Haderer 2

Von Johannes Morschl

Berlin, Freitag 26. Juni 2020, kurz vor Mitternacht. Haderer sitzt an seinem Schreibtisch, raucht eine selbstgedrehte Zigarette und trinkt ein Gläschen Wodka. Er sagt: „Mir reicht es mit Corona und dem Masken-Tragen in Läden und öffentlichen Verkehrsmitteln. Man bekommt ja gar nicht richtig Luft unter der Maske, vor allem so alte Leute wie ich, die noch dazu Raucher sind. Hätte man vor Corona einen Laden derart maskiert betreten, dann hätten die Leute im Laden geglaubt, es handle sich um einen Überfall. Aber was soll’s, wir müssen da durch, wollen ja schließlich keine Corona-Verhältnisse wie in Brasilien unter der Präsidentschaft von Jair Bolsonaro oder wie in den USA unter der Präsidentschaft von Donald Trump haben, sonst können wir uns gleich selbst einbalsamieren.

Wir haben ja die immer pummeliger werdende, um unser aller Gesundheit besorgte Frau Merkel an der Spitze, die gerne vor ihrem Bäuchlein eine Raute mit den Fingern formt und eine Vorliebe für französische Präsidenten zeigt. Mit Sarkozy hat sie Küsschen auf die Wangen ausgetauscht, und vor Macron hat sie sich unlängst lieblich lächelnd verbeugt und dabei die Hände gefaltet, was diesem Narziss sichtlich geschmeichelt hat. Sie kann aber auch anders, kann auch ein sauertöpfisches Gesicht machen. Uh, mit welcher Verachtung hatte sie einst ihren Vorgänger im Bundeskanzleramt Gerhard Schröder von der SPD angeguckt! Die beiden waren sich wie Hund und Katze. Also, was soll da noch schiefgehen? Aber die Mutti der Nation tritt demnächst ab. Droht Deutschland danach das Chaos, der Untergang in der Barbarei? Ich glaube nicht. Die Erinnerung an sie wird mit der Zeit genauso verblassen, wie die Erinnerung an ihre Vorgänger verblasst ist, und man wird sich genauso weiter durchwursteln wie bisher. Die heilige Kuh bleibt der Kapitalismus.“

Berlin, Sonntag 28. Juni 2020, nachmittags. Haderer sitzt in seinem Wohnzimmer, trinkt grünen Tee und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Er philosophiert über die Maske: „Das Wort Person ist von dem lateinischen Wort persona abgeleitet, das ursprünglich ‚Maske eines Schauspielers‘ bedeutete. Persona kommt von per sonare, durch tönen, die Stimme des Schauspielers tönt durch die Maske. Im antiken Theater trug jeder Schauspieler eine typisierte Maske, die einen bestimmten Charakter ausdrückte, etwa den Bösewicht oder den Guten, den der Schauspieler in seiner Rolle darstellte. Aber tragen wir nicht alle eine Maske? Ist nicht jedes Gesicht ein Maskengesicht? Kann man nicht an jedem Gesicht den Charakter und die Rolleneinnahme der jeweiligen Person ablesen? Für den Grantler und Hundefan Schopenhauer war das ganze gesellschaftliche Leben nichts weiter als eine einzige Maskerade, ein fortwährendes Komödien-Spielen. Man spiegelt anderen und sich selbst edle und geistige Motive vor, obwohl es nur um ganz banale selbstsüchtige Interessen geht.“

Haderer begibt sich in den Vorraum seiner Wohnung, stellt sich vor den dortigen großen Spiegel und studiert sein Gesicht. Er sagt: „Der Gesichtsausdruck ist eindeutig. Von Größenwahn befallener Künstler, kurz bevor er endgültig vom Boden abhebt.“ Dann geht er ins Wohnzimmer zurück und dreht sich eine neue Zigarette.

Berlin, Dienstag 30. Juni 2020, mitten in der Nacht. Haderer sitzt im Pyjama in seinem Wohnzimmer und sagt: „Kann nicht mehr schlafen. Bin noch ganz aufgewühlt von einem höchst merkwürdigen Traum. Es war im Traum Punkt Mitternacht, als mein Handy ratterte. Ich habe ja kein Smartphone, sondern nur ein altes Handy, hinke dem technischen Fortschritt immer mehr hinterher, befinde mich für junge Leute noch in der Steinzeit. Ein Mann, der sich als Thanatos vorstellte, sagte mit dumpfer Stimme wie aus einer Gruft, er rufe aus Chora Sfakion auf Kreta an. Er müsse mir leider mitteilen, dass ich gestorben sei. Ich sei in stark alkoholisiertem Zustand bei Sturm und schwerem Seegang ins Meer gegangen und ertrunken. Ich war über diese Nachricht nicht schockiert, sondern nur ein wenig erstaunt. Der Gedanke, dass man einen Toten nicht anrufen und ihm seinen Tod mitteilen könne, kam mir erst gar nicht. Auch kam es mir nicht komisch vor, dass Thanatos meine Handyrufnummer kannte. Ich dachte nur, aha, jetzt bist du also tot, ertrunken im Libyschen Meer, wie der Teil des Mittelmeers zwischen Libyen und Kreta genannt wird.

Es schien mir ganz selbstverständlich zu sein, dass der Anruf aus Chora Sfakion kam, einem Ort mit kleinem Hafen an der Südwestküste Kretas, in dessen Nähe ich mich des Öfteren in meiner Hippiezeit aufgehalten hatte. Wenn ich damals nach Kreta reiste, hauste ich immer auf der Sweet Water Beach, auf Griechisch Paralia Glyka Nera. Sie befindet sich westlich von Chora Sfakion und ist nur zu Fuß oder mit dem Boot erreichbar. Ihren Namen hat sie von den Süßwasserquellen, die man an manchen Stellen nahe des Uferrandes findet. Gräbt man ein wenig im Kieselstrand, stößt man auf klares kaltes Süßwasser. Damals galt diese Beach noch als Geheimtipp. Normale Touristen traf man da nicht. Auf ihr tummelten sich nur junge Freaks herum, überwiegend Deutsche, Franzosen und Holländer, ab und zu auch Amis. Öschis wie mich traf man da nur äußerst selten an.

Ich war mir ganz sicher, dass es nur diese Beach gewesen sein konnte, von der ich sturzbetrunken ins Meer gegangen sein soll. Hatte vermutlich wie anno dazumal wieder einmal zu viel griechischen Wein getrunken und womöglich auch noch gekifft. Nur war ich anno dazumal ein hübscher langhaariger Bengel mit dauernd juckendem Schwengel. Versuchte mich einmal sogar auf dem Berg hinter der Beach an eine wilde Bergziege heranzumachen, die gerade irgendwelche Bergkräuter fraß. Als ich näher kam, hob sie den Kopf und blickte mich mit ihren wunderschönen Augen an. Dieser Blick blieb mir unvergesslich. Dann meckerte sie kurz und sprang äußerst elegant davon.

Bei Vollmond wurde ich brünstig wie ein Hirsch. Wenn ich mit einer Freundin auf der Beach war, war das kein Problem, aber wenn ich solo auf der Beach war, schon, da die anwesenden jungen Damen meistens schon besetzt waren, was mich aber nicht unbedingt davon abhielt, es trotzdem zu versuchen, die eine oder andere zu bezirzen. Einmal begann ich mit einer Susanne aus Hamburg im Beisein ihres Freundes Fiete zu flirten. Fiete, eigentlich ein sympathischer Typ, wurde eifersüchtig und drehte plötzlich durch. Er stürzte sich auf mich und es kam zu einer wilden Rauferei. Wir taten uns aber nicht sehr weh. Susanne ging laut schimpfend dazwischen und trennte uns. Nach einer längeren erregten Diskussion beruhigten sich unsere Gemüter und wir rauchten nach altem Indianerbrauch eine Friedenspfeife. Die beiden hatten Roten Libanesen dabei, ein exzellentes euphorisierend wirkendes Haschisch mit rötlich brauner Farbe, das von libanesischen Bauern hergestellt wird. Wir wurden immer ausgelassener, erzählten uns die verrücktesten Geschichten und bepfiffen uns vor Lachen. Von unserem schallenden Gelächter und dem Duft der Friedenspfeife angelockt, gesellte sich Florence, eine junge Französin aus Lyon zu uns. Wir tranken reichlich Wein, rauchten noch eine Pfeife und dann noch eine, und schließlich kam es doch noch zu dem von mir ersehnten Vollmondsex, und dieser zu viert, sozusagen ein flotter Vierer.

Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, wird mir immer gleich so Ach und Weh ums Herz. Was bin ich doch für ein vergrübelter hässlicher alter Sack geworden! Werde zum Glück sowieso bald das Zeitliche segnen. Aber bitteschön, wenn schon eine Trauerfeier für mich, dann bloß nichts Trauriges oder gar Pathetisches, das wäre mir wider die Natur. Am besten macht man erst gar keine Trauerfeier, sondern stattdessen eine Fete mit heißer Musik und wildem Herumgehopse. Und bitte vergesst nicht, auch etwas von Janis Joplin zu spielen, zum Beispiel Me and Bobby McGee. Da würde ich vielleicht sogar kurz wiederauferstehen von den Toten, aber keine Angst, wirklich nur kurz, dann würde ich sofort wieder verschwinden.“ Mit diesem letzten Wunsch in Einklang geht Haderer pinkeln und legt sich danach wieder ins Bett.

