Zersplitternde Zeit

Von Johannes Morschl

1

Ein Sonntagvormittag im April 2022. K. stellte sich vor den großen Spiegel im Flur seiner Wohnung. Er bekam einen Schreck, als er sich im Spiegel nicht sehen konnte. Er rüttelte an dem Spiegel, aber sein Spiegelbild wollte nicht erscheinen. Er drehte den Spiegel um, ob sein Spiegelbild vielleicht hinten herausgefallen wäre, aber da befand es sich auch nicht. Er drehte den Spiegel wieder zurück, und siehe da, es erschienen langsam wie auf einem PC-Bildschirm mit schwacher Internet-Verbindung ein paar verschwommene Bruchstücke seines Spiegelbilds, ein paar Büschel vom Kopfhaar, ein halbes linkes Ohr, ein rechtes Auge, aber ohne Pupille, darüber schattenhaft eine Augenbraue, ganz blass eine Nasenspitze, und wie ein rötlicher Fleck die Form eines Mundes. Er rüttelte nochmals am Spiegel, diesmal kräftiger als das erste Mal, doch da purzelten die erschienenen Bruchstücke seines Spiegelbilds durcheinander und verschwanden wieder. Er war verwirrt. Er überlegte, zwischen sich und dem Spiegel ein Schild mit der Aufschrift „Achtung! Persönlichkeitsgrenze!“ aufzustellen, denn was sich der Spiegel da erlaubte, war eindeutig eine Überschreitung der Persönlichkeitsgrenze. Ein Spiegel hatte Spiegel zu sein, wie es sich für einen normalen Spiegel gehörte, und nichts anderes. Ein Spiegel durfte nicht je nach Lust und Laune entweder gar nichts oder nur Bruchstückhaftes widerspiegeln. Das war eine unerhörte Frechheit, was sich der Spiegel da erlaubte! K. wurde immer wütender auf den Spiegel. Er zog sich die Hose und Unterhose runter und zeigt dem Spiegel seinen nackten Arsch. Dann drehte er den Kopf zum Spiegel und siehe da, sein nackter Arsch blickte ihm aus dem Spiegel entgegen, aber nicht bloß bruchstückhaft oder schattenhaft, sondern klar und deutlich sichtbar. „Aha, das macht er also“, dachte sich K. „Er zeigt mir den Arsch, dieser freche Hund! Na, dem werde ich es zeigen!“ Wutentbrannt zog er sich die Unterhose und Hose wieder hoch und ging schnurstracks zu seiner Abstellkammer, in der sich zwischen anderem Zeug sein Werkzeugkasten befand. Er holte einen Hammer aus dem Werkzeugkasten, ging zum Spiegel zurück und schlug ihn mit dem Hammer in Stücke. Doch kaum war der Spiegel in viele Glassplitter zersprungen, war K. wie vom Erdboden verschluckt. Man konnte aber noch Teile von ihm in den Glassplittern gespiegelt sehen. Der Fußboden war mit Blut bespritzt, so als wäre hier ein schreckliches Unheil geschehen.

2

Aus einem offenen Fenster vom Haus gegenüber hörte man ein Lied von Leonard Cohen, – „Like a bird on the wire / Like a drunk in a midnight choir / I have tried in my way to be free…“ Offenbar lebte dort eine Frau oder ein Mann, – höchstwahrscheinlich älteren Semesters -, die oder der noch immer Lieder von Leonard Cohen hörte. Auf dem Bürgersteig unter dem Fenster ging eine junge Frau mit einem Kinderwagen vorbei, in dem ein kleines Mädchen saß, das verträumt in die Welt guckte. Der Himmel über den Dächern war strahlend blau. In der Ferne tobte ein Krieg, der immer näher zu kommen drohte und sich immer stärker in die Gemüter der hier noch in Frieden und Sicherheit Lebenden fraß. Das kleine Mädchen war davon unberührt. Es lebte in seiner eigenen magischen Welt, in der sein Teddybär und seine Puppe sprechen konnten. Es fühlte sich sicher und geborgen bei Mama und Papa.

