten

Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften

Auf Biegen und Brechen

Von Stephan Tikatsch

Ich habe wieder Fotos gemacht.
Nicht mit dem Handy. Mit der Kamera.
In der Küche hab ich begonnen,
Im hintersten Zimmer aufgehört.
Alles war auf Automatik eingestellt.
Die Räume sind dunkel.
Ich hab auch den Datumsstempel eingestellt.
Vielleicht muss ich ja beweisen, wann ich diese Bilder knipste.
Das Motiv: Schimmel.
Schimmel an Wänden, Ecken und Fensternischen.

Ich habe mir wieder Bilder gemacht.
Nicht mit Hi-Tech-Geräten. Mit meinen Augen.
Hinter ihren Verschlusskappen hab ich begonnen,
In nassen salzigen Pfützen unter ihnen
Aufgehört.
Die Seele ist dunkel.
Ich hab auch ins Tagebuch gekritzelt.
Vielleicht möcht ich mich eines Tages erinnern.
Das Motiv: Mensch.
Mensch an den Grenzen, Überflüssen und Enden.

Ich habe wieder gemalt.
Nicht mit Farben, nicht auf Leinwand, keine Pinsel.
Ganz unten an der Sockelleiste hab ich begonnen,
Oberhalb der Fensterbank aufgehört.
Alles war auf Regenbogen eingestellt.

© 2021 Stephan Tikatsch
Alle Rechte vorbehalten

Jüngste Veröffentlichung:
blindkohlekopie
Gedichte
Erhältlich u.a. bei: https://shop.falter.at/detail/9783749483273

Normalzustand

von Michail Oblomow

Worte füllen den Raum
Viel geredet, nichts gesagt
Dein Leben: ein Albtraum
Politikerentschluss vertagt
Unser Leid ist ewig
Auf die Fresse bekommen wir redlich
Desinteresse und Ignoranz
Der Normalzustand im Land

Ich hab geträumt, das Licht sei aus
Endlich Pause von der Hektik
Mal verschnaufen, mal eine Rauchen
Verzicht auf digitale Technik
Reizüberflutete Augen,
die sich müde durch die Nacht schrauben
Rotlicht und feuchte Gräme
in den Fenstern unserer Seele

Du denkst nicht groß genug, du Pflaume
Der Wert von Geld ist subjektiv
Deine Krawatte verdirbt mir die Laune
Und was heißt eigentlich „produktiv“?
Ach könnt ich doch nur wählen
Dann wär ich ein Gemälde
Betrachtende lachte ich an
in bunter Farbe an der Wand.

© 2021 Michail Oblomow
Alle Rechte vorbehalten




Wände hoch

Von Ellen Marion Maybell

Halt!
Wände hoch.
Warum.
Kuck nich so dumm.
Sieh nur.
Überall Wände.
Wenn de
sauggenapft
dich hochgezapft,
biste deckungsgleich,
statt segensreich,
schon wieder am Ende.

Direkt erschreckt,
was alles so unter ner Decke steckt.
Nämlich:
die, die dich hülst,
auch wenn de
WANDLANG
einfach nur
mal so
unter ne warme Decke willst.
Zu dämlich.
Das ist nämlich
der Haken an der Ecke.
Die Decke.

Knallst uffen Boden
der Tatsachen.
Bleib lieber unten.
Pantoffeln roden.
Da gibt’s zwar auch nix zu lachen.
Aber. Was willste machen.

Ich fände.
Nee, ich finde,
so Hände
sind gar nicht im STINDE,
ich meine, im Stände
immer flugs
de Wände entlang.
Das dauert.
Kein Jux.
Da wirste ganz wirrsch.
Und wirst auch noch bang.

Ich frage mal Mende.
Oh, wenn ich könnde.
Ich sötzte, ich sende,
nein besser, ich sönde
behende ihm bei
und gröb mit de Hände
sein Früchtlein der Lende
mit AUSSCHUSS ihm frei,
der ihm beim TASTEN
im Hasten so blöht.
Weil der sonst blöde rumhängt,
mit nix aufem Kasten
und vom WIX nix verstöht.

Also:
Wände hoch!
Außer bei Colts.
Da knollt’s.

© 2021 Ellen Marion Maybell
Alle Rechte vorbehalten

Himmelsbogen

Von Ellen Marion Maybell

Da spann doch einer
den Himmelsbogen
über’s Regenzelt.
Und spinnte,
wie ungezogen,
weiter seinen Schleudertraum
von nem Batzen-Pack
Matratzen-Geld.
Was raus kam,
war nur’n Fetzen Wolle.
Nun sah er
mit Entsetzen
nicht nur blöde – aus –
der Wäsche.
Denn so was kommt,
es ist so öde,
bei Riesen-Gier
nach KOLLE – raus.
Wie bei den DAMEN –
Frösche.

Wie kann man so versponnen sein.
Das ZEUCH flutscht raus.
Rutscht selten rein.
Aus – der Traum
der Glücksmomende.
Scheiß auf den Giersinn – ohne Ende.

Weil der nicht wollte,
wie er sollte.
Ach, Tomolte
und Revolte
nützen nix.
Der Himmel schmollte.
In nem kunterbunten Bogen.
Der Himmel? Ist nun mal verlogen.

© 2021 Ellen Marion Maybell
Alle Rechte vorbehalten

Es tröpfelt

Von Walther Stonet

Es tröpfelt der Regen vorm Fenster.
Man sieht sich darin nicht genau.
Im Spiegel stehn Schattengespenster,
Das Innen wie Außen sind – grau.

Der Mann fährt sich durch seine Haare.
Er kühlt sich am Fenster die Stirn.
Das Auge sieht Jahre um Jahre
Und wie sich die Stränge verwirrn.

Der Glaube verkommt so zur Ware,
Mit der man die Täuschung bezahlt.
Der Blick ist längst nicht mehr der klare,
Das Zimmer auf einmal so kalt.

Es fangen sich trübe Gedanken
Im grauwerdenden schütteren Haar,
Durch das sich noch Hoffnungen ranken:
Doch Hoffnungen werden nie wahr.

© 2021 Walther Stonet
Alle Rechte vorbehalten