Grantler

Von Johannes Morschl

Seid gegrüßt, ihr abgründigen Menschen diversen Geschlechts, die ihr euch heute hierher zur offenen Lesebühne im Dodo verirrt habt. Manche wollen sich ja hier so wie ich mit ihren literarischen Ergüssen zeigen. Meistens kommt sowieso nicht viel dabei heraus und das Publikum wird gegen das Einschlafen ankämpfen müssen, um nicht als unhöflich zu erscheinen. Also wenn ich euch als alter Mann einen Rat geben darf: Lasst das Schreiben sein, es ist eine mühselige Arbeit, die nichts einbringt. Ja, aber da ist der Ehrgeiz gepaart mit Größenwahn, der von falschen Freundinnen und Freunden genährt wird, die einen zum Schreiben ermuntern. In Wirklichkeit wollen sie einen in eine Falle locken, damit man sich in aller Öffentlichkeit blamiert. Es wird ja heutzutage zum allergrößten Teil nur langweiliges Zeug geschrieben, aber was heißt heutzutage, das war eigentlich schon immer so. Bei mir ist es allerdings so, dass ich zu nichts anderem fähig bin als zum Schreiben, und glaubt mir, ich bin mir durchaus bewusst, besser kochen als schreiben zu können, und kochen kann ich so gut wie gar nicht. Aber man will sich ja wichtig machen, will etwas Besonderes sein, redet sich ja ein, man sei ein noch unentdecktes Genie, wobei man gleichzeitig müde ist und langsam verfällt. Diese Müdigkeit ist eine existenzielle Müdigkeit, jedenfalls bei mir. Ich bin der Welt und meiner selbst müde geworden. Ich kann die Sonne nicht mehr ertragen, die mein altes zerfurchtes Gesicht unbarmherzig sichtbar macht und den ganzen Irrsinn dieser Welt grell beleuchtet.

Die meisten Leute freuen sich ja, wenn die Sonne scheint. Ich nicht. Ich bevorzuge die Dunkelheit, die Nacht, aber nicht, weil es im Dunkeln gut munkeln ist. Ich könnte sowieso nur mit mir selbst im Dunkeln munkeln, doch bald hat es sich für mich ausgemunkelt und dann lande ich endlich auf einem Friedhof, wo es still ist, obwohl wer weiß, was da nachts los ist. Vielleicht randalieren die toten Seelen in der Nacht, feiern endlich die Orgien, die sie sich zeitlebens nicht zu feiern getraut haben. Ich würde da als tote Seele sicher nicht mitmachen, habe mich schon bei den wenigen Orgien, an denen ich als junger Mann in meiner Heimatstadt Wien teilnahm, höchst unwohl gefühlt. Nahm nur deshalb daran teil, um nicht unangenehm aufzufallen, denn Orgien gehörten damals in der Szene, in der ich verkehrte, zum guten Ton. War genauso, wie man damals als junger Mann in eine Tanzschule gehen musste. Als 18-Jähriger ging ich auch in eine Tanzschule, war für mich der reinste Albtraum, man kann ohne Übertreibung sagen, sie hat mich traumatisiert. Ich blieb deshalb immer ein Antitänzer. Nur als der Pogo der Punks aufkam, machte mir das Tanzen, soweit man es überhaupt als solches bezeichnen konnte, Spaß, denn da konnte man so wild herum hüpfen, wie man wollte, und andere aus Gaudi anrempeln, von denen man ebenfalls angerempelt wurde. Allerdings wurde es mir irgendwann zu viel, da ich vom Pogo lauter blaue Flecken bekam.

Aber das waren noch andere Zeiten. Da rannten zwar auch eine Menge Idioten im öffentlichen Raum herum, aber es gab noch nicht diese große Anzahl von nicht selten auch bis zum Hals tätowierten Muskelprotze, die wie aufgepumpt aussehen, denen man heutzutage auf der Straße begegnet. Sieht ja grässlich aus. Manche haben noch dazu einen bulligen Köter bei sich. Müssen ja alle ein dickes Problem mit der Männlichkeit haben. Und an die vielen Hunde in Berlin, vom Hosentaschenwaldi bis zum Monsterhund, und die von ihnen hinterlassenen Tretminen, die von so manchen Frauchen und Herrchen nicht wie inzwischen vorgeschrieben entsorgt werden, habe ich mich bis heute nicht gewöhnt. Na gut, das war Ende der 60er-Jahre, als ich von Wien nach Westberlin kam, noch wesentlich schlimmer als heute. Da bin ich gleich am Tag meiner Ankunft in Hundescheiße getreten, die direkt vor dem Bahnhof Zoo lag. Die Berliner haben eindeutig eine Macke mit den Hunden. Allein bei mir im Haus gibt es vier Hunde. Einer von ihnen, ein ziemlich großer alter Hund, muss sich immer mühsam mit heraushängender Zunge die Haustreppe bis in den 4. Stock hoch quälen. Das ist kaum anzuschauen, das ist ja die reinste Tierquälerei, sich so einen großen alten Hund im 4. Stock zu halten. Aber viel schlimmer sind die Kolonnen von Blechkisten auf Rädern, die die Straßen verstopfen und die Luft verpesten. Und dazu noch all die Fahrradchaoten, die mit Vorliebe auf Bürgersteigen fahren. Ist besonders in Kreuzberg eine Plage. Auch nervt mich zurzeit eine schwarze Spinne in der Zimmerecke über meinem Bett. Warum muss die sich ausgerechnet über meinem Bett aufhalten? Dazu noch der Staub auf meinen vielen Büchern, den man vor allem dann sieht, wenn die Sonne in die Wohnung scheint. Fühle mich ja schon zu alt und gebrechlich, um die vielen Bücher zu entstauben. Besitze ja nur Weltliteratur, aber das ist dem Staub völlig egal. Er liegt genauso auf dem Goethe wie auf dem E.T.A. Hoffmann, obwohl der Goethe den Hoffmann gar nicht gemocht hat und dessen Geschichten als „Verrücktheiten eines kranken Gehirns“ abgetan hat. Ich mag aber den Hoffmann lieber als Goethe und Schiller zusammen.

Wie kann man nur so einen aus alpinistischer Sicht gefährlichen Unsinn wie „Über allen Gipfeln ist Ruh“ schreiben? Stamme zwar aus Wien, war aber auch auf so manchem hohen Berg in Österreich. Da pfeift einem am Gipfel der Wind um die Ohren. Im Winter und Frühjahr donnern Schneelawinen herunter und begraben alles unter sich. Oder bei schweren Unwettern, die in den Bergen urplötzlich aufkommen können, kommen Schlammlawinen, Steinschläge und Sturzbäche herunter. Hat schon so manche deutschen Touristen böse erwischt. Sind ja auch leichtsinnig, die deutschen Touristen. Glauben, über allen Gipfeln ist Ruh, hat ja schließlich ihr großer Goethe geschrieben, und gehen ohne feste Bergschuhe und ohne wetterfeste Kleidung in die Berge. Und dann werden sie auf einmal von einem Unwetter überrascht, und mir nichts, dir nichts ist Ruh für sie, aber ewige Ruh. Doch warum rege ich mich so auf? Ist ja sinnlos, die Welt wird sich deshalb nicht ändern. Muss mir ja selbstkritisch eingestehen, dass ich schon selbst zu einem halben Deutschen geworden bin. Kann ja kaum noch richtig Wienerisch sprechen. Um es nicht ganz zu verlernen, höre ich manchmal über YouTube die bösen Lieder des Wiener Urviehs Helmut Qualtinger, wie „I bin a Ringlgschbüübsizza und hob scho sim Weiwa daschlogn“, oder „Auxoffanar untan Gristbam, und die Keazzn brenan“. Oder ich höre die in feinerem Wienerisch verfassten Lieder von Georg Kreisler, wie „Gehn wir Tauben vergiften im Park“, oder „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“. Da wird mir immer gleich so Ach und Weh ums Weana Herz. Aber Heimweh bekomme ich deshalb nicht. Die Heimat ist mir mental zu verbiestert. Thomas Bernhard diagnostizierte diese Mentalität als eine Mixtur aus Katholizismus und Nationalsozialismus, die bis in die Gegenwart überlebt hat.