3

In weiter Ferne saß ein kleiner Mann mit teigigem Gesicht in einem Saal an einem großen Tisch. Er war über ein Schachbrett gebeugt und grübelte über eine Schachposition aus einem Spiel zweier Schach-Großmeister, einem Russen und einem Ukrainer, das nicht zu Ende gespielt werden konnte, da der russische Großmeister an einem plötzlichen Schlaganfall gestorben war. Der Verstorbene hatte mit den weißen Figuren gespielt. Der kleine Mann mit dem teigigen Gesicht, der mit dem Verstorbenen befreundet gewesen war, versuchte an dessen Stelle Schwarz Schach matt zu setzen. Er grübelte und grübelte, wie er dies bewerkstelligen könnte. Weiß war zwar von der Anzahl der Figuren her überlegen, aber Schwarz hatte eine verdammt starke Verteidigungsposition. Eigentlich wäre ein Remis angesagt. Aber in seinem maßlosen Ehrgeiz hätte sich der kleine Mann mit einem Remis nie und nimmer zufrieden gegeben. Da hätte er lieber alle Figuren vom Schachbrett gefegt. Der kleine Mann erhob sich und trat vor einen riesigen Spiegel mit Goldrahmen, der an einer Wand des Saals hing. Er trat innerlich mit seinem großen Vorbild, den Generalissimus mit dem Schnauzbart in Verbindung, der einst über Russland geherrscht hatte. Da geschah plötzlich etwas Ungeheuerliches! Mit einem höllisch lauten Knall zersplitterte der riesige Spiegel! Die Figuren auf dem Schachbrett fielen wild durcheinander um. Der kleine Mann ging vor Schreck unter dem großen Tisch in Deckung. Als er wieder hervorkam, erblickte er auf dem Schachbrett einen schwarzen Bauer, der als einzige Figur nicht umgefallen war. Der kleine Mann wurde wütend und wollte den schwarzen Bauer gegen die Wand werfen, doch dieser ließ sich nicht bewegen, so als hätte er im Schachbrett Wurzeln geschlagen…

*

© 2022 Johannes Morschl
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Ein schmaler Grat zwischen Himmel und Hölle

Von Franziska Rohrmoser

Flüchtig huschte ich über den Gehweg, die schwarze Sporttasche über meine rechte Schulter gelegt. Bei jedem Schritt schlug sie mir heftig in die Kniekehlen, doch das ignorierte ich.

„Vielleicht nicht die beste Tasche für so eine Aktion“, motzte die Stimme in meinem Kopf kritisch. Ich ignorierte auch das und lief zielstrebig weiter. In der linken Hand hielt ich die Schlüssel für Mareikes Auto, einen silbernen Golf. Ich umklammerte den Schlüssel so fest, dass meine Fingerknöchel weiß hervortraten. Nicht umdrehen, befahl mir meine innere Stimme weiter. Ich folgte ihr gehorsam. Als ich am Straßenende nach rechts in die Breslauer Straße eingebogen war, sah ich den Golf im fahlen Licht der Straßenlaternen schimmern. Mein Herz schlug noch etwas heftiger, als ohnehin schon, als ich auf mein neues Gefährt zulief und mit zitternden Fingern nach dem Schloss suchte.

„Komm schon, mach endlich!“

Ein Befehl aus meinem Kopf. Meine Hände zitterten noch mehr und beinahe ließ ich den Schlüssel fallen.

„Okay, beruhig dich.“ Der Versuch, mich etwas ruhiger atmen zu lassen. Es waren Engelchen und Teufelchen, die in meinem Kopf diskutierten, was der bessere Umgangston mit mir war. Ich versuchte, die beiden verstummen zu lassen, während ich immer noch das Schloss suchte. Klick. Schwungvoll öffnete ich die Tür, schleuderte meine Tasche auf den Beifahrersitz und schwang mich hinein. Zu schnell, zu viel. Ich unterdrückte den gequälten Aufschrei, der sich bereits in meinen Lungen startklar gemacht hatte, hielt die Luft an, knallte die Tür zu und fasste mir an die rechte Seite in Höhe der Rippen. Vor meinem inneren Auge tauchte ein Bild davon auf, wie die Stelle gestern noch vor dem Spiegel ausgesehen hatte. Es einen blauen Flecken zu nennen, hätte die Beschreibung ziemlich verfehlt, ich sprach von dunkellila. Ich zwang mich ein paar Mal tief durchzuatmen und startete nun vorsichtig das Auto.

„Na mach schon!“, zischte das Teufelchen. Zittrig setzte ich den Blinker links, schielte kurz in den Seitenspiegel und fuhr los.
Durch die Stadt und ab auf die Autobahn. Ich versuchte, nicht daran zu denken, wie viele Stunden Autofahrt ich vor mir hatte. Bis zu Heiko nach Hannover waren es sechs Stunden.

„Das schaffst du schon.“, stand mir das Engelchen bei.

Ja, das schaffe ich. Die Wahl, die ich hatte, war schließlich auch nicht besonders groß. Mein Herz raste noch immer. Ich versuchte, mich auf das Fahren zu konzentrieren. Obwohl ich fast nicht geschlafen hatte, musste ich topfit für die Fahrt sein. Hoffentlich würde mich das Adrenalin lange genug wachhalten. Mein Fokus lag darauf, mich auf das Fahren zu konzentrieren. Ich fuhr zügig, doch nicht zu schnell. Die Angst war mein ständiger Begleiter. Warum überholt der so langsam? Versucht er etwa, in mein Auto zu sehen? Wird er gleich wieder hinter mir einscheren? Pure Paranoia.

„Ganz ruhig, es ist noch dunkel, man kann dich im Vorbeifahren also überhaupt nicht sehen.“ Das Engelchen tat seinen Job.

