Ein verkanntes Genie

Von Johannes Morschl

Wir verkommen langsam, wollen nicht wahrhaben, dass es dem letzten Stündlein zugeht, wollen nicht die immer tiefer werdenden Furchen in unserem Gesicht wahrhaben, die der Zahn der Zeit hinterlassen hat. Die Haut ist welk geworden, man sieht und hört nicht mehr so gut, Müdigkeit hat sich in die Knochen geschlichen, Lebensmüdigkeit. Man möchte schnell und schmerzlos verschwinden. Auf der Straße sind wir auch nicht mehr der Schnellste, nur der gute alte Schwanz ist noch einigermaßen intakt, man hat noch seine sexuellen Bedürfnisse, zumindest ab und zu mal. Doch welche Frau möchte sich auf so einen Alten wie uns einlassen, der noch dazu einer dieser Hungerkünstler ist, nie Geld hat, sich aber einbildet, ein verkanntes Genie zu sein, und damit lockt, dass eine Frau, falls sich noch eine auf ihn einlassen sollte, nach seinem Tod von seinem Genie profitieren würde, weil er wie so manches Genie erst nach seinem Tod berühmt werden würde. Aber diese Aussicht scheint den Frauen zu ungewiss zu sein, um sich auf so einen von heute auf morgen zum Pflegefall werden könnenden Alten wie uns einzulassen. Holten uns in den letzten Jahren nur noch Abfuhren ein, ja böse Abfuhren holten wir uns ein. Eine Altpunkerin mit knallgrün gefärbtem Haar nannte uns Tattergreislustmolch, was wir als eine äußerst bemerkenswerte Wortschöpfung anerkennen mussten. Wir hatten uns sogar überlegt, Tattergreislustmolch zu unserem Künstlernamen zu machen und uns bei Lesungen nur noch als Tattergreislustmolch vorzustellen.

Aber man täuscht sich ja im Alter über sich selbst, fühlt sich viel jünger, als man ist, hat ein geschöntes Bild von sich. Nur wenn man sich im Spiegel erblickt, ist man kurz schockiert und entmutigt, vergisst jedoch das Spiegelbild gleich wieder, da man ja größenwahnsinnig ist, sich zeitlos fühlt, man ist ja das lebende Denkmal seiner selbst. Und nach dem Tod würde man ganz sicher entdeckt werden. Die Verlage würden sich um all die bisher noch nie veröffentlichten Texte, die sich in der Wohnung des verstorbenen und zu Lebzeiten verkannten Genies stapeln, nur so reißen. Na, und die Frau, die dann die einzige Hinterbliebene wäre, könnte kräftig absahnen, denn wir würden ihr unser gesamtes schriftstellerisches Werk hinterlassen. Nach unserem Tod könnte sie frei darüber verfügen, könnte damit die dicke Kohle machen und sich einen jungen Lover zulegen. Uns würde das nicht mehr jucken, wenn wir uns im Totenreich befinden. Würden uns das in aller Ruhe aus dem Totenreich angucken, würden vielleicht sogar Mitleid mit dem jungen Lover bekommen, würden denken: „Der arme Junge, jetzt zappelt er in ihrem Netz. Sie wird ihn aussaugen, ja ganz und gar aussaugen wird sie ihn, bis der arme Junge nur noch wie ein bleiches Gespenst aussieht.“

Doch was sollen solche Phantastereien? Wir werden keine Frau mehr finden, können uns von unserer kargen Rente nicht einmal eine preisgünstige Dame aus dem Sexgewerbe leisten. Sind bis zum Lebensende zur Onanie verurteilt, sofern unser Schwanz überhaupt solange mitspielt und nicht schon lange vorher nur noch schlaff herumhängt. Wir erinnern uns wehmütig an die gute alte Zeit, als unser Schwanz noch jederzeit bereit war, außer vielleicht, wenn wir zu viel gesoffen hatten, aber das kam ja nicht jeden Tag vor. Wir trinken durchaus ganz gerne mal einen, aber nicht jeden Tag, und seit wir an Lesungen teilnehmen, trinken wir nur noch bei Lesungen, weil wir da immer so schrecklich aufgeregt sind, ob wir es wieder schaffen würden, den langweiligsten Auftritt von allen dort Lesenden hinzubekommen. Wir geben uns ja beim Lesen immer die allergrößte Mühe, das Publikum mit einer geballten Ladung von Langeweile zu paralysieren. Das muss man ja erst einmal können, derart lähmend langweilig zu sein. Das kann nicht jeder. Zunächst einmal muss man einen extrem langweiligen Text schreiben. Das ist gar nicht so einfach, wie man denken würde. Es ist viel einfacher, einen einigermaßen interessanten Text zu schreiben, als einen extrem langweiligen. Im Grunde genommen ist der Text aber zweitrangig, entscheidender ist der Vortrag des Textes. Hierbei muss man darauf achten, möglichst monoton und leise zu lesen, sodass man es gerade noch hören kann. Erstaunlicherweise bekommen wir manchmal sogar Applaus, wahrscheinlich von den Masochisten im Publikum, oder weil man ganz einfach froh ist, dass wir endlich mit dem Lesen fertig sind, vielleicht aber auch, weil man denkt, wer so etwas Langweiliges schreiben und derart langweilig vortragen kann, ist schon wieder genial, denn langweiliger geht es ja nun wirklich nicht mehr.

Natürlich gibt es da immer auch den einen oder anderen Oberschlauen, der über uns lästert. Es gibt ja so Oberschlaue mit primitiven Psychologie-Kenntnissen, die bei anderen immer etwas zu durchschauen glauben, aber bei sich selbst nichts durchschauen. Das sind in der Regel Leute, die niemals mit ihren Eltern ins Reine gekommen sind, in den Schrecken ihrer Kindheit steckengeblieben sind und sich von Gewalt und Katastrophen angezogen fühlen. Nebenbei gesagt: Bei den Deutschen gab es schon immer einen Hang zu Gewalt und Katastrophen. Wir sind ja ein Zugereister, ein Emigrant aus Wien. Dort hat man zwar auch einen Hang zum Untergang, aber bittschön einen gemütlichen Untergang im Kaffeehaus oder beim Heurigen. Und während des Untergangs singt man ein berühmtes Lied von Hans Moser, das kurz zusammengefasst lautet: „I muaß im frühern Lebn eine Reblaus gwesen sein, und wonn i stirb, möcht ich a Reblaus wieda werdn.“ Leben zwar bereits seit über vierzig Jahren beim ehemaligen preußischen Erzfeind in Berlin, aber man bleibt auch in Berlin ein Wiener. Man ist als Wiener nicht integrierbar, zumindest was unsere Person betrifft. Nein, nein, wir waren in unserm frühern Leben in Wien keine Reblaus, waren aber Kaffeehausrevolutionär. Revolutionen finden in Wien nur im Kaffeehaus statt, die Welt außerhalb des Kaffeehauses bleibt davon unberührt. Wir sind jedoch nach wie vor renitent, unsere Auftritte sollen alles in Langeweile erstarren lassen, das Publikum soll vergeblich gegen das Einschlafen ankämpfen, soll zu schnarchen beginnen, ja wenn das ganze Publikum zu schnarchen begänne, wäre das ein Triumph für uns, die letzte Bestätigung unserer Genialität. Leider ist es aber noch nie so weit gekommen.

Man ist ja an gepflegte Langeweile bei Leseveranstaltungen gewöhnt, aber nicht an eine so aufdringlich tödliche Langeweile, wie wir sie bei unseren Auftritten verbreiten. „Nur net hudln!“, lautet unser altvertrautes Wiener Motto, auf Hochdeutsch übersetzt: „Nur nichts überstürzen!“ Das beginnt schon mit dem mühsamen unwilligen Aufstehen aus dem Bett so um die Mittagszeit herum, nur net hudln, der Tag ist noch lang, viel zu lang. Wir sind uns der tödlichen Langeweile unserer Texte und unseres Vortrags durchaus bewusst, sind uns auch bewusst, darin nahezu konkurrenzlos zu sein, obwohl wir es manchmal mit harter Konkurrenz zu tun haben. Von so manchen aus dem Publikum werden wir sogar wegen des von uns immer wieder in Kauf genommenen Scheiterns auf offener Bühne bewundert. Bei solch einer Bewunderung könnte man größenwahnsinnig werden. Das spornt einen an, noch langweiliger als bisher zu werden, auch wenn das eigentlich kaum mehr geht. Verdienen aber nichts damit, haben noch nie auch nur einen Cent für einen unserer unübertrefflich langweiligen Auftritte bekommen. Wären sowieso unbezahlbar, wenn man uns eine Gage für unsere Auftritte anbieten würde. Allein schon der Stress, ein Publikum ertragen zu müssen, das einen nicht erträgt, weil man alles dafür tut, dass es einen nicht erträgt, ist kaum auszuhalten. Dafür müsste es noch zusätzlich eine Extrazulage geben.

Aber man ist und bleibt ein armer Hund. Ja, nach dem Tod, da wird man berühmt werden, wird von anderen nachgeahmt werden, sie werden jedoch nie an diese tödlich lähmende Langeweile, wie wir sie bei unseren Auftritten verbreiten, herankommen. Na, und die Frau, falls wir vor unserem Tod doch noch eine abbekommen sollten, würde nach unserem Tod dicke von unseren vielen langweiligen Texten profitieren, da die Verlage sich nur so darum reißen würden. Sie könnte sich dann problemlos einen langweiligen jungen Lover leisten und mit ihm langweiligen Sex machen, und wir würden beim Zugucken aus dem Totenreich vor Langeweile einschlafen.

Hallo, aufwachen, Leute! Wir sind endlich fertig, ihr seid von uns erlöst.

© 2021 Johannes Morschl
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Ein schwieriger Fall

Von Johannes Morschl

Was ich heute lese, ist der reinste Mist. Ist mir aber schnurzegal, bin heute sowieso äußerst übler Laune. Merkte dies schon morgens beim Aufwachen im Bett. Überlegte, ob ich überhaupt an der heutigen offenen Lesebühne hier im Dodo teilnehmen soll. Dachte mir aber dann, warum nicht? Wenn ich besser gelaunt bin, lese ich ja auch nur Mist. Ist sowieso alles Mist, was ich schreibe. „Warum liest er dann überhaupt“, wird man sich fragen, „wenn er glaubt, dass es sowieso nur Mist ist, was er schreibt?“ Weigere mich jedoch, darauf einzugehen. Man kann ja rausgehen, wenn ich lese. Macht mir nichts aus, auch vor leeren Sitzbänken und Stühlen zu lesen. Die sind geduldig, gähnen nicht und schlafen nicht ein, wenn ich lese. Gehen auch nicht mitten in der Lesung in den Tresenraum, um zu rauchen. Ich höre immer aufmerksam zu, wenn jemand liest, selbst wenn ich den Text todlangweilig finde. Ist ein andressierter Höflichkeitsmasochismus von mir, den ich in meiner Heimatstadt Wien erworben habe. Da wurde mir von Kindheit an eingebläut, sei immer nett und höflich zu den Leuten. Ist auf Dauer kaum auszuhalten, immer nett und höflich zu sein. Da stauen sich Aggressionen in einem auf. Die müssen irgendwann raus, sonst zerplatzt man oder bringt sich um. Kein Wunder, dass die Selbstmordrate in Wien so hoch und der Alkoholismus dort so stark verbreitet ist. Halte Lesebühnen ja auch nur aus, wenn ich einige Biere trinke. Würde es sonst nicht ertragen, was man sich da manchmal anhören muss. Würde mir aber auch nicht anders ergehen, wenn ich Zuhörer meines eigenen Mists sein müsste. Würde da noch viel mehr trinken, um das auszuhalten. Würde mir jedoch zu teuer werden, lese deshalb meinen Mist lieber selbst.

