Der Vermisste

Von Johannes Morschl

An einem Dienstagmorgen im August hatte der dreißigjährige Berliner Schriftsteller Peter Zack unmittelbar nach dem Aufwachen das unheimliche Gefühl, sich selbst entlaufen zu sein, so als wäre ihm der Hund oder die Katze entlaufen. Es handelte sich aber nicht um einen Gedächtnisverlust. Er wusste noch seinen Namen, sein Alter, seine Adresse, und er konnte sich auch noch nur allzu gut daran erinnern, dass ihm vor zwei Monaten Juana, seine spanische Freundin entlaufen ist, weil sie sich in einen buddhistischen Exilösterreicher mit dem bescheuerten Vornamen Attila verknallt hatte. Nein, das Gedächtnis war nicht Zacks Problem. Sein Problem bestand vielmehr darin, zwar da, aber gleichzeitig verschwunden zu sein. Er war äußerst beunruhigt über diesen Zustand und beschloss, einen Psychoanalytiker aufzusuchen, der seine Praxis gleich um die Ecke hatte. Der Psychoanalytiker hieß Dr. Alexander, und dies auch mit Vornamen, also Dr. Alexander Alexander. Zack rief ihn an und bekam noch für denselben Tag einen Termin, da ein Patient kurzfristig abgesagt hatte.

Zack konnte den Termin kaum erwarten. Innerlich durcheinander und doch auch voller Hoffnung lief er zu Dr. Alexanders Praxis. Die Haustür und die Eingangstür zur Praxis, die sich im 1. OG befand, gingen per automatischen Türöffner auf. Zack betrat den Vorraum der Praxis, in dem ein paar Stühle standen. Die Tür zum Behandlungsraum, an der ein Schild mit der Aufschrift Bitte nicht stören! hing, stand einen Spalt breit offen. Er klopfte an, doch drinnen blieb es still. Vorsichtig betrat er den Behandlungsraum. Dieser war mit einer Couch und einem breiten schwarzen Ledersessel ausgestattet. Über der Couch hing ein großes Poster, auf dem Sigmund Freud zu sehen war, stehend in grauem Anzug, mit ernstem skeptischen Blick und lässig seine obligate Zigarre zwischen den Fingern der rechten Hand haltend. Im schwarzen Ledersessel saß ein kleiner rundlicher Mann um die Sechzig, der tief und fest schlief. Zack dachte, das könne nur Dr. Alexander sein. Er weckte ihn behutsam und stellte sich vor. Dr. Alexander gähnte und entschuldigte sich bei Zack, weil er dessen Kommen nicht bemerkt hätte. Er müsse bei seinem letzten Patienten eingeschlafen sein, und der wollte ihn wohl nicht wecken, als er ging. Dann bat er Zack, sich auf die Couch zu legen und frei zu erzählen, was ihm gerade in den Sinn käme. Zack schilderte ausführlich sein Problem und die damit verbundene schreckliche Angst, sich für immer verloren zu haben. Er hoffte, dass Dr. Alexander etwas Schlaues und Hilfreiches dazu sagen könne, aber der fragte nur ab und zu: „Was fällt Ihnen dazu ein?“ Ansonsten schwieg er beharrlich. Die auf eine Stunde befristete Sitzung war bereits fast um, als Dr. Alexander einschlief und im Schlaf murmelte: „Alexander, wie geht es Alexander?“ Kaum hatte er dies gemurmelt, tauchte wie aus dem Nichts der entlaufene Zack auf, stürzte sich auf Dr. Alexander und begann ihn zu würgen. Entsetzt sprang Zack von der Couch und versuchte den anderen Zack von Dr. Alexander wegzuzerren. Da ließ der andere Zack von Dr. Alexander ab und verschwand wieder, so als hätte er sich in Luft aufgelöst. Zack blickte verwirrt und besorgt auf Dr. Alexander, der aber friedlich weiterschlief, so als wäre nichts geschehen. Schnell verließ Zack die Praxis. Einerseits fand er es unmöglich, dass Dr. Alexander eingeschlafen war. Nie wieder würde er zu ihm gehen. Andererseits war aber immerhin der verschwundene Zack kurz aufgetaucht. Doch wie gewalttätig der war! Zack grübelte: „Ist das bei mir wie bei Dr. Jekyll in der Erzählung The strange case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson? Bin ich wie der ehrenwerte, allseits geachtete Dr. Jekyll in eine zweite, bösartige Persönlichkeit, in einen Mr. Hyde gespalten? Nein, das kann nicht sein. Auch ich war enttäuscht und verärgert, weil Dr. Alexander eingeschlafen ist, aber ich wäre deshalb nie und nimmer handgreiflich gegen ihn geworden. Doch wohin bin ich wieder verschwunden? Vielleicht sollte ich es mit einer Vermisstenanzeige bei der Polizei versuchen.“

Am nächsten Morgen begab er sich aufs nächste Polizeirevier, um sich als vermisst zu melden. Der schon etwas ältere Beamte, der die Vermisstenanzeige aufnahm, sah grau und müde aus. Er fragte Zack: „Wie heißt der Vermisste?“ Zack: „Peter Zack.“ Der Beamte: „Haben Sie ein Foto von ihm dabei?“ Zack zeigte ihm seinen Personalausweis. Der Beamte: „Der sieht ja genauso aus wie Sie. Ist das Ihr eineiiger Zwillingsbruder?“ Zack: „Nein, ich habe keinen eineiigen Zwillingsbruder, auch keinen zweieiigen. Der auf dem Foto bin ich selbst. Ich bin der Vermisste.“ Der Beamte, etwas ungehalten: „Warum sagen Sie das nicht gleich? Das ist ein hochinteressanter Fall! Der Vermisste vermisst sich selbst. So etwas hatten wir noch nie. Dann muss ich nur noch wissen, wo und wann und unter welchen Umständen Sie verschwunden sind.“ Zack: „Gemerkt habe ich es gestern morgens beim Aufwachen in meinem Bett. Es muss im Schlaf geschehen sein und ohne jede Umstände, denn bei Umständen wäre ich wach geworden und hätte mein Verschwinden rechtzeitig verhindern können.“ Der Beamte schrieb ein Protokoll und kopierte Zacks Ausweis. Nachdem Zack die Richtigkeit der protokollierten Darstellung seiner Angelegenheit mit seiner Unterschrift bestätigt hatte, gab ihm der Beamte noch aufmunternde Worte mit auf den Weg: „Wir werden unser Möglichstes tun, um Sie zu finden. Versprechen kann ich aber nichts, denn wir sind zurzeit völlig überlastet und leiden an Personalnotstand.“ Zack war froh, diesen Schritt getan zu haben. Der Polizeibeamte hatte ihm jedenfalls viel mehr geholfen als der Seelenklempner. Er beschloss, zu Hause abzuwarten, bis die Polizei sich bei ihm melden würde, dass man ihn gefunden hätte.

Ein paar Tage später sprach ihn ein Nachbar an, ein Rentner mit Dauerfahne: „Herr Zack, Sie werden von der Polizei als vermisst gesucht. Im Bürgeramt hängt ein Plakat mit Ihrem Foto. Gibt es einen Finderlohn, wenn ich melde, dass ich Sie gefunden habe?“ Zack: „Da muss ich Sie leider enttäuschen, ich bin noch immer verschwunden.“ Der Nachbar: „Ach so, das ist etwas anderes. Schade eigentlich! Ich hatte mich schon auf einen Finderlohn gefreut. Aber vielleicht kann ich Ihnen bei der Suche nach Ihnen behilflich sein? Wir könnten in meiner Stammkneipe zu suchen beginnen. Dort scheinen sich immer mehrere Vermisste aufzuhalten.“ Zack: „Danke, das ist nett von Ihnen, aber nicht notwendig. Die Polizei wird mich sicher bald finden.“

