Mehr Sein als Schein

Von Alexander Zar

Henry sass an seinem Schreibtisch und verharrte wie eine Säule; es war wieder einmal Weihnachtszeit, die ihm gar nicht behagte und so zog er sich in seine Kammer zurück und wollte möglichst allen Begegnungen aus dem Weg gehen. Er lebte in einem recht kargen Appartement, das er sich gerade noch so leisten konnte. Er hatte das Pensionsalter erreicht und schlug sich mit einigen Zusatzarbeiten durch den Alltag, denn sein bisheriges Leben war ein Hürdenlauf, den er nicht eben mit Glanz bestanden hatte. So verfügte er nur über die staatliche Altersrente, und einige Zusatzeinnahmen halfen ihm, so einigermassen über die Runden zu kommen.

Alle Träume waren längst geplatzt. Es gab Zeiten, da konnte er sich hohen Luxus leisten, doch legte er nie etwas auf die Seite, lebte in dem Wahn, dass sich das Füllhorn über ihn immer ausschütten würde. Immerhin schob er die Verantwortung nicht anderen zu, sondern nahm sich selbst bei der Nase. Er zog sich auch nicht in die glorreiche Vergangenheit zurück, sondern versuchte, eine positive Haltung beizubehalten. Immerhin gelang ihm das recht häufig, aber eben in der Weihnachtszeit und beim Jahreswechsel setzte sich eine depressive Stimmung fest, die er durch Schreiben wegzufegen versuchte.

Er war eigentlich immer den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, hatte sich selten verausgabt, und auch in der Liebe war ihm das Glück nie eigentlich wirklich hold gewesen. Einige Beziehungen hatten sich angebahnt, aber sie hatten sich nicht als dauerhaft erwiesen. Falsche Vorstellungen bremsten ihn jeweils aus. Er hatte einen Stolz entwickelt, der sich als grosses Hindernis zeigte. Er wollte nie zugeben, wenn er materiell schwach aufgestellt war. Irgendwie schämte er sich dafür. Nach aussen bot er stets das Bild eines Mannes, dem es eigentlich, was das Finanzielle anbetraf, recht gut ging. Wenn er in Restaurants verkehrte, fiel sein Trinkgeld immer grosszügig auf. War Ebbe im Portemonnaie, begab er sich einfach nicht nach draussen. Er konnte sich immer noch nicht zubilligen, die Wirklichkeit in die Welt hinauszutragen.

Inzwischen war er froh, dass es nicht zu einer Familiengründung gekommen war. Er trug keine Verantwortung für andere, nur für sich selbst, musste sich um niemandem kümmern und nicht für andere sorgen; viele gelangten an ihn, um ihn um Rat zu fragen. Auf die Frage, wie es ihm ginge, antworte er zur Überraschung mancher jeweils mit «katastrophal, keine Milliarden, keine Täschlis». Täschli war für ihn der Ausdruck für junge, hübsche Damen, die man am Arm nahm. Er meinte das in keiner Weise despektierlich, denn er begegnete dem weiblichen Geschlecht jeweils mit ausgesuchter Höflichkeit, griff gerne auf den «Knigge» zurück und ermahnte die Umgebung, wenn sich Primitivworte einschlichen, den nötigen Respekt an den Tag zu legen.

Er hatte bereits viele Versuche unternommen, sich schreiberisch vorwärtszubewegen, doch blieb es meistens in den Anfängen stecken. Sein Durchhaltewille hielt meistens nur kurze Zeit an, und dann verliess ihn der Elan. Bereits recht früh hatte er die ersten Texte zu Papier gebracht, aber bisher hatte er keinen Verlag finden können, der seinem Werk einen Durchbruch zugetraut hätte. So verstaubte eine ganze Anzahl von Manuskripten in der Schublade und vieles war auch wegen der vielen Umzüge auf der Strecke geblieben und der Vergessenheit anheimgefallen. Das Spektrum seiner Schreibarbeiten griff weit; er nahm sich die Gedichtform vor, übte sich in Theaterstücken und verfasste auch einen Roman, der viel Selbsterlebtes miteinbezog.

Lesen gehörte zu seinen Leidenschaften, er begab sich nie ausser Haus, ohne eine Lektüre bei sich zu haben. Langeweile kannte er keine. Die Leselust bezog sich auf viele Felder, vorab wenn es um Zeitungen ging. Er interessierte sich um die politische und gesellschaftliche Entwicklung, die technischen Neuerungen, eigentlich um alles, was um ihn herum vor sich ging. Oftmals verstand er nicht, dass die Menschheit, wie er bei sich dachte, immer mehr dem Abgrund zusteuerte.

Er hielt es jeweils nicht lange bei sich zuhause aus; sonst fiel ihm die Decke auf den Kopf; Persönliches fand sich dort nichts. Er mühte sich auch, den Begriff «zuhause» oder «nach Hause» nicht zu verwenden; die vielen Umzüge hatten es mit sich gebracht, dass sich keine Privatsammlung bilden konnte. Er erinnerte sich gerne an die Zeit zurück, als er im Hotel gewohnt hate; um nichts musste man sich kümmern; dienstbare Geister sorgten dafür, dass man bei der Rückkehr in ein sauber aufgeräumtes Zimmer kam. Die üblichen Reinigungstaten fielen ihm scher, und nur selten konnte er sich aufraffen, zum Staubsauger zu greifen oder einen Wischlappen in die Hand zu nehmen.

Er vermisste es jedoch nicht, auf alte Schätze zurückgreifen zu können, die von der Vergangenheit berichteten. Er wunderte sich jeweils, wenn er eine andere Wohnung betrat, womit sich die verschiedenen Menschen umgaben. Nippsachen standen herum, die von Reisezielen stammten und wohl einen Teil davon als Erinnerungsbleibe darstellen sollten; Fotografien zierten Möbel oder Wände und sollten glückliche Momente vermitteln, die ewig dauern sollten.

Für ihn zählte nur die Erinnerung, die er im Kopf angesammelt hatte und die er abrufen konnte, wenn ihm danach war, was eigentlich selten vorkam. Auch Zeiten, die nicht eben erfreulich gewesen waren, wurden mit einem längeren Abstand verklärt, wogegen er sich wehrte. So empfand er noch heute die Militärzeit, die er absolviert hatte, als eine Ansammlung von wenig Erhebendem und verstand nicht, wie alte Kameraden sie zu lustigen Episoden hochstilisieren konnten. Es waren und blieben für ihn lange Wochen, über die er froh war, als sie vorübergezogen waren.

Wenn er sich ans Schreiben machte, dann verfolgte er kein vorgegebenes Schema. Er griff sich eine Idee auf und begann einmal zu schreiben. Er war überzeugt, dass sich dann ein Faden entspinnen würde, der ihn zu einem Ziel und einem Ende brachte. So kramte er in seinem Gedächtnis nach Episoden, die Eindruck hinterlassen hatten und die er gerne in Papierform vor sich gesehen hätte. Er wunderte sich oft, was zwei Menschen zusammenhielt. Er nahm sich deshalb vor, über die Macht der Gewohnheit zu schreiben. Vielfach war es auch die Angst, alleine sein zu müssen, die eine Zweckgemeinschaft begründete.

Natürlich hatte er in seiner Jugend auch in Flammen gestanden, und die eine war für ihn die Krönung seines Lebens, auch wenn er sie nicht erreichen konnte. Er hätte viel dafür getan, dass sie sich ihm zugeneigt hätte, doch sie kamen nicht zueinander. Aber er hate nie eine Beziehung beobachten können, die einfach brannte, und das Feuer erlosch nie. Irgendwann frass der Alltag den unstillbaren Hunger auf und übrig blieb irgendetwas, aber nicht die grosse Liebe, die keine Grenzen kannte.

Lieder sangen davon, aber vielleicht müsste man sie auch als «fake news» verbannen und verbieten, weil sie etwas vorgaukelten, das der Realität nicht standhalten konnte. Den grossen Themen wich man sowieso aus. Man versteifte sich auf Sterne und – in, um alle Geschlechtlichkeiten einzubeziehen, damit man geschlechterneutral durch die Welt kam. Er las über einen Gasthof Mohr, der angegriffen wurde, weil er diesen Namen trug. Ironischerweise handelte es sich um einen Betrieb, der seit vier Generationen vorn derselben Familie betrieben wurde, die eben den Nachnamen «Mohr» trug. Was früher niemanden gestört hatte, wurde nunmehr zu einem Stein des Anstosses. Der Umgang mit den Menschen anderer Hautfarbe oder Rassen war sicherlich nicht vorbildlich gewesen; aber eine Wortklauberei würde das Unrecht nicht aus der Welt schaffen, dachte er bei sich. Die Einstellung dem anderen Menschen gegenüber musste sich erst ändern; eine andere Wortwahl brachte noch keinen Sinneswandel mit sich; im Gegenteil erschlich man sich so ein gutes Gewissen, dass man nicht zu denen gehörte, die andere in Schubladen pferchte, in die sie nicht hineinpassten.

Seine Geschichte drehte sich nunmehr darum, nachdem er einen Einstieg gefunden hatte, wie Nichtigkeiten das Leben prägten, und die Momente, in denen man über sich hinauswuchs, sich eigentlich als kleine Splitter erwiesen, die kaum Raum und Zeit einnahmen. Routine beherrschte die Szene; wenn man sich einmal selbst beobachtete, was wohl kaum einer tat, dann vollführte man ein festgefahrenes Morgenritual, das sich weiter fortsetzte; man ging die gleichen Wege und nahm nicht wahr, woran man vorüberging; ein Wandbild, das seit Jahren dort klebte, fiel einem höchstens einmal per Zufall auf, ansonsten war man Ewigkeiten daran achtlos vorübergegangen.

Ähnlich verhielt es sich mit eigentlich allem, was man tagsüber in Angriff nahm. Ganz bei der Sache war man höchst selten. Leicht liess man sich ablenken und interessierte sich für den Gesprächspartner nur insoweit, als dass man seine eigenen Anliegen platzieren wollte. Nur wenige Menschen gingen auf den andern wirklich ein und schenkten ihm die ganze Aufmerksamkeit, die er sich eigentlich verdient hätte. Die Ichbezogenheit nahm irgendwie immer mehr überhand. Die Familienverbände fielen auseinander, und man raufte sich nur noch mühsam zusammen, um an Weihnachten den Schein zu wahren.

Er hatte dieses Gehabe längst abgelegt. Nachdem er die Ziele nicht erreicht hatte, die er früher einmal anstrebte und Jahr um Jahr irgendwie sinnlos verstrichen war, gab er innerlich auf und konzentrierte sich darauf, einigermassen zu überleben, ohne in allzu grosse Tiefen zu fallen. Meistens gelang ihm das nicht schlecht, wobei sich immer wieder Momente einschlichen, die ihn lähmten und er kaum zu einer Aktivität fand. Allerdings liess er davon nichts nach aussen dringen, ausser wenn man sich nach seinem Befinden erkundigte und die Antwort blieb «katastrophal» dem Fragenden entgegengeschleudert wurde.

Verwunderung machte sich dann breit. Man nahm es jedoch als Humoreske und quittierte den Kommentar mit einem Lächeln, denn wirklich wissen, wie es dem andern ginge, wollte niemand. Man machte in «small talk,», denn wer schwieg wurde als übelgelaunt, unhöflich oder arrogant taxiert. Im Grunde genommen, dachte er bei sich, war es eigentlich zutreffend, was er von sich gab. Natürlich gab es auch Momente, die ihn ganz zufriedenstellten, doch meistens plagten ihn Finanzsorgen und nicht selten schlich sie die Frage ein, wie er die nächsten Tage überleben konnte, ohne jeden Cent mehrfach umdrehen zu müssen.

