Lotterschreck 5

Von Johannes Morschl

An einem Sonntagmorgen Mitte November 2022 stellte Lotterschreck sich vor den großen Spiegel im Vorraum seiner Wohnung. Er sagte zu seinem Spiegelbild: „Wie sieht man denn als Mensch aus? Man sieht ja schrecklich aus! Man ist ein degenerierter Affe, ein Nacktaffe, man hat nahezu seine ganze Körperbehaarung verloren! Und dieses Gefühls- und Gedankenchaos, in dem man sich andauernd befindet!“ Dann überkam ihn plötzlich eine Art von Vision. Alles hatte sich auf einmal in weißes Licht aufgelöst. Auch er hatte sich auf einmal in weißes Licht aufgelöst. Es gab nur noch weißes Licht. Ein unendliches Glücksgefühl durchströmte ihn, verbunden mit einer tiefen Sehnsucht, für immer in weißes Licht aufgelöst zu bleiben. „Ist Sterben ein Übergang in dieses weiße Licht?“, fragte er sich. Er wäre am liebsten vor Glück über diese Fantasie, die nicht nur eine luftige Fantasie, sondern eine seine gesamte Existenz durchströmende Wirklichkeit war, eine nicht stoffliche Wirklichkeit, auf der Stelle gestorben.

Aber dann regte sich Widerspruch in ihm. Tot sein, das bedeutet auch keine Hoffnung mehr auf ein Wiedersehen mit Wanda, kein Vogelgezwitscher mehr, keine Ameisen, Bienen und Käfer mehr, keine bellenden und schwanzwedelnden Hunde mehr, kein schräger Kafka mehr, kein Gregor Samsa mehr, keine Romane von Thomas Bernhard mit den sich dauernd wiederholenden inhaltlichen Schleifen mehr, kein Sonnenlicht mehr, kein Sternenhimmel mehr, kein Mondschein mehr, keine Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach mehr, keine Klaviersonaten von Mozart und Beethoven mehr, keine Impromptus von Schubert mehr, und und und. Nun gut, das pathetische Gedröhne von Richard Wagner würde einem dann für immer erspart bleiben. Außerdem bräuchte man sich nicht mehr über machtbesessene, größenwahnsinnige und vertrottelte Staatsführer ärgern. Man würde sich die im Alter zunehmende körperliche und geistige Hinfälligkeit ersparen. – Aber auch keine Wanda mehr mit ihrer ihn so verzaubert habenden Kontra-Alt-Stimme. Nein, das wäre gar nicht gut. Er fasste einen für ihn geradezu unglaublichen Plan. Er wollte sozusagen über seinen Schatten springen und sich die wahrscheinlich vollkommen sinnlose Mühe machen, Wanda in der Stadt zu suchen. Er vermutete, dass er sie am ehesten abends in einer Bar oder einem Lokal finden würde, wo man auch guten spanischen Brandy bekam. Aber er spürte sofort einen beträchtlichen inneren Widerstand gegen diesen Plan, abends irgendwelche Bars und Lokale in der Stadt abzuklappern, und ließ ihn wieder fallen.

Da klingelte sein Telefon. Er bekam einen Schreck, da sein Telefon schon ewig lange nicht mehr geklingelt hatte. Vermutlich hatte sich da jemand verwählt. Oder war es vielleicht gar Wanda, die da anrief? Aber sie hätte ihn eher per Handy angerufen. Seine Handynummer hatte sie ja wahrscheinlich noch. Er besaß noch ein altes Handy, kein Smartphone. Überhaupt war der technische Fortschritt so ziemlich an ihm vorbeigegangen. Er interessierte ihn ganz einfach nicht. Er hatte auch keinen Führerschein, und wenn er sich mal ein Taxi nahm, was bei ihm äußerst selten vorkam, obwohl er genug Geld hatte, um sich ewig lange von einem Taxi herumfahren zu lassen, fühlte er sich immer äußerst unwohl, in so einer Blechkiste zu sitzen und hilflos dem chaotischen Autoverkehr in der Stadt ausgeliefert zu sein. Er hatte aus Prinzip keinen Führerschein gemacht. Früher, als er noch an Lesungen teilgenommen hatte, da hatte er es immer bevorzugt, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Da die Lesungen, an denen er früher teilgenommen hatte, abends stattfanden, und danach ging man oft noch in eine Kneipe, die mindestens bis Mitternacht geöffnet war, hatte er immer darauf geachtet, noch die letzte U-Bahn oder den letzten Bus zu bekommen. Nur wenn er die letzte U-Bahn oder den letzten Bus verpasst hatte und keine Lust hatte, die lange Wartezeit auf einen Nachtbus in Kauf zu nehmen, nahm er sich ein Taxi. Nachts war es auch nicht mehr so schlimm, sich ein Taxi zu nehmen, da kaum noch Autos unterwegs waren. Da konnte einen höchstens ein redseliger Taxifahrer nerven.

Lotterschrecks Telefon klingelte noch immer. Vor Erwartung aufgeregt zitternd, ging er schließlich ran und meldete sich in fragendem Ton: „Lotterschreck?“ Dies klang so, als würde er an seinem eigenen Vorhandensein zweifeln, bzw. daran zweifeln, ob dieses Telefon tatsächlich soeben geklingelt hatte, oder er sich das Klingeln nur eingebildet hatte, sozusagen eine akustische Halluzination. – Zuerst Stille am anderen Ende der Leitung, dann schlug es wie ein Blitz in ihm ein, als er tatsächlich Wandas ihn so verwirrende Kontra-Alt-Stimme hörte: „Hallo, Lottischrecki.“ So hatte sie ihn früher, als sie noch bei ihm gelebt hatte, genannt, wenn sie guter Laune war oder etwas von ihm wollte. Als Lotterschreck Wandas Stimme hörte, spürte er sofort, wie sich etwas in seinem Hosenstall regte, so als wäre der alte Schlingel zwischen seinen Beinen, dessen Existenz er seit Wandas Auszug aus seiner Wohnung nur noch wahrgenommen hatte, wenn er pinkeln musste, mit einem Ruck aus langem Schlaf erwacht. „Hallo, Wanda“, meldete er sich mit einer vor Aufregung belegten Stimme zurück. Kurzes Schweigen, dann Wanda: „Ich habe eine Bitte an dich. Meine Wohnung, in der ich als Mieterin wohne, wurde vom Hausbesitzer verkauft. Rechtlich gesehen könnte ich zwar noch längere Zeit nach dem Verkauf in der Wohnung bleiben, aber der Hausbesitzer hat die Miete derart erhöht, dass ich sie nicht mehr bezahlen kann. Das hat dieser Arsch absichtlich gemacht, um mich schneller loszuwerden. Sag, könnte ich eine Zeitlang bei dir unterkommen, bis ich eine neue Wohnung gefunden habe?“

Vor freudiger Erregung spürte Lotterschreck sein Herz schneller schlagen. Er sagte: „Selbstverständlich kannst du bei mir wohnen, so lange wie du willst! Hast du viel zu transportieren?“ Sie: „Nee, nur mein Bettzeug, meine Klamotten, Schuhe, meine Gitarre, Geschirr, aber nicht viel, ein paar Bücher, meinen alten CD-Player und einen Haufen CDs, und all die Siebensachen, die man als Frau so braucht. Kühlschrank und Waschmaschine waren schon in der Wohnung, ebenso Bett und Möbel. Die darf ich sowieso nicht mitnehmen.“ Lotterschreck: „Ich schicke dir einen Kleintransporter von einer Umzugsfirma, neben dem Fahrer noch zwei Männer zum Tragen.“

(Eine Beschreibung dieser Umzugsaktion gibt es hier nicht. Entweder hat sie der Autor schlichtweg vergessen, oder er war zu faul oder es war ihm zu langweilig, den ganzen Plunder, der da zu transportieren war, aufzuzählen oder gar detailliert zu beschreiben. Man hat ja schließlich nicht die Geduld, eine solch ausführliche Beschreibung zu lesen, die ausufernd werden könnte, und das lesende Publikum, falls sich ein solches für so eine abstruse Geschichte überhaupt jemals finden würde, könnte vor Langeweile einschlafen und die Geschichte nie zu Ende lesen, was möglicher Weise auch besser so wäre.)

Kurzum: Plötzlich saß Wanda wieder in Lotterschrecks ziemlich verwahrlost aussehender Acht-Zimmer-Wohnung auf dem schwarzen Ledersofa im großen Wohnzimmer, trank wieder ihren spanischen Brandy, und offensichtlich hatte sie es sich inzwischen auch angewöhnt, ab und zu eine Zigarre zum Brandy zu rauchen, was ihre tiefe Stimme noch verruchter als früher erscheinen ließ. Früher war da eher noch ein herber Charme in ihrer Stimme gewesen, aber jetzt war ihre Stimme ausgesprochen gruftig geworden, – tiefe Töne aus einer unsichtbaren Gruft. Lotterschreck war erschüttert, als er diese untergründige Veränderung von Wandas Stimme hörte. Gleichzeitig erregte sie ihn ungemein, und in der ersten Zeit von Wandas Wiederkehr ließ sie ihn auch öfter als früher an sich ran. Für Lotterschreck war es, wie er dachte, die glücklichste Zeit seines Lebens. Er vergaß die Ameisen, Bienen und Käfer, er vergaß, wer Thomas Bernhard überhaupt gewesen sein soll und wer Kafka überhaupt gewesen sein soll, – ah ja, der mit dem Käfer namens Gregor Samsa, fiel ihm dann wieder ein. Und er sagte sich: „Ich bin Käfer, also bin ich. Ich bin eindeutig Käfer Lotterschreck, aber ein glücklicher, verliebter Käfer.“

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© 2022 Johannes Morschl
Alle Rechte vorbehalten

(Fortsetzung der in der Textmanege bereits veröffentlichen ersten vier Abschnitte der im Entstehen begriffenen Geschichte Lotterschreck)

