Welt im Wandel

Von Michael Metzger

Welt im Wandel – immergleich.
Höllenschlund und Himmelreich.
Mehr gehofft als dann erreicht.

Die Mühlen mahlen immerwährend
Wildes Treiben, in sich kehrend.

Wort und Tat, Gedankenstrom.
Gott, Maschine, Menschensohn.

Wer weiß schon, was die Zukunft hält.
Gewiss ist, dass sie sich dreht – die Welt.

*

© 2021 Michael Metzger.
Alle Rechte vorbehalten.

Der Wandel.

Von Olga Kovalenko

(In Anlehnung an F. Hölderlin „Mnemosyne“, „Pathos“, “Der Einzige“)

„ Zur Erde neiget der Beste, eigen wird dann
Lebendiges, und es findet eine Heimath
Der Geist“

(F. Hölderlin, Mnemosyne / Entwurf)

I.

Wenn das Wort über die Flüsse geht,
seid geheilt, in der Dunklen Stunde
Wenn der Nebel über die Bergen zieht,
schreiend Ole vom Baum fliegt
seiet ruhig in der Dunklen Stunde
Wenn der Klang des Geheimen
die Seele streicht
seiet befreit, in der Dunklen Stunde
In dem Sand und Siff
wer im Noth zu euch rief
es wurde gesagt – der Flut.
In den Tränen und Feuerglut
seiet stets in den Mut bemüht
In der eigenen Kraft gewiss
trotz des kalten metallischen Bisses
dieser schleichenden dunklen Stunde.

II.

In der Finsternis wächst die Seele
In der Stille wird die Sprache geboren
Mit dem Lärm werden Lippen bewegungslos
Im Zweifel fallen die Götter
In der Verzweiflung bricht die Weisheit
Durch die eisernen Steine
Der Blindheit
In dem Sturm bleibet der einzige Baum stehen
Und schenkt der Erde das jüngste Blatt
Der Hoffnung
Die Adler verteidigen ihr Netz
Über den Abgrund hinweg
Fällt die Sonne
In die kalte Umarmung
Der Quelle
Zum Herzen
Geborgenen Tages.
Füllet ihn mit Licht
Des Neuanfanges

III.

O du meine Mutter
Wie lange seien deine Wege?
Blutige Füße gehen deiner Haut entlang
Es eifert deine Stunde
Brennt mir die Haut
Kratz an meiner Seele
Die Helden stehen bereit
Und warten auf deinen Ruf.
Rufe mich!
In deinen hellen Träumen
Mit den Schwarzen Ästen
Der Vergesslichkeit
Müd bin ich
Vom Traue unzähligen Schicksalen
In der Zeit gefangen, im Netz
Von Denen, die mich nie frei lassen
An mich denken
An mich eigene Hoffnung legen
Von Denen, die mir nie zugehört haben
Denen ich ganz fremd bin
In eigener fast gestorbener Sprache.
Zu leise fließt der Gesang
In den Ohren deiner Kinder

Höret! Denn das Wort fällt.

Ich lege mich zum Schlafen
Hin
In deiner feierlichen Umarmung
Im Geiste bei dir
Gewandelt auf unzähligen Welten.

*

© 2021 Olga Kovalenko
Alle Rechte vorbehalten

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toter oktober

Von Thomas Franke

über dem grauen himmel
oktober in moskau
versinkt ein stern
er war mal rot

nicht, dass jemand diesen stern aufrichtig gemocht hat
eine form der hassliebe

breitet sich der graue schleier über das land
die anderen länder

und du läufst durch diese länder und sammelst die geschichten der millionen
verhungerten
erfrorenen
erschossenen
bepissten und gebrochenen
derer, die nicht zu ende leben durften
derer, die überlebt haben
suchst die geschichten derer, die nicht leben durften

füllt die gläser. deckt den tisch. mit reichen gaben. alles, was sein muss. salat olivier, kartoffeln und fleisch, gurken und tomaten. und brot. nicht vergessen

und trinkt
auf die, die kommen
auf die, die gehen
auf die, die schon da waren

wenn du nachts durch die höfe der städte gehst, dann kannst du sie noch hören, die wagen, die vorfuhren
wenn du nachts durch die höfe gehst, dann kannst du sie wieder hören, die stille, die angst derer, die schon da waren
wenn du nachts im treppenhaus lauschst, dann kannst du sie schon hören, die schüsse
die schreie derer, die gehen
wenn du nachts in den himmel schaust, dann ist da ein glühen im südosten, es ist die front, weit weg noch, doch tödlich für die, die noch kommen
wenn du nachts durch die städte gehst, dann triffst du die gestalten in lumpen gewickelt
mit durchtretenen stiefeln
singen sie, zu ehren und preisen das reich und die gerechte sache für die sie ermordet wurden
wenn du nachts durch die städte gehst, dann siehst du keine gesichter mehr

denn du weißt
wer angst zeigt, ist das nächste opfer

es geht wieder los
komm, lass uns gehen, bevor es zu spät ist

trauma lässt sich später auch erfahrung nennen

*

© 2021 Thomas Franke
Alle Rechte vorbehalten

Der Schmetterling – Nein, dafür nicht

Von Ellen Marion Maybell

Bin ich geboren,
um in Bäuchen zu sitzen.
Das ist nicht mein Ding.
Wettert verbettert der Schmetterling.
Womit hab ich das verdient,
in solchen Po-aken
in stunkenen KAKEN
wie’n Affe zu schwitzen.

