Die Sonne hat die Erde entzündet

Von Michael Wiedorn

Er tritt aus dem Personalausgang der Bank, in der er arbeitet. Er blickt in einen Spiegel. Den ganzen Tag schon fühlte er sich matt und eingesperrt in die Totenstarre des Bankalltags. Seine Augenlider sind entzündet. Seine Gesichtshaut scheint ihm blass und schlaff. Er wird auch nicht jünger. Ihn ekelt es vor sich selbst. Er sollte mehr an die frische Luft. Die Winde aus den Bergen und von den Meeren treiben das belebende Rot des Blutes hervor. Allgemein gilt er als attraktiver, junger Mann. Naja! Er ist athletisch gebaut und hat ein markantes Gesicht.
Heute ist ein sonniger Vorfrühlingstag. Es ist nicht mehr so kalt wie im Winter. Er spürt einen sanften Schlag gegen seine Schulter. Er dreht sich um. Seine Freundin steht vor ihm. Strahlend lacht sie ihn an und meint: „Gut siehst du heute aus“ – „Meinst du?“ Ist seine Antwort. Sie stürzt sich mit voller Wucht auf ihn und gibt ihm einen Kuss. Sie umschlingt ihn. Alles krampft sich in ihm zusammen. Der Ärmste steht steif wie ein Eiszapfen in ihren Armen und gibt ihr ordnungsgemäß ein höfliches Küsschen wie ein wohlerzogenes Kind einer entfernt verwandten Tante. Er hasst es, wenn jemand einen gewissen Sicherheitsabstand durchbricht. Sein Gegenüber miefelt faulig aus dem Maul. Ihre Haut ist wächsern und tot wie seine Eigene. „Der Herr fürchtet berührt zu werden. Vielleicht zerbricht er bei einer zu starken Berührung.“ Sie lacht ihn aus. Der Mann ist gekränkt. „Gehen wir auf den Mittelstreifen der Straße. Dort gibt es Bänke und Bäume“- schlägt er vor. Sie überqueren die Fahrbahn um auf den Grünstreifen zu kommen. Er möchte Abstand vom nachmittäglichen Verkehr haben. Die Autos sind klebrige Käfer auf grauen Bahnen. Die gestressten und müden Passanten ekeln ihn mit ihrer vergilbten Haut an. Sie sind laufende Leichen. Es stinkt nach Abgasen und Benzin. Das Metall und Glas der Bürogebäude glänzen kalt in der Vorfrühlingssonne. „Das Leben lebt nicht mehr“- denkt er. „Das Leben lebt nicht mehr.“ Seine Gefährtin erzählt von ihrem Einkaufsbummel. Er hört gar nicht zu. Beide gehen vorwärts. Er erblickt ein Reisebüro. Im Schaufenster hängt ein Plakat für Reisen nach Mexiko. Eine Pyramide auf grünem Rasen. Darüber ein strahlend blauer Himmel mit weißen Schäfchenwolken. Im Hintergrund Wälder und Felder. Er denkt an die Maisfelder, durch die er als Kind ging. Ein Auto bremst mit nervenzerreißendem Quietschen. Der Empfindliche zuckt zusammen und verzieht sein Gesicht. Er ist heute sehr schreckhaft. Die Frau plappert weiter vor sich hin. Sie lacht und kichert. Ihr Partner versteht nicht worüber.
Auf der anderen Straßenseite läuft ein Junge mit seinem Hund. Das Tier apportiert mit gewichtiger Miene eine Zeitung im Maul. Ein Hund braucht eine Aufgabe in seinem Leben. Plötzlich lässt er die Zeitung fallen. Die Frau erzählt, sie habe in einer Boutique einen quergestreiften Pullover anprobiert und hätte sich wie ein fetter Käfer gefühlt. Der Hundehalter auf der anderen Straßenseite deutet auf die Zeitung. Der Köter versteht nicht und macht Männchen. Der Bankangestellte muss lauthals lachen. Seine Freundin guckt etwas verblüfft über den überraschenden Lacherfolg, lacht ebenfalls und fühlt sich verstanden. Sie gehen weiter.
Auf dem Bürgersteig auf der anderen Straßenseite hat sich ein großer Menschenauflauf gebildet. Leute stehen um zwei sich prügelnde Männer. Ein dünner Mann mit Pferdeschwanz und Lippenbärtchen schlägt auf einen Fettsüchtigen ein. Er schlägt gezielt zu. Sein Hass brennt lichterloh. Der Dicke versucht vergeblich mit schwerfälligen Bewegungen die Schläge zu parieren und zielt wahllos ins Leere. Der Dünne verpasst seinem Feind einen saftigen Kinnhaken. Der Fettsack wankt, kann sich aber noch auf den Beinen halten. Plötzlich glitzert etwas Spitzes in der erhobenen, rechten Hand des Mageren. Die Hand saust auf den Dicken nieder. Dieser bricht mit dem durchdringenden Gebrüll eines Schlachtviehs zusammen. Schnell wächst um seinen gefallenen Körper das kraftvolle Rot einer Blutpfütze. Niemand von den Gaffern greift ein. Alle sind erstarrt. Nur kurze Zeit bleibt dem Stecher um auf sein Opfer herabzublicken, dann ist die Straße voll mit Polizeiautos und Notfallwägen. Polizisten stürzen aus den Wannen, packen den Täter und werfen ihn auf den Boden. Sie legen ihm Handschellen an und führen ihn ab. Er blickt beim Abgehen verunsichert auf sein Opfer zurück. Der Erstochene wird eilig auf eine Trage gelegt und in den Notfallwagen geschoben. Das Opfertier hat beim Kampf offensichtlich einen Schuh verloren. An einem Fuß trägt es einen weinroten Slipper. Der andere Fuß ist ohne Schuh. Eine tiefe Wunde muss auf der Brust aufklaffen. Ein Mund auf der Brust, der Blut ausstößt. Ein Leckermäulchen, dem Saft aus den Mundwinkeln fließt. Eine blutige Möse durch heimtückische Glasscherben gesichert. Wenn man das Herz aus der Brust reißen würde, würde man sich schwer verletzen. Das Herz – die Drohne im Allerheiligsten. Das Blut im Körper einsaugend und wieder ausspuckend. Ein gezielter Schuss in den Brustkasten würde die Drohne zum stehen bringen. Der höhere Angestellte auf dem Mittelstreifen der Straße neben seiner Geliebten stehend, wäre jetzt gerne ein Hund. Er würde unauffällig auf die andere Straßenseite laufen können und würde von dem Blut auf dem Pflaster trinken. Sein schwarzes Fell würde glänzen. Er würde vor Energie leuchten. Im Blut liegt etwas. Das muss das Herz sein. Der Dürre hat das Herz herausgerissen und weggeworfen und niemand hat es bis jetzt bemerkt. Es pulsiert noch. Das Tier nimmt das pochende Organ in die Schnauze und rennt damit davon. Niemand hält ihn auf. Es läuft in eine Seitenstraße. Es sind keine Passanten unterwegs. Eine entsetzliche Hitze. Wo sonst Büro- und Apartmenthäuser stehen, erstrecken sich weite Maisfelder. Der Hund mit dem Herzen verlässt die Straße und läuft in die Felder. Das Herz im Maul pulsiert in seiner Brust. Sie zerspringt fast. Es ist nur das laute Trommeln des Herzens und das Knacken und Rascheln der Maishalme zu hören. Das Pochen verschlägt dem Tier den Atem. Am Horizont stehen riesige Feuerwände. Die Sonne hat die Erde entzündet. „Warum zum Teufel laufe ich geradewegs ins Feuer?“ -fragt sich der Verwandelte.