Die Wiedergeburt

Von Michael Wiedorn

Etwas zu früh erscheine ich auf dem Krankenhausgelände. Ich bin ausgeschlafen. Kein Grund zur Sorge. Staroperationen sind heute Routine. Fließbandarbeit. Heute strahlt die Sonne. Die Sommerferien haben schon begonnen und die Freibäder dürften heute gerammelt voll sein. Es sollte kein Tag zum Sterben sein, sondern ein Tag des Vergnügens.
Wenn man das Krankenhaus betritt, schreitet man durch die Toreinfahrt eines Schlosses. Schwere Säulen an den Seiten, dann erreicht man einen geometrisch angelegten Garten mit barock anmutenden Gebäuden an den Rändern. Wo sind die Kutschen, die Kurfürsten und Grafen einfahren. Sträflinge leben in Burgen, in denen früher Könige lebten. Irre blicken durch Gitterfenster auf Schlossparks. Ich durchquere eine weitere Toreinfahrt und stehe in einer parkartigen Straße, eingesäumt von modernen, einstöckigen, schmucklosen Betongebäuden. Sachlich und nüchtern wie die exakte Wissenschaft. In der Mitte der Fahrbahn zieht sich ein breiter Grünstreifen, an dessen Rändern Sträucher und weiß gestrichene Parkbänke stehen. Bleiche Kranke in Bademantel und Schlafanzug gehen an Krücken oder schleichen auf butterweichen Beinen vorbei. Das Leben ist hier beunruhigt gedämpft und gemahnt mich an eine vielleicht nicht allzu ferne Zukunft, in der ich immer weiter in die Langsamkeit und Müdigkeit des Alters verscheiden werde. Die Betonwände und weißgetünchten Mauern in Gesundheitseinrichtungen versuchen die Todesangst an ihrer Sachlichkeit abprallen zu lassen. Die fröhliche Parkvegetation und die nüchternen Bauten verbieten jede Melancholie. Man könnte sonst in Stimmungen lustvoll schwimmen und tauchen. Ein junger Sportler wankt mit vom Verband schwerem und aufgebauschtem Bein vorbei. Eine gelbgesichtige, ausgemergelte Frau mit fettsträhnigem Haar ist mit dünnen Schläuchen an einen rollbaren Ständer mit Tropfgerät angeschlossen. Eine krank vergilbte Flüssigkeit. Dieses Gift verseucht jeden tödlich, der es nur mit Fingerspitzen anrührt. Kranke sind Häftlinge unter dem Bann der Todesstrafe. Neben ihr läuft ein ebenfalls gelbhäutiger, ausgemergelter Mann in normaler Straßenkleidung. Leiden die Beiden an der selben Krankheit? Die zersoffene Leber durchtränkt den Körper mit Gift. Viele Kneipen im Wedding sind nur mit von Bier und Schnaps umnebelten Hirn zu überleben. Vielleicht hat sie gar nichts an der Leber. Was geht mich das an? Meine Neugier ist zudringlich. Sie ist aufdringlich. Ich fühle nicht das geringste Mitleid. Bin ich grausam? Vielleicht ein ganz klein wenig?
Ich bin zu früh hier und setze mich auf eine der weißen Parkbänke. Mein Körper fühlt sich noch ausgeschlafen und gesund an, aber mir ist, als würde der giftige Schnee des Körperverfalles mich verschlingen und ich werde heute um viele Jahre altern. Krankenhäuser verseuchen jeden. An diesem Ort wird vielen klar, dass sie nur mehr wenige Wochen oder Tage halbwegs heil das Grünen und Welken der Bäume erleben werden, dass sie sehr bald in jammernde Krüppel verwandelt werden, dass sie weniger als jeder Luftzug vorhanden sein werden.
Ich stehe auf und betrete Haus 4 – das Gebäude für Augenmedizin. Weiß ist in Japan die Farbe des Todes. Weiß ist die Farbe der emotionalen Sachlichkeit, die mit Zahlen, Tüchtigkeit und hektischer Triebigkeit, dem Schwarz, das sich immer wieder ausbreiten will und immer mehr Lebendigkeit verschlingen will, entgegensetzt und abzuwürgen versucht. Es herrscht hier Lichtzwang. Eine hysterische, künstliche Helligkeit. In langen, vom natürlichen Sonnenlicht abgedichteten, künstlich beleuchteten Korridoren sitzen zu Tode gelangweilt und vor sich hinbrütend die Patienten. Die Geduldigen. Meine Augenlinsen trüben sich und die Außenwelt entzieht sich mir immer mehr hinter dichteren Schleiern. Schleiern aus Dreck und Schleim. Mein Blick auf alles ist braun und schmutzig. Eine verfettete, ältere Frau hat ihre Fettpolster möglichst bequem auf ihren Rollator platziert. Eines ihrer Augen leuchtet in bluterfülltem Rot. Ihr ganzer Hass hat sich als Blut im Auge angesammelt. Die Pupille schwimmt auf einem brodelnden Feuersee. Von grauen Falten übersäte Greise jammern und murmeln über ihre zahlreichen Arztbesuche, die nie endenden Wartezeiten, ihre Blutungen und Geschwüre am Augapfel. Glaukom, Netzhautablösungen, zum Augapfel durchbrechende Hirntumore. Die Augäpfel sind gelb eingefärbt. Ein geiles, wucherndes Gelb, das vernichten und sich nähren will. Wundes Fleisch. Hier warten die Kassenpatienten. Sie warten hier schon seit vielen Jahren und werden hier noch einige Ewigkeiten warten. Das Leben ist kurz und wird vom Warten verzehrt. Tatenlos. In diesen Korridoren ist man vom Leben ausgeschlossen. Draußen in der Welt, die uns nichts mehr angeht, scheint die Sonne oder es regnet.
Ich fürchte mich vor Ärzten. Auf kaltem, keimfreiem Stahl liegt splitternackt mein Kadaver in seiner ganzen Kümmerlichkeit den eiszapfenkalten, wie frisch geschliffenen Messern schneidenden und stechenden Messern der Blicke ausgeliefert. Ich bin arm und mir steht keine eigene Kleidung zu. Ein Gegenstand.
Ich bin Privatpatient und gehe weiter zum Treppenhaus, das mich hinauf zum ersten Stock, zur Privatstation führt. Mich erfüllt die Ruhe und Behaglichkeit eines Menschen, der ein Restaurant oder ein Kino betritt. Mein Auge wird heute operiert. Operationen verändern das Leben. Manche Operationen zerstören. Werde ich morgen früh blind sein? Das Organ wird wohl durch eine Vorrichtung, vielleicht einem Draht, aufgerissen gehalten werden. Mein Blick wird so leer sein der des Schlachtviehs kurz vor der Tötung. Verletzt und blutunterlaufen. Ein Bauch wird der Länge nach aufgeschnitten, ein pochendes Herz wird aus der atmenden Brust gerissen. Ohne Betäubung dürften die stechenden Schmerzen töten. Ich bin ein Kind, das in Schleim und Blut geboren wird und gleichzeitig die aufgerissene Mutter. Ein eingeschnittener Augapfel zerfließt in seiner glasigen Zerbrechlichkeit. Ein kleiner Nadelstich, ein unvorhergesehener Riss, ein kampflustig glitzerndes Messer reicht und die Bäume und Vögel und Häuser ertrinken in Eiter und Tränen.
In der Privatabteilung strahlt die Sonne durch große Fenster. In der Kassenabteilung ist das Weiß der Wände und Türen vergilbt. Vergilbt wie die Haut eines Todkranken. Das Weiß der Privatabteilung leuchtet. Manchmal verfärbt das Tageslicht das Weiß ins Bläuliche. An den Wänden hängen sanfte, abstrakte Bilder, die das Gemüt beruhigen sollen. Hellblau, lindgrün, sanftes Ocker. Gegen die Unruhe des Herzens und der Gedanken helfen Tranquilizer. Ich melde mich beim Sekretariat und bekomme meine Krankenakte in die Hand gedrückt. Jetzt habe ich höchstens Angst vor der die Wände hoch und runter kletternden Langeweile, die mich beim stundenlangen Warten in den klinischen, eintönigen Korridoren anfallen wird. Der Überdruss und die fade Leere im immer wieder Gleichen des Klinikalltages. Ich sehne mich jetzt fast nach einer Trauer, die das Herz zerreißt, nach Schmerzen. Erstaunlicherweise verirre ich mich nicht im Labyrinth der Flure und Korridore, sondern finde erstaunlich schnell schlafwandlerisch den Lift, dessen metallene Tore sich öffnen um mich aufzunehmen und mich meinem Schicksal zueilen zu lassen.
Ich gehe einen Gang entlang, erreiche einen Raum mit Krankenhauspersonal und übergebe dort einer älteren Frau in grünem Operationsornat und einer Art Badekappe auf dem Kopf meine Akte und sie weist mich an, dass ich, bis ich meine Schrankschlüssel erhalte, mich zu den anderen Patienten setzen soll. Muss ich mich jetzt splitternackt ausziehen? Nein – nur mein T-Shirt und meine Schuhe – meint die Schwester. Ich schäme mich. Meine Füße sind seit den Ursümpfen nicht gewaschen worden. Ich habe sie gewissermaßen in den Sümpfen stehen gelassen. Fleisch und Haut sind mit Schlamm und Erde zusammengeflossen. Eine OP-Station muss keimfrei sein. Ich bin ganz unten ein artenreiches Biotop. Hier kriechen Würmer und Schnecken. Fliegen legen zwischen meinen Zehen Eier. Legen Fliegen überhaupt Eier? Die keimende und wuchernde Bauchflora hat erheblichen Einfluss auf die menschliche Psyche. Das Wachsen und Gedeihen und Blühen.
Ich brauche jetzt ein Örtchen, auf das ich mich unauffällig zurückziehen kann, um meine Drecksquanten zu waschen. Ich frage den einen vorübereilenden Arzt nach der nächsten Toilette. Mürrisch, als ahne er meine Unreinlichkeit, nickt er mit dem Kopf in Richtung Gang. „Dort ist das Klo“ – murmelt er nur. Im Waschraum entblöße ich meine fauligen, versumpften Baumwurzeln. Düster und feucht inmitten des strahlenden Weiß des Waschbeckenporzellans und der Kacheln. Es ist mir alles schrecklich peinlich und würde jemand eintreten, würde er mich angewidert und entgeistert anstarren und ich würde ihm mit vor Scham knallrotem Kopf trotzig ins Gesicht glotzen. Jetzt sind meine Füße sauber und ich kann entspannt auf meine Station zurück.
