Fleisch

Von Michael Wiedorn

Im Schaufenster liegt Fleisch aufgebahrt. Aufgeschnittene Würste, deren offene Schnittflächen rotes Rindfleisch mit weissen Fettkügelchen durchsetzt zeigen, von weisser oder rot-brauner Haut überzogen. Das Rot geht an einigen Stellen ins Violett über. Ein grosses, formloses Stück Rinderkadaver. Scharlach wie ein Gesicht nach einem Faustschlag – durchzogen von Kanälen und Flüssen mit Fett angefüllt. Manchmal zieht es sich als durchsichtiger Schleier hin. Die Sehnen und Muskeln eines kraftstrotzenden Rindes. Es weckt die Lust nach Blut – fließender, roter Kraft. Das blanke, reine Weiss der Porzellanschüssel. Mit fahler, leicht bläulich schimmernder Haut überzogenes Geflügel hängt an eisernen Haken. In der Mitte der Auslage hängt der nackte, aufklaffende Leichnam eines geschlachteten Ochsen – an den Beinen aufgehängt. Auf beiden Seiten des gemordeten Tieres stehen Vasen mit purpurnen Rosen. Einige Blütenblätter sind abgefallen und liegen auf den sauber leuchtenden Kacheln. Eine Messingschale mit violetten Weintrauben. Die Kacheln des Metzgerladens strahlen.
Ein splitternackter Mann wird von Beilen und Äxten angegriffen. Die Haut des Opfers glänzt von Angstschweiss. Der europäische Mensch sieht dem Schwein ähnlich. Weiss-rosa ist sein Körper. Er bricht zusammen. Die Augen ratlos vor Entsetzen aufgerissen wie die einer erschrockenen Kuh. Er versteht nicht. Sein Körper kotzt das Rot seines Blutes auf die blendende Reinheit der Fliesen.
„Macht insgesamt 28,50 Euro, bitte!“ – sagt der Fleischer zur Kundin. Auf der Theke liegen drei säuberlich in rosa Papier gewickelte Päckchen. Koteletts und Schnitzel braten gut gewürzt in der Pfanne. Die Hausfrau nimmt aus ihrem Geldbeutel einen Schein und etwas Kleingeld und überreicht das Geld dem Metzger. Der junge Mann zwinkert der Frau komplizenhaft zu und streicht die Bezahlung ein. Unter seiner Gesichtshaut will das aufgestaute Blut seinen Kopf auseinander sprengen. Sein hartes Antlitz leuchtet so purpurn, dass er sich als zu verkaufendes Fleisch zur anderen Ware legen könnte. Ein Schuss hat die Brust des Soldaten im Krieg getroffen. Eine quellende Wunde. Der Soldat spuckt Blut, das ihm Heimat ist. Er ist ein Mörder. Er steht mit einer von Tierblut besudelten Gummischürze bekleidet im Schlachthof und wäscht mit aus einem Schlauch hervorschiessendem Wasserstrahl sein eigenes Gedärme von den Wänden. Er ist ein vom Jäger erlegter Hirsch, der einen Bauchschuss verpasst bekommen hat. Die Augen des Tieres sind vor ratlosem Entsetzen aufgerissen wie die Augen eines erschrockenen Kindes.
Der verendende Hirsch spuckt Blut.
Hirschragout mit Pilzen – dazu grüner Blattsalat und dazu ein entsprechender Wein.
Die Gemahlin stösst mit ihrem Gatten an.

© 2021 Michael Wiedorn
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Ein Totgeborener kommt zur Welt.

Von Michael Wiedorn

Er geht auf dem weißen Streifen in der Mitte der Straße aufwärts und abwärts und aufwärts. Seit Stunden scheint er so auf und ab zu laufen. Er trägt leicht schwingend eine Plus-Plastiktüte in der Hand. Der Aufdruck ist verwittert. Der Junge ist mit einer ärmellosen, wattierten Jacke und darunter einem karierten Hemd bekleidet. Vielleicht ist er schon ein den Jahren nach Erwachsener, der es nur versäumt hat, erwachsen zu werden. Bei seinem Anblick denkt man an abgestandenen Schweiß – käsig und bitter. Das alterslose Wesen trägt seinen Körper wie einen hässlichen Mantel. Das kreidebleiche Gesicht könnte von einer schweren Krankheit oder von einem nicht erwachten Leben ausgezehrt sein. Aus dem kalkig weißen Gesicht ragt eine große, knochige Nase. Er läuft immer wieder auf und ab. Ein Häftling läuft in seiner Zelle auf und ab und ab und auf – von einer Betonwand zur Anderen auf und ab. Der in sich Gefangene hat keine Absichten, hatte nie welche und wird nie welche haben. Ist es Vormittag oder Abend? Welches Jahr haben wir? Die Autos fahren an ihm vorbei. Er achtet nicht auf sie. Er läuft die Streifen auf und ab. Das Weiß grenzt mit seinen scharfen Kanten an das Schwarz des Asphalts. Der Fremde schwimmt und schwimmt und ertrinkt im Schwarz der Nacht und den schwarzen Fluten des Geburtswassers. Fluten weit vor der Geburt. Das Weiß beginnt – hell und mit klaren Grenzen – und er geht weiter und immer weiter. Hat der Wanderer irgendwo eine Wohnung? Er würde dort auf weiße Wände starren, aus dem Gestalten treten würden. Schneewehen hoch im Norden. Der Fremde könnte in Eismassen und Schneestürmen erstarren. Er wäre gerettet. Sein Körper wäre ein einziger, harter Eiszapfen. Viele Jahrtausende und Jahrmillionen in arktischer Einsamkeit. Niemand vergisst oder vermisst ihn.
Er läuft in der Mitte des Straße auf und ab. Seit wieviel Stunden oder Jahre? Trägt er in seiner vergammelten Plastiktüte von Schimmel zerfressenes Brot oder verfaultes Fleisch? Leichenteile? Vor einer Ewigkeit hat er die Notwendigkeit sich zu ernähren vergessen. Er hat keinen Körper, der Bedürfnisse einklagt. Der Junge hat sein Fleisch erfolgreich abgetötet. Die weißen Streifen auf der Straße halten ihn im Bann. Das Schwarz versucht ihn aufzusaugen. Es will ihn verschlingen, will ihn verschlucken in die Tiefen der Geburt. Die Gebärmutter ist eine Betonzelle tief unter den Erdmassen. Wo befindet er sich? In der Schwärze vor der Geburt. Die Autos fahren an ihm vorbei. Ein Opel hupt ungeduldig. Der Fahrer brüllt dem Irren wütend unverständliche Worte entgegen.
Stunden später steigt der Verwirrte träge aus einem U-Bahnwaggon in den Nächsten. Inmitten der zielgerichteten Unrast des Alltags der Berufstätigen verseucht er den öffentlichen Raum mit der Leere von leblosen Blicken von seit Jahren an ihr Bett fixierten Irrenhausinsassen. Der Junge war im alten Waggon fehl am Platz und wird es in jedem Anderen ebenfalls sein. Nirgendwohin wird ihn der Zug fahren. Irgendwo wird er aussteigen, auf dem Bahnsteig in seine Leere gesperrt auf und ablaufen, die schmuddlige Plastiktüte leicht schwingend. Die blicklosen Augen aus der Zelle unter den Erdmassen richten sich auf ihn. Rumpf, Arme, Beine lösen sich auf und versickern. Er wird niemals jemand Anderem begegnen. Nichts wird jemals geschehen.
Zwei harte, metallisch blaue Augen heften sich wie die Mündung eines zielsicheren Revolvers auf den auf und abwandernden Verrückten. Die unbestechliche, unbesiegbare Härte einer Smith & Wesson sehnt sich nach der Explosion eines Genickschusses. Das gefroren klare Gesicht ist von kaltem Hass zur Maske verhärtet. Kurz rasierte, blonde Haare. Die Muskeln von täglichem Gewichtheben und Klimmzügen gestählt, spannen ihre Kraft an. Dieser Mitbürger in Kampfstellung ist bereit sich gegen diese allgegenwärtige Auflösung aller Ordnung und der Heimat, die in diesem Penner Gestalt angenommen hat, zu wehren. Die gärende Ödnis unendlicher in Gitterbetten verbrachten Jahre. Eine alles zersetzende Leere will diesen Staatsbürger von innen heraus zersetzen. Dieser wehrbereite Kämpfer sieht den jeden Tag sich weiter ausbreitenden, menschlichen Müll auf deutschen Straßen. Es ist für jeden Normalen ein Heil solche Vampire des Nichts aus zu schalten. Der Rumpf des Kriegers bricht auseinander. Arme und Beine verschwimmen. Ein Messerstich zur rechten Zeit am rechten Ort kann zur Lösung beitragen – denkt der Mann, der Erlöser von allem Bösen, erfüllt von heiligem Zorn. Er denkt das Alles nicht in klar greifbaren Sätzen, sondern dieses brackige Gebräu aus Gefühlen und Satzbrocken wabert wirr unter seiner Schädeldecke. Seine Faust umklammert das Klappmesser in seiner Hosentasche. Seine Finger verkrampfen sich im sicher machenden Griff um die Waffe. Der Junge mit dem toten Blick – die Tüte hin und her schwingend – streift den zum Zerreißen angespannten Mann. Dieser reißt plötzlich mit einem Ruck ohne zu überlegen das Messer aus seiner Hosentasche, klappt es im Bruchteil einer Sekunde auf und sticht mit einem sicheren Hieb in das graue Fleisch seines Opfers. Er sticht wie im Traum wieder zu und taucht das Messer ganz tief in das erstaunlich viel Blut ausspuckende Fleisch. Dieser Kämpfer gegen all das Übel würde jetzt gerne in einem Spiegel sein hart entschlossenes, von männlicher Schönheit leuchtendes Gesicht bewundern. Er staunt, dass der Niedergestochene ein Lebender wie er selbst ist.
Das Opfer spürt endlich sein eigenes Fleisch. Der Schmerz schreit ihm zu, dass er da ist. Er blickt seinem Mörder fest entschlossen in die Augen. Der Schmerz hat ihn noch einmal in Raum und Zeit gestoßen, bevor er ausgeblutet ist.
Der Täter weiß nicht mehr, wer er ist.

