Winter

Von Jutta v. Ochsenstein

das Nachtweiß deiner Augen

eine Handvoll Schneeflocken

die ich stahl

aus deinem Zeitbeutel

jeder Schritt leuchtet und tönt

weit in deiner Zustimmung

verwerfe ich

die Schwere des Kristalls

leicht verweht der frühe Schnee

sinken Flocken auf Wimpern

die Stille

flimmert in deinem Wort

© 2021 Jutta v. Ochsenstein
Alle Rechte vorbehalten

rückblick

Von Hans-Joachim Kuhn

da war dieses weben … gestalt & klang
am wimpernrand – im eisernen brustkorb ein schatten
aus rotem gefieder dem rankten sich töne
ums singende haupt … aus trockenen kehlen vom straßenstaub
das elend der worte nur ein erinnern
wie fernes leuchten – kindheitsgerüche enthäutete sommer
zusammengewürfelt zerstückelte echos – einmal
hört ich sie singen ins licht

eine hymne dem erdigen traum:
tritt näher du mit geplünderten augen – der blauen stirn
den blick in die nacht geschlagen …
unentrinnbare nacktheit des seins … mit offenen lippen
küsstest den stein am fuße des berges
hattest die schreie der vögel verlernt … mag sein
auf der anderen seite ein abend
mit dreifachem mond wo kalte hände

sich strecken zur sonne –
kinder sind dort mit großen augen … die werfen worte
hoch in die luft – ich hörte sie flüstern:
engel sind wir wissen es nicht – jedes lachen
ist uns gebet – im glockengesang
verewigt unsterbliches seufzen verwaister scholle …
dass zeit sei zu gehn – ein geknicktes rohr
brachst es nicht –

ein glimmender docht
im steten tropfen ungelöscht … im sommer als wind
durch die gräser fuhr – nichts war jemals so
wie du denkst

© 2021 Hans-Joachim Kuhn
Alle Rechte vorbehalten

ent wortet

Von Hans-Joachim Kuhn

lippenstäubend kreiselnde irre
senkt sich stummrauschende todesstille
auf dein verglänztes schneegesicht …
im augenweiß dein uralter blick kennt das wort noch
am rande der sprache unter geröll
entatmetes nichts … flügelbeschwingtes
blaugefieder – undurchlässig
gekneteter lehm … innig erstarrt eines jeglichen spur
vergeblich hauchst du
den wörterflächen atem ein auf der jagd
nach dir selbst

© 2021 Hans-Joachim Kuhn
Alle Rechte vorbehalten

Ewigkeit

Von Valérie Baum

Sie ruft und schluckt unsere Namen
Ein Sandkorn sind wir – bleich und kalt
Wir sterben still so wie der Wald
Und gehen nach dort woher wir kamen

Die schwarze Nacht umgibt die Träne
Die noch vergossen werden wird
Im Universum Kälte klirrt
Da klappern auch die falschen Zähne

Es scheint Erfolg ein heilend´ Mittel
Doch eines Tages bricht es weg
Nicht ist zu siegen Lebens Zweck
Und jeder trägt den letzten Kittel

Die Nacht, das Licht, die Ewigkeit
Sie prüfen uns nach kurzen Jahren
Um uns mit Träumen aufzubahren
Zum Leben in Unendlichkeit

© 2021 Valérie Baum
Alle Rechte vorbehalten

Rote Sterne

Von Valérie Baum

Der Tag der einsam und im Grau verrinnt
Schlägt in dem wunden Herzen eine Wunde
So wie ein schlurfender Wurm vergeht die Stunde
Wenn Freundes Freunde nicht beisammen sind

Das Jahr ist neu, der Tag schon alt mit Bart
In allem webt der Sinn der Traurigkeit
In einem Wipfel eine Dohle schreit
Die Schneefrau ist von selten edler Art

In großen Fenstern kleine Sterne glühen
Man hat gehofft die Seele zu erfreuen
Die Sterne in dem trüben Inneren vergehen

Mensch liebt die Sterne doch bei Nacht von Neuem
Und möchte sie als kleinen Spiegel sehen
Als Zeichen der Lebendigkeit im Treuen

© 2021 Valérie Baum
Alle Rechte vorbehalten

Heimkehr – Zwei Gedichte

Von Suzana Garic

Den Arunachala hinauf die Höhe,
wie die Knospen
reifer Blüten
fällt mein Ich ab.
Es ist an der Zeit,
nach Hause zu gehen.