Kurz nach meiner Rückkehr kommt eine andere Schwester in OP-grün, übergibt mir den Schlüssel, führt mich in ein kleines Nebenzimmer, wo ich T-Shirt und Schuhe in einem Metallspind unterbringe und abschließe. Ich ziehe ein blaues Leinenoberteil und Pantoffeln an, die mir die Schwester eben gegeben hat. Ich blicke in den Spiegel über dem Waschbecken und finde, dass mir das Shirt steht. Dann setze ich mich ins Vorzimmer des OP-Saales. Drei ältere Herren im selben Kostüm warten hier. Ich fühle mich ihnen überlegen. Überheblich. Ich bin erheblich jünger. Der Graue Star befällt alte Leute. Mein jugendlicher Übermut entpuppt sich allmählich als rasende Nervosität. Die Haut mancher Todkranken sieht so schön durchblutet und rot aus kurz vor dem Erlöschen des Körpers. Ich habe Scheißangst. Meine Augen werden bald geschnitten werden. Auch Routineoperationen gehen gelegentlich schief. Der Alte mir gegenüber mit seinem Kassengestell und das Wartezimmer sind womöglich das Letzte, was ich in meinem Leben sehen werde. Von Reinheit geschliffener Stahl ritzt am gläsernen Weiß des Augapfels und lässt es davon fließen. Es ist stickig heiß im Raum und ich will in das Glas, das vor mir steht und das mir sauber vorkommt, Mineralwasser eingießen. Der alte Mann mir gegenüber macht mich aber darauf aufmerksam, dass es schon von jemand Anderem benutzt worden ist. Krankenhäuser sind Brutstätten von Bakterien. Die unsichtbare Macht des Wucherns und Keimens tötet. Ich gehe zum Waschbecken und nehme ein sauberes Glas. Gebirgsklares und kaltes Wasser soll mich von allem Verdorbenen reinigen. Prickelnd und eisig wie eine anbrandende Meereswoge. Die Flaschen mit blauen Deckeln enthalten Mineralwasser mit Kohlensäure.
Die große Metalltüre schiebt sich automatisch mit summendem Ton auf. Geister öffnen und schließen hier die Türen. Die Wände im OP-Saal sind flaschengrün gefliest. Die Instrumente und Marterwerkzeuge glitzern im gedämpft hellen Licht, das durch Milchglasscheiben an der Decke dringt. Man wird mich in diesem Saal foltern. Ich werde wiedergeboren werden. Grün maskierte Ärzte werden mich opfern. Blut wird meine ausgeräumten Augenhöhlen durchtränken. Aus meiner Brust werden die Arztpriester mein klatschnasses Herz herausreißen und triumphierend in die Höhe halten. Tiere werden kastriert und geschlachtet. Eine OP-Helferin führt einen alten Mann mit dickem Verband unter dem Brillenglas ins Vorzimmer zu uns anderen.
Die Metalltüre schließt sich hinter ihnen mit sanft summendem Ton. Die Schwester bindet dem Mann eine Art dunkelgraue Schwimmflügel zum Blutdruckmessen um den Oberarm. Der ältere Herr ist ganz bleich und zittert. Sie gibt ihm ein Glas Wasser, aus dem er hastig einen großen Schluck nimmt. „Es hat jetzt länger gedauert, als wir gedacht haben. Aber Sie waren tapfer“ – tröstet die Fürsorgliche. Es läuft also nicht alles nach Plan – verstehe ich. Er blickt mich mürrisch an, als ob ihn mein zudringliches Glotzen beleidigen würde. Ich schaue verlegen weg. Was mache ich, wenn ich mitten in der Operation muss. Ich werde mit gelb triefender Hose vor den hämischen Blicken dieser Greise dastehen. Es dauert und dauert und ich komme nicht dran. Nichts liegt mir jetzt ferner als Langeweile. Trotz der Angst kann ich meine Abschlachtung kaum erwarten. Mein Bangen wird von der Hoffnung auf einen klaren Blick auf die Welt überwogen. Ich will wieder geboren werden. In diesen sonnenbestrahlten Tagen versuchte ich öfters Straßen zu überqueren und der Nebel vor meinen Augen ließ mich nicht das Grün der Ampel vom Rot unterscheiden. Ein grünbrauner Nebel verklebt meinen Blick. Die Welt ist entschieden hässlicher geworden. Der Star sperrt mich aus der Außenwelt aus. Ich falle nicht in das tiefe Schwarz der konsequenten Blindheit, sondern versinke in grauem Dreck mit Braunstich. Ein leichtes, krankes Grün. Meine Finger klopfen nervös auf die Tischplatte.
Endlich nennt eine Stimme meinen Namen. Vor mir sehe ich die Brille und das durchfurchte Gesicht der Schwester. Ich stehe auf. Wir durchschreiten das sich wie von Zauberhand geöffnete Tor. Sie weist mich an, mich auf eine vor mir stehende Liege zu legen. „Bitte, legen Sie Ihren Kopf in die Mulde!“ Ich bemühe mich meinen Kopf in die Mulde zu legen. Auf solchen Bahren werden Leichen aus dem OP-Saal in die Anatomie gefahren. In der Anatomie wartet die einsame Masse der Toten – jeder einsam und einzeln ganz für sich. Dicke Metallwände trennen jeden Einzelnen von seinem Nachbarn. Die Augen haben ihre Lebensaufgabe endgültig erfüllt.
Die Schwester überstreicht mein Auge mit einer Salbe. Sie lässt mich allein. Ich warte, was da komme. Meine Erinnerung verschwimmt. Die Reihenfolge der kommenden Ereignisse – hat man mir schon eine Spritze gegeben? Habe ich einen Verband oder ein Pflaster auf der Schläfe? Ich weiß es nicht. Ich wage es nicht mich zu erheben. Ich warte und warte und empfinde statt Langeweile ein Unbehagen. Plötzlich vernehme ich eine junge Frauenstimme mit amerikanischem Akzent, die sich als Ärztin vorstellt. Ich sehe nicht ihr Gesicht. Ich bin heilfroh, dass sich jemand mit meinem Kadaver befasst und doch vielleicht die Aussicht besteht, dass die Prozedur beginnen könnte. Sie sagt noch etwas und verschwindet wieder ins Nichts. Ihre Stimme spricht jetzt in weiter Ferne zu jemand Anderem. Ich bin mutterseelenallein und gelähmt und kneife und presse meine Augen ganz fest zusammen. Öffne ich unbefugt meine Augen, um das mir Verbotene anzublicken, stößt mir zur Strafe ein Messer in den Augapfel. Ein Apfel wird geschält. In Schwarz-weiß wird der Augapfel einer jungen Frau von einer blanken Rasierklinge quer aufgeschnitten. Ein Auge ist ein Frühstücksei. Ich esse gerne Eier, die nicht ganz weich sind. Der Dotter fließt noch. Eine Prise Salz. Der weiße Eierschleim vermischt sich mit dem fließenden Gelb auf der strahlend reinen Schneide. Durchschnittene Hoden.
Ich warte und ich schwebe auf meiner Bahre weit über dem Fußboden des Operationssaales, der immer weiter in die Tiefe verschwindet. Würde ich fallen, würde ich tief – ganz tief – fallen. Der Sturz von einem hohen Turm ist meist tödlich.
Spricht jemand mit mir? Es ist vielleicht der Arzt, der mich operieren wird. Er sagt, dass ich jetzt gelagert werde. Funkstille und es geschieht wieder nichts. Ich warte und denke mir, ich wurde schon längst gelagert und spüre keine Betätigungen an mir. Ich liege doch schon. Lagern ist ein magischer Vorgang. Blödsinn! Unsinn! Jemand ist in meiner Nähe und ich setze schon an, ob ich denn schon gelagert werde und unterlasse die Frage, die nur meine Wahnanfälligkeit verraten hätte. Der Arzt erscheint wieder: „Ich werde Ihnen etwas in die Augen führen, um es offen zu halten und brauche ihre Mitarbeit.“ Er schiebt die Liege unter Apparate und kneift etwas Hartes zwischen meine Augenlider. Es ist ein Draht. Rostiger Draht, der mir in das Auge Wunden einschneidet. Also spricht der Arzt: „Es erscheinen jetzt fünf grelle Lichter. Blicken Sie in die Mitte!“ In der Mitte strahlt ein kleiner, roter Punkt. Der Punkt hält nicht still. Das Rot flackert unruhig. Meine Hornhaut stößt an Plastik oder Glas. Die Augenlider sind in Metalldrähte eingesperrt. Ein Äderchen wird geritzt und Dunkel hüllt sich um mich und wird mich nie wieder in die Freiheit entlassen. Ein Blinder ist ein Sträfling. Ein Blinder ist ein Beerdigter. Ich fürchte den roten Punkt zu verlieren. Der Punkt pulsiert vor Unruhe. Bei Androhung lebenslänglicher Dunkelhaft darf ich ihn nicht verlieren. Ich darf nicht auf die hellen Lichter blicken. Die Augenmedizin bietet mir ein spannendes Schauspiel – denke ich. Wie im Kino. Man wird hier verwöhnt. Der rote Punkt läuft mir davon. Er hat es eilig. Beharrlich glotze ich auf die Mitte, obwohl der Punkt geflohen ist. Die fünf hell leuchtenden Lichter zerfallen zu Eierschaum und überschwemmen die Mitte und zerfallen und zerfallen in immer kleinere Teile. Ich sehne mich nach Erlösung. Erlösung durch die Donnerstimme und den starken Arm des Herrn der Schöpfung, der am Anfang aller Zeiten den Geschöpfen die Augen aufriss und mir heute möglichst bald diese Sperre aus dem Auge nehmen soll und meine Verschmelzung mit diesen Apparaten auflösen soll. Der Apparat hat von mir Besitz ergriffen und ich bin er selbst und wir beide werden bald so ineinander verwachsen sein, dass uns niemand trennen wird.
Arm und Stimme des Herrn erscheinen. Das Gerät wird von mir weggeschoben. Ich werde von dem Klemmglas befreit.
Die Operation kann jetzt beginnen. Ich stürze ins Dunkel. Die kommenden Ereignisse entfliehen meinem Gedächtnis. Man hat mich wohl betäubt, muss man wohl. Bei der Nachuntersuchung wird man mir sagen, dass ich nicht betäubt worden bin, sonst hätte ich ein blaues Veilchen wie nach einer Schlägerei gehabt. Meine alte, vergammelte Linse wird aus dem Auge gelöst und eine Neue aus irgendeinem Kunststoff wird mit festen Krallen an den Seiten in das Auge befestigt. Ich bin ein Gerät. Mein Auge ist ein technisches Gerät mit Ersatzteilen.
Die Metalltüre öffnet sich wieder mit leisem Summen und ich durchschreite sie in Begleitung der Schwester. Sitze ich dann längere Zeit im Patientenzimmer und erhole mich und trinke Mineralwasser? Habe ich dann die Kleidung gewechselt? Später werde ich in normaler Straßenkleidung unter der brütenden Julisonne stehen. Das operierte Auge ist von einer Klappe verdunkelt. Ich erinnere mich noch, wie eine jüngere Schwester mir für kurz die frische Klappe abnahm und mir Tropfen in das Auge tupft. Einen kurzen Augenblick lang sieht das behandelte Auge die Welt in gesäubertem Licht und mit klaren Konturen. Vielleicht werde ich auch nur von der Hoffnung getäuscht. Das Auge ist wiedergeboren. Es werde Licht! – sprach der Herr. Dann klappt die Pflegekraft das Dunkel über das Auge.
Dann stehe ich im Freien und die helle Sonne blendet mich. Die Strahlen der Sonne beunuhigen mich. Ich sehe nur mit einem Auge, das noch vom Star vernebelt ist. Ich bin hilflos und fast blind. Ich habe es eilig nach Hause zu kommen. Ich brauche Schutz vor der feindlichen Außenwelt. Morgen werde ich die Augenklappe ahnehmen und die Welt deutlich und klar sehen.
Am nächsten Tag nehme ich misstrauisch die Klappe ab. Ich bin überwältigt von dem klaren Blau. Habe ich vorher jemals wirkliches Blau gesehen? Die Welt ist eine kristallklare Meeresbrandung. Die vorherrschende Farbe ist nicht mehr das Geklebe aus braun, grün, grau.