© 2021 Michael Wiedorn
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Man sieht durch Luft hindurch

Von Michael Wiedorn

Niemand glaubt an meine Existenz. Niemand nimmt meine Gestalt wahr. Ich selbst weiß nichts von mir. Wo sollte man hinblicken um mich zu sehen? Richtet sich ein Blick auf meine Nichterscheinung, sieht der Betrachter auf den Gegenstand hinter mir. Ich bin so durchsichtig wie Wasser oder Glas.
Seine bloße Gegenwart ist für andere eine Zumutung – glaubt er. Er ist jetzt fünfundfünfzig. Ein blasses Gesicht mit Kassengestell als Brille und zarten, unentwickelten Gesichtszügen. Sein Antlitz hat noch nicht verstanden, dass sein Träger schon aus der Gebärmutter entschlüpft ist und schon längst erwachsen sein müsste. Seine verschwindend kleine Nase, sein verschwindend zartes Kinn schicken sich an, wie er selbst sich in Luft aufzulösen. Die Stirne flieht und flieht weit hinaus ins Nichts. Sein zerbrechlicher Körper, bereit sich im Winde weit weg wehen zu lassen, ist praktisch und billig bekleidet – in unauffälligen, wenn es ginge in unsichtbaren Farben. Grau, hellbraun, beige. Er verlässt nahezu nie seine Wohnung und verlebt seine Tage zwischen seinen vier Wänden.
Wohin soll ich großartig außer Haus gehen? In einer Kneipe würden die Leute mich nicht wahrnehmen. Sie würden durch meine Farblosigkeit hindurch blicken und würden eher ein Gespräch mit einem Stuhl anfangen. Ich versickere in der Holzvertäfelung. Ich bleibe den ganzen Tag auf dem Sessel sitzen und mache rein gar nichts. Der Fernseher läuft gemächlich vor sich hin. Die Wohnung dröhnt von fremden Stimmen. Die Stimme eines Polizisten erläutert dem Darsteller eines ermittelnden Kommissars die Personalien des Mordopfers. Ich betrachte die Abbilder der Darstellung fremden Lebens. Mein Inneres wird von der Leere zernagt. Der Sessel, auf dem ich sitze, ist leer. Meine Gefühle sind abgestorben und ich nehme einen Zug aus der Bierflasche, blättere in einer Fernsehzeitschrift, lege sie überdrüssig beiseite und blicke auf die flimmernde Wand in ein Polizeirevier. Der Darsteller eines jungen Einbrechers tut so, als warte er auf einem Stuhl sitzend auf seine Vernehmung.
Die Nachbarn wissen, dass im vierten Stock ihres Wohnblockes ein unscheinbarer Herr in mittleren Jahren lebt. Sie grüßen ihn nicht, da sie ihn nicht wahrnehmen können. Sie grüßen auch nicht das Treppengeländer oder die Wohnungstüren. Die Nachbarn haben über ihn keinerlei Meinung.
Ich bin nicht einmal ein Gespenst. Jungmädchenstimmen, die über die Liebe sprechen, dröhnen durch die Wohnung. Anna und die Liebe. Ich habe keine weiteren Angehörigen. In Bielefeld oder Braunschweig soll eine alte Tante in einem Altersheim vor sich dahinvegetieren – falls sie überhaupt noch lebt. Meine Mutter ist vor fünf Jahren verstorben. Ich vermied die Besuche bei ihr, weil ich ihren leeren Blick, dem ich nicht glaubte, dass er mich wahrnahm, nicht mehr ertrug. Wenn sie meinen Namen sagte, konnte ich es nie fassen, dass sie mich meinen könnte. In den letzten Jahren erkannte sie niemanden mehr, verwechselte mich dauernd mit den Schwestern, den Ärzten oder längst verstorbenen Verwandten und plapperte und kicherte fortlaufend vor sich hin. Ich war schon immer Glas und Luft und jeder blickt durch mich hindurch.
Er spricht – falls es mal so was wie ein Gespräch geben sollte – über das Fernsehprogramm, über Politiker, über das Wetter und bricht mitten im Satz ab, da er merkt, dass ihm niemand zuhört. Er versteht sein eigenes Gerede nicht mehr und seine Sätze und Wörter erscheinen ihm wie rieselnde Asche. Das Abbild einer Darstellerin einer jungen Blondine versucht mit möglichst präziser Terminologie – Gefühle müssen exakt und bis auf das Detail genau gefasst, erfasst, gepresst werden – ihre Beziehung und die Unmöglichkeit derselben zu irgendeinem Thorsten zu erläutern. Ihr Gesicht auf der Mattscheibe verzieht und verzerrt sich zu einer verkrampften Grimasse bei ihren Bemühungen ihre Gefühle richtig und haargenau korrekt zu verbalisieren und zu präzisieren. Bei Gesprächen und beim vor mich hin Grübeln hier auf dem Sessel habe ich und sage ich meine Meinung über dies und das und merke dabei, dass meine Gedanken beim Aussprechen oder schon beim Auftauchen im Kopf verwesen und auseinander fallen. Ich habe gleichzeitig die genau entgegengesetzte Meinung. Gedanken und Gefühle sind Schaum und Luft. Luft ist da, versucht man auf Luft zu blicken, blickt man auf Menschen, Bäume, Möbel. Blickt man auf klares Wasser, sieht man die Kiesel auf dem Grunde und vielleicht noch ein ungreifbares Blinken. Ich habe noch nie den Fanatismus und die Gewalt verstanden, von denen immer im Fernsehen gesprochen wird. Von Hass und Geilheit aufgerissene Augen in Pornos, im Krieg.
Erregtes von den Sitzen Aufspringen und hysterisches die Arme in die Luft Hochheben bei einem Länderspiel. Alles ist so wie es ist und es könnte auch ganz anders sein. Alles ist egal. Der Fernseher läuft. Das Leben läuft und lebt nicht. Eine Endlosschleife. Stimmen. Unzählige, kleine Geschichten. Ein Gewimmel von vorbei huschenden Gesichtern. Eduschokaffee. Barmer Ersatzkasse. Till Schweikart. Erinnere ich mich an die Gesichter und Banalitäten von vor vielen Jahren abgelaufenen Tagen, kann ich sie nicht mehr von den Plattitüden und Fernsehschimären von heute Vormittag unterscheiden.
Beige, hellbraun, grau. Ich werde einfach vergessen zu sterben oder ich werde meinen Tod nicht spüren und so mein Dasein für immer und ewig weiterführen.
Niemand sieht mich. Niemand beachtet mich. Niemand sieht die Luft. Man sieht durch sie hindurch.
Eines Tage wird es den Nachbarn auffallen, dass sie den unscheinbaren Herrn schon lange nicht mehr gesehen haben. Haben sie ihn denn jemals wahrgenommen? War er nur ihre Halluzination und hat hier nie gewohnt? Die Feuerwehr wird die Wohnungstüre aufbrechen. Niemand wird ihn finden und niemand wird wissen, wohin er gegangen sein könnte. Er wird sich noch in der Wohnung aufhalten.

© 2021 Michael Wiedorn
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Die sichtbaren und die unsichtbaren Schatten

Von Stefan Walter

Nach einem alten Volksglauben verliert der Mensch durch die Begegnung mit dem Bösen seinen Schatten. Dies könnte irriger kaum sein.
*
Ich traf sie das erste Mal in ihrer Lieblingspose, umringt wie eine Königin von ihren Zofen, alles überstrahlend wie die Sonne. Sie ließ sich auf Empfehlung freundlich herab, meine bescheidene Person zur Kenntnis zu nehmen; wie überhaupt ihr ganzes Wesen freundlich und hilfsbereit war, solange man nur ihren Primat anerkannte. Für einen Schatten ließ ihr Glanz keinen Raum.
Als ich sie wiedersah, dämmerte es bereits. Sie stand am Balkon, ans Geländer gelehnt, den Blick ins Unendliche gerichtet. Noch immer hatte sie ihren Hofstaat um sich geschart, und wenn sie sprach, dann war es allen so, als ob das Licht von ihr und nicht von der untergehenden Sonne käme. Doch hätten die Leute weniger gebuckelt und gehuldigt, dann hätten sie vielleicht bemerkt, dass der Mund zwischendurch schmaler wurde, die Augenbrauen sich der Nase näherten, die sich wiederum verbreiterte; dass sich die Brust beim Atmen etwas stärker hob als zuvor, dann jedoch unvermittelt stoppte, als trüge sie drei Bänder wie der treue Heinrich. Im nächsten Moment ging der Blick nach unten, die Augen weiteten sich sehnsuchtsvoll, bevor sie sich gleich wieder fasste.
Bei unserer dritten Begegnung war es Nacht. Sie verabschiedete ihre Begleiter in aller Fröhlichkeit und Gnade, und niemand schien anderes als Huld in ihren Augen zu erkennen. Vielleicht lag es an der Dunkelheit, die die Leute blind machte, vielleicht wollten sie nicht sehen, vielleicht waren sie wirklich blind. Mir war das Grauenhafte jedoch überdeutlich. Sie warf nicht einfach nur Schatten; ein ganzes Heer von ihnen umkreiste sie, die Augen, den Kopf, das Herz, die Arme, und attackierte sie mit langen, spitzen Klauen und eiskalten Fingern. Sie wehrte sich nicht.
Ich hatte ihren Blick am Abend gesehen, ich konnte sie nicht alleine lassen. Und so saß ich neben ihr, wartend, bangend, mitleidend. Es dauerte Stunden, bis sie sprechen konnte. Sie vertraute mir ihre Geschichte an, und hätte damit Felsen zum Weinen gebracht. Sie war dem Bösen begegnet.
*
Manchmal verlieren Menschen wie wir unsere Schatten tagsüber. Doch sobald es dunkel wird, kommen sie, immer und immer wieder. Sie lassen uns niemals in Ruhe. Und ihr, die ihr blind seid, lasst uns mit den Schatten Nacht für Nacht allein.

