Auf Streifzug in der Seele

Von Günther Pilarz

Normalerweise müsste ich schon längst schlafen und süß träumen. Abgedeckt in meiner holzverzierten Liegestatt ruhend, durchfluten mich viele Inputs aus der Seele. Samt Legionen von Buchstaben, welche in den Fokus rücken wollen. Da geht die Post ab – wie im Wilden Westen. Dann bist du plötzlich da und es dreht sich alles um dich.

Meine rechte Hand krallt sich den neben dem irreparablen Wählscheibentelefon liegenden Buntstift. Derweil klatschen Heerscharen von Regentropfen rhythmisch ans Fensterglas, während du durch meinen Kopf spukst. Nicht negativ. Positiv. Wunderbar. Wie jener Wohlgeruch von geräucherter Wurst. Wieso ich dir das erzähle? Weil du der Erste gewesen bist, welcher mich Nachwuchsstar auf eine Leberkäsesemmel samt süßem Senf eingeladen hat. Oft sind wir mit diversen S-Bahnen irgendwohin gefahren, um unsere Geschmacksknospen damit zu beeindrucken. Phänomenal. Epochal. Gut.

Momentan schwirrt das Alphabet wieder im Großhirn herum, weshalb es ein paar Sekunden auf Pause schaltet. Dann sortiert jenes den Buchstabenterror unter dem fliehenden Haar. Irritiert kämmt die linke Hand im restlichen Urwald herum, indes mein Ego versucht, voll cool zu wirken. Wecke ich deine Erinnerungen? Wahrscheinlich …

Kannst du dich entsinnen, welch exquisite Duftwolken euer altes Backrohr seinerzeit entlassen hat? Von wohlschmeckenden Keksen, welche gleich mit Kaffee oder Milch verspeist worden sind. Da ist mir stets das Wasser im Mund zusammengelaufen. Nun tanzt meine Zunge über die Lippen. Besagtes Zünglein hat Ausgang? Pfui! Nein, ich bin kein alberner Bengel mehr. Der Farbstift zwischen den Fingern unterstreicht dies sofort. Ob meine Gedanken gerne durch die Zeiten reisen? Gute Frage, gewiss. Meistens dann, wenn dein erfundenes Sprichwort ›Im Mund schmeckt alles bunt‹ mitspielt. Pscht, eigentlich sollte ich schon längst schnarchen. Sapperlot aber auch!

Der von mir geschwungene Zeichenstift malt gegenwärtig am Bettrahmen herum, während mein Blick durch die jenseitig beleuchtete Parkanlage bummelt. Dahin, wo ich einst als Dreikäsehoch Sandfeuer gespielt habe. Du hast mir dort hinterherspioniert, um zu entdecken, wie eine Handvoll Sand in die Luft geworfen worden ist und lauter Grünschnäbel Feuer geschrien haben. Da hat dich doch jene dumme Pute mit ihrer schrillen Stimme angefaucht, keine kleinen Kinder zu beobachten. Diese ist dann von dir meisterhaft verulkt worden. Du seist Staatspolizist und in einer geheimen Mission unterwegs! Daraufhin ist die gefoppte Schnepfe nur mehr strammgestanden. Chapeau!

›Wie du wieder sprichst‹, wie oft habe ich diese Moralpredigt einst gehört? Nein, aus deinem Mund ist so was nie auf mich eingeprasselt. Können Tiernamen denn Schimpfwörter sein? An jedem Jahrmarkt gibt es doch auch Hau-den-Lukas als Attraktion. Hat sich denn je irgendein Lukas darüber aufgeregt oder beschwert?

Meine linke Backe meldet Alarm, als ich am Buntstift kaue. Dieser Termin heute Nachmittag trägt Schuld daran. Eine jener obligatorischen Kontrollen. Wo? Bei unserem berüchtigten Zahnklempner. Nein, Freude ist keine aufgekommen. Kannst du dich noch entsinnen, wie ich dir die Dritten mit Sekundenkleber zusammengeleimt habe? Worauf deine bessere Hälfte erbost gemeint hat, du sollst nicht so nuscheln. Darauf sind von dir nur mehr russische Phrasen gekommen. Ach ja, anno dazumal hat jener kyrillische Sprachkurs im TV als Straßenfeger gegolten. Da hast auch du die originellen Sprechblasen nachgequatscht. Aber das absolute Nonplusultra in besagter Sendung ist diese hübsche Wuchtbrumme gewesen. Es ist mir keineswegs verborgen geblieben, wie du jener Bildschirmtante heimlich zugezwinkert hast. Schlawiner!

›Ich soll nicht so reden‹, wie oft hat diese Schelte unsere Wohnung geflutet? ›Ach, lass ihn‹ im Schlepptau danach. Doch Verrat ist nie mein Ding gewesen. Speziell dann, wenn deine großen Augen bei jenem Sowjet-Kauderwelsch auf der Mattscheibe besonders stark geleuchtet haben. Da passt ja nur Schlawiner. Nicht wahr, du Fuchs?

Die Grünanlage gegenüber gerät wieder in mein Visier. Besagter Buntstift hat das Kommando, so scheint es jedenfalls. Er deutet genau an jenen Platz, wo wir beide beim Riesenschach gewesen sind. Ich habe damals nicht verstanden, wie man das spielt. Dabei hast du manchem Gegner laut zugerufen: ›Deinen König wird bald die Schwäche umgarnen‹. Oder auch: ›Sie werden gleich aus allen Wolken fallen‹. Noch öfter aber – matt. Wenn wir zwei in jener Outdoor-Arena erschienen sind, bin ich mit dir gemeinsam im Rampenlicht gestanden. Kleiner Mann ganz groß! Nugat-Pralinen hat es auch stets gegeben. Welch seltene Leckerbissen.

Jener Regen dürfte abgezogen sein, der lästige Wind ebenso. Mein blauer Stift kratzt mich gerade hinter dem Ohr. Bestimmt nicht, weil ich verlegen bin. Oder doch? Nein! Tja, erinnerst du dich an das scharfe Magazin, wie es deine Chefin genannt hat? Jenes kolorierte Potpourri voller Bilder, Sprechblasen und mit den Bikinigirls am farbenfrohen Cover. Eine an sich vollkommen harmlose Zeitung, aber dieses Titelseitenfoto hat mich magisch angezogen. Du hast mir das Heft immer wieder sanft weggenommen und dabei etwas von meinen leuchtenden Augäpfeln erzählt – im Flüsterton. Analog einem sogenannten Glupschaugen-Syndrom oder so etwas in der Art.

Eigentlich bist du mein Märchenonkel, mein Geschichtenerzähler gewesen. Ich könnte gegenwärtig nichts mehr davon nacherzählen. Unser Ritual davor ist jedoch haften geblieben. Jetzt muss der Vorhang aber gefallen sein. Oder besagter Groschen. Nun sollte es sich dir jedenfalls erschließen, wer ich bin. Erkennst du mich, geliebter Opa?

Einstweilen der Mond weiterzieht und das Fensterglas in Dunkelheit hüllt, sind meine Gedanken neuerlich dran. Im Oberstübchen entdecke ich unsere mannigfachen Expeditionen und Landpartien wieder. Mit Proviant bewaffnet auf geheimer Kommandotour. Oma hat mich später ausgefragt, ob die Glimmstängel wieder geglüht haben – in deinen Fingern. Ist sie dann böse geworden? Und wenn motorisierte Käfer mit Hutträgern an uns vorbeigeflitzt sind, bist du stets ausgeflippt. Hihi! Leider hat man dich viel zu zeitig ins Paradies beordert. Um zig Jahre zu früh – für mich Fünfjährigen.