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© 2022 Michael Wiedorn (Text & Bild)
Alle Rechte vorbehalten

Die Erbschaft

Von Michael Wiedorn

Sie betrachtet seinen roten Stiernacken. Seine Visage ist dumpf und roh. Seine seit der Kindheit kraftvoll angewachsenen Arme. Sie möchte zubeißen. Sie geniert sich, wie sie ihren eigenen Sohn anstarrt. Man darf seine eigenen Kinder nicht verspeisen. Ihr vor Jahren verunglückter Mann lebt wieder. Er erscheint nachts in ihren Träumen. Die zertrümmerte Karosserie seines Autos. Sie sah ihn noch als hilflosen Torso auf der zum Krankenwagen rollenden Trage. Nach der Benachrichtigung über sein Verscheiden weinte sie ihm keine Träne nach. Sie betrachtet die sehnigen Muskeln auf dem Rücken ihres Sohnes. Ihr Mann ist nie gestorben. Er sitzt vor ihr am Tisch, als könnte er nie altern. Sein glattes, schwarzes Haar über einer niedrigen Stirn ist kurz geschnitten. Er hat dicke Augenwülste, als wäre er in der Eiszeit geboren worden. Blaue, hundetreue Augen. Das Blau heimtückischer Meeresfluten, die an einem freundlichen Sommertag arglose Badegäste zum Schwimmen verführen, ist verlogen. Die Naiven lassen sich vertrauensselig immer weiter ins offene Meer treiben, bis die Fluten über ihnen zusammenschlagen und sie in die Tiefe ziehen. Auf dem Unterarm ihres Sohnes wird die Sonnenkugel von einem Dolch durchdrungen. Die Sonne verfärbt sich vor Schmerz. Sie erlöscht und die Erde stürzt in Hilflosigkeit. Die Mutter weiß nichts mehr von der Geburt ihres Sohnes. War er jemals ein Säugling und ein Kind. Der Dolch durchschneidet die Sonne. Ihr Körper wird von etwas auseinandergerissen. Ein tiefer Schnitt in ihre Eingeweide. Ein Kind liegt rot und feucht auf dem Tisch. Ihr Sohn dreht sich um und sieht sie befremdet an. Sie senkt verlegen den Blick und fühlt schmerzhaft den Ekel, den ihr Sohn ihr gegenüber empfindet. Sie ekelt sich vor sich selbst. Ihre gealterte Haut ist gelb. Ihre Zähne sind gelb. Sie sieht in ihm einen Feind, der sie bedroht.
Seine Jugend und Kraft. Er zieht sich an um die Wohnung zu verlassen.
Er sitzt in einer Gaststätte. Eine fremde, alte Frau sieht ihn zornig an. Sie setzt sich ohne zu fragen an seinen Tisch. Sie starrt ihn schweigend an. Er versucht über sie hinweg zu sehen. Hat sie Angst vor ihm, fragt er sich. Sieht sie in ihm jemand Anderes und hegt gegen ihn einen unbändigen Zorn. Eine Verrückte. Plötzlich hält sie ihm ein Schwarzweißfoto vor die Nase. Der weiße Rand des Bildes ist schon angegilbt. Erstaunt sieht er sich selbst auf dem Foto abgebildet. Sein Doppelgänger steht in sommerlichen Grünanlagen, in denen er sich selbst nie aufgehalten hat. Er trägt ein offenes, weißes Hemd und eine locker sitzende Krawatte. Über die Schulter trägt er ein Jackett. Im Hintergrund stehen altmodische Autos wie vor zwanzig oder dreißig Jahren. Der Mann auf dem Foto ist tot. Ganz sicher. Ist der junge Mann am Tisch in der Gaststätte ebenfalls tot? Er teilt die Angst der Frau vor ihrem Ehemann. Die Frau haßt ihren Mann – weiß der junge Mann.
Als Kind konnte er nie verstehen, daß er nur seiner Mutter entwachsen ist. Einer jungen Frau entfällt ein Organ, das von einer Hebamme vom Boden aufgehoben wird. Alle anderen Kinder, denen er begegnet war, waren aus zwei Quellen entwachsen. Warum sah er nicht spiegelbildlich gleich wie seine Mutter aus? Nur viel kleiner wie eine extra für sie hergestellte Puppe. Hatte er keinen anderen Ursprung? Das Loch, das seinen Vater ersetzt, hat kein Gesicht, keine Gestalt, keine Form. Der Sohn stellt sich eine von angriffslustigem Rot durchsetzte Schwärze vor. Unten auf dem Grund eines tiefen Brunnens lodern Feuer. Ein heißer Tigeratem weht. In Tagträumen ist er als schwarze Dahlie einem Serienmörder entsprossen. Der Körper eines jungen Mädchens wurde in zwei Teile seziert. Brustkorb, Arme, Kopf hielten und verwesten zusammen. Beine und Geschlechtsteil ruhten auf der anderen Seite. Ein Mädchen hatte zwei getrennte Körper. Die Schnittflächen waren naß und schrieen. Schmeißfliegen legten kleine Eier im warm dampfenden Bauch der Toten. Tat das der Vater? Glasgow-Kick. Bei einem wilden Schmerzensschrei rissen ihr die angeritzten Mundwinkel zu einem Clownslachen auf. Das Opfer wird gezwungen seinen eigenen Schmerz zu verhöhnen.
In Träumen tritt er in SS-Uniform auf. Schwarz wie das tiefe Loch, das ihn zeugte. Glänzende, frisch gewichste Schaftstiefel. Rot leuchtet die Armbinde wie das Feuer tief im Grunde. Dort unten erschallt ein Schrei. Fremde Augen blicken liebend zu ihm hoch. Das knirschende Lederkoppel. Er zieht den Revolver. Er zielt mitten ins Herz seines Sohnes. Der Schuß zerreißt mir das Herz.

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© 2022 Michael Wiedorn
Alle Rechte vorbehalten

Ladybug

Von Regine Wendt

Rot mit schwarzen Punkten, etwas Gold blitzte auf. Bis in die Veranda hatte ich mich gewagt, auf dem Tisch die Überwinterungspflanzen, die Rosen schon voll mit Blattläusen.

Ladybug ,summte der Marienkäfer, und du?

Regina. Das heißt auf Latein die Königin.

Dafür siehst du miserabel aus.

Ich bin krank. Das Nachthemd klebte mir am Körper, ich stank.

Schau mich an. Ladybug krabbelte auf meinen Arm. Rot mit schwarzen Punkten hob sie dezent die Flügel und flirrte kokett zartes Gold hervor.

Ich habe eine Idee. Wir fliegen zum Türkenmarkt am Maybachufer in Kreuzberg, dort gibt es wunderbare Stoffe. Du brauchst ein anderes Kleid. So wie meins.

Ich bin erschöpft, habe bestimmt hohes Fieber.

Gerade richtig, damit fliegt es sich am besten. Und schon waren wir unterwegs, allerdings nur bis zum Kottbusser Damm. Ladybug hatte schon die Tür zu einem Laden durchflogen.

Zugegeben der junge Verkäufer sah fantastisch aus. Schwarze Haare, schwarze Augen und ein strahlendes Lächeln. Ladybug turnte in meinem Ohr herum. Los jetzt, feuerte sie mich an. Roten Stoff für ein Kleid mit schwarzen Punkten. Für sie? fragte er. Ahmed, mein Traumprinz nannte ich ihn schon insgeheim. Ich würde Ihnen doch lieber zu einem warmen Beige raten. Aha, wie die Mallorcawolke. Rentnerüberwinterung. Selbst Ladybug war empört und flog ihm kurz in Auge. Nachdem ich Ahmed das sinnliche Rot erläuterte, mir alle Mühe in der direkten Poesie gab, war der Stoff zur Stelle. Es ist immer gut, wenn man sich auskennt. Punkte sind extra, 1 Cent pro Stück. Schlag zu, flüsterte Ladybug, wir können uns das leisten. Mit 30 Cent waren wir dabei. Ahmed war indessen in den hinteren Teil des Ladens verschwunden und kam im himmelblau glänzenden Sakko zu uns. Das ist meine Farbe, strahlte er und schielte nach seinem Cabrio vor der Tür.

Nimm ihn mit, raunte Ladybug. Ich muss aber nicht alles Schöne haben.

Das hatte ich fast vergessen. Vor der Tür trafen wir noch Heiner Jansen in Jogginghose und T-Shirt. Alles in Schlammfarbe. Er lächelt immer so lieb. Ein richtig Netter, aber heute war es nicht genug.

Im Nu waren wir wieder daheim. Los jetzt, zischte Ladybug, jetzt wird genäht. Auf ihre Anweisung schnitt ich zwei Löcher für die Arme in den Stoff, kräuselte den Hals ein. Der Rücken wurde schnell mit großem Stich zusammen gehalten. Wir hatten uns vorsichtshalber einige Wäscheklammern zurechtgelegt, falls wir es enger brauchten. Als ich aus dem Nachthemd schlüpfte, sah sie mich mitleidig an. Gleich wird es besser.

Das Kleid war zu lang und hinten sah es unvorteilhaft aus. Macht nichts, hinten siehst du sowieso nicht schön aus, kein Arsch. Aber die Devise ist, schaue nach vorn! Das Kleid reichte bis zum Boden. Ladybug flog zur Schere. Wir kürzen. Jetzt reicht es aber, ich wurde energisch, ich will ein Kleid und keinen Pullover. Wir klebten dann noch die 30 Punkte drauf.

Du siehst jetzt aus wie Regina die Königin, meinte sie. Richtig toll. Sie flog einige Runden übermütig um mich herum. Lockte mich aus dem Zimmer zu den Überwinterungspflanzen in der Veranda und hinaus in die frische Luft. Ich fühlte mich wie ein Marienkäfer in der Sonne.

Als ich wieder in mein Bett wollte, der Ausflug hatte mich doch sehr angestrengt, wurde sie streng. Dass du mir nicht an die Blattläuse in den Rosen gehst, die gehören mir.