Er wunderte sich oft, dass meistens dann, wenn die Klemme riesig erschien, irgendjemand auftauchte und ihm eine Arbeit aufbürdete, die ihm dann doch wieder etwas finanziellen Spielraum verlieh. Dann gab er im Stillen ein Dankstossgebet von sich, auch wenn er mit der Religion nicht sonderlich verbunden war. Er werweisste oft, ob doch etwas Wahrheit in den Religionen steckte; immerhin hatte das Christentum zweitausend Jahre überstanden und konnte sich noch immer behaupten, wobei es mehr mit sich selbst beschäftigt war und durch die vielen Skandale stark an Anziehungskraft verlor.

Obschon sein Rückzug so etwas wie Selbstkasteiung bedeutete, musste er nicht ständig auf die Uhr schauen. Wenn ihm nichts einfiel, wie er seine Weihnachtsstory weiterbringen könnte, dann griff er zu einem Buch, meistens leichte Lektüre, die ihn aber so weit abdriften liess, dass er für diese Zeit vergass, wo er war und dass er sich in einer neuerlichen Periode der Zeitenwende befand. Dieser Begriff war in Mode gekommen, nachdem in der Ukraine Krieg ausgebrochen war. Er hätte auch zur grossen Mehrheit gehört, die es nicht für möglich gehalten hätte, dass der russische Machthaber die alten Politmechanismen wieder in Schwingungen versetzen würde.

Krieg fand zwar überall statt. Viele vergessene Waffengänge spielten sich ab, die in den Medien kaum oder höchst selten vorkamen und deshalb für die breite Bevölkerung inexistent waren.

Die Auseinandersetzung in der Ukraine beherrschte jedoch so sehr die Medienwelt, dass Syrien, wo ein langjähriger Bürgerkrieg noch immer kein Ende gefunden hatte, völlig in den Hintergrund rückte. 20 Jahre hatte die westliche Welt versucht, in Afghanistan eine Ordnung zu implantieren, die nach dem dort gültigen Wertesystem funktionieren sollte. In einem Sturm war das alles weggefegt worden, und die Milliarden, die dort eingesetzt worden waren, verpufften praktisch in einem Tag.

Die Frauen wurden wieder ins Mittelalter gestossen, entrechtet und von jeder Bildung ferngehalten. Religionsfanatiker richteten Schäden an, die Millionen von Menschen betrafen, und die Strassen füllten sich nicht mit Protesten, höchstens manchmal für die Erstreitung eines Klimawandels, der eben eine ganz neue Gesellschaftsordnung erforderte. Die Kluft zwischen arm und reich vergrösserte sich stetig. Ausgerechnet das Land, das sich dem Kommunismus verschrieben hatte und die Partei in China über alles stellte, betrieb einen Turbokapitalismus, wie er kaum anderswo zu finden war.

Die alten Denkmodelle hatten ausgedient, und doch wagten sich noch wenige, das Undenkbare zu denken. Dass der Kapitalismus Wohlstand für viele gebracht hatte, war für ihn unbestritten, aber offenbar war er an seine Grenzen gestossen. Ein Weiterwursteln wie bisher führte seiner Auffassung nach einfach in die Katastrophe. Wachstum um jeden Preis schien ihm nicht mehr das Rezept für die Zukunft zu sein, sondern eher der Weg in einer Spirale nach unten, die solche Schäden hinterlassen könnte, dass der Grossteil der Menschheit nur noch darben würde.

Die wenigen Reichen müssten dann aber mit Aufständen rechnen, die ihnen an den Kragen gingen; schliesslich ging man dort etwas holen, wo es auch lohnenswert war; kaum ein Dieb überfiel einen Bettler, um ihm noch die letzten Cents zu rauben. Die Verteilung der Güter und des Reichtums müssten neu angedacht werden; er sah wohl ein, dass man um das Grundeinkommen nicht mehr herumkommen würde, jedenfalls nicht in einer ferneren Zukunft, und die Staaten mussten das Hauptaugenmerk darauf richten, möglichst viele Bildung der Jugend mitzugeben. Wer nicht bestens ausgebildet war, dürfte in wenigen Jahren kaum mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Vielleicht müsste man auch das Erbgefüge unter die Lupe nehmen. Wer ein grosses Vermögen überantwortet bekam, musste sich keine Alltagssorgen machen wie er, der in einem ständigen Kampf ums Überleben war. Saläre wurden gezahlt für eigentlich keine Leistung, vorab im Sport. Dass einer mit dem Fuss und einem Ball gut umgehen konnte, war in seinen Augen keine dreistelligen Millionen wert. Davon müsste die Hälfte abgesaugt werden, um anderen jugendlichen zu ermöglichen, sich zu verwirklichen, nicht nur im Sport, sondern auch in der Musik, der Kunst oder in der Umsetzung einer Idee, die einen materiellen oder auch ideellen Mehrwert mit sich brachte. Dasselbe müsste im Erbrecht geregelt werden. Die Riesenanhäufungen von Geld mit Summen in zweistelliger Milliardenhöhe sollte grösstenteils in Projekte fliessen, die zukunftsgestaltend wären.

Er zählte sich nicht zu den Sozialisten, denn ihre Rezepte, mehr Lohn, weniger Arbeitszeit, mehr Ferien, schienen ihm genauso antiquiert wie der Argumentenkatalog der Gegenseite. Obschon er zu den Randfiguren gehörte, sah er sich, was die Denkweise anging, mitten in der Gesellschaft. Nicht jeder arme Hund beschäftigt sich nur mit sich selbst. Er mühte sich schliesslich auch, eine solches Bild abzugeben. Daran würde sich wohl auch im anstehenden Jahr nichts ändern.

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© 2023 Alexander Zar
Alle Rechte vorbehalten

Anmerkung bezüglich der Rechtschreibung: Der Text stammt von einem Autor aus der Schweiz. In der Rechtschreibung des Schweizerdeutschen gibt es im Unterschied zur in Deutschland und Österreich gültigen Duden-Rechtschreibung kein sogenanntes scharfes s, sondern durchgängig ein Doppel-s, z.B. nicht groß, sondern gross, nicht weiß, sondern weiss. (Redaktion textmanege.com)

Wissen, das die Welt nicht braucht

Von Michael Kothe

»Liebe Zuschauer, wir melden uns zurück aus der Werbepause. Hier ist die beliebte Quiz-Sendung ‚Wissen, das sie Welt nicht braucht‘. Ich bin Jünter Gauch, und mir gegenüber sitzt Jan Sprockhövel, der sich bis zur 10.000-Euro-Frage vorgearbeitet hat. – Herr Sprockhövel, sind Sie bereit für die 10.000-Euro-Frage?«
»Klar! Bereit wie immer.« Siegessicher grinst der Kandidat den Quizmaster an.
»Na dann, nun die zweiteilige Frage: Wie lautet der Produktname der kleinen blauen Tabletten, die durch ihre vasodilantierende Wirkung den Spaß am Sex steigern sollen, und wer ist ihr Hersteller?«
»Wasowas?«
»Vasodilantierend, also durchblutuungssteigernd.«
»Ach so! Billy Boy.«
»Billy Boy?« Jauch lacht. »Das meine ich gewiss nicht. Es geht um Tabletten. Hellblau, rautenförmig.»
»Ach ja! Viagra. Viagra wollte ich sagen.«
»Das ist richtig! Und nun nenne Sie mir noch den Hersteller, Herr Sprockhövel!»
»BASF? Bayer?« Der Kandidat kratzt sich am Kinn.
Unruhig rutscht Jauch auf seinem Hocker hin und her. »Sind Sie sich sicher? Ich meine, eine kleine Hilfestellung darf ich …«
»Nein, nein, nein! Ich habe mich entschieden. Es ist Bayer. Bayer Leverkusen.«
»Das ist ein Fußballverein!«
»Und ein Pharmakonzern!« Sprockhövel wird heftig. »Bayer! Bayer ist der Hersteller von Viagra. Punktum!«
»Sie bleiben dabei?«
»Unumstößlich! Loggen Sie’s ein!«
»Sie haben’s nicht anders gewollt.« Jauchs Schultern sinken herab, mit einem Seufzer schließ er die Augen und hält den Kopf schief. Nach ein paar Atemzügen sieht er seinen Kandidaten wieder an. »Herr Sprockhövel, das ist … leider falsch. Der Hersteller ist …« Er hebt seine Stimme, ein Tusch ertönt. »Pfizer!«
Sprockhövels Kinnlade klappte herunter. »Das, das ist doch …«
»Herr Sprockhövel, 5.000 Euro haben sie bisher gewonnen und die 10.000-Euro-Frage falsch beantwortet. Also schulden Sie dem Sender 5.000 Euro. Fragen Sie beim Rausgehen am besten die Sendeleitung nach einer Ratenzahlung!«

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© 2023 Michael Kothe
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Die fiktive Quizshow hat Michael Kothe in seiner aktuellen Anthologie „Muntere Short Stories“ festgehalten. ISBN: 9783756555727. Gibt’s als Printausgabe und als eBook.

Kunst und Krempel

Von Michael Kothe

Düster reckte sich die Villa über die mannshohe Ligusterhecke, gerade so, als wolle sie beobachten, was auf der anderen Seite im Nachtdunkel vor sich ging. Unbeugsam streckte sie dem Novemberniesel ihren Giebel entgegen. Gerade wie aus Trotz, weil er das gedämpfte Licht, das sich durch die Lamellen der Fensterläden quälte, zur Gänze aufsog. Bei diesem Wetter jagte man keinen Hund vor die Tür, wobei bekanntermaßen niemand im Viertel seinen Hund selbst Gassi führte. Das besorgten tagsüber die Hundesitter. Hätte dennoch jemand hier draußen etwas zu erledigen gehabt, hätte er ohnehin von dem lautstark geführten Disput hinter den Läden nichts mitbekommen. Was die Hecke an Geräuschen nicht schluckte, spülte der Regen beharrlich fort.
»Krempel, Krempel, nicht als Krempel!« Wie immer, wenn Charly erregt war, bildeten sich rote Flecken auf seiner Stirn und seinen Wangen. »Du hattest behauptet, er würde unsere Sore so im Wert hochtreiben, dass wir nicht einmal einen Abschlag für seine Hehlerdienste befürchten müssten. Und nun hast du ihn umgebracht, bevor er …«
»Es war ein Unfall! Er ist ein angesehener Antiquitätenhändler und ein anerkannter Kunstsachverständiger. Da hätte es ihm leicht fallen sollen, unsere Beute zu einem guten Preis abzusetzen. Manchmal macht er das auch über Tauschgeschäfte. Aber als er sagte ‚Ich hab für euch auf Pferde gesetzt‘ und dabei ironisch grinste, habe ich Rot gesehen.«
Die Nasenflügel von Charlys Kumpan bebten und versetzten seine buschigen Nasenhaare in Aufruhr.
»Wenigstens hättest Du ihm noch die Gelegenheit geben sollen, uns zu sagen, wo er den Wettschein deponiert hat! Das ganze Haus haben wir durchsucht und nichts gefunden. Auch sonst nichts von Wert. Das ganze Porzellan in den Vitrinen … Wenn es wenigsten Meißner wäre oder meinetwegen auch Fürstenberg! Aber was steht auf dem Boden jeden Stücks? ‚Made in China‘! Jetzt stehen wir mit leeren Händen da, und er liegt erschlagen vorm Kamin. Morgen früh haben wir die Polizei auf dem Hals.«
Der mit den Nasenhaaren grinste.
»Nee! Wir beseitigen alle Spuren. Den Wettschein finden wir ohnehin nicht, also können wir die Hütte auch abfackeln. Außerdem …« Verschwörerisch beugte er sich zu Charly und sprach mit gesenkter Stimme weiter. »Außerdem kann ich mir vorstellen, wo er den Wettschein versteckt hat. Er hat da noch eine Ferienwohnung. Und die ist ziemlich schlecht gesichert.« Schon kniete er sich neben den Leichnam und richtete ihn so aus, dass eine Hand beinah in die Flammen reichte. Den Zwischenraum überbrückte er mit einem Holzscheit.
»Das sollte uns Zeit genug verschaffen. Bis der Ärmel seines Hausmantels Feuer fängt, sind wir über alle Berge.«
Befriedigt grinsend richtete er sich auf und stapfte in Richtung Haustür. »Was stehst du noch rum, Charly? Willst dich wohl verabschieden?«
»Eher weniger. Dass du impulsiv und unsensibel bist, wusste ich, aber wenigsten bist du auch gründlich. Nur, wenn die Polizei den zerschmetterten Hinterkopf untersucht … wir brauchen noch irgendetwas, womit …«
Ein Lächeln flog über Charlys Gesicht, und zufrieden mit seinem Einfall griff er die schwere Porzellanfigur vom Kaminsims und schlug sie dem Verblichenen mit Wucht auf den Hinterkopf. Während er noch klatschend die Hände aneinander rieb, als wolle er die Scherben abklopfen, folgte er seinem Komplizen nach draußen.