© 2021 Johannes Morschl
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Tagtraum (Marie)

Von Regine Wendt

Marie und der Wald sind Eins. Ihr hellgrünes Kleid, oder ist es doch weiß, mischt sich mit seinen Farben, nimmt sie auf, selbst ihre Haut schimmert grün im Morgenlicht, das durch die Pflanzenhülle fällt. Ein Weg führt tief hinein in die grüne Pracht, bald nur ein fast geahnter Pfad, begleitet vom Plätschern eines Baches, Wassermusik über Kiesel, Steine und urwüchsigen Farn gerollt. Marie strebt voran, ihre Füße in den leichten Sandalen über moosbewachsene Steine hinein in die Stille des Waldes, hier tief drinnen wo kaum ein Vogel singt. Ab und zu bildet der Bach braungrüne unergründliche Tümpel an deren Rand wilde Blumen blühen, goldlichtern im fangenden Dunkelgrün. Über allem die Stille, die nur dort herrscht, wo kaum ein Mensch hinkommt. Hier streift Marie ihre Kleidung ab, setzt sich meditativ auf das dichte Moos, sinkt ein, fächelt mit sanften Fingerkuppen ihre Brustspitzen, stimmt zärtlich ihren Körper auf die innere Melodie des magischen Ortes ein, gibt sich hin, löst sich in dieser Natur auf, verschmilzt. Im efeuumrankten, von schiefen Bäumen silbermoosig umkränzt, fast unsichtbar die Umrisse einer dunklen Gestalt.

Kira rüttelt mich forsch an der Schulter, hey, wo warst du, wach auf! Eine wilde Frau, kajalschwarze Augen sprühen, ein Piercing in ihren fast schwarzen Lippen, raspelkurz die schwarzen Haare. Laute Salsa Musik, super die Band hier im Körnerpark, jeden Sonntag kostenlos im Sommer, heiß, auch die Luft. Paare tanzen. Jan schaut mich amüsiert an, willst du tanzen? Als ich zögere greift ihn Lilli, noch ein Kuss von ihr, ihr voller Busen schwappt mir entgegen, wirklich ein großzügiges Dekolletee. Auch Marie ist fort in mir, hat sie gefunden was sie sucht, oder gibt sie sich nur dem Leben hin, dem Kommen und Gehen. Ich tauche ein in die Salsa Musik, in die Menschenmenge.

© 2021 Regine Wendt
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Der schöne 27. September

Von Regine Wendt

Er ist anders. Schmal, in sich gekehrt, sitzt er auf der Eckcouch, vertieft in seinem Buch. In der anderen Ecke ich. Nur das Ticken der Uhren ist zu hören. Er sammelt sie, alte, teure, ungewöhnliche, er hat den Blick dafür. 11 Jahre ist er, fast unberührbar. Nicht immer, langsam rückt er näher, ich lese die Zeitung und halte den Atem an. Es dauert, kein Wort zwischen uns, jetzt ist er schon ganz nah, dann ist es soweit, einträchtig nebeneinander lesen wir, ganz vorsichtig spüre ich seine Wärme, dicht an dicht geschmiegt sitzen wir längere Zeit in totaler Ruhe. Dann klingelt das Telefon. Ein kurzes Gespräch nur, er ist wieder weit entfernt in seiner Ecke, fest eingehüllt in sich selbst.
Ich bin müde, nachts durfte ich in seinem Zimmer schlafen, das ewige Ticken der dortigen Uhren störte meinen Schlaf, wurde lauter und lauter. Ich nahm Unterschiede wahr, meine Ohren wurden schmerzhaft sensibel.
Jetzt kontrolliert er seine Wetterstationen im Haus, seine Regen- und Windmesser im Garten, über das Internet werden Wettermeldungen in der ganzen Welt abgefragt und in ein Heft notiert. Eines von vielen sauber geordneten.
Draußen ist es ausnahmsweise mal schön. Sonnenschein.
Wollen wir Herbstblätter sammeln gehen? Er springt auf, ich sause mit ihm davon. Er weiß, welche Bäume die größten Blätter haben, mit dem Tanz des farbenfrohen Herbstes vereinigt er sich, wir lachen und sind fröhlich, sammeln und zeigen uns gegenseitig unsere Schätze. Ein Kind, wie jedes andere. Dann spricht er mit den Blättern, er hält mir eins ans Ohr. Hörst du? Ich höre eine Melodie. Das machen die Farben, sagt er. Mit ihm zusammen höre ich sie auch. Atemmusik, jeder hat seine eigene.
Als wir wieder ins Haus kommen, ein Konzert der Uhren, alle zur gleichen Zeit gestellt. Nein, oben in seinem Zimmer ist es still, das kommt sicher später.
Wir packen die Blätter aus, legen Papier auf sie, und pausen sie mit den wunderbaren Adern aufs Blatt. Ich bin eifrig bei der Sache, doch er beginnt im Wohnzimmer Fußball zu spielen. Als es kracht, ausgerechnet die kleine grüne Pyramide aus Malachit, macht er einfach weiter.
So langsam bin ich nicht mehr die liebe Oma. Er ist abrupt still und ich habe das Gefühl sinnlos ins Leere zu schimpfen.
Meine Tochter und sein großer Bruder kommen nachhause, erzählen und erfüllen den Raum mit turbulentem Leben.
Er sitzt wieder in seiner Ecke mit seinen Büchern, still, in sich gekehrt. Mehr als ein leises Hallo war von ihm nicht zu hören, eingesponnen in seinen eigenen Kokon, abgegrenzt.
Eines der bunten Herbstblätter habe ich mit zu mir genommen, es ist ein Ahornblatt, golden mit roten Spitzen. Jetzt am Abend fotografiere ich es, drucke es aus und hefte es mir an die Wand. Darunter schreibe ich, der schöne 27. September.

© 2021 Regine Wendt
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Strandgut

Von Monika Jarju

Morgens liegt ein kapitaler Hirsch am Strand, das Geweih im Sand, er bewegt sich kaum. Möwengekreisch. Vor ihm die Ostsee, hinter ihm Dünen, gaffende Menschen. Langsam nähern sich ihm einige Leute. Und: wie er so daliegt, der gestrandete Hirsch – und seinen Leib sonnt, ruft ein Mann: „Hallo, mach dich weg da, du hast hier nichts zu suchen!“ Aber der Hirsch liegt da, liegt einfach so da am Ufer – und dann, endlich, rekelt er sich. Der Zauber ist gebrochen.

© 2021 Monika Jarju
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In guter Lage

Von Monika Jarju

Die Zugabteile sind voll bis auf einen Fensterplatz. Das ältere Ehepaar mir gegenüber wirkt seriös, arglos und den schönen Dingen des Lebens zugewandt. Die Frau blättert in der Zeitung, liest Klatsch und Tratsch aus dem Königshaus. Sie nickt und muss lachen und tippt auf einen Artikel. Sie bekommt fast keine Luft mehr und kann nicht aufhören zu lachen. Die Meldung war durch die Boulevard-Presse gegangen, ein spektakulärer Einbruch eines jungen Mannes; der Dieb saß im Kamin fest, musste von Feuerwehr und Polizei befreit werden. Ihr Lachen ist ansteckend. Sie sehen sich nach einer Grabstelle um, erfahre ich. Heutzutage wäre es schwierig, eine gute Lage zu finden. Aber sie wären ja noch jung, so wichtig wäre es noch nicht, sagt sie lächelnd. Und während ich in Gedanken ein Inserat verfasse: Grabstelle, verkehrsgünstig, zentral gelegen, sonnig und ruhig – fährt der Zug an einer Wiese unter Lichterketten vorbei, vom Wasser wehen Klänge eines Akkordeons und Singsang herüber. Der Mann nimmt plötzlich die Brille ab und reibt sich die Augen, er lächelt komisch.