Man ist ja als Lesender Täter, und das geduldig zuhörende und am Schluss immer applaudierende Publikum macht sich der Mittäterschaft schuldig. Warum pfeift und buht es nicht, oder ruft „Aufhören!“, wenn ihm ein Text nicht gefällt? Wäre ehrlicher, als immer nur zu applaudieren. Man applaudiert ja sogar bei mir. Wahrscheinlich applaudiert man bei mir, weil ich ein alter Mann bin und so depressiv aussehe. Könnte ja der Großvater von einigen der hier Anwesenden sein, der depressive trinkende Opa. Vielleicht will man mir mit dem Applaus etwas Gutes tun. Vielleicht handelt es sich um ein kollektives Helfer-Syndrom des Publikums. Vielleicht denkt man: „Der arme Alte, nicht dass er sich am Nachhauseweg vor die einfahrende U-Bahn wirft, weil wir nicht oder zu wenig applaudiert haben.“ Habe ja manchmal tatsächlich Selbstmordgedanken. Wäre ja nicht der erste Schriftsteller, der Selbstmord begeht. Ist ja das reinste Hundeleben, das man als Schriftsteller führt, vor allem wenn man sein Leben lang unbekannt bleibt und bei keinem Verlag unterkommt, weil man keine normalen Geschichten schreibt, sondern nur verrücktes Zeug, das niemand lesen will. Man befindet sich ja außerhalb des literarischen Mainstreams, man ist ja ein verkanntes Genie. Ja, ja, ich sehe es euch geradezu an, was ihr jetzt denkt: „Bitte nicht schon wieder die Nummer vom verkannten Genie! Es ist nur peinlich, dass sich der Alte für so großartig hält.“ Gebe zu, da ist etwas dran. Befinde mich manchmal ganz oben in der Höh, der große einsame Verkannte, der erst nach seinem Tod berühmt werden wird. Aber mir bekommt die dünne Luft so hoch da oben nicht. Es folgt dann immer der Absturz, wo ich nur noch sagen kann: „Am liebsten wäre ich nicht geboren worden.“ Da höre ich eine Stimme, jedoch nicht aus dem Publikum, sondern in mir selbst: „Das kennt man ja schon, dass du am liebsten nicht geboren worden wärst. Das kommt ja in jedem deiner Texte vor. Das schreibst du ja sogar ins Anschreiben zu deiner jährlichen Steuererklärung fürs Finanzamt.“

Wer wagt es, so etwas zu sagen? Das kann nur mein innerer Kritiker sein, der mich fertig machen will, dem es Spaß macht, mich herunterzuputzen. Wenn ich dem nachts auf der Straße begegnen würde, dann würde ich ihm die Fresse polieren. Geht aber nicht, denn der sitzt in mir drin, hat es sich in meinem Oberstübchen bequem gemacht. Da müsste ich mir selbst die Fresse polieren. In so einem Stadium befinde ich mich zum Glück noch nicht, denn sonst würde ich jeden Tag mit zwei, nein drei blauen Augen herumlaufen. Man wird fragen: „Wieso mit drei blauen Augen? Wie soll das gehen?“ Meine Antwort: „Ach, das ist so eine sentimentale Reminiszenz an den wunderbaren Wiener Antiwiener Georg Kreisler und sein Lied Das Mädchen mit den drei blauen Augen.“ Man wird einwenden: „Aber du bist kein Mädchen, sondern ein alter Mann, und riechst auch nicht so frisch wie ein Mädchen, sondern riechst nach altem Mann.“ Meine Antwort: „Wer weiß, vielleicht steckt auch in einem alten Mann wie mir ein Mädchen, Geruch hin oder her.“ „Und welches Mädchen soll das sein?“, wird man fragen. Meine Antwort: „Auf jeden Fall ein renitentes Mädchen, wenn auch ein über 70-Jähriges.“ „Soll man jetzt statt Johannes Johanna zu dir sagen?“, wird man fragen. Meine Antwort: „Warum nicht? Die unheilige Johanna der Schlachthöfe oder besser gesagt der Lesebühnen, das wär doch was.“ „Aber Lesebühnen sind keine Schlachthöfe“, wird man einwenden. Meine Antwort: „Na, da bin ich mir nicht so sicher.“ Es folgt die Frage: „Und wer wird da geschlachtet?“ Meine Antwort: „Geschlachtet wird da in einem übertragenen Sinne, wenn man in Privatgesprächen nach einer Lesung über einen Autor oder eine Autorin herzieht, und dies durchaus nicht immer zu unrecht.“ Frage: „Kennst du denn jemanden, der so etwas macht?“ Auf diese Frage verweigere ich die Antwort, denn sonst müsste ich mich selbst denunzieren, und ich bin ja schließlich kein Denunziant.

Wie man aus dem Gesagten ersehen kann, bestehe ich aus einem Mehr-Personen-Haushalt. Da gibt es den übelgelaunten Autor, der glaubt, dass es sowieso nur Mist ist, was er schreibt, aber dennoch immer wieder an offenen Lesebühnen teilnimmt. Dann gibt es den von Wien Geprägten, den immer Netten und Höflichen, in dem sich aber vor lauter Nettigkeit und Höflichkeit ein Berg von Aggressionen aufgestaut hat. Dann den Trinker, der ohne Alkohol keine Lesebühne aushält. Dann den depressiven Alten, den das Publikum mittels Applaus vom Selbstmord abzuhalten versucht. Dann den Größenwahnsinnigen, der sich einbildet, ein verkanntes Genie zu sein. Dann den inneren Kritiker, der das angebliche Genie herunterputzt. Und schließlich noch das renitente alte Mädchen, die unheilige Johanna der Schlachthöfe, deren Schlachthöfe die Lesebühnen sind. „Da hast du ja eine nette Gruppendynamik in dir, mit der du klar kommen musst“, wird man sagen. „Da ist es auch kein Wunder, dass du so viel säufst. Da kann man ja nur saufen, um das auszuhalten. In deiner Haut möchte man nicht stecken.“ Meine Antwort: „Ich stecke aber nun mal in meiner Haut, und zwar lebenslänglich und ohne Ausweg.“

So, nach dieser noch sehr verharmlosenden Selbstdarstellung höre ich auf. Ich will euch ja nicht den Abend verderben. Erwarte selbstverständlich therapeutischen Applaus, damit ich nicht am Nachhauseweg mit dem Kopf voran gegen den nächstbesten Laternenpfahl renne. Wenn nach der Lesung in Privatgesprächen über heute aufgetretene Autorinnen und Autoren gelästert wird, verbitte ich mir zumindest eines: Über alle darf gelästert werden, gerne auch über mich, ja ich wäre direkt beleidigt, wenn man nicht über mich lästern würde. Nur über eine Person darf nicht gelästert werden. Ich sage nur Schopenhauer. Die Eingeweihten werden wissen, wen ich damit meine.

Schopenhauer, – Quatsch! -, ich meine natürlich Rolf, bringst du mir bitte ein großes Bier vom Fass?

© 2021 Johannes Morschl
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Die Macht des Geistes

Von Michael Kothe

Grenzenlos ist die Macht des Geistes. Darüber sind wir uns im Klaren spätestens seit wir um autogenes Training, den Placebo-Effekt, Telepathie, Telekinese und Levitation wissen. Beim autogenen Training funktioniert es. Am Nachweis eines anderen Aspekts ist mir heute gelegen: der geistigen Beeinflussung von Menschen – von zahlreichen Menschen! Ich übe, aber von meinem Standplatz aus ist es keine einfache Angelegenheit, meine Gedanken, meinen Willen auszurichten. Zu viele Beobachtungen, zu viele Erinnerungen buhlen mit meiner Konzentration um die nötige Aufmerksamkeit. Zumindest bemühe ich mich, die mir selbst gestellte Aufgabe zu erfüllen: für diese Menschen unsichtbar zu sein.
Im Schein der Nachmittagssonne stehe ich auf dem Balkon, der für einen französischen zu groß ist, aber auch nicht den Platz für Bistrostühle und ein Tischchen bietet. So drücke ich meinen Rücken an den sonnengewärmten Putz der Fassade und manipuliere durch das hüfthohe, weite schmiedeeiserne Geländer das Leben, das zwei Stockwerke unter mir pulsiert. Der Marktplatz liegt zu meiner Rechten am Ende der Fußgängerzone, mir gegenüber freuen sich die Betreiber der beiden Straßencafés über vollbesetzte Tische. All diese Leben beherrsche ich durch die Kraft meines Geistes, meines schieren Willens. Sie sehen mich nicht, für sie bin ich nicht existent. Unsichtbar könnte ich zwischen ihnen wandeln! Ich stelle mir vor, sie zu berühren, und sie würden sich umdrehen und verständnislos um sich glotzen, weil sie mich nicht wahrnähmen.

Einem meiner Opfer schaue ich nach. Ich hätte es besser nicht getan! Die junge Frau betritt den Marktplatz und wendet sich nach rechts aus meinem Blickfeld. Ich habe die Macht über sie verloren. Im Gegenzug erwischt mich eine im Moment unerwünschte Erinnerung.
»Guck mal, der ist ja nackt!«
Nicht des Märchens des Dänen Hans Christian Andersen entsinne ich mich. Nein, ich erfreue mich an dem Ausruf, beinahe unserem Schlachtruf. Wie oft hatten wir als Buben freitags Marktbesucher wie Standbetreiber gefoppt und sie durch den Ruf und unsere ausgestreckten Arme dazu gebracht, sich die Hälse zu verrenken! Einen Blick auf das Unerhörte, auf das Verwerfliche wollte jeder erhaschen.
Nach der Pubertät – wir waren älter, aber nicht unbedingt reifer – richteten sich unsere Scherze vom Unmoralischen und Verbotenen weg und zogen sich hin zu Statussymbolen. Stundenlang ergötzten wir uns an den Gesichtern von erschrockenen Fahrzeugbesitzern, die auf dem Supermarktparkplatz gerade unseren Zettel mit dem kurzen Text »Das mit dem Kratzer tut mir Leid« unter dem Wischer hervorgezogen hatten. Nun schlichen sie in gebückter Haltung um ihre Karossen und suchten verzweifelt den nicht vorhandenen Schaden. Handkanten wischten sanft über Straßenstaub und legten hier matten, dort blanken Lack bloß.

