SCHWERER ALS GEDACHT

Von Claudia Dvoracek-Iby

Bei unserem allerletzten Streit
Fiel dir ein grauer Stein
Aus dem Mund
Du hast es nicht bemerkt
Und ich habe nichts gesagt
Als du gegangen bist
Habe ich ihn aufgehoben
War schwerer als gedacht

Seitdem trage ich ihn bei mir
Und verfluche dich
Denn seitdem schimmert er
So schön dein Stein
Schimmert in allen Facetten
Von ozeantiefem Blau
Ihn einfach wegzulegen
Ist schwerer als gedacht

*

© 2023 Claudia Dvoracek-Iby
Alle Rechte vorbehalten

claudia.dvoracek-iby@gmx.at

Fritz Gottschalk

Von Heidi Ehrnböck

du warst mein Urgroßvater
als ich noch ein Baby war
und du mich in der Stube
in den Schlaf geschaukelt hast

die Erinnerung an dich
lange, weiße Haare
ein Lachen mit Zahnlücke
schwarze, dicke Augenbrauen
so unklar wie ein
Schwarz-Weiss-Foto

du hast immer Postkarten
abgemalt
und hattest ein Hörgerät
warst immer gut drauf
und ich trank neben dir
Kinderkaffee
ich habe auch mit dir
gemalt
so wie alle Enkel
auch wenn sie mir gesagt haben
dass ich nicht so talentiert war
wie mein Cousin
und irgendwie bin ich froh
denn sonst würde
ich heute nicht schreiben

ich habe dir Zöpfe geflochten
und fand es witzig
du hattest damit
kein Problem
und du hattest mit mir
die Kuscheltier-Praxis geführt
oh wir waren so gute Mediziner

aber du konntest auch
mit Karten zaubern
und hast mich vor die
Tür geschickt
ich war so begeistert

und in der Schule sagten sie
ich sollte wegen deinem Dialekt
nicht mit dir spielen
damit ich gut Deutsch lerne
aber wir haben uns nie
daran gehalten
und nun sieh
was aus mir geworden ist

oh ich habe dich so geliebt
du hättest ewig leben können
du warst so fröhlich
und ich wollte dir zeigen
was ich gelernt habe
aber nun kannst du mich
vielleicht nur hören

ich liebe dich
und ich schätze es
dass du in deinem Alter
dich so gekümmert hast
wer würde das heute noch tun
in unserer getrennten Generation
lebe wohl

*

© 2023 Heidi Ehrnböck
Alle Rechte vorbehalten

GRATWANDERUNG

Von Nicole Schrepfer

Das Jahr ist um, man schaut zurück,
auf Leichtes, Schweres, all den Rest.
Man zaudert, zagt, das letzte Stück,
beginnt von vorn, so manchen Test.

Der Körper schmerzt, man ruht sich aus,
pflegt und schützt, was wund uns scheint.
Man gönnt sich Zeit, bricht ein und aus,
steht wieder auf, lacht und weint.

Der Kopf sinnt nach, spielt ab, zerdenkt,
urteilt, richtet, Bild für Bild.
Gibt vieles frei, lässt los, verschenkt,
wird dankbar, leise, sehnend, mild.

Das Herz im Takt, schlägt stetig weiter,
oft ungeachtet, trotz seiner Macht.
Man lässt es tun, lebt haltlos, heiter,
bis dass es lautlos bricht zur Nacht.

*

© 2023 Nicole Schrepfer
Alle Rechte vorbehalten

Winter. Acht.

Von Walther Stonet

Der Winter bricht sich gerne Beine.
Auch Arme, Hände, Rippen, Füße.
Wenn’s hart auf hart kommt, auch den Hals,
Die Beckenschaufel ebenfalls.
Er sendet dazu Weihnachtsgrüße
Und häufig Flöckchen, süße, kleine:
Sie lässt er hoch vom Himmel droben
Durch Stadt und Land ein wenig toben.

*

© 2023 Walther Stonet
Alle Rechte vorbehalten

Eben.

Von Walther Stonet

Der letzte Schritt ins Abseits, der letzte Blick ins Nichts:
Es sprang sich leicht ins Weite, man flog kurz schwerelos,
Man denkt sich: Wow, ich gleite, und fühlt sich riesengroß.
Ein Schlag, ein letzter Brechreiz, Verlöschen allen Lichts.

Was bleibt, ist nur ein Haufen von Fleisch und Knochenschrott:
Vergeben sind die Chancen, vorbei sind Wunsch und Glück.
Vergebens die Avancen: Denn niemand grüßt zurück.
Was ging, ist jetzt gelaufen. Beklagen klingt bigott.

Was hat ihn fliegen lassen? Was hat sie angetrieben?
Die Antwort sucht die Fragen. Es wird nur falsche geben.
Aus Schrecken wächst gern hassen. Was gut war, wird zerrieben.

Wird mich mein Leben tragen? Erfüllt sich unser Streben?
Man kann den Schmerz nicht fassen, vergisst fast, sich zu lieben!
Viel möchte man ihr sagen. Er kann’s nicht hören. Eben.

*

© 2023 Walther Stonet
Alle Rechte vorbehalten

Herbst. Elegisch.