Müdigkeit macht sich breit und Gähnen kommt auf. Jenes scheint Zug um Zug auf der Überholspur zu sein, Zeit für den Matratzen-Horch-Dienst. Sei gedrückt Opa! Auf bald! Beseelt von tiefem Schlaf, übersiedele ich meinen kobaltblauen Buntstift zurück an seinen Platz und schalte die Nachttischlampe aus. Da läutet das kaputte Telefon …

*

© 2022 Günther Pilarz
Alle Rechte vorbehalten

Fleischgabel

Von Niklas Götz

„Ich glaube, wir sollten hier nach rechts gehen“, sagtest du, während du deine Hand aus meiner befreitest wie ein Schmetterling aus seinem Kokon, um dir eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen. Ich blickte auf die Gabelung des Schotterwegs vor uns, welche im Morgengrauen kaum einen Blick darauf zu erhaschen erlaubte, wohin die Wege führen. Die Luft war kalt und klar, der Vogelgesang wurde vom Beginn des Tages langsam vertrieben und der süße Duft der Nacht floh vor den Sonnenstrahlen. Du stelltest deinen Rucksack ab, um aus deiner Flasche zu trinken.
„Da geht es doch lang, geradeaus. Der Berg da“, ich hob meinen linken Arm, um auf einen Gipfel zu zeigen, während mein rechter heimlich versuchte, deine schlanke Schulter zu umfassen, „das ist doch der, an dem wir vorbeilaufen müssen. Das Rothorn. Irgendwo dahinter müssten Brienz und der Bahnhof kommen.“
Du senktest die Flasche ab, schautest mich mit deinen haselnussbraunen Augen skeptisch an und schobst meinen Arm wieder weg, nicht ohne sanft über ihn zu streifen. Vielleicht ahntest du, dass ich keinen Schimmer hatte, wohin es ging. Vielleicht wusstest du es auch nicht, oder vielleicht wolltest du es auch gar nicht wissen.
„Nein, wir sollten nicht weiter in die Richtung. Ich glaube, das ist der falsche Weg. Wir sollten weiter am Bach entlang.“
„Warum? Komm, lass uns da lang gehen, ich bin mir sicher.“
Mir war es wichtiger, dass du mit mir kommst, als anzukommen. Ich setzte an, loszulaufen, doch du rührtest dich nicht. Ich fokussierte dich mit meinen Augen, als wollte ich dich auf meine Netzhaut tätowieren. Fragend hob ich die Hände, am liebsten hätte ich sie zum Himmel gehoben wie ein stummer, verzweifelter Hilferuf.
„Schau besser auf Maps nach. Mein Zug nach Hause geht früher als deiner und ich möchte ihn nicht verpassen.“
Wir kramten beide in unseren Taschen, auf der Suche nach der Antwort auf all unsere Fragen. Deine Wanderschuhe krallten sich in den Schotter wie eine Löwenpranke in ein Gnu. Aus irgendeinem Grund beneidete ich das Gnu in meiner Vorstellung. Wenn sich die Krallen in sein Fleisch versenken, kann es sich seiner Zukunft sicher sein, es weiß, dass es verzehrt, verschlungen, verdaut werden wird von einer gierigen Löwin.

„Mein Handy hat keinen Empfang. Wie sieht es bei dir aus?“
„Ich habe auch keinen. Ich weiß auch nicht mehr, wann ich das letzte Mal Empfang hatte.“
„Vielleicht hättest du dir die Karte vorher herunterladen sollen …“, murmelte ich genervt, während du dein Handy hoffnungsvoll höher hieltest und meinen Kommentar mit einem Augenrollen beantwortetest. Du schwenktest ein paar Mal das kleine schwarze Kästchen vor dem Alpenpanorama hin und her, es schimmerte in den jungen Sonnenstrahlen. Immer wieder traf mich dein Blick aus dem Augenwinkel, du wusstest, dass ich dich beobachtete, lauerte, wartete. Nicht nur ich. Wir waren nicht allein. Seit wir eines Abends nach zu viel Haselnusslikör und zu wenig Sauerstoff oben in der Hütte beschlossen, zusammen weiterzuwandern, waren wir nicht mehr nur zwei Wanderer.
„Und wohin gehen wir jetzt weiter?“, fragte ich, doch mir ging es eigentlich um etwas anderes. Ich die Hoffnung, endlich eine klare Antwort zu bekommen, die richtige Antwort zu bekommen, endlich jene Antwort zu bekommen, auf die ich seit gestern Abend wartete.
„Ich weiß es nicht. Ich habe keine Karte bei mir.“
„Du entscheidest.“
„Was? Warum?“
„Du hast gerade gemeint, wir sollten nicht geradeaus weiter. Es ist in Ordnung, dass du anderer Meinung bist. Aber dann sag mir wenigstens endlich, was du willst.“

„Geht es dir darum, wohin ich will, oder was ich will?“
Ich stöhnte auf und warf meinen Rucksack zu Boden, der Schotter krachte unter ihm mit einem schmerzhaften Geräusch während mein Rücken sich still bedankte. Ich drehte mich um und starrte in den Kiefernwald. Er starrte mitleidig zurück. Die Verlockung war groß, ins Unterholz zu rennen, vor dieser Situation zu fliehen, ich wollte lieber mein Gesicht zerkratzen, als es zu verlieren.
Ich hörte dich hinter mir besorgt schnaufen.
„Hör mal, es tut mir leid, dass ich nicht heute keine Entscheidung treffen kann. Dass ich dir nicht sagen kann, wie es von hier aus weitergeht. Dass ich dir hier und jetzt nicht geben kann, was du willst. Wer weiß, was wir morgen, wenn wir wieder daheim sind, über all das hier denken werden? Vielleicht kreuzen sich die Wege, vielleicht nicht. Aber warum müssen wir das jetzt schon entscheiden?“
Deine Worte stachen in mein Herz. War es etwas anderes als ein Stück Fleisch für dich? Etwas, das man schnell auf den Grill wirft, kurz gar lässt, wendet und dann über die Theke gibt?
Ich drehte mich um, du standest direkt hinter mir. Kaum eine Handbreit trennte uns, und doch so viel mehr. Als wäre zwischen uns ein eiskalter, wütend schäumender, reißender Gebirgsbach, in den mich dein wunderschönes Gesicht wie Sirenen zerren wollten. Hinter dir vertrieb die aufgehende Sonne den zarten Nebel und färbte den Himmel in einem stählernen Blau. Du versuchtest dich an einem aufmunternden Lächeln, wie eine tröstende Umarmung, nur ohne Berührung.
„Warum sagst du mir nicht einfach die Wahrheit, warum redest du dich immer wieder heraus, warum lenkst du immer wieder davon ab? Ich bin doch nichts anderes für dich als ein Alleinunterhalter, ein Spielzeug, ein Snack auf der Reise. Vorgestern und gestern war ich gerade richtig, um nicht allein zu sein und etwas Spaß zu haben. Heute bin ich lästig, und für morgen bin ich nicht mehr gut genug. Das ist es doch, oder? Ich bin für dich, was für mich der Stock hier ist: praktisch, um damit eine Weile herumzulaufen, aber nichts, was man mit nach Hause nehmen würde!“

Du legtest kurz dein Gesicht in deine Hände, ich dachte, du fingst an zu weinen. Aber als du wieder zu mir aufschautest, war dein Blick so stark und direkt wie eh und je. Schon beim ersten Mal, als ich dich sah, hatte ich diese Stärke in dir gespürt, die mich anzog und gleichzeitig in Panik versetzte. Etwas in dir gab dir den Habitus einer Naturgewalt. In diesen Tagen hatte ich das Gefühl, dass nichts in der Welt dich umwerfen könnte, nichts könnte dich erschüttern oder auch nur verunsichern. Aber ich war trotzdem überzeugt gewesen, dass ich dich besitzen könnte, und deine Kraft machte mich nur noch entschlossener und dich begehrenswerter. Umso wütender wurde ich angesichts deiner Bestrebungen, mir zu entkommen.
„Warum gibt es für dich nur ein Entweder-oder? Entweder ein kurzes Intermezzo oder ein ganzes Leben, ein Aphorismus oder ein epochaler Roman, ein Kerzenlicht oder ein Weltenbrand – warum kann das, was wir zusammen haben, nicht irgendwo dazwischen liegen? Vielleicht sind wir erst einmal beides, vielleicht werden wir das immer sein, oder vielleicht waren wir überhaupt nichts davon.
Wovor hast du solche Angst? Wohin auch immer wir gehen, hat nichts damit zu tun, wer du bist, wie du bist und vor allem: wie wertvoll du bist, sondern damit, was wir beide – du und ich – wollen. Nichts davon sollte dich an dir zweifeln lassen.“
„Denkst du, ich bin aus Stein? Dass ich dich ohne eine Antwort gehen lasse, ohne dabei mit der Wimper zu zucken, ohne Schmerz und auch etwas Wut? Soll ich mir selber auf die Schulter klopfen dafür, dass du mich stehen lässt? Denkst du, ich bin ein Mann ohne Stolz?“
Du lächeltest kurz, gabst mir einen sanften Klaps auf die Wange und sprachst: „Nein, natürlich nicht. Dein Schmerz und deine Wut sind genau das, was du jetzt empfinden solltest. Genau wie ein Gewitter zum Sommer gehört. Aber du musst nicht bitter werden, und darfst dich nicht gegen dich selbst wenden. Ich bin das nicht wert. Niemand darf dir das wert sein. Aber dein ach-so-männlicher Stolz sollte dir nicht die Erinnerung an die wundervollen Tage vergiften, die wir zusammen hatten.“
Für einen kurzen Augenblick schien es, als würde alles schweigen, die Vögel, das kleine Rinnsal neben uns, der Wind in den Kiefernnadeln. Du gabst mir einen Kuss auf die Lippen, sanft wie ein Atemzug. Ich wollte ihn erwidern, doch ich wusste, dass ich mich dann in diesem Moment verloren hätte. Ich hing an deinen Lippen und konnte nicht anders, als ihnen zu gehorchen. Wo gerade noch Wut war, war jetzt Wehmut – wie sollte ich jemanden zürnen, der selbst meinen Zorn so schätzte? Ich strich durch dein lockiges Haar und berührte deinen Arm, nahm deine Wärme in mir auf. Es war, als wären für eine Sekunde unsere Körper wieder eins. Dann war der Moment vergangen.