Die fahle Morgensonne ließ in dem kleinen Luftkurort die Nebelkristalle weiß glitzern. Der matte Schein, der seinen Weg durch die transparenten Stores fand, ermöglichte Charly und Nasenhaar ihre Suche, ohne dass sie drinnen das Licht hätten anschalten müssen. Am Ende erwies sich die Ferienwohnung als nicht ergiebig. Frustriert und wütend überlegten sie, was sie sich zum Ausgleich für ihren Verlust aneignen könnten, als Nasenhaar Charly abrupt an beiden Schultern packte und hinter einem Sessel auf den Boden zwang.
»Der Zeitungsjunge! Gerade schaut er herüber. Wenn er uns bemerkt, ist der nächste Weg der Polizei von der Villa hierher. Und noch ein Brand wäre verdächtig. Lass uns verschwinden, wenn er außer Sicht ist.«
Lange mussten sie nicht warten, und so fühlten sie sich sicher, als sie kurz darauf unbemerkt durchs Treppenhaus nach draußen schlichen. Nasenhaar hatte beinah den Bürgersteig erreicht, als Charly ihn zurückrief.
»Das musst du gesehen haben! Die Presse ist wirklich auf Zack.« So heftig wedelte er mit der Zeitung, dass sein Kumpan tatsächlich umkehrte. Minuten später saßen sie im Wohnzimmer auf der Couch und studierten aufgeregt die erste Seite des Kreisboten.
Charly wehrte sich nicht, als er die Hände seines Komplizen um seinen Hals spürte. Zuerst, weil er zu überrascht war, um den Angriff ernst zu nehmen, und schließlich, weil er dazu keine Kraft mehr hatte.

Wäre die Nachbarin aufmerksamer gewesen, als sie um 7 Uhr 56 vor die Haustür trat, hätte sie Nasenhaar noch die Straße hinab eilen gesehen. So aber stand sie mit offenem Mund und mit in die Hüften gestemmten Fäusten vor dem leeren Briefkasten ihres Nachbarn und fluchte leise. Eigentlich, so hatte ihr der Eigentümer der Ferienwohnung erlaubt, dürfte sie sich seine Zeitung erst um 10 Uhr holen, so sie denn noch da sei, denn dann sei er nicht anwesend. Sie aber wusste, dass er nicht vorgehabt hatte, diese Woche überhaupt in dem Kurort zu verbringen. Was sie nicht wissen konnte, war, dass Charlys lebloser Körper den Kreisboten vom Tisch auf den Boden gewischt hatte, als er von der Couch sank. Als hätte der Artikel für ihn noch im Tod eine Bedeutung, wies der Zeigefinger seiner erschlafften Hand auf die Schlagzeile der Titelseite und den Aufmacher darunter:
Antiquitätenhändler und Kunstexperte stirbt bei Zimmerbrand.
Nachdem sich in der vergangenen Nacht die Feuerwehr gewaltsam Zugang in eine brennende Villa in der Kreisstadt verschafft hatte, konnte sie den Zimmerbrand schnell eindämmen. Für den Bewohner des Hauses, einen stadtbekannten Preziosenhändler, kam jedoch jede Hilfe zu spät. Der herbeigerufene Notarzt konnte nur noch seinen Tod feststellen. Nach ihrer vorläufigen Einschätzung gehen die Brandermittler davon aus, dass der Hausherr Kaminholz nachlegen wollte und dabei mit dem Schürhaken eine schwere Porzellanfigur vom Kaminsims stieß, die ihm den Hinterkopf zertrümmerte. Der Stempel am Boden des zersplitterten Porzellans, einer Pferdegruppe, weist die Buchstaben KPM der Königlichen Porzellanmanufaktur auf. Experten schätzen den Wert des Dekorationsstücks in unbeschädigtem Zustand auf 340.000 Euro.

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© 2023 Michael Kothe
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Diese „kriminelle Erzählung“ steht in Kothes aktueller Krimisammlung „Schmunzelmord 2“ vom November 2022. ISBN: 9783756545483. Überall, wo’s Bücher gibt.

Flugmodus

Von Anke Meer

Ok Handy, ich habe es geschafft dich heute wenigstens eine Stunde auszuschalten und sechs Minuten Flugmodus. Obwohl mich das Plakat an der Eingangstür vom Kindergarten täglich erinnert. Warum zum Teufel schmeiße ich dich nicht endlich in die Spree. Weshalb tun Smileys wieder so weh? Aus jetzt! Digital Püree. Speicherkarte SD, morgen bist du ein problemloses Ade. Auf Wiedersehen Emojis Armee. Du stehts passendes Giff Blume, Bierkrug, Daumen hoch, Marienkäfer statt Sätze im Klee. Morgen bist du ein Akku leeres Spinnennetz im Spinnen von diesem Irrsinn. Mein neues Gesetz, lass dich nicht nochmal auf Hdf WhatsApp Abkürzungen ein, im Grübeln warum ich darauf noch Sry sendete. Völlig hirnlos entschuldigte ich mich bei Tom meinem besten Freund für etwas, was ich bis heute nicht weiß. Wie war es denn vor fünf Jahren? Du Funkloch am Horizont, wie kontaktlos habe ich mich im Mond gesonnt. Da kam ich raus, von einem 130,00 € Telefonvertrag, aus dem ich dann nach einigen Kündigungen zur Prepaid Karte wechseln konnte. Was für eine schmerzvolle Umstellung. Monate ohne was ist Smiley Sonnenbrille? Ich schrieb noch, du hast dich doch damals so für Sprache interessiert, mit mir Goethe und Schiller zitiert, das Opernglas abonniert, mit mir Theaterstücke studiert, keine wütenden Smileys zu mir vibriert, meine Meinung nicht auf die Goldwaage zensiert, du hast mir doch früher meine Worte nicht blockiert, du warst doch sonst nie so vorprogrammiert. Magst du es nicht, dass ich dir Gedichte schreibe? Als ich dann ein Äffchen und FO als Antwort bekam, machte ich Schluss mit Tom und dem Internet. Frei von hat er doch gelesen, ihr blöden blauen Hacken, warum antwortet er dann erst neun Tage später mit einem HdL Fragezeichen. Als Abschied schickte ich noch einen Schwan. Ich wollte damit meine Treue kommunizieren. Dummerweise waren allerdings mit dieser internetlosen Veränderung in meinem Leben auch alle Handynummern weg. Und dass ausgerechnet, als ich nach Travemünde zog und niemanden kannte. Als ich mich am Strand einsandte, so Elektrosmog frei endspannte suchte ich nach dem Gastzugang der Hotels. Ich erinnere mich noch gut, dass die Verschlüsselungen mich wahnsinnig machten. Aber ich blieb stark. Gott sei Dank bin ich beliebt. Ich tauschte Herzsmileys mit neuen Strandgesprächen. Ich wollte die Leseratte in mir zurück und nicht die handysüchtige Smiley Ratte. Ich wollte endlich wieder einmal eine Bibliothek von innen riechen, wie früher Pipi Langstrumpf lesen um mir sicher zu sein, dass ich nicht Annika bin. Weil ich mich ja nur in Geschichten verträume, mich im Meer schäume und um mich herum alles versäume. Mein Leben ist ein Traum, vor allem wenn mir über WhatsApp siebzehn Jahre Freundschaft gekündigt wurde. Danke aber auch das ich nicht einmal ein Telefonat wert bin. Seit einem Jahr bin ich wieder leidenschaftlicher Surfer. Ist heute eh alles billiger und übers Meer surfen in den Horizont der Einsamkeit, das ist doch viel zu viel Natur. Da spüre ich mich ja selbst. Welche Seele fliegt denn heute noch? Oder träumt? Wir sind doch schon Computer, oder? Sag du es mir Handy. Komm schon. Google kennt jede Antwort. Hey Account Bohne 888, du kannst ruhig mal ein bisschen stolz auf dich sein, dass du dich noch nie auf Twitter oder Instagram angemeldet hast. Du bist immerhin Old School Facebook. Und du hast es geschafft von 5984 Kumpels dich auf 38 runter zu löschen. Was das für eine Zeit gekostet hat, die alle zu bestätigen um sie dann wieder zu entfernen. Hey Gesichtsbuch. Du bist toll. Einige Freunde aus der Vergangenheit hätte ich ja ohne dich wirklich nicht wiedergefunden. Und Tom. Er fand mich sofort auf Facebook und schickte mir direkt einen Schwan und drei Worte. Lebst in Träumen. Drei ganze ausgeschriebene Worte. Und Smileys aus Mittagessen. Ich hatte ihn so schön vergessen, jetzt nur nicht stressen, hat dieser Junge mich gefressen. Hoffnungsvoll in meiner Sehnsucht nach Harmonie sendete ich zwei Kaffee Tassen zurück, um keine falschen Worte zu wählen. Die Freundschaftsanfrage auf Facebook hat er mir allerdings nicht bestätigt. Meine Daten klebten am Spaten, ich tötetet Kirschen kombiniert mit Brokkoli im Wort Raten. Vier Wochen später schickte ich Tom Zombies und Gespenster. Acht Wochen später einen Drachen. Heute Morgen eine Pistole. Das wäre mir früher als wir uns noch Postkarten schickten wirklich nicht passiert. Vielleicht schaffe ich es jetzt mit meiner Sucht der Flucht zurück in die Lübecker Bucht. Windsurfen. Auf meinen salzigen Tränen. Hier bin ich mit meinem sinnlosen, oberflächlichen Tom Problem. Ich stehe ja nicht hier nur um meine Gedanken dann gleich auf Facebook zu posten. Obwohl. Kann jemand kurz filmen? Vielleicht bestätigt er mir ja dann die Freundschaftsanfrage. Aber das bringt mir nichts. Weil morgen früh komme ich ja wieder an diesem Plakat an der Eingangstür vorbei. Und da stehen diese zwei Eltern vertieft in Ihre Handys auf dem Spielplatz, abgebildet in einer unaufhaltsamen Zeit der Digitalisierung. Und dieses Plakat fragt mich wieder. „Heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?“ Lassen wir unser Schweigen dort, da an unserem magischen Ort, ich bin dir für immer fort und endlich wieder im Wort. Wer sind wir ohne unsere Meinungsfreiheit und ohne unsere Stimme? Morgen kaufe ich mir ein Tom Tom. Ohne Navi verlaufe ich mich einfach zu oft.