Recht überlegt hatte bei diesen Erlebnissen nicht unser Geist Macht über andere ausgeübt, vielmehr waren wir Diener und Gehilfen eines Geistes, der uns diese kindischen Ideen eingegeben hatte. Heute sollte das anders sein! Ernsthafter. Souveräner. Keinen Widerstand duldend.
Ich blicke auf die Menschen, die unter mir ihrem Tagwerk oder ihren Vergnügungen nachgehen oder nachjagen. Allein meine Konzentration beeinflusst und lenkt ihre Wahrnehmung, ihre Gedanken und ihr ganzes Tun. Nur fest daran glauben muss ich. Dummerweise bin ich selbst nicht gefeit gegen Störungen, gegen die Ablenkung meiner Gedanken vom Wesentlichen, das ich mir zur Aufgabe gemacht habe. Denn da ist sie wieder, die Assoziation. Beim Wort »bloßlegen« hätte ich beinahe aufgelacht, was ich mir aber nicht erlauben darf. Konzentration bitte! Sonst gelingt meine Übung nicht.
Dennoch: Eine Geschichte kommt mir in den Sinn.
An einem heißen Sommertag, wie auch heute einer ist, hatten auf einem Spaziergang ein Priester und ein Rabbi Erfrischung in einem Weiher gefunden. Für ihr ungeplantes Bad hatten sie keine Badehose verfügbar, und so standen sie danach mit ihrem blanken Gemächt am Ufer, als eine Gruppe Wanderer vorbeikam. Geistesgegenwärtig bedeckte der Priester seine Scham, wohingegen der Rabbi die Hände vors Gesicht schlug. Später fragte ihn der Priester: »Sagen Sie, Herr Amtsbruder, warum haben Sie nicht Ihre Blöße bedeckt?« Die Antwort kam prompt. »Meine Gemeinde erkennt mich am Gesicht.«
Ich muss an mich halten, um nicht loszuprusten. Contenance! Konzentration! Ich beiße mir auf die Lippe. Aber mein Gedankengespinst dehnt sich aus. Glaubwürdiger, weil nicht nur gelesen, sondern vom Betroffenen selbst gehört, scheint mir eine andere Begebenheit. Auch muss meine Erinnerung sich nur wenige Tage in die Vergangenheit bemühen.
Mein Abteilungsleiter hatte aus Anlass seines Sechzigsten zu einer Grillparty eingeladen. Ich stand in der Nähe eines Managers, der sein Erlebnis ohne den genossenen Alkohol sicherlich nicht preisgegeben hätte. An seinem Geburtstag war er allein, und so nahm er die Einladung seiner Sekretärin an, ihm ihre neue Wohnung zu zeigen. Stolz präsentierte sie ihm die Einbauküche, die neue Couchgarnitur und huschte dann ins letzte, nicht gezeigte Zimmer und zog die Tür hinter sich zu.
»Und als sie die Tür wieder öffnete, stand die halbe Teppichetage im Schlafzimmer und brachte mir ein Ständchen. Oh Gott, war das peinlich!«
»Wieso peinlich? Das war doch einen nette Überraschung.«
»Schon. Aber ich hatte bis auf die Socken nichts mehr an.«

Warum drehen sich meine Gedanken so intensiv um die nackte Männlichkeit? Oder soll ich sagen: um die männliche Nacktheit? Zwar kenne ich die Antwort, aber auch diese akademische Betrachtung kann ich nicht zu Ende bringen.

»Guck mal, der ist ja nackt!«
Der Ruf reißt mich endgültig aus meiner Konzentration. Mein manipulierender Wille erstirbt, ich beende meine mentale Übung und presse den Rücken fester an die Hauswand. Ein Königreich gäbe ich für ein Mauseloch! Nun kommt er unaufhaltsam auf mich zu und baut sich unheilschwanger vor mir auf: Der Augenblick, den mein Unterbewusstsein durch das absichtliche Hineinziehen der Peinlichkeit ins Lächerliche kleinzureden versucht hatte. Meine Konzentration ist fort, mein Geist schwächelt, die Menschen da unten habe ich nicht mehr im Griff!
»Guck mal, der Mann ist ja nackt«, wiederholt der Steppke, und nicht nur sein Vater schaut hoch. Passanten bleiben stehen und lassen ihre Blicke an der Fassade empor klettern. Frauen halten ihre Freundin am Arm und deuten mit der anderen Hand nach oben. An den Tischen der Straßencafés bleiben Münder offen stehen, Gabeln mit Brocken von Sahnetorten verharren in der Luft, und gefühlte tausend Augen durchdringen das weitmaschige Schmiedeeisen des Balkongeländers.
Ein Rückzug bleibt mir verwehrt. Selbst mein ach so mächtiger Geist findet hier seine Grenzen. Der Hausherr hat die Balkontür zugedrückt und den Klappriegel vorgelegt. Gerade streicht er im Schlafzimmer ein letztes Mal das Nadelstreifensakko auf dem stummen Diener glatt, bevor er seine Krawatte darüber hängt.
Meine Geliebte hat es leicht, ihren der Tageszeit unangemessenen Aufenthaltsort mit einer Migräne zu begründen und unter der dünnen Decke meine hastig darunter gestopfte Kleidung an sich zu drücken. Meine Konturen und die meiner prallen Männlichkeit hätte diese Decke jedoch nicht zu verbergen gewusst.
Längst schon ist in mir die Erkenntnis gereift, dass die grenzenlose Macht des Geistes dem Bereich der Märchen zuzuordnen ist. Meinem eigenen Geist ist es ein schwacher Trost zu wissen, dass all dies jedem widerfahren kann, der mitten im Liebesakt den Wohnungsschlüssel im Schloss hört und gleich darauf ein fröhlich gekrähtes »Liebling, heute bin ich früher zurück!«

© 2021 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

Die Erzählung ist ein Auszug aus der Sammlung von Kurzgeschichten »Quer Beet aufs Treppchen 2019/2020« des Autors (https://das-buch-quer-beet.jimdosite.com). Mehr Info dort oder auf der Autoren-Homepage https://autor-michael-kothe.jimdofree.com/mehr/my-stories/.

Ich war noch niemals in New York

Von Michael Kothe

Regen durchdringt meine Jacke. Wäre nicht Licht in der Küche im Erdgeschoss, könnte ich kaum die Müllcontainer unterscheiden, vor denen ich stehe. Bio- und Restmüll habe ich schon in die entsprechenden Tonnen gekippt, nun pendle ich zwischen Plastik und Altpapier. Durchs Fenster sehe ich den Nachbarn in der Küche auf mich zukommen.
»´n Abend noch!«, ruft er mir zu, bevor er das Fenster schließt und die Gardine zuzieht.
»Gleichfalls!«, murmle ich gegen die tote Glasfläche. Nun bin ich mehr aufs Tasten angewiesen, um die Papierschnipsel aus der Tüte zu ziehen. Als ich den Beipackzettel irgendeiner Medikamentenpackung vom Aludeckel eines Bechers trenne, kleben meine Finger. Yoghurt. Warum kann sie nicht Plastik und Alu vom Papier in zwei Tüten sortieren, worum ich sie schon tausendmal gebeten habe?
Sie. Mein Blick wandert an der Fassade nach oben. Zum zweiten Stock rechts. Das Küchenfenster ist dunkel. Die Reste ihres Mittagessens hatte ich mir dort warm machen müssen, wir haben in der Firma keine Kantine, und mit dem Abendbrot hatte sie nicht auf mich gewartet. Nur ein »Wieso kommst du jetzt erst?« bekam ich zu hören. Dass ein Kunde länger gebraucht hatte, ich den Bus noch verschwinden sah und dann eine halbe Stunde im Niesel stand, nahm sie nicht mehr wahr. Sie hatte sich schon umgedreht und war im Wohnzimmer verschwunden.
Ich schaue weiter nach rechts. Das Esszimmer neben der Küche ist etwas heller. Im Wohnzimmer endlich Licht. Es flimmert. Sie schaut »Aktenzeichen XY ungelöst«. Mir ist die Darstellung von Verbrechen und Gewalt zuwider, obwohl …
»Das ist wertvoll. Man kann viel daraus lernen.«
Wie ich sie durchs Fenster stoße? Und hinterher glaubhaft versichere, es sei ein Unfall gewesen? Einen Hinweis auf Fremdeinwirkung muss es ja nicht geben. Ich habe sie nie bedroht. Die Nachbarn könnten das bezeugen. Zwischen uns fällt nie ein lautes Wort, wozu auch, sie setzt ja doch immer ihren Willen durch.
Ein Beitrag fällt mir ein, eine Personenfahndung: Ein Mann wird vermisst. Seit Jahren. »Ich muss nochmal weg. Zigaretten holen«, soll er gesagt haben. Sein letztes Lebenszeichen. Wenn ich jetzt ginge? Wie viele Tage würde sie wohl warten, bis sie eine Vermisstenanzeige aufgäbe?
Zigaretten? Ich taste meine Jacke ab. Finde keine, die leere Packung habe ich ja eben entsorgt. Gewissenhaft getrennt nach Folie, Stanniol und Pappe. Aus meiner Hosentasche fummle ich mein Feuerzeug. Nutzlos ohne Glimmstengel. Ich schaue zur Straße. Der nächste Automat ist vorn an der Ecke, etwa 500 Meter weit weg. Kurzentschlossen stelle ich unseren Plastikmülleimer in den dunklen Hauseingang und gehe den Plattenweg vor zum Bürgersteig. Ich bin über mich selbst erstaunt: Nachdem ich mich nach rechts gewendet habe und das Haus im Rücken weiß, fühle ich mich seltsam unbeschwert. Ungewohnt frei. Eine Melodie schwingt über meine Lippen. Gesummt, denn ich kenne nicht den ganzen Text. Ich war noch niemals in New York. Ich war noch niemals …
Eigentlich war ich noch niemals irgendwo gewesen. Außer daheim. Und bei der Arbeit. Mein Bruder kommt mir in den Sinn. Älter als ich, ausgewandert in den Süden, seit Jahren in leitender Stellung in einer internationalen Gesellschaft. »Ich kann dich hier unterbringen,« hatte er mir angeboten, »anfangs kannst du bei uns wohnen.« Seine Frau war mir von Anfang an sympathisch. Optimistisch, dem Leben zugewandt, fröhlich. Er hatte Glück mit ihr. Ich schlucke. Das Angebot ist zu verlockend! Ob es noch gilt?