Nachdem vier Wochen verstrichen waren, ohne dass sich die Polizei bei ihm gemeldet hätte, beschlich Zack ein furchtbarer Verdacht: „Vielleicht bin ich im Schlaf entführt worden!“ Sofort verdächtigte er diesen Attila, der ihm Juana ausgespannt hat. Mit diesem Kerl stand er auf Kriegsfuß, dem traute er alles zu. Wutentbrannt fuhr er mit dem Fahrrad nach Schöneberg, wo Attila und Juana wohnten. Ins Haus kam er gleich hinein, da gerade jemand herauskam, als er vor der Haustür stand. Er eilte die Treppen bis zur Wohnung der beiden im 4. OG hoch und läutete Sturm an der Tür. Attila öffnete. Er war ein großer fülliger Mann um die Vierzig mit Augenbrauen wie jenen dieses ehemaligen Finanzministers, der als Augenbrauen-Monster in Erinnerung geblieben ist. Zack schrie Attila an: „Wo hast du mich versteckt?“, und drängte sich an ihm vorbei in die Wohnung. Zack fiel sofort auf, dass sich in jeder Ecke eine etwa einen halben Meter große Buddhafigur im Lotussitz befand. Juana war nicht da, was Zack nur recht war, denn es ging hier primär um eine Angelegenheit zwischen Attila und ihm. Attila war im ersten Moment sprachlos. Dann rief er in einem für einen Österreicher erstaunlich akzentfreiem Hochdeutsch: „Sag, hast du sie noch alle?“ Er wollte Zack auf der Stelle wieder rausschmeißen, doch dann besann er sich und dachte: „Die arme Sau! Der ist völlig verstrickt in das Chaos dieser Welt.“ Er schlug Zack vor, Marihuana mit ihm zu rauchen, das wirke entspannend. Zack: „Qualm deinen Scheiß selbst! Ich weiß ganz genau, dass ich hier irgendwo versteckt sein muss, vielleicht in einem Schrank oder unter eurem Lotterbett!“ Attila: „Na klar bist du hier, dein Brüllen ist unüberhörbar. Im Nirwana bist du jedenfalls noch nicht.“ Zack: „Jetzt lenk nicht ab mit deinem buddhistischen Quatsch!“ Attila: „Schau dich in aller Ruhe um, und wenn du dich gefunden hast, dann nimm dich bitteschön wieder mit, denn nichts liegt mir ferner, als dich hier aufzubewahren.“ Zack guckte in alle Zimmer, schaute in die Schränke, unters Bett, in die Badewanne, ja er suchte sich sogar in allen Schubladen, obwohl er da nie und nimmer hineingepasst hätte, doch er konnte sich nirgendwo finden. Er musste einsehen, dass er sich geirrt hatte. Wortlos rannte er an Attila vorbei aus der Wohnung. Attila atmete erleichtert auf und drehte sich einen Joint. Den brauchte er nach diesem irren Erlebnis, mit dem ihn offensichtlich ein böser Geist aus dem spirituellen Gleichgewicht zu bringen versucht hatte.

Wieder zu Hause, befiel Zack eine tiefe Niedergeschlagenheit. In den folgenden Tagen lag er fast nur noch im Bett, wusch und rasierte sich nicht und aß kaum etwas. Eines Nachts, es war Vollmond, träumte ihm wirres Zeug. Er floh durch die engen Gassen einer mittelalterlichen Stadt, verfolgt von einer brüllenden Meute, die ihn ermorden wollte. Da ging auf einmal ein Haustor auf und eine alte Frau mit schlohweißem Haar zog ihn rasch in den Hauseingang hinein. Dann stieg sie mit ihm in einen Keller, der sich tief unter der Erde befand. Der Keller hatte die Ausmaße eines Saals und war vom Licht großer Kerzenleuchter erhellt. An den Wänden standen eng aneinandergereiht Stühle, auf denen Frauen, Männer und Kinder saßen, die schwiegen und sich nicht bewegten. Die alte Frau sagte zu ihm: „Du bist, der du auch nicht bist. Also bist du, der du bist.“ Dieser Spruch verwirrte Zack. Er ging im Saal herum und betrachtete die wie versteinert dasitzenden Menschen. Sie kamen ihm seltsam bekannt vor, obwohl er nicht wusste, von woher er sie kannte. Dann blieb er vor einem Kind stehen, das mit einem weißen Laken verhüllt war. Er zog das Laken weg und erschrak. Das Kind war er selbst im Alter von fünf, sechs Jahren! Er sagte zu dem Kind: „Du bist, der ich bin.“ Da begann das Kind zu lachen. Es lachte immer lauter und bog sich schließlich vor Lachen. Die anderen Sitzenden erwachten aus ihrer Starre und fielen in das Lachen ein. Zack rief beleidigt: „Was gibt es da zu lachen?“ Daraufhin brüllten die Sitzenden vor Lachen. Dann verstummten sie plötzlich und saßen wieder wie versteinert da. Das Merkwürdige war nur, dass Zack jetzt auf dem Stuhl des Kindes saß und ebenso jung und klein wie das Kind war. Vor ihm stand der erwachsene Zack und sprach zu ihm: „Du bist, der ich bin.“ Da bekam Zack als kleiner Zack auf dem Stuhl einen Lachanfall und kreischte: „Ich bin nicht du! Ich bin nicht du! Ich bin nicht so ein alter Uhu wie du!“ Dabei streckte er dem großen Zack die Zunge raus und zeigte ihm die lange Nase.

Hier brach der Traum ab und Zack erwachte mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er spürte, dass sich in ihm etwas verändert hatte. Er war wieder ganz da und nicht mehr gleichzeitig verschwunden. Am nächsten Morgen verständigte er telefonisch die Polizei, dass er sich wieder gefunden habe und die Suche nach ihm eingestellt werden könne. Wie und wo er sich gefunden hat, verriet er jedoch nicht, zumal er es selbst nicht so recht verstand. Er vermutete, es müsse wohl irgendetwas mit der Begegnung und dem Rollentausch mit dem Kind im Traum zu tun gehabt haben.

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Der alte Mann und der Schwanz

Von Johannes Morschl

Ein Dienstagabend Anfang November 2017. Eine offene Lesebühne in Berlin-Kreuzberg. Ein alter Mann wird zum Lesen aufgerufen.

Die Geschichte, die ich heute lese, hat den Titel Der alte Mann und der Schwanz. Sie hat aber nichts mit Hemingways Roman Der alte Mann und das Meer zu tun.

Auch wenn einige von euch, die mich von Lesungen her kennen, der Meinung sind, dass meine Texte immer pubertärer werden und von einem beginnenden Altersschwachsinn zeugen, schreibe ich unbarmherzig so weiter. Ich war schon immer starrsinnig und habe das Gegenteil von dem gemacht, was man von mir erwartete. Zufällig habe ich heute meinen siebzigsten Geburtstag. Es gibt da den Spruch: Alter macht weise. Von mir kann ich das nicht gerade behaupten. Wundere mich zum Beispiel, neben welcher Frau ich manchmal morgens erwache, und frage mich, wo und wie ich sie kennengelernt habe. Jedoch wird mir sogleich bewusst, dass gar keine Frau neben mir liegt, mir hat nur von einer geträumt. Stelle aber fest, dass ich einen Ständer habe, und der ist keine Einbildung. Ja, man hat auch noch als alter Mann einen Schwanz, der stehen kann, auch wenn das jüngere Leute als unappetitlich empfinden mögen. Wenn mein Schwanz sprechen könnte, so würde er vielleicht wie Martin Luther sagen: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ Oder er würde vielleicht singen: „Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm.“ Er tut mir leid, mein alter Schwanz, wenn er so still und stumm herumsteht. Ich weiß ja, wonach er sich sehnt. Da ich weder eine Ehefrau, noch eine Lebensgefährtin oder Geliebte habe, müsste ich mit ihm zu einer Dame aus dem Sexgewerbe gehen, aber das würde ein gravierendes Loch in mein Budget reißen, denn ich gehöre zu den mehreren Millionen Menschen in Deutschland, die unter der statistischen Armutsgrenze leben. Deshalb bleibt mir gar nichts anderes übrig, als mir ab und zu einen runterzuholen.

Sehe schon, wie einige jetzt die Augen verdrehen. Vermutlich denken sie: „Jetzt fängt er schon wieder mit seinen kindischen Schweinereien an. Wen interessiert es schon, ob er noch einen Steifen bekommt und sich ab und zu einen runterholt? Warum liest er nicht lieber aus seinen Gedichten vor? Die versteht man wenigstens nicht.“ Nun gut, dem könnte ich entgegnen: „Selbst dran schuld, wenn ihr zu einer Lesung geht, bei der man auch mich auftreten lässt.“

Bin gerade am Überlegen, wann ich das letzte Mal gevögelt habe. Muss schon an die zehn Jahre her sein. Vögelte damals mit einer barmherzigen Kellnerin, die ich zu später Stunde in einer Kreuzberger Kneipe kennengelernt hatte und die auch nicht mehr die Jüngste war. Ich nahm dabei Cannabis zur Hilfe, um einem potenziellen Ausfall vorzubeugen. Ist mir schon früher ein paar Mal passiert. Wie steht man denn vor einer Frau da, wenn das Männlein im Walde nicht stehen will? Das ist unhöflich, das gehört sich nicht, hat schon Knigge gesagt. Früher hatte ich das Männlein immer zur Schnecke gemacht, wenn es sich verweigerte. Es wurde dann trotzig und blieb erst recht schlaff. Nachdem ich mit der Kellnerin eine Tüte geraucht hatte, wurden mein Männlein und ich ein Schwanz und eine Seele.