© 2021 Monika Jarju
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Die Fenster bluten und verlöschen

Von Michael Wiedorn

Ganz in der Mitte glotzt eine kleine, schwarze, kreisrunde Scheibe. Das Schwarz ist undurchdringlich. Das Häutchen darüber glänzt. Um die Scheibe herum läuft ein Ring. Er ist je nach dem blau, grau, grün oder tief dunkel, das der Einfachheit halber als schwarz bezeichnet wird. Kleine, exakt gleich aussehende Stäbchen, die bei bestimmtem Lichteinfall unsichtbar werden, stehen kreisförmig wie Ziffern auf einem Zifferblatt einer Uhr im Kreis. Sie sehen wie mit feinsten Präzisionsinstrumenten hergestellt aus. Die Pupille mit ihrem Ring liegt in einer porzellanweißen Fläche. Es ist hochzerbrechliches Porzellan – denkt man beim Betrachten. Ein Stoff, das zu zerstören, ein Leben zu zerstören bedeutet. Der Inhaber des zertrümmerten Auges brüllt, bis es ihm die Stimme verschlägt. Aus den Augen fließen Ströme von Blut. Das Auge ist nicht aus Porzellan. Eine feine, aller zarteste Haut überzieht das Weiß des Auges, die Pupille, die Iris, dem schwarzen Loch in das Innerste, in die verschlingende Tiefe der unendlichen Weiten der Bilder. Das Auge wird als das Fenster der Seele bezeichnet. Tiere und Menschen laufen mit geöffneten Augen durch die Welt. Sie laufen mit offenen Wunden durch das Leben. Jemand trägt seine Eingeweide sein ganzes Leben lang in den bloßen Händen. Seinen Darm, seine Nieren, seinen Magen. Schon als kleines Kind wird er irgendwann hinfallen. Er verliert aus Versehen eine Niere auf dem Straßenpflaster. Ein spitzer Kieselstein ritzt die Magenwand auf. Dreck setzt sich fest.
Ich möchte jetzt wenige Tage nach der Augenoperation die Uhrzeit wissen und blicke mit geradem Blick auf das grell leuchtende Display meines Handys. Ein spitzer Stich in die Augenwunden läßt mich sofort die Augen schließen. Es ist mir, als wäre die Spitze eines frisch geschliffenen Küchenmessers in meinen Augapfel gedrungen. Die Schneide eines Messers, dessen Stahl klar und klinisch sauber im Sonnenlicht blinkte, ist mir als ich klein war, in das Fleisch meines Fußes gerammt worden. Ein blinkendes, Metall ließ das Blut quellen in seiner üppigsten Lebendigkeit. Ich wurde unter Narkose operiert. Mein Auge wurde mit Klammern weit aufgerissen gehalten und war dem sachlich kalten Blick des Fachmannes ausgeliefert. Der Rest des Körpers war nur ein unwichtiges Anhängsel. Das Auge war von hartem, zudringlichem Licht überstrahlt. Vielleicht wurde der Augapfel oder Teile des Selben aus der Höhle genommen. Blitzblanke Scheren und Messer auf grünem Tuch. Eine Rasierklinge schneidet einer jungen Frau quer durch den Augapfel. Auf einem anderen grünen Tuch liegt der Glaskörper meines Auges. Nein – er liegt auf keinem Tuch, sondern in einer Flüssigkeit in einer Schale. Die Tunke ist rein von Bakterien. Die Reinheit von Engeln und Himmeln.
Ich sah ein Foto meines Augenhintergrundes. Die Einzelheiten leuchteten weiß und grau in einem in Dunkelheit verschlossenen Raum. Meine Netzhaut flatterte und planschte fröhlich in der frischen Flüssigkeit in meinem Augeninneren wie Schulkinder im Schwimmbecken. Sie dachte garnicht daran, an der Lederhaut anzuliegen. Ich habe in der freien Natur noch nie so etwas wie Lederhäute oder Netzhäute gesehen. Diese Worte sind für mich leblose, leere Begriffe. Im Spiegel sehe ich den Glaskörper und die Hornhaut. Meine Hornhaut soll nach Aussage meiner Augenärztin besonders dick sein. Wenn ich nicht irgendwann von rasender Selbstzerstörungswut ergriffen werde und mir das Organ rausreiße, werden mir Netzhaut und Lederhaut Ungeheuer aus der Sage bleiben. Sonne und Mond kann ich sehen.
Eine Plombe wurde an mein Auge angenäht. Sind Chirurgen gute Schneider? Werden Hochstapler, die Chirurgen spielen wollen, entlarvt, in dem man sie Knöpfe annähen läßt? Die Plombe ließ die Netzhaut nicht an die Lederhaut anliegen. In einer zweiten Operation wurde durch einen kleinen Schnitt in mein Auge Öl eingegossen. Weder Salatöl noch Heizöl. Mein rausgenommener Glaskörper wurde während der Operation irgendwo untergebracht, um in Ruhe und Muße an ihm zu arbeiten. Bitte nicht liegen lassen oder verlieren! Ich brauche ihn noch und es liegt ein Teil von mir hier. Wir behüten ihn wie unseren eigenen Augapfel! Es ist verboten Haustiere in den Operationssaal zu lassen. In einer Kfz-Werkstatt werden einem Auto Motorteile entnommen und auf ein von Ruß geschwärztes Tuch gelegt. Ein von Entzündungen und Geschwüren krebsrotes Auge liegt auf einem schmierigen Lappen.
Die Netzhaut muß an der Lederhaut anliegen, sonst fällt eines Tages für immer der Vorhang der Finsternis. Das blinde Auge schrumpft zusammen und schmerzt dabei. Etwas Totes breitet sich in der Höhle aus. Ein dünnes Häutchen im Augenhintergrund trennt das Körperinnere von der Unruhe der Außenwelt. Ein Fingernagel hakt sich durch die Höhle hindurch in die Hirnmassen ein.

© 2021 Michael Wiedorn
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Autohandel

Von Michael Kothe

Schorsch Siebensohn trat den glimmenden Zigarettenstummel aus. Nervös drehte er die Fußspitze so lange kräftig darauf herum, bis die Fasern des Filters unter seiner Sohle hervorquollen. Sein Freund war nicht so aufgeregt, sondern lehnte lässig am Kotflügel des schwarzen, auf Hochglanz polierten Audi A6. Der hatte zumindest optisch das Potenzial zum Dienstfahrzeug einer Konzernleitung.
Sie warteten auf dem Parkplatz des Möbeldiscounters im Echinger Industriegebiet im Norden Münchens, ein gutes Stück hinter dem schwedischen Möbelgiganten an der Liebigstraße und seinem Konkurrenten auf der anderen Straßenseite. Von dort musste man links in den letzten Abschnitt der Dieselstraße abbiegen und an dessen Ende rechts die halbe Länge der Ohmstraße entlangfahren, sonst landete man auf dem Ring der Heisenbergstraße, die um den ausladenden Flachbau des Bekleidungsgeschäfts führte, das das magentafarbene Logo der bekannten Kette von Modemärkten trug. Der Wind trug den Verkehrslärm von der westlich vorbeiführenden A9 bis zu ihnen herüber. Freitagnachmittag. Die Pendler verließen die Landeshauptstadt und schoben sich im Stau nordwärts.
Den Gebrauchtwagenmarkt auf dem Gelände des Aschheimer Autokinos hatten sie nicht nutzen wollen. Erstens fand der nur samstags statt und das auch nicht an jeden Wochenende, und zweitens war ihnen das Publikum dort nicht geheuer. Zu viele dunkle Gestalten, die Fahrzeuge in den Osten verschieben wollten, zu viele Kritiker, die auch am besten Auto trotz Topzustand noch etwas auszusetzen hatten. Auch wurde dort von den Interessenten zu aggressiv nach unten verhandelt. Und es gab zu viele billige Autos. Sie hatten ihre Erfahrung.

»A6, 3-Liter Diesel, Quattro, 130.000km, unfallfrei, sieben Jahre alt, scheckheftgepflegt. Beim Händler gut und gerne seine 24.000 Euro wert.«
Auf diesen Text hatten sie sich geeinigt, dann wollten sie, damit das Verkaufsgespräch lebendiger würde, mit verteilten Rollen noch die Extras und die weiteren Vorzüge des Fahrzeugs aufzählen. Schorsch schlenderte um den Audi herum, es war schon seine vierte Runde nacheinander. In immer kürzeren Abständen drehte er das Handgelenk, schaute auf seine Armbanduhr. Er hatte sich entschieden, die Breitling-Replika zu tragen, da sie am besten zu dem Fahrzeug passte. Sie sollte beeindrucken. Sein Freund nahm das nicht so genau, sein Outfit war Schorsch zu leger, aber Bastian zuckte nur die Schultern, als er ihn darauf ansprach.
Dass der Käufer schon zwanzig Minuten überfällig war, zerrte an den Nerven.
Intensiv beäugte er jedes Fahrzeug, das auf den Parkplatz fuhr. Meistens waren es kleinere oder ältere Autos, aus denen Leute stiegen, die ihrer Kleidung oder ihrem Auftreten nach durchaus die angemessene Klientel des preiswerten Möbelgeschäfts darstellten, in dem sie dann auch folgerichtig verschwanden. Schorsch kam sich in dieser Umgebung overdressed vor, wenn man diesen Begriff auch auf ein Fahrzeug der Oberklasse anwenden durfte. Das steigerte seine Nervosität. Er fühlte sich auf dem Präsentierteller für alle Neugierigen, obwohl kaum einer Notiz von ihm nahm. Schließlich hätte er ja auch ein Kunde des auf dem Nachbargrundstück angesiedelten Dekorationsgeschäfts zwischen dem Küchenstudio und dem riesigen Baumarkt sein können, und er nutzte diesen Parkplatz nur, weil drüben die Parkbuchten für sein Schlachtschiff zu eng waren.