I’m so poor.
And I’m so link.
I want to feel
like very better,
when I think
I had – perhaps –
a little SCHNUR
to find
my LING
for only SCHMETTER.

Und dann dieser Duft.
Ich krieg keine Luft.
Ich find‘ diesen Job
beschissen und grob.

Ich will doch nur flattern
und muss muffen und zittern.
Mir puffen die Blattern,
wenn ich’s schon hör,
das Geschnäbel und Flittern.

Nein, nein und nochmals Nein.
Immer dieses Rum-Gestöhne.
Verdammt noch mal – VERLIEBT – muss ich da REIN.

Das ist mir jetzt endgültig schnuppe.
Denn eins weiß ich genau:
Dass ich mich wieder verpuppe.
Also Tschüss Leute. Ciao.

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© 2021 Ellen Marion Maybell
Alle Rechte vorbehalten

Der Wurm-Fortsatz

Von Ellen Marion Maybell

Mit sich selbst im Liebesschmatz
lutscht sich lieb der Wurm-Fortsatz.

Und er lutscht und lutscht und lutscht,
bis dass der Zipfel ihm entflutscht.

Und so kommt’s bei dem Gesündelt,
dass schwer er selbst sich hoch entzündelt.

Glühend rot schon in seim‘ Treiben
platzt die Schwarte ihm in Scheiben.

Doch da er blind ist, find‘ er’s schön,
weil er glaubt, man kann’s nicht sehn.

Und’s stimmt, von außen sieht man’s nicht,
doch seinem Wirt der Stöhngang bricht,

der sich schon krümmt, in Krümmung liegt,
vom komatösen Schmerz besiegt.

Für’n Wurm kein Grund, dass er sich jetzt
aus diesem Grund zur Ruhe setzt.

Und so geschieht’s, dass er sich bricht
den Schmodder-Schiets voll ins Gesicht.

Und so ums Leben selbst sich schmatzt,
im Fieber lodernd – und dann platzt.

Und dann kommt es, wie es muss.
Alter Wichser, raus – und Schluss.

Du übler Wurm, der Schwarten wetzt,
dein Treiben wird nicht fortgesetzt.

Oder doch, auf andre Weise.
Im Rohrgeflecht ist alles SCHEISSE.

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© 2021 Ellen Marion Maybell
Alle Rechte vorbehalten

Schnösel-Schnobs

Von Ellen Marion Maybell

Der Esel,
ein Schnösel.
Und das Wiesel,
ein Stiesel,
schnöselten sich so durch,
dass mies-fiese auffiel
die Schnösheit ohn‘ Furch.

Was für ne Schnobs.
Beide hoch drei.
Mit Salbader-Gewäsch
und sauer im Drops
blasiern sich die zwei,
die immer dabei,
mit heiligem Schauer
jedwedes
saudumme
Idioten-GESPRECH.

Die Nase auf Rümpf,
nasale genöselt,
hätt‘ man zu gern
deren Strümpf
aufgeknüpft und zerbröselt.

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© 2021 Ellen Marion Maybell
Alle Rechte vorbehalten

Im Eilzug bin ich Passagier

Von Lena Kelm

Im Eilzug bin ich Passagier
Jahrzehnte ziehen rasch vorbei.

Ich bitte, halt an, schön ist es hier.
Der Zug rast.
Stationen: Glück, Pech, Schmerz
fliegen vorüber.

Erhoffe ich mir zu viel?
Da, plötzlich stoppt der Zug
und mir wird klar, Leid soll
befreien das Herz vom Hochmut.

Widerstrebend nehme ich an,
winke den Glücklichen nach.
Mein Reiseziel ist bald erreicht.
Ich bleibe, steige noch nicht aus.

*

© 2021 Lena Kelm
Alle Rechte vorbehalten

Traum

Von Markus Katzenmeier

Traumdurchweht des Tages
Last entflohen,
von weichen Bilderfluten warm umhüllt.
Dem rohen Alltag zart entrissen,
zum Abschied immer mehr gewillt.

Hintan im Tunnel zieht ein Licht
Dich magisch glänzend in den Bann.
Du fragst Dich, welch gewaltge Kraft
solch strahlend Glanz für Dich ersann.

Ein sanftes Streicheln fegt geschwind
von Leib und Seele Deine Bürde.
Schon schafft die unsichtbare Hand
Dir ein Gespür für Deine Würde.

Aufgewacht und noch benommen
erfragst Du, was mit Dir geschah.
Willst wärmen selbst im Abglanz Dich,
doch eher als Dir lieb sein kann,
wird Dir der neue Tag gewahr.

*

© 2021 Markus Katzenmeier
Alle Rechte vorbehalten