© 2021 Stefan Walter
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Major Tom

Von Michael Kothe

Thomas legt die Füße auf die Konsole, schlägt die Beine übereinander, lehnt sich zurück und verschränkt die Hände hinter dem Nacken. Aus dem altmodischen MP3-Player, den er auf irgendeinem gottverlassenen intergalaktischen Flohmarkt aufgetrieben hat, gibt es die Neue Deutsche Welle auf die Ohren. So lässt sich´s aushalten! Zeit, in den Tag hineinzuträumen, hat er reichlich. Erst in vierzehn Tagen wird er das Bremsmanöver einleiten, wenn die Umlaufbahn von Saran 1 erreicht ist. Und so genießt er die zwölf gespeicherten Musiktitel.
Er fühlt sich nicht als Held, eher als Weichei. Seine Befehlsgewalt über Schiff und Besatzung verdankt er dem Zufall. Die Zentrale hatte seine Personalakte falsch abgelegt, und das nächste freie Kommando wurde ihm zugeteilt. Ein Vorgesetztentyp ist er auch nicht. Das Personal der Stardust 4 tanzt ihm auf der Nase herum, hartgesottene Raumfahrer mit langer Erfahrung, kernigen Sprüchen und zahllosen Kerben in den Griffschalen ihrer Strahlenwaffen und in ihren Gesichtern. Von einem Dünnbrettbohrer wie Thomas lassen sie sich nichts sagen. Dass die Gesellschaft sich an militärischen Strukturen orientiert wie auch seine Vorliebe für die NDW bescherten ihm den Spitznamen Major Tom, Respekt aber nicht. So ist er froh, dass die Mannschaft ihn in seinem Kommandostand in Frieden lässt.
Tom seufzt und richtet den Blick auf den Monitor. Die wahnsinnige Geschwindigkeit des Frachters lässt das Aufflackern vorbeiziehender Sonnensysteme als psychedelisches Farbenspiel ablaufen. Er beugt sich gemächlich vor, um ein Objekt heranzuzoomen, dass die Stardust zu begleiten scheint. Er grinst amüsiert, kann sich nicht entscheiden, ob dieses lila Gewaber ein Kalmar oder ein Oktopus sein soll. Mit Interesse verfolgt er das Näherkommen des Weltraumkraken. Er schüttelt den Kopf. Weltraumkraken? Hirngespinste! Er schließt die Augen und widmet sich seiner Musik.

Mmpff! Ein Schmatzen dringt durch seine Kopfhörer. Schlagartig pumpt sich Adrenalin in jede Faser seines Bewusstseins. Das Geräusch kennt er aus Lehrfilmen der Raumfahrtakademie. Geistesgegenwärtig drückt er den Alarmknopf, entriegelt dadurch auch alle Waffenschränke im Schiff, seine Mannschaft braucht nur Sekunden, um sich aufzurüsten. Er schiebt den Lautstärkeregler hoch: »Hier spricht der Kommandant. Andockmanöver von Raumpiraten! Dies ist keine Übung.« Seine Stimme schnappt über, klingt eine halbe Oktave zu hoch. »Ich wiederhole: Dies ist keine Übung!« Gelächter von irgendwoher tönt aus dem Lautsprecher, Monitore geben ihm den Blick frei auf eine feixende Mannschaft. Den Kameras recken sich Mittelfinger entgegen. Bis ein Kreischen dazu führt, dass die Finger eingezogen werden. Tom sieht die Mannschaft zu den Waffen hetzen.
Eine Kamera zoomt das Loch heran, das eine Lochsäge in den Rumpf gefräst hat, Das zylinderförmige Werkzeug dichtet das Schiff gegen das Vakuum des Weltalls ab. Durch die mannsgroße Öffnung sieht er die Feinde eindringen – Tintenfische!
Major Tom agiert panisch, er springt aus dem Sessel auf, gibt ihm dabei einen Drehimpuls, der ihn seinerseits zu Fall bringt. Er rappelt sich auf, reckt sich zur Wand, zieht sich an der Unterkante der Nische hoch und nimmt seine persönliche Strahlenpistole heraus. Was will er eigentlich damit? Auf der Akademie war er ein lausiger Schütze, und an Bord hat er Angst, er könne damit gar die Außenhülle aufschweißen. Er atmet tief durch und steckt unentschlossen die Pistole ins Hüftholster. Ihm ist klar, dass seine Mannschaft mit den Eindringlingen fertig werden muss. Was aber soll er machen? Soll er die Schotten schließen, um ein Vordringen aufzuhalten? Oder soll er sie offenlassen, um seinen Leuten den Rückzug zu ermöglichen? Was sagt das Sicherheitshandbuch? Wild scrollt er über die Dateisymbole auf dem Monitor. Das Handbuch versteckt sich hinter gefühlten hundert Symbolen, die er jetzt nicht mehr auseinanderhalten kann. Er gibt auf. Panisch presst er den einen Knopf, verriegelt alle Sektoren. Seine Mannschaft muss ab jetzt jedes Schott manuell öffnen.
Sein Blick wandert nach oben. Der Bildschirm präsentiert ihm ein regelrechtes Schlachtenszenario, seine Männer werfen sich in voller Gefechtsmontur und mit den mächtigsten Handfeuerwaffen, die er kennt, kleinen Gruppen halbtransparenter Tintenfische entgegen. Das einzig Feste an denen scheint ihre Waffe zu sein: ein Laserschwert, das sie mit den Enden ihrer Fangarme umklammern. Lauthals lacht er auf. Die Jedis von der Dunklen Seite! Lächerlich, damit ein Schiff wie seines entern zu wollen!
Major Tom beruhigt sich. Er fühlt sich in Sicherheit, ist überzeugt, dass seine Mannschaft die Invasion bald gestoppt haben wird. Er gleitet in seinen Sessel und greift zum Joystick, der die Kameras lenkt. Genüsslich verfolgt er die einzelnen Kämpfe. Die Angreifer sind in der Minderzahl, haben nur Nahkampfwaffen und werden in Stücke geschossen. Hei, wie die Tentakel fliegen!

Freilich lohnt sich ein Angriff auf seinen Frachter aus zweierlei Hinsicht: Die Ladung ist ein Vermögen wert, und außerdem hat seine Gesellschaft gegen das interstellare Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen. Die illegalen Sicherheitscodes erlauben ihren Raumkreuzern, sich allen von Menschen bevölkerten Systemen zu nähern, ohne deren Abwehrmechanismen zu aktivieren. Im Gegenteil, keine Waffe würde je einen Stardust-Kreuzer unter Beschuss nehmen. Während Major Tom diesem Gedanken nachhängt, sieht er die erste Gruppe seiner Männer zusammensinken, zerstückelt von Laserschwertern. Lautlos. Die Kameras übertragen keinen Ton.
»Sch…, wie ist das möglich?«
Die nächste Kamera zeigt es ihm. Die Laserschwerter wachsen Toms Kämpfern entgegen und zerlegen sie regelrecht in Scheiben. Kauterisieren, sodass nicht einmal Blut fließt. Die zweite Gruppe ist aufgerieben, dann die dritte!
Eine Kameradrohne hat nun auf der Außenhülle das gegnerische Raumschiff erfasst und sendet die Bilder nach innen. »Ich hab´s gewusst! Es ist ein Kalmar!« Euphorie erfasst Major Tom, der Realität entrückt klatscht er sich auf die Schenkel vor Freude, das erkannt zu haben. »Ha, Kalmare haben zehn Fangarme, Oktopusse nur acht! Zudem sind beim Kalmar zweie länger als die anderen.«
Die breiten Enden dieser beiden legen sich nun flächig auf die Hülle der Stardust 4, auch der Kalmarkörper schmiegt sich an die Oberfläche. Die acht ungenutzten Arme richten sich auf, ihre Enden weisen nach vorn, in Flugrichtung. Waffen. Mit der Vernichtungskraft eines Sternenzerstörers!
»Da hat George Lucas Recht gehabt! Alles, was vorstellbar ist, wird es irgendwann einmal geben. Das war schon so bei Jules Verne und Hans Dominik!« Tom klatscht in die Hände vor Begeisterung. Er kennt diese Waffen aus der Theorie. Ihre Reichweite wird nur durch ihre schwer zu beherrschende Treffsicherheit begrenzt. Aus den Augenwinkeln nimmt er wahr, wie seine letzte Gruppe sauber zerkleinert zu Boden geht. Fasziniert beobachtet er, wie sich der Kalmar weiter streckt und beinahe zur Länge der Stardust 4 aufwächst.
Ein Bersten lässt Major Tom zusammenfahren. Er kann das Geräusch einordnen. Ein Schott wurde durchbrochen. Endlich erkennt er die Gefahr, die nicht nur ihm persönlich als dem einzigen Überlebenden droht, sondern die auf die gesamte menschliche Rasse zurast.
»Relativ langsam«, errechnet Major Tom, »vierzehn Tage dauert es noch. Naja, abzüglich der Waffenreichweite, die der Frachter ja nicht selbst zurücklegen muss – also noch zehn bis zwölf … Minuten!«
Nun ist ihm klar, warum der Überfall gerade hier stattgefunden hat. Auch wenn er einen Hilferuf absetzt, ein Not- oder Warnsignal, kann niemand rechtzeitig zu Hilfe eilen, kann niemand mehr die Systeme so umprogrammieren, dass sie die Stardust 4 ihrerseits zerstören würden!

