thrakischer gesang

Von Hans-Joachim Kuhn

dieses weite land hinter den bergen
singen die vögel mit blauer kehle – schläft das begehr
in olivenbäumen

man ritzte dem blutmond
begierden ins fleisch … ich aber tanze jenseits der kreise
in weißem feuer – grabe schächte ins unsichtbare
werfe flammen auf welkes laub … umarme den atem
der wilden rosen … kriech ins versteinerte salz der geliebten
tragen einander auf schwankendem grund –

zerschlage die fenster zur endlichkeit
aus rost des schicksals die nächte rot – du aber trinkst dich
am tode satt …

riss dir den schweiß von der schalen haut
schlürfte dich aus bis auf den grund … du warst wie die andren
ein flüchtiges lied vorübergehend wie wind
in den zweigen … fraßest dich satt an vergänglichkeit
erzittertest nicht beim flügelschlag … dein kleid aus federn
der wiederkehr

© 2021 Hans-Joachim Kuhn
Alle Rechte vorbehalten

spiegelgesang

Von Hans-Joachim Kuhn

du sangst zum abschluss von meer
und ferne, zum ende der
nacht das rauschen der wellen
vorm fenstersims,

den atem letztmalig in wein getaucht;
ist denn nicht alles ton
und klang? warf meine lippen
ins dunkel des
raums;

noch einmal das lied aus den muschelschalen!

still das segel, das ruder im wind,
wie alles schwankt,
lösche den mond im augen-
licht,

einer wird kommen mit salz in den händen!

heimat ist jenseits der schatten-
grenze; hörst du’s,
das nahende hundegebell?
geh, flieh übers
wasser,

sieh nur, die spiegel
sind voller zeit, auch diese stunde
ist leergetrunken, aus kiemen
der fische die
ewigkeit

© 2021 Hans-Joachim Kuhn
Alle Rechte vorbehalten

zwei gedichte

Von blume.

possession may be the ultimate pain but you’re a masochist

iron sharpens iron
crooked wooden and peacock black
i have your feathers
slung across my back
– aus dem song hutterite mile; 16 horsepower

nicht was du kaufen magst sondern wie leicht es dir faellt
mit leistungsaequivalenten zu hantieren sichere dir status
& status sei prestige & prestige sei macht & macht sei gott
dem nicht-mehr-hirten ueber eine herde zahmer wolfsschafe
deren sinn & zweck darin liege sich gegenseitig zu vertilgen
auge fuer auge hand fuer hand & brandmal fuer brandmal
wollen wir wenigstens ein klein wenig den o-ton einfangen
ging es hier aber einst um gleichheit nicht um vergeltung
schlieszlich werden wir von klein auf hart darauf trainiert
mithilfe kuenstlicher zahnprothesen & anderer hilfsmittel
ja wenn er/sie/es ein kleinkarierter oberflaechenfetischist
waer muesste er/sie/es aber erst mal existieren nicht wahr
jene idee die nicht bewiesen & nicht widerlegt werden kann
wuerdest du ihm die fuesze vollspeicheln mit deiner gier
deinem wunsch unter dir dir dir ueberlegen anmutenden
lebewesen als ihnen voellig ueberlegen gelten zu duerfen
egal weshalb ob durch rhetorische taschenspielertricks
oder knallhartes durchsetzungsvermoegen wider weichere
relativ natuerlich in bezug auf die bekannte moszsche skala
jedes wort jeder buchstabe spielstein in diesem wettbewerb
dessen preis immer den beginn eines noch brutaleren markiert
hortest du statussymbole auf urkunden auf connections halt
alles was zinsen bringe fuer einen tag der niemals erscheint

(blume 11/2020)

do you like eco=tourism?

(&, analog: do you like gospel music?
– ein song auf dem album in mass mind,
the make-up, 1998)

unerwartete gelenke knirschen in einer riesigen hand
grueszt mammon kroesus mit steilauflagen & freilich
du hoerst das synkretismusrauschen aller datensaetze
die scharniere zwischen den armen deines reichtums
als diffuse infomationen fuer immer weniger teilhabe
am chaos berappen hinterlassenschaften das meer nur
sei zeuge samt schulterblatt stimmbaendern & organe
der leere sondern vereinzelte gummiartige walzen ab
die deine wegbeugen perforieren ja du levitierst heut
mal unter wasser wo ein fiktiver mutter-leib glitched
durch zufall wie ein geoeffnetes portal gen unschuld o
letzter atem der erinnerung an unberuehrte paradiese
das zeugnis des ur-ur-urspruenglichsten widerspruchs
denn zur benennung beduerfte es wohl non-existenter

(blume 11/2020)

© 2020 blume
Alle Rechte vorbehalten

Heimat

Von Monika Schotsch.

Heimat

Hier.
Dort.
Ein Ort.

Hier und dort.
Mehr als ein Ort.

Hier und irgendwo und dort.
So viel mehr als nur ein Ort!

Kindheit, Liebe, Umarmung, Trost und Wort,
Geborgenheit, Ich-Werdung, Heim und Hort.
Hier bin ich bei mir, möchte niemals fort,
und hätte es manchmal doch sehr gewollt.

So viel mehr als nur ein Ort!
Hier und irgendwo und dort.

Mehr als ein Ort.
Hier und dort.

Ein Ort.
Hier?
Dort?

© Monika Schotsch, 2020
Alle Rechte vorbehalten

Wendekreis

Von Niklas Götz.