© 2021 Michael Wiedorn
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Karo-Neuner

Von Konstantin Kaiser

Im halben Traum erscheint mir eine Spielkarte, fragen Sie mich nicht mehr, welche. Eine mit viel Rot, der Karo-Neuner möglicherweise. Die Spielkarte redet und redet, schneidet auf, was sie alles kann, sich unerkannt im „Packerl“ verstecken, wie sie die anderen Karten blockiert und aussticht. Und hört nicht auf, sich wichtig zu machen. Hätte sie doch ausspielen sollen.

© 2021 Konstantin Kaiser
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Der Anruf

Von Fernand Muller-Hornick

Der Versuch eines Beamten des öffentlichen Dienstes, bei einem Anruf die Verbindung entgegen zu nehmen, lief insofern schief, weil der Beamte, durch den plötzlichen Anruf erschreckt, den Hörer zu hastig aufhob, wobei sich das an Hörer und Telefonapparat befestigte, spiralförmige Kabel derart verwickelte, worauf der Beamte sich genötigt sah, zuerst das Kabel, das sich durch Missgeschick des Beamten, vorwiegend aber wegen unrichtiger und unsachgemäßer Behandlung zu einem unauflösbaren Knäuel verwickelte, zu entwirren, um anschließend die Hörmuschel an sein linkes Ohr, und die Sprechmuschel an seinen Mund führen zu können, was aber durch die Aufregung des Beamten bedingt, nicht sofort gelang, da sich das Kabel vielmehr beim hoffnungslosen Entknäuelungsversuch des Beamten um den Hörer schlingelte und diesen auf die Tasten des Apparates zu drücken drohte, wodurch der Beamte, ahnend, dass das Gespräch infolgedessen annulliert wäre, in noch größere Aufregung geriet und beim vergeblichen Versuch, das Kabel vom Hörer zu befreien, nicht nur den Apparat vom Pult riss und unglücklicherweise zu Boden schmiss, sondern beim Versuch, den Telefonapparat aufzuheben, beinahe selbst vom Sessel gefallen wäre. Glücklicherweise gelang es dem Beamten noch rechtzeitig, sich mit der rechten Hand am seitlichen Pult abzustützen, und mit der linken Hand, quer über den Sessel hängend, den Apparat am Boden zu fassen, ohne dass es ihm allerdings geglückt wäre, sich und den Apparat wieder in eine für ein Telefongespräch angemessene Position zu bringen. Vielmehr kippte, durch die Schräghaltung des Beamten bedingt, der Stuhl seitlich weg, wodurch dem Beamten, durch das unerwartete Wegkippen des Stuhles das mühsam erhaltene Gleichgewicht gänzlich verlierend, die rechte Hand vom seitlichen Pultrand wegrutschte, was wiederum bewirkte, dass er kopfüber vom Stuhl zu Boden stürzte und auf den Telefonapparat zu liegen kam, wodurch die Verbindung abgebrochen, und der Anruf annulliert wurde.

© 2021 Fernand Muller-Hornick
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Stahlspritzer