Das Fieber war wohl doch sehr hoch. Ich träumte ausführlich von Heiner Jansen. Er trug ein himmelblaues, glänzendes Sakko. Sein liebes Lächeln, war nur Einiges, was mich entzückte. Der Fahrtwind im Cabrio machte mir gar nichts aus.

Nach einer schweren Krankheit ist die Welt nicht gleich bunt, sie färbt sich erst langsam wieder ein. Dieses Virus hat mir Respekt beigebracht. Heiner musste ich absagen. Wir können uns noch nicht treffen, es geht nur schleppend voran. Gesundheit ist auch eine Frage der Geduld.

*

© 2022 Regine Wendt
Alle Rechte vorbehalten

Altblechbläser

Von Marion Kannen

Ein Klingen fest und feierlich, klar und voll: Trompeten, Posaunen hören wir,
um den Block geht es, die nächste Häuserecke, bei blauem Himmel. Wolken jagen die feuchte Luft,
ab und zu flackert die Sonne auf und da sind sie:
die Bläsergruppe spielt Weihnachtslieder im Park neben dem Altersheim.
Bis auf einen alle noch im Stehen. Die erste Trompete, kein junger Mann: Macht hoch die Tür!
Daneben, das Englischhorn mit Hosenträgern, Bauch und Brille: Die Tor mach weit!
Unter lila Kaffeewärmermütze, weiblich, winzig, weichgeschrumpelt, ihnen gegenüber:
die zweite Trompete. –
Eine dritte sitzt neben ihr auf der Bank, in Mantel, Mütze, Schal, mit klapprigen Knien:
Es kommt der Herr der Herrlichkeit!
Hinter ihnen steht die Verstärkung- zwei junge Männer, 2x Posaune: Tochter Zion, freue dich!

Mit Rollatoren kommen gefahren, Männer, Frauen, und in Rollstühlen werden sie geschoben,
andere schleichen vorsichtig den Stock gestützt heran und stehen gerührt: O Tannenbaum!
Kräftig und weich, kein falscher Ton, der Applaus gedämpft in Wollhandschuhen
mischt sich ins fleckige Dezemberlicht.
In kleinen Schritten, sanft und hühnchenknochendünn kommt die Dame mit der lila Mütze zur Begrüßung auf den ebenso vogelknöchelchenzarten Herrn im Rollstuhl zu.
Nacheinander sind alle Musiker bei ihm und halten seine Hand. Sie sagen etwas. …
Wohl ihm zu Ehren findet dies Konzert hier gerade statt,
wohl hat er mit ihnen gespielt, war er ihr Dirigent…
Ich zupfe deinen Mantelarm, komm, lass uns weitergehen.
Und dann spielen sie wieder: Lobet den Herren, den mächtigen König der Erden!
Kräftig, weich und klar. Kein falscher Ton. Wir hören es noch viele Straßen lang.

*

© 2022 Marion Kannen
Alle Rechte vorbehalten

Glastischblick

Von Marcus Nickel

Ich lag auf dem Sofa, ich lag, um in mich zu gehen. Vor einer halben Stunde noch versuchte ich, locker im Umgang natürlich, mit der Anstrengung ringend ein Gedicht zu Papier zu bringen. Das Pergament sollte mit Tinte, vielleicht mit etwas Blut, getränkt werden, stattdessen umklammerte ich meinen Stift wie ein Neurotiker seinen Wehstock. Trotz des Sonnenscheins über den Häusern blieb es bei einer Finsternis in mir. Es wollte mir kein Gedanke kommen, der zu einem Vers werden könnte. Normalerweise gelang mir das wortspielerisch, aber ich hatte eine Ladehemmung, die nicht einmal aus Abscheu die hohlste Hülle ausgeworfen hätte. Das war eine überaus seltene Rarität innerhalb meines künstlerischen Schaffens. Ich war nicht schlecht genug drauf, um etwas Schlechtes auf das Papier zu kritzeln. Wenn es wenigstens irgendwas gewesen wäre!
Mein Atem gewann, nach einer kurzen und nach mir schnappenden Anspannung, zunehmend an homogenem Rhythmus. Ich schloss meine Augen, die Stille wuchs mit Kraft. Momente vergingen. War ich tatsächlich eingeschlafen oder dämmerte ich lediglich in meinem Inneren vor mich hin? Ich konnte es nicht ausmachen, bis ein lauter werdendes Poltern mich aus meinem Zustand riss wie ein aufgeschrecktes Augenlid. Ich lag als Winzling auf dem Notizblock, der sich auf meinem Wohnzimmerglastisch befand. Über mir war der Himmel aus Tapetenweiß und meine Schränke bildeten den Horizont. Und um mich herum tanzten riesige Buchstaben als wären sie Kobolde auf Kohlenschnee. Sie überragten mich um das Doppelte. Trotz des Bebens unter mir, schaffte ich es aufzustehen. Ich sah das A, das B, das C, das M, das R, das Q und das Y, während der Rest des Alphabets eine verschwommene Masse bildete, bevor auch die erkennbaren Buchstaben zu kreisenden Strichen verkamen. Ich fühlte mich wie in einem Tornado. Meine Ohren dröhnten, mir wurde schwindelig vor Augen. Ich setzte mich, bevor ich umkippen konnte und letztlich legte ich mich wieder hin, weil mir die Sitzposition ebenso kippgefährdet erschien. Das Beben ließ nach, das Dröhnen schwand und verschwand. Ich drehte mich auf die Seite und sah über den Notizblockrand hinaus durch das Glas in einen Abgrund aus Staubwolken und Krümelgraupel. Es war, als würde ich in mich blicken und meine Leere wahrhaftig erkennen. Vielleicht war es aber nur ein Traum aus Wahn und Sinn. In diesem Moment flackerte die Welt auf und verpuffte plötzlich. Ich öffnete die Augen und war zurück auf dem Sofa.
Es fühlte sich befremdlich an, aus einer Vision seiner Selbst zu erwachen, wie ein Rausch ohne anschließenden Kater. Ich stand auf, sammelte mich und schaute hinab auf den Glastisch. Ich sah mir ins Spiegelgesicht, sah durch mich hindurch und mein Blick endete fünfzig Zentimeter darunter. Das war mein Sein und es war ernüchternd wie nie zuvor. Und als ich dann auf den Notizblock sah und in dessen Leere hinein, wusste ich, dass auch die schönsten Worte daran nichts ändern würden.