Wendekreis

Wie Faust so wollt’ auch ich nun wissen was die Welt
Im Innersten und Äußersten zusammenhält
Gut möglich, dass die Antwort mir dann nicht gefällt
Es zählt allein, dass sich die Nacht in Licht erhellt

Tausend Fragen wollte ich zu stellen wagen
Tausend Fragen, keiner konnt’ mir ihre Antwort sagen
Tausend Fragen, die wie Leuchttürme in den Nebel ragen
Tausend Fragen, deren Lösungen sich mir verbargen.

Ziel meiner Suche war’s die Schlüssel zu finden
Die mir endlich verraten wie die Wege sich winden
Ein jeder begann meinen Geist an sich zu binden
Doch ließen sie auch meine Hoffnungen schwinden

Zur Theologie fehlte mir Vertrauen doch vor allem Glauben
Der Philosophie wollt’ ich nicht gleich hundert Wahrheiten erlauben
Chemie behandelt weder größte, weder kleinste Weltenschrauben
Kunst dagegen schien den Menschen nur die Zeit zu rauben

Mit heiß’m Bemühn studierte ich Jahr auf Jahr
Die Disziplin der Physik, sie schien so unfehlbar,
Stets prüfend, stets fragend, stets Zweifeln nah
Hoffte ich auf Wissen das nicht widerlegbar war.

Mit Evidenzschwert und Formelflamme würde ich bald richten
Die Gordisch’n Knoten kühn zerschlagen und dunkle Wälder lichten
Auf den Schultern von Riesen wollt’ ich stolzerfüllt stehen
Hoch über den Wolken würde ich endlich über jede Mauer sehen.

Doch Beschreiben lernte ich und mich an Daten satt zu fressen,
Lernte das Sein nur in Ziffern und Zeichen zu pressen,
Keine Antworten auf “Was?”, nur auf “Wie?” fand ich stattdessen
Konnte nichts begreifen, doch fast alles erklären und messen.

Jede Antwort spuckte neuen Fragen nur
So stand ich nun mit jenen allein auf weiter Flur
Von wahrer Erkenntnis fehlte jede Spur
War keinen Schritt weiter als beim Abitur

Schleichend wie ein Fieber wurde mir erst später klar
Wie ich ohne es zu ahnen bald verändert war
Logik, Kausalität und Axiome war’n was ich nun sah
Sodass mein Geist Gedanken wie Maschinen gebar

Du bist was du isst und wirst was du denkst,
Selbst wenn du im Geiste gerne Grenzen sprengst,
Die Gedanken in unentdeckte Länder lenkst,
Altes mit Neuem zu Unbekanntem vermengst

Auch du wirst folgen was deines Faches Regeln sind
Hoffend deine Kunst zu meistern recht geschwind
Wer eifrig nur nach Nadeln sucht wird blind
Für gold’ne Ähren, welche tief im Heu verborgen sind

Je mehr ich den Herzschlag des Universums verstand,
desto weniger hatte ich seine Wärme erkannt.
Der Sternenhimmel war mir einst ein Wunderland
Heute sehe ich nur Wüste angefüllt mit Lichtersand.

Schlimmer noch, ein Auge musste mir nun reichen
Denn die Worte schienen nun vor mir zu weichen
Waren trocken und leer, träge und schwer, schweigende Leichen
Ich verstummte vor einer Welt voller Fragezeichen.

Liebe und Hass, Freude und Not, es stirbt wer ward geboren
Ihr Widerstreit war einst ein dunkles Lied in allen Ohren
Stumm nun bleibt das Herz, sieht doch hinter allem nur:
Wie im Himmel so auf Erden, regiert allein die Natur.

Nach Jahren kalten Rechnens will ich endlich wieder fühlen
Wie die Herzschläge der Welt mich durchwühlen
Will im Feuer junger Jahre wieder brennen
Will der fernen Länder Küsten kennen
Will die Welt in tausend bunten Farben malen
Damit die Sterne im Glanze alter Zeiten strahlen

Zwei Seelen sollen sein in meiner Brust
Die eine schlägt mit Logik Fakten in den Stein
Die andre aber soll ein zarter Pinsel sein
Welcher zeichnet meiner Sinne feine Lust

Mein Dürsten stillt die Wahrheit nicht allein
Denn Wissen wird für immer rar, nur Gedanken frei sein
Erkenntnis wird meinen Hunger niemals sättigen
Nur der Glanz der Welt kann ihn bändigen

Noch habe ich nicht vergessen Mensch zu sein
Noch ist mein Herz nicht tot, es schlief nur ein
Mehr als ich bin will ich wieder sein
Will mein altes Ich von sich selbst befrein.

© 2020 Niklas Götz
Alle Rechte vorbehalten

Feuer

Von Michail Oblomow.

Frag nicht: „Wie soll das ausgehen
zwischen dir und mir?“
Es braucht doch kein Konzept,
es reicht ne Skizze auf Papier.

Auf der Champagnerwelle
und im Kokaingewitter
feiern wir den letzten Tag,
tanzen wir die letzte Nacht.

Unsere Pendel schlagen aus,
die Flugbahnen kreuzen sich
mal dort, mal hier.
Und dann dein Körper an dem meinen,
meine Lippen an den deinen,
wir verschmelzen zu Einem,
bis der Himmel explodiert.

Oh, heb das Glas, schöne Frau!
Schöner Mann, sieh mich an!
Haste Feuer, alte Keule?
Dann gib her,
zünde uns an!

© 2020 Michail Oblomow
Alle Rechte vorbehalten