»Die Stardust 4 zerstören!« Wie Schuppen fällt es Major Tom von den Augen. Die einzige Option zur Rettung von Milliarden Menschenleben in seiner Hand! Er ist Herr über Leben und Tod. Gottgleich. »Äh, dann sprenge ich mich ja selbst in die Luft!« Er zittert. Überlegt fieberhaft, sinnt nach Alternativen. Findet keine. Das nächste Schott bricht. Jetzt bleibt noch eins bis zum Kommandoraum. Das Sicherheitshandbuch fällt ihm wieder ein, das Stichwort Selbstzerstörungsmechanismus. Dieser Zungenbrecher hämmert sich in sein Hirn, klammert sich bis an die allerletzte Synapse. Seine Gedanken wandern zur Schublade unter der Konsole. Hierin liegt das Sicherheitshandbuch in gedruckter Form. Altmodisch, aber griffbereit. Der Code für die Selbstzerstörung steht gleich auf Seite 4. Tom hechtet zur Schublade. Er ist zum Glück ein Weichei, will sich gegen jede Eventualität abgesichert wissen und hatte deshalb alle Handbücher der Stardust 4 ausgedruckt. Er wuchtet den Wälzer auf die Konsole, blättert blind zum Kapitel Selbstzerstörung.
Er schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn. »Oh mein Gott, ein 32-stelliger alphanumerischer Code mit Groß- und Kleinschreibung!« Er zwingt sich zur Ruhe. »Naja, wenigstens keine Sonderzeichen!«
Blind huschen seine Finger über die Tasten. Er wundert sich über die unvermutete Treffsicherheit. Er ist stolz, die Menschheit zu retten. Wie wird man ihn feiern, Major Tom, den Helden, den Supermann! Zwar posthum, aber er hat es allen gezeigt. Den Weltraumpiraten, seiner Gesellschaft und der Weltöffentlichkeit, schließlich wird alles unzerstörbar aufgezeichnet. Noch ein letzter Tastendruck, die Eingabetaste! Sein Finger schwebt darüber, als er hinter sich ein Krachen hört: Die Tintenfische haben sich den Weg in die Kommandozentrale gebahnt. Na und? Seine Hand senkt sich, er wendet sich seinen Feinden zu, sein Mund zieht sich in die Breite.
Das Grinsen gefriert ihm jäh im Gesicht, er richtet den Blick wieder auf den Monitor.
Herzlichen Glückwunsch, dass Sie sich für den Kauf der Raumschiff-Einbauküche Orbit 2500 entschieden haben. Sie haben die Bedienung über die Zentralsteuerung freigeschaltet …
Während das Laserschwert auf ihn niederzuckt, presst Major Tom seine letzten Worte durch die Lippen: »Scheiße! Falsches Handbuch.«

© 2021 Michael Kothe
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Tod am Frühstückstisch

Von Michael Kothe

Als Hedwig aus dem Badezimmer kam und in die Küche trat, hatte sie keinen Blick übrig für die Sauerei, die sich vor ihr ausbreitete. Mit den für ihr Alter typischen kurzen Schritten trippelte sie ohne Umweg zu der altmodischen Chaiselongue, auf der ihr Heinz ausgestreckt lag. Sein linker Unterarm hing schlaff über der Kante, die Hand lag seltsam geknickt auf dem Fliesenboden. Auf ihrem Weg sparte sie die Blutflecke nicht aus, ihre Hausschuhe hinterließen dünne rote Tappen. Sie beugte sich über ihren Mann und fand tatsächlich ein paar Stellen, die nicht besudelt waren. Wie so oft in Kriminalfilmen beobachtet legte sie ihm zwei Finger auf die nicht mehr pulsierende Schlagader an der rechten Halsseite. Nach einer knappen halben Minute richtete sie sich auf und erreichte mit wenigen Schritten die Anrichte, von der sie das Smartphone aufnahm. Sorgsam achtete sie darauf, die blutigen Flecke nicht zu berühren, die von den Fingern ihres Mannes herrührten. Wie er oft genug betont hatte, konnte er mit diesem Wischhandy, wie er es nannte, nichts anfangen. Aber er war ein Mensch, der sich unter keinen Umständen helfen ließ. Das Tastentelefon, das er hatte bedienen können, stand nutzlos in seiner Ladeschale.
»Hallo, Notdienst … mein Name … Mein Mann ist … ich glaube, er …«
Schnellen Schrittes ging sie zum Küchenschrank, griff ihre Tasse und schenkte sich ihren Morgenkaffee ein. Bis der Notarzt in frühestens zehn Minuten eintraf, hätte sie den Kaffee längst getrunken, die Tasse gespült, abgetrocknet und wieder weggestellt. Dass ihr Morgenmantel auseinanderklaffte und ihr Nachthemd schon hochrutschte, als sie sich an den Tisch setzte, machte ihr nichts aus. Keck schlug sie die Beine übereinander. Heinz hätte sie dafür gerügt. In seiner Anwesenheit hatte sie die Füße nebeneinanderzustellen, die Knie keusch aneinandergedrückt. Sitte und Anstand hatte er ihr immer gepredigt.
Ihr Blick wanderte von der fleckigen Morgenzeitung auf dem Boden nun doch durch die ganze Küche, bis er an der Chaiselongue hängenblieb.
»Vierzig Jahre lang hast du mich schikaniert, und besonders schlimm waren die letzten fünf. Seit du in Rente bist. Oder muss ich nun sagen: Warst? Und das alte Möbel deiner Mutter hast du so in der Küche aufgestellt, dass du mich ständig unter Kontrolle hattest und an allem herummäkeln konntest, während du nicht einen Finger krumm gemacht hast.«
»Nicht so viel Salz, du weißt, dass ich das nicht vertrage. Und mach das Essen nicht wieder so scharf! Erst gestern … Du hast wieder das teure Öl gekauft, das billige im Supermarkt hätte es auch getan …«
Hedwig schüttelte den Kopf und verscheuchte seine Stimme, die sie sich bei seinem Anblick eingebildet hatte. Aber sein letzter Satz ließ sie schmunzeln. Ein Gutes hatte seine herrschsüchtige und knausrige Art. Über das kleine Vermögen verfügte sie nun allein und musste sich nichts mehr verbieten. Als Erstes würde sie die Küche …
Sie richtete sich auf und überlegte zum werweißwievielten Male, was sie dem Notarzt und vielleicht später den Polizeibeamten sagen würde.
»Gestern hatte ich beim Spülen die Lieblingstasse meines Mannes angeschlagen. Mit einem Zweikomponentenkleber, er liegt dort in der Schublade der Anrichte, habe ich die Scherben so angeklebt, dass er es nicht bemerken würde. Sonst hätte es ein Donnerwetter gegeben. Aber er hat sich wohl doch an der Kante die Lippe aufgeschnitten. Bei dem heißen Kaffee hat er es sicherlich nicht gleich bemerkt. Und da er künstlicher Bluter war … Hach. Es ist schrecklich!«
Nicht einmal lügen müsste sie. Die Wahrheit, die reine Wahrheit. Und nichts hinzufügen oder weglassen. Doch halt! Drei oder vier Sätze würde sie nicht sagen.
Dass sie vorher in verschiedenen Geschäften vier gleiche Tassen gekauft und daran geübt hatte, wie sie die anschlagen musste, damit genau diese Schnittkante zustande kam. Dass sie ihr Küchenradio unbedingt auf der Anrichte aufstellen musste und das Mobilteil des Telefons sich an der einzigen Steckdose nicht aufladen konnte. Und dass sie sich, nachdem sie Heinz mit Kaffee und Morgenzeitung versorgt hatte, nur deshalb so lange im Bad verschanzte, um ihm nicht doch helfen zu müssen.
Ach ja, das Bad würde sie auch renovieren lassen.
Ihre Tasse durfte nicht herumstehen, wenn gleich der Notarzt klingelte. Schließlich sollte ihr Mann glaubhaft in der Küche allein gewesen sein.
Was hatte sie zu ihrer Tat inspiriert? Öfter schon hatte sie sich ihr Leben als Landkarte vorgestellt, als Wetterkarte. Ihre Kindheit und Jugend waren sonnig gewesen. Auch ihre ersten Jahre mit Heinz. Dass sie keine Kinder bekommen konnte, hatte er ihr nie verziehen. Dunkle Wolken zogen auf und ließen sich nicht wieder vertreiben. Wie das Winterwetter, das sie seit Wochen leid war. Doch vor ein paar Tagen hatte der Wettermann im Fernsehen gebietsweise Aufhellungen vorhergesagt. Sie hatte das so verstanden, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen solle.
Erleichtert stand Hedwig auf und trug die Tasse zur Spüle. Sie freute sich auf einen Lebensabend voll Sonnenschein.

© 2021 Michael Kothe
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Bushaltestelle

Von Walther Stonet

Heiner Müller schreckt hoch. Es ist noch dunkel. Der Wecker zeigt 4 Uhr 30. Er schlägt die Bettdecke zurück. Steht auf. Hält inne. Er fühlt sich unwohl. In ihm ist eine große Unruhe. Er spürt eine Angst, die er nicht greifen kann. Er schwitzt und friert gleichzeitig. Plötzlich ist ihm klar, dass er hier nicht hingehört. Er schlägt die Hände vors Gesicht, versucht sich zu erinnern, wo er ist. Wer er ist. Was mit ihm ist. Er seufzt und lässt die Hände runterfallen. Dort bleiben sie. Hängen dort, als ob sie nicht zu ihm gehörten. Ihm, der selbst nicht mehr weiß, wohin er gehört. Und wer er ist.
Er knipst das Licht an und geht hinüber in die kleine Nasszelle. Dort lässt er ganz anständig die Hosen hinunter, setzt sich und pullert. Fast meint er seine Mutter zu hören, wie sie ihm Anweisungen gibt. Dann gewinnen die Stimmen und Bilder in seinem Kopf wieder überhand. Er nimmt diesen in seine Hände, verschließt mit ihnen die Augen und will, dass das Chaos in seinem Gehirn ein Ende findet. Tränen laufen seine Wangen hinunter, Tränen der Wut, der Enttäuschung, der Hoffnungslosigkeit. Sein Mund formt stumm die Worte ‚Wo bin ich?!?‘, doch kein Ton verlässt seine Lippen.