Ja, ja, der gute alte Schwanz! Schade, dass er nicht sprechen kann, denn sonst würde ich jetzt lieber ihn reden lassen. Das wäre sicher erheiternder als das, was ich hier erzähle. Da fällt mir ein, dass ich vergessen habe, ihm zu seinem Geburtstag zu gratulieren. Er ist ja auch heute Siebzig geworden. Muss ihn noch mit der Hand schütteln und ihm alles Gute zum Geburtstag wünschen. Ob ich das gleich jetzt machen soll, ehe ich‘s wieder vergesse? Bin nämlich ziemlich vergesslich geworden. Nein, lieber nicht, denn wie ich meinen Schwanz kenne, wäre ihm das peinlich vor all den Leuten hier. Außerdem könnte man dann glauben, ich sei ein Exhibitionist und würde mich nie wieder lesen lassen. Dies wäre aber eine grobe Fehleinschätzung. Ich bin nicht exhibitionistischer als all jene Autorinnen und Autoren, die den Drang verspüren, sich mit ihren Texten vor einem Publikum zu präsentieren. Zu solchen Auftritten gehört immer auch eine gewisse Portion von Exhibitionismus, denn man steht ja dann gleichsam mit seinem Text nackt vor den Leuten da.

Aber ich möchte hier keine Psychologievorlesung halten, sondern mich um den Klang der Worte bemühen, wie es sich für eine anständige Literaturlesung gehört. Allerdings kann ich nicht versprechen, ob mir dies auch gelingen wird. Versuchen wir es zum Beispiel im Stil von Hölderlin: „Im dunklen Efeu stand er mir an der von Gebüsch umrahmten Pforte der göttlich gebauten, der Pracht von einer Frau. Und als sie mir holde Einlass in ihre feucht glänzende Pforte gewährte, erschauerte ich vor himmlischem Glück. Dann tief drinnen in ihr sehnte ich mich nachtlang nach Erlösung, endlich zu kommen zu des Sterblichen rasenden Orgasmus…“ Halt! Ich höre ein Donnergrollen! Die Stimme von Marcel Reich-Ranicki erschallt aus dem Jenseits: „Hölderlin! Hölderlin! Er war ein Genie der deutschen Sprache! Wer treibt da so schamlos Schindluder mit ihm? Das kann nur ein Wiener sein.“ Ich fühle mich ertappt, ich bin nämlich gebürtiger Wiener. Na gut, ich sehe ein, dass mein Versuch mit Hölderlin nicht ganz geglückt ist, zumal ich auch sein Versmaß nicht getroffen habe. Versuchen wir es vielleicht im Stil von Eichendorff: „Es schienen so golden die Sterne, am Fenster er mir einsam stand, und ich hörte aus weiter Ferne ein Stöhnen der Lust im stillen Land. Das Herz mir im Leibe entbrennte, da hab ich mir heimlich gedacht: Ach, wer da mitstöhnen könnte in der prächtigen Sommernacht.“ Na ja, das ist ausgesprochen harmlos im Vergleich zu Hölderlin.

Da wir aber nun schon mal bei der Romantik angelangt sind, möchte ich ein allseits bekanntes Lied meines Landsmanns Franz Schubert vortragen, zu dem mir eine klitzekleine Textveränderung eingefallen ist: „Am Brunnen vor dem Tore, da steht er mir wie ein Baum. Ich träum in seinem Schatten so manchen sü-üßen Traum…“ Halt! Ich verrenne mich. Er steht mir wie ein Baum und ich träum in seinem Schatten? Das ist eindeutig größenwahnsinnig und außerdem vollkommen unrealistisch, denn wie sollte man sich mit so einem baumgroßen Teil fortbewegen können? Ganz abgesehen davon, dass es in keine Hose passen würde, müsste man es ja auf einen Wagen legen und vor sich herschieben, wofür man Bärenkräfte bräuchte, denn so ein Baum ist nicht gerade leicht.

Denke, ich höre mit meinen Bemühungen um den Klang der Worte lieber auf. Sie geraten mir heute zu einseitig, habe mich zu sehr auf den Schwanz fixiert. Dieses Thema verfolgt mich nun. Merke gerade, dass mich depressive Gedanken beschleichen, die mir sagen: „Du möchtest nur dein trostloses Leben als einsamer alter Mann überspielen, ja du nimmst sogar in Kauf, dass man übelst über dich lästert, denn das scheint dir immer noch besser zu sein, als ignoriert zu werden.“ Ja, ich gebe zu, da ist etwas dran. Wenn sich mein Gemüt verdüstert, was mir in letzter Zeit ziemlich oft geschieht, bilde ich mir ein, eine Gestalt in einem Albtraum zu sein und sage mir, dass es sich bei einem Traum, in dem ich vorkomme, sowieso nur um einen Albtraum handeln könne. Insofern hoffe ich, heute Nacht träumt keinem der hier Anwesenden von mir. Dies würde ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind wünschen, falls ich einen solchen überhaupt hätte. Ja, das wäre wenigstens etwas, einen Feind zu haben, wenn man sonst niemanden hat. „Liebet eure Feinde“, heißt es in der Bibel, aber woher soll ich einen Feind nehmen, den ich lieben könnte? Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als mich selbst zu lieben, dabei bin ich gar nicht mein eigener Feind, oder vielleicht doch? Ja, vielleicht bin ich doch mein eigener Feind, ohne dass es mir bewusst ist. Dies würde sogar einen gewissen Sinn ergeben, wenn ich an die Unmengen von Zigaretten, Alkohol und anderen Drogen denke, die ich mir in meinem Leben schon reingezogen habe. Meine Lebensweise könnte als ein in die Länge gezogener Suizidversuch angesehen werden.

Jetzt habe ich mein Leben ohnehin bald hinter mir. Der Tod kommt wie ein Expresszug aus der Ferne näher. Da wird man es mir nicht verübeln können, dass ich mich in der mir noch verbleibenden Zeit süßen Träumen hingebe, bei denen ich na man weiß schon was tue. Mein eigenes Stöhnen, wenn ich dies tue, höre ich kaum noch, denn ich leide an Altersschwerhörigkeit. Nur wenn ich meinen monatlichen Kontoauszug von der Bank bekomme, höre ich mein Stöhnen etwas lauter. Dass dieses letztere Stöhnen aber nichts mit Lust zu tun hat, wird man sich hoffentlich denken können, falls man mir überhaupt noch zuhört und nicht schon selbst zu träumen begonnen hat.

Der alte Mann tritt unter einer Mischung aus Applaus, Pfiffen und Buh-Rufen ab.

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Alle Zeit der Welt

Von Monika Jarju

In einem Traum finde ich mich wieder in einem Spielwarenladen auf der Suche nach einem originellen Geschenk. Meine Freundin Anita durchstreift das Geschäft und verschwindet hinter einem Regal mit Puppenkleidern. Plötzlich höre ich sie aufjauchzen. „Ich hab’s!“, ruft sie und hält mir eine zigarettenschachtelgroße Registrierkasse vor die Nase. Sie dreht an der Kurbel, rasselnd springt das Geldfach auf. Die Titelmelodie We Have All the Time in the World von Louis Armstrong aus dem Spielfilm Im Geheimdienst Ihrer Majestät ertönt. Anita strahlt. So etwas Kurioses hat sie schon lange nicht mehr erlebt, ich auch nicht. Sie nimmt ihren Freund sanft beim Arm, und er tut ihr den Gefallen und kauft die letzte Spielzeugkasse für 4,95 Euro. – Dann stehe ich auf der Straße, meine Freunde sind fort – und auch meine Maske. Noch nie im Leben habe ich eine FFP2-Maske nötiger gebraucht. An jedem Schaufenster steht: Zutritt nur mit Maske! Vor dem Eingang des Ladens nebenan ein Uniformierter, Ordnungsamt. „Hallo“, sagt er zu einer Kundin mit Maske, „Ihren Impfausweis!“ Er blättert darin, vergleicht ihn mit ihrem Ausweis und lässt sie durch. „Ich möchte eine Maske kaufen“, sage ich zu ihm. „Nicht ohne Maske!“, sagt er freundlich, aber streng. Erneut krame ich in meiner Tasche, finde weder Maske noch Impfnachweis, verdammt! Und plötzlich weiß ich, dass ich nicht mehr nach Hause kommen werde, denn seit gerade eben gelten neue Regelungen. Mir schießen die Tränen in die Augen, dann renne ich zum Bahnhof. Auch dort gilt nun: Nur für Geimpfte, Genesene, Getestete. Überall Sicherheitspersonal, Kontrollen, kein Test-Center weit und breit. Ich beginne eine Melodie vor mich hin zu summen und gehe weiter, bis ich schließlich laut singe: We have all the time in the world / Time enough for life to unfold / All the precious things love has in store / We have all the love in the world / If that’s all we have, you will find / We need nothing more…

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Regen mit Wasser

Von Monika Jarju

Ich lief und lief vorbei an gläsernen Kuben in einem Meer aus Stein und São Paulo lief mit. Licht zersplitterte an Fassaden, Häuserfronten aus gefrorenen Wellen umgaben mich, ich irrte in einer wilden Geometrie. Von Ferne umschlangen Favelas wie Boas das Labyrinth der Stadt.