Wie einer der Kiefern stand ich da, mit dem Fels unter uns verwachsen, und starrte dich an, als du die Flasche wieder in deinen Rucksack packtest, das Monstrum auf deinen im Vergleich viel zu kleinen Rücken hievtest und die Gurte straff schnalltest. Du nahmst deinen Stock, rammtest ihn in den Boden und fingst an, loszuwandern, als wäre nie etwas geschehen. Plötzlich begriff ich, was vor sich ging, befreite mich aus meiner Erstarrung, doch alles, was ich sagen konnte, war: „Was tust du?“
„Ich gehe meinen Weg. Du den deinen. Für den Moment zumindest. Wer weiß, vielleicht führen sie zum selben Ort und bringen uns wieder zusammen?“

*

© 2022 Niklas Götz
Alle Rechte vorbehalten

Die Anmache

Von Michael Kothe

»Guck mal, ist der Typ nicht echt süß? Was meinst du, ob ich ihm ein Date vorschlage?«
»Du kannst doch nicht! Du bist das Mädel, also muss er dich anbaggern.«
»Wie? Eifersüchtig?« Ohne die Antwort abzuwarten, drehte sie sich zu dem Typen um. »Hallo, Sie haben sich die Füllung von Ihrem Keks auf die Krawatte gekleckert. Ich hab´ hier ´n Tempo, und solange der Fleck noch frisch ist, krieg´ ich ihn sicherlich noch raus. Dafür dürfen Sie mich danach auf ´nen Kaffee …«
»Danke, das ist nett von Ihnen, aber das ist kein Keks, es ist ein UFO, und der Fleck ist der Astronaut. Alimo oder so ähnlich heißt er, und er ist felsenfest davon überzeugt, dass meine Krawatte kein Schlips ist, sondern eine Landkarte, auf der er sich zurechtzufinden sucht. Ich soll nur kurz seine Untertasse halten.«
»Äh, dann eben nicht.« Die junge Frau drehte sich um und hakte sich bei ihrer Freundin unter. Der Zeigefinger ihrer freien Hand zog Kreise um ihre Schläfe.
Die Freundin grinste schadenfroh. »Na, doch kein Date?«
»Nee, mit so ´nem Spinner doch nicht! Du hast´s ja gehört. Kleine grüne Männchen!«
»Es war rot. Aber egal!«

Gerade ein paar Schritte waren die beiden entfernt, als der rote Fleck vom Schlips über den Ärmel auf die Hand mit dem Keks kroch. »Sie hatten recht«, quiekte Amino, »es ist keine Landkarte.« Auch als er das UFO längst aus den Augen verloren hatte, würde sich der Mann noch lange an die Begegnung erinnern: Die Schleimspur bis zur Manschette ließ sich nicht auswaschen.

*

„Die Anmache“ ist eine Kurzgeschichte, die Michael Kothe zum Jahreswechsel 2022/2023 in seiner neuen Sammlung „Muntere Short Stories“ veröffentlichen möchte.

© 2022 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

Schattenwelt-Regierung

Von Andreas Rüdig

Cheffe Balthasar?

Ja, Sklave Sigismund?

Ich habe einen superguten, weil lukrativen und spannenden Auftrag an Land gezogen.

So? – Worum geht es denn?

Um unsere Schattenwelt-Regierung. Sie möchte ihre düstere Umgebung verlassen, in die helle Welt des Lichts eindringen und sie erobern. Dafür braucht sie Begleitpersonal, das sie begleitet und schützt.

Meine Güte, Sigismund – bist du dir auch wirklich im Klaren darüber, was für eine Art Auftrag du da für unsere Firma gesichert hast?

Ja, natürlich. Hauptsächlich Personenschutz. Bei Bedarf auch gelegentlich Objektschutz.

Ob sich Sigismund wirklich sicher ist, daß er weiß, was er da angestellt hat? Er stamm aus Grünauhausen, einem Ort, der voller saftiger Wiesen und Felder ist. In seiner Tätigkeit als Fachkraft für Schutz und Sicherheit mußte er bislang Hundezwinger, Zäune für Kuhweiden und Garagen für Mähdrescher errichten. Der Objektschutz stand hier offensichtlich im Vordergrund.
Ob er aber die Schattenwelt-Regierung und den damit verbundenen Personenschutz kennt, ist allerdings zweifelhaft. Es fängt schon mit den Begrifflichkeiten an: Wer ist die Schattenwelt-Regierung überhaupt?
Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Schattenwelt-Regierung sei das genaue Gegenteil zu unserer realen Regierung, die in der Landeshauptstadt residiert und quasi im Sonnenlicht ihre Arbeit macht.
Die Schattenwelt-Regierung hält sich auch nicht im Dunkel, dem „Schatten“ von Wäldern auf. Diese Art des Versteckens würde im Winter, wenn die Bäume ohne Laub sind und eventuelles Licht auf den schneebedeckten Boden fällt, keinen Sinn machen – die Regierungsmitglieder würden dann sichtbar sein.
Mit dem Namensbestandteil „Schatten“ ist hier eher das Mondlicht gemeint. Die Schattenregierung ist eine uralte gesichtslose Spezies, die es seit Beginn der Welt gibt. Manche Geschichtsbücher behaupten, es habe sie schon zu Beginn der Sterne und Planten gegeben und es sei reiner Zufall, daß sie sich genau an dem Ort aufgehalten hätten, an dem die Erde entstand, ihre Anwesenheit wäre somit ein Zufallsprodukt. Verschwörungstheoretiker vermuten eher, daß diese Mondschattenwesen extraterrestrischen Ursprungs sind und sich gezielt auf dem neu entstehenden Planeten namens „Erde“ niedergelassen hätten.
Ihr Namensbestandteil „-regierung“ beruht wohl eher darauf, daß sie – zumindest in der Anfangs.- und Entstehungszeit des Planeten – wohl die vorherrschende und dominierende Lebensform gewesen sind.
„Irgendwann kam der Mensch und lief ihnen den Rang ab, zumindest vorübergehend,“ berichten phantasiebegabte Erdgeschichtler.
Und so allmählich komme die Zeit, in der sich die Schattenwelt-Regierung ihre Macht, ihre Bedeutung und ihren Einfluß zurückholen möchte.

(kurze Zeit später)
Cheffe Balthasar? Cheffe Balthasar? Ich habe ein Problem.

So, welches denn, Sigismund?

Mein Auftraggeber, die Schattenwelt-Regierung, ist mir abhandengekommen. An dem Ort, an dem wir uns treffen wollten, steht jetzt ein Gewächshaus. Eines mit ganz vielen Gemüsesorten, die ich gar nicht kenne.

Ja, und?

Das Zeugs, das ich probiert habe, schmeckt widerlich. Und ich habe keine Ahnung, wo meine Auftraggeber sind.

Sigismund?
Ja, Cheffe Balthasar?
Zur Strafe für deine Nachlässigkeit wirst du mal eine Nacht vor dem Gewächshaus verbringen.

(Schattenwelt-Nachrichtensystem)
Die Zeit des Endkampfes ist nah! Macht euch bereit für das letzte Gefecht.

(in einer der folgenden Nächte)
Schnarchende Geräusche gibt es vor dem Gewächshaus zu hören. Sigismund hat offenhörbar die Nacht nicht durchwacht und ist nahe der Eingangstür eingeschlafen.
So bekommt er nicht mit, wie sich leide die Eingangstür öffnet und schemenhafte Wesen ins Freie strömen. Sie ziehen in Richtung Waldbachtal, der Hauptstadt des Landes ab.

(am nächsten Morgen)
Cheffe Balthasar, Cheffe Balthasar, das Gewächshaus ist leer, und zwar vollständig leer. Jemand hat die Gemüsepflanzen gestohlen und alles picobello sauber hinterlassen, ohne daß ich etwas mitbekommen hätte! Wie ist das möglich?

(in den Abendnachrichten im Radio)
In unserer Landeshauptstadt Waldbachtal gibt es derzeit eine unerklärliche Maikäferplage. Eigentlich sind dies possierliche Tierchen, die als Glücksbringer gelten. In diesem Jahr gibt es sie aber in einer Anzahl, die Botaniker als schon für „nicht mehr normal“ halten.

(in der Sicherheitsfirma)
Kasimir, fahr doch mal nach Waldbachtal und schau, was Sigismund angerichtet hat.

(später, verzweifelter Anruf)
Herr Balthasar, bitte sofort kommen. Sigismund läuft hier mit Fliegenklatschen und Insektenspray herum und versucht, etwas gegen die Maikäferplage zu unternehmen. Wie weiß der Knilch nicht, daß man einfach nur Zitronenwasser braucht, um Maikäfer zu vertreiben?