„Gib lieber mal ein bisschen Gas, die Dunkelheit schützt dich nicht mehr lange.“ Auch das Teufelchen war nicht eingeschlafen, doch ich drohte, es zu tun.

„Mensch, wach bleiben! Oder willst du uns alle umbringen!“, schrie eben dieses augenblicklich.

„Lass sie in Ruhe sie macht genug durch.“

Doch ich stimmte dem Teufelchen stumm zu. Ich musste mich wachhalten, durfte auf gar keinen Fall in einen Sekundenschlaf fallen. Ich betete zu Gott, dass die Sonne bald aufgehen möge, auch wenn mich das nicht sicherer fühlen lassen würde. Ein Blick auf die Uhr. Ein heller Schimmer über dem Horizont, ja es konnte nicht mehr allzu lange dauern. Ich wollte keine Sekunde daran denken, was vor mir lag, es erfüllte mich zu sehr mit purer Panik und im selben Moment wollte ich nicht daran denken, was hinter mir lag. Es war die Hölle. Es wurde hell und ich hatte so langsam keine andere Wahl mehr, als einen Halt einzulegen.

Ich hielt Ausschau nach einem Rastplatz und achtete bei der Parkplatzwahl darauf, möglichst keine anderen Autos um mich herum zu haben. Und was sollte ich sagen, aufgrund des in Deutschland herrschenden Lockdowns waren die Straßen weniger überfüllt und somit auch die Raststätten leerer. Ich parkte und atmete tief durch.

„Lass dir nicht zu viel Zeit!“, ermahnte mich das Teufelchen und es hatte Recht. Zeit zum Nachdenken war schlecht, denn es war die Zeit in der ich mich selbst am meisten gefährdete, mein Vorhaben abzubrechen. Ich kramte in meiner Tasche, zog meinen Kosmetikbeutel hervor und blickte mich verstohlen um. Keine fremden Blicke in Sicht. Ich legte los und begann damit, die blauen Flecken rund um mein rechtes Auge zu überschminken. Das war schmerzhaft, doch ich wollte nicht auffallen. Ich wollte Fragen aus dem Weg gehen und hatte Angst. Angst, dass die Wahrheit ans Licht kommen könnte. Ich wusste, dass, wenn ich diesen Weg durchziehen würde, dann würde das passieren. Hastig packte ich meine Schminksachen zurück und begab mich wieder auf die Autobahn.

Ich dachte an die letzten Tage zu Hause. Wie ich immer wieder, wenn er nicht zu Hause war, in die Garage lief, und Stück für Stück, Teil für Teil meine Sporttasche packte. Nur das Notwendigste. Die beste Tarnung in diesem Fall war, sie nicht zu verstecken, ich hatte zwischen all unseren Sporttaschen, die in einem Regal in der Garage lagen, einfach eine ausgewählt und begonnen, sie zu füllen. Im Karton mit der Weihnachtsdeko im Keller hatte ich ein zweites Handy. Eine zweite Nummer. Hierüber kommunizierte ich in letzter Zeit immer häufiger mit Heiko und Mareike. Mareike, meine beste Freundin, meine Arbeitskollegin. Die Person, die mir eines Vormittags mein Zweithandy vorbeigebracht hatte, nachdem ich in einem Geschäftsmeeting mit ihr, endlich nach Wochen, gefangen in der Hölle meiner eigenen vier Wände, den Mut gefunden hatte, kurz meine Webcam einzuschalten. Ganz kurz nur. Den Ton auf stumm, während ich munter weiterredete, sie mich aber nur sehen konnte. Mich und mein grün und blau geschlagenes Gesicht. Mich und meine erhobene Hand, die sich zum Symbol des stummen Hilfeschreis formte. Und ich redete immer noch von Geschäftlichem, um für ihn den Anschein zu wahren, dass hier alles normal weiterläuft. Er sollte keine Chance haben, auch nur eine Sekunde stutzig zu werden. Sonst war ich diesen Job und meinen letzten Kontakt zur Außenwelt los. Sofort.

All die Jahre musste er bei dem, was er mir antat, darauf achten, dass es auf der Arbeit, bei Freunden und Familie nicht auffiel, wir eine stimmige Ausrede für meine Verletzungen hatten. Mit den anhaltenden Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und dem Lockdown spielte das alles keine Rolle mehr. Er sah mich den ganzen Tag, er hatte den ganzen Tag Zeit, mir die Schuld an allem zu geben, er nutzte den ganzen Tag dafür, mich bloßzustellen. Es eskalierte vollkommen. Es dauerte nur wenige Tage bis er mir das erste Mal ins Gesicht schlug. Doch das bemerkte niemand. Ich hatte keinen Grund, das Haus zu verlassen und wäre das sonst aufgefallen, so tat es das in dieser weltweiten Ausnahmesituation nicht.