*

© 2022 Marcus Nickel
Alle Rechte vorbehalten

Der Schwächeanfall

Von Michael Kothe

Nichts Besonderes hatte ich zu besorgen gehabt, nicht Besonderes hatte ich erwartet an diesem sonnigen Nachmittag in der Innenstadt. Ein ganz normaler Bereitschaftsabend schien es zu werden nach einem eintönigen Tag im Innendienst. Ich genoss das betriebsame Leben in der Fußgängerzone, fand Ablenkung in den zahlreichen teuer dekorierten Schaufenstern von Geschäften und Boutiquen und ließ mich von dem ein oder anderen Angebot verleiten, gelegentlich ein Ladenlokal zu betreten, um mich näher mit den Auslagen zu beschäftigen. Außer einer späteren Erfrischung durch einen Eisbecher in Café am Stadtpark hatte ich keine Kaufabsicht.
Ein Rempler nahm mir beinahe das Gleichgewicht.
»Passen Sie doch auf!«
Mein kurzes Anschnauzen war der Störung sicherlich angemessen. Mehr Aufmerksamkeit wollte ich diesem unerwarteten Vorfall nicht gönnen. Nur wurde meine Überraschung umso größer, als ich mir bewusst machte, dass die Passanten reichlich Abstand zu uns hielten. Den Geruch nach Alkohol hatte ich Sekunden vorher diffus wahrgenommen, doch als der ältere Herr nun seine Hand in meine Schulter gegraben und mich fast zu Fall gebracht hatte, roch ich seinen Atem intensiver. Kurz schüttelte ich mich, bevor ich auf Grund seines Festhaltens und seines Schnapsdunstes dem Drang nachgab, ihn näher in Augenschein zu nehmen. Obwohl seine Kleidung fadenscheinig war, sah man ihr ihre teure Herkunft an. Sein hellgrauer Mantel wies Flecken auf, was ich auf mangelnde Pflege zurückführte. Dem stand zwar der Anblick eines Anzugs aus gutem Stoff entgegen, der durch den halboffenen Mantel hervor lugte, das vernichtende Urteil als Trunkenbold würde dennoch außer mir auch jeder andere fällen. Spätestens beim Anblick seiner wirren grauen Haare und dem Stoppelbart, der sich keinem aktuellen Stil zuordnen ließ. Der Mensch war schlicht unrasiert.
Augenscheinlich war dieser Mann gestolpert und hatte an mir wohl nur Halt gesucht, dennoch fuhr meine Hand als erstes in die Innentasche meiner Jacke und tastete nach Geldbörse und Smartphone. Obwohl ich beides zweifelsfrei fühlte, tastete ich instinktiv sämtliche Taschen meiner Kleidung ab und war erst beruhigt, als ich alle Schlüssel und vor allem die Pistole und das Mäppchen mit meinem Dienstausweis und der Dienstmarke sicher an ihrem Platz wusste. Unwillkürlich huschte ein breites Grinsen über mein Gesicht. Es wäre schon eine Ironie des Schicksals, wenn ein Taschendieb ausgerechnet einen Kriminalbeamten in Zivil erfolgreich bestehlen wollte. Zudem wäre ich auch in diesem Fall siegessicher gewesen, da ich mich als durchtrainierter Anfangsvierziger ihm körperlich deutlich überlegen fühlte.
Mein humorvolles Gedankenspiel gab ich spontan auf, als ich beobachtete, wie der Senior von mir abließ, auf den Betonplatten der Fußgängerzone zusammensackte und gekrümmt liegenblieb. Ich sah ihn beide Hände an seine linke Brust pressen, die Blicke seiner weit aufgerissenen Augen streiften panisch umher. Sein kurzes, heftiges Atmen mit offenem Mund verhieß nichts Gutes. Hastig steckte ich Börse und Handy in die Hosentaschen, zog meine Jacke aus und rollte sie zusammen, sodann kniete ich mich neben ihn und schob ihm meine Jacke als weiche Unterlage unter den Kopf. »Hallo, was ist mit Ihnen? Fühlen Sie sich unwohl?« Den Mann rüttelte ich sanft an beiden Schultern und bemühte mich, seine Aufmerksamkeit auf mich zu fixieren. Vage kamen Erinnerungen hoch an meine Erste-Hilfe-Kurse, sicher fühlte ich mich jedoch gewiss nicht.
Unsicher fühlte ich mich auch deshalb, weil niemand von dem Vorfall Notiz zu nehmen schien. Schlimmer noch, wie mir bewusst wurde! Denn mit abgewandten Gesichtern und beschleunigten Schritten hasteten die Passanten im kleineren oder größeren Bogen um uns herum. »Können Sie uns bitte helfen? Der Mann braucht einen Arzt!« Mein Rufen verhallte wirkungslos, wieder wandte ich mich dem Liegenden zu. »Halten Sie durch. Ich rufe Hilfe herbei.« Mein Smartphone hatte ich gerade aus der Hosentasche gezogen, als ich über das Display hinweg eine hastige Bewegung wahrnahm. Ein Herr verließ mit eiligem Schritt das Uhren- und Schmuckgeschäft und kam die wenigen Meter geradewegs auf uns zu. Nun erkannte ich den Juwelier, denn einige Male schon war ich vor seinem Schaufenster stehengeblieben, und er hatte mir von innen grüßend zugenickt. Bevor er sich zu uns kniete, sah ich aus dem Augenwinkel eine junge Dame im Hosenanzug hinter ihm das Ladenlokal betreten. Hatte sie denn nicht beobachtet, dass der Inhaber gerade heraus geeilt war? Kannte sie den Laden nicht? Wusste sie denn nicht, dass er keine Angestellten hatte und sein Geschäft allein betrieb? Doch seine Frage unterbrach meine Gedanken.
»Hat schon jemand einen Arzt gerufen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Gerade wollte ich die Notrufzentrale anrufen. Könnten Sie …«
»Wasser! Wasser bitte!« Heiser klang seine Stimme, und fast gehaucht schienen die Worte des Seniors. Trotz meiner Nähe hörte ich sie kaum.
Der Juwelier schien besser verstanden zu haben. »Sofort. Es dauert nur einen Augenblick.« Behände erhob er sich, und ich sah ihm nach, wie er in seinem Geschäft verschwand.
Überrascht nahm ich wahr, wie sich eine elegante kunstlederne Einkaufstasche von der Seite her in mein Blickfeld schob. Die junge Frau, die ich eben den Juwelierladen betreten sah, ging neben mir in die Hocke und stellte ihre Tasche neben sich auf den Boden. Den kleinen Reißverschluss auf der Vorderseite öffnete sie und entnahm der Vortasche einen schlanken verchromten Stift. So schien es, bis sie an einem Ende drehte, und ein gebündelter Lichtstrahl auf den Mantel des vermeintlichen Trunkenbolds fiel. Zielgerichtet führte sie den Strahl nacheinander in beide Augen des Mannes, wobei sie jeweils sein Augenlid anhob und die Stablampe in beide Richtungen hin- und her bewegte.
»Ich bin Ärztin«, beschied sie mich nebenbei. Offenbar hatte sie meine Überraschung erkannt.
Erleichtert, weil sie mir meine Verantwortung abgenommen hatte, lächelte ich sie an, während sie die dünne Stablampe in die Tasche zurückschob.
Mittlerweile hatte sie sein Handgelenk ergriffen. »Ihr Puls ist recht kräftig, und Ihre Pupillen folgten dem Licht, es geht Ihnen wohl wieder besser. Wie fühlen Sie sich? War das nur ein Schwächeanfall, oder haben Sie solche Beschwerden öfter?«
Ein einfaches Kopfschütteln betrachtete der Senior wohl als ausreichend. Vielleicht aber konzentrierte er sich einfach auf den Schmuckhändler, der sich in diesem Moment zu ihm herabbeugte und ihm ein Glas Wasser entgegenhielt.
Der Alte dreht sich auf die Seite und stützte sich auf den Ellbogen.
»Danke, es geht schon wieder.« Mit leisem Schlürfgeräusch leerte er das Glas und reichte es lächelnd dem Juwelier zurück. »Nochmals danke!« Unter sichtlicher Anstrengung raffte er sich auf und machte ein paar unsichere Schritte. Nach einem kräftigen Durchatmen streckte er den Rücken durch und nahm seine Hand von meiner Schulter, an der er sich aufgerichtet hatte. »Auch Ihnen ein herzliches Dankeschön!«
Schon hatte er den Mund geöffnet, wohl, um auch ihr zu danken, doch die Ärztin hatte mittlerweile ihre Tasche aufgenommen, sich aufgerichtet. Nun kam sie ihm zuvor. »Offensichtlich sind Sie wieder bei Kräften, doch es ist besser, wenn ich sie ins Krankenhaus fahre, damit Sie gründlich untersucht werden. Kommen Sie, mein Wagen steht gleich um die Ecke!« Sein halbherzig wirkendes Sträuben erstickte sie im Keim. »Stützen Sie sich ruhig auf mich. Es sind nur ein paar Schritte.« Sie nickte dem Juwelier und mir zu, dann legte sie den Arm des Seniors um ihre Schulter und zog ihn fort. Augenblicke später waren sie von der Menge der Passanten aufgesogen.
Mit dem Schmuckhändler wechselte ich ein paar Blicke, mit denen wir uns unsere gegenseitige Anerkennung für die geleistete Hilfe ausdrückten und den Abschied, denn wir hatten nun nichts mehr miteinander zu tun. Ich schüttelte meine Jacke aus und hängte sie mir über die Schultern. Dem Ende der Fußgängerzone schlenderte ich entgegen, zufrieden vor mich hinlächelnd, weil ich in eine Situation geraten war, in der ich helfen konnte. Der ersehnte Eisbecher war meinem Gedächtnis entglitten. Als ich um die Ecke bog, entdeckte ich die Ärztin wieder. Gerade stieg sie in einen unscheinbaren Mittelklassewagen asiatischer Herkunft und zog die Fahrertür zu. Der ältere Herr saß auf dem Beifahrersitz, auf seinem Schoß erkannte ich die Tasche aus Kunstleder. Sie war offen, und er schaute hinein. Mittlerweile war ich auf gleicher Höhe mit den beiden, und durch das geöffnete Seitenfenster hörte ich seine an die Ärztin gerichtete Frage. »Und, was ist es diesmal?« Ich sah, wie die Angesprochene den Arm hob, eine Perücke vom Kopf zog und sie auf den Rücksitz warf. Dann schaute sie ihn kurz an, wandte sich wieder ab und konzentrierte sich auf die Straße. Bevor sie das Auto in den fließenden Verkehr einfädelte, hörte ich noch ihre Antwort. »Aber Papa, das weiß ich doch jetzt noch nicht. Aber es ist reichlich Goldschmuck, und die Uhren sind auch nicht gerade die billigsten.«

*

© 2022 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

Die Kurzgeschichte ist entnommen aus Kothes „Schmunzelmord 2 – 17 kriminelle Erzählungen“, einer Sammlung kurzer und längerer fiktiver Kriminalfälle unter dem Motto „Verbrechen wollen unterhalten“. Mehr Info auf seiner Autorenhomepage https://autor-michael-kothe.jimdofree.com.

Blaue Herzen

Von Pia Dosse

Ich stehe hier und meine Füße frieren.
Ich schaue auf deine Haustür. Die Tür, durch die ich schon so oft gegangen bin. Die Tür, die auch für mich in ein zu Hause geführt hat. Weil du mein zu Hause warst. Es tut scheiße weh und ich wünschte das läge nur an meinen Füßen, die in zwei Paar Socken und den dreckigen Sneakers stecken und die trotzdem inzwischen durchgefroren sind, weil ich hier schon so lange stehe. Hier. Vor deiner Haustür. Und mein Kopf will es noch nicht wahrhaben, obwohl mein Herz es längst schon weiß. Und ich fühle es auch, denn mein Herz liegt hier, neben mir, im Nieselschnee und friert. Es war so lange bei dir und jetzt hast du es mir zurückgegeben. Mir vor meine Füße gelegt, weil du es nicht mehr tragen kannst. Mich nicht mehr tragen kannst.

„Anna?“ hast du gefragt. „Schau mich an.“ hast du gesagt. Ich habe dich angeschaut und deine Tränen gesehen. Ich habe dich angeschaut und mein zu Hause gesehen. Ich habe dich angeschaut, dir in die Augen gesehen und den Ort gesehen, den ich liebe, den ich brauche, der alles für mich ist. Ich wollte nicht schauen, weil ich wusste, dass ich dann nicht mehr wegschauen werde. Ich wollte dortbleiben. An diesem Ort. In dir, bei dir, mit dir. Weil du alles für mich bist. Du bist perfekt. Aber du bist es viel zu sehr. Ich habe meine Hand genommen und dir über die Wange gestrichen. Habe deine Tränen weggewischt und bin ertrunken in meinen Eigenen. Liebe. Ich weiß jetzt was das ist. Du hast es mir gezeigt in all den Stunden, all den Wochen, all den Jahren, die wir zusammen verbracht haben. Liebe. Das habe ich jetzt gefühlt. Und ich werde sie behalten. Meine Liebe für dich, die werde ich immer behalten. Dich. Dich werde ich immer behalten. In meinem Herzen, in meinen Erinnerungen und in meinen Wörtern. Aber ich verstehe es. Ich verstehe, warum du mich nicht mehr tragen kannst. Du trägst nicht nur mein Herz, eigentlich trägst du alles von mir. Und ich weiß nicht mehr wie ich mich alleine tragen kann. Du liebst mich und deshalb willst du, dass ich mich auch alleine tragen kann. Ohne dich. Also wirst du mich loslassen. Ich muss fallen, um zu lernen, wie man fliegt. Aber ich habe so Angst, dass ich es nicht schaffe. Nicht ohne dich. „Ich weiß.“ habe ich geflüstert; du hast mich geliebt. „Ich weiß.“ flüsterte ich hinterher; du machst das, weil es nicht mehr geht. Nicht mehr so. „Ich weiß.“ flüsterte ich noch einmal, weil du mich immer lieben wirst. Ich liebe dich auch. Diese Wörter haben wir uns nie gesagt. Das brauchten wir nicht, weil wir es nicht hören mussten. Wir sahen es bei dem Anderem in jeder Geste, fühlten es in jeder Berührung, hörten es in jedem Wort. Wir schmeckten es, in jedem Kuss. Aber dann habe ich sie dir gesagt, diese Wörter, weil ich wollte, dass du sie nie vergisst. Was bei anderen Beziehungen der Anfang ist, das war bei unserer das Ende: „Ich liebe dich“. Meine Stimme war ganz heiser und gebrochen von zu vielen Gefühlen für dich. Du hast aufgeatmet, voller Schmerz und voller Trauer. Dieser Verlust, der in der Luft hing, dort zwischen uns, war zu schwer, zu groß, zu stark. Ich konnte nicht atmen und suchte meine letzte Luft bei dir. Ich drückte meine Lippen auf deine. Ganz vorsichtig und doch so vertraut. Du warst ganz warm, deine Lippen waren weich. Ich fühlte mich sicher, zu Hause. Du küsstest mich ganz vorsichtig zurück. Langsam und bestimmt. Tränen liefen über meine Wangen und vermengten sich mit deinen. Ich glaube, das war unser salzigster Kuss. Der Rhythmus unserer Lippen folgte unserem Lied und unsere Herzen schlugen einen heftigen Beat. Ich habe vor dir oft andere Männer geküsst, aber das waren kalte Küsse, Küsse ohne Gefühl. Mit dir habe ich kennengelernt was warme Küsse sind. Küsse voller Gefühle, voller Liebe. Wir küssten uns heiß. Vorsichtig hast du deine Zunge in meinen Mund geschoben und ich ließ zu, dass du mir zum letzten Mal so nahe warst. Du hast mit mir gesprochen, dein Mund war auf Meinem. Es war viel zu schön und du warst viel zu schön und unsere Zeit zusammen war es auch. Du bist zu viel für mich und ich bin mir alleine viel zu wenig. Deshalb wirst du mich loslassen. Deine Lippen verließen meine und ich keuchte auf. Ich kann den Schmerz immer noch nicht tragen, denn er erscheint zu groß für eine Person alleine. Weil ich dich liebe und das immer schon mehr als mich selbst, gab ich dir die Hilfe, die du brauchtest, um das zu tun, was dir am Allerschwersten fällt. „Lass mich los. Es ist schon okay.“ Meine Worte waren ganz leise und unterlaufen von meinen Tränen. Sie nahmen den ganzen Raum zwischen uns ein und trieben uns auseinander. Ich habe noch nie etwas Schmerzhafteres gefühlt, als in diesem Moment. Dem Moment in dem du mich losgelassen hast. „Ich liebe dich auch.“ sind die letzten Worte, die deinen wunderschönen Mund verlassen haben und die ich von dir hören durfte.