Wollte eigentlich lieber in Barcelona als in Berlin leben, aber da hätte ich Spanisch und zusätzlich noch Katalanisch lernen müssen, und das Erlernen von Fremdsprachen fiel mir schon immer schwer. Doch das Grab des berühmten Anarchisten Buenaventura Durruti möchte ich unbedingt noch besuchen, bevor ich sterbe. Eine halbe Million Menschen hat an seinem Begräbnis am 23. November 1936 in Barcelona teilgenommen. Na, bei meinem anonymen Urnen-Begräbnis – ein anderes kann ich mir ja nicht leisten – werde ich schon froh sein müssen, wenn überhaupt jemand kommt. Aber wer weiß, vielleicht kommen dann ein paar Hunde und pinkeln auf meine Urne, um mich noch nachträglich zu ärgern. Fühle mich ja bei den Toten wohler als unter den Lebenden. In Wien ging ich öfters auf den Zentralfriedhof, den siebtgrößten Friedhof der Welt. „Es lebe der Zentralfriedhof und olle seine Totn“, hat schon Wolfgang Ambros gesungen. War da am Ehrengrab von Karl Kraus, der zum Glück meine schriftlichen Ergüsse nicht mehr lesen kann, denn wer weiß, was er dazu gesagt hätte. Vielleicht: „Warum schreibt mancher? Weil er nicht genug Charakter hat, nicht zu schreiben.“ Immer wenn mir dieser Spruch von ihm einfällt, fühle ich mich auf frischer Tat ertappt. Aber zurück zu den Friedhöfen. War auch mit einer französischen Freundin am Père Lachaise in Paris. Haben am Grab von Edith Piaf eine Flasche Rotwein geleert. Die Piaf war ja dem Alkohol sehr zugetan, ist an Leberzirrhose gestorben. Und am Grab von Jim Morrison haben wir einen Joint geraucht, so wie es sich dort gehört. In Berlin mag ich die Kirchfriedhöfe am Mehringdamm, wo sich auf dem Friedhof III das Grab von E.T.A. Hoffmann befindet. Nicht weit davon entfernt befindet sich das Grab von Hoffmanns Zechkumpan Adelbert von Chamisso, dem Schlehmil ohne Schatten. Die beiden hatten desöfteren bei Lutter und Wegner am Gendarmenmarkt gesoffen. Da kann es schon vorkommen, dass man seinen Schatten für ein Säckel Geld verkauft, wenn man die Zeche nicht mehr bezahlen kann.

Was mir aber in Berlin immer gefehlt hat, ist ein gemütliches schummriges Wiener Kaffeehaus mit dem dazugehörigen hochnäsigen Kellner. Gehe nur noch selten in ein Lokal, hat vor allem pekuniäre Gründe. Bevorzuge derzeit das Dodo, aber nicht nur weil es ein Kellerlokal ist, wo man vom Sonnenlicht verschont bleibt, sondern auch weil es vom Geist des genialen Grantlers Schopenhauer durchweht ist. Schon wenn ich die Stufen ins Dodo hinabsteige, wird mir bewusst, dass die Welt, wie ich sie wahrnehme, nur in meiner Vorstellung existiert. Zum Glück existiert aber das Bier vom Fass nicht nur in meiner Vorstellung. Es kann einem allerdings im Dodo passieren, dass man so wie heute in eine Leseveranstaltung gerät, bei der Kraut und Rüben durcheinander gelesen wird. Ich frage mich, ob ich zum Kraut oder zu den Rüben gehöre. Ist schwierig zu entscheiden, tendiere aber eher zu den Rüben. Sehe mich als alte Runkelrübe, ungenießbar, zu bitter. So, jetzt reicht‘s aber, bevor ich mich hier noch zu einem Psycho-Striptease hinreißen lasse. Singe zum Abschluss die letzte Strophe des „Hobellieds“ von Ferdinand Raimund mit etwas verändertem Text:

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub
und zupft mich: „Brüderl, kumm!“,
da stell‘ ich mich am Anfang taub
und schau mich gar nicht um.
Doch sagt er: „Alter Grantler, du,
mach‘ keine Umständ‘, geh!“,
dann klapp ich meinen Laptop zu
und sag‘ der Welt ade.

© 2021 Johannes Morschl
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Alchemie der Leidenschaft

Von Sandra Engelbrecht

Ene mene meck,
und Du bist weg:

Leonora.

Ich hasse meine Tochter Leonora. Sie, die nie ihre Achselhöhlen rasiert. Nach abgestandenem Rauch und Essiggurken riecht. Ihren dicken Hintern nicht hochbekommt und tagelang im abgedunkelten Zimmer sitzt, um bunte Törtchen in sich hinein zu stopfen. Ihre klebrigen Fingerspuren hinterlässt sie überall im Haus. Könnte ich, würde ich sie wie einen Müllsack vor die Türe stellen.

Kommen meine Freundinnen auf eine Partie Poker zu mir, sage ich: Leonora, bleib im Zimmer, von deinem Anblick wird uns schlecht. Sie knallt die Türe zu und lässt ihre Stereoanlage so laut wummern, dass der Bass die Weingläser im Geschirrschrank erzittern lässt. Manchmal höre ich sie auch weinen, dann fühle ich mich schlecht. Meine Freundinnen schauen mich mitleidig an und ich schenke mir ein weiteres Glas Champagner nach.

Ich war aus meinen Kinderschuhen gewachsen, als ich Leonora aus meinem Schoss presste.

Wie, wa, wu und raus bist Du.

16 war ich.

Hasenspeck und Hasendreck,
und du bist weg:

Patrick.

Ich hasse meinen Mann Patrick. Er, der nie zu Hause ist. Mal in Berlin. Mal in Wien. Mir die Wange tätschelt, als wäre ich ein lahmer Bierkutschen-Gaul, dabei tröstend meint: Bald werde ich wieder oft zu Hause sein, Schatz. Versprechen die sich wie sein Zigarren-Rauch in der Luft auflösen. Ein schaler Geschmack bleibt zurück.

Von seinen Reisen bringt er Geschenke mit. Schillernd verpackt sind sie. Erlesene Schmuckstücke. Er schiebt sie mir, über die blank polierte Mahagonitischfläche zu, faltet die Zeitung auf und liest darin. Die Zeitung verdeckt sein Gesicht, nur das schüttere Haar ist zu sehen. Ich reisse die Verpackungen auf, und schenke mir ein weiteres Glas Champagner nach.

Ich wollte Patrick nie heiraten. Das Kind in deinem Bauch muss einen Vater haben, meinte meine Mutter. Der Flegel soll gefälligst für den Unterhalt sorgen, meinte mein Vater.

Ritze Rotze Ringelratz,
Mietzekatz, dann gings ratz, fatz.

Ich heiratete Patrick. Damals noch mein Deutschlehrer. Heute ein Bestsellerautor. Schreibt Bücher über glückliche Ehen, über Bilderbuchfamilien.

Eine kleine Haselmaus
zog sich mal die Hosen aus,
zog sie wieder an
und du bist dran:

Roberto.

Ich begehre Roberto. Er, der mir die Augen verbindet und meinen Körper mit Rosenöl einreibt. Mir frisch aufgebrühten Kaffee ans Bett bringt und mich mit kandiertem Ingwer füttert. Aus Faust vorliest und Margeriten ins Haar flicht.

In schwülen Sommernächten legen wir uns nackt auf die Terrasse, in eine Hängematte. Erzählen uns von unseren Hoffnungen und Ängsten. Halten uns fest, schwören uns ewige Treue. An frostigen Winterabenden liegen wir nackt vor dem Kamin, auf einem Flickenteppich. Erzählen uns von unseren Wünschen und dunkelsten Gedanken. Halten uns fest, schwören uns ewige Treue.

Hinde, Hande, Hundekuchen
Einer von uns wird gleich fluchen.

Alchemie der Leidenschaft. Wann verwandelt sich mein Begehren in Hass? Noch brauche ich Roberto. Um meine Innere bodenlose Leere zu füllen.

Roberto.

Der Lehrer meiner Tochter.