Den mattroten Mercedes Kombi, ein wirklich älteres Baujahr, beachtete Schorsch kaum. Der hatte, kaum, dass er die Zufahrt zum Parkplatz hinter sich gelassen hatte, etwas abseits der übrigen Fahrzeuge angehalten. »Wieder ein Familienvater, der einen billigen Schrankbausatz oder ein Jugendzimmer ergattern will.« Verächtlich zog er die Oberlippe hoch, schaute wieder auf seine Uhr. 25 Minuten. Hatte der Kunde sie versetzt? Dann wäre es immerhin ein Gebot der Höflichkeit gewesen, sich telefonisch zu melden. Schließlich hatten sie die Handynummern ausgetauscht.
Bastian stemmte die Fahrertür auf, drehte sich zu Schorsch um.
»Sie kommen. Haben eben angerufen, von der Zufahrt zum Industriegebiet aus, waren an der Kreuzung beim Schotten.«
Schorsch verdrehte die Augen. Wann konnte Bastian endlich mit dem Blödsinn aufhören, den Schnellimbiss amerikanischer Provenienz als schottisches Restaurant zu bezeichnen?
Der rote Mercedes hatte wieder Fahrt aufgenommen, langsam kam er dem Audi näher. Mit zwei Wagenlängen Abstand hielt er an, drei Personen stiegen aus.
Der flotte Mittdreißiger in beiger Hose und im Sommerhemd, dessen Qualität und Preis Schorsch sofort auffielen, kam auf ihn zu, ein kurzes Taxieren, dann gab er ihm die Hand.
»Hallo. Herr Siebensohn?«
Schorsch nickte.
»Herr Döbler? Grüß Gott.«
»Genau der. Die Verspätung tut mir leid, aber Sie kennen ja die A9. Die Abgase aus dem Stau riecht man bis hierher.«
Jetzt fielen sie Schorsch auch auf.
Die beiden anderen aus dem Benz kamen auf ihn zu. In einem ungünstigen Augenblick, denn er hatte gerade geräuschvoll mit nach oben gereckter Nase geschnuppert und keinen Blick für die Neuankömmlinge gehabt.
Ein kurzer gegenseitiger Händedruck, keine weitere Begrüßung. Das Ritual wiederholte sich bei Bastian, der hinter dem Lenkrad hervorgeklettert kam. Er hatte sich auf den Fahrersitz plumpsen lassen, als das Autotelefon geklingelt hatte.
Der Beifahrer von Döbler gab sich wortkarg, Schorsch und Bastian war das recht, sie hatten seinen starken Akzent nicht einordnen können, und verstanden hatten sie ihn auch kaum. Außerdem wollten sie mit dem stiernackigen Mann, aus dessen Muscleshirt voluminöse Schulterkugeln und mächtige Bizeps herauswuchsen, nicht allzuviel zu tun bekommen. Er musste ihrer Vermutung nach wohl reichlich Zeit für Bodybuilding aufwenden.
Die Begleiterin Döblers schien desinteressiert, sie schenkte ihren lila lackierten Fingernägeln mehr Aufmerksamkeit als den beiden Männern, denen Döbler das Auto abkaufen wollte. Ihre High Heels, die knappe Kleidung und ihr Gang passten zu ihrem Verhalten.
Schorsch drehte sich höflich um, damit keinem sein Grinsen auffiel. Ihm hatte sich beim Anblick der Brünetten der Bilderwitz des betenden Jungen aufgedrängt. »Bitte, lieber Gott, gib den armen Frauen auf Papas Computer was Warmes zum Anziehen!«
Das Verkaufsgespräch entwickelte sich zu Schorschs und Bastians Zufriedenheit. Sie sagten ihre eingeübten Sprüche auf, wiesen Döbler mehrfach darauf hin, wie gut ihm dieses Nobelfahrzeug stünde, und beantworteten detailliert seine Fragen bezüglich des Zustands. Über die Technik wollte Döbler nichts wissen, der Wagen sei nicht für ihn, er sei nur der Beauftragte von jemandem, der wisse, was er wolle. Und er wollte diesen Wagen.
Die Probefahrt verlief problemlos, Schorsch und Bastian tauschten immer wieder verstohlen vielsagende Blicke aus, ihre Augen strahlten. Döbler fuhr, Bastian hatte auf dem linken Rücksitz Platz genommen, Schorsch saß auf dem Beifahrersitz. Das stand ihm zu, er war der Aktivere bei dem Geschäft. Und mit der Brünetten wollte keiner der beiden zurückbleiben, hauptsächlich wegen des Stiernackens im Tanktop.
Für 24.000 Euro wurden sie den Audi dann doch nicht los. Zwar meckerte Döbler nicht an dem Auto herum, aber er baute einen Tablet-PC auf der Motorhaube seines Mercedes auf und zeigte den beiden einige Vergleichsangebote aus den einschlägigen Verkaufsportalen für Gebrauchtfahrzeuge. Außerdem hatte sein Auftraggeber ihm eine finanzielle Obergrenze gesetzt. Schluckend schlug Schorsch bei 21.000 Euro ein. Das Unterschreiben des vorgefertigten Kaufvertrags war nach dem Handschlag kein Thema mehr.
Die Übergabe Zug um Zug gestaltete sich für Schorsch und seinen Kumpel spannend. Der Stiernacken öffnete die Heckklappe des Daimlers, zog einen an der Rückenlehne angegurteten Alukoffer an die Ladekante, nachdem er den Gummiriemen gelöst hatte.
Schorsch hielt den Atem an.
»Wie im Krimi, jetzt dürfen wir kurz in den Koffer schauen, die Scheine zählen, und dann bekommen wir den Koffer im Austausch für Wagenschlüssel und KFZ-Brief, ach nein, Zulassungsbescheinigung heißt das Dokument ja seit Ende 2005.«
Er sollte beinahe recht behalten, nur rückte der Stiernacken nicht den ganzen Koffer zu Schorsch herüber, sondern entnahm ihm eine Kunststofftasche, die an einen einfachen Kulturbeutel erinnerte. Schorsch griff hinein, ließ die eng gestopften Fünfziger durch seine Finger gleiten, fuhr mit dem Daumen über den freien Rand der Geldbündel, zählte die Banderolen. Überschlagsweise stimmte der Betrag von 20.000 Euro, zwanzig 50-Euro-Scheine zog der Bodybuilder aus einem kleinen Abteil im Innern des Kofferdeckels und drückte sie Schorsch lose in die Hand.
Ein paar freundliche Floskeln zum Abschied, dann stieg der Stiernacken hinters Steuer des Kombis, Döbler führte seine Begleitung zum Audi und hielt ihr die Beifahrertüre auf. Ein Kavalier der alten Schule! Nachdem sie sich in den Ledersitz fallen gelassen und sittsam die aneinandergepressten Beine im Fußraum verstaut hatte, lief er hinten um den Wagen herum und stieg hinters Lenkrad. Nach einer halben Minute befanden sich beide Fahrzeuge bei der Ausfahrt.

Schorsch und Bastian grinsten sich an. So einfach hatten sie sich das Geschäft nicht vorgestellt. Nun war der Wagen weg. Dass er gestohlen war, würde Döbler erst merken, wenn er eine Grenze überquerte oder in eine Verkehrskontrolle geriet. Der Kaufvertrag mit den Namen aus den gefälschten Ausweisen würde auch nicht auf ihre Spur führen.
Euphorisch schritten die beiden auf den Imbisswagen neben dem Eingang zum Möbeldiscounter zu. Sie hatten den Erfolg ihres Geschäfts in einem gehobenen Ambiente feiern wollen, aber das konnten sie jederzeit nachholen. Momentan hatten sie einfach Hunger.
»Zweimal das Nackensteak in der Semmel«, bestellte Schorsch bei dem Mann mit der senfbekleckerten Schürze, »und haben Sie Pikkolos?« Obwohl ein Gehilfe sie bediente, ignorierten sie den und betrieben Smalltalk mit dem Budeninhaber, bis sie das Bestellte in Händen hielten.
Schorsch und Bastian lehnten Minuten später mit vollem Mund an einem der drei Stehtische. Den Imbisswirt hatte Schorsch mit einem der Scheine aus der Kulturtasche bezahlt.
Sie standen mit dem Rücken zum Parkplatz. Sie hatten sich nicht mehr umgedreht, seit sie Döbler bei seiner Abfahrt zum Gruß kurz zugewinkt hatten. So entging ihnen, dass der Audi und der Benz undmittelbar nach dem Verlassen des Parkplatzes von zwei Streifenwagen gestoppt wurden, die aus einem Firmengelände auf die Straße fuhren, die einzige Ausfahrt von diesem Teil des Industriegebiets. Ein drittes Polizeifahrzeug schnitt Döbler & Co gerade den Rückweg ab.
»Prost,« meinte Bastian.
Sie stießen mit den kleinen Sektflaschen an. Richtig kalt war der Sekt nicht, aber für den Abend war der Besuch einer Party angesagt. Dort könnte man den Handel angemessen begießen, und das auf Kosten anderer.
Noch auf dem letzten Bissen kauend, Bastian stocherte mit einem Zahnstocher zwischen Zähnen und Fleischstückchen herum, strebten die beiden gut gelaunt dem schmalen Durchgang im Zaun zum Nachbarparkplatz entgegen. Mit Absicht hatten sie Schorschs alten Honda vor dem Baumarkt geparkt, der bis vor einigen Jahren mit dem Biber seine Werbung betrieben hatte.