Suchend fahren meine Blicke über das Haus, vor dem ich unwillkürlich stehen geblieben bin. Über der Bäckerei wohnt ein Kollege aus einer anderen Abteilung. »Wenn du mal etwas brauchst, …« Einer der wenigen, mit denen ich mich angefreundet habe. Kaum habe ich der Gegensprechanlage mein Sprüchlein aufgesagt, ertönt das Klacken des Türöffners. Wie eine herzliche Umarmung empfängt mich die Wärme des Treppenhauses. Minuten später sitzen das Paar und ich vor dem Computer. Einen Flug zu buchen, ist so einfach. Heute kriegen wir aber nur eine Reservierungsanfrage zustande. Irgendein Serverproblem. »Weiß eigentlich dein Bruder Bescheid, dass du ihn besuchst?« Mir wird heiß, ich stottere. Sie versteht mich trotzdem. »Dann gib mir mal deine eMail-Adresse!« Ich habe keine. Wozu auch? Internet haben wir auch keins. »Das brauchst du nicht. Wenn du etwas mit Computern machen willst – du hast ja einen in der Firma.« Während seine Frau von ihrem Mail-Account aus tippt, steht mein Kollege auf, nach einer Minute kommt er mit zwei Dosen Bier zurück.
Nachdem sie meinem Bruder geschrieben hat und wir unser Bier getrunken haben, gehe ich wieder nach unten. Es hat aufgehört zu regnen. Ich fühle mich beschwingt, als ich die letzten Schritte zum Automaten gehe. Forsch reiße ich die Packung auf und lasse die Folie achtlos auf den Boden fallen. Die ersten Züge sind ein Genuss. Passend zu meiner Vorstellung. Im Geiste sehe ich mich schon in warmer, freundlicher Umgebung, mein Bruder, seine Frau und ich plaudern auf der Terrasse, über der Bucht leuchtet das Abendrot. Irgendwie kitschig, aber gleichsam romantisch und verheißungsvoll: Licht. Noch stundenlang, nachdem es hier schon dunkel ist. Meine Mundwinkel ziehen sich zu einem träumerischen Lächeln auseinander. Ich bin mal kurz weg. Die Zigarette ist aufgeraucht, beinah ohne, dass ich es wahrgenommen hätte.

»Wo warst du so lange?« Die Augenbrauen zusammengezogen, den Mund zu einer scharfen Linie zugekniffen.
»Mit dem Nachbarn von unten habe ich mich kurz unterhalten.«
Abwenden darf ich mein Gesicht jetzt nicht, sonst weiß sie, dass ich nur die halbe Wahrheit gesagt habe. Mein Magen verkrampft sich und zieht das Zwerchfell nach oben. Unhörbar presst sich ein Quäntchen Luft aus meiner Lunge. Die Träne über die Erinnerung an meine geträumte Selbstbestimmung muss ich vor ihr verbergen, um die Pein des stummen Verhörs nicht in die Länge zu ziehen. Fahrig fingere ich mein Taschentuch heraus, wickle mir einen Zipfel um den Zeigefinger und reibe übertrieben kräftig an meinem Augenwinkel, so, als müsse ich einen widerborstigen Fremdkörper zur Aufgabe zwingen.
Unverwandt hält ihr eisiger Blick den meinen über dem Stück Stoff gefangen. Ein triumphaler Ausdruck ihres Machtbewusstseins, das kein Aufbegehren zulässt.

Morgen werde ich die Reservierung stornieren und meinem Bruder absagen.

© 2021 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

Die Erzählung ist ein Auszug aus der Sammlung von Kurzgeschichten »Quer Beet aufs Treppchen 2020/2021« des Autors (https://das-buch-quer-beet.jimdosite.com). Mehr Info dort oder auf der Autoren-Homepage https://autor-michael-kothe.jimdofree.com/mehr/my-stories/.

Blicken wir vorwärts – immer nur vorwärts!