© 2021 Sandra Engelbrecht
Alle Rechte vorbehalten

Katzenschreibtag deluxe

Von Madame Pavot

Der Text muss gelingen. Die Frist endet morgen, sie ist meine Nemesis seit magischen sieben Tagen, ich stehe auf, koche hochmotiviert Kaffee, lege eine Schallplatte mit ruhiger instrumentaler Musik auf, alles könnte heute so gut sein, leichter Sommermoment mit lauem Wind und Inspiration, ein Wimpernschlag, eine gute Idee, fliegende Wörter, verrinnende Zeit.
Stattdessen rast Tag für Tag ein weißes, leeres Dokument auf mich zu. Ich starre, bis ich blinzelnd Wellenlinien auf dem Bildschirm sehe. Sie ziehen sich unangenehm, wie Kaugummistunden, wie Biologieunterricht früher, nur, dass ich gedanklich mit mir selbst spreche und wieder nichts zu verstehen scheine. Diesmal bin ich meine eigene Lehrerin. Oder meine eigene Schülerin. Jedenfalls sitze ich heute mit einer imaginären Fünf an einem Tisch.
Ich mache die ruhige Schallplatte wieder aus, dieses angeblich literarisch anmutende Geknarze regt mich plötzlich einfach auf. Glücklicherweise gibt es das Internet mit vielen Katzenvideos. Kurzbeinige Katzen spielen mit rosa Plüschbällchen und schnurren danach beruhigend. Vielleicht schaffe ich es nebenbei, die geblinzelten Wellenlinien zu besiegen. Etwas muss passieren. Miau, miau. Klick.
Ich setze an. Wort für Wort. Aller Anfang ist schwer, vor allem, wenn man nebenbei Katzengeräusche hört.
Am Bahnhof war es kalt und sommerfrüh, sie strich ihren Mantel glatt, während die Züge vorbeiglitten und die Kakophonie des eiligen Gewirrs fast verheißungsvoll surrte. Das Morgengrauen spuckte die Menschen fast ungnädig aus, wie die verlorenen Seelen einer geheimnisvollen Nacht, sie eilten umher, telefonierten in den Geruch von Kaffee und Asphalt, hinein, trieben im Betonmeer hinfort. Sie sehnte sich nach einem reisenden Zuhause, den Stunden unterwegs, der vertrauten Luft, sie war ein Teil der Menge, ein Geräusch von vielen, ein anonymer Großstadtmensch auf der Monotonieflucht. Sie wollte so unbedingt reisen. Fremde Luft atmen. Sich bewegen. Sein.
Ich stocke, schmecke fast den Asphalt und die Monotonie. Sie frisst sich in mich und das Dokument. Dieses Reisen, diese unruhigen Bahnhöfe. Ein zu oft erwähntes Motiv. Langweilig, betoniert, gefällig und einfach monoton.
Das Video wechselt. Eine Nacktkatze mit dünnen Beinchen wird im Schaum gebadet. Sie sieht unbegeistert aus. Die Besitzerin schäumt sie ein und putzt danach beharrlich ihre Ohren mit einem langen Wattestäbcheen. Aii, aii, murmelt sie beruhigend. Die Katze faucht. Ich fühle mit. Welches stolze Raubtier will schon gebadet und geputzt werden. Eigentlich ist das zum Kotzen. Mit dem Hintergrundfauchen beginne ich neu.
Ich liege in der Kotze. Bis zum Kühlschrank ist es noch weit.
Ich strecke meine Hände aus, aus meinen Fingern werden kleine Spinnen, die viele Beinchen bewegen. Spinne um Spinne versuche ich zu bewirken, dass sie in die richtige Richtung krabbeln. Im Kühlschrank ist Rosenkohl, er sagte mir vorher ein freundliches Hallo, vielleicht versteht er. Ich spinne mich. Beinchen um Beinchen. Vera ist weg, sie wollte lieber die Welt entdecken und die Farm in Australien aufbauen, da war kein Platz für mich. Soll sie doch die Wombats hüten. Im Zoo habe ich gelernt, dass Wombats beißen. Hoffentlich hat sie ein Ohr, wenn sie zurückkommt. Dann kann sie sich Vera Van Gogh nennen und Sonnenblumenwombats malen. Bis dahin schaffe ich es zum Kühlschrank. Der Blumenkohl wird mich trösten. Die Spinnen sind noch da. Kurzzeitig finde ich mich ganz witzig, aber das Bier singt traurige, ganz alte Lieder in meinem Magen. No more shall we part. Ich warte und nehme noch einen Schluck. Auf dem Couchtisch steht der Teller. Ich krieche zurück und schniefe im Zickzack. Meine Pupillen spiegeln sich im Silberteller, sie sind verzerrt. Zum Teufel mit Wombatvera. Ich senke den Kopf auf die kalte Tischplatte
Mein Kaffee ist für einen Schluck zu kalt. Im Textabschnitt sind sowieso zu viele Drogen, gemischt mit diesem belanglosen Bier. Die Uhr an meiner einsamen Wand tickt Deadlines. Draußen ist Sommer mit bedrohlichem Novembergeschmack, weil mein Kopf wieder ein soo buchstabenleerer Ort ist. Ein weites Feld.
Auf der Bank vor unserem Feld saß eine große Krähe. Der Novemberhimmel breitete sich aus, die Mohnblumen waren Erinnerungen aus einer fernen Zeit. Ich sah nach oben in das Grau und sehnte den Regen herbei. Vielleicht würde er das Vergessen lehren, mich reinigen. Nun war der Herbst da, mein Gemüt schwer, wie die Novemberwolken, die Augen ziellos. Das Glück war der Geist einer unbeschwerten Zeit. Ohne Schuld.
Eine Herbstschnulze im Sommer. Das Video wechselt wieder, eine Katze schnurrt vor einem Halloween-Kürbis. Das Internet spioniert mich aus. Vielleicht weiß es einfach, dass ich heute der imaginären Fünf einen kalten Kaffee mache. Ich schlendere zum Kühlschrank, finde immerhin keinen freundlichen Rosenkohl, aber eine Flasche Prosecco. Ich proste mir zu, nehme einen Schluck, spüle den imaginären Asphalt und die Schwere von meiner Zunge. Ich verlasse den Schreibtisch und lasse mir ein Bad ein, mit gefühlten hundert Grad. Vielleicht kocht mir das Wasser einen guten Anfang. Die Muse kommt bestimmt.  Ich mache eine Pause und warte. Noch habe ich zehn Stunden Zeit und tausend Videokatzen.

© 2021 Madame Pavot
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@dAdA.da – ein Gespräch mit dem Psychiater und Kulturforscher Prof. Dr. Heribert Stenzl

Von Zartelli

Herr Professor Doktor Stenzl, der Anthropologe Professor Lukas Bilzing behauptet in seinem neuen Buch „Europa in der Flasche“, dass nur eine, Zitat: „Wiederbelebung eines surrealistisch veredelten Dadaismus den mächtigen Geist Europas aus seiner Lähmung befreien und den entscheidenden Impuls liefern kann, der die Weltrevolution doch noch zu ihrer für uns und unseren Planeten überaus notwendigen Wirksamkeit verhelfen würde“. Sie haben das jüngst als „kompletten Schwachsinn“ bezeichnet. Warum?

STENZL: Herrgott noch mal! Wenn Sie mein Buch „Fakeversessen – fakevergessen: die Weltverschwörung des Dadaismus“ gründlich gelesen hätten, müsste Ihnen vollkommen klar sein: die Revolution ist längst vollzogen, der sogenannte surrealistische Dadaismus hat gesiegt, auf der ganzen Linie!

Aber Professor Bilzing sagt, dass unsere gegenwärtige Realität nur durch eine eben noch nicht vollzogene, Zitat: „surreale Dadaisierung vor der totalen Verwahrlosung bewahrt werden kann.“

STENZL: Jetzt hören sie doch mal mit Ihrem Bilzing auf! Was kann denn mehr Dada sein, als dass Aussagen von Debilitäten wie diesem „Professor“ als geistige Leckerbissen herumgereicht werden. Die sogenannte Realität ist schon längst Dada, durch und durch, bis in den genetischen Code hinein. Es gibt überhaupt keine Realität mehr, nur noch eine allumfassende Surrealität. Wir erleben die Welt als eine hypertrophierte Satire, deren Darsteller, seien sie nun maßgebend oder nacheifernd, so programmiert sind, dass sie sich ihrer Rollen nicht bewusst werden können. Wir erleben die Aufführung des Complicius Narcissimus, einer retrograden Alchemie, bei der Gold regelrecht in Jauche verwandelt wird. „Das Brandzeichen der Blödheit ist dem Homo Strichcode längst in den Nacken gestanzt“, wie Sie in Kapitel 4 meines von mir soeben erwähnten Buches nachlesen können.

Aber ist es darum nicht umso wichtiger, jene Ansätze zu verfolgen, wie es der Tiefenpsychologe Dr. Moritz Düsterhaupt bereits 1986 in seinem Buch „Das neue Zeitalter ist noch immer nicht gekommen“ formulierte, die, ich zitiere, „eine neue Kultur der Wahrhaftigkeit zur Maxime jedes Individuums erheben, das verantwortungsvoll im Sinne der Idee einer emanzipierten Glücksgesellschaft zu handeln gewillt ist“?

STENZL: Na dann verfolgen sie mal schön. Ich bitte Sie: schon wieder so ein unsägliches Postulat von einem dieser impotenten Koryphäen, die ihren gottverdammten Schmarrn nicht mal anständig ins eigene Hirn ejakulieren können! Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass die dadaistische Verschwörung unsere Welt in eine Fakefabrik umfunktioniert hat, unumkehrbar, in eine alternativlose Irrenanstalt voller Experten, die allesamt den gleichen maroden Arsch lecken dürfen, der ihnen aufs Maul gedrückt wird? Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass die Welt eine Filmkulisse ist und alles, was in ihr passiert, zum größten und idiotischsten Bunuel-Film gehört, der je gedreht wurde? Gedreht von einem Syndikat von Bunuel-Epigonen, die Tag und Nacht damit beschäftigt sind, diesen Film mit sämtlichem prätentiösen Schwachsinn zu versorgen, dem sich ein Bunuel jemals in seinen Traumdelirien ausgesetzt gesehen hat.