»Würden Sie bitte stehenbleiben! Polizei.«
Zu dem Gehilfen der Imbissbude, der ihnen nachgegangen war, gesellten sich zwei Arbeiter, die vorher neben einem unauffälligen Lieferwagen gestanden hatten. Sie versperrten ihnen den Rückweg, nickten den drei Zivilbeamten zu, die vor Schorsch und Bastian auftauchten und deren Sprecher ihnen gerade seinen Dienstausweis vorhielt. Die drei hatten neben dem Durchgang an einem Blumenkübel gestanden und sich unterhalten.
»Bitte, was haben wir getan?«
»Sie wissen doch, wer Banknöten fälscht oder nachmacht oder gefälschte oder nachgemachte Banknoten in Umlauf bringt …« Der Gehilfe von der Imbissbude lachte und wedelte mit dem 50-Euro-Schein, mit dem Schorsch bezahlt hatte, »und Sie haben offensichtlich eine ganze Tasche davon.«

© 2021 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

Der kurze Krimi stammt aus der Sammlung »Schmunzelmord – 25 kriminelle Kurzgeschichten aus dem Münchner Norden«. Mehr auf der Homepage des Autors: https://autor-michael-kothe.jimdofree.com.

Die Veröffentlichung des vom Autor mitgeschickten Bildes zu diesem Beitrag erfolgt nach Auskunft des Autors mit von ihm eingeholter Erlaubnis der darauf sichtbaren, ihm bekannten Personen.

Ein Beitrag zur Authors Challenge:FamilienbandeEin Schottlandkrimi

Von Michael Kothe

1.
Was am weitesten zu hören war, war das Schmatzen ihrer Stiefel, wenn sie ihre Füße aus dem Morast zogen. Jedes dieser Schlürfgeräusche war begleitet von einem Blubbern, sobald die Gasblasen beim Aufplatzen den Fäulnisgeruch freigaben. Schritt für Schritt arbeiteten sie sich durch das Zwielicht voran. Kalt war es, die dicken Jacken der einen hatten die Feuchtigkeit aufgesogen, während sie bei den anderen Männern ihren direkten Weg unter das Ölzeug gefunden hatte. Kaum einer hatte nicht die Schultern nach vorn gezogen, kaum einer zitterte nicht wenigstens ab und zu. Käsig lugte der Mond durch Lücken in der Wolkendecke und reflektierte sein fahles Licht auf dem Bodennebel. Nur, wenn sie sich gebückt bewegten, konnten sie erkennen, was die Lichtkegel ihrer Stableuchten durch den Dunst offenbarten. Doch auf dem Boden war nichts, nichts außer Sumpf, aufgeworfenen Torfbrocken oder halbvermoderten Pflanzenresten. Ab und zu erschollen Rufe, um die eigene Anwesenheit kundzutun oder um festzustellen, ob der nächste in der Suchkette nicht schon verschollen sei. Stets darauf bedacht, nicht gleichfalls Opfer des Moores zu werden wie der Mann, den sie gerade suchten.
Seit vier Tagen wurde Timothy McPhallon vermisst. In seinem Häuschen, das sich am Ende der Straße in den Hang duckte und dessen Steinwände fast mit dem Fels verschmolzen, war der sympathische Mann nicht anzutreffen, auch im Pub hatte ihn keiner gesehen. Vergebens schauten die jungen Frauen in dem Dorfladen nach dem gutaussehenden 30jährigen, von dem sie sich in einem ebenso lockeren wie anzüglichen Geplauder etwas Abwechslung von ihrem Landleben versprachen. In McPhallon Manor, dem Herrenhaus eine Meile außerhalb des Ortes, hatte man sich nicht getraut nachzufragen. Dorthin war er die letzten Jahre über nicht gegangen, warum also jetzt? Ohnehin wohnte dort nur noch der griesgrämige Butler, seit vor ein paar Tagen Aladair McPhallon als Letzter seiner Generation gestorben war. Alle seine Kinder hatte er im Lauf der vergangenen paar Jahre beerdigen müssen, es gab nur noch seine Enkel, seine Großneffen und Großnichten. Timothy war einer seiner Enkel. Offenbar gewesen, denn …
»Kommt mal hier herüber, ich hab etwas gefunden.« Gedämpft kroch die Stimme übers Moor, rief die äußeren Suchtrupps zusammen. Erleichtert tasteten sie sich dem Rufer entgegen. Zaghaft tauschten die Männer im Flüsterton untereinander ihre Kommentare aus.
»Es wird auch Zeit. Gott sei Dank hat die Schinderei ein Ende. Bei jedem Schritt zieht der Stiefel Gestank und Verwesung aus dem Moor. Verdammte Nacht, verdammte Nässe. Geht einem bis auf die Knochen! Morgen werd ich wohl im Bett bleiben müssen.«
»Oder ich treff dich besonders früh im Pub, wenn du deine Erkältung wieder mit Single Malt bekämpfst.«
Die Antwort war ein verhaltenes Lachen, das urplötzlich aufhörte. Der Sprecher hatte sich dem Rufer soweit genähert, dass er ihn erkannte. Gregor McBride, der Hüne von Kerl, der die Suchaktion leitete, wedelte ihnen mit einem Streifen Stoff entgegen. Die Ankömmlinge nahmen ihm den Fetzen aus der Hand und schenkten besonders den beiden Metallknöpfen daran ihr Augenmerk.
»Eindeutig von Tims Jacke. Diese Knöpfe mit der Adlergravur gibt‘s in ganz Schottland nicht nochmal. Woher hast du‘s?«
»Hing über dem Ast hier. Aber so eine Jacke reißt nicht, wenn einer im Vorbeigehen mal hängenbleibt. Da muss mehr passiert sein!«
In immer weiteren Kreisen schlich der Trupp gebückt um den kahlen Krüppelbaum, an dessen gebrochenem Ast der Stoff gehangen hatte. Ein kleines Areal, etwa halb so groß wie ein Fußballfeld, erhob sich knapp eine Manneslänge über das übrige Moor. Hier war der Boden fester als dort, wo die meisten bisher gesucht hatten. Zertrampelte Erde, niedergetretene Schilfstängel, Pfützen, deren Umrisse an Schuhsohlen erinnerten, gefüllt mit brauner Brühe. Den Spuren folgte einer, bis er außer Sicht geriet. Augenblicke später kam er hastig zurückgestapft, und sogleich beugten sich stämmige Männer in wärmenden Kapuzenjacken über ein Smartphone, auf dessen verschlammtem Display sich verwischte Fingerspuren deutlich abhoben.