(Morgennachrichten)
Kasimir sei Dank – dem reichlich versprühten Zitronenwasser ist es zu verdanken, daß er erste Aufstand der Schattenwelt zurückgeschlagen werden konnte.

(YouPicture, soziales Medium im Weltnetz)
Diese Nachricht hat sich leider als verfrühte Falschmeldung erwiesen. Hosentaschentelefonaufnahmen im Weltnetz zeigen, wie Sigismund mitten in einem Häuserschatten steht und von Maikäferwolken umgeben ist. Er fuchtelt verzweifelt mit den Armen und versucht, Attacken der possierlichen Fluginsekten abzuwehren. Zieht sie etwa der saure Duft der Zitrone an? Jetzt liegt Sigismund am Boden – die reine Masse der Maikäfer hat ihn in die Knie gezwungen. Nahaufnahmen zeigen, wie einzelne Führungstierchen in Mund, Nase und Ohren Sigismunds eindringen – und das bei Sigismunds vollem Bewußtsein.
(eine Stimme spricht im Hintergrund) Das Ende der Welt ist nahe! Das Ende aller Zeit ist im Anmarsch! Die Altvorderen Väter haben die Schattenwelt-Regierung übernommen, kommen ins Reich der Licht und zeigen ihr wahres Gesicht – sie wollen die Herrschaft übernehmen und die Kontrolle über uns Menschen ausüben!

(kurze Zeit später: ein Video zeigt Sigismund in YouPicture)
Verehrte Mitbürger. Wir, die Schattenwelt-Regierung haben die Kontrolle und die Stadtregierung übernommen. Bitte bewahren Sie Ruhe, insbesondere dann, wenn das Sonnenlicht ausgeschaltet und das Mondlicht eingeschaltet ist. Düsternis heißt nicht schlechte Laune und schlimme Lebensbedingungen – nein, mitnichten. Das Mondlicht hilft Energiesparen. Obst und Gemüse wachsen genauso wie vorher und schmecken einfach besser. Solarfahrzeuge mit Mondlichtantrieb sind energieeffizienter. Unsere Augen sind an Düsternis und Dunkelheit gewohnt. Wir werden alle Zusammenrottungen entdecken und auflösen…

(Balthasar, in Gedanken)
Der neukaledonische Rundmaulfrosch und die neufundländische Saugrüsselfliege sind die natürlichen Freßfeinde der Marienkäfer. Ich werde meinen kleinen Bestand – auch zum Nutzen von Sigismund – einsetzen müssen…

Seitdem ist die Schattenwelt-Regierung wieder zurückgedrängt.

*

© 2022 Andreas Rüdig
Alle Rechte vorbehalten

Die Totenstadt des Vatikans

Von Andreas Rüdig

Eine Nekropole ist eine Totenstadt. Es handelt sich dabei um eine baulich gestaltete größere Begräbnis- und Weihestätte des Altertums und der Ur- und Frühgeschichte. Bei Gräberfeldern fehlt das bauliche Element. Nekropolen liegen oft außerhalb der Wohnsiedlungen – in vielen antiken Orten war dies aus religiösen und hygienischen Gründen vorgeschrieben. In Deutschland gibt es nur wenige Nekropolen.

Die Vatikanische Nekropole ist eine Totenstadt im Vatikan unterhalb der Vatikanischen Grotten des Petersdoms. Sie war eine römische Begräbnisstätte.

„Wir haben alle bisherigen Päpste versammelt,“ berichtet Engelbert, der deutschsprachige Führer. „Sogar Marvin-Mohamed der Konvertit sowie Armandus gen. Amanda der Transe sind hier vertreten.“

Nanu – auch ein Konvertit liegt hier? War Marvin-Mohammed vorher evangelisch oder orthodox? „Nein,“ so Engelbert. „Marvin ist während seines Pontifikats heimlich zum mohammedanischen Glauben übergetreten.“ Darf man als Bischof von Rom, anerkannter Kirchenführer sowie Staatsoberhaupt des Staates der Vatikanstadt seinen Glauben wechseln?

„In diesem Falle schon,“ behauptet Engelbert. „Papst Engelbert wollte neue Bistümer in Tunis (Tunesien), Bengasi (Libyen) sowie Algier (Algerien) wiedererrichten. Damit er überhaupt eine Einreisegenehmigung in diese streng islamistischen nordafrikanischen Länder bekommt, mußte er sich als muselmanischer Wanderprediger tarnen.“ Und: War er wenigstens erfolgreich. „Ja, auf jeden Fall. Die Zahl der Konvertiten wächst auf jeden Fall, insbesondere unter den Frauen. Sie wollen die religiöse Unterdrückung beenden.“

Und was ist mit Armandus / Armanda? „Ach, diese Pflaume. Nein, halt, diese Bezeichnung ist nicht zitierfähig. Gerhard von Aha, so sein bürgerlichter Name, hat seine transsexuellen Gefühle wohl schon als Kardinal und Bischof ausgelebt. Kaum war er Bischof von Rom, ließt er sich umoperieren und begann eine Hormontherapie. Als der Umwandlungsprozeß beendet war, blieb Armanda für wenige Monate als Mannfrau auf dem Stuhl Petri.“

Die Vatikanische Nekropole kann besichtigt werden. Nur in den Zeiten, in denen eine Konvertit zwecks Papstwahl stattfindet, geschieht etwas Ungewöhnliches. Der Weihrauch urbem romae wächst unterirdisch auf den 7 Hügeln der Ewigen Stadt. Er hat eine belebende Wirkung und „weckt Tote auf,“ wie Engelbert berichtet.

In diesem Fall handelt es sich um die bisherigen Päpste. Geringe Mengen römischen Weihrauchs eingeatmet werden sie wieder lebendig. „So können sie an der Konklave teilnehmen, mit beratender Stimme, aber nicht wahlberechtigt, weil: zu alt“

In den vergangenen 2.000 Jahren hat sich die Welt sehr verändert. Es wurden neue Kontinente entdeckt, Naturwissenschaften und Technik weiterentwickelt. Was können die früheren Päpste schon erzählen? „Sie können vom Eheleben früher Päpste berichten. Sie können die Zeit der Verfolgung (im Römischen Reich) und des Niedergangs (in Arabien) beschreiben. Wir können in unseren heutigen Tagen davon lernen.“ Billigere Ratgeber gebe es nicht. Sie brauchen kein Essen und Trinken, verbrauchen keine Luft und machen keinen Dreck. Und mit ihren mumifizierten Körpern kann der heutige Vatikan in seinem Nekropolen-Museum sogar noch Geld verdienen.

„Andere Monarchien oder die USA hätten schon viel früher mit ihren Nekropolen beginnen sollen,“ findet Engelbert. „Dann hätten sie heute weisere Herrscher…“