Mir wurde schwindelig, während ich an diese Momente zurückdachte und mein Atem beschleunigte sich. Die Panik kam wieder hoch. Ich sah mich und ich sah ihn vor meinem inneren Auge, wie er mich anschrie. Ich ließ es einfach über mich ergehen. Ich dachte daran, wie er mir absichtlich ein Bein stellte. Wie er mir beim Laufen in die Kniekehlen trat, um mich zu Fall zu bringen. Mir wurde übel. Meine Hände zitterten. Der Schwindel nahm zu. Die nächste Abfahrt nutze ich. Ich konnte nicht mehr. Mir war speiübel. Was tat ich hier überhaupt? Wie um alles in der Welt war ich so naiv gewesen und hatte denken können ich hatte eine Chance ihm zu entkommen?

Wir waren verheiratet. Er würde mich finden. Egal wo. Er würde mich finden. Ich konnte nicht entkommen. Keine Chance. Wenn ich jetzt umdrehte, würde er mir das hier vielleicht noch verzeihen. Vielleicht konnte ich mich irgendwie rausreden. Den Schaden begrenzen. Ich konnte nicht richtig atmen. Ich hielt den Sicherheitsgurt mit der linken Hand etwas von meiner Brust weg.

„Hände an das Lenkrad!“

Aufruhr bei Engelchen und Teufelchen. Ich war auf irgendeiner Landstraße gelandet. Irgendwo im Nirgendwo. Der Schwindel nahm zu.

„Schau zu, dass du anhältst oder willst du gegen den nächsten Baum donnern?“, maulte das Teufelchen.

Ich gehorchte. Es folgte ein kleines Waldstück. Ich konnte rechts ranfahren und kam ruckartig und mit einem Sprung nach vorne zum Stehen.

„Beruhige dich. Es wird alles gut.“, das Engelchen hatte seine Stimme wiedergefunden. Doch es half kein Stück. Meine Hände zitterten extrem. Ich brauchte zwei Versuche, mich abzuschnallen. Ich stieg aus, ließ die Tür hinter mir offen, lief vorne um das Auto herum und in Richtung Gebüsch. Ich wusste nicht, ob ich mich übergeben musste. Mir war so unglaublich schlecht. In meinem Kopf drehte sich das Gedankenkarussell. Ich konnte das auf keinen Fall durchziehen. Ich hätte das nicht tun dürfen. Wie naiv war ich. Ohne ihn würde ich nicht klarkommen, ich hatte keine Chance, was hatte ich mir nur vorgemacht. Ich schwankte zurück zum Auto. Hielt mich kurz fest. Schloss für einen kurzen Moment die Augen und atmete geräuschvoll ein und aus. Dann öffnete ich die Beifahrertür, suchte mein Handy und wählte Mareikes Nummer. Es klingelte nur einmal und schon war sie dran.

„Was ist los? Wo bist du?“, sie klang nervös.

„Ich kann das nicht. Oh Gott, ich kann das auf gar keinen Fall. Was mach ich hier? Ich mach doch alles nur noch schlimmer? Ich sollte umdrehen, denkst du nicht, dass ich umdrehen sollte?“

„Okay atmete tief durch. Beruhige dich. Wo genau bist du?“

„Auf irgendeiner Landstraße…Ich… ich hab keine Ahnung wo genau…ich.“, ich schnappte nach Luft, meine Stimme wurde brüchig.

„Es wird alles gut. Versuch dich zu beruhigen. Wir haben über alles gesprochen. Du fährst zu Heiko, ich komme nach, sobald hier alles mit deinen Eltern geklärt ist. Du tust das Richtige. Hörst du? Du tust das Richtige.“

Ich merkte, wie sich mein Atem etwas verlangsamte. Mareike hatte recht. Wir hatten alles bis ins letzte Detail geplant. Ich tauchte erst einmal bei Heiko ab. Sie erklärte meinen Eltern nur das Notwendigste, da ich nicht einfach so verschwinden konnte. Ich hatte ihr Auto. Sie würde, sobald es die Arbeit zulassen würde, nachkommen und es abholen. Mit mir alles weitere planen. Bei Heiko würde ich erst einmal in Sicherheit sein. Ich kannte ihn seit vielen Jahren. Ich hatte heimlich zu ihm Kontakt aufgenommen, nachdem mein Mann mir diesen schon vor Jahren verboten hatte. Ich hatte so viel auf mich genommen, um das hier zu schaffen, um so weit zu kommen. Abend für Abend, die er bei seinem Kumpel verbracht hatte, war ich die Treppen auf und ab gelaufen, um mir einzuprägen, welche Stufen knarzten, welche nicht. Welche Punkte völlig geräuschlos sind, welche nicht. Die letzten Nächte lag ich vollkommen wach. Ich telefonierte noch einige Minuten mit Mareike, bevor sie mich soweit beruhigt hatte, dass ich weiterfahren konnte. Ich versuchte, mutig zu sein und meine Fragen von vorhin zu streichen. Wie viel würde ich denn noch ertragen können?