Von Niklas Götz

Ich zog meinen Kopf tief ein, als ich die Türschwelle des unterirdischen Bunkers durchschritt. Ich musste gebückt bleiben, denn die aschgraue Stahlbetondecke war so niedrig wie meine Schultern. Mir war, als könnte ich Gewehrsalven, Bombenexplosionen und Todesschreie hören, ganz leise nur, wie aus weiter Ferne. Bis auf den fahlen Sonnenschein, der durch die schon lange nicht mehr verschließbare Tür schien, gab es keine Lichtquelle. Dunkelheit verhüllte das Ende des Ganges wie ein schwarzer Nebel. Ich vermutete die anderen tiefer in der Anlage, blieb aber bewusst zurück, um mich noch einen Moment umzuschauen. Draußen vor der Tür, auf einer dünnen Erdschicht über dem Beton, spross das erste frische Frühlingsgras, es zitterte aufgeregt im Wind als könne es den Sommer kaum erwarten. Gleich darunter war der Beton mit Einschusslöchern und Granatsplittern durchsiebt. In manchen Löchern steckte noch die Patrone, nur der schorffarbene Rost verriet, dass das Morden hier bereits lange vorüber war. Vom Türpfosten fehlte ein faustgroßes Stück. Hier war also die Granate explodiert, als man den Bunker stürmte. Neben der Tür war ein Spalt in der Bunkerwand, gesäumt von zwei Stahlteilen, die Schießscharte. Unser Tourguide meinte, der Schütze hatte großes Pech und sei von einer Kugel direkt durch den Spalt getroffen worden. Ich blickte von innen kurz hindurch. Für einen Moment fühlte es sich so an, als würde ich das Schicksal teilen.
Ich hörte Stimmen aus dem Dunkel und folgte ihnen. Drinnen war es feucht, die Luft schwanger von einem schimmligen Geruch. Unvermittelte eiskalte Tropfen auf meinem Gesicht ließen mich zusammenschrecken. In der Finsternis war es schwer, etwas zu erkennen, erst sehr spät nahm ich den Betonträger wahr, der von meinem Kopf den zu lange verweigerten schmerzhaften Wegzoll verlangte, indem ich gegen ihn stieß. Ich ertastete auch eine verbarrikadierte Tür zu meiner Rechten. Erst einige vorsichtige Schritte später konnte ich einen Lichtschimmer sehen, aus dem sich langsam ein unförmiges Gebilde herausschälte. Ich kam in einen größeren, kreissegmentförmigen Raum, mit einem weiten, aber dünnen Schlitz als Öffnung zur Außenwelt. Pedro und die anderen beiden Touristen umringten zusammen mit dem Tourguide ein riesiges Panzerabwehrgeschütz, das noch immer bedrohlich Wache hielt über den weiten Strand unter uns, bereit, alles zu vernichten, was den Sand berührt. Ich lauschte für einige Zeit dem britischen Englisch unseres Führers. Meinem Großvater gefiel es nie, dass wir Enkel alle Englisch lernten. Er hatte den Briten nie verziehen, was er in Hamburg erlebte.
Der Hinweis unseres Guides machte mich darauf aufmerksam, dass auch hier ein Geschoss einschlug und die Bedienmannschaft tötete. In diesem Raum war die Wand erneut von Patronen wie mit Stahlspritzern übersät. Während die anderen aufmerksam zuhörten, fasziniert die Zerstörungsmaschine betrachteten oder über den Krieg fachsimpelten, als wären sie selbst Generäle, fühlte ich mich schuldig. Es war eine Vergnügungstour durch den neunten Kreis der Hölle, die jetzt erkaltet war. Das Blut war ausgewaschen, die Knochen aufgesammelt, doch der bröckelnde Beton mahnte weiter, litt weiter, starb weiter.
Im nächsten Raum war ein großes Loch in der Decke, das von einem Artilleriegeschoss hineingeschlagen wurde. Der Boden darunter wurde von der Natur zurückerobert, Kräuter kämpften sich unerbittlich ihren Weg durch die Betonplatten des Bodens, die langsam aber beständig von ihnen durchbrochen wurden. Der Bunker fiel zu zweiten Mal.
Der Weg ging wieder nach draußen, zurück ins Licht. Ein starker frischer Wind wehte hier, über Orte des Lebens und des Todes gleichermaßen. Der Pfad schlängelte sich um Bombentrichter von der Größe von Geländewagen, ein jeder schien sein Ziel verfehlt zu haben. Die ganze Gegend war vernarbt von ihnen, entstellt wie jene, die von hier zurückkehrten. An der Kante der Klippe gab es nun eine kleine Stahltreppe, die nach Belieben hoch oder runter führte, ein Luxus, den die Gebirgsjäger damals nicht besaßen. Während wir hinabstiegen, sah ich in den knochenfarbenen Kreidefelsen zahlreiche mausgraue kleine Bunker, die sich wie Flöhe im Fell eines Bären in das Gestein gesetzt hatten. Viele von ihnen waren zerfallen, zerstört, aufgesprengt. Die Stahlträger im Beton standen merkwürdig verdreht aus dem aufgebrochenen Gestein heraus, fast wie Fontänen aus Blut, die aus großen Wunden strömen wie in billigen Horrorfilmen. Ich fragte mich, wie es war, in einer dieser kleinen Kabinen auszuharren. Allein gegen einen Sturm, der im Begriff war, jede Mauer zu durchbrechen und alles mit sich zu reißen – Beton, Fels, Stahl, Matsch, Blut, Leben. Nichts konnte widerstehen.
Es war merkwürdig still, das Meer war hinter den Horizont verschwunden, die Ebbe hatte es mit sich genommen. Aus dem feinen Strandmatsch, der zurückblieb, hob sich halb versunken eine algenbedeckte Betonstruktur, bestehend aus großen, mit Stahlseilen verbundenen quadratischen Platten, die nun zerbrochen waren und die sich weit in das Watt hineinzogen. Ich grübelte einige Zeit, wozu sie dienen sollten, während wir über den eigenartig feinen und doch festen Sand darauf zuliefen. Dort angekommen, erläuterte uns Diederik (es stellte sich heraus, er war Niederländer der einige Zeit in England gelebt hatte) mit vielen Bildern und noch mehr Worten die Geschichte dieses provisorischen Kais, der in rauer See zerstört wurde. Bald schon wurde meine Aufmerksamkeit gestohlen von den vielen weiteren Bunkern, die den Strand und die Felsen säumten und uns quasi umzingelten, alle hatten sie ihre Schießscharten auf genau meine Position gerichtet. Selbst in diesem Zustand hatten die Bunker ihre Stellung nie verlassen, sie kannten keinen Frieden. Ich hingegen kannte nichts anderes. Wäre ich zu einer anderen Zeit geboren, wäre ich dann hier gewesen als sie noch nicht in Trümmern lagen? Hätte es mich hier durchsiebt, zerfetzt, verbrannt? Oder hätte ich dort heraus getötet? Hätte ich eine Wahl gehabt, hätte ich überlebt, wie sehr hätte ich gelitten?
Neben uns geisterten an diesem noch sehr kalten Tag nur wenige andere Menschen über den Strand. In der Ferne begutachteten einige mysteriöse Gestalten einen kleinen Bunker, sie schienen damit beschäftigt zu sein, wie Geier aus einem Kadaver ein paar Stücke herauszureißen, um ihren Hunger nach Besitz zu stillen. Tiefer im Matsch waren einige Schatzsucher mit ihren Detektoren unterwegs, begierig nach den Kugeln, vor denen sich einst alle fürchteten.
Diedrik beendete seinen Vortrag und gab uns die Gelegenheit, den Strand für einige Zeit selbst zu erkunden. Pedro schlug vor, tiefer in das Watt hineinzulaufen, um den Strand so zu sehen wie die Soldaten damals bei der Landung. Ich stimmte zu und wir liefen vorbei an der großen Betonstruktur, die bereits so lange versunken gewesen war, dass sie nach Austern roch. Während wir voranschritten zählte Pedro all die Befestigungen auf, die auf dieser Höhe einst den Strand verteidigen sollten, der stählerne Spargel, riesige Stahlkreuze und Minen. Letztere schleuderten dich in vielen kleinen Stücken durch die Luft, als wärst du eine Pfütze, in die jemand fröhlich hineinspringt, meinte er. Was nahmst du wahr in diesem letzten Augenblick, bevor eine Mine dich auslöscht, deinen Körper in ein zerfallenes Überbleibsel verwandelt? Den feuchten Sand, der langsam unter dir einsinkt, wie er es jetzt auch für mich tat? Vielleicht noch ein letztes Klicken?
Nach einigen hundert Metern hatten wir jeden hinter uns gelassen, die Möwen schwangen sich panisch in die Lüfte, als wir uns näherten, gleich so, als trachteten wir nach ihren Leben. Als unsere Schuhe im Wasser einzusinken drohten und wir das Meer erreicht hatten, drehten wir uns um und blickten zurück. So weit wir den Strand sehen konnten war er überzogen mit Trümmern und Ruinen hunderter Bunkeranlagen, die sich immer noch stolz der steifen Brise entgegensetzten, die vom Meer aus gegen sie prallte. In nur wenigen Minuten hatten wir eine Strecke zurückgelegt, die einst tausende Leben kostete. Ich kniete mich nieder und nahm etwas vom Sandschlamm in meine Hand, ließ ihn von der einen Hand zur anderen fließen. Mir war, als hätte er einen Rotstich. Als die letzten Ausläufer einer Welle meine Schuhe umspülten, legten sie die Umrisse eines Objekts frei. Ich entfernte den Matsch und erkannte darin einen weiteren Brocken der Bunker, der bis hierher gespült wurde. Die Zeit hatte es wohl abgenagt, ganz ohne stählerne Waffen. Pedro, der gerade noch gedankenverlorenen in die Ferne starrte, schaute mir neugierig zu. Ich blickte zu ihm auf und murmelte:
„Um ein Stück hiervon herauszuschlagen, wurde zu Zeiten unserer Großeltern ein Meer an Blut vergossen. Ich fühle mich plötzlich dankbar dafür, hier und heute zu leben. Gerade erst spüre ich wirklich, was für ein Privileg wir haben. Lass uns hoffen, dass unser Glück erhalten bleibt, dass es nie wieder so weit kommt, dass die Welt unserer Großeltern nie wieder zurückkehrt.“
Pedro fasste mir auf die Schulter, lächelte leicht und meinte: „Nein. Wir sollten nicht nur hoffen.“

© 2021 Niklas Götz
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Bei ihr

Von Lydia Kraft

Immer wollen alle was von mir. Die einen Gehorsam, die anderen Geld, manche auch Liebe. Irgendwann ist dann genug. Da ist nichts mehr, aus und vorbei. Auch wenn es Kulturen gibt, die die Zahl Null nicht kennen. Da muß ich hin. Es wird immer etwas da sein. Aber gut… Was soll ich im Wald. So ganz ohne Obrigkeit und Hüben und Drüben, am Ende wüßte ich nicht mehr wo ich herkomme. Hier und immer da, Eins mit dem Wald, verschmolzen im Universum. Für den Weißen dann unsichtbar… Gut, hier in der Stadt wird mit das nicht gelingen, außer man geht nur Nachts auf die Straße. Dann sind ja bekanntlich alle Katzen grau. Lieber auf dem Globus die nächste große Stadt gesucht und weg hier.