*

© 2022 Andreas Rüdig
Alle Rechte vorbehalten

Ein Niemand

Von Henning Brüns

An jenem fernen Tag, als die Seuche begann, war ich noch nicht geboren. Niemand hatte zu der Zeit wissen können, dass sie gekommen war, um zu bleiben. So wie auch ich natürlich bleiben wollte, als ich neun Monate nach ihrer Offenbarung das Licht der Welt erblickte, ohne zu ahnen, dass ich die Finsternis der Gebärmutter gegen die Finsternis des menschlichen Daseins eingetauscht hatte. Ich weiß gar nicht, wann ich das erste Mal hörte, warum wir lebten, wie wir lebten. Natürlich, um zu überleben. Mehr Sinn gab es nicht. Die große Erzählung ließ keinen Zweifel zu. Sie gab alles Denkbare vor. Auch das Imaginäre. Was in ihr nicht vorgestellt wurde, durfte nicht als Vorstellung wiedergegeben werden. Die Worte der Wahrheit waren eindeutig auf der Seite ihrer Schöpfer.
Kurz vor der Auslöschung hatten letzte wenige Exemplare unsere Art begriffen, wie sie sich schützen konnten und was sie zu tun hatten, um ein Überleben zu ermöglichen. Nur in der Düsternis war es möglich, unentdeckt zu bleiben. Nur in der Finsternis konnten wir der Seuche entgehen. Aus dem Grund verbrachte ich die ersten Jahre meines Lebens in einem Wandschrank, in dem ich mit meiner Mutter lebte, die diesen nur verließ, um bestimmte Dinge zu tun, die Menschen offensichtlich tun müssen, um gesund und sauber zu bleiben und von denen ich noch nichts verstand, warum ich jedes Mal, wenn es soweit war, Krach schlug. Ich schrie so laut ich konnte, aber niemand interessierte sich für mich. Was ich nicht wusste, war, dass die Seuche taub war. Mein kindischer Krach interessierte sie nicht, kein Krach auf der Welt interessierte sie, aber selbst beim unscheinbarsten Augenlicht schlug sie zu. Alles Menschliche wie auch alles Unmenschliche darin wurde ausgemerzt. Erst Jahre später, als ich den Schrank ab und an verlassen durfte, lernte ich, dass allein die Blindheit unsere Rettung war und ich eine Augenbinde zu tragen hätte, um nicht in Versuchung zu kommen.
Die Menschen, die mich aufgenommen hatten, nachdem die erste Welle vorbei war, ein blindes Ehepaar aus der Nachbarschaft meiner richtigen Eltern, wie sie mir erzählt hatten, als mein Verstand in der Lage war, bis drei zu zählen, waren nette Leute. Ja, das könnte man behaupten, aber als ich wirklich zu denken anfing und zwischen Plus und Minus zu unterscheiden lernte, stellte ich diese Gewissheit mitunter in Frage und es kam mir in den Sinn, dass vielleicht sie es waren, die eine Gefahr darstellten, denn woher sollte ich die Gewissheit haben, dass die Seuche da draußen tatsächlich real war. Darüber hinaus fühlte sich meine Existenz ungleich vitaler an, wenn ich wenigstens die Aussicht in Betracht zog, dass es die Seuche war, die nicht existierte. Ein Kribbeln vorübergehender Tapferkeit durcheilte in diesen wenigen Sekunden meine Adern und weitete meine Pupillen, um der Düsternis einen Lichtschein abzutrotzen und sei er auch noch so kläglich. Vielleicht hatten sie sich die große Erzählung nur ausgedacht. Ein Märchen, um ihre Scham einzuhegen wie eine Herde schwarzer Schafe, dachte ich des öfteren, wenn die Unerträglichkeit jedes Maß verlor. Vielleicht hatten sie mich genommen, nur um selbst ein Kind haben zu können. Vielleicht hatte ich darum versteckt im Wandschrank leben müssen. Vielleicht war ich aber auch das, wovon in der großen Erzählung so oft die Rede war, vielleicht war ich ihr Heilsbringer, das Licht ihrer Zukunft. Ein Gedanke, der mich tröstete und fortgesetzt aufrecht atmen ließ, wenn ich glaubte, der Lebenswille habe jedwede Haltung in mir aufgegeben.
Das alles ging mir durch den Kopf, als ich von dem Mann, den ich gelernt hatte Dad zu nennen, eine Ohrfeige verpasst bekam, weil ich zu der Person, die ich Mom nennen musste, angeblich gesagt hätte, ich würde in der Nacht lieber allein schlafen wollen. Mehr war nicht. Aber Mom brach in Tränen aus und Dad kam hinzu und fegte mich vom Stuhl, so dass mir noch tagelang der Kopf dröhnte und ich für lange Zeit kein Wort mehr sagte und weiter jede Nacht zwischen ihren streng riechenden Leibern verbrachte. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich soweit war, dass mir quälend übel wurde im Unterleib, wenn die Nachtruhe angekündigt wurde und Mom meinen Körper ganz nah bei sich haben wollte, wenn sie vor Sorge, mir könnte etwas zustoßen, nicht einschlafen konnte. Aber was sollte mir denn zustoßen? Ich lebte doch vollkommen behütet in ihrer Dunkelheit. Wollten sie mich bewachen? Aber warum sollten sie das tun, eine Flucht war unmöglich. Überall um uns herum war die Seuche. Selbst wenn ich es wirklich gewollt hätte, ich wäre umgehend verseucht worden. Dad sprach jeden Tag davon und er sprach davon, welches Glück wir hätten, wenigstens uns zu haben. Dieses Glück ist das einzig Kostbare, das uns geblieben ist, sagte er und wie immer, wenn er „unser Glück“ in den Mund nahm, prüfte er die Fesseln an meinen Händen besonders sorgfältig. Ich fühlte mich gleich viel besser und freute mich, Teil der großen Erzählung zu sein. Sonst wäre ich verloren gewesen und ich wollte nicht verloren sein. Ich musste aufhören mir Gedanken zu machen, die Gedanken waren nicht gut. Die große Erzählung war alles, was ich hatte. Ohne sie war ich ein Niemand.

*

© 2022 Henning Brüns
Alle Rechte vorbehalten

Rollkur und die Folgen

Von Felicia Rüdig

Von meiner (Ehe-)Frau Josefine einmal abgesehen sind Wilhelmine und Ernestine die wichtigsten Frauen in meinem Leben.

Wilhelmine ist meine Großmama, Ernestine meine Mutter, müssen Sie wissen. Sie sind alle großartige Menschen, klug, weise, selbstbewußt und vor allem: naturheilkundlich gebildet und mit alternativweltlichem Wissen ausgestattet.

Großmutter hat sich auf Rollkuren spezialisiert. Die Rollkur ist ja bekanntlich eine uralte Behandlungsmethode. Damit soll ein Arzneimittel gleichmäßig im Magen verteilt werden. Das funktioniert natürlich nur mit flüssigen bzw. breiigen Medikamenten, die für einen nüchternen Magen bestimmt sind. Der Patient roll sich in bestimmten Zeitabständen auf einem harten Boden auf den Rücken, Brust und beide Seitenlagen. So soll das Medikament gleichmäßig auf die ganze Schleimhaus verteilt werden. Aber das wissen Sie ja alles, liebe Leser. Das brauche ich Ihnen ja nicht extra zuu sagen.

Soweit ich mich erinnere, hat Oma fast immer Tees an ihre Kunden verabreicht. „Die kann man immer und überall trinken,“ soll sie gesagt haben. Nur Eistee (den gab es damals noch nicht, er wäre für ihren Geschmack auch zu süß gewesen) und Ceylon – Tee gab es bei ihr nicht – „schwarzer Tee reizt nur die Schleimhäute und ist dank des Teeins viel zu aufregend,“ soll sie gesagt haben.

Ihr Kräutergarten soll alle möglichen Heilkräuter enthalten haben – Kamille, Hibiskus, Bambus (für grünen Tee), Brennessel, Fenchel und Malve nennt Tante Gerhardine immer als Beispiele

Glaubt man der Sekundärliteratur, gilt das Handauflegen als eine der ältesten Behandlungsmethodne der Menschheit. Die Hände werden dabei nicht bewegt, sondern ruhen für kurze Zeit, meist wenige Minuten, auf den ausgewälten Körperbereichen. Neben der Wärme wirkt Handauflegen beruhigend. Esoterische Erklärungsversuche behaupten, daß von auserwählten Menschen nicht näher bestimmbare „Energieströme“ ausgehen. Körperliche Berührungen können bei Krebspatienten Angstzustände, Schmerzen und Erschöpfung lindern.

„Wieso hat Mama dieses Erbe von Oma eigentlich nicht weitergeführt?“ habe ich Tante Gerhardine einmal gefragt. „Wieso hat sie sich für das Handauflegen entschieden?“

Tante Gerhardine mußte erst einmal ein paar Minuten nachdenken, bevor sie eine Antwort geben konnte. „Ja, weißt du, da Finchen war in ihrer Jugend sehr spirituell veranlagt,“ blickte sie dann zurück. „Sie war daher  sehr offen für alternativmedizinische Heilverfahren. in gewissen esoterisch-okkulten Kreisen hatte sie damit sehr großen Erfolg. Erst als diese Welle abebbte, mußte sie sich anderen Heilmethoden zuwenden.“ – „So? Welchen denn?“ – „Ach, du kennst doch Ernestine. Sie war nie gradlinig. Mal war es die Kneipp-Kur, mal Entspannungsübungen, dann wieder Schrei- und Brülltechniken und zuletzt therapeutisches Tauchen.“ Therapeutisches Tauchen? Da habe ich ja noch nie von gehört! „Kein Wunder,“ antwortete Tante Gerhardine. „Das gibt es ja auch nicht.“ Kein Wunder, daß Mutte keinen Erfolg damit hatte.

Was meine heißtgeliebte Frau Josefine damit zu tun hat? Sie hat sich für die wissenschaftliche Laufbahn entschieden, nicht so sehr für die klassische Schulmedizin, sondern eher für alternative Heilmethoden. Die Homöopathie ist ihr zu langweilig; „sie erinnert mich an die Chemie in der Schule,“ behauptet sie immer.

Das Schröpfen als eine der ältesten medizinischen Behandlungstechniken der Menschheitsgeschichte ist ihr Leib-und-Magen-Lieblingsthema. „Ich möchte einfach nur herausfinden, ob und wie es wirkt,“ erzählt sie. Und hat wohl auch schon Forschungsgelder beim Bundesministerium für den universitären Wissenserwerb bewilligt bekommen.

Die Deutsche Vereinigung für Kamillentee ist im niederrheinischen Kranenburg ansässig. „Der Standort ist einfach nur genial,“ wie Hans-Hubert „Berti“ Osselbergskamp in das Thema einführt. „Die Leute hier in der Region trinken gerne Tee. Und die Anbaubedingungen für die Kamille (als Pflanze) ist auf unseren riesigen Pflanzen ideal.“

Es gebe auch eine Ärztin, die viele ihrer Patienten regelmäßig Kamillentee tringen läßt. Bei Erkältungen, Blähungen oder Magenschleimhautentzündungen beispielsweise.