2.
Sanft schmiegte sich das Cottage in die hügelige Weidelandschaft. Im Laufe des Vormittags waren die Nebel ins Tal hinabgezogen, sodass das Areal innerhalb der mannshohen Hecken um das kleine Anwesen im herbstlich fahlen Licht der tief stehenden Sonne lag. Wer ihn kannte, fand, dass Mortimer McPhallons Besitz wie auch er selbst einen ungepflegten, ja schon verwilderten Eindruck machten.
Aus dem Haus drangen erregte Stimmen. Die beiden Uniformierten, die gebückt durch den verkrauteten Garten streiften und hier und da mit Stöcken Halme oder Zweige zur Seite drückten, als suchten sie dazwischen etwas, hielten inne und blickten zum einzigen Fenster auf ihrer Seite. Es stand halb offen und erlaubte ihnen, das Gespräch mit anzuhören.
»Mortimer, wo hast du seine Leiche versenkt? Tims Telefon und einen Streifen von seiner Jacke haben wir gefunden. Im Moor. Seit eurem Streit ist dein Cousin verschollen. Das letzte Mal, als er gesehen wurde, hattet ihr beide euch angeblafft, und es sah aus, als wolltest du ihm an die Gurgel gehen.« Mit durchdringendem Blick sah Detective Inspector McBride den etwa 40jährigen McPhallon an. Der saß über die Tischplatte gebeugt auf einem Küchenstuhl, hatte die Ellbogen auf dem Tisch und drückte beide Hände fest an seine Schläfen. Dass seine letzte Nacht lang gedauert hatte und hart gewesen war, wäre auch ohne die Flasche und das Glas in der Spüle zu erkennen gewesen. Ab und zu stöhnte er geplagt auf.
Der Kriminalpolizist stand ihm gegenüber, beide Hände auf der Stuhllehne abgestützt. Als würde er gegen einen Fieberschub ankämpfen, waren seine Bewegungen langsam und wirkten fahrig, seine Augen waren glasig. Auch ihm hatte die letzte Nacht zugesetzt, zumal er sie im Moor und nicht mit Single Malt in einer ungemütlichen, aber trockenen Küche verbracht hatte. »Komm schon! Was hast du mir zu sagen?«
»Nichts. Gar nichts. Glaub mir, Gregor, damit hab ich nichts zu tun. Wir haben uns gestritten, es ging um das Fußballderby mit dem Foulelfmeter. Hier. In der Küche. Wir hatten was getrunken, und als er gegangen war, hab ich weitergemacht. Ich hab Tim nicht umgebracht, und im Moor war ich nicht mehr, seit …« Als sei er froh, nicht mehr weiterreden zu müssen, brach Mortimer ab. Ruckartig drehte er den Kopf, um seine Aufmerksamkeit der plötzlichen Störung zu widmen.
Polternd drückte ein Constable mit der Schulter gegen die Küchentür. Einen Augenblick später baute er sich atemlos vor DI McBride und Mortimer McPhallon auf. Erst, als nach ein paar Worten sein Hecheln aufhörte, wurde seine Stimme klar.
»Inspector, ich hab seine Stiefel gefunden. Hinten in der Hütte. Mit frischer Erde aus dem Sumpf in den Profilen. Die Sohlen sind noch feucht.«
Eine so schnelle Bewegung hatten beide Polizisten dem verkatert wirkenden McPhallon nicht zugetraut, und so hielt ihn keiner auf. Abrupt war der Verdächtige von seinem Stuhl aufgesprungen, schubste mit beiden Händen den Constable mit unerwarteter Kraft zur Seite und zwängte sich an ihm vorbei in den Flur. Geistesgegenwärtig drückte der Polizist seinem Vorgesetzten das derbe Schuhwerk in die Hände und nestelte die Trillerpfeife aus der Brusttasche. Auf das durchdringende Pfeifen hin stürmten die zwei Policemen vom Garten ins Haus und stellten den Flüchtigen noch im Hausflur. Indem sie ihm einen Arm auf den Rücken drehten, zwangen sie ihn in gebückter Haltung zurück in die Küche.
Dort erhob sich McBride gerade aus der Hocke und drehte dicht vor seinen Augen ein rundes Metallstück hin und her. Dann hielt er es dem Verhafteten vor die Nase, so dass der das flache Relief mit dem Adler nicht übersehen konnte. »Das ist eben aus deinem Stiefel gefallen, als ich ihn umdrehte.«
Keuchend hob McPhallon den Kopf, sah McBride trotzig in die Augen. »Das is‘ doch ‘n Komplott! Ihr könnt mich mal!« Dann spuckte er vor dem Kriminalbeamten auf den Boden.
Der Inspector reagierte nur mit einer Kopfbewegung hin zu den drei Constables. »Bringt ihn zur Wache und sperrt ihn ein. Ruft Richter Duncan an. Ich komme nach, will mich hier noch etwas umsehen.«

In der Presse sorgte die Bluttat für Schlagzeilen. Reporter begnügten sich um der Auflagenhöhe willen gar nicht damit, nur Tatsachen wiederzugeben, sondern gaben sich allen möglichen Spekulationen hin. Das wahre Motiv Mortimer McPhallons wurde nie geklärt, die Leiche seines Opfers nie gefunden. Dennoch gab es in ganz Aberdeenshire niemanden, der nicht von der Schuld dieses Scheusals überzeugt war.
Bei Mord reagieren die Gerichte recht schnell. Besonders, wenn die Indizienlage eindeutig scheint und der Leumund des Angeklagten zweifelhaft ist. Mortimer stand im Ruf eines trunksüchtigen Randalierers und Raufbolds, nicht nur seinen Cousin Timothy hatte er schon des Öfteren vor Zeugen angepöbelt und ein paarmal verprügelt. So sorgten die Gutachter, die an den Stiefelsohlen Erde und Torfwasser von der Fundstelle des Telefons und des Jackenstücks nachgewiesen hatten, der Jackenknopf selbst und vor allem die Fingerabdrücke auf Tims Smartphone für einen schnellen Schuldspruch. Dass es keine Leiche gab, schien kein Hindernis zu sein. Mortimer saß während der Verhandlung in Aberdeen zusammengesunken auf der Anklagebank, sprach mehr zu sich selbst als mit seinem Anwalt und hatte dem Urteil einer langjährigen Freiheitsstrafe nichts entgegengesetzt.

3.
In ihrem Cottage hatten es sich Alan und Susan Twister im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Auf ihren Protest hin hatte er gerade seine Füße, die in karierten Wollsocken steckten, vom Couchtisch genommen. Von seiner Zeitung hatte er nicht aufgesehen.
»Schau mal hier! Dein Cousin Mortimer hat sich in der Nacht von vorgestern auf gestern in seiner Zelle erhängt. Der Gerichtsmediziner …«
Er zuckte zusammen …

Ende der Leseprobe.
Den Rest der Erzählung gibt es nur im eBook. Für nur 99 Cent. Nur bei Amazon.

© 2021 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

Das eBook »Familienbande – Ein Schottlandkrimi« von Michael Kothe ist sein Beitrag zur Authors Challenge (https://authors-challenge.jimdofree.com) einem jungen Netzwerk, über das sich talentierte Autoren ihren Lesern bekannt machen. Der jeweils letzte Teilnehmer lädt den nächsten ein, in vier Wochen zu einem Stichwort eine Geschichte zu schreiben und für 99 Cent bei Amazon anzubieten. Natürlich stellt der Autor sein schlankes Werk auch auf seiner Homepage https://autor-michael-kothe.jimdofree.com vor.

Abgesang

Von Johannes Morschl

Ist höchste Zeit, die Bühne zu verlassen. Bin der immer gleichen Schmierenkomödie müde geworden. Habe viel zu lange den Hanswurst gegeben, den schizoiden Trunkenbold, den Hungerkünstler, das verkannte Genie. Bin heruntergekommen, bin am Ende, habe Bombentrichter in der Seele. Habe aber immer Shakespeare verehrt.

Der Mensch ist im Grunde genommen noch ein Affe. Das zeigt sich an seinem ganzen Gebaren. Die ganze Stadt scheint mir ein einziges Freigehege für diese Affenart zu sein. Gehöre auch dazu, bin ein alter weißhaariger Affe, ein schreibender Affe, ein Schriftsteller-Affe. Habe aber keine Idee mehr, was ich schreiben könnte. Es wird sowieso viel zu viel geschrieben. Lese nur ein paar Sätze in einem Buch und merke sofort, dass es sich bestenfalls um gepflegte Langeweile handelt. Werde dann müde und muss gähnen. Schneide dann Grimassen, verdrehe die Augen, strecke die Zunge raus, rülpse und furze. Sage: „Pfui Deibel, wie es hier stinkt! Wer war das?“ Behaupte, das wäre Shakespeare gewesen, so als ob ich Shakespeare wäre. Ist reinster Größenwahn. Werde nie an Shakespeare herankommen, nicht einmal beim Rülpsen und Furzen.

Na, und die Liebe! Weiß ja gar nicht mehr so recht, wie Liebe geht. Habe mich immer zum Affen gemacht, wenn ich verliebt war. Habe mich sozusagen als Affe noch mehr zum Affen gemacht. Habe die Frauen angehimmelt, war sexbesessen, wurde rasend eifersüchtig, wenn sie sich einem anderen Affen zugewandt haben. Litt dann Höllenqualen, dachte nur noch an Selbstmord, konnte mich aber nie dazu durchringen, mich eigenhändig um die Ecke zu bringen. Hatte letztendlich immer nur ein Verhältnis mit mir selbst. Hat schon der alte Walli in der Nulpe zu mir gesagt. Die Nulpe war meine Stammkneipe, befand sich in der Yorckstraße in Kreuzberg, war ein ziemlich verranztes Lokal, nannte sich aber gutbürgerlich Kaffeehausgalerie. Die Nulpe gibt es schon lange nicht mehr. Hatte dort Walli kennengelernt. Er sagte zu mir: „Du hast nur ein Verhältnis mit dir selbst.“ Habe das damals vehement von mir gewiesen, musste ihm aber im Nachhinein recht geben. Walli war ein echter Affenkenner, war auch der Tröster der unglücklichen Frauen, deren Kerle fremdgegangen sind oder sie verlassen haben. Ständig haben sich Frauen bei ihm ausgeweint.