Von Michael Wiedorn

Die Menschen stellen sich ihm als feindliche Mauer entgegen sagt er. Der Bürger hat vor ihm Angst. Er ist der Fremde meint er. Jahrtausende alte Vorurteile umnebeln ihre Hirne. Bewusstlose Eidechsen aus der dunklen Nacht der Vorzeit. Sie brüten in sumpfigem Schlaf vor sich hin. Wir alle sind dazu verdammt in feuchten, schwarzen Verliesen zu verwesen und durch undurchdringliche Wildnis zu irren. Er stand zwischen Barrieren von den Mitmenschen errichtet. Seine ihm zugewiesene Zukunft erschien ihm wie standardisierte Fabrikabläufe. Die gewöhnliche Masse kann keine Fremden ertragen, die sie turmhoch überragen. Leuchttürme ragen in die Wolken und weisen den Schiffen den Weg. Künstler setzen sich von der Masse ab. Grölend marschiert die Masse mit hässlich verzerrten Fressen im Gleichschritt. Der Klempner greift tief ins Klo und wieder ins Klo. Der fade Bankkaufmann mit Kassenbrillengestell und Fettpolstern im mausgrauen Anzug vertrocknet zwischen Krediten und Zahlungsbefehlen. Robert trägt eine Hornbrille mit dicken, schwarzen Rändern wie sie progressive Intellektuelle tragen. Seinen kahl rasierten Schädel ziert eine Schiebermütze. Er nimmt sie niemals ab. Sie ist ihm als weiteres Organ angewachsen.
Müsste er die Mütze abnehmen, müsste ein Chirurg sie mit einem Skalpell wegoperieren. Udo Lindenberg und Joseph Beuys haben beziehungsweise hatten ihren sie ausmachenden Hut. Nachts schläft er mit seiner Kopfbedeckung und morgens steht er in Unterwäsche und mit Schiebermütze auf dem Hirn vor dem Spiegel und putzt sich die Zähne. Von seinem Hinterkopf hängt ein kümmerlicher Pferdeschwanz herab. Tagsüber trägt er ein abgetragenes, in besseren Tagen elegantes Jackett. Sein weißes Hemd darunter lässt er über die Hose hängen. Er würde sich immer weigern eine Krawatte zu tragen. Er litt schon immer unter der blanken Verachtung durch die Zeitgenossen. Entlassene aus dem Knast oder der Klapse landen nach ihrer Entlassung in der Obdachlosigkeit. Niemand hat ein Recht sich über seine Mitmenschen zu erheben. Alle Menschen sind gleich. Robert glaubt, dass viele ihn interessant finden. Er schreibt Kurzprosa und Gedichte, die er auf Lesebühnen vorträgt. Das Leben in den Großstädten in seiner brutalen Aktualität. Das unmittelbare Hier und Jetzt. Keine Schöngeisterei und keine seelische Nabelschau. Harte, von Empörung bittere Anklageschriften gegen die Kälte und Verrohung unserer Gesellschaft.
Robert lag bewusstlos in einer klirrend kalten Januarnacht auf dem Straßenpflaster. Dreck und Blut. Sie lachten. Schallendes Gelächter. Roberts gesunder, kräftiger Körper schrumpft zusammen und verwandelt sich in einen ausgemergelten Greisinnenkadaver. Eine traurige, böse Geschichte über eine traurige, einsame Rentnerin, deren zwergenhaft winzige Rente ihr nur gestattet sich von Hausstaub und Schmeißfliegen zu ernähren. Robert hält sich eine Greisinnenmaske vors Gesicht. Er spricht maskiert von sich selbst und spricht vom öden Alltag und der Verachtung alter Schachteln durch die sexgeile und ordinäre Gesellschaft. Robert spricht nie von sich und im eigenen Namen. Seht eure Schuld! Seht wie unschuldige Greisinnen an eurer Härte und Kälte zerschellen! Robert ekelt es von sich zu sprechen. Er spricht nur von sich. Über durch ihre Schüchternheit und Seelenzerbrechlichkeit unsichtbare Opfer. Hinter ihren sanften Mondgesichtern lauert die Rachsucht ihres Autors. Penner und entlassene Psychiatriepatienten spuken gespenstisch durch die diffus brüchige Wirklichkeit. Ihre wässrigen Blicke greifen nichts.
Robert ängstigt die unterwerfende Macht stierer Blicke, deren zudringliche Kraft ihm ein Feuer ins Gesicht brennt. Plump fleischige Leiber würgen ihm den Atem ab. Die schwitzenden Muskeln und Fettmassen von Metzgern.
Bei der Lesung sieht Robert vom Text auf und sein wandernder Blick sucht auf den Gesichtern des Publikums Anzeichen von Mitleid und Reue. Er meint, dass die etablierte Literatur mit müßigen Spielchen und Seelenbespiegelungen den bitteren Tatsachen des prosaischen Alltags ausweicht. Grau ist der Alltag. Grau und bitter. Die Worte sollen den Leser mit den bloßen Händen das Straßenpflaster anlangen lassen. Hier steht das Glas Bier. Man kann es packen. Man kann es greifen. Da steckt nichts dahinter. Es gibt keine Geheimnisse. Haben Sie Kafka gelesen? Haben Sie Büchner gelesen? Der Bürger spreizt sich vor Bildungsstolz. Der belesene Gockel spreizt sich, richtet seinen roten Kamm in die Höhe und kräht. Robert sieht keinen Sinn darin sich mit Verflossenem auseinander zu setzen. Er lebt in der grellen Helle der Gegenwart eingeschlossen wie ein ewig Neugeborener. Die Welt beginnt mit der Geburt jedes Menschen von Neuem. Die Vergangenheit ist verstaubt und tot und versinkt immer tiefer in den vermoderten Verliesen des gottlob Vergessenen. Man soll seine Lebenszeit nicht mit Überflüssigem und Nutzlosem vergeuden. Der Massenmensch sucht in seiner erbärmlichen Schwäche Halt in Ammenmärchen und Anweisungen, die ihm sagen, wer er ist und was er zu tun hat. Robert ist der Urheber seiner Härte etwas Bitteres lag. Der Strafgefangene zog sich gehorsam unter den Augen einer Masse wildfremder Zuschauer aus. Die Luft war feucht vom Speichel der opfergeilen Beamten. Staat und Gesellschaft müssen Blutopfer dargebracht werden. Das Objekt bückte sich und bot den lauernden Blicken der Beobachter seinen unterwürfigen Arsch an. Er sah nur auf seine Schuhe, die er eben ausgezogen hatte und ihm war es, als würden sich Tausende hasserfüllter Augen in seinen Körper brennen. Gebückt und am ganzen Leib zitternd zog er seine Unterhose die nackten Beine herab. Sie machten ihn hier zum Schwein. Sie erniedrigten ihn hier zur hilflosen Sau, die der Metzger abstechen wird. Stumm und demütig. Als er vollständig ausgezogen war, knallte ihm ein Schlagstock blitzartig in die Magengrube. Verrückt vor Schmerz brüllte und stürzte er zusammen. Ein explodierender Knall in die Fresse. Der Vater schlug zu, bis das Fleisch aus den aufgerissenen Arschbacken ins Freie blickte. Vaters Gesicht glühte vor Eifer und Freude. Schweine werden geschlachtet. Auf dem Betonboden liegt ein atmendes Schwein in der Lache. Die Beine zappeln vergeblich in der Leere. Die Augen blicken nirgendwohin. Der Tod wird die alles erfassende Leere sein. Der Erzeuger in blutverkrusteter Gummischürze erhebt das Beil. Seine Augen liegen tief in den Höhlen. Ein harter Schlag.
Der Sohn ist jetzt ein lächerlicher Krüppel. Ein blindes Auge blickt und sieht nirgendwohin. Der leere Blick eines Toten. In Bus und Bahn wird man ihm mit schlecht verhohlener Häme Platz anbieten. Ein Frühvergreister. Die Kraft und Unbefangenheit junger und gesunder Körper sind ihm geraubt worden. Er wird als verkrüppelter Bettler auf dem Straßenpflaster kauern und flehentlich die Hand ausstrecken. Ein Unfall hat Waden und Füße weggerissen. Die dünkelhaft kalten Blicke des Richters, des Staatsanwaltes, der Schöffen, der Justizvollzugsbeamten musterten ihn zudringlich, bis sie ihn unter der Kleidung in seiner nackten Hässlichkeit wahrnahmen. Bei der Urteilsverkündung mussten alle aufstehen zur Ehrung des hohen Gerichts. Die hündische Schnauze mit durch das Alter verdorrten Lippen sprach mit eisiger, seltsam hoher Fistelstimme das Urteil. Die von Gleichgültigkeit leblosen Augen waren faulende Schmutzpfützen. Der Greis hätte viel lieber ein Todesurteil ausgesprochen und wäre gerne bei der Urteilsvollstreckung zugegen gewesen. Er war niemand, der selbst Hand anlegt. Er war niemand, der sich die Hände schmutzig macht. Er verurteilte aufs Härteste jede Gewalt. Der Macht des vergreisten Richters war der von jugendlicher Kraft blühende Angeklagte blind ausgeliefert. Der Richter verurteilte den Angeklagten zur unverzüglichen Einschrumpfung und Ausdörrung. Die Justizvollzugsbeamten setzten dem Verurteilten unverzüglich Schröpfköpfe an. Die überwältigende Macht der Vergreisung.
Der überführte Verbrecher will seine Vergangenheit wie ein verschlissenes Hemd ausziehen und sich in ein neues Ich wie in einen neuen Anzug kleiden. Einen Anzug wie ihn solide Geschäftsleute tragen. Vielleicht auch ein Kostüm wie es Künstler zur Schau stellen. Künstler, die schon einen Namen haben, aber doch umstritten sind. Der Richter und der Staatsanwalt werden ihm begegnen, ihn kurz anblicken und in der Kürze des Augenblicks als Mann, der es auf seine Weise auch zu etwas gebracht hat, einschätzen. Ein ernstzunehmender, junger Mann, auch wenn man dessen moderne und etwas zu kühnen Ansichten nicht teilt. Der Häftling wird von seiner Vergangenheit und allem Dreck gereinigt sein. Statt der düsteren Erinnerungen ein klinisch sauberes Weiß im Schädel. Er war bis jetzt eine Wiederkehr seines Vaters. Er versuchte anders als sein Vater zu sein und wurde vom Hass seines Vaters gefangen gehalten. Die Marionette in der Hand des Vaters schlug den Kunden zusammen, nicht Robert. Der Hass des Vaters hat die Gestalt seines Sohnes wie eine willenlose Schachfigur zwischen die rülpsenden und schwitzenden Sträflinge versetzt. Es war nicht Robert, der im Knast saß. Die Gesellschaft und die Väter erschaffen die Kriminellen als ihr hässliches Spiegelbild. Robert liebt den Frieden und die Menschen. Der Mensch ist gut. Die Liebe zum Leben und zum Anderen führen den Menschen zu sich selbst. In seinem Bewusstsein betäubt die Vernunft seine kranken Erinnerungsbilder. Jeder sollte im Hier und Jetzt leben.
Seine Texte kommen ganz aus ihm selbst. Er hatte nie Vorbilder. Er weigert sich sogenannte große Literatur zu bewundern. Dieser Selbstgebärer kennt nicht einmal die Autorennamen, die man kennen sollte. Er gebiert sich selbst aus seinem Herzen.
Einmal in der Woche singt er im Kirchenchor. Ein moderner Chor. Die Mitglieder würden sich weigern düstere Choräle zu singen. Kein Bach, keine Gregorianik soll durch todestrunkene Kathedralen hallen. Nie wieder wird irgendeine mystische Nacht die düsteren Weiten des Kirchenschiffes verfinstern. Kein blutüberströmter Christus soll mit hysterisch zum Himmel verdrehten Augen an irgendeinem Kreuz oder Galgen baumeln. Heiterkeit und Frohsinn!
Gospelsongs und Jazzmessen in weiß übertünchtem, von der milden Sonne der Mitmenschlichkeit aufgeheitertem Gotteshaus. Sie lächeln und lächeln ihre hart erarbeitete Fröhlichkeit in die Welt, damit jeder an das Gute glaube. Schweißperlen treten ihnen auf ihre faltigen, ausgetrockneten Stirnen, um mit der heutigen Zeit mitzuhecheln. Sie fürchten sich zum alten Eisen gezählt zu werden. Frau Pastorin erzählt immer wieder während der Proben zur Auflockerung kleine, ganz unschuldige Witzchen und es besteht dann Veranlassung zu fröhlichem Gelächter. Werdet wie die Kinder! Sie lachen lustig mit Lätzchen umgebunden ohne Wissen von einer belastenden Vergangenheit. Sie leben im Frieden. Glaubt Robert an Gott? Gott ist der Frieden. Gott ist die Behaglichkeit. Jeder kann den Begriff „Gott“ mit anderem Inhalt füllen.
Eine Eisentüre wird lärmend aufgeschlossen werden. Ein riesiger Gefangenenwärter wird die sprengbereite Kampfkraft eines neu eingelieferten Sträflings ins ewige Dunkel der Mauern führen. Die Visage des Neuen wird von einer zertrümmerten Nase und noch roten Schnittwunden entstellt sein. Häftlinge brauchen kein eigenes Gesicht mehr. Sein seit seiner Geburt stetig genährter Hass hat seine blauen Augen zu Metall gehärtet. Sein starrer Blick wird seinen Feind durchdringen und den Leib aufreißen, bis das Gekröse heraushängen wird. Die abgebildeten Gedärme sind blassgelb, flammend rot und faulend grün gefärbt. Man wird den Verbrecher wie einen urzeitlichen Säbelzahntiger von den braven Mittmenschen weg sperren müssen. Sein eisern gestählter Körper wird sich in die Bilder auflösen, die auf seine Haut eintätowiert sind. Ein Adler aus der brennenden, roten Sonne jagt auf hilflos blökende Schafe herab, die auf dem heimtückisch bewegten Mäuschen am zuschlagenden Bizeps zittern und beben. Das Papier des Heftchens löst sich in der Pfütze auf. Robert sieht es als unter seiner Würde so etwas in seine Hand zu nehmen. Er glaubt nicht an Zeichen.
Ein von Dankbarkeit mildes Altfrauengesicht blickt lächelnd vom Rollstuhl zu Robert auf. Er hat in seinem Leben endlich den richtigen Weg eingeschlagen. Sein Gesicht ist heute so flach und leer von allem Ausdruck wie die Gesichter von Säuglingen. Robert hat seine Vergangenheit vergessen und ist heute trotz unzähliger, geschwätziger Worte stumm.

© 2021 Michael Wiedorn
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Ich erblicke mich im Spiegel