Von Walther Stonet

Es tanzt der Herbstwind laut in allen Ecken
Und bläst dazu zum Spaß die Flötentöne.
Wenn’s Blütenträume gab, hey, sie verrecken.
In Grau gewandet altert selbst das Schöne.

Die Tropfen zählen auf den kalten Schreiben,
Die Atemfahne nach den Winden hissen,
Mit Schwermut sich die Lebenszeit vertreiben:
Gedichte dieser Art sind so beschissen.

Man möchte dieses Blatt sofort zerreißen!
Doch da es nicht gedruckt wird, lässt man’s bleiben.
Dass etwas nicht gedruckt wird, muss nichts heißen:
Am besten hört man einfach auf zu schreiben.

Der Rabe lässt die Walnuss jetzt gleich fallen.
Man lächelt: Schnell wird sie zu Boden knallen.

*

© 2023 Walther Stonet
Alle Rechte vorbehalten

Mein Glück

Von Walther Stonet

Mit Winterwonderland wird’s diesmal nichts.
Der Schnee ist längst im Gully abgeflossen.
Der Weihnachtsmann schiebt grade sehr verdrossen
Den Schlitten durch die Straßen. Ihm gebricht’s

An Eis und Schnee, dass Kufen sauber rutschen.
Das Rentier Rudi hat ne rote Nase,
Das Christkind hat es böse an der Blase,
Knecht Ruprecht sollte Hustenbonbons lutschen.

Das Weihnachtsfest ist richtig aus den Fugen.
Statt Plätzchen Backen wird jetzt scharf geschossen:
Die Dummen sind viel stärker als die Klugen.

Der Liebe geht es fast so wie dem Frieden;
Dafür hat es die ganze Nacht gegossen.
Doch du bist da: Das hat mein Glück entschieden.

*

© 2023 Walther Stonet
Alle Rechte vorbehalten

Sonnet. Klingt gut.

Von Walther Stonet

Ich leere mich in diese kalte Schale.
Als Suppenhuhn und -hahn bin ich gesund.
Und wie ich mich in dieser Brühe aale!
Mir läuft schon Wasser in den trocknen Mund.

Warum auch nicht: Ich liebe das Banale
Und mal es an – so richtig kunterbunt.
Ich feire mich als woke Biennale.
Da steht doch sowieso nur Kitsch und Schund.

Womit ich meine Zeche jetzt bezahle?
Ich wuchere auf Inseln mit dem Pfund.
Wenn das nicht geht, hilft die Randale.
Sie schleift so manche scharfe Kante rund.

Du denkst, ich mache hier bloß in Kabale?
Mein Scheitel, sage ich, geht durch das Kahle.

*

© 2023 Walther Stonet
Alle Rechte vorbehalten

Walther Stonet
Autor, Publizist, Herausgeber
walther@gedankenlieder.de
https://waltherversum.com/
https://bruehlsdorf.com/
https://batgenes.com/
gedankenlieder.de
https://www.zugetextet.com/

falternacht

Von Franz Niemand

o falternacht der verwunschenen poeten
an wodkaüberschwemmten gestaden bleich
delirieren sie ihre minnegesänge
an die holden kellnerinnen
und als du sternübersäte
hinter der theke hervortratst
und dein leidgespurtes antlitz
den schatten den verkrüppelten
den ausgespieenen zuwandtest
und das silbrige licht deiner aura
die eiterwunden ihrer herzen
und hirne milderte
da erwärmten sich sogar die
klapprigen lenden der alten poeten
die in die himmel deiner augen abstürzten
sich in seligen gebeten der liebe verirrten
während zur selben stunde ihre
nie zufriedenzustellenden frauen
zu hause sich wälzten mit feisten satyrn

o falternacht der verwunschenen poeten
ein kuss kam geflogen von einem südwind her
blütenlippen in persischrosa
von einem inneren licht durchschienen
besuchend die ausgetrockneten lippen
eines kettenrauchenden namenlosen
löschend das poetische gekrächze
vom letzten und vom leeren
jenes geröll aus todesrauschen und
schattenstöhnen
löschend in einer das gebrabbel der trinker
übertönenden stille
in der die qualen am wirklichen erstarben

doch kehrten die uralten winter wieder
mit ihren heiseren hiobsbotschaften
der mond schlug mit den hufen
über den biertischen aus
und die sterne begannen wieder
sich hustend und spuckend zu drehen

*

© 2023 Franz Niemand
Alle Rechte vorbehalten

Niemand mehr da

Von Markus Katzenmeier

Ermuntert, kritisch zu sein
Studium
Neue Horizonte
Aufbruch
Andere Menschen
Lesen als magische Handlung
Eine bessere Welt des Geistes
Die man vorgefühlt, ersehnt hatte
Endlich war sie da
Schön und wichtig

Doch in der Lebensschule nur verirrt
So viele Chancen vergeben
Nicht eine einzige Prüfung bestanden

Nun ist alles längst vorbei
Nun endlich verstehe ich viel mehr vom Leben
Von dem, was wirklich zählt

Aber niemand mehr da, dem ich es beweisen darf

*

©2023 Markus Katzenmeier
Alle Rechte vorbehalten