„Ein schöner Mann“, hat Margitha Gräfin Rothfels gesagt, als er ihr das erste Mal begegnet ist. Sein Sohn Hans-Peter hat ihn damals in das Seniorenstift in Bad Godesberg begleitet. Er hat ihn dort einquartiert, um es einmal klar zu formulieren, wie es gewesen ist. Dann ist er zurückgeflogen in die USA, wo er für eine Rechtsanwaltskanzlei als Partner arbeitet. „Was für eine Verschwendung!“, hat die Gräfin festgestellt, als sie erfahren hat, dass Prof. Dr. rer. nat. Heiner Müller Demenz hat, und zwar bereits in fortgeschrittenem Stadium. Man hat ihn sozusagen „zwangseingewiesen“, weil mehrere Feuerwehreinsätze nacheinander eine Entmündigung herbeiführten. Der vergessliche Herr Professor hatte schlicht vergessen, dass ein Topf ein dem Herd stand, und sich anderen Dingen zugewandt. Dem Musikhören. Er liebt Beethoven, Bach und Buddy Holly. Dem Schachspielen. Er spielte die Partien Bobby Fischer gegen Boris Spasski nach. Immer wieder.
Gräfin Rothfels hat sich entschieden, sich nicht zu engagieren. Hermine Freund, eine zarte durchsichtige Lehrerin der Mathematik und der Naturwissenschaft, hat sich seiner aber angenommen. Er hat das gern geschehen lassen, weil sie seiner an Krebs verstorbenen Frau sehr ähnlichsieht. Die Trauer über deren Pflegen und anschließendes elendes Sterben waren es am Ende, die den Kippschalter umgelegt haben. Nach dem grauenvollen Tod seiner geliebten Frau war der Professor nicht wieder zu erkennen. Die beiden Kinder, Tochter Heloise in Singapur und Sohn Hans-Peter in New York, haben das gar nicht richtig mitbekommen. Nach der Beerdigung sind sie gleich wieder abgereist. Er ist allein in dem großen Haus mit Blick über die Stadt zurückgeblieben. Sein Lebensmittelpunkt, sein Ziel und Sinn, liegt in einem kühlen unter großen hohen Bäumen. Er vereinsamt zusehends. Sein Geist verfällt.
Sie, die Kinder, haben ihre eigenen aufregenden, weit entfernten Leben. Mit eigenen wachsenden Familien. Mit Aufgaben und Verpflichtungen. Kosmopoliten haben immer irgendwelche Hinterlassenschaften, von denen sie nichts wissen. Oder nichts wissen wollen. Der alte Vater spielt da allenfalls eine lässliche Nebenrolle – auch der Zeitverschiebung wegen. Er ist still, leise, rücksichtsvoll. Er fordert nichts. Er liebt seine Kinder, wie er seine Frau liebt. Er ließ sie frei. Sie strebten hinaus in die Welt. Die Schmerzen darüber haben die beiden Eltern für sich behalten. Nun ist sie ebenfalls gegangen und hat ihn zurückgelassen. Von den beiden Kindern wartet jedes auf das andere, sich die Verantwortung für den Vater zu eigen zu machen. Sie werden darauf wohl warten, bis sich das Problem biologisch erledigt hat.

Heiner Müller hat sich inzwischen stadtfein gemacht. So hat er das früher genannt, als er die Dinge noch beim Namen nennen konnte. Der Bart ist nicht rasiert. Die Haare sind nicht gekämmt. Die Knopfleiste des zerknitterten Hemds, das einmal weiß war, ist nicht korrekt zugeknöpft. Ein Stück Hemdenschoß hängt aus der Hose. Der Hosenladen ist nicht ganz zu. Die Socken haben zwei Farben. Ein Schuh ist offen, der andere gebunden. Die Anzugsjacke passt farblich und vom Schnitt her nicht ganz zur Hose. Diese ist dafür ungebügelt und der Gürtel nicht überall eingefädelt.
Bevor er geht, steht er lange da und starrt ins Leere. Dann treibt es ihn doch vorwärts. In ihm schreit alles Gefahr und Angst. Und Bewegung. Er muss hinaus, nach Hause, weiß er auf einmal. Die Bilder in seinem Kopf sind plötzlich klar, und er lächelt. Wie ganz viel früher, als er nachts durch das Elternhaus schlich, ist er ganz leise. Er öffnet vorsichtig die Tür, zieht sie behutsam auf, und schließt sie kaum hörbar. Danach wendet er sich, die Beine leiten ihn, die Treppe hinunter. Dem Aufzug vertraut er nicht. Er bekommt Panik, wenn er in der Kabine ist. Die Tasten versteht er nicht mehr. Das „Pling!“ erschreckt ihn immer bis ins Mark. Heute hat dieses Verhalten den Vorteil, dass ihn deshalb niemand hört. Er gleitet die Treppe hinunter, als wäre er Kind. Sein Gesicht hat dieses spitzbübische Lächeln um die Lippen, als er gerade fünf war. Damals ist er auch eines Nachts ausgebüxt und hat sich aufgemacht, seine Oma zu besuchen.
Die halb befestigte Fliege wippt lustig unter seinem Hals. Er schafft es am Eingangsbereich vorbei, der unbesetzt ist. Zwei Pfleger, ein Mann und eine Frau, sind rauchend in ein bedeutungsvolles Gespräch vertieft, als er sich rechts in die Büsche macht – ganz wie damals. Er gleitet durch den parkähnlichen Vorgarten des großen Anwesens. Seine Nachtsicht ist schon immer gut gewesen. Der Rasen dämpft die Trittgeräusche. Der feine Schotter auf dem Fußweg zum Tor hätte ihn verraten. Der kleine Junge im alten Mann hat ihm die richtige Strategie eingeflüstert, wie er unentdeckt bleibt. Und es gelingt ihm. Er geht den Zaun entlang zurück zum Zugang und schlüpft über die asphaltierte Zufahrt aus dem Park der Seniorenanlage hinaus auf den Gehweg zur Stadt. Es dämmert bereits. Die Sonne malt einen orangenen Streifen dahin, wo man den Horizont sehen kann. Zu seinem Glück ist bereits Frühjahr und relativ mild. Der alte Mann schreitet federnd aus. Sein Mund ist gespitzt und pfeift lautlos ein Kinderlied, wieder und wieder.

Prof. Heiner Müller ist Träger des Leibniz-Preises. Er war ein begnadeter Mathematiker und ist ein erstklassiger Schachspieler gewesen. Seine Lauf- und Langlaufzeiten waren wettbewerbsfähig. Ein großer, schlanker, ein sehr gut aussehender Mann. Immer perfekt gekleidet: Anzug oder Blazer mit grauer Hose, Fliege, Lederschuhe in Hochglanz. Eine makellose Erscheinung. Freundlich, aufmerksam, liebenswürdig – nicht nur zu seiner Familie, sondern auch zu seinen Mitarbeitern am Lehrstuhl, seinem Institut, seinen Studenten und Doktoranden. Eigentlich zu allen um ihn herum und darüber hinaus. Genie, das er war, ließ er eben das dennoch niemals jemanden spüren. Sein kleines Stück Sonderbarkeit waren die ausgesucht gute Kleidung, seine Fliege, der akkurate Haarschnitt seines vollen aschblonden Haarschopfs und seine perfekte Rasur. Er war unübersehbar er.
Man konnte sagen, er wäre konservativ. Aber er achtete akribisch darauf, dass er seine Doktoranden und Mitarbeiter nur nach Leistung und Qualifikation heraussuchte und nicht nach Geschlecht. Was dazu führte, dass sich an seinem Lehrstuhl immer überdurchschnittlich viele Frauen tummelten. Die neidischen Kollegen nannten diese Damen Heiners Groupies. Er hörte darüber sardonisch lächelnd hinweg. Sollte es Avancen seitens der Damenwelt gegeben haben, wurden diese durch die bekannt gute Ehe und Partnerschaft mit seiner Frau Elisa, einer belgischen Adligen, verhindert, die wie er promovierte Naturwissenschaftlerin war und auf ihrem Gebiet eine echte Koryphäe. Sie entwickelte bei einem Pharmakonzern Krebsmedikamente. Es war eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet sie an Krebs sterben musste.