Bertie: „Aus der Alternativmedizin sind ja die Rollkuren bekannt. Patienten mit Magen-Darm-Erkrankungen müssen i. d. R. rollkuren, damit der nervöse Magen auch etwas von der Medizin hat.“

Bei den Krankenkassen sei schon der Antrag gestellt, daß der Kamillentee als Medikament zugelassen wird und in Apotheken erhältlich ist.

*

© 2022 Felicia Rüdig
Alle Rechte vorbehalten

Lotterschreck 3

Von Johannes Morschl

Es sei ja geradezu erschreckend, welche durchgeknallten Egomanen, grauen herrschsüchtigen Apparatschiks, größenwahnsinnigen Witzfiguren, geistig und moralisch verkommenen Milliardäre, und die dazugehörigen, von der Macht profitierenden Cliquen die Menschheit beherrschen, dachte Lotterschreck. Spontan stimmte er die Internationale an, wobei er den ersten Satz leicht veränderte: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Kuschen zwingt…“ Man kann eigentlich nur noch Anarchist werden, dachte er, aber kein Bombenattentäter, das bringt überhaupt nichts, das bringt nur die Bevölkerung gegen einen auf und bietet nur einen Vorwand für verschärfte Repressionsmaßnahmen des Staates. Ihm fiel wieder seine letzte Freundin Wanda mit ihrer betörenden Kontra-Alt-Stimme ein. Was hätte sie zu solchen Gedanken gesagt? Vielleicht: „Alter Mann, du bist ein hoffnungsloser Träumer. Die Menschen sind eindeutig eine Fehlentwicklung der Evolution. Schau dich doch nur selbst an, ganz abgesehen davon, dass der Unsinn, den du schreibst, eine Fehlentwicklung der Literatur ist. Kafka, den du so sehr verehrst, der konnte wenigstens gut schreiben, auch wenn er in gewisser Weise ein Psycho-Fall war.“

Lotterschreck fiel dazu ein, was Saul Friedländer in seiner Kafka-Biografie im Ersten Teil, Kapitel drei Liebe, Sex und Phantasien, über Kafkas Verhältnis zu Frauen geschrieben hat. Kafka hatte zwar so einige Beziehungen mit Frauen, so war er zum Beispiel mit Julie Wohryzek vorübergehend verlobt, und mit Felice Bauer war schon die Heirat angedacht, zu der es jedoch nicht kam, aber gleichzeitig hatte er Angst und Abscheu vor Sex mit Frauen. Nur einmal schien er diese Angst und Abscheu kurzzeitig verloren zu haben, in der Liebesaffäre mit der in Wien lebenden, verheirateten tschechischen Journalistin Milena Jesenská. Um sich von seinen sexuellen Spannungen zu befreien, ging er in Bordelle oder mit einer Prostituierten in ein Hotel. Was da genau ablief, wissen wir natürlich nicht. Im November 1913 notierte er in seinem Tagebuch: „Ich will nur die dicken älteren, mit veralteten aber gewissermaßen durch verschiedene Behänge üppigen Kleidern.“ Auf ein sexuelles Verhältnis mit einem Mann, was möglicherweise eher seinen Neigungen entsprochen hätte, – Friedländer weist in seiner Kafka-Biografie auf homoerotische Fantasien Kafkas hin -, hätte er sich jedoch nie und nimmer eingelassen. Ohne sein verqueres Verhältnis zur Sexualität wäre er höchstwahrscheinlich ein anderer Kafka geworden, und nicht der berühmte schräge Kafka mit seiner abgründigen Fantasie, den wir kennen und schätzen, dachte Lotterschreck.

Lotterschreck kratzte sich bedächtig am Kopf. Ihm fiel ein Spruch von Adorno aus Minima Moralia ein: „Kafka: der Solipsist ohne ipse.“ Dieser Spruch kam ihm unsinnig vor. Definiert man Solipsismus als reine Bezogenheit auf sich selbst, so muss es ein wie auch immer geartetes Selbst geben, sonst kann es auch keinen Solipsismus geben. Dann ging er ins Badezimmer und schaute sich in den Spiegel. Er versuchte, eine äußere Ähnlichkeit mit Kafka bei sich zu entdecken, konnte aber keine finden. Er war darüber ein wenig enttäuscht. Um diese Enttäuschung zu überspielen, drängte es ihn, etwas Bedeutungsschwangeres von sich zu geben: „In uns selbst verschlossen, halten wir auf ein Offenes zu, das wir jedoch nie erreichen. Wir bleiben in uns gefangen, bis wir wie das Licht einer Kerze erlöschen, – für immer.“ Es hätte gerade noch gefehlt, dass er am Schluss Amen gesagt hätte. Er dachte, wenn Wanda diesen Spruch gehört hätte, hätte sie ihm womöglich den Vogel gezeigt. Er musste wieder einmal feststellen, wie sehr sie ihm fehlte. Angst oder Abscheu vor Sex mit ihr hatte er ja nun wirklich nicht gehabt, ganz im Gegenteil, er war geradezu süchtig nach Sex mit ihr gewesen. Umgekehrt war es aber nicht so. Sie hatte ihn nach dem ersten halben Jahr des fast zweijährigen Zusammenlebens mit ihm in seiner Wohnung immer seltener an sich herangelassen.

Draußen begann es schon wieder wie aus Eimern zu schütten. Auch ein Donnergrollen war zu hören. Lotterschreck bekam Kopfschmerzen. Er spürte auf einmal seine Einsamkeit und Verlorenheit auf dieser Welt. Er dachte, er sei in eine falsche Welt geraten, in einen falschen Körper, in ein falsches Leben. Er stellte sich vor, dass es irgendwo in den unendlichen Weiten des Weltalls einen Planeten geben würde, der von riesigen Käfern bewohnt wäre, sozusagen von lauter Gregor Samsas, die aber von keinen menschlichen Wesen bedroht wären, da es dort keine solche Wesen geben würde. Es würde dort keine Väter geben, die Äpfel auf einen werfen und einen tödlich verletzen könnten, so wie Gregor Samsa von seinem Vater mit Äpfeln beworfen wurde, von denen einer in seinem Käferrücken steckenblieb. Und er würde auf diesem von riesigen Käfern bewohnten Planeten eine neue Wanda finden, die ebenfalls ein riesiger Käfer wäre. „Nein, das ist lächerlich“, dachte er. Außerdem hätte diese neue Wanda als Käfer nicht mehr diese wunderbare Kontra-Alt-Stimme! Oder hat man schon jemals einen Käfer mit einer Kontra-Alt-Stimme getroffen?

„So, jetzt reicht es aber!“, sagte sich Lotterschreck. „Du solltest mal wieder an die frische Luft gehen, um dein Hirn zu durchlüften, sonst wirst du noch verrückt von deinem Gedankenwirrwarr!“ Draußen hatte es zu regnen aufgehört, die graue Wolkendecke riss auf und Sonnenstrahlen brachen durch. Lotterschreck zog sich seine alten, ausgetretenen Sandalen an und ging in den großen Park in der Nähe seines Wohnviertels. Auf dem Weg zum Park und dann auch im Park fiel ihm wieder einmal auf, wie viele Leute in Berlin Hunde hatten. Er fragte sich, ob es in Berlin mehr Hunde als Kinder geben würde. Die Hunde taten ihm leid und er war heilfroh, nicht als Hund auf diese Welt gekommen zu sein. Die Hunde taten ihm vor allem deshalb leid, weil sie auf Gedeih und Verderb ihren Herrchen oder Frauchen ausgeliefert waren. Er dachte, als Kind wäre man zwar auch auf Gedeih und Verderb den Launen der Eltern ausgeliefert, aber da hätte man vielleicht Verbündete wie Geschwister oder Freundinnen und Freunde unter anderen Kindern. Er dachte dabei weniger an seinen um etliche Jahre älteren Bruder, der inzwischen schon gestorben war. Dem war er als Kind nur auf die Nerven gegangen. Vielmehr dachte er an gleichaltrige Kinder aus der damaligen Nachbarschaft, mit denen er so manchen Streich ausgeheckt hatte, vor allem mit seinem damals besten Freund Franzi.