Die Angst des Nichtfindens
bin ich nicht,

die Erschöpfung des Suchens
bin ich nicht,

die Freude des Findens
bin ich nicht.

Das Ich verliert an Bedeutung,
die Geräusche hörend
still ist der Wald.

*

Nach dem Moment,
wenn ich Dich in mir erkenne,
gibt es nur das was ich selber gebe.
Der Durst legt sich,
wenn ich mir erlaube
an Deiner Quelle zu trinken,
bis ich freudetrunken
nie mehr aufhöre
an meiner Seele Rast zu nehmen.

*

(Aus dem Gedichtband: HEIMKEHR – Fußspuren einer Reise nach Indien)

© 2021 Suzana Garic
Alle Rechte vorbehalten

Corona-Zeit

Von Monika Schotsch

Schonungslos!
So ist dieses Jetzt.
Was ist das Bild,
wie ist es gesetzt?

Gnadenlos!
So ist diese Zeit.
Was ist der Sinn,
was hält sie bereit?

Rücksichtslos!
So ist diese Tat.
Was ist der Grund,
woher kommt die Saat?

Herzenslos!
So ist diese Welt.
Was ist der Kitt,
der zusammenhält?

Liebevoll:
So sollen Menschen,
ab jetzt leben,
mit Konsequenzen!

Freudevoll:
So soll die Erde,
für dich und mich,
für alle werden!

© 2021 Monika Schotsch
Alle Rechte vorbehalten

Dieses Gedicht wurde vom Musiker Heiko Stöckelmaier professionell vertont: https://www.schotsch.de/downloads.d/Corona-Zeit

WinterWeißePracht

Von Monika Schotsch

Die Welt erwacht
in weißer Pracht,
Zeigt sich in ihrer Schönheit.

Ein Mäntelein:
So rein, so fein,
ist ihre Garderobe.

Ein Hauch von Weiß,
ein Klang von Leis‘ –
so will sie uns betören.

Sie glänzt und gleißt!
Frieden verheißt
die Schönheit und die Wonne.

Sie macht uns Mut,
bedeckt das Blut,
das andre hinterließen!

Gebt auf sie Acht,
bewahrt die Pracht:
’ne andre wird’s nicht geben!

© Monika Schotsch, 2021
Alle Rechte vorbehalten
(Text & Bild)

Zwei Gedichte

Von Peter Lexa

di., 6.4.10, 19:45, berlin-wedding via reinickendorf

zu ende!
versunken im orange
des abendhimmels
über’n wedding

die wände
um dich
sind zu dick

in mei’m bauch:
ein sorgfältig
geknüpfter
strick

*

ich bin so blau und pleite
ein blatt fällt in den see
ein kohlenschlepper fährt vorbei

komm nicht in meine näh‘
ich blute

© 2021 Peter Lexa
Alle Rechte vorbehalten

Am Arsch

Von Burkhard Bartsch

Am Arsch sind die Raketen blau
Und abends wieder heiter.
Er denkt so laut stillschweigt
Und vollends wieder weiter.

Rennt und rennt zum Horizont
Und kommt doch nirgends an.
Und schimpft und tobt gen Himmel
Verflucht sei dies Gewimmel.

Er weiß so viel und doch so wenig.
Er nimmt sein Buch, die Lupe her.
Dazu sein Fernrohr, Laptop und dergleichen
Da kann ihm nichts entweichen.

Er liebt die Stille und den Lärm
Am liebsten seinen Schmerz.
Er kann nicht mehr und will nicht mehr
Zu groß die Wucht in seinem Herz.

Der Unverstand von ihm und ihr
Das kann er nicht verknusen.
Drum will er fort von diesem Ort
Rasch weg vom Ostseebusen.

Verborgen eilends tief zum Sieg
Ins volle Meer das Blaue lief.
Vorbei das Ruckeln, Zuckeln ohne Sinn
Das Starten wie gewohnt – er schwieg.

© 2021 Burkhard Bartsch
Alle Rechte vorbehalten