Aus der fiktionalen Sammlung Libidon’t and Other Bedtime Stories (Moi Non Plus, 2021)

Von Moira Walsh

Vögelgrippe

Sie
fiebert vor sich hin

Er
ist immun

*

Unerwartet

Mit der Zeit
mutieren
Viren

*

Sinniger Wunsch

Einen Schaltmonat, bitte
noch vier Wochen Strenge

Jeder Schritt vor die Tür
überlegt, gepanzert

Mindestens der Gedanke
Gleich wird’s kalt

Der Fuß, die Nase
bewusst gesetzt —

Der Durchschnittsbürger sehnt sich nach Frühling
ich aber lobe den Winter

*

Titel ohne Gedicht

W. und Ach

*

Eros

Arrows.

*

© 2021 Moira Walsh
Alle Rechte vorbehalten

Zwei Gedichte

Von Peter Lexa

sucht

die kraft
des
dynamos

die stille
des toten punkts

und nichts
passt
zueinander

*

DU

Auch wenn ich nicht mehr hinseh‘

DU bist noch immer da

Berg und Tal

und

Tal und Berg

zwischen uns

und trotzdem:

nah

*

© 2021 Peter Lexa
Alle Rechte vorbehalten

Himmel voller Wolken

Von Niklas Götz

Der Nazarener spannte zwölf Mal Netze, Menschen wollt’ er fischen
Wie einst ein Prinz die Weisen sandte, Staub aus Augen sanft zu wischen
Ein Händler schrieb, was ihm die Engel nachts in einer Höhle lehrten
Sodass, Konfuzius gleich, die Menschen auf den rechten Pfad zurückkehrten
Es stehen Wolken über jedem Himmel, nie sind sie einander gleich
Wo aber eine große, dunkel schwillend weilt, sind Himmel ihrer reich
Und wo die Menschen Neues denken, neu beseelt die Worte glänzend sprühen
Da werden andre folgen und verkünden wieso ihre Herzen blühen.

Ob wir uns zu Boden werfen und im Herz zum Heiligtume blicken
Das Wort zur Stirne schnüren und es ehrfuchtsvoll vorlesend nicken
Zusammen singen um bald in stillen Stunden Zwiegespräch zu halten
Oder betend Feuer entzünden und Kokosnüsse spalten
Wie Regen fällt zu Boden in hundert Formen um das Leben zu erhalten
Von stillem Niesel, weichen Schnee bis hin zu donnernden Naturgewalten
So kann sich unser Bitten auch in tausend Wegen frei entfalten
Von rauschendem Opferfest zu leisem Flüstern bis zum Innehalten

Essenz der Welt, Zerstörer wie Erschaffer ist der blaue Krishna den Seinen
Ungnädig wie die Zeit so jagt er uns durch Blüte und Welke, schont fast Keinen
In allem wachen Kamis über uns, durch ihren Geist wird die Welt gestützt
So wie ein liebevoller Vater, der uns in diesem Treiben sorgend schützt
Es blicken alle Wolken auf zur Sonne, die sie treibt in ewiger Tortur
In ihrem Licht erscheinen sie in tausend Farben, unwissend der Natur
Ein jeder kennt den Durst nach fernem Licht aus unerreichten Himmelsquellen
Doch scheint’s auf jeden anders, gibt uns immer neue Schatten zum Gesellen

Geliebten gleich so warten wir auf einen Gott, der uns zu verlassen scheint
Wir singen Salomo’s dattelsüßes Lied und haben leis geweint
Der Wahrheit Preis ist nie zu hoch, wir geben selbst ein Auge her
Und unsre Leber jeden Tag dazu, im Tausch für unser Begehr
Der Himmel wandelt sich beständig, niemals rastet das Firmament
Auf ewig weiterziehen zu neuen Zielen ist sein Element
Wie auch wir ewig suchen und am Feuer leiden welches in uns brennt
Für dieses Streben unser Leben geben ist unser größtes Talent

Unsterblich ist der Name Kabir Das, der blinde Herzen rettete,
Unsterblich ist der Name Ashoka, dem blind sich das Auge öffnete
Unsterblich ist der Name Franziskus, der Gott in allen Wesen fand
Und Al-Ghazalis, der Gott und Welt mit wachem Geist in seinem Werk verband
Die Namen geben Ahnung jenes Großen wie ein Blitz von Sonnenlicht
Der kurz den Himmel grell erstrahlt und Dunkelheit mit Flammenpfeil durchsticht
Überall erscheinen Menschen, welche Herzen erleuchten, Geister erschüttern
Und manche leben dann in süßen Mythen fort, die unsre Hoffnung füttern