Irgendwann auf der Avenida Paulista blieb ich stehen, die Stadt schien grenzenlos, ihre Straßen schier endlos, alle Wege verstopft und führten direkt zu mir. Mir begegneten Millionen Menschen aller Farben, indianische Gesichter und Schönheiten. Welcher Gott hatte diese Mega-City erträumt, so unfassbar arm, so rätselhaft reich, so faszinierend wie frustrierend? War sie ein vielsprachiger Traum der Favelas, aufgestiegen an ausufernden Rändern, aus dem Rauch der Holzkohlenfeuer und Abwassergräben?

An der Metro Paraíso, mitten im bunten Babel, winkte mir Ricardo Reis zu, mit einer weißen Lilie. Unter einer Glocke aus Abgasen und Lärm zog er mich vom Paradies zum Friedhof Consolação zwischen schattige Jacarandabäume zu Fernando 147 Pessoas Grab. Ich war beunruhigt. Wer erdachte hier wen? Und was war mit mir? See life from a distance, las ich auf dem Grabstein.

Dann, ein Wolkenbruch, es schüttete wie aus Kübeln. Regen mit Wasser, chuva com agua, wie die Brasilianer sagen in der Regenzeit. Schon begann ich mich aufzulösen und dachte, es ist gut, denn wenn ich jetzt nicht gehe, bleibe ich vielleicht für immer. São Paulo zerfloss auch und die Illusion von Ricardo Reis. Ich saß wieder im Café Brasileira in Lissabon. Pessoas Statue zwinkerte mir zu. Tudo bem, hörte ich ihn murmeln. Vor mir lag eine weiße Lilie.

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Traumfänger

Von Regine Wendt

Nur ein paar goldene Blätter dümpeln noch an den Bäumen dieser Straße. Die anderen auf dem Gehsteig zu Dreck verkommen. Nebenstraße in dieser riesigen Stadt, nicht das beste Viertel, aber lebendig. Fensterfronten, empfunden grau.

Auf dem Gehsteig ein einzelner Damenschuh, rot leuchtend, der enorm hohe Hacken in Gold, hascht er nach Aufmerksamkeit. Zwei Männer, geben ihm einen Tritt, zurück in den Rinnstein, und verschwinden mit ihrem Bierkasten im Hauseingang.

Ich husche hinterher. Erstaunt über den Marmorboden im Hausflur, nach rechts ein Aufgang. Klasse, schon etwas abgenutzt. Trotzdem hier nicht erwartet. Noch eine Flügeltür zum Hinterhof, leicht beschädigt, aber mit Glaskunst. Farbenfroh mit dem durfallenden Licht. Neugierig hindurch! Der Hinterhof mit einer Bank, Mülltonnen und einem dürren Bäumchen. Viele Fahrräder. Dieses Haus noch grauer. Aus den Fenstern Musik, Sprachen mischen sich. Irgendwo Streit. Peng, fliegt etwas aus dem Fenster. Ich verschwinde hier lieber.

Wieder auf der Straße, der einzelne Schuh, blitzt er auf, rot mit dem endlos goldenen Hacken, Frech, vielleicht sogar verrucht, spielt schon meine Fantasie. Ruft er –Nimm mich-? Nichts treibt mich in die Enge, doch schon ist er in meinem Rucksack verschwunden, wohl behütet mit meinen Malsachen. Niemand beachtet mich, obwohl in Rot und Gelb gekleidet, unsichtbar unter vielen.

Schnell in die U-Bahn , erwartet mich zuhause Jan, mein fast Freund. Jedenfalls tut er so. Als ich den Schuh auspacke, Erstaunen, doch nicht deiner, na klar. Seit wann trägst du solche Nuttenschuhe. Geheim. Er hat es plötzlich eilig, hinfort und Ärger bleibt zurück. Könnte ich aufklären, aber ich sitze plötzlich übermütig auf einem schwarzen Ross. Sorglos frei.

Nachts wälze ich mich, nach kurzem Schlaf hin und her. Schlaflos bei Mondlicht. Drei Uhr, genau zur Wolfsstunde. Aufgestanden, hole ich den Schuh aus dem Rucksack, so schmutzig, wird er nun von mir gewienert. Glänzend das Rot, die Spitze mit kleinem Riss. Golden der Hacken, die Sohle fast wie neu. Wow, ein Einzelstück, passt er mir. Wie ein Storch hüpfe ich umher. Vor mir der Badspiegel schaue ich mit verzotteltem Haar heraus. Passt nicht, schnell gebürstet mit ein wenig Lippenstift und einem Hauch Parfüm aufs Nachthemd. Mein Gesicht ist alt, ich war mal jemand anders. Macht nichts, der Körper ist noch ok. Jetzt ohne Spiegel lässt sich die Haut leichter wechseln. Aber nun ab ins Bett, den Schuh stelle ich auf den Nachttisch, mein Traumfänger. Und schon schlagen die Gedanken Purzelbaum, bis der Vogel der Nacht sie einholt, umfängt und mit ihnen davonfliegt ins Grenzenlose.

Nein, der Schuh landet nicht im Müll, im Schrank hat er einen festen Platz. Neben dem anderen exquisiten Paar, Fetisch, Bettschuhe, sowas halt. Wem mögen die Stelzen einmal gehört haben. Ich werde sie nie tragen. Außer….

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Marie

Von Regine Wendt

Allein am Strand von Denia. Südspanien, zu dieser etwas kühlen Jahreszeit der Strand menschenleer. Das weite Meer, bis zum Horizont glatt. Oben ohne jetzt möglich. Genussvoll die Brustspitzen in der Sonne, Musik irgendwo. Ein Pärchen, sie tanzt, er spielt Gitarre und singt ganz weich. Eine warme anschmiegsame Stimme. Lasziv ihre Bewegungen, atemberaubend schön das Mädchen. Feine Glieder, langes dunkles Haar, ein Gesicht, wie aus einem orientalischen Märchen. Tanz, der wie ein Naturwunder ist. Ich sauge mich an der Schönheit ihrer Gestalt fest, schließe beide in das harmonische und doch explosive Bild ein. Sexualität, wie der Wind und das Meer. Unsere Blicke kreuzen sich und langsam tanzt sie auf mich zu. Herausfordernd sinnlich, er kommt mit der Gitarre hinterher. Weich, der Mann. Blond, langes Engelshaar, ein sanfter Mund, Augen, in die man sich verlieben könnte. Sie, wie ein Vulkan, vielleicht eine Roma, angriffslustige Glut. Sie berührt mit einem Finger meinen Mund und lächelt. Als sie sich zu mir setzen, müssen wir Worte ungesagt lassen, die Sprache hindert. Jean und Sublima verstehe ich und du? Marie. Sublima fordert mich auf mit ihr zu tanzen. Im Tanz werden wir Eins. Unsere Körper gleichen sich an, spüren die Erotik, und ein Zusammenspiel beginnt, das kein Ende finden sollte. Auge in Auge, Brust an Brust, Schenkel, ach, ja. Jean lässt seine Finger gekonnt über die Saiten gleiten, fast zärtlich schaut er uns zu und genießt offensichtlich das Bild. Seine Haare bedecken fast sein Gesicht, den lächelnden Mund sieht man trotzdem, darunter versteckt blitzen die Augen, vielleicht Drogen. Sie bieten mir eine Melone an. Als der Saft mir über die Finger gleitet, fällt mir meine vergessene Verabredung ein. Als ich mich ankleiden will, fehlt mein Slip. Vielleicht bis Morgen, ja vielleicht. Sublima läuft mir rufend hinterher. Steckt mir schnell etwas zu. Ich habe es jetzt verdammt eilig. Etwas später öffne ich meine Hand. Nein, es ist nicht mein Slip, es ist ihrer und ein kleiner blauer Stein dazu.
Marie und ich waren mal eine Gestalt, sie ging auf Wanderschaft ins Land der Fantasie. Vielleicht………..