Wie viel würde ich noch überleben können?

Ich entschied mich, weiter zu fahren. Entschied mich für den Weg hinaus aus der Hölle. Entschied mich für das Leben.

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© 2022 Franziska Rohrmoser
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Störrisch

Von Regine Wendt

es geht nicht

es————-

ist klein, nicht Mann nicht Frau, manchmal Kind, aber doch gestaltlos. Nebulös wichtig, wo es sich aufhält, hinterhältig, wie eine schmeichelnde Katze, die dir plötzlich ihre Krallen zeigt. Es ist oben und unten, Leben und Tod, aber immer in Begleitung, Maria oder Hure, es passt sich an. Es ist weich und zärtlich, liebestoll, oder scharf, wie das Messer im Lamm, verfügbar. Es geht mir unter die Haut, einverleibend krallt es sich fest, Schmerz gegen Schmerz, wen kümmert es.

geht———-

steht nicht, liegt nicht, bewegt sich, vorwärts, rückwärts und zur Seite. Linie, Kreis oder Kringel, Fuß bewusst, Zeit benutzend. Veränderung in kauf nehmend, packt, geht zu, mal tastend, dann ausholend, je nach Stimmung und Kraft. Muskulöser Fitnesstrainer, jung, dynamisch, potent, angeblich, dann wieder langsam genießend, nackte Fußsohlen erotisieren den Boden oder schieben den schlappen Körper. Go Baby go, im Kittchen ist ein Zimmer frei.

nicht———-

fordert doch heraus, aber unmöglich, das absolute nein steht im Weg, nicht, bedeutet nichtig. Alles was vorher war, nicht setzt die Grenze. Jetzt kommt schon Stacheldraht ins Spiel, Mauern und Zäune, nicht vernichtet. Nicht gut, nicht schön, nicht brav, nicht angepasst. Biblisch, du sollst nicht begehren.. Nicht einmal so ein wenig, nein nicht, basta. Nicht dies nicht das, aber wenn, dann mit allen Jesuitenmitteln.

Es geht nicht – Aber manchmal geht es doch.

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© 2022 Regine Wendt
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Nach Dortwohin

Von Monika Jarju

Mit einem Freund spazierte ich am Stadtstrand entlang. Während ich voranging, fotografierte er mich. Bald verlor ich ihn aus den Augen, kehrte in ein belebtes Strandcafé ein, trank einen Cappuccino und wartete auf ihn. Als er nicht kam, beschloss ich zum Aussichtsturm am Flugplatz weiter zu gehen. So lange ich auch ging, der runde Turm tauchte nicht auf. Auf einer Baustelle kam ich nur mit Mühe voran. Ich dachte schon daran umzukehren, da tat sich vor mir ein verwilderter Schuttplatz auf, er erstreckte sich bis zum Ufer, ein schmaler Fußweg wand sich zwischen Unrat und Schrott. Ich irrte zwischen überwucherten Steinstufen umher, schließlich wagte ich mich nicht weiter vor, ging denselben Weg zurück und wanderte am Flussufer entlang, als der Pfad plötzlich auf einem verfallenen Industriegelände endete. Der einzige Orientierungspunkt war die Ruine einer Werkhalle, Ginster und kniehohes Gestrüpp wucherten zwischen alten Holztischen und Stühlen. Ich hätte gern ein Foto gemacht. Der Weg führte nicht weiter, ich musste umkehren. Ich kann nicht sagen, wie lange ich umherirrte und auf welche Weise ich letztendlich einen Ausweg gefunden habe, bloß dass ich plötzlich auf einem Bahnhof stand und sich alles verdichtete zu der ausgerufenen Stadt mit dem dazugehörigen Namen. Den Freund sah ich nicht wieder, die Fotos bekam ich nie zu Gesicht, auch ich bin nie wieder im Traum an diesem Strand gewesen.

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©2022 Text & Bild von Monika Jarju
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Rock & Rosie

Von Monika Jarju

Als diese frische Frau aus der Tram steigt, zieht sie alle Blicke auf sich. Das dunkle weiche Haar trägt sie hochgesteckt, ihre hohe grazile Gestalt wächst wie ein Stiel aus einem bauschigen Rock. Buschwindröschen, denke ich. Über einer purpurnen Bluse, halb Rüsche, halb Rose, flammt das Muster ihres Beutels auf, ein grüner Blätterschatz – Weidenröschen, Nessel, Wiesenblume – mäanderndes Schwärmen. Schwingend schreitet sie aus, taucht ihre tintenblau schimmernden Stiefeletten wie zierliche Luftwurzeln in den Wind. Wahrlich kein Stiefmütterchen! Unwillkürlich höre ich meine Mutter sagen: Thusnelda Suppengrün.