In Lissabon bin ich gelandet. Auf den ersten Blick ein sauberer Eindruck und unheimlich freundlich. Sich durchfragen ist kein Problem, es wird immer weiter geholfen Es ist auch kein Problem, als Frau alleine zu gehen. Man wird höchstens von verheirateten Touristinnen begutachtet, na gut, arm aber glücklich, was es in Lissabon noch gibt, hat auch sein Glück versucht. Aber nichts was man als prekäre Situation bezeichnen müsste. Es macht Spaß und ein gutes Gefühl durch die Engen Straßen der Stadt zu spazieren. Es gibt viel zu sehen in , Schaufensterauslagen, Theaterleute, Musiker, ein Messerschleifer und viele Touristen
In einer Seitenstraße, abgelegen vom großen Troubel sehe ich eine Frau auf den Stufen vor einem Haus. Sie hat vor sich eine Büchse zu stehen. Eine Bettlerin, eigentlich nichts besonderes, doch ihr Anblick hält mich gefangen. Sie hat noch nicht angefangen zu altern und es kann gut sein, das sie nicht von diesem Kontinent stammt. Aber das ist alles nicht so wichtig. Ich bin stehen geblieben und sehe nur eine sehr schöne Frau und es drängt sich mir die Frage auf, ob sie in ihrem Glauben eine weibliche Gottheit hat. Gebannt sehe ich sie an. Sie bemerkt meinen Blick und lächelt mir zu, als würden wir uns schon ewig kennen. ‚Sicherlich kenne ich die Göttin.‘ sagt mir eine Stimme ohne daß ihr Lächeln verschwunden wäre. Ich bin erstaunt und mir sicher, daß es ihre Stimme war aber ihr Mund hat sich nicht bewegt. Fragend sehe ich sie an. Wieder höre ich die Stimme. ‚Warum wunderst du dich? Die Sonne scheint und bringt uns Liebe.‘ Bei uns, denke ich mir und hoffe, daß es in Deutschland grau und kalt ist, es ist März, ist es noch nicht so lange so warm. ‚Dann bleibe ich lieber hier‘ sagt die Stimme und die Frau gesellt sich zu mir. Langsam spazieren wir durch die Straßen, sie zeigt mir die Stadt. Trotz der zerschlissenen Kleider ist ihr Gang frei und fröhlich. Das Lächeln in ihrem Gesicht, scheint nicht verschwinden zu können. Ich gebe mich der Lissabonner Kulisse und unseren Gedanken hin. Große Häuser künden von vergangenem Reichtum. ‚Und? Welcher ist dein Gott?‘ Höre ich es und ich muß überlegen während wir weitergehen. Eigentlich bin ich Atheistin aber manchmal hofft man schon, daß die Menschen nicht das höchste Maß oder Recht sind, denke ich mir und sehe sie an. Meinst du wirklich, daß es Gott gibt? Sie sieht mich an und bleibt stehen, Es gibt nicht nur einen. Wenn man es genau nimmt habt ihr viele Götter. Ich bin mir sicher, sie bewegt ihren Mund während sie redet, Autos, Fernseher, Geschirrspülmaschinen. Ich weiß nicht was ich antworten soll. ‚die Musik auch‘ sagt sie und geht weiter. Aber das würde ja heißen… ist alles Große Mutter Erde, sie kichert wie ein kleines Mädchen und es hat den Anschein als möchte sie mir davon rennen. Jaaa, sie ist alles was ihr haben könnt. Aber ich habe doch noch mein Wissen, meinen Willen, meine Freude. Oh ja, sie bleibt stehen, Vater Himmel ist auch mit uns. Sind ja auch wieder Einige, zwölf um genau zu sein. Ach, du bist zu Einsam, mich bestimmt doch nicht nur der Himmel. ‚Nein? Alles dein Gefühl?‘“Das will ich wohl meinen.“ Sage ich überzeugt in die Luft hinein. Sie muß wieder kichern, ‚ja, man muß ihn schon verstehen‘. Wir gehen weiter und kommen zu einer kleinen Parkanlage. Ein großer weiter Baum spendet Schatten. Wir setzen uns auf die Parkbank die darunter steht. „Unser Gott ist männlich.“ sage ich und setze mich. Sie ist zusehents vergnügt, wohl nicht zuletzt weil ich ihr ein Eis spendiert habe.

‚Denke nicht, bei ihr gibt es nichts.‘ „Na wenn sie alles ist, was man haben kann will ich das nicht in Frage stellen.“ eine Weile sitzen wir da und genießen den Moment. ‚Ja, und bei ihr kann man sich alles nehmen was gerade nötig ist. Man muß nur wissen wo man es findet.‘ ‚Bist du dir sicher, daß du dir bei ihr alles nehmen kannst?‘ ‚Aber ja, soviel wie nötig ist. Das macht ihr gar nichts aus.‘ „Das geht hier aber nicht so einfach. Ich hoffe, das weißt du.“ ‚Das kann man so sagen. Als ich, hier ankam hatte ich großen Hunger und wußte nicht viel über Euren Gott und ging zu einem Laden und wollte mir etwas nehmen.‘ „Und hast du was bekommen?“ ‚Erst nicht, da kam nur die Polizei und wollte mich mitnehmen. Der Ladenbesitzer hatte aber ein gutes Herz und hat von einer Anzeige abgesehen. Den Apfel den ich wollte, hat er mir dann geschenkt. Manchmal steckt er mir immer noch etwas zu.‘ „Glück gehabt. Ist ja aber auch nicht einfach wenn man die Sprache nicht kennt. Aber eigentlich sollte man imer fragen, ob man etwas haben kann.“ ‚Das stimmt, das soll man bei ihr auch.‘ lächelt sie etwas verlegen. Eine Weile schweigen wir. Dann sage ich ihr das ich gerne ihre Stimme hören würde. Sie sieht mich an und ein Lächeln strahlt über ihr Gesicht. ‚Ja, wirklich? Wenn du willst, singe ich ein Lied für dich.‘ „Das wäre schön“ kann ich gerade noch sagen, da fängt sie auch schon an, eine Melodie erklingen zu lassen. Sie hat eine schöne Stimme. Nicht zu hell aber auch nicht tief. Ich blinzle in die Sonne und lausche ihren Worten, die in einer mir unbekannten Sprache erklingen. Als sie geendet hatte mit ihrem Lied lasse ich die Harmonien der Melodie noch eine Weile auf mich wirken dann sage ich, daß sie öfter ein Lied singen sollte besonders wenn sie mit ihrer Geldbüchse auf der Straße steht.