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Am Abgrund

Von Franziska Rohrmoser

Lange war ich wie gelähmt. Gelähmt durch den bohrenden Schmerz in meiner Brust. Die klaffende Wunde, die du hinterlassen hast, als du gegangen bist. So plötzlich. Von Heute auf Morgen. Hatten wir doch alles geplant, jeden einzelnen Schritt zusammen. Ab wann war meine Liebe nicht mehr genug? Wo haben wir uns verloren? Unser gemeinsamer Weg war so leicht gewesen, doch schlagartig stand alles in Brand. Lange erkannte ich nichts mehr um mich herum, war völlig orientierungslos. Erst als der Rauch sich allmählich legte, sah ich das ganze Ausmaß deiner Entscheidung. Es war alles verbrannt, grau und trostlos: Ich schluchzte. Der erste Schock war langsam verflogen und ich realisierte, was geschehen war. Die Verzweiflung und der Schmerz saßen unbeschreiblich tief. Waren wir nicht eben noch von der schönsten Landschaft umgeben? Nun stand ich vor einem tiefen Abgrund. Es war ein Loch, welches du nicht nur in meinem Herzen hinterlassen hast. Es versperrte mir den Weg. Ich konnte nicht weiter gehen. Ich fiel auf meine Knie, denn meine Beine trugen mich nicht mehr. Die Wälder zu beiden Seiten waren verschwunden und meine ganze Welt lag in Asche und Staub. Hier saß ich nun für eine ganze Weile. Wie sollte ich jemals nach Hause finden? Wo gehörte ich denn jetzt hin. Völlig ratlos blickte ich in die Tiefe. Ich verharrte hier Tag für Tag, völlig regungslos. Die Zeit zog an mir vorbei, ohne dass ich sie so recht wahrnahm. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Immer wieder kam ich ins Grübeln, wie viele Monate wohl vergangen waren, seitdem du mich verlassen hattest. Doch ich hatte Angst genauer auf diesen Gedanken einzugehen. Was wenn schon Jahre vergangen waren? Doch eines Tages; Ich hatte es längst nicht mehr für möglich gehalten, spürte ich eine Veränderung in meiner Brust. Mein Herz, so tief die Wunden auch waren, es begann zu heilen. Langsam, sehr langsam, doch mit der Zeit merkte ich es. Die Qualen würden nach und nach etwas abklingen. Zum ersten Mal war ich deswegen zuversichtlich. Ich wusste es. Ganz plötzlich war es mir klar. Der Schmerz würde vergehen und heute war der Tag gekommen, der Moment für einen neuen Weg. Dieser Ort hier war meine letzte Verbindung zu dir, so hattest du mich zurück gelassen. Lange dachte ich deshalb, ich wäre nie bereit diesen Platz zu verlassen, doch zum ersten Mal, nach dieser langen Zeit, blickte ich auf. Auf der anderen Seite konnte ich neues Leben sehen. Der Boden schien sich erholt zu haben und blühte wieder auf. Doch ich kam nicht hinüber, du hattest mir den Weg, den ich gehen wollte, abgeschnitten. Ich nahm all meinen Mut zusammen und blickte hinter mich. Entgegen dem, was ich erwartet hatte, war auch hier wieder Leben entstanden. Oder war es immer hier gewesen und ich hatte es nicht sehen können, getrübt von all der Trauer, Angst und Enttäuschung. Neue Hoffnung wuchs in mir. Es konnte weiter gehen. Ich sah den Wald, sah wo ich sein sollte und wo ich war. Ich musste hier weg, um heilen zu können, um wieder aufzublühen, wie alles um mich herum. Ich nahm all meine Kraft zusammen und löste mich von dem tiefen Abgrund in mir. Einmal noch blickte ich hinunter in das tiefe schwarze Loch. Doch dieses Mal verzweifelte ich nicht. Ich ging nicht mehr kaputt. Mein Weg ging weiter, in eine ganz neue Richtung, eine die du nicht versperrt hast. Heute war der Tag gekommen: Ich versteckte mich nicht mehr. Ich nahm dir die Macht über mich, die du zu lange hattest. Nach langem Stillstand ging ich den nächsten Schritt, ganz ohne Dich. Ab jetzt gehe ich nur noch meine Schritte. Sie waren wackelig und oftmals noch schmerzerfüllt, doch ich ging sie. Schritt für Schritt, einen ganz neuen Pfad entlang. Ich war stark für mich. Stark auch ohne dich.

© 2022 Franziska Rohrmoser
Alle Rechte vorbehalten.

Ich hätte gern …

Von Michael Kothe

Neulich früh in meiner Lieblingsbäckerei.
»Guten Morgen, ich hätte gern …«
»Oh je, Sie tragen ja gar keinen Mund-Nasen-Schutz!«
Der Spiegel über der Arbeitsfläche hinter der Backwarenfachverkäuferin gibt ihr Recht. Aus ihm heraus strahlt mich ein Mann in den besten Jahren an. Mit frisch rasiertem Kinn, rosigen Wangen und einer Nase, der die Kälte draußen ein blasses Lila aufgezwungen hat. Trotzdem lasse ich ungläubiger Thomas zu, dass meine Hand prüfend über diese Körperteile fährt, die eigentlich verborgen sein müssten.
»Hab ich im Auto.« Halb schon habe ich mich umgedreht. »Hol ich grad.«
»Müssen Sie nicht. Darauf sind wir vorbereitet. Nehmen Sie doch einfach unsere Kundenmaske vorn am Eingang! Aber vergessen Sie bitte nicht, sie beim Rausgehen wieder hinzuhängen!«

© 2022 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

Die Kürzestgeschichte stammt aus dem neuesten eBook des Autors Michael Kothe »Just a Minute – 14 Minutengeschichten« (exklusiv auf Amazon, ASIN: B09MNSBCJP) und soll gute Laune verbreiten während der Wartezeit auf dem Flur vor der Amtsstube oder im Wartezimmer beim Zahnarzt. Lesen Sie aber nicht im Büro, sonst nimmt Ihr Chef Ihnen das Smartphone weg – und liest selbst! Mehr auf https://autor-michael-kothe.jimdofree.com/my-books/stories/.

Ladies‘ Night

Von Michael Kothe

Meine Frau Liz ist Schottin, ich bin Schotte. Wir leben bei München.
»Darling, wir haben einen Mädelsabend. Holst du mich ab?«
Klar, machte ich. Sie und ihre Freundinnen.

Auf dem Heimweg dann zwei Uniformierte. Im Dunkel der Nacht kaum zu sehen, nur die Kelle leuchtet rot.
Meine Frau kurbelt das Fenster runter. »J… ja, bitte?«
»Verkehrskontrolle. Ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere bitte.«
Sie will höflich sein, betont jede Silbe. »Mei-n Füh-rer-ssein. Unnie Ssu-las-sung.«
Kichern vom Rücksitz.
Der Polizist steckt den Kopf durchs Seitenfenster. Schnüffelt. Die Luft im Auto hat drei Promille.»Haben Sie …, haben Sie getrunken?«
»N… nur drei Glä-ser Rot-wein und den Cock-tail. Und vor-her den Ssekt.«
»Würden Sie bitte …« Den Satz vollendet er nicht. Vielmehr dreht er sich um. »Lass mich …«
»Nein«, erwidert sein Kollege, der ihm auf die Schulter geklopft hatte. »Bevor du sie aussteigen lässt, frag doch erst den Fahrer, ob der getrunken hat.«
»Was meinst du jetzt?« Er schaut verständnislos, schüttelt den Kopf. Ist sein Kollege übergeschnappt? Bevor er noch mal den Mund aufmachen kann, …
»Ich sage nur ein Wort: Rechtslenker.«

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Die Kürzestgeschichte stammt aus dem neuesten eBook des Autors Michael Kothe »Just a Minute – 14 Minutengeschichten« (exklusiv auf Amazon, ASIN: B09MNSBCJP). Eine Viertelstunde Lesespaß soll munter machen während der morgendlichen U-Bahnfahrt zur Arbeit. Aber lachen Sie nicht zu laut, ihr Banknachbar ist noch unausgeschlafen und morgenmuffelig! Mehr auf https://autor-michael-kothe.jimdofree.com/my-books/stories/.