Am Ende unsrer Reise führt Anubis uns zur Unterwelt
Damit der Geist, dem Menschensohne gleich, aus dunkelm Schatten fällt
Und Fuß auf eine neue Stufe setzt im ew’gen Rad der Wiederkehren
Oder doch ein Geist nur bleibt, den nach uns Kommende in Not verehren
Ein jeder Tropfen Blut des Wolkenbruchs ist neuen Dunstes Samen
Und jeder Wolkenball ist schwanger von der Seele seiner Ahnen
Wir können nicht leben ohne den Tod zu duelieren, und alle Lehren
versprechen uns, sich ihm in einer oder andren Art endgültig zu erwehren.

Elysions Strände lassen uns die Kämpfe vergessen beim Flanieren
Mit Met verklärt werden sie in Walhall zu berauschenden Sagen mutieren
Ins Paradies, von brennender Sehnsucht geplagt, wollen wir einmarschieren
Ins Nirvana hingegen, um unser Wünschen und Streben endlich zu verlieren
Von Winden geplagt, so wollen Wolken eins werden mit den Wogen der Meere
Und hoffen endlich frei zu werden von der Wassermassen Schwere
Nichts ähnelt Menschen mehr als stets zu leiden durch des Schicksals Willen
Und so träumt ein jeder seinen Durst nach der Erlösung zu stillen

So wie die Wolken aller Himmel für mich aus gleichem Wasser stammen,
Sich stetig wandeln und in immer neuen Farben bunt entflammen,
Von Winden hart geknetet werden, so wie Wasser im Bach vom Stein
So sind mir alle Weisheiten, alle Religionen wie sie seien,
Der immer neue, immer selbe Schrei der Menschenkinder Herzen
Auf einer Suche nach der Liebe und Erlösung in der Wüste aus Schmerzen
Die nur ein sanfter Tropfen Hoffnung endlich zum Blühen bringen kann.

© 2021 Niklas Götz
Alle Rechte vorbehalten

Ach, komm……

Von Ellen Marion Maybell

Ach, komm.
Et kütt wie et kütt.
Es kommt wie es kommt.
Bei mir kommt nix.
Was soll da noch kommen.
Zu mir kommt ja keiner.
Deshalb kommt bei mir auch keiner.
Ich bin ja auch nie gekommen.
So weit ist es nie gekommen.
So weit bin ich gar nicht gekommen.
Ich bin überhaupt nie zu was gekommen.
Da kommt nix.
Ich komm auch zu nix.
Da kommt auch nix mehr.
Ach, komm.
Komm mir bloß nicht blöd.
Ich weiß auch nicht, wie es geht.

Es kommt drauf an.
Auf was.
Auf die Sekunde.
Bei einer Frau. Bei einem Mann.
Son Quatsch.
In ner blauen Stunde.
Die kommt auch nicht.
Noch nicht mal die letzte.
Macht bei mir immer’n großen Bogen.
Nie die Runde.

Bei mir kommt auch im letzten Moment
kein Zug vorbei.
Und fährt mich zu Brei.
Auf mich fährt einfach keiner ab.
Und sei der noch so abgefahren.
Der ist abgefahren.
Auf alles Mögliche.
Nur nicht auf mich.
Noch niche mal knapp.

Da kann kommen, was da will.
Da kann kommen, wer da will.
Kommt aber keiner.
Also sprich: Nich.
Wie kommste denn auf sone Idee.
NEE.

Alles Kommer und Sorgen,
ja, die kommen
immer so reingeschneit
von heute auf morgen.
KOMMA her.
Auf die bin ich aber nicht punktbereit.
Komma aufen Punkt.
Macht aber keiner,
nur so lätschert,
so lauwarm trocken
eingetunkt.

Komm, ich zeig‘s dir.
Komm doch.
Komm doch endlich – her.
Ja wohin denn?
Fragt der Trottel.
Mann, ist das schwer.