Von Michael Wiedorn

„War heute viel los?“ – fragt der Herr an der Theke. Der Barkeeper, ein blonder Mann, nicht mehr ganz jung, blickt dem Gast mißtrauisch in die Augen. „Heute ist Montag. Da ist bei uns nie viel los.“ Der Barkeeper legt keinen Wert auf Gespräche mit seinen Gästen. Warum unterhält sich der Herr nicht mit der jungen Dame, die mit ihm zusammen gekommen ist? Langes, rotes Haar.
Rothaarige stoßen den Angestellten eigentlich ab. Beide Gäste sind erheblich jünger als er selbst. Sie sind knapp über dreißig. Die Frau trägt ein rotes Kleid. Ihre bleiche Haut. Sie ist ein keltischer Typ. Häßliche, sommersprossige, rothaarige Schulkinder in ihren korrekten Schuluniformen. „Habe ich neulich in einer Illustrierten gelesen. Saftig grüne Wiesen und immer regnet es“ – fällt dem Kellner ein. Die junge Frau hier in der Bar ist kühl distanziert. Sie ist kalt. Ihre fast strahlend weiße Haut ist ein Überzug aus Frost. Diese Distanz. Eine blendend weiße Göttin auf dem Podest. Der Barkeeper denkt, ob ein heftiger Schlag ins Gesicht ihr das Blut heraus triebe. „Ihr Partner beobachtet mich“ – denkt der Bedienende. „Er belauert mich. Ein gut aussehender, junger Mann, den die Frauen lieben. Elegant angezogen. Scharf geschnittenes Gesicht. Teuren Hut, Krawatte, Anzug. Die Beiden haben den ganzen Laden im Blick. Die Augen des jungen Mannes folgen jeder meiner Bewegungen. Die Beiden unterhalten sich garnicht miteinander. Nur ihr schweigender Blick schweift über die Wände und Möbel der Bar. Niemand und nichts kann ihrem Blick entgehen. Ich spüre ihre Unruhe, die sie sich nicht anmerken lassen wollen. Nichts falsch machen! Nur ruhig bleiben! Außer den Beiden und mir sitzt noch ein Mann mittleren Alters auch in Hut und Anzug an der anderen Seite der Theke. Grobe Gesichtszüge. Er ist Stammgast und kommt immer kurz vor Ladenschluss. Er brütet immer alleine vor sich hin. Starrt vor sich hin und kippt einen Whisky nach dem Anderen in sich hinein. Er ist einsam. Sicher ist er einsam. Eine stabile Festung nur für sich alleine. Er läßt den ganzen Tag an sich vorbei ziehen. Er bestellt einen neuen Drink, in dem er nur wortlos das Glas erhebt und mich dabei eindringlich anstarrt. Wenn er sich spät in der Nacht erhebt um nach Hause zu gehen und zu zahlen und plötzlich mit seinem Baß etwas brummt, erschrecke ich immer, als wenn eine Schaufensterpuppe anhebt zu sprechen. Um Gottes Willen darf man ihn nicht ansprechen – denke ich mir immer. Ein Mann für sich, der selbst weiß, was er will. Die Bar ist überstrahlt von hellen Leuchtröhren. Die Straße draußen ist in tiefstes Dunkel getaucht. Einsamkeit und Düsternis. Das Licht hier drinnen ist kalt und stellt jeden hier drinnen in klarster Deutlichkeit und Hässlichkeit bloß. In den Läden in dieser Straße liegen keine Waren mehr aus und die Schaufensterpuppen verstauben. Sie alle machen hier pleite. Die Rothaarige in ihrem roten Kleid stelle ich mir zu einer gut erhaltenen Leiche erstarrt vor. Man stellt sie in ein leeres Schaufenster und wagt es sie auf ihre geschminkten Lippen zu küssen. Frost gefriert meinen Mund und läßt meinen ganzen Körper versteifen. Ihr Begleiter blickt mich mißtrauisch an. Vielleicht ballt er die Faust? „Vor einer Woche ist in einer Nebenstraße gleich in der Nähe eine junge Frau zum letzten Mal gesehen worden. Sie ist als vermißt gemeldet“ – höre ich ihn sprechen. Er starrt mich an und beobachtet meine Miene und meine Gesten. Ich spüle ein Glas und kämpfe mit dem Tuch gegen die Hartnäckigkeit eines Flecken. „Die meisten Läden in dieser Straße sind nicht vermietet. Einige sind mit Brettern vernagelt“ – sage ich. Die Beiden sind Bullen. „Vielleicht ist sie verreist oder hat eine Liebschaft“ – sage ich vor mich hin und merke garnicht, daß ich laut spreche. Die Frau starrt mich zornig an und läßt die Luft in der Bar zu Eis verhärten. Im undurchdringlichen Schwarz draußen wird man leicht verschluckt und taucht nie wieder auf. Unter den Asphalt unter der Erde. Wir sind hier in strahlender Helligkeit nicht verloren. Draußen breitet sich die Nacht aus und man verliert sich in der unüberschaubaren Masse der Straßen. Die Stadt ist lichtlos und groß und die Welt dehnt sich ins Unendliche aus. In der Mitte eines Labyrinthes tobt ein wildes Tier. Bei Geschäftsschluß wird mein Herz beim Lichterausschalten und beim Türenabschließen pochen. Ich muß dann hinaus, raus ins Unübersichtliche und Wirre. Ich blicke in den Spiegel. Der andere Gast – der immer stumme Stammgast – erhebt tonlos sein Glas und schaut mich erwartungsvoll aus seinen glasigen, stumpfen Augen an. Er ist ein trauriges, besoffenes Tier, das bei Eintritt in die Bar seine Tiergestalt abgestreift und sich als Mensch maskiert hat. Sein Hut sitzt schief. Seine Augen sind klein und erinnern an Schweinsaugen. Er kneift seinen Mund verkrampft zusammen, als hätte er Mühe ihn nicht schlaff herunter hängen zu lassen. Seine Haltung ist gewollt aufrecht, als würde er seine ganze Willenskraft zusammen nehmen gegen die schleichende Müdigkeit des Suffs. In mir spüre ich Verachtung ihm gegenüber. Das Licht stellt ihn bloß. Im Spiegel erblicke ich meine Gestalt, die sich müde aufrecht hält. Ein trauriger, alter Mann mit immer der selben Charaktermaske, die jeden Abend und jeden Abend seine gähnende Leere versteckt. Eine traurige, vereinsamte Kreatur, die nicht wortkarg ist oder schweigsam, sondern ganz einfach nicht sprechen kann. Ein hilflos brüllender Ochse. Ein Tier aus dem dunklen Wirrwarr eines Waldes hält sich an der Theke fest, hebt das Glas und wird gleich rülpsend und gierig den Whisky aus der Tränke schlürfen. Das arme Rind wird später traurig und abgetrennt von allem Getier einsam durch die Straßen irren und nie irgendwo ankommen. Ich fülle das Glas des Bedauernswerten und stelle es vor ihn hin. Er prostet mir zu und sein Gesicht versucht mir zuzulächeln. Seine Oberlippen erheben sich etwas und lassen seine Zähne sehen.
Seine Gesichtsmuskeln zucken leicht angestrengt und sacken gleich zusammen. Hätte ich ihn, seit er uns mit seinen allabendlichen Besuchen beehrt, angesprochen, wäre sein sein ganzes Leben aufgestautes und wortloses Leiden auf mich nieder geprasselt. Sein ganzes Lebenselend. Der frühkindliche Verlust der Eltern, der Betrug seiner Frau, Gefängnisaufenthalt, Obdachlosigkeit. Geistige und seelische Obdachlosigkeit. Der Verkehr zwischen den Menschen klappt, solange sie voreinander Masken tragen und sich nicht ihr krankes, wundes Fleisch vor die Nase halten. Dieser Abend hat es gezeigt. Der Mann steht mit seinem gefüllten Whiskyglas da, setzt sich nicht wie sonst, sondern steht da und glotzt mich an. „Is was?“ – höre ich. Seine Schweinsaugen funkeln böse. Er spürt selbst, daß er vor mir sein Gesicht verloren hat. Seine Augen blitzen – erhitzt vom Whisky und rachsüchtigem Zorn. Ein vor Gier heißer Stier reißt den starren, weißen Körper einer Rothaarigen auf. Ein Messer liegt in meiner feuchten Hand. Ich bin starr vor Angst und heil und unversehrt. Ich höre die Stimme des Barkeepers, die den Betrunkenen der Gaststätte verweist und ihm klar macht, daß sein künftiger Besuch nicht erwünscht sei. Der Mann verläßt, nachdem er das Glas ausgetrunken hat, widerspruchslos die Bar. Das Paar an der Theke steht ebenfalls auf, als hätten sie auf den Aufbruch des Betrunkenen gewartet. Der junge Mann bezahlt und beide verabschieden sich. Sie haben den Zorn des Besoffenen gesehen. Das Tier im Spiegel. Der Barangestellte ist jetzt alleine und er fühlt ohne die Anwesenheit anderer Menschen seine Verlassenheit. Er löscht das Licht. Er steht ganz einsam in der Leere und hört den schweren Atem des Rausgeschmissenen.

© 2021 Michael Wiedorn
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Durchschlag

Von Monika Jarju

Die Stahlkugel durchschlug geräuschlos den Fußboden. Ich starrte verdutzt auf das Loch. Dann ging ich hinunter in den Keller, wo zwei Männer, vielleicht waren es Mönche, auf dem sandigen Zementboden saßen und beteten. Ich entdeckte eine Vertiefung im Sand und fragte den einen, wo die Kugel aufgeschlagen wäre. Er deutete auf die Kuhle. Ich trat näher, dann sah ich das Loch. Die Kugel hatte den Kellerboden durchschlagen. Wie besessen fing ich an zu graben. Im Nachhinein erscheint mir die Sache unbegreiflich. Ich hatte nicht die geringste Ahnung von der ungeheuren Schlagkraft, als der Freund meine Stahlkugel in die Hand nahm – ihr Durchmesser betrug 10 Zentimeter – und sie mit Wucht auf die Dielen warf.

©2021 Monika Jarju
Alle Rechte vorbehalten

Sich was trauen

Von Silke Borchardt

Das Schwimmbecken sieht von hier oben sehr türkis aus. Und sehr weit weg. Fünf Meter. Es sieht nach viel viel mehr aus. Ihr wird ein bisschen schwindlig, als sie an die vordere Kante des Springturms tritt. Unten sieht sie den Jungen auftauchen, der eben vor ihr runtergesprungen ist. Er taucht aus dem Wasser auf und wischt sich prustend die Haarsträhnen aus dem Gesicht. Seine Freunde am Beckenrand johlen. Sie geht ein paar Schritte zurück. Unter ihren Füßen spürt sie den warmen Betonboden. Nervös reibt sie die Zehen gegeneinander.
„Na, Schiss gekriegt?” Erschrocken blickt sie auf. Sie dachte, sie wäre allein hier oben. Am Metallgeländer ihr gegenüber lehnt ein Junge, ein paar Jahre älter als sie, vielleicht dreizehn. Er ist ziemlich blass, aber der Sommer fängt ja auch gerade erst an. Genau genommen ist heute der erste Tag überhaupt mit Freibadwetter. Sie senkt schnell wieder den Blick, schüttelt den Kopf. „Is‘ gar nicht so hoch, wie‘s ausschaut.“ sagt er. „Man is‘ schnell unten.“ Sie wirft ihm einen schüchternen Blick zu. „Bist du schon oft gesprungen?“ Eine vage Handbewegung, die vieles bedeuten kann. Erstaunt sieht sie, wie der Junge aus dem Bund seiner Badehose ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug herausfummelt. Frischer Tabakqualm weht zu ihr herüber. Sie runzelt sie Stirn. Er ist doch viel zu jung zum Rauchen und überhaupt, in der Badehose wird doch alles nass. Sehr sonderbar. „Wie heißt du?“ traut sie sich zu fragen. „Lila.“ „Lila? Das ist doch kein Name!“ fährt es ihr heraus. „Ach nein?“ Er mustert sie von oben herab. „Heißt‘n du?“ „Inken.“ „Inken? Wie hinken? Na klar, das ist natürlich viel besser.“ Er hebt spöttisch eine Augenbraue und ascht über das Metallgeländer. Sie verflucht sich innerlich. Hätte sie bloß nichts gesagt. Sie weiß doch, was passiert, wenn ihr Name zur Sprache kommt. Seit sie vor zwei Jahren hierhergezogen sind, weil ihr Vater versetzt wurde, hat sie reichlich Spott zu hören bekommen. Hinken war davon noch das Harmloseste. Kurz denkt sie an das Freibad, in dem sie schwimmen gelernt hat, zusammen mit den anderen Kindern aus ihrer Siedlung. Sönke hießen die, Gesche und Björn. Völlig normale Namen, fand sie. Bis sie umgezogen sind in eine Stadt, in der die Kinder Ludwig heißen oder Evi. Und die sich darüber lustig machen, wie sie spricht.
„Und? wirste dich trauen?“ Lila blickt sie ernst und interessiert an. „Ich hab mal von ‘nem Jungen gehört“, fährt er fort, „der Angst gekriegt hat und die Leiter wieder runtergeklettert ist. Dann is‘ er abgestürzt und war tot.“ Inken guckt ihn erschrocken und zweifelnd an. „Echt, das stimmt. Ich hab‘s in der Zeitung gelesen.“ Sie spürt ihr Herz pochen. Hätte sie sich doch bloß nicht in diese Lage gebracht. Sie wirft einen Blick hinunter auf die Liegewiese und sieht dort die zwei Jungen aus ihrer Klasse stehen. Der eine boxt dem andere gerade in die Seite. Der rempelt zurück. Sie meint, das Gackern der beiden bis hier herauf zu hören. Kein Mädchen aus der Klasse würde sich trauen, vom Fünfer zu springen. Ach was, sie doch? Das solle sie mal beweisen. Respekt (bei ihnen klang das natürlich wie „Reschbekt“). Inken witterte ihre Chance. Und jetzt steht sie hier oben und traut sich eben doch nicht.
„Soll ich dich schubsen?“ fragt Lila. „Dann isses beim ersten Mal einfacher.“ „Auf keinen Fall!“ Allein bei der Vorstellung kriegt sie sofort ein ganz merkwürdiges Gefühl im Magen. „Weißt du, je länger du nachdenkst, desto schwieriger wird‘s. Ich schlag vor, wir setzen uns vorn zusammen an die Kante. Dann zählen wir bis drei und du springst. Is‘ echt kein großes Ding.“ Er schnippt die Zigarettenkippe über die Brüstung. Denkt er eigentlich überhaupt nicht drüber nach, dass da unten jemand stehen kann, der das Ding auf den Kopf bekommt? Offenbar nicht.
Sie sitzen nebeneinander hoch über dem Becken. Sie legt ihre Handflächen aneinander. Sie sind eiskalt und klebrig vom Schweiß. Lila neigt sich zu ihr herüber. Ihre Schultern berühren sich. „Schaffst du locker“, raunt er ihr zu. „Zeig‘s den kleinen Pissern da unten.“ Sie kichert. Dann holt sie tief Luft. Eins. Zwei. Drei. Sie stößt sich mit den Händen ab und spürt, wie sie fällt. Früher als erwartet, durchschlägt sie die Wasseroberfläche. Ein Brennen unter den Fußsohlen. Die Wucht des Aufpralls zerrt an ihrem Badeanzug. Es rauscht in ihren Ohren. Der Boden des Beckens. Sie stößt sich ab und ist mit ein paar Zügen wieder oben. Sie schwimmt zum Rand.
Ludwig und Cornelius kommen angelaufen. „Mann, Inken, das hat ja ewig gedauert. Wir dachten, du bringst es nicht.“ Sie lacht fröhlich und befreit. „Hab noch jemand getroffen.“ „Echt? Wir haben nur dich gesehen. Ich hatte Schiss, dass du wieder runterkletterst. Kennst du die Geschichte von dem Kind, das beim Runterklettern abgestürzt und gestorben ist?“ Inken verdreht die Augen. „Jetzt ja.“ Sie wirft einen Blick hinauf zum Fünfmeter-Brett. Der Junge, der vor ihr gesprungen war, ist schon wieder da. Sonst niemand.
Sie stemmt sich am Beckenrand hoch. „Ich hol‘ mir was vom Kiosk. Kommt ihr mit?“ Als sie über die Wiese läuft, hat sie das Gefühl zu schweben. Es riecht nach Heckenrosen, Sonnencreme und Pommes Frites. Ludwig und Cornelius haben ein bisschen Mühe hinterherzukommen. Am Spind nimmt sie ein paar Münzen aus ihrer Geldbörse. Aus dem Augenwinkel sieht sie plötzlich Lila. Er guckt um die Ecke und zwinkert ihr zu. Dann reckt er seinen Daumen in die Höhe und verschwindet wieder. Sie grinst in sich hinein. Beim Büdchen wird sie heute zum ersten Mal das teure Eis mit der vielen Schokolade nehmen. Das hat sie sich verdient. Sie ist zehn Jahre, und der Sommer verspricht, gut zu werden.