Das Stadion im Schlaf

Von Michael Wiedorn

Es ist tiefste Nacht. Ich drehe mich im Bett hin und her. Die Fluten von Traum und Schlaf ziehen mich immer wieder in die Tiefe. Ich muss um 5.30 Uhr – Punkt 5.30 vor dem Olympiastadion erscheinen. Die Pflicht ruft. Der Alltag ruft. Die azurblauen, smaragdgrünen Wogen der Nacht. 4 Uhr 47 fährt die U-Bahn vom Halleschen Tor ab. Bis Zoo braucht der Zug neun Minuten. Ich falle wieder in den Schlummer und döse und vielleicht schlafe ich auch. Man hat mich heute als Filmkomparse engagiert und ich eile und irre durch unterirdische Hallen mit kahlen Betonwänden. Ich renne so schnell durch die Korridore, dass ich mit den Füßen nicht den Boden berühre.
Unzählige Eisentüren. Ich öffne irgendeine der Türen und bin in einem anderen Gang mit zugeschlagenen Stahltüren. Ganz weit in der Ferne sehe ich junge Mädchen in Dirndln und Trachtenhüten, die sich einzeln in einer Art Tanz um sich drehen und wenden. Ihr Haar so blond und gar so blond, dass es künstlich gelb leuchtet. An den Schläfen ist es zu Knoten gebunden. Es ist völlig still, als hätte ich keine Ohren mehr. Die Gesichter der Mädchen sind bleich und Mund und Augen erschrocken aufgerissen. Eine ältere Frau in normaler Straßenkleidung gibt mir mit ihrem ausgestrecktem Arm Zeichen um Gottes Willen nicht näher zu kommen. Es besteht Lebensgefahr. Ich sehe auf die Uhr an der Wand. Vor drei Minuten hätte ich am Drehort, für den ich bestellt war, ankommen sollen. Ein langer und wirrer Rückweg durch ein unendliches Labyrinth steht mir bevor.
Ich öffne die Augen. Das Zimmer liegt im Dunkel der Nacht. Ich liege noch in meinem Bett. Einen aufblitzenden Moment lang packt mich die Angst meinen Termin endgültig versäumt zu haben und meine Finger tasten auf dem Fußboden vor dem Bett nach dem Handy. Auf dem Display lese ich 2.42 Uhr. Warum soll ich so früh auf die Straße? Das Olympiastadion ruht schweigend und leblos vor mir einsamem Zufrühaufsteher. Ich entscheide mich bis zum Weckerklingeln im Bett zu bleiben. Der Wecker ist auf 3.50 Uhr eingestellt. Jede Sekunde des Ruhens und Ausgestrecktdaliegens gibt dem Körper dringend benötigte Kraft wie die Batterie der Maschine. Ich werde heute einen harten Tag haben. Ich fließe weg in die Fluten, die mich sanft umschlingen. Alarm. Laut schrillt der Wecker. Ich bin wach und fühle mich, als hätte mich eine sich hochaufbäumende Welle tief runter auf eine Betonfläche geknallt. Es ist noch dunkel. Ich knipse die Stehlampe neben meinem Bett an und starre träge auf die grell beleuchteten Möbel im Zimmer. Die Müdigkeit droht mich in eine ohnmächtig vor sich hinglotzende Leiche erstarren zu lassen. Leichenstarre. Ich reiße mich mit einem Ruck aus der Lähmung.
Es herrscht jetzt die Wirklichkeit mit ihrer unerbittlichen Härte. Ich schalte das Radio an. Ja – das ist genau das Richtige. Geräusche halten mich wach. Es wird Schumann angesagt. Das nächtliche Klassikprogramm der ARD. Der Himmel draußen ist noch so schwarz, dass man es nicht fassen kann, dass es in nicht ferner Zukunft mal eine Morgendämmerung geben kann. Ich stehe auf, gehe in die Küche und blicke in die Teekanne, wieviel Tee von gestern noch übrig ist. Bis ich die Wohnung verlasse, brauche ich keinen neuen Tee zubereiten. Ins Zimmer zurückgekehrt sitze ich auf dem Bettrand und rasiere mich. Heilfroh bin ich, dass ich den Kampf gegen die mich immer wieder umschmeichelnden und wogenden und mich verschlingenden Brandungen und Wellen des Traumes gewonnen habe. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Im Schneidersitz nehme ich den Rasierer aus der Schachtel, stecke das Kabel in die Steckdose.
Elektrische Kraft fließt. Das ist Technik, die sich nach den ehernen Gesetzen der Naturwissenschaften richtet. Das Reiben des Metalls an der Kinnhaut. Das ruhige und gleichmäßige Summen des Apparates. Das ist die Wirklichkeit. Ich muss mich heute exakt und präzise rasieren. Kein Härchen auf Kinn oder Backen darf stehen bleiben. Man hat mich als Polizist bei den Olympiaden von 1936 gebucht. Jawoll! Die Haut muss kahl wie die Asphaltfläche eines Kasernenhofes sein. Glatt wie ein Kinderarsch. Kinn und Schnauze. Ich eile in die Küche um die Zähne zu putzen und mein Gesicht zu waschen. Noch ist es warm in der Küche. Der Herbst hat erst vor wenigen Tagen begonnen. Ich ziehe eine gerade Linie Zahnpasta auf die Borsten. In wenigen Monaten wird die klirrende Kälte meinen Lebenswillen einfrieren. Eisblumen an den Fensterscheiben. Ich schrubbe meine Zähne, spucke das Wasser aus und seife mein Gesicht ein. Die kalte Frische des Wassers soll die letzten Reste des Gespenstischen vertreiben. Ich ziehe meinen Schlafanzug aus und wasche meinen Körper. Wasser und Seife reinigen mich von Schweiß, Traum und Schlaf. Der Waschlappen wischt immer wieder über die Haut wie der Staublappen über die Möbel. Weißer Schaum auf dem Frottee. Schweiß und Seife. Die an den Strand brandenden Wogen bilden weißen Schaum. Ich drehe den Wasserhahn zu und gehe gereinigt ins Wohnzimmer zurück. Die Nachrichten sind vorbei. Ich wollte noch den Wetterberichthören. Den ganzen Tag werde ich stehen und stehen und nochmals stehen. Die als Zivilisten eingekleideten Komparsen werden sich gemütlich und gelangweilt auf ihren Sitzen räkeln und uns treu – doofen Ordnungshütern lange Nasen drehen. Es wird heute sonnig und sehr warm werden. Ich werde in der Uniform schwitzen und der Stoff wird mich kratzen. Die rote und immer brennender rot werdende Haut wird gerieben bis blutende Wunden entstehen. Schusswunden.
Messerstichwunden. Hitze, Blut und Schweiß ziehen gierige Schmeißfliegen an. Ich ziehe Hose, T- Shirt und Jacke an. Ich ziehe meine Schuhe an. Schalte in allen Zimmern das Licht aus und verlasse meine Wohnung.
Die Treppe eile ich hinab und stehe jetzt im Hof. Mein Haus, in dem ich schon so lange wohne, habe ich noch nie in so abgrundtiefem Schwarz erlebt. In keinem einzigen Fenster ist Licht zu sehen. Existieren hinter den schwarzen Glasscheiben noch Räume? Alle Bewohner liegen reglos in ihren lichtlosen Zimmern. Durch die schwere Flügeltüre erreiche ich die mit Säulen geschmückte Eingangshalle des Vorderhauses, deren Mauern mit bröckelndem, braunem Verputz gestrichen sind, um durch eine andere Flügeltüre auf die Straße zu treten. Die Straße ist beunruhigend still. Die Stadt ist tot. Kein Auto, kein Fahrrad, kein Passant. Ich gehe die Straße lang. Die Lichter der Eckkneipe strahlen in der Nacht. Der heilige Tempel für einsame Säufer. Sie har 24 Stunden am Tag auf. Ein etwas beleibter Mann in mittleren Jahren und schweißfleckigem Sweatshirt hängt schlaff auf seinem Hocker, lehnt sich mit beiden Armen auf die Holzfläche der Theke. Der Mund in seinem prallen und schwarzbärtigen Gesicht ist leicht geöffnet. Der Mann braucht Luft. Er blickt auf die Serviererin, die sich gerade darauf konzentriert die Gläser zu spülen. Sie beachtet ihn nicht. Sie will ihn nicht beachten. Falls er etwas sagt, hört sie nicht zu. Sie ist jung und schlank und hat kastanienbraune Haare. Vielleicht würden ihr bei einem klaren Blick ganz aus der Nähe Furchen und Falten in die schlaffe Haut ausbreiten. Aus der verräucherten Holzvertäfelung und dem schmierigen Messing der Tresenstangen und Barhocker packte mich die Traurigkeit einsamer Trinker, die sich vor dem stillen Dunkel ihrer Wohnung fürchten. Meine Furcht, doch noch die richtige U-Bahn zu versäumen, zieht mich selbst- und pflichtvergessen in diese traurigste Kneipe um mir ein Bier zu bestellen. Noch ein Bier zu trinken und öde und kontaktlos mit dem fetten Säufer an der Theke zu sitzen. Später, wenn alles zu spät ist, werde ich sturzbesoffen und zerstört nach Hause torkeln.