Wie kommste denn da zum Zug?
Möchtste gerne.
Kriegste nie genug……

Und wenn……
Kommste – voll auf deine Kosten?
Vollpfosten!
Ja, wenn du nicht kommst zur rechten Zeit,
kommste auch nicht zum Zug,
Scheiß-Spiel.
Geht das immer nur zu zweit?

KOMM on SAWA…
Oder kommt mir das nur so vor.
Du der Ochse und ich der vorm Tor.
Heiliger BIMBAM. Simbam-SABA.

Ach, komm.
Erst kommt das Fressen, dann die Moral.
Da kann kommen, was will.
Den Rest – kannste vergessen…..
ist mir egal…

© 2021 Ellen Marion Maybell
Alle Rechte vorbehalten

Prinzessin Turandot

Von Ellen Marion Maybell

Es war einmal,
so dachte sich Lessing,
den Kopf voller Dressing
des suffigen Schnaps
und dachte an Straps.
Na ja, vielleicht klapps….
Ich ließ die Galotti
nicht nur mit Pluder-Sarotti
in seinem Lustschloss allein,
sondern puffte se gleich
mit Marinelli
und anderen Bübchen
in deren Burgen und Stübchen
zum Lustspielen ein.
Oder als GRÄCE von Kelly
im Kalender Pirelli
mit der Mätresse Orsina,
nah Protofina,
direkte nach China….
Ganz großes Kina.
Das müsste schon sein.
Als Alternativen
für sone Diven.
Schau auf die Herzen,
wie sie triefen und schniefen.

Ich seh schon das Grinsen
des Kammerherrn Prinzen…
Keineswegs hässlich
und auch nicht unerlässlich…..

Und gäbs
dem Appiani,
weich gezeichnet Tiziani,
fein gepinselt ins Ohr.
Und dann ist das ab.
So was kommt vor.

Oder ab auf die Bühne
als Prinzessin Turandot
oder als blond-flotte BÜNE,
BRIGITTE BARDOT.
Ich denk, so soll’s sein.
Auch auf Wände aus Lein.

Prinzessinnen
brauchen nun mal Scheinwerferlicht.
Hinter Hecken aus Dornen blühen sie nicht.
Sie blühen erst auf
durch den auf dem Pferd.
Alles Arschgeigen.
Wie sich’s gehört.
Heiß und begehrt.

Hätten so viel Entsagung gelitten.
Da, juuch, kommt schon einer angeritten.
Auf nem Gaul.
Vielsagend
der Schmachtende –
auf’s STICH-Wort, kein bisschen faul.
Immer ran ob der Prinzess‘ Naivität.
Son Reitersmann weiß eben,
dass immer was geht.

Fragen wir den Frosch.
Wie – bitte – dringt man
zu einem stattlichen Prinzen – dosch.

Gib dir die Kugel,
die Kugel aus Gold,
oder GOOGLE,
wie man sich wacker
son Wackermann holt.

Aber schau nicht in den Brunnen,
auch nicht geschwind.
Da liegen die nicht,
da liegt nur das Kind,

das dauernd in denselben fällt.
PLUMPSE gibt’s eben mehr
als Prinzen auf der Welt.

Dann lieber verwunschen
und weit hinterm Berg.
DER und dich retten,
so ein Pinscher, ein Zwerg.

Den kannste haben. Sind breit gestreut.
Prinzen? Gibt’s nicht.
Bau dein Schloss selber
und mach dir a Freud.

© 2021 Ellen Marion Maybell
Alle Rechte vorbehalten

Das Band

Von Valérie Baum

Ein Band verbindet Menschenherzen
Die nicht durch Irrsinn leiden wollen
Und der Vernunft viel Achtung zollen
Sie brennen wie die längsten Kerzen

Die Zeit der Rettung ist vorbei
Der Acker dürr der Wald zerbricht
Und durch die Wipfel dringt das Licht
Viel Wut und Trauer sind dabei

Die Blätter Stämme Wurzeln sind
Natürlich selbstverständlich hier?
Der Mensch – ein unsensibles Tier
Die Welt verändert sich geschwind

© 2021 Valérie Baum
Alle Rechte vorbehalten

Mozart I

Von Valérie Baum

Zeit, sich nicht zu gewöhnen und nicht zu warten
Bis alles vorbei ist

Beim „Runterfahren“ wiederentdeckt: Die Platte

Ich denke an Mozart
Er setzte der Lieblosigkeit Sinn und Liebe entgegen

Verschimpfet als „Unnütze Leut“ von
Einer unnützen Kaiserin Maria Theresia

Brach die Leidenschaft und seinen Himmel auf
Alle Intrigen sind in sich zusammengefallen

Was alles hat er seinem Leben abgerungen
Und uns geschenkt?