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©2022 Text & Bild von Monika Jarju
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Gartenblues

Von Monika Jarju

Als ich den Terrassenweg hochsteige und mich umblicke, um den zurückgelegten Weg zu betrachten, sehe ich die Wellen auf dem See glitzern. Von einer alten Villa in dieser grünen Landschaft erklingen swingende Melodien. Ich bleibe einen Moment stehen und lausche den geschmeidigen Tonfolgen und quietschenden Dissonanzen, die immer wieder unterbrochen werden von tosendem Applaus. Langsam nähere ich mich dem Grundstück. Hinter dem offenen Eingangstor wachsen zwei Birnbäume einander zu, dort bleibe ich hinter einer Bank stehen. Unter den Bäumen sitzt ein Mann auf gefalteten Zeitungen. Leute bahnen sich einen Weg durch das andrängende Publikum. Die Zuhörer klatschen hingerissen. Der Saxophonist ist eine Sensation! Jetzt beginnt der Bassist ein weitschweifiges Solo zu improvisieren. Der Mann auf der Bank dreht sich plötzlich zu mir um. Lächelnd deutet er auf den leeren Platz. Ich setze mich zu ihm. Da beginnt der Schlagzeuger ekstatisch zu spielen. Wind kommt auf in der Abenddämmerung. Die Schatten fallen sanfter und länger. Nur so ein Windhauch trägt den Duft von Holunderblüten herüber und der Mann neben mir duftet auf einmal nach frischem Wasser und aufgeschnittener Melone. Ich habe es die ganze Zeit gewusst, seit ich neben ihm sitze. Warum nur bin ich aufgewacht, unwiderruflich?

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©2022 Text & Bild von Monika Jarju

Alle Rechte vorbehalten

Was Hänschen nicht lernt

Von Lena Kelm

Am Hermannplatz steigt eine adrette ältere Dame in das U-Bahnabteil ein, in den Augen der Jugend wirkt sie eher altmodisch gekleidet. Sie trägt eine schlichte Brille zum langen beigen Wollmantel, Hut und Handschuhe, farblich abgestimmt der beige-rot-weiß kleinkarierte Schal, ein geschickter Kontrast zum gepflegten schulterlangen Silberhaar. Die Tasche – obligatorisches Accessoire einer Dame – selbstverständlich milchkaffeefarben aus feinstem Leder, bestimmt nicht aus letzter Kollektion – sieht aus wie neu. Ob sie die nur zum Ausgehen benutzt?

Die Dame hält in der Hand zwei Blumensträuße.

Ein junger Mann am Kuchencontainer bietet der Dame höflich einen Platz an. Sie lässt sich dankend nieder – mir gegenüber – und hält die Milchkaffeetasche fest an sich geschmiegt. Vorsicht ist geboten! Die Blumensträuße liegen auf ihren Schoß. Sie sehen nicht üppig aus, zu lang die Stiele, wahrscheinlich Rosen vom Blumenhändler am Hermannplatz, sorgfältig verpackt, ich kenne das Papiermuster.

Das Papier ist durchnässt, Wasser tropft von den Stielen, hinterlässt einen kleinen feuchten Fleck auf dem Boden des Waggons. Leider bekommt der schöne Mantel der Dame etwas ab. Bevor ich bereit bin, sie zu warnen, bemerkt sie selbst das Malheur und holt eine Packung Taschentücher hervor. Die hat sie wohl stets parat an einem streng zugeordneten Platz in ihrer Tasche, stelle ich beschämt anerkennend fest. So eine Ordnung gehört zu einem meiner guten Vorsätze beim Einräumen einer Tasche.

Die gut organisierte Dame tupft sorgfältig die Blumenstiele ab. Was danach passiert, fasziniert mich wie ein längst vergessener Märchenfilm. Sie lässt das Tuch auf den kaum wahrnehmbaren Fleck fallen. Mit Blumen und Tasche auf dem Schoß kann sie sich leider nicht bücken, sie würde es garantiert tun. Dafür schiebt sie mit ihrem Schuh das Tuch hin und her, beugt sich mit höchster Anstrengung vor und hebt es auf. Entgeistert, mit höchster Bewunderung, sehe ich zu, wie sie das Taschentuch faltet und bis zum Aussteigen in der Hand hält. Natürlich sucht sie als erstes einen Abfalleimer. Erschüttert möchte ich den Displaywischern um mich herum zurufen: „Schaut euch das an!“ Verwerfe den Gedanken jedoch, denn erstens heben sie ihre Köpfe nie, zweitens würde ich sie bestimmt nicht dazu bringen, den Boden zu wischen. Pizzareste, Bierflaschen, Dosen, Kaffeebecher räumt immer das Reinigungspersonal weg. Wie kann da Hänschen etwas lernen?

Zu Hause angekommen, sortiere ich den Inhalt meiner Tasche, die Taschentücher kommen ins extra Täschchen.