Aber, Herr Professor, schon ein Buddha betrachtete doch, wie es die Religionsphilosophin Lou-Hildegard von Mortius in ihrem bezaubernden Buch „Aurora am östlichen Fenster“ so schön ausgedrückt hat, die Welt als einen „Mayatanz, ein Konglomerat von Illusionen, die es durch vollkommenes Ignorieren zu entzaubern gilt.“

STENZL: Ei, das Kätzchen Maya, wie possierlich! Sollte Ihnen tatsächlich entgangen sein, dass sich die Voraussetzungen des Bewusstseins seit Buddha fundamental verändert haben? Wollen Sie mir weismachen, Sie hätten den Buddhismus – ich sollte wohl besser sagen: die Buddhismen nicht klar als weitere Ausgeburten des globalen Fakebewusstseins erkannt? Das ist doch eines der prägnantesten Phänomene des surrealistischen Dadaismus: allerorten sind Vertreter auf dem Plan, die alles und jedes als Fata Morgana verwerfen – mit Ausnahme natürlich dessen, was sie selbst zu vertreten vorgeben. Und die total durchgefakten Weltbewohner sind außerstande zu erkennen, dass sich ihre Wahrheitsidole als die dümmlichsten Provinzkabarettisten permanent selbst entlarven. Die haben mit ihrem Mayagejaule unsere arme Lou-Hildegard Mortius schließlich dermaßen durcheinander gebracht, dass sie sich, kurz nach der Niederschrift ihrer Aurora-Vision, aus dem Fenster gestürzt hat – allerdings nicht dem östlichen, sondern dem Gustav Meyrink zufolge eigentlich zu ignorierenden westlichen Fenster. Ich habe übrigens daraufhin für Vorfälle dieser Art den Terminus „spiritusive Mortius-Fehlsteuerung“ geprägt, zuerst formuliert 1999 in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift H e k a t h e n e , die übrigens die einzige Ausgabe war, welche die Investition von seinerzeit 12 Mark 80 pro Heft jemals wert gewesen ist – da in ihr mit meinem Artikel ausnahmsweise n i c h t der übliche philosophische Dünnschiss präsentiert wurde.

Aber es kann doch nicht alles nur Lügentheater sein. Es mag nur selten vorkommen, aber manchmal findet sich doch auch ein authentischer, ein wahrhaftiger Mensch, der in der Lage ist, unseren Glauben an eine fakefreie, eine wesentliche Welt neu zu entfachen.

STENZL: Ach wirklich – findet er sich? Dann wird er sich bestimmt schnell versteckt haben, damit Sie ihn nicht auch noch finden. Denn wenn er sich gefunden hat, weiß er ja, wie es wirklich ist. Und er möchte keinen Jungen weinen sehen. Schauen Sie sich doch mal die Wahrheits- und Weisheitsexperten an, die sich gegenseitig auf die Füße treten, um sich, nach dem obligatorischen dritten Auge auf der Stirn, ein viertes, hühnerartiges an den Füßen zu verschaffen. Und wer hat uns diese Bescherung eingebrockt? Kein Größerer als unser aller, nicht etwa Werte-UMwerter, wie er getönt hatte, sondern bloß ENTwerter Nietzsche. Geheimwissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge erschien ihm Gott als siebenköpfige Wasserschlange, worauf es unserem Sichelphilosophen beliebte, ihr die Köpfe abzuschlagen. Noch während er den Tod Gottes propagierte, waren dem Reptil die Köpfe nicht nur wieder vollständig nachgewachsen; aus jedem abgeschlagenen Kopf wuchsen sogleich neue Köpfe hervor, die wiederum selbst unentwegt weitere Köpfe ausbrüteten; was im Laufe der Zeit dazu geführt hat, dass sich nunmehr jeder Hohlkopf als Gott deklarieren darf. Gott ist nicht tot – er ist ein Witz! Vielmehr eine unabsehbare Parade dermaßen schlechter Witze, dass allenfalls die schlimmsten Idioten darüber lachen können. Von denen es allerdings inzwischen unglaublich viele gibt.

Aber ist denn nicht das homerische Lachen der wahren Götter, das sich so treffend in Hesses „Steppenwolf“ beschrieben findet, im Grunde das einzige Mittel, die „Uneigentlichkeit des Weltbetriebes“, wie es der Philosoph Konradt Magenstein 1947 in seinem Werk „Der philosophische Notfallhelfer“ formuliert hat, zum „urgrundverhaftenden Schweigen“ zu bringen?

STENZL: Sagen Sie mal, junger Mann, wie alt sind Sie eigentlich? Warten Sie, lassen Sie mich schätzen: dämliche 30, oder? Habe ich mir doch gedacht. Dieses kluge Gefasel von absoluter Ahnungslosigkeit ist typisch für Vertreter Ihrer Generation. Selbst einem Hilfsschüler wäre zu meiner Zeit klar gewesen, dass Hesse, als er den Steppenwolf schrieb, geistig umnachtet, und Magenstein ein Trottel gewesen ist, wie übrigens fast alle Philosophen – die übrigens nicht erst seit Nietzsche regelmäßig einer zumindest geistigen Syphilis anheim zu fallen pflegen. Was ist denn jetzt los – heulen Sie etwa? Um Gottes Willen, wischen Sie sich das Gesicht doch nicht mit dem Ärmel ab, Sie versauen mir noch die Sessellehne, der Stoff ist unglaublich empfindlich! Nehmen Sie gefälligst die Taschentücher hier. Sie haben doch gewusst, dass ich meine Ansichten ehrlich und direkt zu äußern pflege, ohne Sperenzien. Ich habe das immer so gehalten und daran wird sich nichts ändern. Sie müssen sich das nicht so zu Herzen nehmen. Sie können ja nichts dafür, dass Sie einer erschütternd beschränkten Generation angehören. Überdies erinnern Sie mich an meinen Sohn. Der ist nach seiner letzten Koma-Revival-Sauferei nicht mehr vollständig aufgewacht. Wobei – richtig wach ist er eigentlich nie gewesen.

Entschuldigen Sie bitte, Herr Professor, es war nicht meine Absicht, mich gehen zu lassen. Aber nach Ihren letzten Ausführungen hat mich einfach ein Gefühl von absoluter Hoffnungslosigkeit überwältigt. Wenn die fakeversessenen Folgen der surrealistisch-dadaistischen Verschwörung, wie Sie sagen, unumkehrbar sind, was bleibt dann einem nach Wahrhaftigkeit strebenden Menschen, zumal wenn er noch jung ist und nach Perspektiven für ein sinnvolles Dasein verlangt, was bleibt so einem Menschen, frage ich, überhaupt noch zu tun, als sich unumkehrbar ins Koma zu saufen?

STENZL: Gratulation! Von all den Fragen, die Sie mir bisher zu stellen beliebten, ist dies die erste wirklich sinnvolle. Sie schreiben Gedichte?

J-ja, und gelegentlich Kurzprosa. Woher wissen Sie . . . ?

STENZL: Sie sehen mir absolut nicht wie eines jener heutzutage äußerst seltenen Exemplare unserer Gesellschaft aus, die es über sich bringen, k e i n e Gedichte und Kurzprosa zu schreiben. Sie reimen dann wohl auch?

Inzwischen schon. Mein großer Inspirator ist Rüdiger Wolkenbart, durch den der Reim derzeit eine ungeheure Renaissance erlebt. Es ist, wie der Literaturkritiker Klaus-Enzo Bretthammer sagt, als ob die „Lyrik endlich wieder zu ihren musikalischen Quellen zurückgeführt“ worden ist.

STENZL: Gewiss, gewiss. Alle wollen heutzutage schreiben wie Rüdiger Wolkenbart.

Zufällig habe ich ein selbstgedrucktes Exemplar meiner aktuellen Texte dabei. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie so freundlich wären . . .

STENZL: Um Gottes Willen, nein! Sie wissen doch, dass ich ehrlich und direkt bin. Ich möchte keine Überschwemmung in meiner Wohnung hervorrufen oder Sie gar noch zu einem finalen Koma-Revival-Besäufnis animieren. Aber Sie gefallen mir. Wissen Sie was? Ich schenke Ihnen den Rüdiger Wolkenbart.

Ihn mir schenken? Aber ich habe sein Buch doch schon. Oder gibt es außer seinem „Stolzgewitter“ inzwischen noch ein weiteres Werk? Darüber müsste ich aber eigentlich –

STENZL: Sie haben mich falsch verstanden. Wenn Ihnen diese Identität so gut gefällt – übernehmen Sie sie. Veröffentlichen S i e Ihre Gedichte unter dem Namen Rüdiger Wolkenbart!