Walli war in der Nazizeit ein paar Jahre im KZ, in Sachsenhausen und dann in Buchenwald. Galt als politischer Häftling, war in der Weimarer Republik bei der KPD und wirkte in einem linken Kabarett in Berlin mit. Erzählte mir, wenn die SS gewusst hätte, dass er schwul war, hätte er nicht überlebt. Jetzt ist Walli bereits im Jenseits. Sehe ihn dort in Gesellschaft von jungen tunesischen Männern, die er auf Erden so sehr geliebt hat. Brachte ihnen immer Geschenke mit, wenn er nach Tunesien fuhr, zum Beispiel Kofferradios, die bei den jungen Tunesiern sehr begehrt waren. Man könnte einwenden, das war Touristensex. Aber Walli war kein normaler Tourist, war beliebt bei den jungen Tunesiern, weil er immer mit ihnen herumalberte. Ich habe das selbst miterlebt, als ich ihn einmal bei einer Tunesien-Reise begleitete. Wenn er von einer Tunesienreise zurückkam und man ihn fragte, wie es war, sagte er mit verklärtem Blick: „Halb nahmen sie mich, halb sank ich dahin.“ Erzählte mir auch, Anfang der 50er-Jahre Picasso an der Côte d‘Azur besucht zu haben. Als ehemaliger kommunistischer KZ-Häftling fand er problemlos Zutritt bei ihm. Im Gegensatz zu Salvador Dali, der ein Anhänger von General Franco war, war Picasso Kommunist, Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. Walli hat Picasso auch nackt am Strand herumlaufen gesehen und war von dessen großen Schwanz fasziniert, der angeblich in einem auffälligen Kontrast zu seinem kleinen Wuchs stand. Picasso war nur 1 Meter 60 groß. Bei Wallis Schwärmen von Picassos Schwanz hätte man denken können, der Schwanz müsse fast genauso groß wie sein Besitzer gewesen sein. Picasso war aber immer von Frauen umgeben, an seinen großen Schwanz war nicht heranzukommen.

Denke mit Wehmut an Walli zurück, er hat das Affentheater auf Erden längst hinter sich. Werde es auch bald hinter mir haben, gebe mir noch höchstens zehn, zwölf Jahre. Ist sowieso ein Wunder, dass ich noch lebe, wenn man bedenkt, wie ich gelebt habe. Habe ja fast keine Droge ausgelassen. Jedoch hielten mich die zähen Gene der väterlichen Seite bis heute am Leben. Sowohl mein Vater als auch sein Vater waren große kräftige Kerle, wurden beide weit über achtzig Jahre alt. Großvater väterlicherseits war ein alter Militärschädel, ehemaliger Berufssoldat in der österreichisch-ungarischen Armee. Diente in einem ungarischen Husarenregiment und gehörte später zur Wachmannschaft der Hofburg in Wien, wo Kaiser Franz Joseph residierte. Wurde von diesem zum kaiserlich-königlichen Oberhofleiblakei ernannt. Besitze noch heute diese absurde Ernennungsurkunde. Er musste aber dem Kaiser nicht den Arsch abwischen, sondern nur die Hofburg bewachen. Sagte, die Monarchie sei nur deshalb zugrunde gegangen, weil Kaiser Franz Joseph immer seniler wurde und die Armee von unfähigen Adeligen befehligt wurde. Glaubten, der Krieg sei wie ein großes Manöver. Ließen im Ersten Weltkrieg russische Artillerie-Stellungen mit der Kavallerie angreifen. Von der Kavallerie blieb danach nichts mehr übrig. Großvater blieb bis an sein Lebensende Monarchist. Die Nazis hat er abgrundtief verachtet, die waren für ihn der allerletzte Pöbel, schlimmer noch als die von ihm ebenfalls zutiefst verachteten Kommunisten. Doch was erzähle ich da, ist alles Schnee von gestern. Drohende Wolken verdunkeln das Licht. Die braune Pest breitet sich wieder aus, ist heute mit blauer Farbe getarnt. Auch Hitler kam über Wahlen an die Macht.

Halt! Ich rutsche ins Politische ab, wollte ich eigentlich vermeiden, ist ein äußerst unerfreuliches Thema. Man kann ja in dieser Welt nur Weltverweigerer werden. War eigentlich von Geburt an Weltverweigerer, habe schon als Baby gegen diese Welt protestiert, habe immer wieder gegen diese Welt, in die ich ungefragt hineingeworfen wurde, angeschrien, habe mit meinem Schreien meine arme Mutter zur Verzweiflung gebracht. Mein Vater hat das weniger mitbekommen, der war ja von früh bis spät in der Arbeit, war Dreher, Schlosser, Schweißer und Werkzeugmacher, bildete auch Lehrlinge aus, war von Jugend an aktiver Gewerkschaftler, hat Mutter in der Sozialistischen Arbeiter-Jugend kennengelernt, hat sich immer mit seinem monarchistischen Vater über Politik gestritten, war ein herzensguter Mensch, habe ihn als Kind sehr geliebt. Er trug mich auf dem Rücken, wenn es in die Berge ging, fühlte mich dabei wie Hannibal auf seinem Elefanten. Habe ihn aber später enttäuscht, da ich unbedingt Maler werden wollte. Das war für ihn kein richtiger Beruf, da dachte er wie sein Vater, der von Malern gar nichts gehalten hat. Großvater hat noch im Sterbebett zu ihm gesagt, er solle mich ja nicht Maler werden lassen, denn sonst würde ich bei einem alten homosexuellen Maler in Schwabing als dessen Lustknabe landen. Keine Ahnung, wie er darauf gekommen war. Und warum ausgerechnet in Schwabing? War wohl für ihn das Sündenbabel überhaupt.

Das Leben ein Traum? Bald ist der Traum aus. War manchmal auch ein Albtraum. Bald haben sich die Nachtgespenster für immer verzogen. Träume mich in sentimentalen Augenblicken auf jenen Hippiestrand an der Südküste Kretas zurück, als ich noch ein gutaussehender langhaariger Jüngling war, wenn auch zu lang und zu dünn, man konnte die Rippen bei mir hervorstehen sehen. Erinnere mich, wie meine damalige französische Freundin Juliette nackt und braungebrannt auf einer Klippe stand und von den heran brechenden Wellen und dem warmen Südwind, der von der Sahara her übers Meer wehte, ohne eigenes Zutun einen Orgasmus bekam, sozusagen einen Wind- und Wellenorgasmus. War damals in einer Dreierbeziehung mit ihr und meinem besten Freund. War nicht unkompliziert, hielt auch nicht lange. Juliette stammte aus Charlesville nahe der belgischen Grenze. Einzige größere Bedeutung: Geburtsstadt von Arthur Rimbaud, dem jungen französischen Dichtergenie. Steht auch ein Denkmal von ihm dort. Rimbaud floh aber schon in jungen Jahren nach Paris, hatte dort ein Verhältnis mit dem verheirateten Dichter Paul Verlaine. Man kann nur aus Charlesville fliehen, ist viel zu langweilig und spießig. Auch Juliette ist aus Charlesville geflohen. Ihre Mutter mochte mich nicht, war Rassistin, nannte mich hinter meinem Rücken weißer Neger und Giraffe. Das hat mir Juliette erzählt, ich lachte nur darüber.

Schrieb damals noch nicht, sondern malte. Hätte bei der Malerei bleiben sollen, hätte das Schreiben lassen sollen, war weitaus mehr fürs Malen talentiert, habe immer nur verschrobenes Zeug geschrieben, kann auch gar nicht anders, als verschrobenes Zeug zu schreiben. Bin aber nie so weit wie die Dadaisten gegangen, wollte noch einigermaßen verständlich bleiben. Wollte mich mit dem Schreiben aus dem trostlosen Alltag beamen. War ja immer ein armer Hund, musste immer malochen gehen, um überleben zu können. Saß an so manchem Fließband in Berlin., war Nachtwächter, Lagerarbeiter, Hilfsbühnenarbeiter, und dergleichen mehr. Geld hielt nie lange bei mir, konnte nie mit Geld umgehen. Habe aber immer Shakespeare verehrt.

To be or not to be, that is the question. Diese Frage hat sich für mich in absehbarer Zeit von selbst erledigt. Ist höchste Zeit, die Bühne zu verlassen. Bin der immer gleichen Schmierenkomödie müde geworden.