Dass ein Bewohner abgängig ist, bemerkt man im Seniorenstift erst, als Hermine Freund ihn vermisst. Dass er nicht zum Frühstück kommt, ist nicht häufig, aber manchmal verläuft er sich und sitzt weinend auf einer Bank in einem der Gänge. Nur seine Schachpartie mit Hermine Freund – die hat Heiner Müller noch nie verpasst. Da war er immer pünktlich und zuverlässig wie ehedem. Sein Schachspiel hat wie durch ein Wunder durch die Demenz bisher kaum gelitten. Es gehört zum Geheimnis dieser Erkrankung, dass der Verlust des Denkens durchaus nicht gleichmäßig geschieht. Heiner kann vergessen zu ziehen. Dann stupft sie ihn an. Und er lächelt, nickt und macht dann einen Zug, der sie in arge Not bringt. Trotz seiner Gedächtnisschwäche hat er die Stellungen so gut im Kopf, dass er sogar eine abgeräumte Partie vom Vortag exakt wiederherzustellen vermag.
Hermine liebt es, mit ihm zu spielen, denn er ist der einzige der Bewohner, der ihr das Wasser reichen kann. Alle anderen hat sie so oft und vernichtend weggeputzt, dass niemand anderen mehr gegen sie antreten mag. Ganz davon abgesehen, dass im Schachspiel wieder der alte Heiner Müller durchscheint, der Mensch, der er war, als er ins Stift de facto „eingezogen“ wurde. Abgeschoben trifft die Sachlage zwar besser; aber wer vermag es den Angehörigen verdenken, dass sie die Pflege eines alten Menschen mit zunehmendem Gedächtnisverlust, der nicht mehr allein zurechtkommt, den Spezialisten übergeben. Man muss zugeben, dass die Demenzabteilung des privaten Stifts ebenso wie ganze Einrichtung mit gutem, sehr qualifiziertem und genügendem Personal ausgestattet ist. Die Pflege kostet schließlich auch ein Vermögen. Nur höhere Beamte und Mitmenschen mit Vermögen können sich die monatlichen Aufenthaltskosten leisten.
Hermine meldet nach einer Wartezeit von einer halben Stunde der zuständigen Kraft, dass ihr Schachpartner nicht gekommen ist. Diese beruhigt Hermine und geht auf Station, um im Apartment des Professors nach dem Rechten zu schauen. Sie findet ein zerwühltes Bett, ein abgelegtes Armband, in dem ein Sender zur Ortung enthalten ist, und sein Handy vor. Der Bewohner selbst ist nicht anwesend. Der Zimmerservice kennt die Vorlieben und wäre erst in einer weiteren halben Stunde erschienen, um das Bett zu machen und auf zu räumen. Es ist jetzt 9 Uhr 47, als man verstanden hat, dass er nicht mehr im Stift ist.
Heiner Müller ist bereits zu diesem Zeitpunkt seit ungefähr 5 Stunden unterwegs. Das findet die Stationsleitung heraus, als die Streams sämtlicher Videokameras im Haus, an Tür und Zufahrt ausgewertet sind. Die Geschäftsführung entschließt sich auf Empfehlung der Pflegedienstleitung, die Polizei zu alarmieren. Das ist das Verfahren in solchen Fällen. Man will kein Risiko eingehen, das vermieden werden kann. Es ist schon lang kein Bewohner mehr abgängig gewesen. Man befürchtet das Schlimmste.

Heiner Müller hat inzwischen die Stadt hinter sich gebracht. Liebe Mitmenschen haben ihm etwas zu trinken überlassen. Er hat sogar eine Banane gegessen. In einer Bäckerei, in die er gegangen ist, hat man ihm eine Schneckennudel und einen Kakao geschenkt. Der freundliche, leicht chaotische alte Mann ist zwar aufgefallen, aber irgendwie nicht als verloren gegangen erkannt worden. Sein Lächeln um den Mund, seine freundlichen Augen: Er scheint ein festes Ziel zu haben, dem er zustrebt, und die Umwelt macht ihm den Weg frei. Inzwischen hat er es über Pech und Villiprot bis nach Meckenheim geschafft. Da wollte er hin, von Anfang an.
Auf dem letzten Teil der Strecke ist er immer wieder stehen geblieben. Hat nach Wegmarken gesucht, um zu verstehen, wo er sich befindet. Hat der Kopf geschüttelt. Und ist schließlich doch weitergegangen. Aus dem Schreiten ist ein Gehen geworden. Aus dem Gehen schließlich ein Schlurfen. Die Körperspannung hat immer stärker nachgelassen. Man könnte meinen, Heiner Müller wäre immer schneller gealtert. Jetzt ist er müde, sehr müde. Und er wird immer unsicherer, weil die Bilder in seinem Kopf auf einmal wieder verschwimmen, sich überblenden, durcheinandergeraten. Er bleibt immer wieder stehen. Schlägt sich die Hände vor das Gesicht. Murmelt Unverständliches. Stöhnt. Seine Schultern sinken nach vorn. Auf einmal ist aus ihm ein hilfloser, verwirrter, enttäuschter, alter Mann geworden. Vor Kurzem hat es noch so ausgesehen, als wäre er zwar ein wenig vertrottelt und derangiert, aber sonst Herr der Dinge und seines Wegs. Jetzt ist er nichts mehr von alledem.
Er sieht die Bushaltestelle und schlurft zu ihr hinüber. Er bemerkt die Bank und lässt sich schwer auf sie fallen. ‚Neuer Markt‘ steht auf dem Schild über dem Dach der Wartekabine. Früher hätte es ihm gesagt, dass er am Ziel ist. Aber heute sagt es ihm nichts mehr. Dort, auf der Bank, sitzt er mit hängenden Schultern. Sein Blick verliert sich ins Nichts. Tränen beginnen über sein Gesicht zu fließen. Einsam ist er, allein. Kennt sich selbst nicht mehr. Das Ziel, das er heute Morgen vor Augen gehabt hat, ist vergessen. Einfach weg. Es ist in der Wirrnis seiner Gedanken, im Knäuel seiner deformierten Erinnerungen verschwunden. Er ist völlig verloren. Wohin? Wer bin ich? Wieviel Uhr ist, welcher Tag? Er versucht, Ordnung zu schaffen in seinem inneren Labyrinth, dessen Wege Lücken aufweisen, die die Prionen weggefressen haben. Sie durchlöchern sein Gehirn und verklumpen darin. Manchmal feuern die Synapsen Sinnvolles. Manchmal Chaos pur. Dann fühlt es sich so an, dass verschiedene Filmschnipsel aneinandergeklebt worden sind, die nicht zueinander gehören. Plötzlich versteht er wieder. Ist wieder bei sich. Aber das geschieht immer seltener.

Die Polizei sucht nach Prof. Dr. Heiner Müller. Sie hat keinen Schimmer, wo er sein könnte. In fünf Stunden kann man weit kommen, vor allem, wenn man körperlich so gut in Schuss ist wie er. Man entschließt sich, die Öffentlichkeit einzuschalten. Die regionalen Radiostationen werden aktiviert. Die Polizei tweetet, instagramt und facebookt ein aktuelleres Foto des verschwundenen Professors. Eine aufmerksame junge Frau, etwas rundlich ist sie, die die Raiffeisenbank Voreifel verlässt, wo sie für ihre Großmutter Überweisungen eingeworfen hat, sieht den alten Mann an der Bushaltestelle sitzen. An ihm, mit ihm, stimmt etwas nicht. In ihrem Twitteraccount hat sie gelesen, dass ein verwirrter dementer Altenheimbewohner gesucht wird. Das könnte er sein, schießt ihr durch den Kopf. Sie wechselt aus ihrem WhatsApp Chat mit ihrem Freund nach Twitter und sucht den Tweet. Tatsächlich, das Bild hat eine gewisse Ähnlichkeit. Nur sieht der Professor darauf aus wie früher. Die Nase, die Ohren. Ja, er sollte es sein.
Sie geht hinüber. Der verlorene Alte, der ihr wie ein Greis vorkommt, hat gerade sein Gesicht in seinen Händen geborgen und schluchzt weinend. „Kann man Ihnen helfen?“, spricht sie an. Der alte Mann schaut auf. „Sind Sie Herr Müller?“ Er schaut sie verloren an, will etwas sagen, kann aber nicht. Seine Augen fokussieren sich kurz. Sie meint ein Nicken zu erkennen, vergleicht nochmals die Gesichter von Bild und dem Alten, der vor ihr sitzt. „Sie sind es!“, ruft sie. Und setzt einen Tweet ab, dass sie ihn gefunden hat. Sie gibt ihre Handynummer an, als man sie darum bittet. Kurz darauf klingelt ihr Smartphone. Der Greis schaut sie an, scheint zu verstehen, will lächeln und sinkt danach in sich zusammen.
Sie setzt sich neben Heiner Müller, nimmt seine Hand und tätschelt sie. Spricht beruhigend auf ihn ein. Niemand registriert die beiden, die junge Frau, der alte Mann, die vertraut scheinen. Das Leben geht seinen Gang. Wer hat schon Zeit, aufmerksam zu sein für das, was um ihn herum geschieht. Man hat schließlich Dinge zu erledigen, sehr wichtige Dinge.

Nach einer Viertelstunde kommt ein Einsatzfahrzeug. Es nimmt die beiden zur Wache mit. Die Polizei versorgt den alten Professor. Die junge Frau lässt ihn ungern zurück. Als sie sich bei Heiner Müller verabschiedet, will dieser wieder etwas sagen. Vergeblich. Am Ende lächeln sie beide und winken sich zum Abschied. Die Augen des Professors glänzen wieder. Jetzt kann man kurz erahnen, wer er mal war. Und dann ist wieder dunkel in ihm und um ihr herum. Sein Licht ist erloschen, auch wenn er noch da ist. Die Hoffnung, die ihn morgens antrieb, ist nicht mehr.
Nach diesem Tag kann er nicht mehr Schach spielen. Hermine Freund ist traurig. Sehr traurig. Sie vermisst das. Vermisst ihn. Er lächelt verloren, wenn sie auf ihn einredet beim Frühstück. Heiner Müller ist nicht mehr bei sich. Der, der er einmal gewesen ist, ist nicht da. Sein Körper ist noch präsent, auch wenn er zusehends kleiner wird und verfällt. Nach weiteren 2 Wochen schläft er ein und erwacht nicht mehr. Auf seinem Gesicht liegt ein Lächeln, als sie ihn morgens in seinem Bett leblos liegend finden. Jetzt ist er wieder ganz bei sich. Endlich.