Entschuldigen Sie, Herr Professor, ich habe keine Ahnung, wovon Sie gerade sprechen!

STENZL: Dann sind Sie offenbar noch schwerer von Begriff, als ich bereits angenommen habe. Überlegen Sie doch mal: Wäre ich in der Lage, Ihnen diesen Namen anzubieten, wenn ich nicht urheberrechtlich über ihn verfügen könnte? Na also. Doch ich werde wohl nicht umhin können, Sie darüber aufzuklären, wie es zu der Wolkenbart-Geschichte gekommen ist: Mein ältester Freund hatte mir vor gut einem Jahr, während einer unserer regelmäßigen Abendessen bei unserem favorisierten Italiener, mitgeteilt, ein Manuskript an den renommierten Lyrakus-Verlag verschickt zu haben. Nun schreibt dieser Mensch ausgezeichnete Gedichte, die aber nicht nur für den normalen Leser weitgehend unverständlich sind. Ich habe dann in einem Anfall von Champagnerlaune mit meinem Freund gewettet, dass es mir gelänge, in diesem Verlag einen Gedichtband herauszubringen, während er noch auf irgendeinen Hinweis darauf warten würde, dass sein Manuskript nicht gleich nach der Ankunft im Mülleimer gelandet sei. Ich sah mich also gezwungen, innerhalb einer Woche eine Reihe von Gedichten herunter zu schreiben, in der Art von „fast noch junger, empathisch-genialischer Rilkullikus reimt sich, in Hinwendung zu seinem inneren Orpheus, tiefschürfend sein ökologisches Welt-und-Selbstverhältnis zusammen“. Was letztlich leider dazu geführt hat, dass die Abendessen mit meinem ältesten Freund nun nicht mehr stattfinden. Der Rest der Geschichte ist ihnen ja bekannt.

Mein Gott, Sie sind Rüdiger Wolkenbart? Jeder Lyriker träumt davon, in dem legendären Lyrakus-Verlag zu publizieren – und Ihnen ist das gelungen! Herr Professor, Sie gehören zur absoluten Elite der Poesie! Wie sollte ich mich imstande sehen, Texte zu verfassen, die dem von Ihnen vorgegebenen Niveau entsprechen können!

STENZL: Sie unterschätzen sich, junger Mann. Sie sind doch ein tüchtiges Kerlchen. Sicher, die Wolkenbart-Gedichte sind unglaublich schlecht. Aber warum sollte es Ihnen nicht gelingen, sogar noch schlechtere Gedichte zu schreiben, denen folglich noch größerer Erfolg zuteil wird. Mein Gott, wer weiß: vielleicht will ich in meiner Dadaversessenheit nicht wahrhaben, dass in meinen Wolkenbart-Gedichten, wie die reizende, wenngleich ziemlich mittelmäßige Schweizer Autorin und Literaturkritikerin Tamara Zwüngli behauptet, die „nach Rilke nicht mehr für möglich gehaltene Wiederauferstehung der orpheusischen Seele“ zu feiern ist! Für mich ist der Spaß jedenfalls vorbei. Jetzt sind Sie dran: werden Sie mein Nachfolger! Schreiben Sie sich einfach hinter die Ohren, was der unvergleichliche Johnny Morschalk verkündet hat, der – vielleicht nicht ganz zu Unrecht – vom Literaturwissenschaftler Ignatius Bleihuber als der „Heine unter den Spät-Postdadaisten“ charakterisiert worden ist: „Wir müssen dichten! / Nur das ist richtig / Mama-machen wir die Schweine-, / Ja, die Schweinewanzen nichtig. / Dichten und verdichten wir: / Den Blues. Und zwar mit Musen. / Wir müssen dichten, permanent, / Wir Bluesen und Bluesusen. / Ab ins Bett und frisch gepredigt – / Sonst sind wir nicht verloren nur, / Wir sind dann auch erledigt!“

Gott, das ist ja großartig! Geradezu fulminant! Diesen Johnny – wie hieß er noch gleich? Johnny Morschalk? Den kannte ich noch gar nicht! Aber, ja also, ich meine, wenn, lieber Herr Professor, wenn also Ignorieren zwecklos ist und Widerstand Torheit, wie Sie in Ihrem bereits erwähnten Buch „Fakeversessen – fakevergessen: die Weltverschwörung des Dadaismus“ sagen – heißt das nicht in letzter Konsequenz, dass wir die Surrealität auf Teufel komm raus zu bestätigen haben?

STENZL: Ganz genau, mein Junge: feiern wir die ewige Wiederkehr der gleichen Witzfiguren, erbarmungslos, bis ihnen übel davon wird! Ecce Anti-Ego! Wir sind die Stimme des verblödeten Schicksals. Wir deklarieren das debile Verhängnis. Treiben wir die Illusion der fakebedingten Alternativlosigkeit bis an den Nabel unserer Euphoriedekadenz, deren Wesen der Wahnwitz der Verzweiflung ist. Dann, aber erst und nur dann, haben wir uns das Recht erarbeitet, zusammenzubrechen. Erst dann dürfen Sie, mein Junge, vorbehaltlos dem nachgeben, was offenbar Ihre eigentliche Berufung darstellt: dem Drang zu weinen, hemmungslos, unerbittlich. Dann weinen Sie, bis alles emotionale Wasser aus Ihnen herausgeströmt ist, weinen Sie, bis Sie nurmehr stieren Blicks im Sessel sitzen, nichts mehr erkennen und nicht mehr erkannt werden und Ihre Mama sich einbildet, Sie wieder für sich zu haben, ganz für sich, bis in alle Ewigkeit.

Und dann bin ich der dadaistischen Surrealität und damit jeglichem Einfluss der Fakefabrik…

STENZL: …entronnen! Fundamental. Sie können sich darauf verlassen. Sie sind einfach verschwunden. Und keine Schweinewanze dieser Welt wird Sie jemals finden können.

Herr Professor Doktor Stenzl, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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Triumph

Von Michael Wiedorn

Der Läufer kämpft gegen die Müdigkeit an. Das Fleisch ist schwach. Seine Muskeln stellen sich dem Sportler – seinem Willen – entgegen. Was ist wollen? Wer will hier was? Ruhig gestelltes Fleisch, ruhendes Gewebe wird schlaff, wird schwach. Gelblich weißes Fett schwabbelt und zittert und wackelt und droht den Helden zu verschlingen. Ein Mensch erwacht nicht mehr vom Ruhen und Dösen. Seine Muskeln weichen auf und zerfließen. Alle Zukunft steht still und das Gesicht zerfällt in Leere. Er zerfließt und die Haut schützt das Innen nicht mehr vor der Angriffen der Außenwelt. Der Läufer kämpft dagegen an. Die niedrigen Bedürfnisse sind seine ärgsten Feinde. Hier liegt schon seit Tagen und Wochen ein rohes Stück Braten in der drückend schwülen Hitze. Es stinkt und verfärbt sich blau und grau. Fliegen umschwirren es. Der Athlet steht in der Morgendämmerung auf, duscht sich mit eiskaltem Wasser – selig ist, was hart macht – dann springt er im Laufschritt in die taubedeckte Morgenlandschaft. Er stählt sich. Sein Muskelgewebe verhärtet sich zu Stahl. Ein Leib aus Stahl ragt in die Höhe. Panzer mit in die Höhe gerichteten Rohren aus Kruppstahl ziehen am Führer, am Politbüro, an der Junta vorbei. Der Triumph des Willens! Du kannst es, wenn du es willst! Du kannst alles! Kein Organ, kein Glied des Langstreckenläufers ruht. Er löst sich in Schnelligkeit auf. Der Sportler ist aus Metall wie eine Schusswaffe – wie ein tödlicher Flugkörper. Der Mann wächst zu gigantischer Größe hoch und erstarrt zu einem Kriegerdenkmal für alle Ewigkeit. Die Krieger sind gefallen. Die Toten. Ein zu Eisen gehärteter Held der Arbeit mit von Schwerstarbeit geschmiedetem Oberkörper und eine zu Eisen erstarrte Heldin der Arbeit in züchtigem Eisenkleidchen tragen triumphierend mit stolzem Blick vorwärts in eine strahlende Zukunft Hammer und Sichel. Die nutzlosen Fluten des Aralsees werden zur Arbeit einberufen – zur Fruchtbarmachung der zentralasiatischen Steppen. Du kannst es, wenn du willst! Der Mensch kann alles! Der Aralsee ist weg. Mücken umschwirren brackige Schlammlöcher. Der Sieger hält das Kinn vor Stolz in die Höhe gereckt. Die Augen strahlen in die Sonne der Zukunft. Er ist der Herr. Traurig fallen die Verlierer in sich zusammen. Graue, gebeugte Gestalten werden dazu verdammt in abgelegenen Höhlen und schmutzigen Baracken den Rest ihres Lebens dahinzusiechen. Ihr Fleisch wird grau und stinkt. Leichen halten sich verzweifelt am Leben. Seit Tagen und Wochen liegt hier ein rohes Schnitzel und riecht und schimmert blau und grau. Sieger sind grausam. Blonde Bestien. Die Mauern des Stadions bersten im durchdringenden Gegröle der Starken. Der strenge Schweißgeruch der überlegenen Mannschaft. Es ist der Gestank der Kraft. Lachende Gesichter. Scharfe, blitzblank weiße Zähne. Mit ihnen kann man dem Feind schwere Wunden zufügen. So sehen Sieger aus! Fans brüllen unter schwarz-rot-goldener Löckchenperücke – eingehüllt in die Nationalflagge. Hoch die Tassen! Sie torkeln und stützen sich gegenseitig, abgefüllt mit Schnaps und Bier. Hoch ragt der Uhrturm der Berliner Olympiade in den Himmel. Triumph des Willens! Du kannst es, wenn du willst! Du kannst alles! Der Läufer wird schneller und immer schneller. Sein Körper ist nur mehr ein vorbeischießendes Wurfgeschoss, das in die Ferne jagt. Er überwindet alle Rekorde. Die Geschwindigkeit löscht ihn aus. Er überwindet die Schallmauer. Am Ziel wundern sich die Schiedsrichter, daß der Sieger nicht ankommt. Er wird nie ankommen. Die Schallmauer hat ihn verschluckt. Der Held ist weg.