In den 1990er Jahren überwältigte mich die deutsche Ordnung. Gefegte Straßen, glasklare Vitrinen, gepflegte Menschen auf Gehwegen, die sich in richtiger Richtung bewegten, am Bus weder Gedränge noch Schubsen, Türen wurden aufgehalten mit einem kurzen „bitte“, lächelnde Verkäuferinnen und überall gepflegtes Grün, veranlassten mich zu glauben, ich lebte im Märchen. Das war einmal. Die höflichen Menschen scheinen verschwunden, die Straßen sind mit Kaffeebechern, Zigarettenstummeln, mit Schalen von Sonnenblumenkernen übersät und bespuckt, mit Sperrmüll „geschmückt“, das Grün zertrampelt. So sieht der Alltag in meinem Bezirk Neukölln aus. Diese Dame erscheint mir wie ein Wunder, fast ein Relikt.

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© 2022 Lena Kelm

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Antonias“ stürmische Botschaft

Von Lena Kelm

Auf meinem Balkon tobt „Antonia“. Tannenzweige und Nadeln fliegen durch die Luft. Ich beobachte den dritten Sturm in dieser Woche vom Sofa aus, im warmen Raum. Und freue mich, nein, nicht über den Sturm, der viel Schaden anrichtet und sogar Menschenleben kostet. Ich muss heute nicht zur Arbeit! Mein Kollege Ralf bat mich, den Dienst zu tauschen, er ist jetzt unterwegs. Auch er ist nicht mehr der Jüngste und Antonia keine nette Frau, die ihm begegnet. Wünsche ihm in Gedanken einen guten Weg. Abends soll der Sturm nachlassen, dann wird er außer Gefahr sein.

Mein Telefon klingelt. Ralf meldet sich. Ich ahne Schlimmes.

„Du glaubst nicht, was mir passiert ist“, sagt Ralf.

Wurde er von einem Ast getroffen? Meine Phantasie ufert aus. Er aber redet schon weiter in seiner humorvollen Art.

„Stell dir vor, ich steige aus der U-Bahn, gehe wie immer an dem Wachposten der Botschaft vorbei, und der grüßt mich zum ersten Mal! Vielleicht war er froh bei dem Wetter einen Fußgänger zu Gesicht zu bekommen? Dann wirft mich eine Böe um, zwingt mich in die Knie, nirgends kann ich mich festhalten. Plötzlich reißt der Sturm mir die Schirmmütze vom Kopf. Ich sehe noch, wie die immer weiterfliegt. Als ich mich mit Ach und Krach – das hättest du sehen sollen – aufrichte und meiner schönen Mütze nachrenne – pass auf, was passierte – sehe ich mit Schrecken, wie meine Mütze hinter der Mauer der Botschaft verschwindet! Das geht mir durch Mark und Bein, kannst du mir glauben. Meine Mütze ist auf das Territorium eines fremden Landes eingedrungen! Der Wächter ist nicht mehr zu sehen. Ob der mir die Mütze geholt hätte? Ich musste mich beeilen, in zehn Minuten begann meine Schicht. Hoffte nur, heil anzukommen.“

„Mensch, Ralf, zum Glück ist dir nichts passiert!“

„Aber meine Lieblingsmütze ist weg.“

„Deinen Humor hast du aber nicht verloren.“

„Aber die Mütze sehe ich nie wieder“, klagt er.

„Ralf, stell dir vor, die Botschaft würde nun wegen Grenzverletzung anhand der DNA nach dir fahnden? Man könnte dich glatt für einen Agenten halten!“

Ralf lacht. Und ich stimme erleichtert in sein Lachen ein.

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© 2022 Lena Kelm

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Gestern bei Da Gianni

Von Sandra Engelbrecht

Ein lauer Mai-Abend.

Gestern.

Wir sassen in der Pizzeria.

Wie jeden Donnerstag um 20:00 Uhr, bei Da Gianni. Bereits seit zehn Jahren jeden Donnerstag. Derselbe Tisch. Dieselben verschrumpelten süsslich schmeckenden Oliven. Dieselbe rotweiss karierte Tischdecke mit denselben Tischtuchklammern aus zerkratztem Kunststoff.

Der Chianti in der Korbflasche war bereits entkorkt und die Weingläser standen sich gegenüber. Es war unser Tisch, ganz hinten im dunklen Séparée neben dem Pizzaofen. Das Fenster hinter dem Tisch ungeputzt – bestimmt auch schon seit zehn Jahren. Schmutzablagerungen durch Abgase.

Eigentlich war es mir neben dem Pizzaofen zu heiss, aber ich wusste, wie gerne Du die Flammen beobachtest. Dich das Flackern in einen kontemplativen Zustand befördert. Andere schauen sich den Tatort an, um die Gedanken zu betäuben, Du Dir die züngelnden Flammen und ich mir die schwarzen Halbmonde unter meinen Fingernägeln.

Es war eine Routine, festgefahren wie die Kaugummis auf dem Asphalt. Das Restaurant, der Rotwein, die Pizza Buffala und die Pausen in unserer Stille.