In der immer noch finsteren Nacht gehe ich weiter meinem Ziel entgegen. In keinem einzigen Fenster der vielen Mietshäuser an der Straße brennt Licht. Die Straßenlaternen leuchten. Die vom Licht angestrahlten, schwarzen Hausmauern sind Grabmäler der lebendig in die Häuser begrabenen Bewohner. Ein altes Fenster mit bröckelndem Holzrahmen und von Dreck blinden Scheiben ist der Eingang zur gähnenden Leere. Die Leuchtreklame der billigen Spielkasinos blinkt rot auf. An und aus. Aus und an. Überbleibsel längst vergangenen Vergnügens. Eine Stadt nach einem Gasangriff. Eine Stadt während einer schweren Seuche oder unmittelbar vor einem schweren Erdbeben. Alle Einwohner sind evakuiert. Wie lange blinkten und strahlten um Fukushima herum die Leuchtreklamen nach der Katastrophe? Sirenen heulten in den Nächten des Zweiten Weltkrieges. Es dröhnt. Es pfeift in der Luft. Festgebaute, stabile Häuser sacken auf einmal mit Ohren zerberstendem Krach in sich zusammen. Die Straßen brennen.
Der Bäcker hat jetzt natürlich geschlossen. Ich habe Hunger und überquere die Blücherstraße, überquere den kleinen Park bei der Amerika-Gedenk-Bibliothek und sehe die hellerleuchtete U- Bahnstation. Die eine U-Bahnlinie ist hier eine Hochbahn. In der Unfallnotaufnahme leuchtet die ganze Nacht über das hellste Licht. Tod und Krankheit schlafen nie und suchen sich rastlos immer neue Opfer. Es wird noch lange dunkel bleiben. Wann kommt der Tag, an dem es nicht mehr Tag wird? Die Temperatur auf der Erde wird in die Keller stürzen. In die Eiskeller. Die letzte Nacht kann in den heißesten Hochsommer fallen, aber der Schnee wird still und unerbittlich fallen. Das weiße Laken wird alles Leben ersticken.
Der Dönerladen ist offen, aber ich habe keine Lust auf Döner als Frühstück. Ich fahre die Rolltreppe hoch und meine das Donnern und Grollen einer einfahrenden U-Bahn zu hören. Vielleicht werde ich die U-Bahn versäumen und zwanzig Minuten zu spät beim Dreh erscheinen. Bevor ich den Bahnsteig betrete, versperrt mir eine Holzwand die Sicht. Es wird hier gebaut. Ich gehe die Bretterwand entlang, bis der Blick auf das Gleis wieder frei ist. Die U-Bahn ist noch nicht angekommen und ich atme auf. Ich setze mich hin und ziehe meinen Roman aus der Jackentasche. Das Totenfest. Ein schwarzer Sarg wird in die Ausschachtung gesenkt. Blumen liegen auf dem Sarg. Sie werden verwelken. Die feuchte Erde wird das Holz zernagen. Die modrige Erde und die Würmer werden die fülligen Lippen, die klaren, männlichen Gesichtszüge verwandeln, zerfressen, verschandeln. Der schöne Tote verwandelt sich in ein Ungeheuer, bevor er sich in ein Skelett verwandelt. Die Blumen duften atemabtötend. Das Olympiazentrum ist mein Ziel. Das Totenfest. Totenburgen zu Ehren der Gefallenen. Wimmelnde Würmer verzaubern, verspeisen, zerstören die harten Muskeln der Krieger. Totenburgen, deren wuchtige Quadersteine jede lebendige Regung ersticken. Ein blutdurchströmter Mensch, der sich bewegt und schnauft, wird lebendigen Leibes eingemauert. Vom Stein erstickte Schreie. Ich öffne das Buch und lese.
Ein junger Widerstandskämpfer fällt im Kampf. Sein Geliebter, der die Geschehnisse im Roman erzählt, verliebt sich in den Mörder seines Freundes – in einen Feind, der das Land, für das der Freund gestorben ist, niederhält. Der SS-Soldat Erik.
Die U-Bahn fährt ein. Ich versuche möglichst vorne einzusteigen. Ich weiß nicht warum. Es ist Gewohnheit. Die Wägen sind um diese Zeit fast leer. Für Putzfrauen und Arbeiter ist es noch zu früh. Ein besoffener Junge um die Zwanzig sitzt in einer Ecke der Sitzbank. Er hat seine Schuhe ausgezogen und nickt immer wieder ein. Ich vertiefe mich wieder in mein Buch. Draußen ist es noch dunkel. In der frühesten Morgendämmerung begegnet der taufrische Hitlerjunge Erik dem Henker von Berlin im Tiergarten. Das Gras ist noch taufrisch. Das Morgenlicht ist noch fahl. Das Leder von Schulterriemen und Koppel knirscht, während dem der Hitlerjunge den Henker stößt. Die U-Bahn fährt nach Gleisdreieck in einen Tunnel. Der Zug rattert. Der unter dem Stein Begrabene tastet sich vorwärts im Dunkeln. Er ist durstig und hungrig. Er kriegt keine Luft. Am zugemauerten Eingang zum Grabmal wachen zwei zu Granit erstarrte Soldaten.
Die Türe der U-Bahn öffnet sich und eine Frau steigt ein und setzt sich auf die Sitzbank gegenüber dem barfüßigen Jungen. Sie fährt wohl zur Arbeit oder hat die Nacht in einem fremden Bett verbracht. Was geht mich das eigentlich an? Der Junge hat eine sehr grobe und harte Visage. Das Leder von Schulterriemen und Koppel knirscht. Der Barfüßige studiert sicher nicht und arbeitet auch nicht im Büro. Er ist Maurer. Er ist Arbeiter. Hartes Gesicht und sonnengebräunte Haut. Er ist arbeitslos und bezieht Hartz IV. Wittenbergplatz.
Ich steige aus und könnte etwas zum Essen vertragen. Der Bäcker auf dem Bahnsteig hat schon auf. Der Zug zum Olympiastadion fährt schon ein. Ich kaufe nichts, steige in den Zug ein, setze mich und schlage den Roman auf. Das eiskalte Lächeln der Mutter des gefallenen Widerstandskämpfers. Die Bahn fährt los. Der Milizsoldat – der Landesverräter, der Mörder, der Abschaum aus dem dreckigsten Bodensatz der Gesellschaft – steckt in einem glatten, harten Lederpanzer. Er wurde in ein Kampfreptil verwandelt. Bei der Anprobe für den Film legte man mir ein Koppel und Schulterriemen an. Das Koppelschloss schließt meinen Rumpf in die staatliche Ordnung ein. Die Gedärme haben keine Möglichkeit vom Körper Reißaus zu nehmen. Hinter den festen Mauern stauen sich die Fluten giftiger Flüssigkeit. Um die Waden zog man mir Gamaschen aus dickem Leder an. Hinter dem Leder stauen sich Schweiß und Blut. Der Schweiß deutscher Polizisten.
Zoologischer Garten. Ernst-Reuter-Platz. Die Türen der Bahn öffnen sich. Blau-grün gekachelte Wände. Zu anderen Tageszeiten strömen hier Menschenmassen in die Bahn hinein, aus der Bahn heraus. Der Bahnsteig ist menschenleer. Die Stadt ist vor der großen Gefahr evakuiert worden. Es geht weiter. Deutsche Oper. Sophie-Charlotten-Platz. Kaiserdamm. Theodor-Heuss-Platz. Mir gegenüber sitzt ein Inder. Ich habe ihn noch nie gesehen, kann mir garnicht vorstellen, dass ich ihn jemals gekannt haben könnte. Wir fahren in eine menschenleere, überdachte Station.