Jetzt stehe ich hier und meine Füße frieren.
Aber was wirklich friert, das ist mein Herz. Ich habe nicht die Kraft in mir, es aufzuheben. Ich weiß auch gar nicht, wie ich es halten soll. Und ich habe keine Ahnung mehr, wie es schlagen soll, weil es viel zu lange nur für dich geschlagen hat. „Fühlt sich so sterben an?“ flüstere ich heiser in die Dezembernacht hinein und schaue dabei auf mein Herz herunter. Es ist schon ganz blau und taub und voller Matsch. Es sieht so kaputt aus und so krank und Ich lasse meine Tränen für es laufen. Ich bin nicht tot, ich habe nur gerade mein zu Hause verloren. Gerade tut mir alles weh und ich denke Leben ist manchmal so verdammt scheiße. Aber du hast mir gezeigt, wie stark mein Herz schlagen kann. Wie stark es ist und wie stark ich bin. Und dafür bin ich dankbar. Ich suche nach der letzten Kraft in mir und als ich sie gefunden habe, beuge ich mich zu meinen kalten Füßen und zu meinem blauen Herzen. Ganz vorsichtig nehme ich es in meine Hände und es fühlt sich ganz merkwürdig an. Ungewohnt. Ganz sacht puste ich die Schneeflocken von ihm herunter und drücke es an meine Brust. Es soll wieder warm werden. Nicht jetzt sofort, dafür hat es zu viel durchgemacht. Ich gebe ihm Zeit. Ich wünsche mir, dass es irgendwann wieder anfängt so stark zu schlagen wie zuvor. In mir, bei mir, mit mir. Für mich. Mit einem Rhythmus, den es mit dir geschlagen hat. Ein letztes Mal schaue ich auf deine Haustür, deine Hauswand hoch und in dein Fenster. Du bist nicht mehr da. „Auch blaue Herzen schlagen bis sie wieder rosa sind.“ Mein Atem bildet warme Wolken in der kalten Nacht und meine Wörter schluckt der Schnee.
Ich drehe mich um und meine eingefrorenen Füße tragen mich
davon.

*

© 2022 Pia Dosse (Text & Bild /Quelle Bild flickr.com)
Alle Rechte vorbehalten

Von der Angst, in Stücke zu zerfallen

Von Mario Nater

Ob ich mir vorstellen kann, von hier wegzuziehen, hatte Tara in der Nacht wissen wollen, als wir Hand in Hand durch die Straßen liefen. Rein perspektivisch natürlich. Wir redeten, als hätten wir es immer getan, doch mit dieser einen Frage hatte ich nicht gerechnet. Ich musste scharf nachdenken, bevor ich nickte. Sie ahnte natürlich nichts vom Ausgang der Matheklausur, woher auch. Sagen konnte ich es ihr nicht.
Als ich ihr dieselbe Frage stellte, lachte sie verlegen. An sich ja, sagte sie und war plötzlich mitten auf der Straße stehen geblieben; das sei so eine Sache. Vor knapp einem Jahr hätte sie für sich einen Schlussstrich gezogen. Das Unentschiedensein darüber, wie es in ihrem Leben weitergeht, sollte ein Ende haben. Aber bewirkt hätte das wenig, ich sehe ja selbst. Sie hätte immer gedacht, erstmal abwarten, was wird – jetzt stehe sie hier, in derselben Stadt, ohne einen Entschluss gefasst zu haben, soll sie dableiben oder doch besser gehen, machen, wonach ihr immer war, in einer neuen Umgebung. Ihr Lebensziel sei es immer schon gewesen, von hier wegzukommen, tja. Irgendwas hielt sie hier offenbar, wobei von Freunden oder einem stabilen Umfeld, von Familie, einem Rückhalt, könne da keine Rede sein. Dieser eine Satz, von ihr ausgesprochen, überraschte mich.
Seitdem, seit – du weißt schon, sagte sie, wäre sie am Überlegen, was sie machen soll. Schwierig. Der unerwartete Tod habe sie nachdenklich gemacht. Die Stadt sei ein Ort, an dem viel Raum für Zweifel sei, dessen hatte sie sich selbst erst bewusstwerden müssen. Die Stelle im Altenheim, schön, zumindest vorübergehend ein Grund mehr, nicht wegzuziehen, auch aus finanzieller Sicht. Aber ob es das ist, was sie die nächste Zeit über machen will? Sie hob die Achseln. Der Punkt sei, sie hätte sich über die Jahre genug Gedanken über ihr Leben gemacht, von wegen Studium und so, und im kommenden Semester hätte sie sogar ernsthafte Aussichten auf einen Studienplatz. Dann könnte ihr langgehegter Traum, Medizin zu studieren, endlich in Erfüllung gehen. Sollte sie weiter darauf hinarbeiten, um den Menschen eines Tages tatsächlich einmal die Ärztin zu sein, die sie sich immer gewünscht hatte zu sein, und nicht mehr nur eine Pflegekraft? Eigentlich sollte sie das doch motivieren, allein die Vorstellung, endlich kann es klappen, eine unglaubliche Chance. Sie sagte es mit einer ungewöhnlichen Leidenschaft. Um den berühmten weißen Kittel ginge es ihr gewiss nicht oder ums spätere Gehalt. Auch wegen – ja, naja. Wieder lebendig macht das ihre Oma natürlich nicht. Aber wenn sie sich weiter so treiben ließ…
Sie stockte. Sie konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Und indem sie auf den Asphalt starrte ein tiefer Seufzer: Keine Ahnung, was danach. Sie habe manchmal Angst, in Stücke zu zerfallen, sagte sie, oder sie merke, es kostet sie viel Kraft, es nicht zu tun. Vielleicht kenne ich das ja von mir selbst.
Noch trete sie unaufhörlich auf der Stelle und käme einfach nicht voran. Sie sähe ein, dass das alles eine Frage der Einstellung sei, und mit ihrer wäre sie, ehrlich gesagt, nicht sehr zufrieden. Sie glaube, es könnte um ein Vielfaches einfacher sein, wenn man nicht ständig nach links und rechts schauen würde. Da sei immer so ein Missverständnis, zu verstehen, was möglicherweise hilft, sprich wer einem eine wirkliche Unterstützung ist oder werden kann, um den Knoten im Kopf zu entwirren, eine Stütze, wenn man`s allein schon nicht schafft.
An sich zu zweifeln, das sehe sie ja ein, wäre wenig sinnvoll. Weiter käme man dadurch nicht unbedingt, was in letzter Konsequenz bedeutet, dass man über Kurz oder Lang nur umso unglücklicher wird.
In meinem Kopf rotierte dieser eine Satz seitdem unaufhörlich.
Bringt doch alles nichts, seufzte Tara nach einem kurzen Schweigen. Mit Augen, die unterdessen zu Schlitzen geworden waren, beugte sie sich vor: Vielleicht wäre, sich das Rauchen abzugewöhnen, ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Ihre Stimme war mädchenhaft geworden, unentschlossen, verträumt. Würde ihr nur jemand eine grobe Richtung vorgeben, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Ihre Gedanken kreisten ständig darum, der Stadt endlich den Rücken zu kehren, ja und dann? Das garantiert nichts.
Sie gab sich schließlich einen Ruck und sah wieder zu mir auf: Wer weiß, noch ein Jahr? Für Kleinstädte könne sie sich allerdings kaum erwärmen. Das kam mir bekannt vor.