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© 2023 Anke Meer
Alle Rechte vorbehalten

Undeutsch

Von Achim Koch

Berlin
Mitte

Es war ein regnerischer Tag im Mai, und ich dachte noch, bei dem Wetter würden sich nur wenige ins Zentrum wagen. Doch auch damit hatte ich mich geirrt. In der letzten Zeit hatte ich mich häufig geirrt. Oder mich irren wollen.
Wer kennt sich selbst schon wirklich gut, will sich wirklich gut kennen. Gerade in dieser Zeit will man oft nicht alles zu Ende denken, obwohl man zumindest ahnt, dass man es sollte. Gerade in dieser Zeit benutzt man auch gern das Indefinitpronomen man. Indefinit fühlt man sich geschützter, unbeschriebener, anonymer. Ich habe das Gefühl, jetzt beginnt die Zeit des Indefinit für mich und viele andere. Wie indefinit müssen wir werden, und wird es uns schützen? Denn ich bin kein mutiger Mensch. Eigentlich bin ich so unmutig wie fast alle anderen, so unmutig, dass ich nicht einmal das Wort feige für mich denke oder gar ausspreche.
Aber heute ist es anders. Heute geht es um etwas. Heute will ich es wissen. Ich werde in die Stadtmitte fahren. Trotz des Regens. Und es ist fast schon absehbar, was wohl geschehen wird. Zunächst gab es nur Gerüchte. Dann kurze Berichte aus anderen Orten. Informationen hinter vorgehaltener Hand. Schwarze Listen. Schließlich wurde es genauer: Spätnachmittags auf dem Opernplatz.
Ich kämpfte mich durch den Regen. Allein und mit gesenktem Kopf. Dann wurde ich von anderen überholt. Irgendwann wurden wir immer mehr. Man lief nicht mehr im eigenen Tempo, sondern in dem aller anderen. Schließlich dicht an dicht. Manchmal angerempelt. Ohne miteinander zu sprechen, aber mit einem gemeinsamen Ziel.
Bei dem Regen wurde es an diesem Abend schon früh dämmrig. Als wir den Platz erreichten, waren dort schon viele tausend Menschen zusammengekommen. Unter ihnen Studenten, immer wieder Uniformierte, aber auch Ältere und Familien mit Kindern, Menschen, die in kleinen Gruppen zusammenstanden, sich fröhlich begrüßten und laut miteinander scherzten.
Plötzlich wurden Scheinwerfer eingeschaltet, die den gesamten Platz grell ausleuchteten. An den alten Fassaden hellten große Screens auf, die dort angebracht worden waren und auf denen das Geschehen übertragen wurde. Wir sahen auf den Bildschirmen, dass junge Leute, Studenten, viele von ihnen in Uniform mit Mützen und Kinnriemen, in der Mitte des Platzes Holz aufstapelten. Durch Lautsprecher, die um den Platz aufgestellt worden waren, erklangen Testsignale. Auch eine Tribüne mit Mikrofonen und der Fahne erkannte ich. Immer mehr Menschen drängten sich auf den Platz. Ich drückte mich an ihnen vorbei, immer auf der Suche nach einem mir bekannten Gesicht. Doch ich fand niemanden und entschied mich für einen ruhigen einen Platz am Eingang zur Alten Bibliothek.
Plötzlich hörte ich ein lautes Raunen. Menschen vor mir streckten ihre Köpfe, sahen zur Universität hinüber, zeigten dorthin. Einige begannen sogar zu klatschen. Ein LKW fuhr von der Allee herein. Die Menge bewegte sich in diese Richtung, wurde aber durch Ordner und Polizisten zurückgedrängt. Dann hörten wir Gesang. Ein Zug marschierte mit Fackeln auf den Platz, viele in schwarzen und braunen Uniformen, auch Jugendliche, andere im Wichs der Studentenverbindungen, doch auch Professoren in ihren wehenden Talaren.
Viele auf dem Platz begannen wieder zu klatschten, einige sangen mit. Es waren jetzt Zehntausende. Sie wurden immer ausgelassener. Fahnen wehten. Auf einem langen Stab wurde der Kopf der Büste von Magnus Hirschfeld herumgetragen, als habe man seinen wirklichen Kopf abgeschlagen und aufgespießt.
Eine heitere Feststimmung kam auf. Ein fremder Mann in einer teuren Lodenjacke knuffte mir an die Seite und sah mich aufmunternd an. Ich hatte mich wohl zu sehr zurückgehalten. Er riss seinen Arm hoch, blickte immer noch auffordernd zu mir. Langsam zog ich mich zur Seite zurück. Noch einmal drehte er sich zu mir um und schüttelte den Kopf. Plötzlich stand ich in einer kleinen Gruppe braun uniformierter Kinder, die kleine Papierfahnen in der Hand trugen und damit über ihren Köpfen schwangen. Die Eltern fotografierten sie mit dem Handy. Danach blickten sie noch einmal stolz auf die Kinder und dann wieder weit über den Platz.
Einige Studenten versuchten den Holzstapel auf dem Platz mit Zeitungspapier und Ästen anzuzünden, doch durch den Regen war alles zu nass geworden. Lautes, aufmunterndes Rufen aus der Menge, Scherze, lautes Gelächter. Dann erschienen Feuerwehrmänner mit Kanistern und gossen Benzin über das Holz. Ein Streichholz wurde entflammt. Eine hohe Flamme und lautes Geschrei aus tausenden und abertausenden Kehlen. Beifall. Gesang. Ich versuchte mich weiter an die Seite zur Allee zu stellen. Einige Männer in meiner Nähe ließen Flaschen mit Wodka von Hand zu Hand wandern. Jeder nahm einen Schluck. Auch die Frauen. Als eine Flasche auch mich erreichte, gab ich sie stumm weiter. Verhohlener Protest der Umstehenden. Aber auch spöttisches Gekicher. Dann plötzlich wieder lautes Gebrüll. Ich stieg auf ein niedriges Geländer, um den Platz besser übersehen zu können und gleichzeitig die Screens im Auge zu behalten. Dort erschienen die Aufnahmen einer Drohne, die wohl weit über uns schwebte.
Studenten hatten die Ladeklappe des LKWs geöffnet, sprangen hinauf, griffen etwas und reichten es den anderen auf dem Platz. Sofort bildete sich eine Kette von vielleicht dreißig Studenten. Die Ladung ging jetzt von Hand zu Hand, bis der Transport stockte. Nichts geschah. Die Menschenmenge verstummte eine, vielleicht zwei Minuten lang.
Dann jedoch hörten wir eine helle Stimme über dem Opernplatz: Gegen Klassenkampf und Materialismus! Für Volksgemeinschaft und idealistische Lebensgestaltung!
Was sollte eine idealistische Lebensgestaltung sein, schoss es mir durch den Kopf. Waren damit erträumte Lebensziele gemeint? Ziele wie Gerechtigkeit und Freiheit? Frieden? Was verstanden sie darunter?
Wieder ertönte die Stimme und gab sofort eine Erklärung: Für Zucht und Sitte in Familie und Staat.
Und dann: Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.
Der letzte Student in der langen Kette warf jetzt Bücher auf den Scheiterhaufen. Rotglühende Funken stoben auf. Schreie in der Menge. Applaus. Arme wurden hochgerissen. Neue Gesänge klangen an. Wieder wurden Fahnen geschwungen. Viele Kinder jetzt auf den Schultern ihrer Eltern. Überall blitzten Handys auf.
Dann: Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Gläser und Erich Kästner.
Laute Buh-Rufe. In hohem Bogen flogen die Bücher ins Feuer: Der Untertan, Professor Unrat, Jahrgang 1902. All diese Romane hatten Zucht und Sitte in Familie und Staat thematisiert und in Frage gestellt.
Emil und die Detektive? Pünktchen und Anton? Was hatten sie damit zu tun?
Undeutsch!, rief jemand aus der Menge.
Undeutsch!, riefen Tausende.
Was war undeutsch? Wer war undeutsch? Autoren mit einstmals jüdischer Herkunft? Warum sollten bedeutende deutsche Schriftsteller undeutsch sein? Wer entschied das überhaupt? Warum überhaupt Erich Kästner?
Es brannten die Bücher von
Friedrich Wilhelm Förster,
Sigmund Freud,
Emil Ludwig,
Werner Hegemann,
Theodor Wolff,
Georg Bernhard,
Erich Maria Remarque,
Alfred Kerr.
Und schließlich rief jemand: Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky!
Vernunft, Pazifismus und Völkerverständigung, all diese idealistischen Lebensziele waren jetzt undeutsch, entsprachen nicht mehr einem deutschen Volksgeist, einem Geist der Unvernunft, der Gewalt und Überheblichkeit. Ein großer Anteil der deutschen Geistesgeschichte wurde vor meinen Augen verbrannt. Lebenserhaltende Ideale wurden symbolisch zerstört. Jeder hier musste doch verstehen, dass daraus eine unübersehbare Katastrophe folgen würde. Doch alle auf diesem Platz schienen dem zuzustimmen. Und vielleicht nicht nur sie.
Ich spürte, dass mir Tränen herabrollten. Verstohlen wischte ich sie mir ab. Wessen Bücher würden noch verbrannt werden? Wer würde noch alles zu einem undeutschen Schriftsteller erklärt werden?
August Bebel, Bert Brecht, Alfred Döblin, Kurt Eisner, Lion Feuchtwanger, Karl Grünberg, Walter Hasenclever, Heinrich Heine, Egon Erwin Kisch?
Aber auch Ferdinand Lassalle, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Klaus Mann, Thomas Mann, Franz Mehring, Ludwig Renn, Joachim Ringelnatz, Joseph Roth, Nelly Sachs, Artur Schnitzler, Anna Seghers. Und dann ganz bestimmt Bertha von Suttner, Ernst Toller, Frank Wedekind, Franz Werfel, Arnold Zweig, Stefan Zweig, Karl Zuckmayer und viele, viele andere. Zerstörerische Asphaltliteratur. Frech und anmaßend.
Aber mich erwähnte niemand.
Langsam stieg ich von dem Geländer herunter.
Natürlich konnte ich mich nicht mit all den anderen vergleichen. Nicht im Geringsten.
Vorsichtig bahnte ich mir einen Weg durch die Menge.
Ich war ein unbekannter randständiger Autor. Viele der andern hatten Werke geschrieben, deren Titel fast jeder schon gehört hatte: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, Berlin Alexanderplatz, Jud Süß, Brennende Ruhr, Der Zauberberg, Aufstand der Fischer von St. Barbara, Frühlings Erwachen, Der Hauptmann von Köpenick.
Aber kaum jemand kannte meine Titel. Doch durfte man mich trotzdem so ohne weiteres übergehen? So, als wäre ich nicht auch undeutsch?
Ich drängelte mich weiter durch die Menge, bis ich fast schon vor der heißen Brandstelle stand. Immer noch warfen Studenten Bücher hinein. Jetzt konnte ich sie genauer ansehen. Ihre Gesichter glühten rot. Die vielen Brillen reflektierten das Feuer. Ausschließlich sehr junge, schwitzende Männer, die sich gegenseitig mit sich überschlagenden Stimmen anstachelten. Was wussten diese Verblendeten schon von dem oft mühsamen und Kräfte zehrenden Ringen der Autoren um Wahrhaftigkeit, aber auch um Stilgenauigkeit, um das treffende Wort, das treffende deutsche Wort. Wer von denen hatte wirklich Lassalle gelesen, Max Adler, Heinrich Heine, Joachim Ringelnatz? Wenn sie einmal davon gelesen haben sollten, dann hatten sie nichts verstanden.
Warum werden meine Bücher nicht verbrannt, rief ich ihnen wütend entgegen.
Nur wenige beachteten mich. Sie waren zu beschäftigt. Ich trat noch näher ans Feuer, so nahe, dass die Hitze schon im Gesicht schmerzte.
Ich schrie noch lauter: Auch meine Bücher müssen verbrannt werden!
Jetzt wurde einige auf mich aufmerksam. Ein, zwei unterbrachen ihre wichtige Aufgabe und sahen zu mir herüber
Hey, was haben wir? Und wer bist du denn überhaupt, du Komiker?
Sofort arbeiteten sie weiter.
Ich bin auch ein Autor.
Endlich unterbrach einer von ihnen seine unheilvolle Beschäftigung und stellte sich mir dicht gegenüber. Einen Kopf größer als ich. Hoch rasiertes Haar. Dünner blonder Flaum über der Lippe. Er war vielleicht zwanzig und hätte mein Sohn sein können. Er herrschte mich mit hoher Stimme an: Was bist du? Jude?
Nein. Aber ich habe auch Romane geschrieben, kurze Geschichten, Lieder, Gedichte … wie die anderen.
Dann gebe ich dir einen guten Rat, sagte er mit leiserer Stimme. Das hier ist kein Spaß. Es wird gerade im Fernsehen übertragen. Millionen Deutsche können es sehen. Viel mehr können es im Internet finden. Und nachher kommt noch der Minister. Also verdrück dich schleunigst, du Pfeife.
Er rückte seine Schirmmütze zurecht, schob eine Hand unter seine Koppel und stolzierte zurück zu seinen Kommilitonen, sprach kurz mit ihnen, zeigte dabei auf mich, ergriff neue Bücher und warf sie ins Feuer. Kurz zögerte ich, dann folgte ich ihm.
Entschuldigen Sie nochmals, begann ich ein neues Gespräch.
Nun stellten sich einige seiner Kameraden dazu.
Ich habe einen Roman geschrieben über die Entstehung des Nationalismus und die dann folgenden grausamen Auswirkungen,
Was will der Arsch?, fragte ein schmächtiger Student einen anderen.
Und ich habe einen Roman geschrieben über ein neues und ganz anderes Gesellschaftskonzept, erklärte ich ihm. Einen anderen darüber, dass man Menschen aus anderen Ländern bei uns aufnehmen sollte.
Jetzt traten Männer der Sturmabteilung hinzu und fragten, ob es Probleme gäbe. Und genau in diesem Moment konnte ich uns auch rundherum auf den Screens sehen.
Ich habe Lieder geschrieben gegen den Rassismus und ein Gedicht gegen das Wort Heimat, fuhr ich fort.
Was will der Kerl?, fragte ein dicklicher SA-Mann einen der Studenten. Doch er gab keine Antwort, sondern schaute betreten auf den Boden.
Ich habe undeutsche Literatur geschrieben, versuchte ich ihm eine Antwort zu geben.
In nem Verlag rausgekomm‘?, fragte er
Ich nickte: Ja, aber kein großer Verlag.
Irgendwas dabei?
Ich schüttelte den Kopf.
Immer mehr Studenten sammelten sich um uns. Die Arbeit stockte. In der Menschenmenge war ein überraschendes Schweigen eingetreten.
Dann finden wir das. Wir filzen die Buchhandlungen, Leihbüchereien und Bibliotheken. Und dann auch all die privaten Bücherregale.
Jetzt wurde er lauter, sprach mehr zu den Studenten und zu den Menschen auf dem Platz als zu mir.
Von allem, was gegen den deutschen Volksgeist verstößt, wird nichts mehr übrigbleiben. Wer den Geist verrät, verrät das Volk.
Dann zu mir: Und nun hauen Sie ab.
Das reichte mir nicht.
Aber auch meine Schriften müssen hier verbrannt werden, rief ich nun viel lauter als zuvor. Hier und heute. Nicht irgendwann. Nicht irgendwo heimlich. Ich möchte, dass es mit all dem hier zusammen verbrannt wird.
Sie sollen verschwinden, brüllte der SA-Mann mich nun an und hakte seinen Sturmriemen los.
Ich bewegte mich nicht. Auf dem Platz war es still. Doch plötzlich wurde die Menge um uns herum unruhig. Einige riefen etwas Unverständliches. Einige begannen zu pfeifen.
Sie haben Platzverweis, hörte ich den Mann von der SA.
Immer noch sah ich uns auf den Screens, doch ich rührte mich nicht. Einige Corpsstudenten näherten sich, ihre lächerlichen kleinen Mützen mit den kurzen Schirmen keck zur Seite geschoben. Einer begann mich zu schubsen, doch ich konnte mich auf den Beinen halten. Plötzlich holte der SA-Mann weit mit dem Sturmriemen aus. Die Studenten sprangen zu Seite. Das Leder traf mich auf der linken Wange. Doch bevor ich noch das Brennen dort spürte, erhob sich auf dem Platz ein jauchzendes Gebrüll.
Schlagt den Juden tot, schrie eine Frau und sofort erhob sich lautes Schreien von allen Seiten.
Blut lief mir am Hals hinunter. Fünf, sechs Studenten packten mich und trugen mich auf die Allee hinaus, schlugen mich, bis ich auf den nassen Boden stürzte, traten noch mehrfach zu und kehrten dann feixend zu ihrer Arbeit zurück, denn der Minister war angekommen. Von weitem hörte ich noch seine unangenehme Stimme: Der deutsche Mensch wird nicht ein Mensch des Buches, sondern ein Mensch des Charakters sein.