Früher, als er noch Museen besuchte, hatte er einmal in einer Ausstellung über den Wiener Aktionismus aus den 1960er-Jahren ein Foto gesehen, auf dem man die Performance-Künstlerin Valie Export sieht, wie sie ihren damaligen Lebensgefährten Peter Weibel, – dieser ebenfalls Künstler, unter anderem einer der Hauptakteure jener einen gewaltigen öffentlichen Skandal ausgelöst habenden Veranstaltung „Kunst und Revolution“ am 7. Juni 1968 in einem Hörsaal der Universität Wien -, wie einen Hund an der Leine durch die dicht belebte Kärntner Straße in Wien führt, er auf allen Vieren, aber ohne Beißkorb, wie es damals eigentlich Vorschrift war, wenn man mit einem Hund in der Öffentlichkeit unterwegs war. Lotterschreck hatte auch schon versucht, nicht nur wie ein Käfer, sondern auch wie ein Hund herumzulaufen, allerdings nicht in der Öffentlichkeit, sondern nur in seiner Wohnung. Dies hatte er schon gemacht, bevor er noch mit Wanda zusammen war, und später hatte er es auch in ihrer Anwesenheit gemacht. Das war natürlich ein vollkommen anderes Gefühl, wenn er nicht wie ein Käfer, sondern wie ein Hund in der Wohnung herumlief. Auch hatte er versucht, wie ein Hund zu bellen. Ein objektiver Beobachter hätte vermutlich festgestellt, dass Lotterschreck ein ausgesprochenes Talent zum Bellen von Hunden hatte. Hätte man nur sein Bellen gehört, ihn aber nicht gesehen, so hätte man denken können, es handelte sich um das Bellen eines echten Hundes.

Als er noch mit Wanda zusammenlebte, hatte es sie amüsiert, wenn er in der Wohnung wie ein Hund auf allen Vieren herumlief und ab und zu bellte. Einmal, als sie schon ziemlich beschwipst war, hatte sie sich auf seinen Rücken gesetzt, ihm einen Klaps auf den Po gegeben und gerufen: „Hopp, Pferdchen, hopp und Galopp!“ Er hatte sofort entschieden Einspruch erhoben und ihr gesagt, dass er kein Pferd, sondern ein Hund sei. So etwas müsste sie doch merken! Pferde bellen doch nicht, sondern wiehern! Oder hätte sie schon jemals ein bellendes Pferd getroffen? Sie entgegnete flapsig: „Dass du auf den Hund gekommen bist, brauchst mir erst gar nicht extra zu erklären, das ist ohnehin offensichtlich.“ Und das hatte sie wieder mit ihrer so verwirrend erotischen Kontra-Alt-Stimme gesagt, so dass er, wenn er einen Hundeschwanz gehabt hätte, sofort heftigst zu wedeln begonnen hätte.

*

© 2022 Johannes Morschl
Alle Rechte vorbehalten

O tempora, o mores!

Von Johannes Morschl

Bin urlaubsreif, brauche eine Auszeit von der Welt. Mir sind die Frauen über den Kopf gewachsen, bin da viel zu blauäugig herangegangen. Die Welt ist ja für jeden anders. Brauche eine Auszeit speziell von meiner Welt, würde mich am liebsten vorübergehend in Luft auflösen. Man bräuchte ein Schaltgerät, mit dem man sich ein- und abschalten kann. Im abgeschalteten Zustand wären alle Probleme wie weggewischt. Die ewigen Geldprobleme wären wie weggewischt. Und auch die Probleme mit den Frauen, an deren Zustandekommen man nicht ganz unschuldig ist, wären wie weggewischt.

Es begann schon so bedrohlich. Am Montag um vier Uhr nachmittags herum klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich erwartete aber niemanden. Mein einziger erwarteter Besuch, meine primäre Bettgefährtin Lisa war schon da und ruhte sich in meinem Schlafzimmer aus. Mich traf fast der Schlag, als ich draußen vor der Tür meine unangekündigt gekommene andere, nicht minder primäre Bettgefährtin Ulla erblickte, eine wegen schlechter Erfahrungen mit Männern äußerst misstrauische Person. Würde mein Doppelspiel mit zwei primären Bettgefährtinnen, die nichts voneinander wussten, jetzt auffliegen? Ich sagte zu Ulla: „Du, mir geht es heute nicht so gut. Ich liege schon den ganzen Tag im Bett. Vielleicht könntest du ein anderes Mal kommen, wenn es mir wieder besser geht.“ „Ich liege schon den ganzen Tag im Bett“, hätte ich lieber nicht sagen sollen, denn Ulla schöpfte sofort Verdacht. Sie drängte sich an mir vorbei in die Wohnung, ging schnurstracks zu meinem Schlafzimmer, riss die Schlafzimmertür auf und rief angesichts der in meinem Bett liegenden Lisa: „Du falscher Hund! Treibst es noch mit einer anderen!“ Ich hätte am liebsten geantwortet: „Entschuldigen Sie bitte, aber wer sind Sie? Da muss eine Verwechslung vorliegen. Außerdem müssen Sie wissen, dass ich leider zurzeit nicht da bin, ich bin vorübergehend abgeschaltet.“ Aber dann wäre Ulla vor Wut geplatzt, sie hatte ohnehin etwas Explosives an sich. Sie betrat das Schlafzimmer und knallte die Schlafzimmertür hinter sich zu. „Jetzt kommt es zum Kampf der Amazonen!“, dachte ich. Und schon vermeinte ich, anschwellenden Amazonen-Schlachtgesang zu hören. Mir schien es ratsam zu sein, die Wohnung zu verlassen, denn die Wut der beiden Amazonen könnte sich schnell gegen mich richten. Ich lief wie betäubt in den Straßen meines Wohnviertels herum. Mir kam alles unwirklich vor. Ich dachte: „Vielleicht besetzen sie meine Wohnung und lassen mich nicht mehr hinein, ganz abgesehen davon, dass ich es wahrscheinlich für immer verspielt habe, ihre Muschis jemals wieder zu Gesicht zu bekommen.“ Ich verehrte ihre Muschis, jede übte eine ganz eigene Anziehungskraft auf mich aus. Für viele Männer ist ja Muschi gleich Muschi, Hauptsache, sie können ihren Pimmel hineinstecken. Dabei nehmen sie gar nicht die Vielfalt im Aussehen und Wesen von Muschis wahr, diese ganze wunderbare, geheimnisvolle Welt der Muschis.

Mit meinem Muschi-Wunderland war es jedenfalls zunächst einmal vorbei. Wunderte mich ohnehin, wie ich zu zwei Frauen wie Lisa und Ulla gekommen war. Konnte nur eine Fügung des Schicksals gewesen sein, hat mich allerdings auch in eine verhängnisvolle Situation gebracht. Ja, ich sah mich auf einmal als Opfer des Schicksals an, welches laut antiker Mythologie in den Händen von Schicksalsgöttinnen liegt, wie zum Beispiel von Ananke, die für das Verhängnis zuständig ist. Bei mir war eindeutig Ananke am Werk. Sie hat bewirkt, dass Lisa und Ulla voneinander erfuhren. Jetzt würde ich wieder ganz allein im Bett schlafen müssen, würde mir eine neue Frau suchen müssen, wobei ich gestehen muss, dass eine neue Frau bereits am Horizont schimmerte, ich hatte es aber noch nicht gewagt, sie anzubaggern. Hatte nur ein intensives Gespräch mit ihr über die vielen sexuell Verklemmten geführt, die frei herumlaufen, obwohl man denken würde, die Leute wären heute aufgeklärter und lockerer als früher, sind es aber nicht, tun nur so, ist nur ein Vorgaukeln von Lockerheit, sind in Wirklichkeit genauso verstopft, verkopft und verzopft wie früher, ja es wird eher wieder schlimmer. Man hat ja so seine Erfahrungen gemacht, um so etwas einschätzen zu können. Hat an Sexorgien teilgenommen, als man noch ein junger Spund war. Hatte ja damals geradezu zum guten Ton gehört, an Sexorgien teilzunehmen. War im Grunde genommen nichts anderes als eine nackte Selbsterfahrungsgruppe. Man wollte Abwechslung ins Liebesleben bringen, damit es nicht in fester Zweierbeziehung erschlaffte. Heute sind Orgien leider aus der Mode gekommen. O tempora, o mores! Was für Zeiten, was für Sitten!, hatten schon die alten Römer angesichts des Sittenverfalls im alten Rom gestöhnt. Und es zeugt meines Erachtens eindeutig von Sittenverfall, dass Orgien wieder aus der Mode gekommen sind. Das ist ein kultureller Rückschritt.