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Wir nehmen Abschied

Von Michael Wiedorn

Niemand traut sich in die Nähe meines Körpers. Sie meiden die Gegenwart meiner Gestalt. Der Körper zieht uns in den Tod. Alle fürchten mich. „Bitte halten Sie Abstand! Es graut mir vor Ihrem Schweiß, vor Ihrem Speichel. Sie sind dreckiges Vieh und Ihr Kadaver verfällt in einen wimmelnden Fladen winziger Ungeheuer. Unsichtbare Dämonen lösen sich von Ihrem Fleisch, spuken in der Luft herum und erobern mein Innenleben um es zu zerstören“ – brülle ich mir allzu nah gekommenen Mitbürgern zu. Schreien mir die sich nähernden Passanten zu. Die Welt wird von unsichtbaren, dunklen Mächten beherrscht. Elektromagnetische Wellen, Radioaktivität, Bakterien, Viren, Kapitalwerte. Die ungreifbare Kraft des Todes will sich von unseren Lungen und Herzen und Hirnen nähren. Manche Überlebende sind in wenigen Wochen zu jämmerlichen Tattergreisen mutiert. Die Wenigsten haben selbst die von der unheimlichen Macht Besessenen gesehen. Ein Gespenst geht in der Welt um. Gespenster zersetzen das Lebendige.
Eine friedliche, von der Sonne bestrahlte Straße. Der Frühling lässt das grüne Laub leuchten und die Blumen blühen in rot, gelb, blau, lila. Ein Todesfrühling. Wir müssen Abschied nehmen. Jährlich riefen die steigenden Temperaturen die hoffnungsvollen Menschen auf die Straßen und in die Parks. Vor den Cafés standen Tische und Stühle um Gäste zum Verzehr einzuladen. Der Winter war die Zeit des Abgestorbenen und des tötenden Frostes. Der Winter sperrte die Menschen in ihre Häuser. Der Frühlingsanfang war früher eine Befreiung.
Vereinsamung und feindlicher Abstand zum Nächsten werden vielleicht für immer unser zukünftiges Leben prägen. Jeder eine vereiste, in sich versperrte Monade. Der Fortschritt bringt einen wachsenden Verzicht auf Lebendigkeit. Der Andere ist der Todfeind. Wir brauchen Grenzen und Bastionen, die die nagende Zerstörung der Parasiten abwehren. Wer beschützt mich vor dem Fremden? Früher trauerte man über die Vertreibung aus dem Paradies. Im blühenden Garten Eden verschwammen Adam und Eva mit den süßen Gewässern und den sanften Pflanzen in den Wogen der Träume. Die Tage und Jahre verflossen mild ineinander. Man wusste nichts von Tod und Schmerz. Im warmen Tropengarten war niemand einsam.
Die alles zerstückelnde Kälte brach in die Welt. Jeder ist heute ein in sich eingesperrtes Bruchstück. Die schwere Trauer des Abschiedes. Blei liegt mir auf der Brust. Der zur Einzelhaft Verurteilte wird in Zukunft zwischen seinen steinernen Mauern die Stunden abwarten und er wird die Außenwelt als geisterhafte Filmbilder auf Monitoren betrachten. Die Stimmen fleischloser Phantome flüstern. Schizophrene hören Stimmen. Eremiten können sich nicht anstecken. Begegnungen und Berührungen sind schlagartig verschwunden. Ich weiß. Ich weiß. Die Wissenschaft ist allmächtig und allwissend. Wir glauben an sie. Alles wird gut. Nur in wenigen Monaten wird geimpft. In zwei Jahren wird geimpft. Niemals werden wir vom Alb erlöst. Bis dahin müssen alle Lebensregungen stillgelegt werden. Eine auf einen fremden Erdteil geworfene Atombombe würde einen langjährigen, nuklearen Winter auslösen. Die Eiszeit kehrt wieder.
Die Angst vor dem Tod lässt das Leben zum Leichnam erstarren.
Im Winter wird der neue Weltherrscher große Ernten einfahren. In der zunehmenden Kälte. Ich werde meine Wohnungstüre öffnen und eine große Gestalt in einem schneeweißen Schutzanzug wird mir durch eine Maske die Anweisung erteilen schleunigst meine Verbindung zur Außenwelt zu verschließen. Eine weiße Maske. Eine Maske mit Vogelschnabel. Ein Eisvogel breitet seine Flügel aus und verschwindet im nördlichen Himmel. Andere weiße Gestalten tragen auf einer Bahre einen bewusstlosen Greis. Geschlossene Augen ruhen in einem reglosen, kalkbleichen Gesicht. Ist während der kurzen Öffnung der Wohnungstüre die farblose Energie vom Kadaver des Alten auf mich übergesprungen? Röntgenbilder zeigen eine Lunge, einer traurigen Ruine, die von einem bösartigen Weiß ausgewischt ist.
Als Kind blickte ich fieberheiß in die laublose, graue Trostlosigkeit eines schneelosen Februartages. Fiebertage waren Ferientage, an denen mich meine Mutter pflegte und umhegte. Das Fieber tauchte mich in die gierig wartende Dämmerung.

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Es gibt nichts zu sagen

Von Michael Wiedorn

Meine Mutter war stumm. Sie redete und redete. Es gab nichts zu reden. Über das Wetter, Schlagerstars haben geheiratet oder sich scheiden lassen. Ich hörte nicht zu. Ich habe gelernt, mit offenen Ohren Wörter als leeres Rauschen an meinen Ohren vorbei rauschen zu lassen. Das dichte Grün der Sümpfe um unser Haus. In unserem Haus war es gefährlich, sich allzu sehr in die Tiefe der Zimmer zu verlieren. Die wachsenden Schatten drohten mich zu verschlucken. Ich sprach nichts. Ich wusste nicht, wie ich aus dem Wirrwarr von Wörtern und Satzbrocken, die meine Hirnwindungen durchzogen, ganze Sätze bilden sollte. Ich war unfähig sie zu fassen. Sie entglitten mir wie glitschige Fische. Ich war unruhig. Es flackerte mir durch den Kopf. Die Stummheit schloss mich ein. Das undurchdringliche Grün des Sumpfes verfärbte sich rot. Rot wie der Hass. Wellen kamen auf. Das Blut kam aus dem Fleisch auf dem Grunde des Sumpfes. Stumm und still saß ich am Tisch. Als Kind war ich immer müde. Wenn ich meiner Müdigkeit nachgegeben hätte, hätte ich meine Kindheit im Bett verbracht. Leute, die uns besuchten, was fast nie geschah, lobten mich. „Das Kind ist anders als andere Kinder. Wir haben noch nie ein solches Kind gesehen – so weise und klug.“ Ich war weiß und bleich und die Haut spannte sich direkt über den Knochen. Müde lag ich im Bett und meine Mutter redete und redete. Die Schatten verdichteten sich in der einbrechenden Dämmerung wie auf einem verlassenen Friedhof. Weiß und bleich und als geschlechtsloser Greis auf die Welt gekommen. Verfault stank der Sumpf. Meine Mutter schwieg. Sie empfing mich. Der Schlamm saugte immer tiefer – immer tiefer. Das dichte Grün war lautlos und nahm mir das Leben. Ohne Sprache und deshalb ohne Gesicht. Ich versank immer tiefer in Schlick und Brutwasser. Sie empfing mich ohne Mann. Ich stach zu und der Bauch blutete.
Mittags gab es Rinderbraten. Die aufgerissenen Eingeweide der Kuh bluteten. Die Morgensonne überstrahlte das Zimmer. Das Radio dröhnte. Charles Aznavour, Heino, Udo Jürgens. Meine Gebärerin plapperte vor sich hin. Sie redete nicht mit mir. Sie redete nicht mit sich selbst. Sie redete. Es war Alltag, grauester Alltag. Stechende Schmerzen zersägten mir den Kopf. Ich hatte nicht einmal mehr die Moore und Schatten.