*

© 2023 Achim Koch
Alle Rechte vorbehalten

UNDEUTSCH ist im Rahmen eines Zyklus von 66 Geschichten aus elf deutschen Großstädten entstanden.

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Der Doppelgänger

Von Johannes Morschl

Es war in einer verregneten Novembernacht in Berlin, als der 44-jährige Dichter Georg Wirre glaubte, von jemandem verfolgt zu werden. Er ging gerade vom Heidelberger Krug am Chamissoplatz, wo er mit sich selbst gezecht hatte, zur Nachtbus-Haltestelle am Platz der Luftbrücke. Zuerst fiel es ihm gar nicht auf, doch allmählich drang es in sein Bewusstsein, Schritte hinter sich zu hören. Wenn er anhielt, verstummten sie, und wenn er weiterging, hörte er sie wieder. Er drehte sich ein paar Mal um, aber hinter ihm war niemand zu sehen.

Er hatte dieses Erlebnis fast schon vergessen, bis er Mitte Dezember auf Empfehlung eines Bekannten die Lesung einer Autorin besuchte. Die Lesung fand in einem dieser neuen Szenelokale im Norden von Neukölln statt, und zwar in einem großen Kellerraum unter dem Lokal, der mit harten Stühlen ausgestattet war, auf denen ein längeres Sitzen zu einer echten Qual wurde. Die Autorin, eine elegant gekleidete Frau mittleren Alters, las mit sanfter selbstgefälliger Stimme groteske Texte über schwer gestörte Männer vor, über Totalversager, Mörder und Triebtäter. Nach der Lesung verspürte Wirre das dringende Bedürfnis, wiedereinmal den Heidelberger Krug aufzusuchen. Dort kippte er sich einige Wodkas hinter die Binde. Dabei musste er an die Lesung denken. Sah die Autorin alle Männer, und somit auch ihn, als schwere psychiatrische Fälle an? „Nie wieder unter das Joch einer Frau!“, schwor er sich nach dem vierten Wodka. Schon seiner Mutter hatte er nie etwas recht machen können, und seine Ex-Frau hatte zu einer wahren Xanthippe werden können, wenn er im Haushalt irgendetwas getan hatte, was ihrem Ordnungssinn zuwiderlief. Dabei ging es um lächerliche Kleinigkeiten wie um ein paar Krümel, die von seinem Frühstücksbrot auf den immer blitzblanken Fußboden gefallen waren, oder um eine leere Zigarettenschachtel, die er irrtümlich in die Mülltüte mit dem Biomüll geworfen hatte. Ihm wäre das gar nicht aufgefallen, wenn seine Exfrau deswegen nicht so ein Theater gemacht hätte. Misstrauisch hatte sie jede noch so kleine Bewegung von ihm beobachtet, so als wäre er ein unberechenbares, nicht stubenreines Tier.

Gegen zwei Uhr nachts bezahlte Wirre seine Rechnung und machte sich auf den Weg zur Nachtbus-Haltestelle, wobei er vom Wodka ziemlich benebelt war. In der menschenleeren Fidicinstraße hörte er auf einmal Schritte hinter sich. „Nein! Bitte nicht schon wieder!“, dachte er. Nun wollte er es aber wissen! Mit einem Ruck drehte er sich um, stolperte dabei über die eigenen Füße und fiel hin. Im Fallen konnte er gerade noch sehen, wie eine schattenhafte Gestalt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm zu haben schien, in einem Hauseingang verschwand. Schnell stand er auf und lief zu dem Hauseingang, doch die Gestalt war wie vom Erdboden verschluckt. Nun war Wirre völlig verwirrt. Bildete er sich das alles nur ein?

An einem Dienstagabend Anfang Januar des folgenden Jahres besuchte er eine Autorenlesung in Kreuzberg, welche die Länge einer Wagneroper hatte. Sie begann um 20 Uhr und endete erst kurz vor Mitternacht. Wer eine Wagneroper schon einmal ausgesessen hat, weiß, was das einem an Geduld und Sitzvermögen abverlangt. Mit einer schwachen Blase sollte man da lieber nicht hingehen. Am Ende fühlt man sich wie erschlagen und kann sich kaum noch bewegen. Gleich nach der Lesung fuhr Wirre völlig erschöpft mit der U-Bahn nach Hause. Bald schlief er auf dem Sitz ein. Irgendwann wurde er vom Rütteln des Waggons geweckt, und siehe da, auf dem vorher leeren Sitzplatz ihm gegenüber saß nun ein Mann, der haargenau so aussah wie er! Genauso wie er hatte der Mann einen schmächtigen, fast zwergenhaften Körper und einen übergroßen Kopf mit schütterem fahlgelben Haar, kleinen rosaroten Ohren, Augen, die an jene einer Eule erinnerten, einer großen Adlernase, dünnen Lippen und einem stark nach vorn ragenden Kinn. Auch der aschgraue Wintermantel, die schwarze Cordhose und die schwarzen Halbstiefel, die der Mann trug, glichen genau dem, was er anhatte. Während er den Mann verstört anstarrte, schien ihn dieser nicht zu beachten. Doch als er sich räusperte, da räusperte sich auch der Mann, und als er mit dem rechten Fuß ein wenig auf dem Boden scharrte, da scharrte auch der Mann mit dem rechten Fuß ein wenig auf dem Boden. Wirre rieb sich die Augen, kniff sich in die Haut, doch sein Gegenüber wollte sich nicht in Luft auflösen.