*

© 2022 Mario Nater
Alle Rechte vorbehalten

Mehr Katze als Verstand

Von Henning Bruens

„Was bist du doch für ein gewitztes Kerlchen!“, sagte meine Großmutter, wenn sie zu Besuch kam. Früher an den unvermeidlichen Feiertagen. „Schau doch Marianne, wie geschickt er die Gabel hält mit seinen kleinen Fingerchen. Ist unser Henrik nicht ein gewitztes Kerlchen.“ Meine Mutter wollte es nicht glauben, schließlich musste sie sich auch, wenn es nichts zu feiern gab, mit mir, dem vaterlos aufwachsenden Störenfried, abplagen. Mit skeptischer Miene beobachtete sie, wie ich die Spaghetti in mich hinein saugte und schüttelte den Kopf. Die Tomatensauce lief mir über das Kinn, tropfte auf meine Hose und mit der linken Hand, mit der ich soeben versucht hatte, mir den Mund zu säubern, schmierte ich die Tischdecke voll. Zu der Zeit muss ich drei oder vier Jahre alt gewesen sein. Ihr Kopfschütteln brennt noch heute in mir.
Als ich erwachsener wurde, ließ meine Großmutter das heikle Thema fallen. Wahrscheinlich nur, weil ein Erwachsener kein gewitztes Kerlchen sein kann, aber noch wahrscheinlicher, weil selbst sie mit der Zeit begriffen hatte, dass ich es nie gewesen bin, sondern seit jeher niemand anderes war, als der schockgefrostete Typ aus dem Erdgeschoss eines Berliner Seitenflügels, der auch heute am liebsten für sich bleibt und sie im Pflegeheim noch nicht einmal besucht hat.
In der Selbsthilfegruppe für Gehörlose, die ich neuerdings, weil niemand eine Maske tragen muss, einmal die Woche besuche, sitzen zwei Gestalten, die seit Jahren mit keiner Menschenseele ein Wort gewechselt haben sollen. Im Gegensatz zu mir weigern sie sich die Sprache der Gehörlosen zu lernen. Untereinander verständigen sie sich durch Augenkontakt. In ihren Augen lesen sie, was sie zum gemeinsamen Leben brauchen. Die anderen Menschen brauchen sie nicht. Regungslos sitzen sie nebeneinander und schweigen vor sich hin. Das einzige Merkmal, das sie von den Stühlen, auf denen sie sitzen, unterscheidet, ist das beunruhigende Lächeln, das mitunter in ihren leichenblassen Gesichtern aufscheint. Seltsamerweise synchron. Es ist ein höhnisches IchstechdichabdublöderDrecksack-Lächeln und es ist allein auf mich gerichtet. Kein anderer Teilnehmer hat davon je Notiz genommen. Das sagt eigentlich alles, sagte der graubärtige Psychologe, der die Gruppe anleitet, bevor er sich mit den Worten, er wolle noch rasch eine durchziehen, in die Kälte der Nacht verabschiedete.
Vielleicht ist dieses Lächeln der Grund, warum ich mich in letzter Zeit beobachtet fühle. Immer, wenn ich das Haus verlasse, spüre ich unzählige, anonyme Blicke, die mich negativ zu durchdringen scheinen. Aber selbst wenn ich mir mit dem Ärmel meiner Winterjacke über den Mund fahre, um den entlarvenden Staub der Einsamkeit, der sich in meinem Sieben-Tage-Bart angesiedelt haben könnte, wegzuputzen, lassen die Blicke nicht von mir ab. Betrete ich einen Supermarkt, fühle ich mich von allen Seiten ausgefragt, ohne dass ein Wort gesprochen worden wäre. Als wären die anderen Kunden allesamt mit mir verwandt und neugierig auf meine Geschichte. Dabei habe ich nichts zu berichten. Schon lange nicht mehr. Trotzdem durchbohren mich ihre Fragen. Als schlüge mir jemand Nägel aus Eis in den Schädel. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Erzähl doch mal, was treibst du so? Schreibst du noch? Natürlich nicht. Das war doch eh nichts für dich. Dir fehlte schon immer die Fantasie. Bist du krank? Du siehst krank aus. Ganz blass. Was ist los? Warum schaust du dich so ängstlich um? Hey, wo gehst du hin? Warum lässt mich stehen wie einen Fremden? Ich bin es doch dein… Auch die Blicke der Kassiererin durchbohren mich, während ich nervös Kleingeld zähle. Was will sie bloß von mir? Soll ich schneller machen? Ich versuche doch mein Möglichstes. Aber es genügt nicht. Ich genüge nicht. Es ist kaum zum Aushalten. Ich schaffe es also wieder nicht. Manchmal schaffe ich es nicht und lasse alles fallen. Die Einkäufe, das Kleingeld, mein Leben. Lasse alles fallen, wo ich gerade stehe und renne. Ohne mich umzusehen, die bangen Augen auf den Boden gerichtet. So schnell mich meine Füße tragen. Zurück in meiner ganzjährig sonnenabgewandten Erdgeschossbehausung verrammel ich die Tür mit allen drei Schlössern, stelle meinen Schreibtisch quer davor und ziehe die Vorhänge vor die Fenster. Immerhin vor den marternden Blicken fühle ich mich nun sicherer. Nachts liege ich dennoch wach und überlege, was diese Blicke mit mir zu tun haben könnten. Meistens schlafe ich ratlos ein.
Heute Nacht aber bleibt der Schlaf aus und die Ratlosigkeit ist wacher denn je. Darum stehe ich wieder auf, ziehe mir meine Winterjacke über den Schlafanzug und suche in der kalten, nebligen Nacht nach den Blicken, die mich um den Schlaf bringen. Ich will es wissen. Aber es sind keine Blicke zu finden, niemand ist unterwegs. Nur eine schwarze Katze läuft mir über den Weg. Na gut, das hätte ich vorher wissen können, schließlich sind es drei Grad minus. Ich will schon aufgeben, als ich auf Mike und Jasmin stoße, ein blutjunges, fröhliches Pärchen, das eine Treppe höher wohnt und Hand in Hand über die Lohmühlenbrücke spaziert kommt. Aus einer früheren Begegnung weiß ich von Jasmins Tante in Treptow, die sie öfter gemeinsam besuchen. Mike hat keine Familie in Berlin, womöglich geht er darum gerne mit zur Tante, vielleicht aber auch nur wegen des Schwarzen Afghanen, den die Tante vertickt.
Zunächst beachten mich die beiden nicht, wollen an mir vorbei laufen, als sei ich unsichtbar wie der gemeingefährliche Wissenschaftler aus dem Roman von H.G. Wells. Erst als ich ihnen mit meiner Taschenlampe ins Gesicht leuchte und „Na ihr Räuber“ rufe, bleiben sie stehen. Meine Anrede sollte scherzhaft klingen, aber an ihrer Reaktion merke ich, dass ich selbst diese Kleinigkeit nicht hinbekomme. Sie wirken wie vor den Kopf gestoßen, wie zwei Rehe im Scheinwerferlicht eines heran brausenden Lastwagens. Aber ich brause nicht, ich stehe und quatsche. Ich erzähle ihnen von den Blicken, die mir ständig und überall auflauern, erzähle, dass mich diese Blicke zur Schnecke machen, dass sich mein Leben zu einer endlosen Magenspülung entwickelt und ich mich kaum ins Freie traue, obwohl ich mich nach zwei Jahren mehr oder weniger ununterbrochenem Home-Office in den eigenen vier Wänden so heimisch fühle wie Luke Skywalker in der Szene mit der Schrottpresse in Episode IV. „Auch Knastis haben Ausgang“, schimpfe ich und frage sie allen Ernstes, ob sie auch glauben, dass der fuckin‘ Virus nur in unseren Köpfen existiert.
„Trag doch eine Sonnenbrille“, sagt Mike, als ich in die Knie gehe. Er greift mir unter den rechten Arm und stützt mich, damit ich nicht falle. Ich muss mich auf dem Bürgersteig hinlegen, um nicht vor innerer Anspannung zu explodieren. Ich darf das Atmen nicht vergessen, auf keinen Fall die Atmung außer Acht lassen. Mein Ernährungsberater hat mir das eingeschärft, so scharf wie es Online eben möglich ist. Ich atme ein und aus, ein und aus. Das muss ich mindestens fünfzehn Minuten durchhalten, sonst bringt es nichts. Mike zeigt mir seine Sonnenbrille, die er auch in der Nacht trägt, wie er mir versichert. Mike ist tatsächlich ein gewitztes Kerlchen, denke ich zwischen zwei eisigen Atemzügen. Leider besitze ich keine Sonnenbrille, ich müsste mir erst eine besorgen. Ist das wieder kompliziert! Scheiße! Denke ich. Vielleicht besser eine leihen. Vielleicht wäre Mike so nett? Mike setzt mir seine Brille auf, als könne er meine Gedanken lesen, als sei mein schlimmstes Problem tatsächlich auch sein Problem. Plötzlich bekomme ich es mit der Angst zu tun. Die Finsternis überwältigt mich, nimmt mich ganz in sich auf. Ich werde ein Teil von ihr. Ich verschwinde in ihrer Atemlosigkeit. „Die Sonnenbrille hilft wirklich“, sagt Jasmin mit einem Lächeln in jedem Wort. Ich sehe und höre nichts, außer ihrem Lachen, das sich eilig entfernt.
Mitten in der ewigen Nacht liege ich auf der Brücke und friere. Wie lange schon? Oder noch? Ich spüre etwas Weiches an meiner Wange. Wer streichelt meine Wange? Es ist keine Hand. Jasmin ist nicht zurückgekommen. Wie gern hätte ich ihre Hand auf meiner Wange gefühlt. Ich höre noch ihr Lachen in mir. Ein behaglich zugewandtes Lachen, das ich mir aufheben werde. Für die elenden Stunden der Schlaflosigkeit. Dahinter kommt ein anderes Geräusch zum Vorschein, ein vibrierendes Geräusch übertönt das Lachen. Ich kenne es. Es klingt wie ein Schnurren. Dicht an meinem rechten Ohr schnurrt ein haariges Lebewesen vergnüglich vor sich hin. Ich kann mich nicht bewegen, um nach dem Schnurren zu greifen. Um das Schnurren zu begreifen, muss ich es fühlen. Vielleicht ist es eine Katze. Ich hatte eine Katze. Jahre ist es her. Sie ist mir zugelaufen. Vielleicht ist es die schwarze Katze, die mir begegnet ist. Die Katze streichelt mich weiter. Das Schnurren wird lauter. Mit einem Mal spüre ich ihre Krallen in meinem Arm. Die Krallen gehen durch die Daunenfüllung der Jacke hindurch und verwunden meinen Arm. Als wollte sie mich wecken. Mich wecken, um sie zu füttern. Die Katze, die ich hatte, weckte mich in der Nacht, um gefüttert zu werden. Natürlich habe ich sie nicht gefüttert. Vielleicht war sie darum eines Tages auf und davon. Ich möchte es besser machen. Ich möchte aufstehen und sie füttern. Aber es gelingt mir nicht. Ich kann mich nicht bewegen. Ich muss atmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Der Katze gefällt das. Ich spüre ihre Krallen in meinem Bauch. Sie ist auf meinen Bauch geklettert und fühlt sich hörbar wohl. Ich genieße dieses Wohlsein. Ich genieße ihre Nahbarkeit, ihre Unbedenklichkeit, ihre bedingungslose Zugewandtheit. Sie fühlt sich nicht fremd auf einem Bauch, sondern heimisch. Auch auf meinem fremden Bauch fühlt sie sich heimisch. Sie spürt die Wärme, die von mir ausgeht. Ich lebe. Sie spürt dieses Leben in mir und kostet dessen Wärme aus. Das ist alles, was sie will. Mehr braucht sie nicht von mir. An diesem kalten Ort ist ihr gut damit gedient. Ich habe etwas zu geben. Ich bin nicht verloren. Ich lebe, um das Leben mit ihr zu teilen. Gleich stehe ich auf und füttere sie. Nur einen Augenblick noch bleibe ich liegen. Nur ganz kurz noch. Dann bin ich soweit.

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© 2022 Henning Brüns
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