© 2021 Silke Borchardt
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Haderer

Von Johannes Morschl

Berlin, Dienstag 28. April 2020, kurz vor Mitternacht. Haderer sitzt in seinem Wohnzimmer, raucht eine selbstgedrehte Zigarette und trinkt ein Gläschen Wodka. Er blättert in einem Taschenbuch mit den Aphorismen von Karl Kraus herum und bleibt an einem Aphorismus hängen: „Ich und das Leben: Die Affäre wurde ritterlich ausgetragen. Die Gegner schieden unversöhnt.“ Er sagt: „Wie würde ich das für mich formulieren? Vielleicht so: Ich und das Leben: Die Affäre war ein einziges Missverständnis. Wir lebten aneinander vorbei.“

Berlin, Mittwoch 29. April 2020, früher Nachmittag. Haderer sitzt in seiner Küche, trinkt schwarzen Kaffee, raucht eine selbstgedrehte Zigarette und liest die Berliner Zeitung. Er hat gerade einen Artikel über ein Spiegel-Interview mit dem ehemaligen Intendanten der Berliner Volksbühne Frank Castorf gelesen. Er sagt: „Die mokieren sich in der Zeitung über Castorf, weil er in dem Spiegel-Interview gesagt hat, er fühle sich durch die von der Regierung verordneten Beschränkungen der Grundrechte in seinen Bürgerrechten verletzt. Er verbitte es sich, dass man sich Sorgen um ihn mache. Er sei nicht bereit, gerettet zu werden. Er wolle sich nicht von Frau Merkel mit weinerlichem Gesicht sagen lassen, dass er sich die Hände waschen soll. Das beleidige seine bürgerliche Erziehung. Zu Letzterem fällt mir ein: Ich komme zwar aus einer Arbeiterfamilie, aber da hat man sich auch die Hände gewaschen. Ich mache das sogar noch heute, ja nicht nur das, ich gehe fast jeden Tag unter die Dusche. Ansonsten möchte ich zu Castorf kommentieren: Ich bin zwar auch kein Freund von Zwangsverordnungen, aber die Verordnung mit dem Abstandhalten finde ich bezüglich einiger Zeitgenossen gar nicht so schlecht. Ja, von so manchen würde ich mir einen Abstand von nicht bloß anderthalb bis zwei Metern wünschen. Das wäre mir viel zu nahe. Zehn Kilometer würden mir vielleicht reichen.“

Berlin, Samstag 2. Mai 2020, vormittags. Haderer sitzt an seinem Schreibtisch, trinkt schwarzen Kaffee und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Er hat noch vom Vortag eine kleine Spieldose vor sich stehen, die er immer am 1. Mai aus einer Schublade hervorholt. Sie ist so etwas wie sein 1. Mai-Fetisch. Auf der Vorderseite der Spieldose sieht man einen jungen Mann mit einer wehenden roten Fahne, links von ihm Rosa Luxemburg und rechts von ihm Karl Liebknecht. Darüber steht in roter Schrift: DIE INTERNATIONALE. Wenn man die Kurbel der Spieldose dreht, ertönt die Melodie der Internationale. Haderer spielt dreimal hintereinander die Melodie der Internationale, wobei er die Kurbel immer langsamer dreht, sodass die Pausen zwischen den einzelnen Klängen immer länger und länger werden. Danach sagt er in bedächtigem Ton: „Am 2. Mai ist der 1. Mai vorbei.“ Er legt die Spieldose in die Schublade zurück.

Dann versinkt er in Erinnerungen an die Zeit um 1968 in seiner Heimatstadt Wien. Er sagt: „Habe damals keine Demo ausgelassen, ebenso keine Gelegenheit für Sex mit einer Frau. Bei beiden hatte ich aber so meine Befürchtungen. Vor einer Demo hatte ich die Befürchtung, dass außer mir niemand kommen würde. Und nach dem Sex mit einer Frau hatte ich die Befürchtung, dass es zu einer Zweierbeziehung kommen könnte. Die erste Befürchtung war unbegründet, da sich immer zumindest eine Handvoll Leute bei einer Demo einfand. Die zweite Befürchtung erwies sich jedoch manchmal als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Meine Zweierbeziehungen hielten aber nie lange, da ich nur ein Verhältnis mit mir selbst hatte, und das war allein schon für mich kaum auszuhalten, geschweige denn für meine Partnerinnen.“

Berlin, Donnerstag 7. Mai 2020, etwa eine Stunde vor Mitternacht. Corona hat noch immer Hochkonjunktur. Es ist die große Zeit der Virologen, von deren Existenz man vorher kaum etwas gewusst hat. Haderer sitzt in seinem Wohnzimmer und singt in Anlehnung an die Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht, Musik von Kurt Weill:

„An der Spree grauem Wasser
Fallen plötzlich Leute um!
Es ist weder Pest noch Cholera
Doch es heißt: Corona geht um.“

Danach sagt er: „Dachte ja immer, als Raucher sei man besonders gefährdet, wenn sich’s der Virus an der Lunge gütlich tut. Hat man jedenfalls bisher immer behauptet. Jetzt vermutet man aber in Frankreich genau das Gegenteil. Möglicherweise habe Nikotin eine gewisse Schutzwirkung gegen Corona. Diese Vermutung beruht auf der geringen Anzahl an Rauchern unter den Corona-Patienten in den Kliniken. Dachte mir zuerst, dies sei von der französischen Zigarettenindustrie in die Welt gesetzt worden, da man einen Rückgang des Absatzes befürchtete. Wird jedoch von statistischen Studien aus anderen Ländern bestätigt. Na, wenn ich ein Coronavirus wäre, könnte ich mir auch etwas Leckereres vorstellen, als eine Raucherlunge zu befallen.“ Er dreht sich eine Zigarette und gießt sich ein Gläschen Wodka ein.

Berlin, Sonntag 10. Mai 2020, vormittags. Haderer sitzt an seinem Laptop, raucht eine selbstgedrehte Zigarette und trinkt schwarzen Kaffee. Er studiert im Internet die aktuelle Berliner Corona-Statistik des Robert-Koch-Instituts: 6.261 registrierte Infizierte, 19 mehr als am Vortag, und 165 Todesfälle, einer mehr als am Vortag. Er sagt: „Und was ist mit allen anderen Todesfällen, die mit Corona nichts zu tun haben? Gibt es nur noch Corona-Tote? Und was ist mit den Geburten? Und wer ist mehr zu bedauern, die Toten oder die Neugeborenen?“ Ihm fällt ein Spruch von Henri Michaux ein: „Mangels Sonne versuche im Eis zu reifen.“ Er sagt: „Befürchte, dies kommt auf die Neugeborenen zu, selbst wenn die Sonne scheint.“

Berlin, Donnerstag 14. Mai 2020, nach 23 Uhr. Haderer trinkt ein Gläschen Wodka und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Er sagt: „Bin des ganzen Corona-Irrsinns überdrüssig. Aber man kann dem nicht entgehen. Die WHO sagt, man wird auch in Zukunft mit dem Coronavirus leben müssen. Wäre ja nicht der erste Virus, mit dem man leben muss, und es wird sicher auch nicht der letzte sein. Eines Tages kommt vielleicht ein absoluter Killervirus, der zum Untergang der Menschheit führt. Und wenn dann vielleicht irgendwann später Aliens auf der Erde landen und noch erhaltene Skelette von Menschen und noch erhaltene Statuen finden würden, etwa ein paar der vielen Goethe- und Schiller-Denkmäler, würden sie sich biegen vor Lachen. Ihr Lachen würde vielleicht wie ein Scheppern klingen, und sie würden in ihrer Sprache sagen: ‚Lustig haben diese Wesen ausgesehen, aber auch irgendwie gruselig mit nur zwei Augen, zwei Beinen und zwei Greifarmen. Kein Wunder, dass sie ausgestorben sind. Wenn sie so wie wir drei Beine, vier Greifarme und auch hinten Augen gehabt hätten, dann hätten sie eine höhere Überlebenschance gehabt. Und außerdem klebten ihre Ohren eng an den Köpfen. Sie konnten ihre Ohren nicht ausfahren so wie wir. Und überhaupt waren ihre Gehirne viel zu klein. Unsere sind viel größer.‘ Vielleicht würden sich die Aliens über das Aussehen der Menschen derartig bescheppern, dass aus ihren vorderen und hinteren Augen Ströme von Tränen fließen und Pfützen um ihre drei Füße bilden würden. Und dann würden sie auf ihre Art zu singen anfangen und Töne wie von Fliegeralarmsirenen von sich geben, bei denen jeder Mensch sofort vor Schreck Schutz gesucht hätte.“