Ein paar Tage später, sehe ich sie wieder umringt von ein paar Touristen die den Klängen ihrer Stimme lauschen. Als sie mich bemerkt winkt sie mir zu und kommt nach einem weiteren Lied zu mir. „Das war eine sehr gute Idee“ redet sie auf einmal in einem gebrochenen Englisch zu mir. Seid ich singe, sind immer ein paar Euro in meiner Büchse und die Leute sehen mich auch nicht mehr so misstrauisch an. Sogar der Obst und Gemüsehändler hat mir letztens eine große Tüte mit frischem Grünzeug mitgegeben nachdem ich mein Lied erklingen lassen habe. Ich freue mich mit ihr und wünsche ihr Alles Gute für die weitere Zeit. Ich bin schon gespannt wie es für mich weitergehen wird, im kalten Deutschland. Hoffentlich klappt es auch bei mir, daß es etws gibt wenn ich danach frage.

© 2021 Lydia Kraft
Alle Rechte vorbehalten

Wiedersehen in Coronazeiten

Von Michael Kothe

»Hallo, Heiner!« Er winkt.
Hä?
»Mensch, Heiner, wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Wie geht´s dir?« Jetzt steht er vor mir, hat im Laufschritt die leere vierspurige Straße überquert.
»Naja, es muss.«
»Und ´nen Hund hast du auch?«
»Deswegen steh´ ich ja hier draußen. Sonst wär´ ich mit meiner Frau im Supermarkt.«
»Mensch, da ham wir ja Glück gehabt. Gut gemacht, Waldi!« Er bückt sich, krault Mia.
»Du, weißt du noch …?« fragt er mich, nachdem er sich wieder aufgerichtet hat.
Mia schüttelt sich.
Nach einer gefühlten halben Stunde dreht er sich im Gehen noch einmal um. »Man sieht sich. War toll, dich mal wieder getroffen zu haben!«
Meine Frau kommt aus dem Laden, schaut ihm nach. »Wer war das?«
»Keine Ahnung«, antworte ich und rücke meinen Mund-Nasen-Schutz zurecht, »er hat mich über die Straße hinweg angerufen. Hallo, Heiner! hat er gebrüllt.«
»Aber du heißt doch gar nicht Heiner.«
»Nee, aber mit Maske erkennst du eh keinen.«

© 2021 Michael Kothe
Alle Rechte vorbehalten

Aranea Somatica D 20

Von Zartelli

Ich bitte das Volk um Entschuldigung: für alles, was ich an ihm verbrochen habe. Das war von mir so nicht gewollt. Die haben mich hypnotisiert. Es muss während eines der Kriegsspiele über mich gekommen sein, eines der Kriegsspiele, die sie als unabdingbar für die Bewältigung der kommenden Ereignisse deklariert hatten. Vermutlich war es das Manöver, bei dem Billy diese Kügelchen verteilte. Jensen war ja schon viel früher in Billy vernarrt gewesen. Ein hässlicher Kerl im Grunde, mit einer grässlichen Stimme – aber dieser Blick: ich war außerstande, mich ihm zu entziehen. Außerdem ist Macht das einzige gewesen, das in mir sexuelle Regungen hervorrufen konnte, das war schon immer so. Klar, die haben den auf uns angesetzt. Der ist im Grunde auch bloß eine Marionette gewesen. Und das Volk weiß nicht das Geringste darüber. Die lenken alles, ohne sich jemals zu zeigen, aber sie brauchen uns: als ihre Marktschreier und Wachhunde; als ihre – Spielfiguren.
Bei alldem muss ich mich immer noch darüber wundern, dass das Volk sich die ganze Sauerei hat gefallen lassen, anstandslos, bis auf ein paar – letztlich unerhebliche – Ausnahmen. War die Propaganda denn wirklich so raffiniert, so unwiderstehlich? „Glauben Sie nur das, was wir Ihnen sagen.“ „Wir sagen die Wahrheit. Sie dürfen das niemals bezweifeln.“ „Alle, die unsere Aussagen in Frage stellen, wollen Ihnen schaden.“ Aus meinem Innersten, wo sie mich eingesperrt hatten, mich, mein Wesen, meine Menschlichkeit, hat es mich beobachtet, hat beobachtet, wie ich nichts als Phrasen hervorbrachte, wie ein Automat. Und manchmal tauchte in mir der Gedanke auf, dass vielleicht auch in all den anderen Automaten, die um mich herum ihr Unwesen trieben, ganz tief innen so etwas wie eine Seele hocken könnte.
Im Grunde war ich schon immer eingesperrt gewesen – hatte es aber dennoch ab und zu geschafft, aus meiner Panzerung herauszukommen. Nun aber war ich vollkommen gefangen. Etwas in mir betete, eine zarte Stimme, flüsternd, verzweifelt. Betete, dass man den Betrug durchschauen, dass man uns auslachen, sich weigern würde, den ganzen verordneten Unsinn auszuführen. Aber sie haben gespurt, wie die schwachsinnigsten Lakaien, für die bloß eine platte Propaganda erforderlich war, um sie mit spielerischer Leichtigkeit aufzuzäumen. Sie haben alles hingenommen, in kürzester Zeit, wir hätten die Anweisungen gar nicht so oft wiederholen müssen! Als ob sie sich schon immer nach einem Kriechtierleben gesehnt hatten, sie geradezu darum bettelten, dass auch die letzten verfluchten Reste ihrer angeblich gottgegebenen Würde endlich in Grund und Boden gestampft werden mögen. O ja, ich habe mit Billy und seiner Pute und Jensen über die unglaubliche Ahnungslosigkeit der Leute gelacht. „They are ants“, meinte Jensen in seinem lächerlichen Englisch. Und Billy erwiderte: „Definitely not, my boy: ants are much smarter, believe me.“ Und dann verübte er mit seiner Pute wieder dieses hinterlistige Lachen, das Jensen, dieser Speichellecker, nie wirklich hinbekommen hat, sosehr er es auch zu imitieren versuchte. Und ich habe mitgelacht, vollautomatisch, doch in meinem Innersten hat es geweint. Ich habe es abgewürgt, mit diesen „Good-Vibrations-Kügelchen“, die Billy an uns regelmäßig verteilt hat, jedes Mal mit seinem grinsenden „you have no choice“- Gequake. Ich kam ohne dieses SOMA-Zeug, wie Billy es nannte, nicht mehr aus. Keine Ahnung, was da drin oder dran war, ich wollte es auch nicht wissen.
Aber irgendwann ist es passiert. An jenem Tag, der mir diesen Traum bescherte – der eigentlich gar kein Traum war, vielmehr eine Art Vision: ich schwebte im Weltraum, hoch über der Erde, in einer Kugel oder Blase oder was auch immer, und sah dieses Netz, das den ganzen Planeten umspannte, so eng, dass ich kaum noch die Meere und Kontinente erkennen konnte; und inmitten des Netzes hockte diese riesige Spinne, darauf angesetzt, sämtliche Lebensenergie, die sich unter ihr regte, zu kanalisieren und restlos abzusaugen. Ich hatte das Gefühl zu ersticken und erwachte im Zustand äußerster Panik.
Am späten Vormittag dann der Fernsehtermin in einer Grundschule, die für ihr vorbildliches Präventionsprogramm mit irgendwelchen Verdienstorden oder Urkunden ausgezeichnet werden sollte. Als mir jenes Vorzeigemädchen gegenüberstand, das mich verstört aus den Augenschlitzen anstarrte, ein voll verpanzertes fünfjähriges Wunderkind, dem die Mutter eingeredet hatte, dass es Mami und Papi töten würde, wenn es ihm einfiele, ihnen auch nur einen Moment sein nacktes Gesichtchen zu zeigen, brach es aus mir heraus: ich schluchzte, laut und heftig, stürzte auf die Knie, zog das Kind an mich, riss ihm die Maske herunter und streichelte und küsste dieses Gesichtchen, dieses liebe arme Gesichtchen, das da hervorlugte und mich anflehte, aus dem verfluchten Panzer, in den dieses grauenhafte Muttervieh von staatlich geprüfter Hygienefachkraft sie gepresst hatte. Ich küsste dieses Gesichtchen dermaßen inbrünstig und verzweifelt, wie ich noch nie etwas geküsst hatte. Und es schien eine ganze Ewigkeit zu dauern, bis meine schockierten Bewacher in der Lage waren, mich mit einiger Anstrengung von dem Mädchen zu lösen.
Ich bitte das Volk um Entschuldigung – doch es kann mich nicht hören. Ich komme hier nicht mehr raus. Der Psychiater hat mich als Gefahr für das öffentliche Leben abgestempelt. Und selbst wenn ich zum Volk sprechen könnte, es würde mich nicht verstehen. Es ist nurmehr willenloses Vieh, abgerichtet und gesteuert von der großen Spinne, die alles und jeden in ihrem Netz gefangen hält, die jede Regung, jeden Furz registriert, bis in die kleinste Bettdeckenfalte und abgelegenste Gehirnwindung.
Warum auch immer es mir möglich gewesen ist, das Geheimnis dieses grausigen Spiels zu entdecken – früher hätte ich das alles für eine Ausgeburt einer perversen B-Picture-Phantasie gehalten: ich habe es gesehen, leibhaftig, mit meinen eigenen Augen, und ich sehe es immer wieder, dieses Ding mit dem obszönen Kreuz auf dem Rücken, das Affektkraftwerk der Bruderschaft der Vampire hinter dem Schleier, in der Jenseitssphäre oder dem Schattenreich oder wie auch immer man das nennen will; dort, wo unsere ewige Mitessergesellschaft hockt, ein skrupelloses Syndikat von Schmarotzern, die immer größer und mächtiger geworden sind durch das Damoklestheater, das wir, ihre Statthalter und Agenten, unter ihrer Regie inszeniert haben. Inszeniert als dreckigen Hygienekrimi: um es zu fesseln, das Volk, die sehr geehrte Gemeinschaft von Bildschirmtrotteln, um serienweise ihre Angst und Wut zu schüren und in das Worldwide Netfix System einzuspeisen, Angst und Wut, als Spenden für das Überleben der ewig hungernden Vampire jenseits der großen weiten Displayworld!
Es war ein Fehler, dem Psychiater davon zu erzählen. Er hat mich reingelegt mit seiner fingierten Empathie, seiner ausgezeichnet gespielten Vertraubarkeit. Vielleicht weiß er sogar, dass ich die Wahrheit sage und muss mich darum für umso gefährlicher halten. Aber das ist unnötig. Die haben ihr Ziel erreicht: ein Volk von Zombies, das seine Kinder wie von selbst zu Robotoiden abrichtet. Billy hatte Recht: das sind keine Ameisen. Das sind Läuse: Läuse, die von Ameisen gemolken werden. Die ultrafaschistische Technokratie ist fest installiert. Sie hat die alten Kirchengötter verhungern lassen und feiert sich selbst allüberall als die vollkommene Synthese von Himmelreich, Arbeiter- und Bauernparadies und hypertranshumanistischer Einheitsdemokratie – in der die Reset-Götter Digitalia und Digitalius mit ihren Silikon-Heerscharen der verblödeten Masse unaufhörlich die Lebenslichtkraft aus den Gemütszellen schlürfen.
Morgen werden sie meine Bewusstseinsstruktur auflösen, meinem Körper ein neues Betriebssystem verpassen und ihn neu starten. Aber etwas in mir lässt mich glauben, dass es irgendwo da draußen noch Menschen gibt, wirkliche Menschen. Die Agenten der Vampire haben Jagd auf sie gemacht, gnadenlos, aber ich bin sicher: ein paar von ihnen haben überlebt. Ein paar Menschen, die wissen, wie es wirklich ist. Mit dieser Hoffnung werde ich untergehen. Das Allwesen, die große schöpferische Kraft, schütze euch –