© 2021 Johannes Morschl
Alle Rechte vorbehalten

Kurz vor dem Abflug

Von Johannes Morschl

An einem Sonntagnachmittag im August stand der alte Dichter Fredi Freitag auf dem flachen Dach des vierstöckigen Hauses in Berlin-Reinickendorf, wo er in einer heruntergekommenen kleinen Wohnung im 1. OG mehr hauste als wohnte. In seinem grauen zerfurchten Gesicht flackerte ein irrer Blick. Er breitete seine langen Arme wie Flügel aus und machte mit seinen langen dünnen Beinen ein paar trippelnde Schritte in Richtung Dachrand, doch kurz davor stoppte er. „Nein, noch nicht heute aus dem Leben fliegen,“ sagte er sich, „obwohl warum nicht heute? Morgen würde es auch nicht besser sein, eher schlimmer. Der Wetterbericht hat für morgen Gewitter und Hagelschauer mit eigroßen Hagelkörnern ankündigt. Da könnte ich, wenn ich auf dem Dach stehe, von Hagelkörnern erschlagen werden, und das wäre dann kein selbstbestimmter Tod, kein Freitod, sondern einer dieser berüchtigten Schicksalsschläge aus heiterem Himmel, wobei heiterer Himmel nicht stimmen würde, denn der wäre morgen alles andere als heiter. Allerdings würde so ein düsterer Gewitterhimmel viel besser zu meiner Stimmung passen. Der heutige Himmel ist mir viel zu heiter angesichts des Geschehens auf dieser Welt, in die ich erbarmungslos hineingeworfen wurde. Aber durch eigroße Hagelkörner, denen ich am Dach hilflos ausgeliefert wäre, möchte ich auf keinen Fall sterben, dann lieber heute trotz des unpassend heiteren Himmels. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, hat schon meine Mutter gesagt. Bei Vater hat dieser Spruch funktioniert, er erledigte immer untertänigst sofort alles, was ihm von Mutter aufgetragen wurde.“

Da hörte Fredi wieder das chaotische Summen und Rauschen des Weltalls, das ihn schon seit Wochen plagte. Seine Mitmenschen schien dieses Summen und Rauschen nicht zu stören, ja sie nahmen es wahrscheinlich gar nicht wahr. Diese kosmischen Geräusche machten ihn wahnsinnig, er sehnte sich nach Stille, nach ewiger Ruhe. „Nichts wie raus aus diesem Weltall!“, dachte er. „Es ist besser, gleich jetzt für immer weg zu fliegen, für immer aus dieser Welt auszusteigen, zumindest als jenes fühlende, denkende, verletzliche und sterbliche Menschentier, das man ist. Ganz aussteigen kann man ja leider nicht. Es bleiben die sterblichen Überreste, die in einem Sarg vergammeln oder im Falle einer Feuerbestattung als Asche in einer Urne zu Staub zerfallen. Aber damit muss man leben, wenn man für immer davonfliegen will.“ Er hatte auch daran gedacht, sich die Kugel zu geben, da dies viel schneller gehen würde, als vom Dach runterzuspringen, wo man zuerst aufs Dach steigen musste und dann vielleicht zwei, drei Sekunden lang hinunterflog. Jedoch verwarf er diese Idee wieder, denn dann hätte er am Schwarzmarkt einen Revolver oder eine Pistole kaufen müssen. Er hätte aber nicht gewusst, wie er an einen illegalen Waffenhändler herankommen könnte, und außerdem hatte er zu wenig Geld, er hätte für den Kauf einer Waffe sparen müssen, doch wie sollte er sparen, wenn er mehr oder minder von der Hand im Mund lebte? Nein, das wäre ihm viel zu umständlich gewesen, dann lieber vom Dach runterspringen. Aber bestünde dabei nicht die Gefahr, dass er auf ein zufällig unten vorbeigehendes Menschentier fallen könnte, auf eine dieser bemitleidenswerten Kreaturen, die blindwütig am Leben festhielten, wie beschissen es auch immer war, und in ihrer privaten Hölle am liebsten unsterblich sein würden? Nein, das wollte und konnte er niemandem antun. Er war ja schließlich kein Menschenfeind. Es ging ihm einzig und allein um sein eigenes Verschwinden für immer.

Er hatte auch schon längst sein Testament verfasst, in dem er als letzten Wunsch kundtat, man möge sich um seinen Schatten kümmern, falls ihn dieser überleben sollte, was zwar äußerst unwahrscheinlich war. Sollte dies jedoch gegen alle Naturgesetze dennoch der Fall sein, so könnte man seinem Schatten vielleicht eine Funktion in einem Schattenkabinett geben, zum Beispiel als Minister für Schattengeschlechtsverkehrswesen. Dann müsste er nicht so ein tristes Schattendasein wie sein ehemaliger Besitzer führen. An dieses Testament musste Fredi jetzt denken. Er war froh, dass er es geschrieben hat, denn ohne das Testament wäre etwas unerledigt geblieben, und das hätte seiner Mutter gar nicht gefallen, denn sie hatte es gehasst, wenn etwas unerledigt blieb. „Gott hab sie selig!“, dachte er, obwohl er Atheist war und seine Mutter auch nicht viel mit Gott am Hut gehabt hat, und sein Vater erst recht nicht, der war ein alter Freidenker, der hat sich im Denken die Freiheit genommen, die er bei Mutter nicht hatte. Fredi machte einen Schritt nach vorn bis ganz an den Dachrand, die langen Arme noch immer wie Flügel ausgebreitet, und blickte in die Tiefe, ob da unten jemand stand oder herumlief, denn dann würde er warten, bis es unten wieder frei war. Gerade als es ihm günstig zu sein schien, vom Dachrand abzuheben, trat unten eine Frau mit rotem Wuschelkopf auf und blieb genau in dem Bereich stehen, wo sein Körper vermutlich aufprallen würde. „Die sieht ja aus wie die Walli! Das kann nur die Walli sein!“, durchfuhr es ihn, wobei gleichzeitig das nervenzerrüttende Summen und Rauschen des Weltalls schlagartig verstummte, was ihn erleichtert aufatmen ließ. Wallis Erscheinen brachte ihn völlig aus seinem suizidalen Konzept. Er verspürte eine Aufwallung allzu menschlicher Gefühle, und das ließ ihn wieder an die Welt andocken, die ihm – und das konnte kein Zufall sein – just in dieser Situation, in der er unmittelbar vor dem finalen Abflug stand, tief unter seiner Nase Walli hingezaubert hatte. Ja, das war eindeutig die hinterhältigste Verlockung, die sich die Welt hatte ausdenken können, um ihn am Abflug zu hindern.

Walli, die eigentlich Walburga hieß, war eine frühere Geliebte von ihm aus seiner Studentenzeit, als er an der Freien Universität Berlin Philosophie studierte, wobei er sich weit mehr revolutionären Umtrieben als dem Studium hingegeben hatte. Sie stammte aus einer Kleinstadt in Bayern, wo ihr Vater, der dort ein paar Häuser und Grundstücke besaß, Parteichef der dortigen CSU war. Ihre Mutter litt an Depressionen und zog sich manchmal für einige Wochen in eine psychiatrische Klinik zurück, was Walli als Flucht vor dem Eheleben interpretierte. Walli war ebenfalls an der Freien Universität immatrikuliert, Hauptfach Ethnologie. Sie hatte aber keine Zeit für die Uni, da sie lieber männliche Studenten studierte, die so wie sie zur APO, zur Außerparlamentarischen Opposition gehörten. Sie studierte die Studenten primär im Bett, wobei sie immer zwei, drei Studenten parallel studierte, an dem einen Tag den einen und am nächsten Tag den anderen, oder tagsüber den einen und nachts den anderen. Sie hatte sich eigentlich nur aus Not auf Fredi eingelassen, weil sie damals, als sie sich auf einer Fete kennenlernten, nur einen einzigen Studenten als Studienobjekt zur Hand hatte, was ihr eindeutig zu wenig war. Mit zwei Studienobjekten fühlte sie sich einigermaßen ausgelastet, optimal für sie waren aber drei. Da sie keinen der Studenten länger als ein bis zwei Monate studierte, kam eine beträchtliche Summe von Einzelstudien zusammen. Leider hat sie die Ergebnisse ihrer Studien nie veröffentlicht, was Fredi ausgesprochen schade fand. So eine Veröffentlichung wäre damals ein Renner gewesen. Heute jedoch wäre sie nur noch für ein überschaubares Publikum älteren Semesters interessant, das sich an der Rückschau auf die gute alte Zeit ergötzen möchte, als man noch wüst herumgevögelt hat, bis dann die in den 70er-Jahren aufkommende Frauenbewegung diesem Treiben ein Ende setzte. In Folge der Frauenbewegung verwandelten sich viele der linken Studenten in Müsli essende und Pullover strickende Softies, die beim gemeinsamen Stricken in Männergruppen über Themen wie den Untergang des Mannes diskutierten. Allerdings verwandelte sich später so mancher dieser Softies wieder in jenen Mann zurück, dessen Untergang er allzu optimistisch vorausgesagt hatte.

Fredi kratzte sich am Kopf. Er stellte sich dieselbe Frage, die der russische Schriftsteller und Revolutionär Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski zum Titel eines 1863 erschienenen, im Gefängnis geschriebenen Romans gemacht hatte, und welche einer seiner Verehrer, der russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin als Titel für eine 1902 erschienene politische Streitschrift übernommen hatte, nämlich Was tun?. Der Berliner würde direkter fragen: „Wat’n nu, fliegste oda fliegste nich?“ In Fredis Kopf leuchtete folgende Antwort auf: „Wegen des unerwarteten Auftauchens von Walli muss der für heute geplante finale Abflug storniert und auf unbestimmte Zeit verschroben – Pardon – verschoben werden.“ Dann stieg er vom Dach und flitzte das Treppenhaus hinunter, um Walli noch auf der Straße anzutreffen, ehe sie wieder im Dickicht der Stadt verschwunden war.

© 2021 Johannes Morschl
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(Anfang der Erzählung Kurz vor dem Abflug, 2016)