„Ist das eine dieser wahnhaften Wahrnehmungsstörungen, eine optisch-szenische Halluzination, wie sie in Psychiatrie-Lehrbüchern beschrieben wird?“, dachte Wirre. Doch das konnte nicht sein, denn der Mann, der ihm da gegenübersaß, war zweifellos echt. „Das kann nur ein verrückter Zufall sein“, versuchte er sich zu beruhigen. „Warum sollte es nicht einen Menschen geben, der einem sehr ähnlich sieht? So etwas kann bei den Milliarden Menschen, die es auf der Erde gibt, schon mal vorkommen.“ Aber dass ihm der Mann auch in der Kleidung bis aufs kleinste Detail glich, kam ihm dann doch unheimlich vor. Er überlegte, ob es sich hier vielleicht um ein parapsychologisches, naturwissenschaftlich noch nicht erforschtes Phänomen handeln könnte. Vielleicht war ein Parallel-Ich von ihm aus einer Parallelwelt irrtümlich in diese Welt geraten, von der er bisher geglaubt hatte, sie sei die einzige Welt, die es gebe. Waren es die Schritte dieses Mannes, die er im November und Dezember letzten Jahres hinter sich gehört hatte? War dieser Mann jene Schattengestalt, die spurlos in einem Hauseingang verschwunden war? Verstellte sich dieser jetzt und tat nur so, als würde er ihn nicht kennen? Wirre wurde übel. Er hatte schon genug Probleme am Hals, ein bis zum Anschlag überzogenes Konto, Schulden bei seiner Ex-Frau, die er nicht begleichen konnte, und Streit mit einem cholerischen Nachbar, der als gewalttätig galt und einen Kampfhund besaß. Und nun auch noch dazu dieser Doppelgänger, womöglich aus einer Parallelwelt! Der hatte ihm gerade noch gefehlt!

Plötzlich fixierte ihn der Mann und fuhr ihn an: „Was glotzen Sie mich die ganze Zeit so an? Glauben Sie, ich weiß nicht, wer Sie sind? Sie schleichen mir schon seit Wochen nach! Und was soll diese idiotische Nachahmung von mir? Hat Sie etwa meine Ex-Frau engagiert, damit Sie meinen Doppelgänger mimen, um mich in den Wahnsinn zu treiben? Sie haben mir gerade noch gefehlt! Ich habe schon genug Probleme am Hals!“ Wirre war fassungslos. Dies konnte, ja durfte nicht wahr sein! Sein Gegenüber drehte den Spieß ganz einfach um! Empört schnauzte er zurück: „Das ist eine unverschämte Frechheit! Sie sind doch derjenige, der hier meinen Doppelgänger mimt und mir nachschleicht. Ich bin kein Doppelgänger, ich bin das Original! Was soll dieses ganze Affentheater? Verschwinden Sie wieder in Ihre Parallelwelt, aus der Sie gekommen sind! Das hier ist nicht Ihre Welt, das ist meine Welt. Sie haben sich in der Welt geirrt.“ Da begannen die Eulenaugen des Mannes vor Wut zu glühen. Er sprang auf, zog Wirre vom Sitz hoch und stieß ihn mit voller Wucht auf den Boden. Wirre schlug mit dem Hinterkopf auf. Ihm begannen die Sinne zu schwinden. Er nahm noch verschwommen besorgte Gesichter von Fahrgästen über sich wahr, dann verlor er das Bewusstsein.

Am nächsten Morgen erwachte er in einem Krankenhausbett. Eine Krankenschwester mittleren Alters sprach ihn mit sanfter selbstgefälliger Stimme an: „Na, wieder klar im Kopf? Sie sind in der U-Bahn bewusstlos geworden. Die Notfallrettung hat Sie zu uns gebracht. Als Sie wieder zu Bewusstsein kamen, haben Sie von einem Doppelgänger fantasiert, der Sie verfolgt. Gleich kommt ein Arzt, der Neurologe und Psychiater ist, um mit Ihnen zu reden und ein paar Tests zu machen.“ Wie seltsam! Diese Krankenschwester erinnerte Wirre fatal an die Autorin der monströsen Männergeschichten von der Lesung im Dezember letzten Jahres in Neukölln, ja er war sich fast sicher, dass es sich bei der Krankenschwester und der Autorin um ein und dieselbe Person handelte. Er fühlte sich äußerst unwohl in seiner Haut. Als er aber dann den eintretenden Neurologen und Psychiater erblickte, stellten sich ihm die Haare zu Berge. Vor ihm stand sein Doppelgänger, diesmal mit weißem Arztkittel kostümiert! Wirre sprang wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett und rief: „Ich lass mich nicht von einem Verrückten für verrückt erklären!“ Schnell nahm er seine Wohnungsschlüssel und seine Brieftasche an sich, die auf dem weißen Tischchen neben seinem Krankenbett lagen, und floh, umflattert von einem viel zu großen weißen Nachthemd, das man ihm nach seiner Einlieferung angezogen hatte, aus dem Krankenzimmer. Während er durch die Gänge in Richtung Ausgang rannte, hörte er Rufe hinter sich: „Halt! Stehen bleiben! Kommen Sie sofort wieder zurück! Haltet ihn auf!“

Als er endlich im Freien war, bekam er einen Schock von der klirrenden Kälte draußen. Zum Glück stand ein Taxi vor dem Krankenhaus. Er lief hin, riss die hintere Tür auf und setzte sich auf die Rückbank. Am Lenkrad saß eine alte weißhaarige Frau. Wirre war darüber etwas irritiert. Er dachte sich: „Eine so alte Frau darf noch ein Taxi fahren? Damit nimmt man eine erhöhte Unfallgefahr billigend in Kauf.“ Er sah sie zunächst nur von hinten. Merkwürdiger Weise kam auch sie ihm irgendwie bekannt vor. Als sie sich zu ihm umdrehte und ihn anlächelte, hätte er vor Schreck fast wieder das Bewusstsein verloren. Er erkannte in ihr seine vor Jahren verstorbene Oma Paula, die Oma mütterlicherseits, die aus Böhmen stammte und die er nicht nur wegen ihrer exzellenten Kochkunst geliebt hatte! Da fuhr die alte Frau ruckartig los, beschleunigte auf eine Geschwindigkeit, die um etliches über der erlaubten lag, und sang dabei in Anlehnung an den uralten Schlager von Willy Fritsch & Lilian Harvey Ich tanze mit dir in den Himmel hinein: „Ich fahre mit dir in den Himmel hinein, in den siebenten Himmel der Liebe!“ Er protestierte: „Oma, ich will nicht in den Himmel fahren, auch nicht in den siebenten Himmel der Liebe! Ich will nach Hause!“ Die Oma erwiderte: „Aber Georg, im Himmel ist das Zuhause!“ Da überkam Georg Wirre eine wohlige Mattigkeit und er fiel in einen tiefen erlösenden Schlaf, in dem sich die Wirren, in die er geraten war, in Nichts auflösten.

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© 2023 Johannes Morschl
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Hoher Besuch

Von Johannes Morschl

Eurydike lag auf einer Couch aus Omas Zeiten und rauchte eine lange, dicke, verdächtig riechende Zigarette. Auf dem fleckigen gelben Teppich vor der Couch lagen zerknüllte Papiertaschentücher, leere Bierdosen, eine achtlos abgestreifte Strumpfhose, ein Buch über Tantra-Sex und ein Plastiktütchen mit Marihuana. In einer Ecke saß Orpheus auf einem Stuhl, zupfte auf seiner Leier und sang:

„Bald muss ich sterben,
alles fällt in Scherben,
die Welt ist so schlecht,
nur meine Muse ist echt.“

Mit seiner Muse meinte er Eurydike. Diese rief ihm zu: „Ist ja nett von dir, dass du mich für echt und nicht für falsch hältst! Aber ansonsten treibt mich dein Geleier in tiefste Depressionen. Leck lieber an meinen Ohrläppchen! Das würde mir jetzt gut tun für meine Erleuchtung. Dann wird es wieder heller in mir.“ Orpheus: „Oh, meine für ewig einzig geliebte Muse! Nichts täte ich lieber, als wo auch immer an dir zu lecken! Doch möchte ich darauf hinweisen, dass gleich Hades und Persephone, das Herrscherpaar der Sozialämter kommt, um unsere Verhältnisse zu kontrollieren, ob wir nicht heimlich aus verborgenen Quellen in Saus und Braus leben würden. Wir sollten ein wenig aufräumen, lüften und das Gras verstecken.“ Eurydike: „Jetzt schieb keine Paranoia! Lass sie doch ruhig kommen. Bei uns gibt es sowieso keinen Luxus zu finden. Und ein bisschen kiffen wird man ja wohl noch dürfen, wenn man sonst schon kein Vergnügen in diesem Elend hat. Ich rühr wegen denen keinen Finger!“ Orpheus geriet in einen inneren Konflikt. „Soll ich an ihren Ohrläppchen lecken oder lieber aufräumen?“

Er entschied sich für Letzteres. Er öffnete die beiden Wohnzimmerfenster, damit der verdächtige Qualm in den Hinterhof abziehen konnte, versteckte das Tütchen mit Marihuana und beseitigte das Chaos vor der Couch. Dann holte er den Staubsauger. Eurydike: „Wenn du schon nicht an meinen Ohrläppchen lecken willst, dann könntest du wenigstens nackt staubsaugen. Du weißt ja, wie sehr mich das beim Zuschauen stimuliert. Das fördert meine Erleuchtung.“ Orpheus: „Du schönste Blume der Unterwelt, du glänzendster Stern des Abgrunds, das mach ich gerne für dich!“ Dabei dachte er: „Dann lässt sie mich wenigstens in Ruhe staubsaugen.“ Er zog sich nackt aus und begann staubzusaugen. Eurydike war begeistert. Nach fünf Minuten bekam sie einen orgastischen Lachanfall und stöhnte: „Hör auf! Ich kann nicht mehr! Ich sterbe gleich vor lauter Erleuchtung!“

Da läutete es an der Wohnungstür. In Blitzeseile zog Orpheus sich wieder an, ging in den Flur, öffnete die Tür und sagte: „Treten Sie nur ein in unsere bescheidene Behausung, allergnädigste Herrschaften!“ Dabei machte er eine übertrieben tiefe Verbeugung. Hades und Persephone, beide in aschgrauer Kleidung, traten mit gestrengen Mienen ein. Persephone sah aus wie eine pummelige Mutti mit einer Martin-Luther-Frisur, und Hades wie ein spärlich behaartes Ei, das sich auf zwei Stelzen bewegt. Orpheus führte die beiden ins Wohnzimmer. Persephone rümpfte die Nase. „Hier riecht es so merkwürdig. Sie rauchen doch nicht etwa dieses verbotene Teufelszeug?! Woher haben Sie überhaupt das Geld dafür?“ Eurydike: „Was für ein Teufelszeug? Glauben Sie vielleicht, wir wären Satanisten? Nein, nein, der Geruch kommt von meinem Mann! Der leidet an Blähungen von dem Bohneneintopf, den wir jeden Tag essen. Etwas anderes können wir uns ja nicht leisten von dem wenigen Geld, das wir vom Sozialamt bekommen.“ Persephone ließ nicht locker. „Es riecht hier aber anders als nach Mann!“ Eurydike: „Na, hören Sie mal, ich muss doch besser wissen, nach was es hier riecht! Es stinkt hier eindeutig nach meinem Mann.“ Hades, der Kettenraucher war und davon fast gänzlich seinen Geruchssinn verloren hatte, stellte fest: „Ich rieche nichts.“ Dann fiel sein Blick auf die Leier von Orpheus. Er sagte: „Das muss ein sehr wertvolles Stück sein, sieht aus wie eine antike Lyra. Die könnten Sie sicher gut verkaufen.“ Orpheus stammelte aufgeregt: „Da-da-das können Sie nicht von mir verlangen! I-i-ich bin mit Leib und Seele Künstler! Ohne meine Leier bin ich nichts mehr!“ Persephone spitz: „Und wie viel verdienen Sie mit Ihrer Kunst? Das müssen Sie bei uns angeben, sonst bekommen Sie eine Anzeige wegen Sozialbetrugs.“ Eurydike mischte sich ein. „Der, und was verdienen? Schön wär’s! Dann würde er ein Publikum voll leiern und nicht den ganzen Tag mich. Ich hab schon eine chronische Migräne davon.“