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Gründel

Von Johannes Morschl

Ein Sonntagvormittag im Januar in Berlin. Ein alter Mann namens Georg Gründel kriecht auf allen Vieren auf dem Fußboden seines Wohnzimmers herum, eine Brille auf der Nasenspitze, und redet mit sich selbst. „Ja wo steckt er denn bloß, der Gründel? Er muss doch hier irgendwo stecken! Rieche es, dass er hier sein muss. Hat er sich etwa unsichtbar gemacht? Macht er einen auf Invisible Man? Nein, das geht nicht, ist Sciencefiction. Aber wer weiß, heutzutage ist so einiges möglich, das früher nur Sciencefiction war. Man denke zum Beispiel an die, na was war’s denn gleich, ah ja, die Mondlandung. Da betrat Gründel als erster Mensch den Mond. Nee, das kann nicht Gründel gewesen sein. Auf keinen Fall war das Gründel. Oder doch? Befindet er sich noch immer auf dem Mond? Nee nee, das ist unmöglich. Ich rieche es, dass er hier irgendwo steckt. Wie auch immer, normal ist es nicht, dass ich ihn riechen, aber nicht finden kann. Das lässt mir keine Ruhe. Habe das Gefühl, dass ich ohne ihn nichts bin, nicht einmal der Schatten von einem Nichts. Quatsch! Wie soll ein Nichts einen Schatten haben, wenn es nichts ist? Das widerspricht jeder Logik. Aber was ist schon Logik? Mit Logik allein kommt man auch nicht weiter, wenn einem die Fantasie, die Intuition, der Riecher fehlt.“

Da stößt Gründel mit dem Kopf gegen die Eckkante eines kleinen viereckigen Tischs, der in der Mitte des Zimmers steht. „Aua! Doch halt, jetzt hab ich‘s! Bin selbst der Gründel! Welch unglaubliche Erkenntnis! Habe es ja gleich gerochen, dass er hier irgendwo sein muss. Wäre aber nie auf die Idee gekommen, selbst der Gründel zu sein. Ist ja auch abwegig, so eine Idee. Wer würde schon auf die Idee kommen, Gründel zu sein? Und warum muss ausgerechnet ich Gründel sein? Fühlt sich gar nicht gut an, Gründel zu sein. Würde lieber nicht Gründel sein.“

Er richtet sich mühsam vom Fußboden auf, setzt sich auf einen Stuhl, der neben dem kleinen Tisch steht, und schaut sich im Zimmer um. „Wo befinde ich mich hier? Ist das meine Wohnung? Ah, jetzt erinnere ich mich wieder. Ja, das ist eindeutig meine Wohnung. Sieht aus wie in einer Bibliothek. An allen Wänden fast bis an die Decke reichende Bücherregale, vollgestopft mit Büchern. Habe ich das alles gelesen? Allein wenn ich daran denke, bekomme ich schon Kopfschmerzen. Erinnere mich auch wieder, dass mich meine Nachbarn nicht grüßen. Würde mich auch nicht grüßen, wenn ich ein Nachbar von mir wäre. Wenn mich die Nachbarn in diesem Zustand sehen könnten! Ach was, vergessen wir die Nachbarn. Bin eigentlich sogar froh, dass sie mich nicht grüßen. Nichts ist schlimmer, als Nachbarn zu haben. Muss immer sofort die Fenster schließen, wenn sie eine Sitzung auf dem Klo hatten und ein bestialischer Gestank aus ihrem offenen Klofenster in meine Wohnung dringt. Müssen Fleischfresser sein, so bestialisch stinken nur Fleischfresser. Erinnere mich auch wieder, nachts ihr Rammeln und Stöhnen zu hören. Höre dies aber dank der mit Büchern vollgestopften Regale nur gedämpft. Rammelten und stöhnten jedoch in letzter Zeit immer seltener. Die Lust am Rammeln und Stöhnen scheint ihnen langsam zu vergehen. Ist ohnehin ein Wunder, dass sie solch eine Lust entwickeln konnten, wenn man bedenkt, wie sie aussehen. Aber man soll nicht über andere lästern, wenn man so aussieht wie ich. Sehe ja aus wie der alte Schopenhauer, völlig zerfurcht und grimmig verkniffen. War aber nie ein Schopenhauerianer. Sein Opus magnum, Die Welt als Wille und Vorstellung, war mir viel zu langatmig. Wurde beim Lesen dieses zweiteiligen Wälzers immer müde und schlief ein, öfter beim ersten als beim zweiten Teil. Da lag mir Nietzsche näher. Der war schärfer, polemischer, provokanter, dies alles von seinem imposanten Schnauzbart unterstrichen.“

Er macht eine kurze Pause und redet dann weiter: „Ja, wenn ich wenigstens ein turbulentes Liebesleben hinter mir hätte, dann könnte ich jetzt in süßen Erinnerungen schwelgen. Allerdings gab es da eine große Liebe in meinem Leben. Marlene hieß sie, so wie die Dietrich. War Schauspielerin an einem kleinen Theater im alten Westberlin, das sich bei seinen Aufführungen an der Dramaturgie des Frauenwüstlings Bertolt Brecht orientierte, der es mit einer Schauspielerin nach der anderen getrieben hat. War aber sehr einseitig, meine große Liebe. Ging nur von mir aus. Marlene spielte zwar je nach Lust und Laune mit, aber sie spielte eben nur und war nicht wirklich in mich verliebt. Habe mich vor ihr zum Affen gemacht, gab immer den Superintellektuellen. Dabei quoll mir die sexuelle Begierde nur so aus den Augen. War ihr jahrelang hinterher. Manchmal ließ sie mich an sich ran, wenn auch nur sehr selten, um sich gleich danach wieder rar zu machen. War für mich wie Himmel und Hölle in einem. Machte ihr zig Heiratsanträge, aber sie vertröstete mich immer mit einem ‚Vielleicht später einmal‘. Nachdem ich endlich eingesehen hatte, dass es sinnlos war, auf ihr Ja-Wort zu hoffen, zog ich mich von ihr zurück. Danach hatte ich nur noch ein Verhältnis mit mir selbst. Zu Prostituierten ging ich nicht, das war mir zu geschäftlich. Schopenhauer ging zu Prostituierten. Nietzsche auch, hat sich da vermutlich die Syphilis geholt, an der er dann so elend zugrunde ging. Bin heute froh, keine Ehefrau zu haben. Heute wäre mir die Vorstellung, mit einer Ehefrau Tisch und Bett teilen zu müssen, irgendwie zu gruselig. Reicht mir schon, mit mir selbst Tisch und Bett teilen zu müssen.“

Er kratzt sich am Kopf, dann sagt er: „Habe mich ja noch gar nicht bei mir vorgestellt, wo ich endlich wieder weiß, wer ich bin. Gestatten, Georg Gründel! Nicht Abgründel, nicht Vorder- oder Hintergründel, nicht Ober- oder Untergründel, sondern einfach nur Gründel, so wie auch mein Urgroßvater väterlicherseits hieß, sozusagen mein Urgroßgründel, der seinerzeit berühmt berüchtigte Untergründler Heinrich Gründel. Er war ein durchaus nicht unbegründelt gefürchteter Untergründler. Bei der preußischen Polizei gab es eine dicke Akte über ihn. Er begann aber aus Verzweiflung, weil alle seine revolutionären Umtriebe scheiterten, zu saufen und tiefzugründeln. Je mehr er soff, umso tiefer und tiefer gründelte er, bis er sich schließlich zu Tode gesoffen und gegründelt hat. Bin mir der historischen Bedeutung meines Urgroßvaters durchaus bewusst, auch wenn er in keinem Geschichtsbuch erwähnt wird. Wahrscheinlich befürchtet man, dass ein Wachhalten der Erinnerung an ihn nur jene Leute bestärken könnte, die nichts anderes im Sinn haben, als Häuser zu besetzen, zu randalieren und Widerstand gegen die Staatsgewalt zu leisten. Bin mir ziemlich sicher, dass ich in jüngeren Jahren vom Verfassungsschutz observiert wurde. So etwas spürt man. In Familien wird ja das Wissen über außergewöhnliche Vorfahren von Generation zu Generation weitergegeben. Vermutlich dachte man, dass ich mich als Urenkel des unverbesserlichen Untergründlers Heinrich Gründel mit diesem identifizieren und zu seinem Wiedergänger werden könnte, zu einem Staatsfeind aus Prinzip. War aber meilenweit davon entfernt, ein Leben wie mein Urgroßvater zu führen. Wäre mir viel zu anstrengend gewesen, zumal ich auch keinen Alkohol vertrage. Habe immer nur klares Wasser getrunken.“

Er kratzt sich wieder am Kopf und sagt: „Ist heute nicht Sonntag? Da kommt nachmittags meine Kusine Mary zu Besuch, um mich zu kitzeln. Sie ist ja mit ihren Neunundfünfzig nahezu noch eine Jugendliche im Vergleich zu mir. Kommt jeden Sonntagnachmittag, um mich zu kitzeln. Ist für mich fast wie Sex. Bekomme manchmal sogar noch eine Erektion, wenn sie mich kitzelt, was mir peinlich ist, obwohl sie dann so tut, als würde sie nichts merken. Während des Kitzelns erzählt sie mir von ihren neuesten Männerbekanntschaften. Kann mir aber die vielen Namen nicht merken. Interessiert mich auch nicht, mich interessiert nur das Kitzeln. Ist ja das einzige Vergnügen, das ich noch habe. Schade, dass Goethe die Mary nicht gekannt hat. Aber wenn sie zu seiner Zeit gelebt hätte und sie sich kennengelernt hätten, dann hätte er sich sicher auch von ihr kitzeln lassen. Er hat ja bei Frauen nichts ausgelassen. Vielleicht wäre ihm dann eine geistreiche, spritzige Komödie à la Molière gelungen. Die zwei, drei Lustspiele von ihm sind ja nicht gerade die großen Renner geworden. War aber durchaus nicht untalentiert, der olle Goethe, denn sonst hätte er es nicht zum deutschen Nationaldichter und zu so vielen Denkmälern gebracht. Na ja, beim Schreiben von Faust zweiter Teil hat er offensichtlich die Kontrolle über sich verloren. Da hat er eindeutig zu viel gesoffen. Normalerweise soll er täglich drei Flaschen Wein getrunken haben. Beim Schreiben von Faust zweiter Teil müssen es jedoch mindestens doppelt so viele gewesen sein. Es gibt da von ihm den treffenden Spruch: ‚Andere schlafen ihren Rausch aus, bei mir steht er auf dem Papier.‘ Aber wenn Mary ihn beim Schreiben von Faust zweiter Teil gekitzelt hätte? Dann wäre uns dieses chaotische, allein schon von seiner Länge her kaum aufführbare Stück möglicherweise erspart geblieben.“