schon immer verlassen
euer gekreuzigter Engel

© 2021 Zartelli
Alle Rechte vorbehalten

Fleisch

Von Michael Wiedorn

Im Schaufenster liegt Fleisch aufgebahrt. Aufgeschnittene Würste, deren offene Schnittflächen rotes Rindfleisch mit weissen Fettkügelchen durchsetzt zeigen, von weisser oder rot-brauner Haut überzogen. Das Rot geht an einigen Stellen ins Violett über. Ein grosses, formloses Stück Rinderkadaver. Scharlach wie ein Gesicht nach einem Faustschlag – durchzogen von Kanälen und Flüssen mit Fett angefüllt. Manchmal zieht es sich als durchsichtiger Schleier hin. Die Sehnen und Muskeln eines kraftstrotzenden Rindes. Es weckt die Lust nach Blut – fließender, roter Kraft. Das blanke, reine Weiss der Porzellanschüssel. Mit fahler, leicht bläulich schimmernder Haut überzogenes Geflügel hängt an eisernen Haken. In der Mitte der Auslage hängt der nackte, aufklaffende Leichnam eines geschlachteten Ochsen – an den Beinen aufgehängt. Auf beiden Seiten des gemordeten Tieres stehen Vasen mit purpurnen Rosen. Einige Blütenblätter sind abgefallen und liegen auf den sauber leuchtenden Kacheln. Eine Messingschale mit violetten Weintrauben. Die Kacheln des Metzgerladens strahlen.
Ein splitternackter Mann wird von Beilen und Äxten angegriffen. Die Haut des Opfers glänzt von Angstschweiss. Der europäische Mensch sieht dem Schwein ähnlich. Weiss-rosa ist sein Körper. Er bricht zusammen. Die Augen ratlos vor Entsetzen aufgerissen wie die einer erschrockenen Kuh. Er versteht nicht. Sein Körper kotzt das Rot seines Blutes auf die blendende Reinheit der Fliesen.
„Macht insgesamt 28,50 Euro, bitte!“ – sagt der Fleischer zur Kundin. Auf der Theke liegen drei säuberlich in rosa Papier gewickelte Päckchen. Koteletts und Schnitzel braten gut gewürzt in der Pfanne. Die Hausfrau nimmt aus ihrem Geldbeutel einen Schein und etwas Kleingeld und überreicht das Geld dem Metzger. Der junge Mann zwinkert der Frau komplizenhaft zu und streicht die Bezahlung ein. Unter seiner Gesichtshaut will das aufgestaute Blut seinen Kopf auseinander sprengen. Sein hartes Antlitz leuchtet so purpurn, dass er sich als zu verkaufendes Fleisch zur anderen Ware legen könnte. Ein Schuss hat die Brust des Soldaten im Krieg getroffen. Eine quellende Wunde. Der Soldat spuckt Blut, das ihm Heimat ist. Er ist ein Mörder. Er steht mit einer von Tierblut besudelten Gummischürze bekleidet im Schlachthof und wäscht mit aus einem Schlauch hervorschiessendem Wasserstrahl sein eigenes Gedärme von den Wänden. Er ist ein vom Jäger erlegter Hirsch, der einen Bauchschuss verpasst bekommen hat. Die Augen des Tieres sind vor ratlosem Entsetzen aufgerissen wie die Augen eines erschrockenen Kindes.
Der verendende Hirsch spuckt Blut.
Hirschragout mit Pilzen – dazu grüner Blattsalat und dazu ein entsprechender Wein.
Die Gemahlin stösst mit ihrem Gatten an.