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Eintauchen nach unten

Von Michael Wiedorn

Das Zimmer ist von schweren Vorhängen abgedunkelt. Im matten Nachmittagslicht erkennt man die schweren Gründerzeitmöbel und das Bett mit dem reglos in den Kissen liegenden Körper. Ein alter, zur Leblosigkeit erstarrter Männerkörper. Ein gespenstisch bleiches, ausdrucksloses Gesicht mit offen gebliebenem Mund. Ein schweres Schnaufen durchdröhnt die Stille des Raumes. Ein Fisch am trocknen Strand japst verzweifelt nach etwas Luft. Der liegende Leib ist doch nicht so reglos. Jeder Atemzug wird mit zermürbender Mühe aus den Lungenflügeln gepresst bis das Körperinnere blutet. In gleichmäßigem Rhythmus hebt und senkt sich der Brustkorb. Das Atemherauszerren artet oft in ein Jaulen und Pfeifen aus. Das Fieber lässt die Säfte des Kranken wie Wasser im Teekessel kochen. Das Licht des späten Nachmittags versinkt langsam und stetig in das Dunkel des Abends.
Der Alte im Bett hat viele Lebensjahre hinter sich. Lichtdurchflutete Stunden in Werkhallen, das Sonnenlicht an sommerlichen Stränden. Er war jung und stark und blickte hoffnungsvoll in die weite Zukunft seines Lebens. Das mühevolle Atemholen verwandelt den Kranken in einen wild keuchenden Wolf und zerreißt in stoßartige Anfälle. Ein verzweifeltes Raubtier tritt aus dem Greisenkörper. Das gleichmäßige Auf- und Abwogen des Meeres wiederholt sich in gleichmäßiger Ruhe und zieht den Lauschenden am Strand in den Sog milder Träume. Einfach sich fallen lassen! Einfach sich dem Rhythmus hingeben und niemand wird zerrissen und verschluckt.
Schläge und krachende Blitze zerfetzen das Gleichmaß. Der Kranke kriegt keine Luft und ringt und windet sich in panischer Angst. Ein kämpfender Fisch auf knochentrockenem Sand oder Stein. Das Tierische wird in leblosen Stein erstarren. Der Körper des Alten verliert seine Starre und Reglosigkeit, als würde der Todesschmerz das Leben zur Bewegung hetzen. Die bisher auf dem Laken ruhenden Hände zittern rastlos, als würden sie Elektroschocks erschüttern. Können Elektroströme Tote zu einem kurzen Leben wieder erwecken? Der Rumpf bäumt sich mit einem schlagartigen Aufblitzen auf. Woher kommt diese Energie, die den sonst steifen Rücken sekundenlang vom Bett hoch reißt, die tief aus dem Erdinneren heraus die sanft träumenden Wogen zu einem über das Meer jagenden und an den Ufern alles ermordenden Hass verwandelt?
Eine brüchige Frauenstimme ruft: „Hörst Du mich? Hörst Du mich noch?“ Sie steht allein aufrecht am Bett. Das Zimmer ist dunkel. Das Licht eines an dem Haus vorbeifahrenden Autos taucht ihr altes Gesicht in ein fahles Flackern.
Das Atmen zwischen den Laken verstummt. Verwandeln sich Fleisch und Knochen in feucht klebrige Würmer, die fruchtbare Erde beleben oder verwandeln sie sich in einen flatternden Vogel, der in den Abendhimmel fliegt? Die lebendigen Zellen erstarren zu Staub und Stein.

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Der Rattenkönig

Von Michael Wiedorn

Eine Steintreppe führt abwärts in den Untergrund. Die tiefsten Stufen sind in schwarze Wasser getaucht. Grüne Kacheln. Eine flaschengrüne Stahltüre. Die Gewölbe sind von Moospelzen überwuchert. Fern aus dem Hintergrund strahlt klammes Licht. Das Wasser glitzert. Das tote Gewässer fault wie alte Eier. Eine nasse, haarige Ratte putzt sich mit roten Pfötchen die Schnauze. Die Barthaare stehen ab. Ein kämpferisch pulsierendes Haarknäuel. Plötzlich löst es sich laut quiekend auf und einzelne Tiere fliehen zum Licht. Eine riesige, schwarze Gummihand zuckt blutend zurück. Ein Arbeiter schreit mit dröhnender Stimme „Scheiße“ und reißt den Handschuh von seiner Pranke und blickt erstaunt auf seinen blutenden Finger. Das Nagetier unterbricht erstaunt seine Putzarbeit und sieht belustigt den verwundeten Mann an und nimmt dann ihr Werk wieder auf. Der Junge in hüfthohen Stiefeln – seine Fresse ganz braun und verkrustet von Schlamm – lächelt sie an. Sie lächelt zurück und springt fröhlich davon. Sie erreicht mit Mühe das rasende Rudel. Die Viecher rennen ihre Bahn wie Rennläufer im Stadion. Sie bleiben immer zusammen und pressen sich aneinander und bilden dann ein großes, rätselhaftes Tier mit unzähligen, kleinen Zähnchen. Jeder soll ruhig reingreifen und sein blaues Wunder erleben. Immer neue Ratten aus allen Richtungen stoßen zum Rudel. Es nährt sich und wird immer unbesiegbarer. Die Ratte von eben steht wieder da und ist um ein Vielfaches angewachsen. Der Arbeiter traut seinen Augen nicht. Er ist ganz verwirrt. Sie glotzt ihn an. Er wird hart.
Bei Sonnenaufgang steht die Stadt unter Wasser. Der Himmel ist giftgrün. Der Schlamm ist tödlich grau. Menschen stehen und lungern reglos in der Gegend herum. Sie sind von Krusten feuchter Erde überzogen. Nehmen sie Urlaub von ihrer Grabesruhe? Sie sind so altmodisch bekleidet. Sie sind aus der Erde heraus geschwemmt worden. Es klaffen große, schwarze Erdlöcher auf. An den Rändern bewegen sich pulsierende Haarknäuel vorwärts wie lebendig gewordene Perücken. Von welchen Köpfen sind diese Haartrachten entflohen? Sie quieken und zwitschern fröhlich. Die Frisur eines Menschen beginnt spitze Geräusche von sich zu geben, fällt zu Boden und rennt wie verrückt davon. Einige Haarbüschel kriechen an den starren Menschen hoch und beißen sich mit ihren scharfen Zähnchen ins fremde Fleisch. Trotzdem fließt aus dem grauen Fleisch kein Blut. Klitzekleine, belustigte Äuglein blitzen bisweilen zwischen den Haaren auf. Manche Haarbüschel lösen sich schlagartig auf. Die Stadt ist lautlos. Sie hat ausgeatmet. Jetzt wird alles von der vergifteten Luft verzehrt. Aus Bussen und Autos blicken schreckstarre Fahrgäste. Bleiche Gesichter. Auf den Fensterscheiben kriechen nasse Ratten in Klumpen herum und verschließen den Ausblick aus den Fahrzeugen nach draußen. Die feucht beschlagenen Scheiben sind mit Speichel überzogen. Alles ist mit giftigem Schleim überzogen. Etwas Dunkles flitzt in ein Erdloch zurück.

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»Siebenreich – Die letzten Scherben«,Kapitel 2. Julia

Von Michael Kothe

1.