Hades empfand Mitleid mit ihr, vor allem, weil er sie ausgesprochen attraktiv fand. Er dachte, sie hätte sich etwas Besseres verdient als diesen Hungerkünstler, wobei er mit Besserem sich selbst meinte. Er bat Eurydike, ihm die anderen Räume der Wohnung zu zeigen. Persephone solle sich inzwischen von Orpheus die Kontoauszüge aus den letzten Monaten vorlegen lassen. Eurydike führte Hades zuerst ins Schlafzimmer, das sich am anderen Ende des Flurs befand, während Orpheus die Kontoauszüge holte und sie Persephone überreichte. Diese setzte sich auf die Couch, holte aus ihrer Handtasche eine Lupe und studierte genauestens jeden Eintrag. Orpheus setzte sich wieder auf den Stuhl in der Ecke und fragte: „Stört es Sie, wenn ich inzwischen auf meiner Leier spiele?“ Persephone gnädig: „Meinetwegen, wenn Sie es nicht lassen können.“ Orpheus spielte und sang:

„Oh, du holde Dame vom Sozialamt,
wie erhitzet mich deine Haut wie aus Samt,
deine Sternenaugen betören mich,
mein Herz möchte rufen: Ich liebe dich!“

„Meint der mich?“, dachte Persephone geschmeichelt. Eine amtlich unkorrekte Fantasie überkam sie. Sie stellte sich vor, mit Orpheus eine – wie es in der Amtssprache heißt – Bedarfsgemeinschaft einzugehen, denn bedürftig war sie. Der eheliche Verkehr zwischen Hades und ihr war fast völlig zum Erliegen gekommen. Hades bekam bei ihr keinen mehr hoch, und das schon seit Langem. Da tat sie plötzlich etwas, das gegen jede Vorschrift verstieß. Sie stand auf, watschelte zu Orpheus, setzte sich auf seinen Schoß und drückte ihm einen feuchten Kuss auf die Lippen. Orpheus war perplex. Er hatte sie zwar mit seinem Gesang bezirzen wollen, um sie milder zu stimmen, aber das? Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Würde er sich ihr verweigern, dann könnte das womöglich zu empfindlichen Abzügen von der ohnehin sehr mageren Sozialhilfe führen.

Auf einmal konnte man ein helles Lachen und verdächtige Geräusche aus dem Schlafzimmer hören. Persephone horchte auf und sprach: „Was geht da vor?“ Orpheus erschrak. Dieses Lachen war ihm bestens vertraut. „Um Himmelswillen!“, dachte er. „Was treibt Eurydike mit Hades?“ Um Persephone abzulenken, begann er laut ein Lied anzustimmen:

„Halb nahmst du mich,
halb sank ich dahin,
halbiert hast du mich,
jetzt bin ich ganz hin.“

Nun gut, dies war nicht gerade der sinnigste Reim, der ihm da auf die Schnelle eingefallen war, und Persephone ließ sich auch nicht davon ablenken. Sie rutschte von seinem Schoß runter und watschelte schnurstracks zum Schlafzimmer. Bebend vor Angst, was da ans Licht kommen könnte, folgte ihr Orpheus. Persephone öffnete leise die Schlafzimmertür. Beim Anblick, der sich ihr da bot, kochte sofort Wut in ihr hoch, denn drinnen kroch Hades nackt auf allen Vieren auf dem Boden herum, während die ebenfalls nackte Eurydike auf seinem Rücken saß und ihn anfeuerte: „Schneller, mein Pferdchen, nicht so lahm!“ Dabei schlug sie ihm mit der Hand auf den Hintern und bog sich dabei vor Lachen. Die beiden waren so sehr in ihr Spiel vertieft, dass sie Persephone erst wahrnahmen, als diese Hades anzuschreien begann. „Du perverses Schwein! Du impotenter Lustmolch! Du bist ab sofort sowohl als mein Ehemann als auch als Mitherrscher über das Reich der Sozialämter gefeuert!“ Hades erstarrte vor Schreck und Eurydikes Lachen erstarb. Nach diesem Machtwort watschelte Persephone hocherhobenen Hauptes aus der Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu.

Orpheus, der sich ansonsten Amtspersonen gegenüber eher untertänig verhielt und auf Harmonie bedacht war, wurde nun patzig zu Hades: „Jetzt ziehen Sie sich sofort wieder an und verschwinden von hier, aber dalli! Sie befinden sich hier nicht in einem Bordell!“ Hades zog sich schnell wieder an und stelzte eilends Persephone hinterher, um vor ihr den reuigen Sünder zu mimen, der um Vergebung bittet und verspricht, so etwas nie wieder zu tun. Eurydike, nun auch wieder bekleidet, legte sich auf die Couch im Wohnzimmer und schmollte, da man sie ihres Vergnügens beraubt hatte, welches für ihre Erleuchtung so förderlich war. Um sich zu trösten, drehte sie sich eine dieser langen, dicken, verdächtig riechenden Zigaretten und begann zu paffen. Nach ein paar Minuten war sie so weit entrückt, dass sie die Turbulenzen in der sozialen Unterwelt, in der sie mit Orpheus lebte, nicht mehr wahrnahm. Orpheus begann wieder auf seiner Leier zu zupfen und sang:

„Schon geht die Welt unter,
es geht drüber und drunter,
noch haben wir Bohnen
und ein Loch zum Wohnen.“

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© 2023 Johannes Morschl
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Von drüben

Von Michael Wiedorn

In der Amerika-Gedenkbibliothek sitzt gelegentlich an einem der vielen Tische vor dem großen Fenster zum Halleschen Tor hin ein altes Pärchen. Ein Mann in den Fünfzigern mit Hornbrille und einem grauen Haarkranz um die Altersglatze. Seine Gesichtshaut ist rot. Die zwergenhafte Greisin an seiner Seite ist vielleicht schon weit über hundert. Ihre weißen Haare sind hinten zu einem Zopf gebunden. Sie ist wohl die Mutter mit ihrem unter ihrer strengen Obhut alt gewordenem Kind. Sie blättert gelangweilt in Haushaltszeitschriften mit Kochrezepten. Er hat einen Stapel mit Bildbänden vor sich. Unser schönes Südtirol. Die Schlösser der Loire. Unter ihrem Tisch stehen prall gefüllte Einkaufstüten. Der treue Sohn bückt sich und kramt in den Tüten herum und zieht eine Flasche heraus. Er bietet seiner Mama mit einer sanften, ängstlichen Kinderstimme das Getränk an. Nur ein falscher Ton und ihre gemeinsame Idylle zerbricht. Die Vertreibung aus dem Paradies durch die gestrenge Muttergottes. Die Muttergottes krallt ihre feuerrot bemalten Krallen in das Fleisch des Kindes. Die Muttergottes lässt das arme Kind ganz einfach fallen. Es fällt und fällt im leeren Raum des immer kälteren und noch eisigeren Kosmos ins Bodenlose. Die Göttin reagiert nicht auf das Trinkangebot, sondern starrt nur böse und geistesabwesend zum Fenster hinaus. Sie fühlt sich belästigt. Er stört sie aus ihren tiefen Gedanken. Manchmal wendet sie den Kopf um mit einem hasserfüllten Blick zu einem jungen Mädchen an einem Nachbartisch zu blicken. Es gibt in der Bibliothek immer junge Mädchen. Dumme Gören. Dumme Puten. Das alte Pärchen ist in matten Braun-, Grau- und Grüntönen gekleidet. Beide sind Waldwesen. Es sind keine Menschen. Draußen in der freien Natur verwandeln sie sich in irgendwelche Wald- und Wiesentiere. Hasen, Dachse, Maulwürfe. Ihre Kleidung ist immer mit etwas Schlamm oder Staub bedeckt. Ein anderes Mal hatte er einen tannengrünen Rollkragenpullover mit Glitzer an. Todschick. Sie fragt aus ihren Träumen gerissen ungehalten, ob sie Prager Schinken gekauft hätten. Mit seiner behutsamen Stimme möchte er seiner Mutter eine Abbildung in einem Bildband zeigen. Sie beide wären doch schon dort in Würzburg gemeinsam gewesen. Sie fragt darauf nach der Zeit und wann sie zur Bank gehen, um Geld abzuheben. Sie blickt irgendwohin aus dem Fenster. Die Antworten ihres Sohnes hört sie nicht. Ihr Sprössling langweilt sie. Beide versinken dann wieder schweigend in ihre jeweiligen Beschäftigungen. Wenn er sich unbeobachtet fühlt, glotzt er durch die Glasscheibe, hält seinen Kopf schief, blinzelt hektisch und schneidet monströse Fratzen. Das Kinn wird vorgeschoben. Die Lippen werden gekräuselt. Die Augen aufgerissen. Sämtliche Falten und Muskeln im Gesicht werden erschüttert. Das heimliche Leben tritt kurz ans Tageslicht. Merkt der Mann, das er beobachtet wird, erstarrt die Grimasse zu einer völlig reglosen Totenmaske. War irgendetwas?
Das von Unbefugten ertappte Reptil erschrickt zu Tode und erstarrt.
23.3.1998

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© 2023 Michael Wiedorn
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Wenn die Bilder der Erinnerung festgehalten werden, erlöschen sie