© 2021 Michael Wiedorn
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Ein Totgeborener kommt zur Welt.

Von Michael Wiedorn

Er geht auf dem weißen Streifen in der Mitte der Straße aufwärts und abwärts und aufwärts. Seit Stunden scheint er so auf und ab zu laufen. Er trägt leicht schwingend eine Plus-Plastiktüte in der Hand. Der Aufdruck ist verwittert. Der Junge ist mit einer ärmellosen, wattierten Jacke und darunter einem karierten Hemd bekleidet. Vielleicht ist er schon ein den Jahren nach Erwachsener, der es nur versäumt hat, erwachsen zu werden. Bei seinem Anblick denkt man an abgestandenen Schweiß – käsig und bitter. Das alterslose Wesen trägt seinen Körper wie einen hässlichen Mantel. Das kreidebleiche Gesicht könnte von einer schweren Krankheit oder von einem nicht erwachten Leben ausgezehrt sein. Aus dem kalkig weißen Gesicht ragt eine große, knochige Nase. Er läuft immer wieder auf und ab. Ein Häftling läuft in seiner Zelle auf und ab und ab und auf – von einer Betonwand zur Anderen auf und ab. Der in sich Gefangene hat keine Absichten, hatte nie welche und wird nie welche haben. Ist es Vormittag oder Abend? Welches Jahr haben wir? Die Autos fahren an ihm vorbei. Er achtet nicht auf sie. Er läuft die Streifen auf und ab. Das Weiß grenzt mit seinen scharfen Kanten an das Schwarz des Asphalts. Der Fremde schwimmt und schwimmt und ertrinkt im Schwarz der Nacht und den schwarzen Fluten des Geburtswassers. Fluten weit vor der Geburt. Das Weiß beginnt – hell und mit klaren Grenzen – und er geht weiter und immer weiter. Hat der Wanderer irgendwo eine Wohnung? Er würde dort auf weiße Wände starren, aus dem Gestalten treten würden. Schneewehen hoch im Norden. Der Fremde könnte in Eismassen und Schneestürmen erstarren. Er wäre gerettet. Sein Körper wäre ein einziger, harter Eiszapfen. Viele Jahrtausende und Jahrmillionen in arktischer Einsamkeit. Niemand vergisst oder vermisst ihn.
Er läuft in der Mitte des Straße auf und ab. Seit wieviel Stunden oder Jahre? Trägt er in seiner vergammelten Plastiktüte von Schimmel zerfressenes Brot oder verfaultes Fleisch? Leichenteile? Vor einer Ewigkeit hat er die Notwendigkeit sich zu ernähren vergessen. Er hat keinen Körper, der Bedürfnisse einklagt. Der Junge hat sein Fleisch erfolgreich abgetötet. Die weißen Streifen auf der Straße halten ihn im Bann. Das Schwarz versucht ihn aufzusaugen. Es will ihn verschlingen, will ihn verschlucken in die Tiefen der Geburt. Die Gebärmutter ist eine Betonzelle tief unter den Erdmassen. Wo befindet er sich? In der Schwärze vor der Geburt. Die Autos fahren an ihm vorbei. Ein Opel hupt ungeduldig. Der Fahrer brüllt dem Irren wütend unverständliche Worte entgegen.
Stunden später steigt der Verwirrte träge aus einem U-Bahnwaggon in den Nächsten. Inmitten der zielgerichteten Unrast des Alltags der Berufstätigen verseucht er den öffentlichen Raum mit der Leere von leblosen Blicken von seit Jahren an ihr Bett fixierten Irrenhausinsassen. Der Junge war im alten Waggon fehl am Platz und wird es in jedem Anderen ebenfalls sein. Nirgendwohin wird ihn der Zug fahren. Irgendwo wird er aussteigen, auf dem Bahnsteig in seine Leere gesperrt auf und ablaufen, die schmuddlige Plastiktüte leicht schwingend. Die blicklosen Augen aus der Zelle unter den Erdmassen richten sich auf ihn. Rumpf, Arme, Beine lösen sich auf und versickern. Er wird niemals jemand Anderem begegnen. Nichts wird jemals geschehen.
Zwei harte, metallisch blaue Augen heften sich wie die Mündung eines zielsicheren Revolvers auf den auf und abwandernden Verrückten. Die unbestechliche, unbesiegbare Härte einer Smith & Wesson sehnt sich nach der Explosion eines Genickschusses. Das gefroren klare Gesicht ist von kaltem Hass zur Maske verhärtet. Kurz rasierte, blonde Haare. Die Muskeln von täglichem Gewichtheben und Klimmzügen gestählt, spannen ihre Kraft an. Dieser Mitbürger in Kampfstellung ist bereit sich gegen diese allgegenwärtige Auflösung aller Ordnung und der Heimat, die in diesem Penner Gestalt angenommen hat, zu wehren. Die gärende Ödnis unendlicher in Gitterbetten verbrachten Jahre. Eine alles zersetzende Leere will diesen Staatsbürger von innen heraus zersetzen. Dieser wehrbereite Kämpfer sieht den jeden Tag sich weiter ausbreitenden, menschlichen Müll auf deutschen Straßen. Es ist für jeden Normalen ein Heil solche Vampire des Nichts aus zu schalten. Der Rumpf des Kriegers bricht auseinander. Arme und Beine verschwimmen. Ein Messerstich zur rechten Zeit am rechten Ort kann zur Lösung beitragen – denkt der Mann, der Erlöser von allem Bösen, erfüllt von heiligem Zorn. Er denkt das Alles nicht in klar greifbaren Sätzen, sondern dieses brackige Gebräu aus Gefühlen und Satzbrocken wabert wirr unter seiner Schädeldecke. Seine Faust umklammert das Klappmesser in seiner Hosentasche. Seine Finger verkrampfen sich im sicher machenden Griff um die Waffe. Der Junge mit dem toten Blick – die Tüte hin und her schwingend – streift den zum Zerreißen angespannten Mann. Dieser reißt plötzlich mit einem Ruck ohne zu überlegen das Messer aus seiner Hosentasche, klappt es im Bruchteil einer Sekunde auf und sticht mit einem sicheren Hieb in das graue Fleisch seines Opfers. Er sticht wie im Traum wieder zu und taucht das Messer ganz tief in das erstaunlich viel Blut ausspuckende Fleisch. Dieser Kämpfer gegen all das Übel würde jetzt gerne in einem Spiegel sein hart entschlossenes, von männlicher Schönheit leuchtendes Gesicht bewundern. Er staunt, dass der Niedergestochene ein Lebender wie er selbst ist.
Das Opfer spürt endlich sein eigenes Fleisch. Der Schmerz schreit ihm zu, dass er da ist. Er blickt seinem Mörder fest entschlossen in die Augen. Der Schmerz hat ihn noch einmal in Raum und Zeit gestoßen, bevor er ausgeblutet ist.
Der Täter weiß nicht mehr, wer er ist.