Ich wollte Dir schon lange sagen, dass mich ein Heimweh plagt. Heimweh nach dem Alltag vor der Routine. Damals, als wir unser Finger ineinander verschlungen haben wie ein geflochtener Hefezopf.

Wir erzählten uns unsere Träume, Träume die wir bereits am Horizont verwirklicht sahen. In Greifnähe, es lag an uns, die Hände danach auszustrecken. Doch wir taten es nicht. Gegenseitig schoben wir uns die Schuld häppchenweise zu. Die Feigheit, dass wir nicht ausgebrochen waren aus dem schleppenden Alltag, der sich schleichend, irgendwann, wie Zement an unsere Füsse gehängt hatte. Die Schuldzuweisung war nicht offensiv. Eher defensiv, trippelte daher in einem Tarnmantel, bittere Blicke, fehlende Umarmungen. Und immer stellte sich die unausgesprochene Frage zwischen uns: Weshalb haben wir kein One-Way Ticket nach Thailand gebucht? Weshalb nur?

Als wir nun gestern, an diesem lauen Donnerstagabend im Mai in der Pizzeria bei Da Gianni sassen, blickst Du mir das erste Mal wieder in die Augen. Der Schleier über Deinem matten Blick geklärt, wie nach einem Frühlingsgewitter. Unbeholfen nimmst Du meine Hand in die Deinige, leicht feucht, nuanciert zittrig. „Wollen wir heute einmal eine Lasagne bestellen?“ Ich drücke Deine Hand „Unbedingt!“

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© 2022 Sandra Engelbrecht
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Balbo im Kunstmuseum Solothurn

Von Hans Peter Flückiger

Wie sehne ich mir das Ende dieser Ausstellung herbei. Gut, im Depositum der Thurgauischen Kunstgesellschaft vor mich hinzudämmern ist auch nicht immer ein Vergnügen. Aber was ich als Leihgabe hier im Kunstmuseum Solothurn erlebe, ist definitiv zu viel des Guten.

Schon vor dem Mittag fängt der Rummel an. Zu der Zeit kommen die ersten Besucher. Von da an kehrt bis gegen Abend keine Ruhe mehr ein. Richtig schön wird es, wenn um 17 Uhr die schwere Türe des Museums ins Schloss fällt und endlich Ruhe einkehrt. Selbstverständlich scheint das aber auch nicht mehr zu sein. Manchmal kommen sie jetzt noch abends. Wie einmal pro Monat zum Event Kunst und Schreiben. Werweissend, räsonierend stehen sie dabei im Halbrund um mich herum, bevor das grosse Kritzeln beginnt.

Klar, ich verstehe es, dass alle immer zu mir kommen. Ich bin ja auch eine der stattlicheren Figuren hier im Haus. Gut, im Obergeschoss ist noch ein Hodler-Helgen von unserem streitbaren Nationalhelden Tell, und vorne im ersten Saal ist noch ein bunter – nicht Hund, sondern Vogel. Wenn ich mich richtig erinnere, ist der ausgestopft. Wohl ein Erinnerungsstück von einer Safari in den Tropen oder so.

Dann stehen die Leute vor mir und schauen mich an. Sagen: «Schaut, dieser tolle Bäri.» Mit Bello werde ich auch tituliert. Ich habe aufgehört, die Leute darauf hinzuweisen, dass man auf der Bildbeschreibung – von mir aus gesehen rechts an der Wand – nachlesen könnte, wie heisse: Balbo. Gut, zu erklären, wie man auf einen solchen Namen kommen kann, ist auch kein Vergnügen.

Und all die Neunmalklugen. Es kam schon vor, dass sich Betrachter fragten, ob dieser Bäri, Bello, Balbo oder wie er heisst, depressiv sein könnte. Was vielleicht mit dem langen Aufenthalt im Depositum der Kunstgesellschaft im Zusammenhang stehen könnte. Andere mäkeln an meinem Schwanz herum. Ob ich überhaupt reinrassig sei. Bei dem Schwanz könnte einer meiner Altvorderen doch auch gut ein Biber gewesen sein. Weiteren gefallen meine Beine nicht. Ein Tierarzt «diagnostizierte» kürzlich, das seien klar Zeichen einer Überzüchtung. Ich leide vermutlich an Gelenkdysplasien.

Und du, der du bald eine Stunde vor mir sitzest? Ich denke, es ist jetzt besser wenn du gehst. Ich will jetzt definitiv meine Ruhe.

Gute Nacht.

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© 2022 Hans Peter Flückiger

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Quelle Bild: Balbo, auf der Wiese liegend, 1955, von Adolf Dietrich (1877-1957), Öl auf Pavatex, 90×101 cm, Depositum Thurgauische Kunstgesellschaft. Ausstellung Tiefenschärfe, Kunstmuseum Solothurn, 29.01.-24.04.2022

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