Auf der anderen Seite der Morgenberge schleppte sich Julia vorwärts. Das Gebirge und den Wald hatte sie vor zwei Tagen verlassen. Sie fühlte sich schmutzig, war hungrig, ausgelaugt. Einfach fertig. Dazu kam, was sie von dieser Welt mitbekommen hatte, war der reinste Horror. Surreal, chaotisch. Zuletzt an diesem Vormittag. Auch jetzt, als die Abenddämmerung sich beruhigend über das Land legte, hatte die Angst sie immer noch im Griff. Die letzten Tage hatten einfach ihr Vorstellungsvermögen überstiegen.
Noch hatte sie gar nicht wahrgenommen, dass sie das Brachland längst hinter sich gelassen hatte und sich nun zwischen Stoppelfeldern dahin mühte. Ein paar Grillen zirpten, als wollten sie dem Sommer ein Abschiedsständchen geben. Als sie den Kopf hob, sah sie das Dorf. Ein paar Häuser nur, eine Mauer außen herum, ein hölzerner Wachtturm am Tor, aber immerhin ein Dorf. Sie riss sich zusammen, verfiel in Trab und eilte erleichtert dem Tor entgegen. Unwillkürlich musste sie über sich selbst lachen, als ihr auffiel, wie sie sogar in ihrer jetzigen Situation brav einen Fuß vor den anderen setzte, die Fußspitzen unbewusst gerade nach vorn gerichtet. Als Kind hatte man ihr eingetrichtert, sie solle auf einen ordentlichen Gang achten. Wenn schon diese Welt nicht funktionierte, wie sie sollte, wollte sie wenigstens ihr eigenes bisschen Ordnung aufrechterhalten!

Die Kerle waren zu viert.
»Seht mal dort! Jetzt rennt sie auch noch. Hat wohl unser Dorf entdeckt.«
»Die Frau ist nicht von hier. Schon auf die große Entfernung sieht sie anders aus.«
»Du hast Recht. Ihr Gang ist unsicher, aber doch anmutiger. Sehr erschöpft scheint sie mir.«
»Und sie ist besser angezogen. Wie die edlen Frauen in den Städten. Feinerer Stoff. Schaut, wie ihr Kleid im Wind flattert!«
Der Größte wandte sein Gesicht dem letzten Sprecher zu.
»Was weißt du schon von den Städten? Du bist doch nie dort gewesen.«
Dann sah er wieder nach draußen, verfolgte die Frau mit seinen Blicken.
»Ja, sie scheint wirklich anders als die Mägde, die sich uns hingeben oder sich zumindest nicht widersetzen. Ich habe Lust auf etwas Frisches, etwas Besonderes. Los jetzt, dann erwischen wir sie noch bei den Büschen vor dem Tor!«
Eilig kletterten die vier die Leitern des Wachtturms hinab und rannten nach draußen. Vor der Mauer schwenkten sie nach links und huschten gebückt zwischen den Büschen der Frau entgegen.

Julia lief ihnen direkt in die Arme. Matt und in einem viel zu dünnen Sommerkleid, dessen Risse ihren Betrachtern nun aus der Nähe reichlich bleiche Haut zeigten, schien sie ihnen das geborene Opfer. Sie hatte ihre Lage noch nicht durchschaut, als sie sie schon an sich drückten, sie begrapschten und sie unvermittelt die Hand des ältesten, des Anführers, zwischen ihren Schenkeln spürte. Ihr Herz raste, sie spürte einen Kloß im Hals und bekam ihn einfach nicht hinunter. Schützend presste sie die Hände über ihren Schoß.
Ihr Peiniger befahl dem jüngsten, oben wieder seinen Posten zu beziehen. Mit dem Zeigefinger auf den Lippen gebot er ihm Schweigen. Andernfalls …, er fuhr mit ausgestreckten Fingern unterm Kinn von einer Seite zur anderen. Der Junge trollte sich. Die übrigen wussten, was zu tun war. Es war nicht das erste Mal. Zwei standen Schmiere, der dritte machte sich über das Opfer her. Abwechselnd, nacheinander. Nie hatte eine Frau oder ein Mädchen auch nur einen Ton über die Schmach verloren.
Der Anführer war nun mit ihr allein, sah, wie ihr Körper bebte. Mit dem Handrücken streichelte er ihre Wange. Er nahm sich Zeit, ihr das Kleid von der Schulter zu streifen. Der feine Stoff gefiel ihm, wie alle hier trug er selbst nur grob gewirktes Zeug. Ihre Blicke trafen sich und blieben aneinander hängen. Die Furcht in ihren Augen erregte ihn noch mehr, sie gab ihm das köstliche Gefühl von Überlegenheit. Nur ein Augenblick jedoch blieb ihm, seine Vorfreude auszukosten. Flammender Schmerz durchfuhr ihn und presste ihm die Luft aus der Lunge. Er krümmte sich, fiel auf die Knie. Beide Hände fuhren instinktiv in den Schritt, um einen weiteren Angriff ihres Knies abzuwehren, und in der falschen Hoffnung, den Schmerz wegdrücken zu können. Mit offenem Mund sah er überrascht zu ihr auf. Sein Unterbewusstsein weigerte sich zuzugeben, dass sie ihn angegriffen hatte. Immer noch unfähig, Luft zu holen, sah er ihr nach, wie sie flüchtete, schon hundert Schritte von ihm entfernt das Tor durcheilte. Eben noch hatte sie so erschöpft ausgesehen! Sie musste wohl ihre letzten Kräfte eingesetzt haben.
Ihr Angriff hatte sie noch begehrlicher gemacht. Als er wieder atmen konnte, ignorierte er den Schmerz und hastete ihr hinterher. Eilig rief er seine Kumpane zu sich. Sie holten auf, je weiter sie ins Dorf rannten, und weideten sich an ihrer Angst. Die paar Knechte und Mägde, an denen sie vorbeiliefen, hoben die Köpfe und sahen ihnen stumm nach. Niemand wollte sich mit ihnen anlegen. Die drei warfen sich gegenseitig aufmunternde Blicke zu, ihres Erfolges waren sie sich sicher: Gerade war die Frau in eine Koppel gerannt. Eine Sackgasse.
»So ein …«, fluchte der Anführer. Jäh sahen sie sich ihres Vergnügens beraubt, als ein lauter Befehl über den Dorfplatz hallte. Keiner hatte mehr daran gedacht, dass der Bauer penibel auf das Ende der Wachschicht achtete. Wenn er schon seine Knechte zum Wachdienst abstellen musste, gab es Feierabend für sie nach der Wache erst, wenn er sie entlassen hatte. Wutschnaubend und mit geballten Fäusten kehrten die drei um und trotteten ihrem Herrn entgegen.

Julia achtete nicht darauf, dass sie sich schon mehrere Fingernägel abgebrochen hatte. Sie beeilte sich, das Brett in der Wand des Unterstandes am Ende der Koppel ganz lose zu rütteln und zwängte sich durch die geschaffene Lücke. Auf der anderen Seite umrundete sie das Haus und überwand hastig den offenen Platz dahinter. Zwar erblickte sie einige Dorfbewohner, wagte aber nicht, sich ihnen anzuvertrauen, sie wollte sich nur verstecken. Für einen Augenblick verlor sie die Orientierung, und nachdem sie den Überblick wiedergewonnen hatte, wandte sie sich zwischen zwei der Häuser. Den Menschen, die sie sah und hörte, ging sie aus dem Weg. Ohne es bemerkt zu haben, gelangte sie zurück in die Nähe des Tores. Daneben entdeckte sie nun ein mögliches Versteck. Sie sah sich nach allen Seiten um, erspähte niemanden und rannte hin. Verfolgte man sie, hatte man sie laufen sehen, ihre Richtung erkannt? Wo waren ihre Peiniger von eben?

Ihr Herz raste, und ihr Atem ging stoßweise. Gern hätte ihre Brust mehr Platz gehabt, sich zu heben und zu senken, aber Julia klemmte zwischen der Mauer und dem Trog fest. Sie saß auf der Erde, die Knie ans Kinn gequetscht, sie hatte sich in die Lücke hineinrutschen lassen. Ihre Schulter brannte. Sie hatte sie sich aufgeschrammt, aber das war jetzt nebensächlich. Ab und zu reckte sie den Hals zur Seite und äugte durch den Spalt, sorgsam war sie darauf bedacht, den Kopf nicht über die Kante zu heben, obwohl ihr Sichtfeld stark eingeschränkt war. Sie musste sich zusammenreißen, ihrem Drang nach mehr Übersicht nicht nachzugeben.
Wenigstens ließen die Tiere sie in Ruhe! Als sie über das niedrige Gatter geklettert war, hatte sie ein paar Ziegen, Schweine und Geflügel verscheucht, die wie sie selbst langsam wieder zu Atem kamen. Sie war froh, dass sich offenbar niemand die Mühe machte, der Unruhe auf den Grund zu gehen. Nun nahm sie sich Zeit, das Umfeld ihrer Zuflucht in Augenschein zu nehmen, soweit es ihre Sicht erlaubte.

© 2021 Michael Kothe
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Auszug aus dem zweiten Kapitel von Kothes Fantasy-Roman »Siebenreich – Die letzten Scherben«. Mehr Information auf https://autor-michael-kothe.jimdofree.com/ und https://das-buch-siebenreich.jimdosite.com