Haderer stoppt und sagt sich: „Halt! Da ist dir jetzt die TV-Doku Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt dazwischengekommen. Sirenen heulen. Fliegeralarm vor den Bombenangriffen der Amerikaner und Engländer. Menschen fliehen in Keller und Luftschutzbunker. Ist eher unwahrscheinlich, dass Aliens Töne wie von Fliegeralarmsirenen von sich geben würden. Nein, das passt nicht, wenn sie scheppernd lachen. Ihr Gesang würde sich ebenfalls wie ein Scheppern anhören. Würden ein höchst sonderbares Stimmorgan haben.“

Dann fallen Haderer die von Verschwörungstheorien Besessenen ein, die an den sogenannten Hygienedemos gegen die von der Regierung erlassenen Sonderverordnungen teilnehmen. Er sagt: „Na, die dürfen nicht erfahren, was ich mir da ausmale, sonst nehmen sie das mit den scheppernden Aliens für bare Münze und glauben, Bill Gates stehe bereits mit den Aliens in Verbindung und wolle sie mit Hilfe der WHO auf die Erde holen, um von ihnen als Herrscher der Erde eingesetzt zu werden. Die Menschen würden vorher auf Befehl von Bill Gates und der WHO zwangsgeimpft werden, angeblich gegen den Coronavirus, aber in Wirklichkeit würde man ihnen eine chemische Substanz verabreichen, die sie zu willenlosen Befehlsempfängern macht.“

Berlin, Sonntag 17. Mai 2020, abends. Haderer trinkt ein Gläschen Wodka und pafft eine selbstgedrehte Zigarette. Er guckt sich im Fernsehen einen alten Hitchcock-Film an: Der Mann, der zu viel wusste, mit Doris Day und James Stewart. Als Doris Day gegen Ende des Films am Klavier spielt und mit etwas kreischender Stimme „Que sera, sera, whatever will be, will be“ singt, gibt es eine kurze Tonstörung, die an das Geräusch eines knatternden Pupses erinnert, so als wäre Doris Day während des Klavierspielens und Singens einer entwichen. Haderer bekommt einen Lachanfall. Sein Lachen klingt jedoch höchst verdächtig, nämlich scheppernd. Er erschrickt über sein schepperndes Lachen und fragt sich: „Bin ich etwa gar ein als Mensch getarnter Alien, einer dieser scheppernd lachenden Aliens, der als Spion auf der Erde abgesetzt wurde? Bin ich etwa gar ein Mann, der zu viel weiß, ja so viel, dass er sich gar nicht alles merken kann und schon wieder vergessen hat, eigentlich ein Alien zu sein?“

Er hält kurz inne und sagt dann: „Das ist aber eine sehr gewagte Hypothese. Das Einzige, was daran stimmt, ist, dass ich mit zunehmendem Alter immer vergesslicher geworden bin. Weiß aber immerhin noch, wie ich heiße und wo ich mich befinde. Beim Schreiben wird es allerdings immer problematischer. Da vergesse ich inzwischen schon während des Schreibens, was ich gerade geschrieben habe, und setze mit etwas fort, das in keinem Zusammenhang mit dem vorher Geschriebenen steht. Am Schluss wundere ich mich immer, was für ein wirres Zeug dabei herausgekommen ist. Anfangs, als ich dies feststellen musste, löschte ich das Geschriebene wieder. Aber jetzt lasse ich es stehen, da es mir zu mühselig ist, immer wieder von neuem zu beginnen. Ich rechtfertige es vor mir selbst als Écriture automatique, eine surrealistische Technik des Schreibens, bei der das bewusste, kontrollierende Ich ausgeschaltet wird.“

Danach beschließt Haderer, in den Untergrund zu gehen, aber nur in einen rein literarischen Untergrund. Wenn er etwas veröffentlichen würde, dann auf keinen Fall unter seinem bürgerlichen Namen. Er beschließt, fortan nur noch unter dem völlig unauffälligen Pseudonym Virius Bombastus Travnicek zu veröffentlichen. Er sagt: „Man könnte mich dann zwar sehen, aber mir nichts Verdächtiges ansehen. Ich wäre dann zwar im Licht, aber gleichzeitig im Dunkeln.“ Doch dann sagt er sich: „Am besten wäre es allerdings, gar nichts mehr zu veröffentlichen. Dies wäre noch viel konspirativer. Und wenn eines fernen Tages tatsächlich Aliens auf der Erde landen und in einer Ruine meine schriftlichen Ergüsse finden würden und diese entschlüsseln könnten, würden sie sofort erkennen, welch großartiger Autor…“ Er stoppt und sagt: „Bitte nicht größenwahnsinnig werden.“ Dann gießt er sich noch ein Gläschen Wodka ein und singt die letzte Strophe der Moritat von Mackie Messer, die Brecht 1930 anlässlich der geplanten Verfilmung der Dreigroschenoper hinzugefügt hat:

„Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.“

© 2021 Johannes Morschl
Alle Rechte vorbehalten

(Auszug aus dem Text Haderer, 2020)

Dampfhummeln

Von Anna B.

Karla arbeitet in einem großen Spital in Wien. Derzeit ist sie auf einer Covid-Station eingesetzt und ist physisch und psychisch total erschöpft. Seit Wochen hofft sie auf ein freies Wochenende. Endlich ist es soweit. Die Lage hat sich etwas entspannt und sie kann von Freitag bis Sonntag frei nehmen. Zu Mittag setzt sie sich ins Auto und fährt aufs Land ins Haus ihrer Eltern, das sie vor einigen Jahren geerbt hat. Es wird abwechselnd von Familienmitgliedern oder Freunden für kurze Aufenthalte benutzt. Oft steht es wochenlang leer. An diesem spätsommerlichen Freitag scheint die Sonne. Sie setzt sich mit einem Buch auf die Terrasse, verlässt aber bald die Lektüre und schaut in den großen Garten. Ihre Gedanken schweifen in die Vergangenheit, in ihre Kindheit und Jugend. Sie wuchs in diesem Haus auf, ihre Mutter züchtete Hühner und Gänse. Im Garten wuchsen Obstbäume diverses Gemüse, Kräuter und Beeren. Die Familie hatte immer einen Hund und viele Katzen. Karla sah sich als 12-jähriges Mädel im Garten mit Frida, der Hündin. Eines Tages wurde sie krank und starb nach einigen qualvollen Tagen an einer Vergiftung. Karlas Vater begrub das Tier im Garten unter einem Baum, der später gefällt werden musste. Auf dem verbliebenen Stumpf malte Karla mit roter Farbe „Frida“, was noch heute schwach zu entziffern ist. Dann schweiften ihre Gedanken zu den Katzen. Da gab es den riesengroßen Kater Viktor, der ein goldbraungestreiftes Fell hatte und sich nur von ihr streicheln ließ, alle anderen wurden beim Versuch, mit ihm zu kuscheln, gekratzt und gebissen. Vielleicht liebte Karla diesen Kater gerade deshalb. Er wurde sehr alt, plötzlich kippte er in der Küche um und stand nicht wieder auf. Wahrscheinlich starb er an einem Herzinfarkt. Karla begrub das Tier unter einem Strauch nahe bei der Terrasse. Sie sagt zu sich selbst: „So blöd, wieso denk ich an diese toten Viecher, gibt’s nichts Netteres woran ich mich erinnern könnte. Und warum lese ich nicht meinen Krimi?“ Bevor es kühl und dunkel wurde, rauchte sie noch eine Zigarette und trank ihr Glas Wein aus, dann ging sie in das muffig riechende Haus. Der Geruch hatte sich auch trotz Lüften nicht restlos aus den Räumen vertreiben lassen. Sie setzte sich ohne viel Konzentration noch eine Stunde vor den Fernseher, putzte sich die Zähne und ging todmüde ins Bett. Sie schlief schnell ein. Bald aber überfiel sie ein Alptraum, der wie ein Film an ihr vorbei zog. Der Garten tut sich in Nebel gehüllt vor ihr auf. Die Erde bei dem Frida-Baumstumpf und dem Katergrab bewegt sich und langsam kommen kleine Monster herausgekrochen, Kobolde mit glühend roten Augen, schwarzem zerzaustem Fell und dicken langen Schwänzen. Sie hüpfen auf einander zu und kopulieren wie wild. In Windeseile vermehren sie sich, der ganze Garten ist von den schaurigen Kreaturen bevölkert. Sie schwärmen aus und beißen alle Menschen im Ort in die Beine oder in den Bauch. Ihre Zähne sind giftig, die Menschen fallen um und bleiben auf der Straße liegen. In Angst und Panik laufen die Leute in ihre Häuser und trauen sich nicht mehr heraus. Die Kobolde werden nervös und schwirren orientierungslos herum. Plötzlich ist ein unglaublich lautes Brummen zu hören und ein dicker grauer Dampf überzieht den ganzen Ort. Millionen Hummeln kommen herangeflogen, aus ihren Hintern strömt übel stinkender Dampf, der sich über die Kobolde ausbreitet, die daraufhin taumelnd und jaulend zusammenbrechen und nicht mehr aufstehen. Die Straßen sind voll übersät mit Koboldleichen. Die Dampfhummeln verziehen sich so schnell wie sie gekommen waren. Karla schreckt auf und macht Licht. „Was war denn das für ein Scheiß? Ich wollte mich hier erholen und ausschlafen. Und dann so ein Alptraum.“ Es war 5:00 Uhr in der Früh und sie konnte nicht mehr einschlafen. Sie wälzt sich noch 2 Stunden im Bett hin und her, döst ein bisschen vor sich hin. Dann steht sie auf und hat keine Lust mehr, das Wochenende hier allein zu verbringen. Nach dem Frühstück packt sie ihre Sachen und fährt zurück nach Wien. Dort ist gerade ihr Sohn Klaus aufgestanden und sitzt noch etwas zerdrückt bei Kaffee und Semmel mit Butter und Marmelade. Sie erzählt ihm von dem Traum, der ihr das Wochenende verpatzt hat. Klaus kommentiert. „Du bist eindeutig überarbeitet, von der Situation im Spital überfordert und hast derzeit keinen Liebhaber. Es ist echt Zeit, dass sich das ändert.“

© 2021 Anna B.
Alle Rechte vorbehalten