Mit dem Tod war er befreundet
Sein tiefstes Geheimnis

Kannte Hoch und Melancholie
Musizierte – überholte alle

Feierte Empfänglichkeit

© 2021 Valérie Baum
Alle Rechte vorbehalten

Mozart II

Von Valérie Baum

Sch… ins Bett, dass`s kracht
Er scherzte Tag und Nacht
Er hatte Herz fürs Schwesterlein
Schrieb ihr lange Briefe fein

Wolfgang A.- ein lustiger Komponist
dem jede Fuge gelungen ist
Es fällt mich ein feiges Fluchen an
Dass ich sein Lied nicht singen kann

War klein und zart, der Genius
Von Neid bewegt sein Zeitgenoss`
Er packte alles in ein kurzes Leben
Mehr wollte und konnte er nicht geben

© 2021 Valérie Baum
Alle Rechte vorbehalten

Der Frauenheld – Moritat

Von Walther Stonet

Frühmorgens fiel ich aus dem Bette,
Das lag nicht nur am letzten „e“,
Die Decke hing wie eine Klette,
Mein Großer Zeh war nicht OK.

Es muss am Wein gelegen haben:
Denn ich ging ihm bis auf den Grund,
Jedoch fiel ich nicht in den Graben,
Es war das Bett zu später Stund.

Jetzt leide ich an großen Schmerzen,
Nicht nur im Kopf, nein, auch im Zeh,
Und dazu an gebrochnem Herzen:
Und dieses tut besonders weh.

Die Decke wars, die ich umarmte,
Die Liebste war ja nicht mehr da,
Und keine sonst, die sich erbarmte,
Und ich war nicht dem Himmel nah.

Jetzt sitz ich auf des Bettes Kante
Und weine still und bitterlich,
Weil ich mich in den Traum verrannte,
Aus dem ich schied unritterlich.

Die Liebste hat mich schnöd gefeuert,
Weil ich mich oft im Suff vergriff.
Ich war am Ende so bescheuert,
Dass ich nach fremden Frauen pfiff

Und wie ein Clown die Augen rollte,
Als gäbe es dafür viel Geld.
Ich übersah, wie sehr sie schmollte,
Und hielt mich für nen Frauenheld.

Nun muss ich in die Röhre schauen,
Mit leerem Kopf und blauem Zeh.
Drum passt fein auf mit euren Frauen,
Sonst tut euch nachher vieles weh.

© 2021 Walther Stonet
Alle Rechte vorbehalten

Das Käsebrot und andere existentialistische Fragen

Von Walther Stonet

Zutage scheint die Sonne heller,
Des Nachts scheint nichts, denn es ist schwarz.
Die Zeit geht ebenfalls viel schneller,
Die Sonne liebt selbst Uhrwerkquarz.

Komm nicht mit Mond, du olle Luna,
Du hängst da zwar als Lampion,
Doch heute ist die Welt mal Bluna,
Bist eh ein schlechter Erdenklon,

Ein Lichtdieb und ein Schattenschieber.
Reg dich nicht auf, die Welt ist schlecht,
Die Hölle wär so manchem lieber:
Das Dasein ist so ungerecht.

Ich zieh ihn weg, den alten Vorhang,
Damit das Licht ins Auge sticht.
Es ist der täglich gleiche Vorgang,
Bei Nebel klappt das leider nicht,

Es stört im Ablauf auch der Regen,
Die Wolkendecke tut’s erst recht.
Man sollte sich schnell niederlegen.
Das Dasein ist so ungerecht.

Zutage scheint die Sonne heller,
Durchs Nachtschwarz irrt ein kleiner Stern.
Das Käsebrot auf meinem Teller
Hat immer auch die Fliege gern.

Warum nur wird es wieder morgen,
Und ich muss wieder ins Gefecht,
Muss wieder was für wen besorgen:
Das Dasein ist so ungerecht!

© 2021 Walther Stonet
Alle Rechte vorbehalten