Nach über zwei Stunden beschloss ich, es zu wagen, wieder in meine Wohnung zurückzukehren. Leise sperrte ich die Wohnungstür auf und horchte in die Wohnung hinein. Es war still, es schien niemand mehr da zu sein. Ich ging ins Schlafzimmer, dachte ein wüstes Durcheinander vorzufinden, womöglich sogar eine weibliche Leiche, doch was sahen meine entzündeten Augen? Das Bett war gemacht, und zwar viel ordentlicher, als ich es jemals gekonnt hätte. Ein leichter Geruch von Moschus hing in der Luft. Auf dem Bett lag ein Zettel, auf dem geschrieben stand: „Danke, dass du uns diese Begegnung ermöglicht hast! Kaum erblickten wir einander, funkte es zwischen uns. In unseren Blicken zuckten Blitze der Lust und des Begehrens auf, und dann entlud sich diese hoch erotische Spannung zwischen uns. Es war unglaublich schön! Wir danken dir von ganzem Herzen! Ohne dein falsches Spiel wären wir uns womöglich nie begegnet und nähergekommen. Sollten wir eines Tages heiraten, laden wir dich zu unserer Hochzeitsfeier ein. Bis dahin auf Nimmerwiedersehen, Lisa und Ulla.“

Ich stöhnte auf: „O tempora, o mores!“, und sagte mir, jetzt stehste janz alleene da. Solltest dich schnellstens um jene am Horizont schimmernde Frau bemühen, mit der du bereits ein intensives Gespräch über sexuelle Verklemmungen in Vergangenheit und Gegenwart geführt hast. Sie hieß übrigens Suse. Wäre aber ratsam, das Thema zu wechseln und statt über sexuelle Verklemmungen über bevorzugte sexuelle Praktiken zu reden, um abwägen zu können, ob und inwieweit es Berührungspunkte gäbe und was man bei der anderen Person berücksichtigen müsste. Man könnte auch zur Einstimmung gemeinsam das Kamasutra durchblättern. Ich besitze eine schöne großformatige Ausgabe des Kamasutras mit durchgängig farbigen Bildern. Man könnte sich daraus Anregungen holen, auch wenn manches wie eine Stellung aussieht, für die man nicht gelenkig genug ist.

Kurz entschlossen rief ich Suse an, – wir hatten bei unserem ersten Treffen unsere Handynummern ausgetauscht -, und lud sie zu mir nach Hause ein. Sie kam am Freitag am frühen Nachmittag. Bei einer Flasche Rotwein lenkte ich das Gespräch auf sexuelle Vorlieben. Dann blätterten wir das Kamasutra durch, das ich vorsorglich auf den Tisch gelegt hatte. Suse zeigte auf ein Bild und fragte: „Wollen wir diese Stellung ausprobieren?“ Ich stimmte ihrem Vorschlag voreilig zu, bereute es aber sogleich wieder, da ich diese Stellung nie und nimmer hinbekommen hätte. Da hätte ich ja ein Akrobat sein müssen. Suse fragte mich nach meinem Schlafzimmer, nahm mich dann an der Hand und zog mich sanft, aber bestimmt dorthin. Drinnen zog sie mich und danach sich selbst nackt aus, schubste mich aufs Bett und sagte zu mir, sie wolle diese eine Stellung aus dem Kamasutra mit mir ausprobieren. Ich sagte zu ihr: „Wollen wir nicht lieber mit einem Vorspiel beginnen, wie es sich für einen ordentlichen Sex gehört?“ Sie sagte, sie brauche kein Vorspiel, sie wolle jetzt sofort diese eine Stellung aus dem Kamasutra mit mir ausprobieren.

Da blieb mir nichts mehr anderes übrig, als einen Schwächeanfall vorzutäuschen. Ich mimte den sterbenden Schwan. Als Suse besorgt an mir rüttelte, murmelte ich mit einer Stimme, so als würde ich mich im Grenzbereich zwischen Leben und Tod befinden: „Mir ist plötzlich ganz schwindlig geworden. Brauche eine kurze Auszeit.“ Sie hatte aber „Eiszeit“ verstanden. Ich korrigierte röchelnd: „Auszeit, nicht Eiszeit.“ Sie schien beruhigt zu sein, denn Eiszeiten können ewig lange dauern. Sie schmiegte sich an mich und wollte auf das Ende meiner Auszeit warten. Ich schwächelte aber solange, bis sie neben mir eingeschlafen war. Dann stieg ich vorsichtig aus dem Bett, um sie nicht zu wecken, nahm das Kamasutra und versteckte es. Ich hoffte, Suse würde sich nach dem Aufwachen nicht mehr genau an diese eine komplizierte Stellung erinnern können. Außerdem könnte ich sie verwirren, indem ich behauptete, diese Stellung anders in Erinnerung zu haben. Sollte sie nach dem Kamasutra fragen, um wegen dieser Stellung nochmal nachzugucken, würde ich sagen, ich hätte es wieder zu den anderen Büchern gestellt, wüsste aber nicht mehr genau, wohin. Ich würde dann so tun, als ob ich es suchte, würde es aber leider unter den Unmengen von Büchern, die ich besitze, nicht mehr finden können. Dies wäre eine durchaus glaubhafte Ausrede, denn in meiner Wohnung sieht es fast so aus wie in einem Antiquariat. In meinem Schlafzimmer sind schon ein paarmal Bücher aus dem hohen Regal neben dem Bett auf meine jeweilige Bettgefährtin und mich gefallen. In dieses Regal hatte ich das Kamasutra natürlich nicht gestellt, sonst hätte es, wenn das Bett bebte, herunterfallen können, und dann hätte Suse ganz sicher nochmal nachgeguckt, wie diese eine komplizierte Stellung korrekt auszuführen sei, die ich nie und nimmer hinbekommen hätte.

Ach ja, fast hätte ich das Ende dieser Geschichte zu erzählen vergessen. Als Suse aus ihrem Schlaf erwachte, war es schon so spät, dass sie nach Hause zu ihrem Mann und ihren beiden Kindern gehen musste. Das Vorhandensein von einem Ehemann und Kindern hatte sie mir bis dahin verschwiegen. Als ich sie ein paar Tage später per Handy anrief, sagte sie zu mir: „Bitte ruf mich nicht mehr an. Ich denke, wir passen nicht zueinander.“ Die Lehre, die ich daraus zog, war, nie wieder das Kamasutra mit einer potentiellen Geliebten durchzublättern.

*

© 2022 Johannes Morschl
Alle Rechte vorbehalten

Documenta und ich

Von Sandra Engelbrecht

  1. August 2022:

Espresso in der Tasse, duftet aromatisch herb in der Nase, süsslich am Gaumen. Mann mit Teller in der Hand zur Frau: „ich hohl mir ein Ei.“ Sie antwortet nicht.

Zähne putzen. Blick aus dem Fenster: Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Meeresrauschen, der Wind bläst durch das Blattwerk der Eiche? Ulme? Linde?

Ist Kunst tatsächlich ein Entwurf für die Fantasie, um diese zu beflügeln?

Warten auf die Strassenbahn. Taube pickt Brotkrümel vom Boden. Rocksaum und Haare flattern im Wind.

Alle tragen Masken in der Strassenbahn. Ich nicht. Habe keine dabei. „Dort wo ich wohne, müssen wir keine tragen.“ sage ich zur Frau. Sie nickt und schenkt mir eine. Fühle mich dazugehörig.

Auf dem Friedrichsplatz. Der Himmel drückt. Meine Stimmung drückt. Sitze auf einer roten Parkbank. Frau im Rollstuhl fragt nach Geld, Mann mit Bierdose in der Hand fragt nach Zigaretten, die Aborigines im Zelt demonstrieren. Trostlos.

Ein Mädchen schlägt ein Rad, ein Junge fährt schlängelnd auf einem Laufrad, zahnloses Lachen. Zuversicht.

Museum-Friedrichsplatz -> wir sind people -> Stoff, Wolle, Blech, Holz -> überall Material -> oben, unten, hinten, vorne -> weil –> we are Menschen. Frage: Erfüllen Waren unsere wahren Bedürfnisse?

Durch einen Tunnel in eine messerscharfe, rohe Welt. Dröhnend, reisserisch, zerstörerisch. Der Beat stampft in meinen Knochen. Macht über mich. Macht mich müde. Mache Pause. Trinke Brause.

Zurück zum Start. Erneut abtauchen. Sehe zwischen Dreck, Krieg, Unterdrückung einen Lichtstrahl, der sich durch den Beton fräst. Menschen die wandeln. Menschen, die ihre Zukunft in die Hände nehmen. Nicht einsam. Gemeinsam.

Ich sehe: eine Frau isst ein Sandwich und liest in der Documenta-Broschüre, ein Mann fotografiert eine posierende Frau vor der Kompost-Toilette, zwei Männer telefonieren, zwei Kinder löffeln begierig ein Eis, eine Frau trinkt aus einer Feldflasche und reicht sie an ihre Tochter weiter, eine Frau stellt einen umgefallenen Baumstumpf-Hocker auf.

Ich gehe: auf Schultischen spazieren.
Ich höre: eine Harfe und ein Saxophon, Hand in Hand.
Ich denke: Documenta ist ein scharfes Abbild der gegenwärtigen, weltlichen Situation. Lachend und weinend. Miteinander.

*

© 2022 Sandra Engelbrecht
Alle Rechte vorbehalten

http://www.engelbrecht.li
Instagram: sandraengelbrecht.li
http://www.nordhessischer-autorenpreis.de/tagebuch.html