Olympiastadion. Es ist immer noch Nacht. Der Inder steigt aus. Er grüßt mich. Ich grüße aus Höflichkeit zurück, ohne die geringste Ahnung, woher ich ihn kenne. Jetzt kommt mir sein Gesicht bekannt vor. Wir rätseln herum von welchen anderen Drehs wir uns kennen. Auf dem Bahnsteig laufen noch andere Leute dem Ausgang entgegen. Sie alle haben das gleiche Ziel. Um den Bahnhof herum gibt es keine Betriebe, keine Baustellen, keine Wohnblocks. Es gibt hier nur das Stadion und viel Grün. Eine dunkle Fußgängerunterführung. Das einsame Gesträuch zu Seiten des asphaltierten Weges. An sonnigen Samstagnachmittagen grölen hier die fußballbegeisterten Massen. Unter dem Betongewölbe dröhnt das Gebrüll. Die Erde um die Büsche und die Bäume verwandelt sich unter der Pisse der Betrunkenen in Sumpf und Schlamm. Die aufgeweichte Erde entlässt längst aufgelöste Körper. Die Vergangenheit lebt hier. Die Schatten und Ruinen einer untergegangenen Stadt. Berlin brannte im Krieg. Hamburg! Dresden! Im Feuerschein zusammenstürzende Fassaden erschlagen fliehende Menschen. Menschen unter der Erde. In den Stadien werden Feste mit Tausenden und Abertausenden Gläubigen gefeiert. Es sammelt sich der Schweiß an den Achseln der Hertha-Fans.
Der Eingang des Olympiastadions. Ein großes, weißes Zelt. Hier strahlt im nächtlichen Dunkel helles Licht. Hier lebt das lärmende Leben. Das Zelt quillt von unzähligen Menschen über. Ich werde heute den ganzen Tag keinen einzigen Augenblick in Einsamkeit und Ruhe verbringen. Eine Menschenschlange steht für Kaffee an. Eine Menschenschlange steht an um eingekleidet zu werden. Eine Menschenschlange steht zwischen gefrorenen und verschneiten Kriegsruinen an um sich Wassersuppe zu holen. Ein Mensch das 21. Jahrhunderts verschwindet in der Kostümabteilung und erscheint wieder als Untertan des Dritten Reiches. Kaum war ich angekommen, rief jemand: „Alle Polizisten nach vorne zum Kostüm!“ Ich gehe zum Kostümeingang. Drei oder vier junge Komparsen stehen schon bereit zum Empfang der Uniform. Ein Fräulein vom Kostüm empfängt uns und geleitet uns in den hinteren Raum des Zeltes. Der EDV-Fachmann, der Jurastudent, der Hartz IV- Empfänger in Jeans und Turnschuhen mit Basecap streifen mit ihrer Privatkleidung ihr Ich ab und gleichen sich mit jedem Stück Uniform einander an. Im Stadion stehen Reihen hinter Reihen von Polizeibatallionen. Wir stehen unserem Kameraden gegenüber und stehen uns selbst gegenüber. Jeder ist der exakte Spiegel des Anderen.
Fabrikware. Handhabbar. Immer bereit! Die Frauen vom Kostüm rüsten mich ein. Schulterriemen, Koppel, Gamaschen. Ein verhärteter, alter Mann erscheint hinter mir für die Einkleidung. Eine rohe, bösartige Steinfresse. Kleine, eisgekühlte Augen blitzen mich aus einem zur Betonmaske erstarrtem Gesicht an. Beim Zuschlagen zeigen seine Augen keine Regung. Der reglose und undurchdringliche Blick einer uralten Echse. Zum Polizeidiener verzaubert stelle ich mich bei der Schlange für das Frühstück an. Die Stimmung im Zelt ist unangenehm. Eine weiße Zeltplane, unbequeme Bierbänke. Zu viele Leute wuseln sich auf zu wenigen Sitzgelegenheiten. Eine lärmende Triebigkeit ohne Leben. Wir sind müde. Im Knast werden am frühen Morgen die Zellentüren aufgeschlossen. Niemand fühlt sich hier heimisch. Bleiche, schläfrige Häftlingsgespenster. Es erwartet sie ein Tag so grau und trostlos wie unzählige Tage vorher und nachher. Einige Komparsen lehnen sich mit dem Oberkörper über die Tischplatten und versuchen zu schlafen. Abends ist wieder Einschluss in die Zellen. Ich gieße mir Kaffee in den Plastikbecher. Ich betrachte misstrauisch das Brot und das blasse Rosa der Wurst auf der Platte und fühle meinen Magen sich mit ranzigem Fett verstopfen. Der Ekel betäubt meinen Hunger. Ich suche irgendwo einen Sitzplatz auf einer der vielen Holzbänke. Ich quetsche mich zwischen einen älteren Herrn – weiß und faltig wie dem Grabe entstiegen – in einem Straßenanzug aus den Dreißiger Jahren und einem blondbezopften Mädchen im Dirndl wie vom Obersalzberg, ganz vertieft in sein Smartphone. Meine Hose spannt. Sie ist zu kurz und zu weit. An den Schultern kneifen die Hosenträger. An den Fersen ziehen die Bänder. An den Waden unter den Gamaschen schwitze ich. In Uniform ist es unbequem sich hinzufläzen, wie ich es gewohnt bin. In Uniform steht man dienstbereit stramm. Vielleicht sollte ich mich zu einer Holzpuppe versteifen.
Die Stimme eines Mitarbeiters der Castingagentur versucht sich verständlich zu machen. Niemand versteht ihn. Viele Komparsen stehen in größeren Gruppen auf und begeben sich zum Ausgang des Zeltes. Ich stehe ebenfalls auf und begebe mich jetzt ins Freie.
Der Tag hat jetzt ernsthaft begonnen. Es strahlt die kühle Morgensonne. Vor uns erhebt sich das Olympiastadion. Schwere und grobe Steine. Steine durchschlagen die Schädeldecke. Die Tempel und Burgen von Mykenä. Der Bürger – nein, der Untertan – fühlt sich klein und nochmals klein. Ein Steingebirge bricht über meinem gebrechlichem Körper zusammen. Soll man es mögen sich klitzeklein und ohnmächtig zu fühlen? Eine Blutrinne zwischen zermalmendem Stein. Der bleiche Führer musste sich von frischem Leben ernähren.
Ich fürchte mich vor dem Tag. Stehen, stehen und stehen. Irgendwann am Nachmittag wird mich die Müdigkeit überfallen. Vor dem Tor zum Stadion werden wir in zwei Reihen vom Tor aus die Treppe abwärts aufgestellt. Wir bilden ein Spalier. Vorne die Polizisten. Wir stehen jetzt bereit zum Proben. Wir wissen nicht, was im Führungsstab verhandelt wird. Wir sind Spielfiguren. Wir warten und wissen überhaupt nicht, worauf wir warten. Es geschieht nichts. Die Reihen werden umgestellt. Jeden Moment wird die Probe beginnen. Jedes Glied unseres Körpers steht bereit und der Moment zieht sich hin und wieder hin. Wie lang sich ein Augenblick hinziehen kann. Wir stehen starr und still wie tote Gegenstände. Wir werden in der Pose rettungslos versteinern und nichts wird uns jemals aus der Starre erwecken können. Grau klebrige Langeweile. Ich reiße mich aus der Starre eines zuhandenen Dinges und drehe mich unbefugt um, um die Kostüme der mich umgebenden Komparsen zu betrachten. Ich mustere sie vom Scheitel bis zur Sohle. Alles Werkzeuge, Möbel, Instrumente. Die Angeblickten blicken nicht zurück.
Wieder wird nicht geprobt. Einige Polizisten und Passanten werden auf die andere Seite gestellt. Nachdem sie sich an ihren neuen Platz gestellt haben, gefrieren sie wieder in der Ödnis der angespannten Langweile. Techniker legen Kabel, schalten irgendwelche Apparate und Maschinen aus oder ein. Eine grandios verfettete Technikerin mit spiegelblank geschorenem Schädel, ihre Fettmassen in ein türkisfarbenes T-Shirt gequetscht und in grasgrüner Jogginghose fuhrwerkt herum. Eine dicke Hornbrille auf der Nase. Sie ist ein Frosch.

(Die Fortsetzung der Geschichte folgt auf der nächsten Seite)

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