© 2021 Michael Wiedorn
Alle Rechte vorbehalten

Man sieht durch Luft hindurch

Von Michael Wiedorn

Niemand glaubt an meine Existenz. Niemand nimmt meine Gestalt wahr. Ich selbst weiß nichts von mir. Wo sollte man hinblicken um mich zu sehen? Richtet sich ein Blick auf meine Nichterscheinung, sieht der Betrachter auf den Gegenstand hinter mir. Ich bin so durchsichtig wie Wasser oder Glas.
Seine bloße Gegenwart ist für andere eine Zumutung – glaubt er. Er ist jetzt fünfundfünfzig. Ein blasses Gesicht mit Kassengestell als Brille und zarten, unentwickelten Gesichtszügen. Sein Antlitz hat noch nicht verstanden, dass sein Träger schon aus der Gebärmutter entschlüpft ist und schon längst erwachsen sein müsste. Seine verschwindend kleine Nase, sein verschwindend zartes Kinn schicken sich an, wie er selbst sich in Luft aufzulösen. Die Stirne flieht und flieht weit hinaus ins Nichts. Sein zerbrechlicher Körper, bereit sich im Winde weit weg wehen zu lassen, ist praktisch und billig bekleidet – in unauffälligen, wenn es ginge in unsichtbaren Farben. Grau, hellbraun, beige. Er verlässt nahezu nie seine Wohnung und verlebt seine Tage zwischen seinen vier Wänden.
Wohin soll ich großartig außer Haus gehen? In einer Kneipe würden die Leute mich nicht wahrnehmen. Sie würden durch meine Farblosigkeit hindurch blicken und würden eher ein Gespräch mit einem Stuhl anfangen. Ich versickere in der Holzvertäfelung. Ich bleibe den ganzen Tag auf dem Sessel sitzen und mache rein gar nichts. Der Fernseher läuft gemächlich vor sich hin. Die Wohnung dröhnt von fremden Stimmen. Die Stimme eines Polizisten erläutert dem Darsteller eines ermittelnden Kommissars die Personalien des Mordopfers. Ich betrachte die Abbilder der Darstellung fremden Lebens. Mein Inneres wird von der Leere zernagt. Der Sessel, auf dem ich sitze, ist leer. Meine Gefühle sind abgestorben und ich nehme einen Zug aus der Bierflasche, blättere in einer Fernsehzeitschrift, lege sie überdrüssig beiseite und blicke auf die flimmernde Wand in ein Polizeirevier. Der Darsteller eines jungen Einbrechers tut so, als warte er auf einem Stuhl sitzend auf seine Vernehmung.
Die Nachbarn wissen, dass im vierten Stock ihres Wohnblockes ein unscheinbarer Herr in mittleren Jahren lebt. Sie grüßen ihn nicht, da sie ihn nicht wahrnehmen können. Sie grüßen auch nicht das Treppengeländer oder die Wohnungstüren. Die Nachbarn haben über ihn keinerlei Meinung.
Ich bin nicht einmal ein Gespenst. Jungmädchenstimmen, die über die Liebe sprechen, dröhnen durch die Wohnung. Anna und die Liebe. Ich habe keine weiteren Angehörigen. In Bielefeld oder Braunschweig soll eine alte Tante in einem Altersheim vor sich dahinvegetieren – falls sie überhaupt noch lebt. Meine Mutter ist vor fünf Jahren verstorben. Ich vermied die Besuche bei ihr, weil ich ihren leeren Blick, dem ich nicht glaubte, dass er mich wahrnahm, nicht mehr ertrug. Wenn sie meinen Namen sagte, konnte ich es nie fassen, dass sie mich meinen könnte. In den letzten Jahren erkannte sie niemanden mehr, verwechselte mich dauernd mit den Schwestern, den Ärzten oder längst verstorbenen Verwandten und plapperte und kicherte fortlaufend vor sich hin. Ich war schon immer Glas und Luft und jeder blickt durch mich hindurch.
Er spricht – falls es mal so was wie ein Gespräch geben sollte – über das Fernsehprogramm, über Politiker, über das Wetter und bricht mitten im Satz ab, da er merkt, dass ihm niemand zuhört. Er versteht sein eigenes Gerede nicht mehr und seine Sätze und Wörter erscheinen ihm wie rieselnde Asche. Das Abbild einer Darstellerin einer jungen Blondine versucht mit möglichst präziser Terminologie – Gefühle müssen exakt und bis auf das Detail genau gefasst, erfasst, gepresst werden – ihre Beziehung und die Unmöglichkeit derselben zu irgendeinem Thorsten zu erläutern. Ihr Gesicht auf der Mattscheibe verzieht und verzerrt sich zu einer verkrampften Grimasse bei ihren Bemühungen ihre Gefühle richtig und haargenau korrekt zu verbalisieren und zu präzisieren. Bei Gesprächen und beim vor mich hin Grübeln hier auf dem Sessel habe ich und sage ich meine Meinung über dies und das und merke dabei, dass meine Gedanken beim Aussprechen oder schon beim Auftauchen im Kopf verwesen und auseinander fallen. Ich habe gleichzeitig die genau entgegengesetzte Meinung. Gedanken und Gefühle sind Schaum und Luft. Luft ist da, versucht man auf Luft zu blicken, blickt man auf Menschen, Bäume, Möbel. Blickt man auf klares Wasser, sieht man die Kiesel auf dem Grunde und vielleicht noch ein ungreifbares Blinken. Ich habe noch nie den Fanatismus und die Gewalt verstanden, von denen immer im Fernsehen gesprochen wird. Von Hass und Geilheit aufgerissene Augen in Pornos, im Krieg.
Erregtes von den Sitzen Aufspringen und hysterisches die Arme in die Luft Hochheben bei einem Länderspiel. Alles ist so wie es ist und es könnte auch ganz anders sein. Alles ist egal. Der Fernseher läuft. Das Leben läuft und lebt nicht. Eine Endlosschleife. Stimmen. Unzählige, kleine Geschichten. Ein Gewimmel von vorbei huschenden Gesichtern. Eduschokaffee. Barmer Ersatzkasse. Till Schweikart. Erinnere ich mich an die Gesichter und Banalitäten von vor vielen Jahren abgelaufenen Tagen, kann ich sie nicht mehr von den Plattitüden und Fernsehschimären von heute Vormittag unterscheiden.
Beige, hellbraun, grau. Ich werde einfach vergessen zu sterben oder ich werde meinen Tod nicht spüren und so mein Dasein für immer und ewig weiterführen.
Niemand sieht mich. Niemand beachtet mich. Niemand sieht die Luft. Man sieht durch sie hindurch.
Eines Tage wird es den Nachbarn auffallen, dass sie den unscheinbaren Herrn schon lange nicht mehr gesehen haben. Haben sie ihn denn jemals wahrgenommen? War er nur ihre Halluzination und hat hier nie gewohnt? Die Feuerwehr wird die Wohnungstüre aufbrechen. Niemand wird ihn finden und niemand wird wissen, wohin er gegangen sein könnte. Er wird sich noch in der Wohnung aufhalten.

© 2021 Michael Wiedorn
Alle Rechte vorbehalten