Plötzlich trübt sich Gründels Gedächtnis wieder. Es zieht ihn wieder auf den Fußboden hinunter und er beginnt wieder auf allen Vieren herumzukriechen, die Brille auf der Nasenspitze. „Mary? Wer ist Mary? Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor. Auch den Namen Goethe habe ich schon mal gehört, kann ihn aber nicht mehr einordnen. Da war irgendetwas mit Kitzeln und einem zweiteiligen Besoffenen. Äh? Ein Besoffener, der aus zwei Teilen besteht, also aus zwei Besoffenen? Wie soll das gehen? Doch wer weiß, heutzutage ist so einiges möglich, das früher nicht möglich war. Und wo steckt denn bloß der Gründel? Rieche es, dass er hier irgendwo sein muss.“

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Schwarzer Froschsee

Von Madame Pavot

Der See war schon dunkel. Ich trat auf einen heruntergefallenen Ast, er knackte laut, ich erschrak. Vielleicht lümmelten die Nachbarskinder auch herum und tranken fast heimlich Bier, der See gehörte nicht mir allein, auch, wenn er mir in der grauschwarzen Nacht das Gegenteil suggerierte. Hier war ich ruhig. Ich atmete aus, atmete ein. Die nachtwarme Luft stach fast ihren Dunst in meine empfindliche Nase, aber ich liebte sie trotzdem, sie war meine Konstante in der neuen, ganz fremden Stadt, die hier verschwamm.
Die Frösche hörten mich. Sie waren erst leise, dann lauter, wie ein sich steigerndes Orchester, meine Freunde in der Einsamkeit, manchmal quakten sie mich einfach aus der Nähe an und verschwanden wieder. Die Stadt war ein anonymer, grauer Ort, aber hier, am schwarzen Froschsee war ich ein Vertrauter.
Ich hörte ferne Stimmen, sie mischten sich mit dem leisen Froschgesang. Auf einmal rauschte es in meinen Ohren. Ich schaute meine Hand an, im Dunkel sah ich wenig, aber eine zarte, neue Haut schimmerte zwischen meinen Fingern.
Ich hatte sowieso nichts in der Stadt verloren. Meine Beine fühlten sich auf einmal leicht und ich sprang. Nun gehörte der See doch mir. Der ferne Gesang, der sich nun deutlich von den Stimmen abhob, lockte mich zu Meinesgleichen

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Das Kokslisel

Von Lydia Kraft.

Alles wie immer. Schon lange gehe ich so. Immer allein. An mich reicht keiner heran. Ich mache einfach den Fernseher an und dann gehöre ich dazu. Immer ganz vorn dabei. Gut einen großen Blumentopf kann man damit wohl nicht gewinnen aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben, daß es sich auch für mich einmal lohnt. Mit der Wohnung, Eigentum wäre schön, ist nämlich wichtig um nicht aufzufallen beim was soll man machen, Urlaub natürlich, die Flüge sind immer noch super günstig auch wenn es immer mehr Kriege und Katastrophen gibt, irgendein Hotel bietet schon allinclusive an. Und, naja man kann sich jeden Wunsch im Internet erfüllen. Das könnte jetzt schon sein aber Eve, hm nun ja, man muß es verstehen was sag ich mit Eve und mir macht man schon was mit, nun ja es ist aber auch sehr schön mit ihm allein, man vergißt gerne, daß man nur in der zweiten Liga spielt, zu Hause merkt man es halt nicht so. Ach was sage ich, mit Eve merkt man es auch draußen nicht. Man geht einfach durch, so gut sehe ich nämlich aus. Aber was ist schon, irgend ein Paris sollte mir den Apfel reichen, ein Adonis müsste meiner Aphrodite erscheinen. Ja, und sage ich es nicht. Ich wurde erhört. Eine, nein, die Hoffnung! Da steht er, der Retter vor der Realität. Wer braucht noch Geld? Er wird für alles aufkommen. Das sieht man doch. Dann… Ein vielbeschäftigter Mann. Endlich, er sieht mich. Ach ja, ich bin an der Reihe. Was will ich schon. Kein Lächeln zum Abschied? Wieso nicht? Ach, er ist nicht so leicht zu haben, versteht sich. Wenn ich ihn erst einmal erreicht habe wird sein Lächeln mir für immer holt sein. So, wie andere im Scheinwerferlicht stehen werde ich beim Anblick seiner Zähne ins Schwitzen geraten.
Gut, erst einmal nach Hause kommen. Wen sieht man schon auf der Straße? Einmal durch, durch diese Realität. Das geht mich zum Glück alles nichts mehr an. Es taugt sowieso niemand für meine Träume dabei muß er nur alles können. Vor allem, mir gefallen ja, das ist nicht so einfach. Aber, er, er kann es. Wenn der es nicht kann. Ihr werdet schon sehen, er wird mich noch sehen.
Erst einmal ein bisschen mit Eve, er weiß viel zu berichten. Mal sehen was er über ihn weiß. Ah, ja, nun bin ich wieder ganz. Niemand reicht an mich heran. Außer er natürlich, er wird mich erobern. Na? Eve, was sagst du dazu. Aber ja, ganz genau, ich kann ihn haben. Ach ja, daß ihm das nicht gleich aufgefallen ist. Aber wenn ich das nächste Mal hingehe wird er merken, daß ich für ihn bestimmt bin, Ganz bestimmt. Oh, er will mir was sagen. Was, wie, ich verstehe so schlecht. Ahja, ich bin Gott, Na eigentlich eher eine Göttin aber er wird schon sehen. Hoffentlich hat er Handwerkliches Geschick, mein Wasserhahn tropft. Und dann, dann, ja dann, werden wir ficken. Oh, dieses Einmalige diese Ewigkeit der Qual und der Lust. Man muß aber wann gibt es was dafür. Er wird doch genug haben? Ach was, mit ihm kann ich alle haben. Früher mußte man ja noch Heiraten um die Frau des Doktoren zu sein aber heute muß man ihn einfach nur ficken und dann hat man ihn. Ohja, mit ihm werde ich alles was sag ich, alle haben. Er muß mich nur ansehen dann wird das schon gehen. Bei ihm bin ich sogar Gott. Was brauche ich mehr, ach ja Eve, wie sollte ich sonst Recht haben. Ich muß nur, ja, ich muß nur, nein was, er ist nicht schön? Sicher ist er schön, vielleicht nicht so vom Aussehen her aber ja, es ist ganz klar, er hat Geld. Vielleicht noch ein bisschen mit Eve damit es Gewißheit wird. Es irrt sich doch niemand. Mit Eve bin ich immer gut informiert. Ich weiß einfach alles mit ihm. Immerhin weiß es niemand, das mit mir und Eve, da muß doch alles wie immer sein. Oder nein, er ist ja jetzt da. Oh ja, mit ihm was sage ich mit ihm und Eve kann ich alle haben. Ich muß es mir nur denken. Ja, Gedanken sind nicht irgendwas. Es fängt alles im Kopf an. Das Schlechte und das Gute. Es kommt halt darauf an was man daraus macht. Ach ja was soll ich sagen ich, ich muß ihn nur machen, also denken. ja ich bin schöner, ich bin besser und mit ihm bin ich auch reicher. Ach ist nicht alles Gut? Ich denke, also mache ich. Du bist was du tust. Ja, an unseren Taten werden wir gemessen. Wer man war, weiß man erst bei der Beerdigung. Wer weiß, wer glaubt das noch, ich kann alle haben. Eve, Eve oh nur noch eine Line da, dann muß ich mal wieder los. Vielleicht gibt es ja heute was umsonst. Vom Dealer oder auf der Straße, man soll zwar nicht mit jedem aber an so einem Tag wie heute. Oh, schon wieder Stimmen. Er scheint beliebt zu sein. Ja, er will, ja er will mich, nein ich, ich habe Recht. Sicher kann ich schon alle haben. Oh ja, erzählt mir ruhig, ich habe Recht, ach was, was ihr schon wißt, ihr wollt ihn doch auch nur alle haben. Wen sollte er sonst, ich bin für ihn schon Gott. Wenn das nicht eine Leistung ist und ich bin ganz allein dabei. Ja, er will mir was sagen, was, wie ich bin schon im Himmel, nein, das kann nicht sein. Ich bin noch nicht einmal auf einer Yacht. Ja, ich kann Euch alle haben. Mir kann doch keiner was. Alle sollen sie niederknien. Alle. Was? Wie? Wann ich Gott bin? Eve, hilf mir. Wann habe ich? Nein, so kann das nicht gemeint sein, ich bin wie alle. Das kann nicht sein, Eve, Eve nein, nein ich will es nicht hören. Ich muß nur essen, ich muß nur trinken. Ja kann sein aber ja schlafen will ich doch auch und schwitzen und scheißen. Das alles werde ich tun wenn ich dann nur dein Gott bin.

© 2020 Lydia Kraft
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