Von Michael Wiedorn

Ich sitze in meinem Zimmer, ich laufe durch die Straßen und in meinen Gedanken ziehen schemenhaft Gesichter und Orte vorbei. Ich bin zerstreut und verfließe in Tagträume und Grübeleien. Aus den Fluten der Erinnerungen – der abgespeicherten Bilder und Bildbruchstücke – taucht eine weiße Mauer auf. Ich stehe unmittelbar davor. Der Traum saugt mich tief in sich ein. Würde ich meinen träumenden und geträumten Finger über die Buckel und Erhebungen der Wand gleiten lassen, würde sich der Verputz rau anfühlen. Ich hätte ein leicht pelziges Gefühl an der Fingerkuppe. Metallgeruch von den Rolladenrahmungen, von denen die weiße Farbe abbröckelt und der Rost darunter hervortritt. Der Sommergeruch meiner Kindheit tritt mir in die Nase. Warmer Wind weht den würzigen Geruch von blühenden Fliedersträuchern in meine Nase.
Bevor ich dazu komme, mich zu fragen, wann ich in diesem Haus war und wer darin wohnte, entflieht mein Erinnerungsbild. Mein Blick fällt auf einen Spaziergänger auf der anderen Straßenseite oder im Radio beginnen die Nachrichten. Was für eine Mauer? Was für ein blühender Flieder? Ich spüre nicht im Mindesten, dass mir etwas entflohen ist. Das Haus mit Garten und Wind ist in die grenzenlose Masse der Traum- und Erinnerungsbilder abgetaucht, um vielleicht irgendwann oder auch nie wieder aufzutauchen. Ich habe nichts im Griff. Gibt es mich überhaupt? Kann ich mich jeden Moment in meine Bestandteile auflösen? Ich lebe nicht, sondern träume nur. Ich bin Wasser, das nicht zu greifen ist.
Hätte ich Stift und Block zur Hand gehabt und hätte diese flüchtigen und fließenden Erinnerungen zu Wortgebilden verdinglicht, wären diese weiße Mauer und der würzig riechende Sommerwind zu einem außerhalb meines Kopfes dastehenden Text geronnen. Ein Text wie unendlich viele andere auch. Ein Zeitungsbericht über die Klimakrise, eine Buchrezension, mein Text über die Wand im Sommer. Alle können den Text lesen. Mir ist der Erinnerungssplitter zu einem Text erstarrt. Wird dieser Sommeraugenblick jemals wieder in seiner Willkür im Strom des Bewusstseins auftauchen und wieder wegschwimmen oder hat der grammatikalisch festgelegte Text die Erinnerung ausgelöscht? Ich werde dann nie herausfinden, in welchem Zusammenhang diese Erinnerung steht. Was ist an diesem Sommertag geschehen? Geschah an diesem Tag ein Mord, brach ein Krieg aus, fiel an diesem Tag ein Teller vom Tisch und zerbrach?
Ein Nachbar, von dem mir andere Erinnerungsbilder berichten, dass er schon vor wenigen Jahren ein gebrechlicher, alter Mann im Rollstuhl war, radelt in meiner Erinnerung jung und das Leben erwartend am Haus vorbei. Der Film der Erinnerungen zeigt meinem inneren Auge einen Strauß Blumen in einer hellblauen Vase auf einem weiß gestrichenen Tischchen. Habe ich als Kind in diesem Hause gelebt? Wenn auch nur kurz in den Ferien? Meine Mutter hasste es, wenn jemand Blüten von lebenden Sträuchern abriss. Dieser Blumenstrauß kann auf jeden Fall kaum bei uns zu Hause gestanden haben.
Erinnerungsbilder vermischen sich mit Traum- und Lügenbildern. Ich habe immer nur gelogen und alle Lügen geglaubt. Ich habe immer nur geträumt und bin nur ein eingeschnürter, kopfloser Rumpf in einer dunklen Ecke.
Ein Greis erhebt wichtigtuerisch seinen Zeigefinger und blickt vom Rollstuhl zur Pflegerin auf und erzählt immer wieder genau die selben Anekdoten mit den immer gleichen Worten. Die Flüssigkeit der Erinnerungen ist zu zähen Staubbrocken verdickt. Die Vergangenheit scheint in geradlinig aufgereihten, festgemauerten Erinnerungskammern ihre Ruhe gefunden zu haben. Das ganze Leben ist nach Belieben einfach abrufbar. Nachts erwacht er trotzdem schweißgebadet aus dem Schlaf. Die gut und schön gemörtelte Kindheitsanekdote über seine lieben und so heiß geliebten Eltern und die schöne Heimat hat sich während des Tiefschlafes in Dünnschiss verwandelt. Die Bettlaken sind nass und braun. Die Versteinerung der zur Anekdote verhärteten Erinnerung ist in den Träumen aufgebrochen. Der alte Mann ist im Traum in seine Jugend zurückgekehrt und ist beim Anblick seines Vaters, für den er sich aufopferte, dem er alles verdankte, der ihm ein heiliges Vorbild darstellte, zu einer Eissäule eingefroren. Der Vater war kalt – eiskalt. Der Alte träumt dem Vater, den er doch immer so verehrte, den er immer mit ganzem Herz heiß liebte, mit einem Messer die Gesichtshaut vom Schädel zu schneiden. Die schöne Heimat, das geliebte Elternhaus mit den duftenden Fliederbüschen und den von der Mutter so liebevoll gepflegten Rosenbeeten fängt Feuer. Wer hat das Feuer gelegt? Er weiß es nicht. Die schöne Heimat gibt es nicht mehr. Sie hat nie existiert.
Der Alte weiß nicht, wer er ist.

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© 2023 Michael Wiedorn
Alle Rechte vorbehalten

Selbständig

Von Michael Wiedorn

Er ist frei. Er liebt seine Freiheit. Keine Bindungen schnüren ihn ein. Früher hätte man ihn als Junggesellen bezeichnet. Er nennt sich lieber einen Single. Unter Junggesellen stellt man sich traurige, ältliche Knaben in billigen, altmodischen Anzügen vor. Unter der Woche buckelten sie zu festen Bürozeiten vor dem Chef. Punkt acht Uhr antreten. Den Feierabend und die Wochenenden vertrödelten sie vor dem Radio. Sie standen unter der Fuchtel gestrenger Zimmervermieterinnen. Junggesellen waren der traurige Rest. Übriggebliebene. Zu farblos, zu armselig, zu hässlich für die Frauen.
Singles genießen ihre Freiheit. Bis weit ins Alter vergnügen sie sich wie früher nur die ganz jungen Kerle, bevor sie unter die Haube gezwungen wurden und den Rest ihres Lebens im drögen Alltag der Ehe schmachteten. Man bleibt heute länger jung. Die Wochenenden verbringt unser Vertreter am Abend bis Lokalschluss in Discos in immer wieder verschiedenen Städten. Gelegentlich gelingt es Ihm das eine oder andere junge Mädchen in sein Hotelzimmer zu locken. Es gelang ihm noch vor wenigen Jahren. Er ist nicht alt, wirklich nicht. Doch, er ist alt. Er ist reif. Sagen wir so! Er fühlt sich immer mehr wie ein kesser Vater. Die jungen Mädchen lassen ihren Blick nur kurz über ihn huschen. Verachten sie ihn? Haben sie mit ihm Mitleid? Sie könnten ihn auch als lebenserfahrenen, großen Bruder sehen. Er versucht Blickkontakt mit ihnen aufzunehmen. Sie gucken dann überheblich über ihn hinweg wie über Nasenschleim auf der Theke. Manchmal wird er von Wohlwollenden in freundlichem Ton angesprochen – bitte nicht persönlich nehmen, es ist nicht gegen Sie – ob er hier her passe. Er sei doch eher soigniert mit seinem immer korrektem Anzug. Er sei doch sicher ein sehr vernünftiger Mensch. Sehr reif. „Ihr dürft mich ruhig duzen!“ – schreit er dann lautlos in sich hinein.
Sonntag früh steht er dann mit vom Alkohol ganz dicken Kopf in der klirrenden Morgenkälte in irgendeiner fremden Stadt. Es ist Winter. Wie viel Geld hat er in der letzten Nacht vergeblich zum Fenster hinausgeworfen? Den Sonntag verbringt er todmüde und schlaflos in seinem Hotelbett. Er glotzt die kahlen Wände an, bis die Dämmerung einbricht und er dann einschläft. Im Traum schaut er in einen Spiegel, der ihn langsam einsaugt.
Er ist Vertreter für Staubsauger. Er kann sich seine Arbeitszeit frei aussuchen. Wenn er verschläft, steht da kein Vorarbeiter und klopft ungeduldig mit dem Zeigefinger auf das Zifferblatt seiner Armbanduhr und blickt mit strengem Auge auf seinen Untergebenen herab. Passiert das noch einmal, wird er in das abgrundtiefe Loch der Arbeitslosigkeit stürzen. Ein Vertreter kann auch einen oder mehrere Tage Urlaub machen – rein theoretisch. Das Geld muss aber verdient werden. Am Ersten muss genug auf dem Konto liegen. Man hat ja ständige Unkosten. Vielleicht verliert er eines Tages völlig den Boden unter den Füßen und fällt und fällt in die Leere.
Ein Vertreter ist den ganzen Tag auf den Beinen – von morgens bis zum frühen Abend. Auch samstags. Mehr oder minder mürrische Hausfrauen öffnen die Türe, hören sich misstrauisch seinen einstudierten und immer wieder durchgekauten Text an. Jeden Tag immer wieder und wieder den selben Text. Die meisten Türen knallen nach nur wenigen Sekunden zu. Er ist draußen. Er ist der Fremde von draußen. Aus der Kälte fremder Milchstraßen. Mit den wenigen nicht ganz so abweisenden Hausbewohnern versucht er ein freundliches Gespräch anzufangen. Übers Wetter, die Politiker, die nur in die eigene Tasche wirtschaften, den Werteverfall. Über die Dummheit der Massen. Die Menschen werden nie dazulernen. Das Knieleiden des Gesprächspartners. Man versteht sich. Der erste Frost taut auf. Man ist sich einig und bestätigt sich gegenseitig als ernsthafte, vernünftige Erwachsene. Vernünftigkeit plappert sich von selbst. Man muss flexibel sein und ein Gespür dafür entwickeln, welche Meinungen jetzt passen. Man ist sich einig in der tiefen Verachtung des heute überall gängigen Opportunismus.
Natürlich ist das Gespräch kein Selbstzweck. Der Fremde bibbert im Innersten, dass die Alte sein Zeug abkauft. Er verplempert meistens seine kostbare Zeit mit solchem Gewäsch. Der Hausfrau fällt plötzlich ein dringender Termin ein und sie verabschiedet sich abrupt mit freundlichstem Grinsen auf ihrer Fresse. Oder der Ehemann erscheint. Entschlossen packt er mit starker Hand die Wohnungstüre und knallt sie zu. In anderen Fällen ist der Gatte vielleicht höflich, aber der Vertreter spürt, dass bei seinem Erscheinen die Frau nervös lächelt und es plötzlich klar ist, dass sie doch keinen neuen Staubsauger braucht. Alle Mühe für die Katz! Sie wünscht ihm noch alles Gute für sein weiteres Leben und schließt verstohlen die Türe zu. Zur Vorsicht schließt sie noch mit den Schlüsseln ab. Mehrmals! Man weiß ja nie, was aus der Fremde kommt. Er steht noch mit servilem Lächeln da und kann seinen Staubsauger über die vereisten Wege zum Auto zurücktragen. Wer braucht schon seinen Staubsauger?
Er fährt sein ganzes Leben über Autobahnen. Raststätten, Tankstellen, Äcker flitzen an ihm vorüber. Es schneit. Am Straßenrand liegt schmutziger, gelb-grauer Schnee. Er ist irgendwie ein Indianer, ein Nomade, der über die Weiten zieht. Ein Unangepasster, der nie mit der Masse mitmarschiert. Er ist jetzt müde. Er nickt eine Augenblick ein.
Er blickt in einen billigen Hotelspiegel. Die Glasscheibe saugt ihn langsam ein. Es ist klamm kalt. Schmutziger, nasser Schnee fällt in die Tiefe. Es ist nüchtern hell. Werktagslicht. Vormittagslicht. Auf gelb-grauer Schneefläche sieht er sein verwundetes Gesicht. Ein verbrauchtes, blasses Gesicht. Rot. Diese Gesichtsfläche hat es versäumt ein Antlitz entstehen zu lassen.

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© 2023 Michael Wiedorn
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